WAS WISSEN DIE LEBENDEN VOM KRIEG?
Wovon reden diese Dichter,
die den Krieg in Verse bringen?
Was wissen die Lebenden vom Krieg?
Sie können von den Ängsten schreiben,
von Schmerz und Leid, wie es die Bilder zeigen,
weil eine Kamera die Grenze überschritt
und unsere gebundenen Hände und entstellten Körper
in Nahaufnahme auf den Bildschirm brachte.
Ein abgetrenntes Ohr, ein Schnitt.
Sie kennen Fakten, nennen Zahlen,
von Kindern, die gefoltert wurden,
und schreien sie in alle Welt hinaus.
Sie lassen wissen, wie sie daran litten.
Doch kennen sie denn selbst die Todesqualen?
Sie schreiben auf, wie sie uns fanden
vor irgendeinem explodierten Haus
und wie sie laut darüber klagten,
denn unsere Glieder sahen so verwüstet aus.
Sie werden sagen, wie entsetzt sie waren,
und wie sie weinten, wie sie rannten,
eine Fahne hissten und dazu skandierten:
No more wars! Kein Krieg! Nie wieder!
Dann setzten sie sich hin und schrieben Lieder
und wählten dazu sorgsam ihre Mittel aus.
Dann las man sie. Da standen Worte.
Da stand etwas von Frauen, die verbrannten.
Im Weiterblättern raschelte es mit
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Nachdichtung: Norbert Hummelt
Bela Chekurishvili liest aus Margo ist fort auf der Leipziger Buchmesse 2026, Moderation: Manfred Metzner
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„Fortgegangen bin ich ohne Rückfahrkarte“
lautet ein Vers aus einem früheren Gedicht von Bela Chekurishvili. Aus diesem entschiedenen Schritt ins Offene und Fremde leitet sich das Programm ihrer Gedichte her: Sie vermessen immer neu den Abstand zwischen der verlassenen Heimat und dem Leben im selbstgewählten Exil. Immer wieder schickt die Dichterin ihre Gedanken und Träume auf Reisen und wartet, was sie ihr wiederbringen. Manchmal sind es Geschichten, die weit ins Vergangene führen – etwa zu den Kintos, tanzenden Straßenhändlern im alten Tiflis. Und doch erinnern sie mit ihrer Leichtigkeit daran, wie gefährdet die Freiheit ist, dort, wo sie tanzten. Das Fortgehen schützt nicht davor, verlassen zu werden: Das gehört zu den schmerzlichen Erkenntnissen in diesem neuen Band. Zu den Erinnerungen an verlorene Liebe kommt die Trauer über den Tod von Freunden und den unerklärlichen Abschied von Freundinnen. Eindringlich, sinnlich und weise erzählen diese Gedichte von dem, was bleiben sollte, allen Widrigkeiten zum Trotz.
Verlag Das Wunderhorn, Klappentext, 2026
Beitrag zu diesem Buch:
Sabine Schiffner: fremdeln
blogs.taz.de, 24.3.2026
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Bela Chekurishvili liest aus ihrem Gedichtband Wir, die Apfelbäume.









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