Hermann Korte: Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“ aus Peter Rühmkorf: Gedichte. Werke Bd. 1. –

 

 

 

 

PETER RÜHMKORF

Bleib erschütterbar und widersteh

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh!

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
– Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, daß die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.

Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh…
Wer geduckt steht, will auch andre biegen.
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar – doch wiedersteh.

Widersteht! im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,
leicht und jäh – – –
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh.

 

 

Appell und Selbstreflexion

I.
Rühmkorfs Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“ erschien 1977 in der Pawel Pan Press, einem kleinen Verlag, den der Grafiker und Bildhauer Sascha Juritz 1972 gegründet hatte. Juritz’ Ziel war, schmale Gedichtbände zu publizieren und diese mit seinen eigenen Original-Grafiken zu versehen. Ein solches Genre, eine Mixtur aus Künstlerbuch und Lyrikband, hatte in den 1970er Jahren bereits eine in die Nachkriegszeit zurückreichende Tradition. Ein herausragendes Beispiel dafür war Victor Otto Stomps’ Eremiten-Presse, die erst 2010 ihre Tätigkeit einstellte. Kleinverlage haben in der Lyrik-Geschichte nach 1945 ihren Platz, obgleich sie bis heute im literarischen Feld am äußersten Rand feuilletonistischer Aufmerksamkeitszonen existieren. Auch Juritz hatte in der Eremiten-Presse bildkünstlerische Arbeiten in Gedichtbänden veröffentlicht, bevor er seinen eigenen Kleinverlag aufmachte. Als er 1977 Originalgraphiken zusammen mit Gedichten Peter Rühmkorfs herausbrachte, erschienen im selben Jahr auch Wolfgang Weyrauchs „Zwei Litaneien“.1 Rühmkorfs schmaler Lyrikband – 14 Seiten mit zahlreichen Illustrationen von Juritz – hatte den Titel Phönix voran!2 ein Jahr später bereits kam bei ECM Records in München eine Schallplatte unter demselben Titel heraus.3
Die auditive Dimension, die Eignung des Gedichts für die Plattenaufnahme, ist ein erstes Indiz dafür, dass der Text kein Produkt der von Gottfried Benn so programmatisch eingeforderten modernen ,Leselyrik‘ darstellt, Rühmkorfs Gedicht ist vielmehr eine performative Seite eingeschrieben.4 So verwundert es nicht, dass zehn Jahre später, als Phönix voran! nunmehr bei Rowohlt erschien, erweitert auf 120 Seiten, eine Tonkassette beigelegt ist und neben Rühmkorf auch der Schriftsteller und Musiker Wolfgang Schlüter und der Jazzer Michael Naura zu den Autoren/Produzenten des Werks gehören,5 mit denen Rühmkorf öfter Lesereisen veranstaltete. Die Exklusivität des Kleinverlags hatte das Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“ schon früher verlassen: 1979 veröffentlichte Rühmkorf den Text im Gedichtband Haltbar bis 1996,6 von dem 1987 und 1996 weitere Auflagen erschienen. Schon 1982 war unter dem Titel Phönix voran! ein Auswahlband mit Rühmkorf-Gedichten in der DDR veröffentlicht worden, herausgegeben von Klaus Schuhmann.7
Die performative Seite des Gedichts kommt vor allem in den zahlreichen Appellen und Imperativen zum Ausdruck; schon der Titel hat Aufforderungscharakter und wirkt wie eine an irgendeine imaginäre Öffentlichkeit gerichtete Manifestation. Manche Warnverse, wie „Widersteh“ (V. 21), Imperative, wie „such sie dir“ – die „Genossen“ (V. 25), und Sentenzen, wie „Wer geduckt steht, will auch andre biegen“ (V. 16), wirken wie gemacht für Vortrag und Aufführung, für musikalische Begleitung und melodische Unterstützung. Und doch: Bei aller Nähe zu Musik und Jazz ist „Bleib erschütterbar und widersteh“ kein Protestsong und kein leicht memorierbares, sich bekannten Melodien mühelos anpassendes Gedicht, auch wenn sich durchaus Liedelemente, eingängige Metren (fast durchweg fünfhebige Trochäen), Kehrreime, direkte Anreden und appellative Verse finden lassen. Der Titel legt mit seinem doppelten Imperativ eine politische Lesart nahe und klingt sogar wie eine programmatische Formel, die einprägsam ist und im ersten Moment sehr verständlich zu sein scheint. Imperative, sogar als Buchtitel, sind bei Rühmkorf nichts Seltenes. „Komm raus!“ fordert der von Klaus Wagenbach herausgegebene Band Gesänge, Märchen, Kunststücke.8 Schon 1984 zitierte Rühmkorf sich selbst und fasste seine „Aufsätze, Reden, Selbstgespräche“ unter dem Buchtitel Bleib erschütterbar und widersteh zusammen.9 Es liegt daher nahe, das Gedicht mit Widerstand und Durchhalten in Verbindung zu bringen, mit solidarischer Einrede in einer Zeit der allgemeinen „Finsternis“ (V. 24), wo „Genossen“ (V. 25), die man sich freilich selber zu suchen hat, helfen könnten, „die Gefahr“ und „das Dunkel“ (V. 26) gemeinsam durchzustehen.
Forscht man weiter nach politischen Anspielungen, so findet sich auch ein Hinweis auf diejenigen, denen die Angesprochenen ,widerstehen‘ sollen; es sind die, „[d]ie uns Erde, Wasser, Luft versauen“ (V. 7) und deren technologische Phrase „Fortschritt marsch!“ (V. 8) ironisch zitiert wird. Genaueres über sie erfahren wir indes nicht; auch im nächsten Vers – „Ehe sie dich einvernehmen“ (V. 9) – gibt es kein klares Substituendum des pauschalen Personalpronomens „sie“. Nun kann politische Lyrik auf Spezifizierungen ihrer Themen und Bezüge vor allem dann verzichten, wenn der Gebrauchscharakter des Textes evident ist. Bei Brecht beispielsweise haben Wendungen wie ,die Herrschenden‘ oder Metaphern wie der ,Krieg der Klassen‘ nicht den Ruhm seiner politischen Gedichte geschmälert, zumal niemand bezweifelt, dass die lyrische Perspektive Brechts diejenige der Nicht-Herrschenden, also der Unterdrückten, ist und Brecht stets auf der richtigen Seite steht:

