Dunkler Rede anvertraut

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Weiterlesen und fortschreiben mit Botho Strauss

Botho Strauss gehört heute zu den rareren literarischen Autoren, die nicht zu verstehen (zu wissen, zu nutzen) geben, vielmehr zu denken. Das ist eher eine Forderung denn eine Gabe an die Leserschaft, und es ist eine dezidierte Absage an die heute üblichen literarischen und publizistischen Diskurse, die vorrangig auf Information angelegt sind, auf Bericht und Erklärung, dabei aber das Risiko wie auch die Gewinnchance subjektiver Sinnbildung vermeiden.

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In seinem jüngsten Buch, das unter dem ambivalenten Titel Der Fortführer eine Vielzahl zeitgemässer und, mehr noch, unzeitgemässer Aufzeichnungen versammelt, geht Botho Strauss zu wiederholten Malen auf den Niedergang der aktuellen Sprachkultur ein: „Man schmückt sich hier und da mit einer geschickten Formulierung, meist überwiegen aber die schlampigen und fehlerhaft-wurschtigen Wendungen.“ In einer stets komplexer werdenden, kaum noch überschaubaren, kaum noch zu begreifenden Welt und „angesichts des bestürzenden Zeitgeschehens insgesamt“ wiegt die Verluderung des sprachlichen, vollends des literatursprachlichen Ausdrucks besonders schwer. Strauss scheint darin ein endzeitliches Verhängnis zu erkennen (wenigstens zu „ahnden“), doch er präzisiert auch, dass nicht „die Sprache“ als solche defizitär sei, dass vielmehr die „Masse der kommunikativ Sprechenden“ (und Schreibenden) „immer unsicherer, ungenauer und sprachinkompetenter“ würde. Den „digitalischen Typus“ und mit ihm die „Emanzipation der Dummen“ versucht er mit einem Kalauer abzufertigen: Die heutigen „Sprach-Inkompetenten“, die dreist „die Behelfsmässigkeit und die rüde Ungeschriebenheit des Schreibens“ (sic) zum Epochenstil erheben, sind demnach die medial vereinnahmten „E-Manzipierten“ … Gleichzeitig sind sie aber auch, meint Strauss, „Komplexitätsvirtuosen“, die sich „mit den geringsten Abkürzungen und Andeutungen so schnell verständigen, dass Verstehen gar nicht aufkommen kann“. Dass Strauss die Info-Sprache, die Leicht-Sprache, mithin die „gehechelte, gehäckselte, geschredderte“ Sprache der auftrumpfenden Mediokrität auf das „städtische Wort“ der progressiven Moderne zurückführt, ist ein womöglich allzu simpler Schluss. Sprachskeptiker wie Mauthner oder Wittgenstein, Sprachzerstörer wie die Futuristen oder die Dadaisten haben keineswegs nur destruktiv gewirkt. Dadurch, dass sie Bau und Funktion der Sprache rücksichtslos offenlegten, ermöglichten sie deren besseres Verständnis und ihren differenzierteren, auch produktiveren Einsatz. Strauss indes glaubt die „Herrlichkeit“ der Sprache − in diesem Fall des Deutschen − einzig im Rückgriff auf Klassik und Gegenmoderne, auf Goethe und Fontane, auf Borchardt und Schaeffer zurückgewinnen zu können.
Zurückgewinnen! Das ist der alles bestimmende Imperativ des „Fortführers“, als der Botho Strauss sich eigensinnig zu erkennen gibt, dies zumeist in der dritten Person Einzahl („er“), gelegentlich über ein imaginiertes „du“, ein verallgemeinerndes „wir“ oder „man“, viel seltener in direkter Wortmeldung als „ich“.
„Aber das Ich“, so heisst es an einer der diesbezüglichen Stellen: „ − dieser Batzen von tausend verfilzten Masken und Schichten! Die man ein Lebtag säuberlich zu trennen sich mühte …“ − Die wechselnden Subjektpositionen − von Strauss seit jeher meisterlich praktiziert − bringen das Image des Autors zum Flimmern, verleihen ihm eine gewisse Tiefenschärfe und damit auch eine gewisse Mehrdeutigkeit, verhindern jedenfalls dessen voreilige Identifizierung mit dem „Fortführer“: Was dieser zu sagen hat, ist nicht einfach dem Autor Strauss zuzuschreiben, gibt nicht nur eine (und nicht nur seine) Meinung oder Überzeugung wieder, sondern lässt − gleichsam als polyphoner Monolog − auch Ungewissheiten, Alternativen, Zweifel mitschwingen.
