Mein Primarlehrer, als Lichtgestalt meiner frühen Jugendzeit unvergessen bis heute, war ein kleiner verwachsener Mann, der schwer an seinem Buckel trug, der am Stock ging und sein rechtes, durch einen hohen Absatz verlängertes Bein schlurfend nachzog; der insgesamt so behindert war, dass er sein Lehrerpult − damals ein Katheder mit zwei Treppenstufen − nur mit peinlicher Mühe erklimmen konnte.
Böswald!
Der Mann mit dem kugelrunden Kopf, dem freundlichen, von unzähligen Runzeln verknitterten Gesicht, dem flachen, perfekt pommadisierten Glatthaar (das aussah, als wär’s mit feinstem Pinsel auf den Scheitel aufgemalt), dazu die winzigen, weit auseinander liegenden, hellblau blinkenden Augen, die leise singende Stimme − dieser Mann hiess tatsächlich Böswald.
Der Name irritierte mich zutiefst, und ich verlor nie meine Scheu, ihn bei gegebenem Anlass klar und deutlich auszusprechen, weil er auf fast schon peinliche Weise dem Aussehen und dem Verhalten seines Trägers wie auch meiner Sympathie für ihn widersprach.
Als ich ihm dann doch einmal die unbedarfte Frage stellte, warum er denn eigentlich Böswald heisse, sagte er nach kurzem Hüsteln: „Der von Gott stammt, von den Goten oder auch vom Kot, der mag sich Göthe nennen.“ Ich begriff kein Wort, fragte auch nicht weiter nach, hab mir die Antwort aber gemerkt − sie bleibt unvergessen.
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Als Grundschullehrer war Böswald für alle Fächer − ausser für den Turnunterricht − verantwortlich. Bei ihm lernten wir lesen und schreiben, zeichnen und singen, auch Religion und Geschichte. Die Geschichte beschränkte sich auf das Vorlesen von Geschichten jeweils am Samstag, bevor wir ins Wochenende entlassen wurden. Am meisten faszinierte mich (es muss in der letzten, der vierten Klasse gewesen sein) Der Zauberer von Oz, den uns Böswald in Fortsetzungen mit hyperkorrekter hochdeutscher Aussprache zu Gehör brachte.
Zu Gehör bringen!
Übers Hinhören auf die Stimme des Lehrers bin ich damals zur Sprache gekommen, und übrigens auch zur Literatur, die dann für mich einfach eine andere, eine besondere Art von Sprache war. Inhaltlich hat mich von dem, was Lehrer Böswald, leicht näselnd, so bedächtig und so schön vortrug, nicht viel erreicht, da ich lieber dem sprachlichen Singsang nachhing, als mich auf die Geschichten und die Helden um den Zauberer von Oz einzulassen.
Ähnlich ging’s mir im Religionsunterricht. Hier wurden lehrplangemäss biblische Geschichten gelesen und besprochen, und es mussten strophenweise irgendwelche Kirchenlieder auswendig gelernt werden. Behalten hab ich von diesen bestenfalls die Reime, von den Geschichten indes die vielen seltsamen, wundersamen Namen, lauter kaum verständliche Klanggebilde, die es in der Normalsprache nicht gab, die also, wie ich dachte, etwas ganz Besonderes bedeuten mussten. Mag sein, dass ich dadurch eine erste Ahnung davon bekam, was die Erwachsenen als „heilig“ bezeichneten. Bestätigt wurde diese Ahnung bei einer Lernübung, die Böswald uns Schülern schon bald nach Beginn des Religionsunterrichts auferlegte, immer wieder, aber ohne dass irgendeiner von uns die Übung jemals fehlerfrei und lückenlos zum Abschluss brachte. − Die Aufgabe bestand darin, die Namen der alttestamentlichen Bücher der Reihe nach auswendig zu lernen, und jeder musste damit rechnen, in der nächsten Religionsstunde von Böswald aufgerufen und dazu verknurrt zu werden, stehend vor der ganzen Klasse die lange Namensliste vorzusagen.
Kaum jemand schaffte das. Die meisten leierten die Namen in abenteuerlicher Reihenfolge und ebenso abenteuerlicher Aussprache auf gut Glück herunter. Im Unterschied zu ihnen fand ich aber Spass am Memorieren und Aufsagen, nur wollte ich das nicht offen zeigen, und wenn mich das Verdikt des Lehrers wieder einmal traf, gab ich mich unbedarft, tat so, als hätte ich den Grossteil der Liste vergessen, obwohl ich sie bestens eingeübt und vollständig präsent hatte.