Uns ein Leben aufzubauen
Haben wir die Herrn vertrieben
Und auf unsere roten Fahnen
Hammer und Sichel stolz geschrieben.
Hammer und Sichel sind unser Werkzeug.
USSR! Was wir bauen, das hält!
Für die Unterdrückten aller Länder
Eine Festung in der Welt!
10

Nichts bedarf tieferer Analyse: Auf der einen Seite stehen „die Herren“, auf der anderen „die Unterdrückten aller Länder“; deren Symbole – die „roten Fahnen“, „Hammer und Sichel“ – sind klar benannt und stiften wie die durchgängige Wir-Perspektive eine ermutigende Identifikationsbasis, zu der die Maxime optimal passt:

Was wir bauen, das hält!

Der Titel „Bleib erschütterbar und widersteh“ habe als griffige Formel schon, wie Dirk von Petersdorff im Rühmkorf-Nachruf der Welt am 9. Juni 2008 schreibt, die Aura eines „klassischen Vers[es]“ und repräsentiere Rühmkorfs „schöne politische Gassenhauer“.11 Rühmkorf, heißt es in Petersdorffs Geschichte der deutschen Lyrik, „schrieb“ als „undogmatischer Sozialist, […] Brecht fort“,12 womit nun auch die hehre Tradition des politischen Gedichts für „Bleib erschütterbar und widersteh“ ruhigen Gewissens in Anspruch genommen werden kann. In seinem Reclam-Bändchen mit Rühmkorf-Gedichten hat Petersdorff den Text dann auch unter die politische Lyrik subsumiert.13 Aber er ist nicht der einzige, der die offensichtliche Nähe zum politischen Gedicht herstellt. In seinem Buch Gedichte im Gedächtnis? rubriziert Klaus Berg Rühmkorfs Text unter das Etikett „,Stachel im Bewusstsein‘“, stellt ihn in eine Reihe mit Brechts „Kälbermarsch“14 und meint, diese „Beispiele gesellschaftskritischer Lyrik brauchen keinen Kommentar“.15
Für Brechts „Kälbermarsch“ und dessen Ironisierung des nationalsozialistischen ,Horst-Wessel-Liedes‘ („Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen“) sowie für Brechts „Hammer- und Sichel-Lied“ mögen tiefere Interpretationsschritte nicht unbedingt notwendig sein, vor allem nicht in dem zeitgenössischen Kontext, dem sie entstammten und in dem sie sich verbrauchten: die 1930er Jahre. Aber wie steht es mit den Eingangsversen des Rühmkorf-Gedichts; sind sie so eingängig gemacht und so mühelos nachzusingen wie Brechts berühmte Lieder?

 

II.

Widersteht! im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen
teilst das Dunkel
[…]

 

(V. 21–25).

Schon der fünfhebige Trochäus unterstützt nicht unbedingt die melodiöse Eingängigkeit der Verse; auch sind jene „im Siegen Ungeübte“ in ihrer Referenz-Beziehung nicht so leicht wie Brechts „Herren“ auf der einen und die „Unterdrückten aller Länder“ auf der anderen Seite zu bestimmen; und dasselbe gilt für die „Genossen“, die keineswegs als Partei oder Bewegung bereit stehen: Wer sollen die „Genossen“ bei Rühmkorf sein, wer soll dazu gehören, wenn man sie selber zu ,suchen‘ hat und sie nicht schon mit ihren Fahnen und anderen Symbolen auf einen warten? Es sind Zweifel erlaubt, Rühmkorfs Gedicht demselben Genre zuzurechnen wie das „Hammer- und Sichel-Lied“ und den „Kälbermarsch“.
Rühmkorfs Text fordert – so die These dieses Beitrags – eine Kommentierung heraus und ist ohne eingehende, geduldige Lektüre gar nicht zu verstehen. Ausgangspunkt ist daher ein interpretatives Verfahren, das keineswegs neu und spektakulär ist und das sich pragmatisch als eine Form des ,verzögerten‘, genaueren Lesens umschreiben lässt. Zur Diskussion stehen die Versstruktur, die Lexik des Gedichts, die komplexe Metaphorik und die Ambiguität der Bilder, die Semantik des markanten Titels, schließlich auch der intertextuelle Dialog, der im Gedichtband Haltbar bis 1999 den Text in einen Zusammenhang mit anderen des ersten Zyklus „Von mir – zu euch – für uns“16 bringt und manches näher erklären könnte, was zunächst am Gedicht selbst unklar ist.
Und unklar, ja rätselhaft und vieldeutig ist bei näherer Betrachtung manches am Gedicht „Bleib erschütterbar und widersteh“. Schon der Titel erzeugt auf vertrackte Weise Verständnisschwierigkeiten. Die Problemstellung beginnt schon beim Versuch, das imperativische Wort „widersteh“ als Synonym für die Aufforderung zum Widerstand zu lesen. Brechts „Kälbermarsch“ lässt sich als ein sarkastisch-ironisches Widerstandsgedicht gegen die NS-Strategie der plumpen Vereinnahmung der Massen verstehen. Die Gegnerschaft ist offensichtlich. Bei Rühmkorf ist die Ausgangssituation wesentlich unklarer. Wem soll ,widerstanden‘ werden, wogegen richtet sich der Widerstand? Ruft der Text dazu auf, beharrlich und mutig zu widerstehen, dann wäre es doch naheliegender, wenn der Eingangsvers „Bleib unerschütterbar und widersteh“, heißen würde: widerstehen – mutig und kämpferisch, beharrlich und fest. Von Mut und Festigkeit ist freilich schon in der ersten Strophe nirgends die Rede:

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet;
Bleibt erschütterbar – doch widersteh.