Diese mehrfache Perspektivierung ändert allerdings wenig daran, dass Strauss als „Fortführer“ mit ausgeprägter Selbstgewissheit auftritt und sich unmissverständlich eine Sonderstellung einräumt − er ist ein Minderheitlicher, ein Seltener, ein Eingeschworener, ein Aussenstehender und Darüberstehender, und als solcher hebt er sich in jeder Hinsicht ab von der gleichmacherischen „Menschenmenge“, die er bloss (noch so ein Wortspiel:) als „Menschenleere“ wahrzunehmen vermag.
In der total vernetzten, global nivellierten Gegenwartswelt glaubt Strauss in asozialer Selbstisolation einen neuen positiven Wert zu erkennen − „neue Konturen“ versus oberflächliche, wechselhafte, allseits ausfransende Sozialkontakte. Er will „weder verstanden noch erkannt“ sein, rüstet sich auf einsamem, wohl verlorenem Posten unentwegt − trotz Klimaerwärmung − für den kommenden apokalyptischen Winter, versammelt um sich seine exzellente Privatbibliothek, die ihn vor dem Pöbel und vor der Banalität des bösen Zeitgeists „schützt“ − die grossen Werke der Weltliteratur leisten ihm in gewollter Abgeschiedenheit Gesellschaft und kulturheroischen Beistand; das Regal, auf dem sie aufgereiht sind, reicht von Dante und Montaigne und Jean Paul bis hin zu Keyserling, Claudel, Konrad Weiss und Cristina Campo.

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So etwas wie ein Robotbild des „Fortführers“, der „niemandes gedenkt, sondern ein Durchhaus ist für Väter und Ahnen“, liefert Botho Strauss in dem umfangreichen Epilog zu seinem ansonsten kleinteiligen, formal wie thematisch äusserst heterogenen Reader, der vom Aphorismus über das Prosagedicht bis zum Mikroessay mancherlei Textsorten umfasst. Abschliessend synthetisiert er, präzisiert aber auch, was den „Fortführer“ als Phänotyp der Stunde ausmacht, was er ihm zugutehält und welche Rettung er sich in dürftiger Zeit von ihm verspricht: „Illusion, aber auch tatsächlich Gnade, angeschlossen zu sein an die Macht der alten Tage, an die Macht der grossen Werke …“ − dies im Gegenzug zum angeblich kulturfeindlichen „Ansturm der jungen Tage“, in polemischer (ja: „kriegerischer“) Abweisung der „Gegenwartsnarren“, die sich (wiederum wörtlich:) „den Lehrern und Vorbildern überheben“. Man mag diese Haltung alarmistisch oder kulturpessimistisch, elitär oder reaktionär nennen, sicherlich ist sie zutiefst konservativ, geprägt vom Respekt vor überlieferten Werken und Werten ebenso wie vom Bedürfnis, diese Werte und Werke präsent zu halten angesichts der wortführenden, als feindlich empfundenen „Tagesanbeter“, die alles Gestrige verachtungsvoll abweisen, die Überlieferung ausblenden zu Gunsten kurzlebiger Trends und Moden, deren zweifelhafter Wert auf ihre jeweilige „Aktualität“ − mit dem unabwendbaren Ergebnis von Verschleiss und Verschmutzung − beschränkt bleibt.
Doch eben unter diesem Gesichtspunkt kann sich der konservative („bewahrende“) Fortführer auch als Neuerer erweisen, dadurch nämlich, dass er längst Vergessenes − „grosse“ Autoren, „grosse“ Werke der Vergangenheit − durch Wiederentdeckung neu erschliesst und unter neuen Gesichtspunkten mit Sinn erfüllt. Er stellt sich auf die Schultern seiner überlebensgrossen Kulturhelden, nicht allerdings, um in die Zukunft zu blicken; seine Optik ist vorzugsweise auf die Vergangenheit gerichtet, die sich ihm als ein immer schon vergangenes Goldenes Zeitalter darbietet.
