RAINER MARIA RILKE
Der Panther
Im Jardin des Plantes
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
1902
Konnotation
Kurz nachdem der Bildhauer Auguste Rodin in Paris den jungen Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1927) kennengelernt hatte, gab er ihm den Rat, durch Besuche im Zoo erst einmal das genaue Sehen zu lernen. In den folgenden Jahren verbrachte Rilke viele Stunden im Jardin des Plantes. Im Herbst 1902 entstand sein berühmtestes Tiergedicht, das von einem Raubtier handelt, das in einem Käfig gefangen gehalten wird.
In zahllosen Interpretationen hat man den Panther als Sinnbild aller gefangenen Kreatur gedeutet. Das genaue Sehen des Dichters liegt hier in dem Versuch, ein Objekt, in diesem Fall den Panther, durch genaue Beobachtung in seinem innersten Wesen zu erfassen und dieses Geschöpf aus sich heraus, ohne Dazwischentreten einer ordnenden Ich-Instanz, darzustellen. Die Einfühlung des Dichters in das Tier geht so weit, dass sich eine Perspektivenverschiebung vollzieht: So scheinen die Käfigstäbe „vorüberzugehen“, während doch in Wirklichkeit die Augen an den Stäben vorübergleiten – und sich im Haltlosen verlieren.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008








Im Park Jardin in Paris sass ich oft vor den Käfig in dem der Panther lebte, das schönste Gedicht welches mich immer begleitete wenn ich in Paris bin und durch den Park spazierte.
Heute bin ich selbst ein Panther der seine Wohnung nicht mehr verlassen kann.
Tja, ähneln wir nicht alle diesem Panther, wenn wir im Kopf älter und reifer, körperlich aber gebrechlicher geworden sind?
Und doch haben wir – im Gegensatz zum eingesperrten Panther – zumindest in unserer Jugend viele Freiheiten gehabt, die das bemitleidenswerte Geschöpf hinter den Gitterstäben nie hatte. Insofern dürfen wir dankbar sein.
Das Gedicht von Rilke hat mir nur eines immer klar gemacht: Man darf lebende und damit beseelte Geschöpfe nicht einsperren, auch keine Tiere – sie leiden darunter wie unsereins, wie uns Rilke zeigt.