Rühmkorf eröffnet mit der vagen umgangssprachlichen Rede von den „Durchgedrehten“ ein breites assoziatives Feld. Das Wortspiel von den „Umgehetzten“ potenziert die semantische Ambiguität noch, indem es an ,Herumgehetzte‘ – in der Bedeutung von ,Getrieben werden‘ –, aber auch an durch Hetze zu veränderten Anschauungen und Haltungen gebrachte Individuen erinnert. Zugleich ist geduldiger Zuspruch, den „Durchgedreht[e], Umgehetzt[e]“ vielleicht dringender benötigen, gerade nicht die Position des Ich-Sprechers, der eher unmissverständlich und mit dem Gestus, nicht noch ein weiteres Mal sich zu wiederholen, den Text mit dem Vers „Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten“ (V. 1) beginnt, um dann die Losung „Bleib erschütterbar – doch widersteh“ (V. 6) im raschen Verstempo anzuschließen.
Wäre das Gedicht ein Aufruf zum Widerstand, stellte sich auch die Frage sofort, wer denn die Gegner sind, denen widerstanden werden soll. Sie sind in der ersten Strophe nicht zu benennen; und auch im weiteren Textverlauf lassen sich allenfalls Wendungen wie „Die uns Erde, Wasser, Luft versauen“ (V. 7) als Bezugsgrößen anführen – vage genug, denn hier sind Konzerne, Regierungen, Staaten, Industrien im globalen Sinn anzuführen. Für ein politisches Widerstandsgedicht wäre eine derart allgemeine Formel aber eine Chiffre für reichlich anonyme Gegner und für diffuse, nicht konkret fassbare Mächte.
Und auch diejenigen, an die sich der Ich-Sprecher offenbar richtet, sind in der ersten Strophe nur pauschal genannt; sie heißen schlicht die „Durchgedrehten, Umgehetzten“ (V. 2). Ihnen spricht der den Titel bestimmende Kehrreim „Bleib erschütterbar und widersteh“ zu, – wo doch gerade, wenn das Ganze eine Aufforderung zum Widerstand sein soll, die „Durchgedrehten“ eher eine Ermunterung im Sinne von ,beharrlich bleiben‘, ,standhaft sein‘ verdienten. Ausdrücklich aber heißt der Kehrreim „Bleib erschütterbar“ und akzentuiert so alles andere als Beharrung und Festigkeit, die doch herausgehobene Eigenschaften eines schon ins Wanken geratenen Widerstands sein sollten.
Solche Widersprüche sind nicht zu glätten, sondern gehören, auf der Basis der ersten Strophe formuliert, zur poetischen Struktur des Gedichts. Nichts ist eindeutig für einen unmittelbaren politisch-gesellschaftlichen Verwendungszweck gemacht, nichts zielt auf eine rasche Instrumentalisierung als Protest- und Kampflied. Sogar die Titelformel „Bleib erschütterbar und widersteh“, die dem Gedicht bis heute seine ambivalente Resonanz als politisches Widerstandslied gesichert hat, hat im Text selbst keinen bloßen Kehrreimcharakter. So wiederholt schon in der ersten Strophe der Schlussvers „Bleib erschütterbar – doch widersteh“ (V. 6) die Titelformel nicht Wort für Wort, sondern stellt im Gegenteil „erschütterbar“ und „widersteh“, verbunden mit „doch“, gegeneinander, und zwar wohl nicht zufällig, weil auch die dritte Strophe mit „Bleib erschütterbar – doch widersteh“ (V. 20) abschließt, während die Schlussverse der zweiten (V. 12) und vierten Strophe (V. 29) der Überschrift folgen, freilich in gewisser Spannung zueinander belassen, weil ein Gedankenstrich die beiden Formelelemente trennt: „Bleib erschütterbar – und widersteh“. Wer das Gedicht verstehen will, handelt sich eine trügerische Vereinfachung ein, wenn er die im Text in den beiden Kehrreim-Varianten manifeste Spannung auflöst, also nur den Titel „Bleib erschütterbar und widersteh“ zitiert und die entgegengesetzte Wendung „Bleib erschütterbar – doch widersteh“ ausspart.
Eindeutigkeit ist nicht das Fundament des Gedichts; es lässt vielmehr einen so breiten Spielraum zur Deutung, dass es einen wichtigen Grundsatz politischer Gebrauchslyrik seit dem Vormärz nicht realisiert: appellative Klarheit und greifbare Tendenz. Als vorläufiges Fazit ist festzuhalten, dass einiges im Gedicht eine vorschnelle Deutung des Ganzen als programmatischen Aufruf zum Widerstand irritiert. Zu fragen ist daher, ob das Wort ,widerstehen‘ bei Rühmkorf noch eine andere Bedeutung hat. Widerstehen kann man auch einer Gefahr, einer Versuchung, einer naheliegenden Verlockung, selbstverständlich auch einer von Furcht und Angst provozierten Bedrohung. In der ersten Strophe spricht einiges dafür, den Imperativ „widersteh“ nicht offensiv oder kämpferisch aufzufassen. Rühmkorf erhöht allerdings die Vieldeutigkeit in den nächsten Versen. Worauf nämlich bezieht sich das pronominale „was“ im dritten Vers? Wenn es ein direkter Anschluss an die „Durchgedrehten, Umgehetzten“ wäre, müsste es vielleicht ,die‘ heißen: „Allen“, die „ich kaum erhoben, wanken seh“ (V. 3). Relativ sicher erscheint nur, dass das Motiv des Wankens die im Gestus des Widerstehens enthaltene defensive Seite verstärkt; entsprechend klingt auch der Appell:

Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh!

