Provinzielle Nachbarschaften (I) 

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Romainmôtier, im Mittelalter eine wichtige Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, gilt heute als „Kraftort“, wird weniger von Bildungstouristen als von Heilsuchenden angesteuert. Unter den in jüngsten Jahren neu Hergezogenen sind auffallend viele Singles, auffallend viele Frauen, auffallend viele Kunsthandwerkerinnen, Physiotherapeutinnen, Yogalehrerinnen. Auffallend viele − bei 237 Einwohnern sind es allerdings doch bloss vereinzelte. 
Zu ihnen gehört seit einiger Zeit die „schöne Schneiderin“ (la belle couturière), Pénélope P., eine junge, ungewöhnlich elegante und gepflegte Frau, die sich hier in ihrem mitgebrachten, neu eingerichteten Nähatelier zwischen unzähligen Stoffballen (aufgerollten Stoffbahnen aller Farben und Qualitäten), einigen mit Jacken, Shawls und Mützen behängten Kleiderständern, einem durchsichtigen Schubladenmöbel für Knöpfe, Nadeln und Fadenspulen, zwei Drehgestellen für Reissverschlüsse, Schnallen, Haken, Rüschen niedergelassen hat. In der Mitte des ebenerdigen Raums, der durch zwei lange Neonröhren grell ausgeleuchtet ist, steht der Arbeitstisch mit zwei Nähmaschinen, einer elektrischen und einer mechanischen mit gusseisernem Pedal.
Als ich kürzlich meinen obersten Hosenknopf verloren hatte, war dies die Gelegenheit, mich mit Pénélope P. bekannt zu machen. Nachdem sie das Knopfloch ausgemessen, einen passenden neuen Knopf ausgesucht und die abgerissenen Fäden des alten entfernt hatte, setzte sie sich auf einen herbeigerückten Schemel und begann bedächtig und wortlos mit dem Annähen. Dabei sah ich hinab auf ihre frische, duftende, locker hochgesteckte Frisur, auf die veilchenblauen Augenlider und die rötlich geschminkten Wangen, die auch in der starken Verkürzung eine rare − ja − Anmut hatten; doch das Anmutigste an dieser anmutigen Frau sind ihre Hände, die auf Höhe meines Gürtels sehr langsam, fast etwas umständlich am Werk waren − mittelgrosse, sehr schlanke und glatte, erstaunlich biegsame Finger mit weinroten, spitzbogig zugeschnittenen Nägeln.
Gut zehn Minuten dauerte die Prozedur. Kein Wort wurde gesprochen. Unter dem Arbeitstisch regte sich hin und wieder Pénélopes dicker Pinscher, regte sich, gluckste, grunzte leis. Das hässliche Tier mit der – wie nach einem Fusstritt – gleichsam nach innen gekehrten Schnauze markierte den animalischen Kontrast zur Schönheit der Frau, die nun den Faden verschlaufte, ihn abbiss, sich dann aufrichtete und in ihrer schwarzen Jeanshose vor mir stand wie ein wächsernes, perfekt modelliertes Mannequin. Kaum hörbar sagte sie: „Fünf Franken.“ Sie sagte es, ohne mich anzusehen, vor sich hin; ich zahlte, sie liess das Geld liegen und wandte sich grusslos ihrem wimmernden Hund zu.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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Wolke und Falke; Kohle auf Laken. – Locke Aale an mit kahler Ahle.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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