Infantilia (III)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Noch einmal, viel später, irritierte mich das seltsam gespannte Verhältnis zwischen Wort und Ding, als mein Vater, Jahre nach dem Krieg, wieder regelmässig zu Haus war und gern aus seinem Labor beim Basler Chemieunternehmen CIBA berichtete.
Das Labor befand sich, wie ich an einem Tag der offenen Tür in Mutters Begleitung selbst hatte sehen können, zuoberst in einem vielstöckigen Fabrikgebäude, war rundum verglast, ragte würfelförmig, einem Wintergarten oder einem Treibhaus ähnlich, aus dem damals leicht überschneiten Flachdach. Vaters Aufgabe, vielleicht sogar sein Beruf war es, dort oben gleichsam unter freiem Himmel neue Farbstoffe auf ihre Lichtbeständigkeit zu prüfen, das heisst eingefärbte Materialien aller Art unter wechselnder natürlicher Beleuchtung auszulegen und nach einem eigens erstellten Zeitplan jede, auch die minimalste Verfärbung oder Bleichung zu registrieren.
Dafür gab es eine Vielzahl von Messgeräten, es gab auch einen speziellen Luftblaumesser, mit dem, wie mir Vater erklärte, Stunde für Stunde das „Himmelslicht“ gemessen wurde, um Dauer und Intensität und Wirkung der Einstrahlung auf die Farbproben festzustellen. Das Ziel sei, sagte er, „absolute Farbechtheit“ zu erreichen, zum Beispiel für bunte Sonnenschirme, für Badeanzüge, für Autolackierungen, für Tarnuniformen, ja und überhaupt „für alles Gefärbte“.
Hin und wieder testete er zu meiner Freude eine neu entwickelte Farbe an einem meiner Kleidungsstücke, einem Pyjama, einem Paar Socken, einer Mütze. Besonders beeindruckt war ich aber von seiner Fähigkeit … oder auch nur seiner Behauptung, „weit über hundert Farbtöne von blossem Aug unterscheiden“ zu können. Als ich ihn irgendwann einmal bat, mir alle Namen all dieser Farben aufzuschreiben, winkte er lachend ab: „Daraus würde ein viel zu langes Gedicht.“ Da er daheim aber oft von seinem „Geschäft“ erzählte, erfuhr ich von ihm Dutzende von Farbbezeichnungen, die mir zu jener Zeit völlig unbekannt waren und die ein weiteres Mal die Frage aufkommen liessen, was denn wohl zuerst da war − die Farbe oder ihr Name? Und was „wahrer“ war − der Name oder die Farbe?
Doch wo begann denn also die Wahrheit und wo endete die Wirklichkeit!
Scharlach-, Karmin-, Purpur-, Rosa-, Feuerrot. Zinnober. Ocker. Orange. Rotorange. Gelborange. Normorange. Mittelgelb. Goldgelb. Indischgelb. Zitronengelb. Kadmium. Aquamarin. Türkis. Luftblau. Zyanblau. Indigo. Ultramarin. Kobalt. Pariser-, Bremer-, Preussischblau. Blaugrün. Seegrün. Maigrün. Gelbgrün. Mittelgrün. Grasgrün. Smaragdgrün. Olivgrün. Olivbraun. Kastanienbraun. Krapplack. Umbra. Sepia. Violett. Und so fort.
Vaters Lieblingsfarbe war Mof, er hatte davon (oder dafür) eine spezielle, völlig lichtechte chemische Zusammensetzung entwickelt und diese auch patentieren lassen, in der vergeblichen Hoffnung, die Farbe würde sogleich von der Modebranche entdeckt und weltweit für Damenkleidung lanciert. Vater dachte an Blusen, sich bauschende Röcke, leichte Regenmäntel. − Dass Mof wie Mauve zu schreiben war, fand ich erst viel später heraus. Die seltsam verfremdete Schriftform schien mir zu der künstlich angesetzten Farbe zu passen.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Muhen

Numen (human?). – Who? Men!

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

0:00
0:00