Ein solcherart − man könnte sagen: retrospekulativ − wiederentdeckter Wieland oder Hamann, Max Kommerell oder Michael Landmann kann sich heute, vermittelt durch einen kritischen „Fortführer“ wie Botho Strauss, tatsächlich für „neue“ Lesarten anbieten und somit auch neue, genauer: erneuerte Aktualität gewinnen.
„Der Fortführer“, so Strauss, „wird allein bis ans Ende gegangen sein.“ Das Futurum Zwei verrät den Radikalismus des Konservativen, die Vokabeln „allein“ und „bis ans Ende“ bestätigen ihn. „Man ist Fort-Führer − oder es gibt einen gar nicht.“ Was dann wohl bedeuten würde, dass jeder ein Fortführer wäre, doch dies wiederum stünde in Widerspruch zum Strauss’schen Konzept einer minderheitlichen, quasiaristokratischen Fortführerschaft.

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„Wer anders tut, als abgründig alt zu sein“, erfährt man bei Strauss in aphoristischer Präzisierung, der „lebt nicht in dieser Welt.“ In „dieser“, das heisst − in wessen Welt? Ist „abgründiges“ Alter die Voraussetzung dafür, sich in „dieser“ (vordergründigen, gegenwärtigen) Welt überhaupt noch zurechtzufinden, oder geht es eher um „jene“ Welt, die Botho Strauss als die „alte, wahre“ wiederzubeleben sucht?
Der fortführende Konservative, der konservative Fortführer sowie der „Künstler“ überhaupt kommt bei Strauss ohne „Feinde“ nicht aus. Den „Feldzug“ gegen die Mehrheit der Andersdenkenden (die er gern als Falschdenkende, Zukurzdenkende, Schwach- oder Magerdenkende charakterisiert) und generell den Kampf „gegen das Unansehnliche, das von allen Seiten so raumgreifend andrängt“, hält er für unvermeidlich: „Auf keinen Krieger kann man verzichten.“
Gegenüber den schrill widerhallenden, bunt mit Graffiti und Parolen besprühten Aussenwänden der massenmedialen Welt wächst beim Fortführer das Bedürfnis nach einer „grossen Reinigung“, nach einer „Entbilderung“ der optisch verschmutzten Gegenwart, nach einer umfassenden Säuberungsaktion, die dem „ästhetischen Willen“ zu einem nachhaltigen Durchbruch verhelfen sollte. Konservatismus kann sich, so verstanden, auch auf die rabiate Tour ausleben.
Der „Fortführer“ ist eine Strauss’sche Wort- und Konzeptbildung, deren Ambivalenz nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar wird. Jemand, der „fortführt“, mag etwas bereits Bestehendes, Vorgegebenes weiterführen; „fortführen“ kann aber auch als ein Vorgang des Wegführens, Beiseiteführens, Abführens begriffen werden, auch als Ablenkung, als Verlockung. Nicht umsonst verweist der Autor mehrfach auf die mythischen Sirenen − sie identifiziert er mit den „alten Tönen“, aus denen er immer wieder „neue verführerische Andeutungen“ empfängt. Mit E. M. Cioran, stimmt Strauss darin überein, dass alle Dichtung notwendigerweise reaktionär sei, also vergangenheits-, traditions-, formgebunden. „Bedingung der Poesie ist das Gedächtnis, das Gewesene, ihre Substanz“, heisst es in Ciorans Versuch Über das reaktionäre Denken: „Und was behauptet Reaktion anderes als den überragenden Wert des Vergangenen?“
Der „Fortführer“ wirkt demnach gleichermassen traditionserhaltend (retrospektiv) und traditionsbildend (prospektiv): Bewahrung und Fortentwicklung des Überlieferten, Anvertrauten; denn es gilt mit dem Erbe zu wuchern. Erben heisst Macht erwerben. Nach Strauss ist der Erbe − nur er − ein legitimer Machthaber: „Es lebe die Herrschaft, die dies ausruft und befolgt.“

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Bleibt die Frage, weshalb Strauss den traditionsbeflissenen, kulturkämpferischen „Fortführer“ nicht einfach als Fortsetzer auftreten lässt. Dass das von ihm privilegierte kulturelle Fortführertum unwillkürlich an den grossdeutschen Führerkult erinnern würde, dürfte ihm bei der Begriffsbildung klar gewesen sein − ein Automatismus, ex negativo, heutiger politischer Korrektheit. Doch er nimmt die prekäre Assoziation in Kauf. Das ist ein hoher Einsatz für einen Autor, der ohnehin der politischen Rechten zugeordnet und als (häufig missverstandener) deutschnationaler Ideologe kritisiert wird. Diese allzu simple Klischeebildung verstellt den Blick auf die singuläre künstlerische und intellektuelle Leistung, die Strauss inzwischen durch eine ansehnliche Reihe von Prosabüchern − Erzählungen, Essays, Aufzeichnungen unterschiedlichster Art − dokumentiert hat, ohne adäquate Würdigung dafür zu finden; seine vielen, zum Teil höchst prominenten Literaturpreise vermögen dieses Defizit nicht zu kompensieren, und er hat sie denn auch allesamt gar nicht erst abgeholt.
