2017-04-22

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Heute war (und steht noch) der wohl schönste Tag seit meinem Einzug ins jurassische Geviert, vielleicht einer der schönsten Tage überhaupt. Ich mache mich kurz nach acht Uhr morgens auf den Weg, das Thermometer zeigt 6,5° C, gefühlt sind es 18° − alles strahlend, ohne zu stechen, warm, ohne zu brennen, hell, ohne zu blenden, die Luft so still, als wäre sie nur für den Vogelsang da, und dieser, wiederum, dafür, das reglos strotzende Grün kaum merklich in Schwingung zu versetzen und in Schwingung zu halten.
Mir kommt die Szene gleichermassen idyllisch und erhaben vor, bin wieder einmal erschüttert von der Gleichgültigkeit der Natur in Sachen Gut und Hässlich und Bös und Schön. Die stumme Würde, die hier jedes Blättchen, jeder Zweig, jeder Stamm, jeder Stein und auch das Moos und das rostige Laub vom Vorjahr und, überhaupt, die Erde, das Erdreich hat und wahrt, geht darauf zurück, dass all dies ohne Bewusstsein, Sprache, Sorge auskommt; dass all dies nichts zu besagen, nichts zu bedeuten hat; dass es einfach da ist, vorhanden, gegeben; dass all dies selbstverständlich, wenn auch unverständlich ist, und dass es in keiner Weise verstanden werden muss, um – für mich – einen Sinn zu haben.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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