2017-09-25 

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Das war eine heftige Nacht. Draussen akute Windböen, krachendes Totholz, drinnen ein rüstiges Knacken in den Deckenbalken. Bin schlaflos in der Wohnung unterwegs bis drei, vier Uhr früh, lesen (Elias, Schehadé, Karejew) gelingt nicht, ich nehme eine Doppeldosis Benocten, ohne merkliche Wirkung. Statt der um diese Zeit üblichen Träume überkommen mich morbide Gedanken, Zynismen, lähmende Reuegefühle. Ein paarmal schlafe ich kurz ein, wache – mit zunehmender Erschöpfung – wieder auf, drehe zwei, drei Runden durchs Haus, lege mich wieder hin. Erst gegen sechs gelingt ein längerer Schlaf.
Um halb neun dann aufgestanden und gleich los in den Wald. Der stürmische Wind hat sich gelegt, es regnet in wehenden Strähnen. Die Wege sind übersät mit Trümmerholz, mehrheitlich verdorrte Äste mittlerer Grösse. Desolate Farbpalette: Rostrot, bräunliches Grau, nass glänzendes Schwarz. Dazwischen aber – ich bemerke es erst jetzt – liegen zahllose kleine hellgrüne, meist herzförmige Blätter, die wie lachende Augen aus dem matschigen Grund zu blinzeln scheinen.
Scheinen!
In dieser Trübnis ist das … empfinde ich das als eine Sensation, frage mich, ob die Blättchen zum vergangenen Sommer oder bereits zum kommenden Frühling gehören. Fühle mich plötzlich ganz leicht, empfinde ganz intensiv meine momentane Schmerzlosigkeit und die Gleichgültigkeit (die gleiche Gültigkeit) all dessen, was mich umgibt. Die Quelle oberhalb des Wegs ist heute ungewöhnlich rege, wie sprudelnder Schnee sucht sich das Wasser seine Bahn durch die bemoosten Steine und Strünke. Ich bleibe stehen, mit geschlossenen Augen höre ich dem Rauschen zu, gehe dann weiter und achte genau darauf, wie das kompakte Strudelgeräusch allmählich leiser wird, verklingt.
Das alles ist ja so gut wie nichts, und doch ist es alles, was zu diesem Zeitpunkt für mich der Fall ist. Dazu kommt, dass ich all dies Zufällige, Unerhebliche, Wandelbare und Endliche in diesen Augenblicken auch noch „schön“ finden kann. Ich muss also mit einem Organon ausgestattet sein, das mir all die momentanen Eindrücke in Schönheit aufgehn lässt.
Triumph des Nichtigen, unwillkürlich bestätigt durch das Sensorium, das ich habe und das ich bin.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Isolde

(solide Idee:) die Dose für die Lose; (leise Ode:) für Tristan den Sold.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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