 

(V. 5f.).

Wer eigentlich – die Antwort auf diese Frage steht noch aus – sind die Angesprochenen, denen der Appell gilt? Es findet sich keine Widerstandsgruppe, denen hier etwas eingeredet werden soll, schon gar keine Gemeinschaft, wie überhaupt der Autor das für politische Gedichte so typische Pronomen ,wir‘ im gesamten Gedicht nur einziges Mail verwendet: „Die uns Erde; Wasser, Luft versauen“ (V. 7), sonst aber sorgfältig vermeidet. Auch der appellative Kehrreim ist im Singular gehalten, gilt dem einzelnen, nicht einem imaginären Kollektiv – mit eben einer Ausnahme in der Aufforderung „ Widersteht“ (V. 21). Auf solche Widersprüche stößt man im Übrigen in vielen RühmkorfGedichten, und sie sind offenbar sehr gewollt.17 Schon 1969 hatte Rühmkorf in seinem Essay „Was soll ein Gedicht?“ auf die Aporien von Versen hingewiesen, die im „Bewußtsein von der Ohnmacht des Gesanges“ geschrieben sind:

Das stete Bewußtsein von der Ohnmacht des Gesanges, es sollte jetzt gerade dort zu finden sein, wo eben noch von Aussichten und Möglichkeiten die Rede war? Das provozierende Gedicht sollte zugleich das resignierende sein? Die streitbare Strophe für Anfechtungen geradezu wesensmäßig prädestiniert?18

 

III.
Auch in „Bleib erschütterbar und widersteh“ bleibt manches widersprüchlich. Das Gedicht klingt so, als solle es Rezipienten motivieren, sich hinter die Losung des Titels zu stellen und sie in Handlung umzusetzen; aber wer eigentlich angesprochen wird, bleibt offen, es sei denn, die Rezipienten würden sich zu den „Durchgedrehten“ und „Umgehetzten“ rechnen. Sich in diesen wiederzuerkennen, wäre ein schmerzlicher Prozess; das Gedicht, wie die zweite Strophe zeigt, erspart indes die Einsicht in diesen Prozess nicht:

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
– Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, daß die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.

Die zweite Strophe beginnt mit Sarkasmus und Hohn; sie lässt zumindest im konturenhaften Umriss diejenigen erkennen, von denen sich der Ich-Sprecher deutlich abgrenzt und deren Leitmaxime „Fortschritt marsch!“ (V. 8) er in der Alliteration „mit Gas und Gottvertrauen“ (ebd.) ebenfalls ironisiert. Sind diese Mächte auch diejenigen, die in den folgenden Versen unter das ohne Bezugswort bleibende Pronomen „sie“ zu subsumieren sind:

Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde

 

(9f.)?

Erwartungsgemäß gibt das Gedicht auch hier keine klare Antwort, sondern bleibt auf der Ebene vager Andeutungen, die allerdings ein breites Assoziationsfeld öffnen. Schon die Wendung „dich einvernehmen“ ließe einerseits an Verhör-Situationen denken, andererseits aber auch als Versuche der Vereinnahmung für Weltanschauungen, Standpunkte und Haltungen. Beide Assoziationen ließen sich auch zusammenführen und verweisen, so verstanden, auf die Metapher vom „Strudel“, einem – gefahrvollen – Wirbel, der das Individuum hinabziehen oder aber einen Wandel bewirken kann, den eine weitere Metapher („schon im Solde“) andeutet. Die „Strudel“-Metapher korrespondiert mit dem Bild der Bewegung, das schon in der ersten Strophe anklang:

was ich, kaum erhoben, wanken seh

 

(V. 3).

Nimmt man den Sarkasmus des drastischen, vulgären Bildes „wartend, daß die Kotze sich vergolde“ (V. 11) hinzu, dann akzentuieren Rühmkorfs Verse und Metaphern die Gefahr der Anpassung, die eine Belohnung, einen „Sold“, einbringt, sogar so weit gehend, „daß die Kotze sich vergolde“. Die Strophe malt die Vorstellung der Vereinnahmung also im Sinne einer Entscheidung aus, die auf ein einvernehmliches Verhältnis der „Fortschritt marsch!“-Fraktion mit dem ,Du‘ hinausläuft, dem das Gedicht dann „Bleib erschütterbar – und widersteh“ (V. 13) zuruft. Der Appell zu ,widerstehen‘ gilt in dieser Strophe primär den Verlockungen einer angepassten Haltung. Vorschnell jedoch sollte Rühmkorfs Text nicht auf diese eine Lesart der Leitformel „widersteh“ festgelegt werden.

 

IV.
Die dritte Strophe nimmt das Bild vom „Strudel“ in der Bedeutung von Gefahr und Gefährdung wieder auf:

Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh…
Wer geduckt steht, will auch andre biegen.
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
Alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar,
Bleib erschütterbar – doch widersteh.

