Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Anthologika – Nur Bestes ist gut genug (Teil 3)

Nur Bestes ist gut genug
Weltlyrik in Anthologien von Ezra Pound1 und René Char2

Teil 29 siehe hier

Eine merkwürdige Ausnahme bilden in diesem Kontext die altchinesischen (von Pound selbst übersetzten) Gedichte aus der Liedersammlung des Konfuzius (datiert vom 10. bis 7. Jh. v. Chr.) und aus dem Werk des Wanderdichters Ri Haku (Li Po, 8. Jh. n. Chr.) – Pound hatte sich mit chinesischer Poesie und Philosophie bereits in den 1910er Jahren vertraut gemacht. Manche seiner frühen Übersetzungen sind in seinen Lyrikband «Kathai» (1915) und später in den Gesamtkomplex seiner «Cantos» (1915-1966) eingegangen und gelten heute als integrierter Teil seines eigenen Werks.
Eine andere Besonderheit der Pound’schen Anthologie besteht darin, dass sie zahlreiche Textauszüge aus grossangelegten Werken als eigenständige Gedichte darbietet – was man für einen Mangel halten mag, was aber tatsächlich vor Augen führt, dass auch Extrakte aus philosophischen, erzählerischen oder dramatischen Texten (etwa bei Sophokles, Boethius, Chaucer, Shakespeare) als authentische und autonome Dichtung bestehen können.
Dies gilt ebenso für Ezra Pounds Gleichsetzung und Gleichbehandlung übertragener Texte mit originaler Dichtung. Die von ihm vorgelegten englischen Fassungen (viele davon stammen von ihm selbst) sind von durchwegs hoher sprachlicher Qualität, auch wenn sie die gewohnten übersetzerischen Standards und Erwartungen meistenteils nicht zu erfüllen vermögen – im Vergleich mit den Originalen sind sie zu «frei», zu eigenmächtig (oder gar willkürlich) ausgearbeitet, vers- und reimtechnisch jedoch behaupten sie sich grösstenteils als Gedichte von eigenem Rang und Charakter. Arthur Goldings Nachdichtung von Ovids «Metamorphosen» aus dem späten 16. Jahrhundert hält Pound für eins der grössten poetischen Originalwerke englischer Sprache schlechthin – die Auszüge daraus bilden denn auch den umfangreichsten Beitrag zu seiner Anthologie!
Den grössten Gewinn bietet der Band durch die Wiedereinführung einer Vielzahl von vergessenen oder verkannten Autoren, von denen zwar die meisten nur gerade mit einem Gedicht vertreten und dennoch in ihrer Eigenart und Qualität zu erkennen sind. Dazu gehören, nebst einer Reihe von anonymen Verfassern, Namen wie Bernart de Ventadorn, Henry VIII, William Cornish, George Turberville, Pietro Metastasio, F.-G. Halleck und noch der 1972 verstorbene irische Dichter Padraic Colum. Dass auch der grosse amerikanische Erzähler Herman Melville ein bemerkenswerter Lyriker war, vermag Pound überzeugend zu belegen.

… Fortsetzung am 2.4.2026 …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Zephyr

wetz mir die Ritze! rief er; (Zier= Reiz!); Führer zehren vom Verlieren...

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00