Tatsächlich aber steht der Fortführer, bei all seiner germanischen Imprägnierung, für den Künstler, den Dichter schlechthin, und wie − zum Beispiel − Paul Valérys Monsieur Teste behauptet er sich, jenseits ideologischer Vorurteile und Querelen, als Leitfigur für eine klar bestimmte Lebenshaltung wie auch für einen klar bestimmten Schaffensstil. Stil und Haltung gehören nun nicht gerade zu den Qualitäten, die im derzeitigen Literaturbetrieb als cool oder als sexy gelten. „Sex ist inzwischen“, meint Botho Strauss mit rügendem Unterton, „ein Synonym für schlecht geschriebene Literatur.“
Demgegenüber markiert er seine unzeitgemässe Grundposition als abseitiger, eigensinniger, unbequemer, schwieriger, gänzlich humorfreier und − eingestandenermassen − elitärer Autor, der sich jeglicher Anpasserei und Leichtfertigkeit verweigert; der seinen ausgeprägten, bisweilen ungeschlachten Personalstil demonstrativ abhebt vom aktuellen, kolloquial formatierten Epochenstil; der dem allseits geforderten, immer noch einmal sich selbst überbietenden „Volltreffer“ seine Nachdenklichkeit und sein Querdenken entgegensetzt, sein suchendes Radebrechen, sein Grübeln und Granteln: „Lieber ein Knecht des Unfasslichen sein als ein Meister des Vorgefassten.“

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Als konservativer Fortführer ist Botho Strauss zugleich ein Neuerer. „Erinnerung“ und „Übernahme“ sind für ihn Kriterien der Imagination und keineswegs nur der Vergangenheits- oder Traditionspflege. In diesem Verständnis hat er über die Jahrzehnte hin einen unverkennbaren Originalstil und Originalsound entwickelt, mit dem er sich von den meisten „Gegenwartsautoren“ wie auch von der Masse der ausschliesslich „kommunikativ Sprechenden“ bewusst abhebt. Dem weithin üblich gewordenen belletristischen Plauderton setzt er eine betont eigenartige, gewollt befremdliche Schreibweise entgegen, die gerade durch ihre formale Ungefälligkeit, aber auch durch eine Überfülle von Fremd- und Fachwörtern, sperrigen Neologismen („warnäugig“, „vögelsprudelnd“, „jubihumilieren“ usf.) und weit hergeholten Zitaten besondere Aufmerksamkeit erzwingt.