Der Spur nach sind mir die Namen bis heute erinnerlich geblieben, und zwar in Böswalds damaliger Diktion mit den sorgfältig modulierten dunklen und hellen Vokalen, den knackenden, knirschenden, rollenden Konsonanten und dem durchgehend liedhaften Rhythmus, der die ganze Liste zusammenhielt; etwa so:
Mose Mose eins bis fünf
Josua dann Richter
Ruth und zweimal Samuel
die Könige und dann die Chronika
und Esra Esther Nehemia
Hiob Psalter König Salomo
mit Sprüchen Prediger und Hoheslied
dann die Propheten
mit Jesaia Jeremia Daniel Hesekiel
Hosea Joel Amos und Obadja
mit Jona Micha Nahum Habakuk
Zephanja Haggai Sacharja und Maleachi
dann Judith nochmals Salomo
Tobias Jesus Sirach Baruch und die Makkabäer
und am Schluss − ja was? − Manasse!
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Diese Liste war, so meine ich heute, mein erstes Gedicht … der erste Text, den ich als Gedicht begriff, ohne zu verstehen, was er eigentlich und zuletzt bedeuten sollte. Aber ich verstand ja auch nicht … ich verstand ja nicht einmal, weshalb mein sympathischer „Herr Lehrer“ Böswald heissen musste, derweil der schlimmste Problemschüler unter uns, ein finsterer aggressiver Störefried, sich Fröhlicher nennen durfte, Horst Fröhlicher, der uns allein schon deshalb unheimlich war, weil er, zumindest dem Gerücht nach, „keinen Vater“ hatte.
Dass Namen so verfehlt sein konnten … so „daneben“ gehen konnten, machte mich damals für lange Zeit unsicher, sogar skeptisch im Umgang mit Menschen allgemein, selbst mit solchen, die ich gut kannte.
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Meine Skepsis nahm noch zu, wurde gar zur persönlichen Enttäuschung, als ich − aus dem Radio! − erfuhr, dass sich mein Familienname, „Ingold“, keineswegs von Gold herleitet, vielmehr von „Walt“, der Wurzel, der auch das mundartliche Wort „Gwalt“, also „Gewalt“ − zu „walten“, „verwalten“, „beherrschen“ − entstammt. Quelle dieses prekären Wissens war der Briefkastenonkel des Schweizerischen Landessenders Beromünster, der damals in breiten Kreisen als Autorität galt. Unvergesslich ist mir die bedächtige Grabesstimme, mit der dieser Schulmeister der Nation einmal wöchentlich für eine Stunde seine „lieben Nichten und Neffen“ begrüsste, um unterschiedlichste Hörerfragen ebenso umständlich wie seriös zu beantworten. Neben Böswald, dem Klassenlehrer, war der Briefkastenonkel mein wichtigster Bildungsreferent. Während drei, vier Jahren liess ich kaum eine Sendung von ihm aus, notierte mir viele seiner Sach- und Worterklärungen, und einmal reichte ich selbst mit einem handgeschriebenen Brief an das Radiostudio eine Frage ein, und das war eben die Frage nach der Herkunft und Bedeutung meines Namens.
Dass „Ingold“ nichts mit Gold und Geld zu schaffen hat, wie der Briefkastenonkel langfädig ausführte, weil Gold in diesem Fall, sprachgeschichtlich betrachtet, vielmehr als „Verballhornung“ von Gewalt zu verstehen sei, war für mich einigermassen ernüchternd, und der Begriff der „Verballhornung“, den ich nie zuvor gehört hatte, kam mir ausgesprochen peinlich vor.
Gold als Voraussetzung oder als Mittel für herrschaftliches Walten? War denn also mein eigener, aus tiefer Vergangenheit überlieferter Name eine nachträgliche Fälschung? Eine Fälschung von wem und wozu? Oder ein Irrtum bloss, Folge nachlässiger Aussprache, vielleicht eine Verwechslung, da Gold und Walt so ähnlich, jedenfalls nicht ganz unähnlich klingen?
Doch wo führt das hin? − fragte ich mich, wenn man sich nicht mal mehr auf Namen verlassen durfte oder wenn der Name den Namensträger, wie im Fall von Fröhlicher und Böswald, völlig verfehlte, ihn fast schon unkenntlich machte?
Irgendetwas stimmte da nicht … aber was?
Wie konnte es gekommen sein, dass zum Beispiel das einsilbige Wörtchen „Zug“ gleichermassen einen Eisenbahnzug, den Zug als Krafteinsatz und die Kleinstadt Zug bezeichnet? Oder, in meinem Kleinbasler Dialekt, das Alltagswort „Rum“ (für hochdeutsch „Raum“) exakt so ausgesprochen wurde wie „Rhum“, der in Pittets Laden unter verschiedenen Etiketten reihenweise im Schnapsregal stand, aber auch wie der hochdeutsche Begriff „Ruhm“, der mir damals auch schon geläufig war.