Schon der erste Vers kommentiert das Einvernehmen mit spöttischer Ironie, die durch das antikisierende Pathos der Wendung „wie sich die Sterblichen berühren“ (V. 13) noch verstärkt wird. Das Einvernehmen ist schon zu Ende; der nächste Vers lässt daran keinen Zweifel: „Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren“ (V. 14). Nun kommt eine andere Bedeutung von ,widerstehen‘ ins Bild: der Gefahr, der Macht, der Gewalt nicht zu weichen, auch wenn die „Knüppel“ – ein pars pro toto für Handlungsmittel der Autoritäten – dafür sorgen könnten, „daß der Liebe gleich der Mut vergeh“ (V. 15). Daran schließt sich eine Sentenz an, die wie eine Maxime, ein Spruch klingt: „Wer geduckt steht, will auch andre biegen“ (V. 16). Die kritische Erkenntnis des Verses gilt all denen, die zwar nicht angepasst sind und sich „die Kotze“ ,vergolden‘ lassen, aber die zurückgewichen sind, die, um im Bild zu bleiben, „geduckt stehn“ und die der Ich-Sprecher nun ermutigt durch die wiederum leicht abgewandelte Schlussformel „Bleib erschütterbar – doch widersteh.“ (V. 20)
War in den ersten beiden Strophen noch offen, worauf sich die Wendung „Bleib erschütterbar“ bezieht und was sie bedeutet, so gibt die dritte Strophe ein paar Andeutungen mehr frei. Der Spruch „Wer geduckt steht, will auch andere biegen“ suggeriert kein Ideal des unerschrockenen, mutigen Kämpfers, niemanden also, der sich nicht ,erschüttern‘ lässt, obwohl im Verweis auf das ,Biegen Wollen‘ ein kritischer Vorbehalt durchscheint. In der dritten Strophe wird im Unterschied zu den ersten zwei die Formel „Bleib erschütterbar“ zweimal gebraucht, so dass sie noch eindringlicher wirkt. Die Wiederholung macht deutlich, dass die Antwort auf die Sentenz und ihre markante Spruchweisheit nicht unerschütterlicher Mut und nicht erschütterbare Tapferkeit ist, sondern gerade umgekehrt der in der Formel „Bleib erschütterbar“ verborgene, vieldeutige Sinn.
Auch hier konkretisiert Rühmkorf den politischen bzw. gesellschaftskritischen Bezugsrahmen der Strophe nicht; das Gedicht wechselt selbst dort, wo es Verse wie „Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren“ (V. 14) und „Wer geduckt steht, will auch andre biegen“ (V. 16) verwendet, nicht in den Code politisch leicht dechiffrierbarer Gebrauchslyrik über. Paradoxer Weise verhindert das eindringliche „Bleib erschütterbar“ das Umschlagen der Reflexionsebene des Gedichts in einen politischen Kampfappell. Es bekennt sich zur subjektiven Haltung, zur Sensibilität für Situationen, Ereignisse und Haltungen – das Gedicht lässt die Realitätsreferenz bewusst offen –. Die Fähigkeit, sich „erschütterbar“ zu zeigen, schließt dabei sogar die schlimmste Erwartung mit ein, die Erwartung, „alles, was gefürchtet wird, wird wahr“ (V. 18).

 

V.
Wer „erschütterbar“ bleibt, kann nicht ohne weiteres taktieren oder „im Strudel“ navigieren oder sich im Ducken bedeckt halten und riskiert dabei selbstverständlich, in Gefahr zu geraten. Darauf geht die vierte und letzte Strophe näher ein:

Widersteht! Im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
Aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr, leicht und jäh –  – –
Bleibt erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh.

Am Schluss des Gedichts wird vollends deutlich, dass es bei Rühmkorf keine substanziellen Hoffnungen auf bessere Zeiten gibt, nicht einmal Aussichten darauf, dass die Losung „Bleib erschütterbar – und widersteh“ Erfolg verspricht. Nur einmal, im Vers „Widersteht! Im Siegen Ungeübte“ (V. 21) kommt einen Moment lang eine etwas optimistischere Perspektive auf ( es fällt das Wort „[s]iegen“!), bevor sogleich im Odysseus-Motiv das ausweglose Changieren zwischen „Scylla hier und dort Charybde“ (V. 22) den Optimismus wieder ins Gegenteil verkehrt. Dass der griechische Held zuletzt sein ersehntes Ziel, die Rückkehr nach Ithaka, erreichte, bleibt im Gedicht unerwähnt. Stattdessen ist von „Finsternis“ (V. 24), „Dunkel“ und „Gefahr“ (V. 26) die Rede. Nur noch eine weitere Anspielung auf Odysseus gibt es: die Anspielung auf die Gefährten, die „Genossen“ (V. 25), die der Grieche freilich allesamt vor der Ankunft in der Heimat verlor.
Die Vieldeutigkeit der Bildebene wird im Odysseus-Motiv nicht relativiert oder ins politische Feld transformiert, sondern verstärkt sogar noch die Komplexität der Bildverschränkungen. Der Schlussteil des Gedichts bietet also keine Auflösung der anspielungsreichen Verse, indem die Referenzstruktur des Textes einen Bezug auf bestimmte Ereignisse und politisch-gesellschaftliche Konflikte nationaler oder internationaler Art andeutet. So bleibt bis zuletzt das einzig Klare des Ganzen das Insistieren auf den Kehrreim „Bleib erschütterbar und widersteh“, während der situative Kontext des eindringlichen Appells nicht näher fassbar ist. Der „Wechselkurs der Odyssee“ (V. 23) lässt keine heiteren Aussichten zu, so dass – wie in der dritten Strophe – die Aufforderung „Bleib erschütterbar“ noch einmal wiederholt wird. Keine gute Botschaft daher für die „Durchgedrehten, Umgehetzten“ (V. 2) und auch nicht für die im „Strudel“, die Geduckten, die „im Solde“, die „im Siegen Ungeübte[n]“ und die zwischen den legendären, übermächtigen Ungeheuern dahin Schwankenden! Angesichts der trüben Aussicht „Finsternis kommt reichlich nachgeflossen“ (V. 24) mag die Ankündigung von „Genossen“ (V. 25.) – solchen, die man selber suchen muss – kein echter Trost sein; denn das einzige, was sich verändert, wird im Text benannt:

aber du […]
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,
leicht und jäh

 

(V. 25ff.).