Den Leser, die Leserin spricht Strauss somit nicht bloss als interessierte Rezipienten an, vielmehr (mit Novalis) als „erweiterte“ Autoren, die das Werk des Fortführers ihrerseits fortführen sollen − ihnen wird nichts geschenkt, aber sehr viel abverlangt, und die Lektüre als solche provoziert weit mehr Irritation als Einvernehmen und Zuspruch. Eben darin liegt ihr Interesse. Eben daraus ergibt sich bei aktivem Mit- und Gegenlesen immer wieder neuer, immer wieder anderer Gewinn. Anderseits scheint Strauss an eine ihm adäquate Leserschaft schon lange nicht mehr zu glauben: „Unverzagt sprach ich mein Lebtag zu lauter Abgewandten … Man schweigt also besser.“
Tatsächlich unverzagt schreibt dieser Autor Buch um Buch, Saison für Saison weiter. Dabei präsentiert er sich als ein mürrischer Eremit und Asket, der dem Stottern und Schweigen mehr Sinn abgewinnt als der flotten Rede; der im selbstgewählten Abseits zwar mancherlei Versuchungen, Bedrohungen, Halluzinationen ausgesetzt ist, sich aber „geborgen“ weiss in der „Hülle des Praeteritums“. Denn das Vergangene ist für ihn das Unvergängliche, es ist das Unerschöpfliche, es ist das gleichermassen Offenbarte wie Verdunkelte. Um dem Praeteritum gerecht zu werden, es also nicht − wie die Ewiggestrigen − bloss zu hüten und zu nutzen, versucht er es in seiner unfassbaren Vielfalt präsent zu halten, es immer wieder anders auszuloten und auszuleuchten, dabei aber seine Geheimnisse bestehen zu lassen. Das alte Wahre umfasst nämlich ausser vielen artikulierten Weisheiten ebensoviel Unausgesprochenes oder bloss orakelhaft Gerauntes, und eben dies ermöglicht auch den Gegenwartsbezug: Da es hier und jetzt „noch immer mehr Betörendes als Erklärliches“ gibt, bieten gerade die Dunkelstellen der Überlieferung immer wieder neue Anknüpfungspunkte zur ständig sich wandelnden Aktualität. Um das zu bewerkstelligen, ist der Fortführer auf seinen „Instinkt für Unsagbares“ angewiesen. „Es kann doch das Universum nicht nur aus Mitteilung bestehen?“, notiert Strauss an einer von zahlreichen vergleichbaren Stellen: „Da gab’s doch immer auch Zurückbehaltenes, gab’s gewisse Inkommunikabilien …“
So kann der Fortführer denn auch − angesichts der massenmedialen Informationsüberflutung − von einer fernen Zukunft träumen, in der „sich die ,Kommunikation‘ erschöpft haben wird“, in der es nichts mehr zu benennen, zu beschreiben, mitzuteilen, zu behaupten, zu erklären, zu dekretieren, aber sehr viel zu sagen gibt. Solches Sagen wäre intransitiv, hätte kein Objekt und keine Absicht mehr, wäre reine Sage, schöpferisches Wort.

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Magie, Zauber, Bann − das sind bei Botho Strauss oftmals wiederkehrende, heute indes kaum noch ernsthaft verwendete Begriffe. Der Autor selbst plädiert für eine mitteilungsfreie Dichtersprache, die weder „unterhalten“ noch „nutzen“, nicht einmal „bedeuten“, dafür aber subtil andeuten sollte; eine Sprache, deren Präzision sich am Ungefähren, Ungesicherten zu bewähren hätte, statt bloss pleonastisch festzustellen, was da und dort „der Fall“ ist und was dann unweigerlich zur vielfach „geteilten“ Nachricht wird.
Also umgekehrt nun: „Urworte, orphisch“ als freie Rede, pure Poesie?
Strauss glaubt darin die Möglichkeit, auch die Notwendigkeit einer „neuen“, wenngleich von den Alten vorgegebenen Weise „wahren“ dichterischen Sprechens zu erkennen − oder wenigstens erhofft er sie sich: „Vielleicht wächst mit unserer gänzlich expliziten, sich gänzlich aussprechenden Sprache gegenläufig wieder das Bedürfnis nach der Hieroglyphe als nach einer chiffrierten Sprache, einer Sprache der Geheimhaltung, da ja die Hieroglyphe Macht über die Dinge und Wesen besass, die sie darstellte − worin die verschlossene poetische Chiffre ihr gewiss nicht nachsteht.“
Auch bloss ein romantischer Ursprungstraum! Und als solcher obsolet? Als obsoleter Romantiker gilt Botho Strauss, seit langem schon, beim meinungsbildenden linksliberalen Feuilleton, und durch den „Fortführer“ scheint sich die Tageskritik in diesem Vorurteil mehrheitlich bestätigt zu fühlen. Übersehen − gern vergessen? − wird dabei die ungewöhnliche Originalität dieses konservativen Autors, der mit seinem sperrigen Dichtertum die stereotype Rhetorik der heute wortführenden Literaten konterkariert.
