Nur Bestes ist gut genug
Weltlyrik in Anthologien von Ezra Pound1 und René Char2
Teil 32 siehe hier …
Die bei René Char versammelten Autoren entstammen der Zeit vom 12. bis ins 20. Jahrhundert, beginnend mit Raimbaut de Vaqueiras (provenzalisch), Petrarca (italienisch) und Lope de Vega (spanisch), gefolgt von einer Auswahl englischsprachiger Dichter (von Shakespeare bis Emily Brontë und Emily Dickinson), schliessend mit einer Auswahl russischer Poesie des 19. und 20. Jahrhunderts (von Fjodor Tjuttschew über Pasternak und Mandelstam zu Marina Zwetajewa), die überraschenderweise die umfangreichste Sektion der Anthologie ausmacht. Unberücksichtigt bleibt indes die antike und die aussereuropäische Dichtung, auch Deutschland/Österreich, Skandinavien und Osteuropa lässt Char völlig ausseracht, ohne diese Unterlassung in irgendeiner Weise zu erklären oder zu rechtfertigen.
Die räumliche und chronologische Unausgewogenheit von Chars Anthologie ist eklatant, doch sie entspricht seinem subjektiven Gutdünken, wie auch seine Übertragungen ins Französische mehr von seinem eigenen dichterischen Stil geprägt sind als von den Originaltexten. Im Unterschied zum polyglotten Ezra Pound, der auf die jeweiligen Vorlagen kennerschaftlich eingeht, arbeitet René Char (der keine Fremdsprachen beherrschte) am Leitfaden von Interlinearübersetzungen, die er willkürlich ausgestaltet – mit mancherlei Zusätzen und Auslassungen, unter prinzipieller Missachtung von Metrum und Reim. Obwohl die von Char übertragenen Texte ordnungsgemäss in Verse und Strophen gegliedert sind, sollte man sie eher als Prosagedichte qualifizieren.
… Fortsetzung am 5.4.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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