Dann bricht, angedeutet durch drei Gedankenstriche (V. 27), der Ich-Sprecher seine Reflexionen und auch seine An- und Einreden ab und wiederholt, ein letztes Mal leicht variiert, seine beschwörende Formel:

Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh

 

(V. 28f.).

Im Zusammenhang mit dem Odysseus-Motiv der Schlussstrophe gelesen, greift der Text ein Handlungselement des Homerischen Odysseus auf: sich nicht zu unterwerfen und noch dort, wo es aussichtslos erscheint, schmerzhaft, leidvoll und duldend in „Finsternis“ (V. 24) und „Gefahr“ (V. 26) dem Versuch zu widerstehen, unterwürfig zu werden. Freilich: Odysseus war keiner der „im Siegen Ungeübte[n]“ (V. 21), so dass er nicht ohne weiteres als beispielhafte mythologische Orientierungsfigur der Rühmkorfschen Verse gelten kann. Allerdings blieb er durchaus „erschütterbar“ und kalkulierte beispielsweise die hochemotionale Reaktion auf schönen Sirenengesang ebenso wie die Warnung Kirkes vor der existenziellen Angst, welche die Seeungeheuer Scylla und Charybdis bei Seefahrern bewirken. Geduld und Sensibilität jedenfalls kennzeichneten den leidenden ,Dulder‘ Odysseus mehr als bloße Kraft und situationsangemessene List – bei gleichzeitiger Einsicht in die Wahrheit des Satzes „alles, was gefürchtet wird, wird wahr“ (V. 18).
Das Moment der Erschütterbarkeit wird, den Titel mitgerechnet, siebenmal im Gedicht wie eine programmatische Formel erwähnt und bildet damit eine wichtige Grundlage des Kehrreims. Als Antonym zu Unerschütterlichkeit und Beharrung gelesen, umschreibt das leitmotivische „Bleib erschütterbar“ eine bewusst subjektive Dimension: etwas Feinfühliges, Empfindsames, Sensitives, Erregbares, zugleich auch leicht Verletzbares, Empfindliches, durchaus Mimosenhaftes und Zartfühlendes. Ohne solche Erschütterbarkeit kein Widerstehen! Im Unterschied zum appellativen Genre der politischen Gebrauchslyrik, die ihren Kollektiven ein zielgerichtetes, kampferfülltes, auf unerschütterlicher Kraft beruhendes, identitätsförderndes Wir-Gefühl vermitteln will – „Was wir bauen, das hält!“ (Brecht) –, setzt Rühmkorf einen deutlich anderen Akzent. Es ist der ,subjektive Faktor‘, der in der Erschütterbarkeit dominiert und erst in zweiter Linie ein kollektives „Widersteht!“ (V. 21) bewirkt.
Von hier aus lässt sich im Rekurs auf den Ich-Sprecher des Gedichts das Reflexionszentrum des Ganzen eingehender untersuchen. In Brechts „Hammer- und Sichellied“ schritt die Sprecher-Instanz im Kollektiv mit, und zwar vorn in der ersten Reihe, den Ton, die Richtung und den Takt – vierhebigen Marsch-Trochäus – vorgebend. Anders bei Rühmkorf. Schon die Varianten der stets etwas veränderten Kehrreime deuten an, dass hier keine die politische Botschaften einhämmernde Lied-Strategie vorliegt. Das Ich des Gedichts problematisiert das Vorwärts gehen ebenso wie das taktierende Hinhalten oder die Anpassung. Es nimmt Widersprüche und Aporien wahr – etwa im Bild vom „Strudel“ – und vertraut darauf, dass die Rezipienten sich der aus Sprachwitz, komplexen Metaphern, ironischen Wendungen, Sarkasmen und offenen Anspielungen erzeugten Vieldeutigkeit des Gedichts stellen mögen: so wie die Ich-Instanz sich selbst in den Reflexionshorizont des Textes aufnimmt und damit die Perspektive von außen nach innen wendet – eine Wendung hin zum ,erschütterbaren‘ Ich.

 

VI.
In der literaturwissenschaftlichen Rezeption Rühmkorfs,19 die mit nachvollziehbaren Argumenten und entsprechenden poetologischen Selbstaussagen des Autors den Nachkriegslyriker zwischen Brecht und Benn zu positionieren versucht, wird ein solches sensitives, empfindliches Ich häufig der Seite Gottfried Benns zugeordnet, während das Gedicht als Appell-Manifestation mit der Aufforderung „Bleib erschütterbar und widersteh“ der Seite Bert Brechts zugeschlagen wird. Rühmkorf hat, wie Heinz Ludwig Arnold in einem sehr fundierten Porträt erläutert, diese Brecht-Benn-Dichotomie nicht als Gegensatz verstanden; Arnold zitiert eine der wichtigen Selbstkommentierungen Rühmkorfs:20

Ich glaube, und das ist etwas wirklich Verwunderliches, was nicht nur mich betrifft, daß man emotional und gehirnlich von zwei so unterschiedlichen Typen affiziert oder emotionalisiert sein kann. In diesem Fall haben wir in der deutschen Sprachkunst das eigenartige Phänomen, daß zwei solche Polbilder wie Benn und Brecht in unserem Traditionskatalog stehen. Benn: der Ausdruck des einsamen Ich. Bertolt Brecht: die Mitteilung an die Genossen, an die Freunde, an die Gesellschaft, an die Masse – der Appell auch an die Masse. Und beides hat sich für mich auf eine seltsame Art amalgamiert. Das kann man sogar an Gedichtzeilen und zumal an Titeln überprüfen, daß auch meine Gedichte zum Teil, selbst wenn es introvertierte, nach innen gewandte Gedichte sind, doch den Appell nach außen haben und dann sagen: „Bleib erschütterbar und widersteh“, „Komm heraus“ und „Phönix voran“.