Bei ihm findet sich kaum ein Satz, der üblicher Erwartung entspricht oder gar ihr zudient, ihr zu gefallen sucht; belletristische und populärphilosophische Klischees, modische Vignetten oder Kürzel und sonstige Zugeständnisse an den Zeitgeist verbietet er sich. Nach eigenem Bekunden redet er, statt Schöngeredetes, „viel Schongeredetes. Es ist ihm aber eine Hütte aus Altsprache geblieben.“ Die Altvätersprache des Fortführers nimmt denn auch im Kontext heutiger literarischer Kommunikation stellenweise die Tönung einer Fremdsprache an.
Was er bevorzugt, sind Sätze in dringlicher Frageform, aber auch aphoristische Aussagen mit schräger oder gebrochener, dennoch treffender Spitze − ungeschminkte Sätze, die nicht zum Zitieren und Nachsprechen gemacht sind, die sich eher zum Reflektieren, zum Meditieren anbieten; Formulierungen wie diese: „Die Sprache des Sprechenden horcht ihn aus.“ − „Man war doch sein Lebtag im Ausweglosen unterwegs.“ − „Alles hat seinen Preis an den Sinn verloren. Ohne Sonne wäre Gold wertlos.“ − „Ist nicht alles wie nie?“ − „Wer lebt nicht von der Rendite dessen, was er unterliess?“ − „Du liebst jemanden, weil er nicht sieht, wer du bist.“ Usf.
Schlichte, zum Teil recht unbeholfene Verlautbarungen, deren Sinn erst bei genauerem Hinhören sich erschliesst, der vielleicht in etwas Fehlerhaftem oder Fehlendem verwahrt ist, sich vielleicht aber auch gar nicht erschliessen soll. Womöglich genügt ja das Sagen, ohne dass etwas Bestimmtes, etwas Bestimmbares besagt, bedeutet werden müsste?
Dies trifft jedenfalls auf zahlreiche Prosagedichte zu, die Strauss in seine multithematischen Notate einrückt, knappe Texte, die eben nicht irgendwelche Sachverhalte, Meinungen, Befindlichkeiten aussprechen, aber ansprechen, was letztlich unaussprechlich ist. Geheimnisse zu wahren, Rätsel ungelöst zu lassen, auch das macht sich der Fortführer zur Aufgabe, und dieser wiederum ist einzig vermittels poetischer Rede gerecht zu werden. Frage: „Ob sie es war, aller Wesen Sonne, die im | November so niedrig zu mir kam und das kleine | Kosemal austrieb auf meiner Stirn?“ Ebenso rätselhaft wie die Frage ist die Antwort: „Ein Teil von uns ist das Rätsel, ein Teil sind | die Gründe, ein Teil das Verdammte. | Doch nur das an dir Verurteilte spricht.“ Man beachte das Gleiten des Subjekts von der ersten Person Einzahl („mir“, „mein“) zur ersten Person Mehrzahl („uns“) und schliesslich zum Du („an dir“).
Zu verstehen gibt’s da − wie auch anderswo bei Strauss − kaum etwas; um so mehr gibt es zu ahnen, zu mutmassen, zu imaginieren, auch zu fragen und zu zweifeln: „Inmitten des dichten Zeitvertreibs das schiere dunkle Momentane − den Fluch erkennen, indem vom Fluch getroffen.“ Sic. Aber wie? Wozu? Der Leser ist hier, wie an manchen andern Stellen, unbedingt als „erweiterter Autor“ gefragt, als solcher aber auch privilegiert − ihm bleibt in dunkler Zeit die Sinnbildung aus dunkler Rede überlassen: anvertraut.

[Botho Strauss, Der Fortführer, Reinbek 2018; typografisches Konzept und Ausarbeitung Daniel Sauthoff.]

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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