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Verhältnismässig bald wurde mir aber klar, dass einzig aus dem jeweiligen Gesprächszusammenhang auf die „richtige“ Bedeutung geschlossen werden kann! Das Wörterbuch hilft da nicht weiter. Auch wenn es zu einem Wort mehrere unterschiedliche Bedeutungen anführt, lässt es offen, welche dieser Bedeutungen für korrektes Verstehn massgeblich ist. Die übliche alphabetische Ordnung der Begriffe, das wurde mir schon früh klar, erleichterte lediglich die Begriffssuche, liess aber die Begriffsinhalte völlig ausseracht.
Auf der Bedeutungsebene schafft das Alphabet ein abstruses Durcheinander, das zu entsprechend abstrusen Nachbarschaften führt: … Dobelwand, Dobermann, Docht, Dock, Docke, Docker, Dodekaeder, Dogger, Doggert, Dogma, Dohle …
Und, übrigens, wie ist das, fragte ich mich, im Fall von „Gott“? Wenn „Gott“ ein Eigenname ist, sagte ich mir, dann müsste damit eine Person gemeint sein, doch diese Person … eine Person mit dem Namen „Gott“ hatte noch nie jemand zu Gesicht bekommen, es gab sie bloss als Vorstellung, menschenähnlich oder auch übermenschlich, immer jedenfalls dem Menschenbild entsprechend und so auch auf beliebig vielen Darstellungen verewigt, erhabener Kitsch zumeist, aber auch, selten einmal, visionäre künstlerische Imagination, und dennoch nirgendwo in der sogenannten Wirklichkeit dingfest zu machen.
Also war „Gott“ wohl doch nur ein Wort, das für eine Idee stand, vielleicht auch, wie eine Sache, ausschliesslich für sich selbst. Einzig als Wort, als Name konnte Gott, wie ich nun meinte, wirklich sein, was aber wiederum ausschloss, dass er auch noch die „Wahrheit“ sein konnte. Und weshalb … wozu gab’s die so oft gebrauchte (eigentlich doch wegwerfende!) Wendung „in Gottes Namen“?
Weder Herr Böswald noch meine späteren Gymnasiallehrer konnten oder wollten mir dazu eine Erklärung liefern. Immer wieder … immer wieder anders … immer wieder andern Gesprächspartnern stellte ich die Frage, doch sie blieb offen; und sie wurde noch problematischer, als ich erfuhr, dass Gott von Sprache zu Sprache seinen Namen wechselte, fast so wie ein Geheimagent. Lassen wir’s in Gottes Namen gut sein! Könnte man statt dessen nicht auch sagen: Lassen wir Gottes Namen gut sein? Wo’s doch den guten Gott selbst vielleicht gar nicht gibt.
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Meine kindliche Wort- und Namenskepsis erreichte ihren Höhe- oder doch eher ihren Tiefpunkt in den frühen Gymnasialjahren, als uns Doktor Lichtenhahn, Latein- und Griechischlehrer, seine Gedanken- und Gedächtnistechnik beibrachte, die uns beim Lernen von täglich fünfzig bis sechszig Vokabeln hilfreich sein sollte. Lichtenhahns Empfehlung bestand darin, jedes neue Wort auf ein bereits bekanntes gleichsam abzustützen, also beispielsweise das lateinische „orbis“ auf Ohrbiss, „praestare“ auf Press die Stare!, „diffùndere“ auf tief untere! oder „cèrnere“ auf Kern nähre. Aus der griechischen „anamnesis“ wurde „an Asiens Messe“.
Merkwürdig doch!
Der Wortlaut der lateinischen und deutschen Vokabeln ist fast identisch, derweil ihre jeweiligen Bedeutungen weit auseinander liegen. Bei mir hat diese Technik damals nicht so recht funktioniert, ich erinnere mich aber, dass ich sie damals gern verwendete, um gewisse Personen aufgrund ihres Namens zu charakterisieren, lieber noch − sie zu karikieren.
So etwa Simonetta Sommaruga, Aushilfelehrerin im Fach Deutsch, zu der ich mir den Spruch zurechtlegte: „Sieh! Moneten murren gar im Sommer.“ Oder für meinen damaligen Schulfreund Niklas Luhmann: „Klasse Lukas! Lass mal Stuhl und Kuhle lahmen …“ usf. − Doch all diese Sprachfaxen zerrütteten mein Vertrauen ins Wort und in die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit der Namen weit mehr, als dass sie es gestärkt hätten.
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Mussten die Namen den Dingen oder den Personen entsprechen, die sie bezeichneten? Und … aber entsprechen wodurch? Der Bedeutung, dem Klang nach? Für mich als Primaner war das eine gradezu abgründige Frage, von der ich mich auch durch den oft strapazierten Spruch vom Huhn und vom Ei − wer zuerst dagewesen sei! − nicht abbringen liess.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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