– Zu Albert Ostermaiers Gedicht „roadmovie“ aus Albert Ostermaier: fremdkörper hautnah. –
ALBERT OSTERMAIER
roadmovie
immer geht es weiter voran wohin
kein ende der strasse eine weite
die dir das hemd aufknöpft kein
baum kein strauch eine tankstelle
vorbei der horizont schiebt sich
müde voran die sonne pausiert
hinter den wolken & die nacht
füllt die reserven wenn die fahrer
wechseln das bier immer dünner
wird & der schnee dir an den
schuhen schmilzt du dir ein herz
fasst & den atem hältst plötzlich
das haar des mädchens vor dir in
den händen um eine haaresbreite
hättest du die augen geschlossen &
die liebe erfunden eine strasse &
endlosigkeit die man nur zu
zweit ertragen kann ein glück
das keine zeit hat sich zu zeigen
doch du die zeit es zu verlieren
wenn der film & das popcorn
aus sind & ein mann seinen
weg allein geht1 mit sand in den
augen doch mit schnee
in den schuhen zum
ende
Aufgabenstellung
1. Interpretieren Sie das Gedicht „roadmovie“ von Albert Ostermaier.
roadmovie revisited
sie haben noch fünf minuten / ein alb aus dem ich nicht / entkommen kann der mir / im traum das hemd zuknöpft / über dem kehlkopf der puls / immer geht er weiter wohin kein / ende in sicht meine zeit verliert / sich in der suche nach dem / verlorenen sinn plötzlich / gefangen in der eigenen sprache / sitze ich an dem tisch mein / blick fällt auf das fliessende / haar vor mir und mir fällt dieses / wort ein kafkaesk als ich mich / über mein gedicht auf dem bogen / beugen muß gezwungen es zu / lesen als jener der ich vor fast / vierzig jahren war und als der / ich jetzt von allen guten geistern / verlassen geprüft werde mit zeilen / vor denen ich nicht davonlaufen / kann denken sie daran fertig zu / werden die ich später schreiben / werde als junger dichter gegen / den strich und die wimperntusche / der welt von gestern ich berühre / mit der feder das linierte blatt und / weiß nicht ein noch aus noch was ich / später wissen werde nachdem meine / reise begonnen hatte über die zeilen / sprünge in die abgründe des un / sagbaren die beschleunigung der / sehnsucht aus dem stillstand der / kranken jugend den ewigen punkten / und kommata regeln und werken / die ich brechen mußte für die poesie / die mir aus dem herz schlug mit / der sonne in den fäusten einem / schlag unter die gürtellinie des alten / ich es gegen eine schwarze abgewetzte / lederjacke einzutauschen für die / reiseschreibmaschine aus der die / buchstaben schnellten auf das rote / farbband über meiner brust der / horizont unter den fingerkuppen die / wunde haut welche alle worte aufsaugte / sich einbläute dass jeder satz nur ein / satz nach vorn sein durfte ein stich / durch die herzwand mit dem kopf / in die freiheit vergiss die schule des / lebens legen sie die stifte aus der hand / panik fällt mich an noch immer sitze ich / während die zeit an der mauer abgelaufen / ist fiebre in meiner unleserlichen davon / jagenden schrift etwas über den film im / kopf sie steht schon auf wirft ihre haare / über die stirn die aufheulenden standstills / welche die geschichte zeile für zeile / einen gang höher schalten zug um zug / der imaginären zigarette zwischen den / lippen die ich nach der prüfung / rauchen wollte sie zieht mir das blatt / unter den händen weg den teer zu / inhalieren in den wolken der gitanes / auf das zu warten was kommen sollte / hinter der nächsten kurve die ich kratzen / wollte bis die reifeprüfung nur der schnee / von gestern wäre und dachte mir auf dem / parkplatz nach dem gong als sie mit / einem anderen jungen in die schatten / verschwand this is america and this is a / lovesong lange bevor das not dazwischen / kam und immer lauter wurde der text / ist klüger als sein autor hätte ich / abschließen sollen anstatt zu deuten / was der dichter da gemacht hatte was / ich auch machen wollte zu sagen ich bin / in der überzahl in einem kino und zugleich / auf einer endlosen straße im winter meines / missvergnügens der erbarmungslosen hitze / während ich wußte dass die liebe kälter / als der tod war und doch ein fieber zum / berühren nah in den versen denn sie / verwandelte alles um sich und kein / augenblick sollte mehr verweilen wenn / er nicht schon unterwegs ist on the road / mit diesem film über den pupillen der / einen träne der schnee war über meine / sätze gefallen ich erwachte beim abspann / einen zettel in der hand den der wind / vor der tür mit in den himmel nahm a / kiss in the sky
Albert Ostermaier, aus Magazin der Süddeutschen Zeitung, 16.5.2025








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