Was Rühmkorf beschreibt, ist nicht die Konstatierung von unüberwindbaren Widersprüchen oder gar von Etikettierungen einer zweigeteilten Dichtung, sondern umgekehrt das Bekenntnis zur merkwürdigen Einheit der beiden „Polbilder“ aus dem deutschen „Traditionskatalog“ der lyrischen Moderne. Daher ist auch die Frage erlaubt, ob nicht in dem vom Autor wie ein Programmgedicht zitierten Text „Bleib erschütterbar doch widersteh“ nicht auch eine „introvertierte“, „nach innen gewandte“ Dimension zu beobachten ist. Dann ließen sich nicht nur die Titelzeile, sondern viele Verse des Gedichts als poetologische Selbstreflexion und als eine Form der kritischen Selbstermunterung, der eigenen poetisch-politischen Erschütterbarkeit, welche die Prämisse ist für alle, die im Vers „Widersteht! im Siegen Ungeübte“ (V. 21) sich angesprochen fühlen. Wem, wenn nicht dem Dichter selbst, gilt die Formel „Bleib erschütterbar“, weil er weder taktieren, noch „im Solde“ stehen oder gar sich, das drastische Bild aufgegriffen, „die Kotze“ ,vergolden‘ lassen kann? Für ihn sind die Verse „Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen; / alles, was gefürchtet wird, wird wahr“ (V. 18f.) Teil seiner Existenz – wie überhaupt das häufige ,Du‘ des Gedichts auch eine Variante des poetischen Monologisierens sein kann, wie es in der Lyrik Benns zu beobachten ist.21
Ein weiteres Argument für den poetologischen Selbstbezug des Gedichts „Bleib erschütterbar und widersteh“ ist der intertextuelle Zusammenhang im ersten; „Von mir – zu euch – für uns“ genannten Zyklus im Lyrikband Haltbar bis Ende 1999.22 Der Abschnitt beginnt mit dem selbstironischen, ein paar Monate nach „Bleib erschütterbar…“ entstandenen Gedicht „Selbstporträt“,23 dessen Eingangsverse mit einem paradoxen Monolog-Dialog-Spiel beginnen:

Wie ich höre, hast du lange nicht von dir selbst gesungen, Onkelchen?!

Der forcierte ironische Duktus ist allerdings auch auf die Adressaten, die Rühmkorf-Gemeinde, gemünzt, wenn es heißt:

Mit der Arbeiterklasse hängt ihr
doch auch nur noch übers Weltall zusammen
(Ein Medium von höchster kommunikativer Kompetenz)
Ihr atmet die gleiche Luft –
mehr ist bald nicht.

Auch die folgenden Gedichte sind Mixturen von Selbst- und Außenadressierungen, beispielsweise – schon im Titel – „Tagebuch“24, „Von mir – zu euch – für uns25 und „Komm raus!“,26 ein Gedicht, das nach außen hin mit dem Vers „Komm raus aus deiner Eber-Einzelbucht“ zunächst andere, dann aber auch den kulturproduzierenden Ich-Sprecher, den Poeten selbst, einbezieht:

Unbeugsam reflektierst du dich
an der Schreibtischkante –
(eisern nach innen blickend, ein Vesuv mit geschlossenen Augen)
Komm raus aus deinem handversiegelten Hockergrab!
Auch Kultur
ist nur eine unmaßgebliche Selbstbehauptung.
Eine Schlacht im Sitzen gewinnen:
schön wär’s!

Allerdings bekräftigt die Überschrift des gesamten Zyklus, „Von mir – zu euch – für uns“, die performative Seite der dazu gehörigen Texte. Sie suggerieren Mündlichkeit und direkten Kontakt zwischen dem Ich-Sprecher und den Rezipienten. So sind die Gedichte voller salopper, umgangssprachlicher, manchmal bewusst schnoddriger Anreden, wie „Aber, Kinder, das ist doch irgendwas mit der Perspektive los!“,27 „Ichweiß – ichweiß, man soll den Sozialismus nie völlig verloren geben“28 und „Los, laß mich schon an deiner Luft mitziehn“.29 Hinzu kommen Wendungen wie „Richtig, ich red von mir, / zu euch, / für uns30 und Gedichte wie „Allegro doloroso molto cantabile“,31 die nach bekannten Melodien – in diesem Fall nach dem bekannten Kirchenlied „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt – gesungen werden können.
Allen Gedichten des Zyklus ist jedoch die Spannung zwischen poetischer Selbstreflexion und appellierender Manifestation eigen; als Schlussgedicht des Abschnitts kulminiert die komplexe Verknüpfung der Selbstansprache mit der Wendung nach außen in der (im Singular gehaltenen) Leitformel des Titels „Bleib erschütterbar und widersteh“. Es ist daher legitim, auch die Rückwendung des Gedichts zum Autor im Text nachzuspüren und ihn einschließlich der markanten Titelmaxime als Selbstverständigungsgedicht zu lesen. Eine solche Deutung hat im Übrigen nicht bloß eine allgemeine Reflexionsebene, sondern auch eine recht konkrete. So gibt es beispielsweise zum Vers „Ehe sie dich einvernehmen, eh / du im Strudel bist und schon im Solde“ (V. 9f.) einen Rühmkorfschen Referenz-Bezug. Er gilt Schriftstellern, die sich durch staatliche und kulturpolitisch gesteuerte Preisvergaben fast „schon im Solde“ stehen, ehe sie die kulturelle Preispolitik durchschaut haben. So findet sich in einem Brief Rühmkorfs von 2002 folgende Notiz:

Lit.-Preise schon seit den späten Fuffzigern bevorzugt an DDR-Autoren verliehen als potentielle Überlaufprämien. Alles nachzulesen in meinem Aufsatzband „Bleib erschütterbar und widersteh“, (Rowohlt, 1984). Eigener Aufsatzband mit besagter Abhandlung in DDR storniert wg. Formulierung: „Kehrte der Reglementierrepublik den Rücken, um die Prämienrepublik zu erreichen“.32

Auf jeden Fall könnte das kulturpolitische Preis-Wesen (nicht allein das der ehemaligen DDR!) ein Beispiel sein für die ,Vergoldung‘ schriftstellerischer Anpassungsversuche – einschließlich des Versuchs, diesem „Solde“ (V. 10) zu widerstehen!
Auch Rühmkorf wurde in der „Prämienrepublik“ vielfach geehrt; Gedichte wie „Bleib erschütterbar und widersteh“ erreichten eine solche Bekanntheit, dass sie wie ermutigende Spruchweisheiten zitiert wurden. Vor allem wenn sich Verse und Titel aus ihrem textuellen Zusammenhang lösen, ist dies ein klares Zeichen für eine Kanonisierung, wie sie für viele Klassiker-Zitate, die in allen möglichen lebensweltlichen Kontexten zitiert werden, bis heute gilt. Das Internet bietet eine Möglichkeit, solche Zitationsrituale zu überprüfen. In Hella Streichers Höhere Welten. Ein deutscher Alltagsroman bemerkt die Erzählerin:

Der Sandstrand und das Wasser, wir dazwischen, auf den Steinplatten in Richtung Westen trabend, wo sich Wolkenballen vor die Sonne schoben. Hier irgendwo muß Peter Rühmkorf wohnen, dachte ich, bleib erschütterbar und widersteh. Am anderen Ufer das Lotsenhaus.33

Für Rühmkorfs „Bleib erschütterbar und widersteh“ wird man auch an anderen Stellen im Netz schnell fündig. So endet ein Aufsatz zum Thema „Kinderschutz als Dialog – dem Aufgeben widerstehen“ mit dem Schlusssatz:

„Bleib erschütterbar und widersteh“ heißt ein Gedicht von Peter Rühmkorf. Diese Überschrift könnte auch die Herausforderungen an die Sozialarbeit heute kennzeichnen.34

Rühmkorfs Titelvers auf dem Weg zum programmatischen Motto in allen Lebenslagen: Ein weiteres aussagekräftiges Kanonisierungsbeispiel erwähnen die Psychologen Rode und Jacobs und kommentieren den Zitat-Zusammenhang:

Im November 1995 hielt Herbert Maisch in Frankfurt/M. bei der Mitgliederversammlung der Rechtspsychologen des Berufsverbandes Deutscher Psychologen einen eindrucksvollen Vortrag mit dem Titel: „Bleib erschütterbar und widersteh! – Die Einsamkeit des Sachverständigen im Strafprozess.“ Diese Überschrift charakterisiert auch das Verhalten und Befinden des Sachverständigen Maisch in zahlreichen kontroversen Prozessen, in denen er als Gutachter tätig war.35

Rühmkorfs Titelvers ist auf dem Wege – abgelöst vom Gedichtkontext und selbstverständlich auch von der selbstreflektierenden Dimension des Textes – eine Art Spruch für spezielle Alltagssituationen zu werden. So ist es nicht verwunderlich, dass ein paar Rühmkorf-Verse mit dem charakteristischen Titel-Appell auch in einem Lebensratgeber auftauchen, in Anselm Grüns Das kleine Buch vom guten Leben:

Mutig ist derjenige, der tapfer für etwas kämpft, der sich nicht von anderen bestimmen lässt, sondern seine innere Haltung durchhält. In diesem Sinne ist in Peter Rühmkorfs Gedicht von Mut die Rede: „Wer geduckt steht, will auch andre biegen… / Alles, was gefürchtet wird, wird wahr!… / Bleib erschütterbar! / Bleib erschütterbar – und widersteh.“ Der Mutige lässt sich von anderen erschüttern: Er ist bereit, sich auf sie einzulassen.36

Der Preis vieler Klassiker-Zitate sind ungenaue Wiedergaben, wie in diesem Beispiel paradigmatisch illustriert, und Deutungen, die eigenen Intentionen folgen und den Text entsprechend zurechtbiegen. So fehlt bei Rühmkorf auffällig der „Mutige“, dafür ist schon zu Beginn von „Durchgedrehten, Umgehetzten“ die Rede. Und auch in der zitierten Strophe steht „doch widersteh“ (V. 20), nicht aber „und widersteh“, wie im Lebensratgeber.
Philologische Randglossen allerdings sind kaum angebracht: Die Wirkung von Texten, bis hin zu ihrer alltagssituativen Memorierung und Manifestierung in unterschiedlichsten Redekontexten, ist zum Glück kein planbarer oder gar sprach- und textpolizeilich kontrollierter Diskurs-Akt. Eher gilt es, literaturwissenschaftlich die Bekanntheit des Titelverses als einen nachdrücklichen Wirkungserfolg zu registrieren und anzuerkennen. Nur wenige Nachkriegslyriker haben einen derartigen Kanonisierungsgrad erreicht, dass sie von hoch reflektierten Strafprozess-Gutachtern wie von Lebenshilfe-Büchern gleichermaßen zitiert werden. Zumindest aber ist ein Beweis klar erbracht: „Bleib erschütterbar und widersteh“, einem größeren Publikum im Gedichtband Haltbar bis 1999 vorgestellt, hat dieses Haltbarkeitsdatum schon deutlich überschritten und ist, wie man sieht, mit Erfolg auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.

Hermann Korte, aus Rüdiger Zymner, Hans-Edwin Friedrich (Hrsg.): Gedichte von Peter Rühmkorf. Interpretationen, mentis Verlag, 2015

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