„Omnia mea mecum porto.“ Diesen Satz − ein Zitat als Selbstbekenntnis − habe ich von Vilém Flusser, dem ambulanten Kommunikationsphilosophen, der sich gern in der Rolle eines weltweit nomadisierenden Geistesträgers sah: Ich trage all meinen Besitz mit mir. Dazu gehörte die von Flusser gern kolportierte Anekdote, wonach ihm einst seine Ledertasche aus dem Auto gestohlen worden sei, mithin sein tragbares Archiv, das wie üblich zahlreiche Typoskripte, Werkentwürfe, Druckbelege und private Papiere enthielt, insgesamt also eine umfassende Dokumentation zu seinem Status als Autor. Die Tasche sei wenig später mit vollständigem Inhalt in einem Mülleimer gefunden und ihm, dem Besitzer, zurückgegeben worden. Dass der Dieb an dem unersetzbaren Material keinerlei Interesse zeigte und es verächtlich als Abfall qualifizierte, habe er, Flusser, als „ein niederschmetterndes literarisches Urteil“ empfunden.
Ich habe mich an diese Geschichte wieder erinnert, als ich kürzlich im Zug unterwegs nach Bern war, wo ich dem Schweizerischen Literaturarchiv einen Teil meines Vorlasses übergeben sollte. In meinem Rollkoffer führte ich kiloweise Papiere mit, die ich für erhaltenswert hielt, darunter Tagebücher, Korrespondenzen, handschriftliche Gedichte und Werkentwürfe sowie zahlreiche Ausdrucke von Texten, die ich bei Lesungen vorgetragen und zu diesem Zweck mit farbigem (zumeist grünem) Markierungsstift bearbeitet hatte, um Betonungen, Pausen oder die Lesegeschwindigkeit zu vermerken.
Und dazu nun also die Frage: Was hätte ich verloren und was ginge von mir verloren, wenn mir mein Rollkoffer, wie auch immer, abhanden käme … wenn mir sein Inhalt definitiv abhanden gekommen wäre?
Wenn ich meine Schriften in unterschiedlichen Aggregatzuständen aufbewahre und sie nun für die Zukunft archivieren lasse, geschieht dies im Interesse nachrückender Leser (oder literaturkundiger Diebe), die darin authentische Lebensspuren werden vorfinden können. Ich selbst verspreche mir, für meine Person, nichts davon, denn was ich geschrieben habe, habe ich nicht und vergesse es sofort. Als Autor bleibe ich durch meine in der Schrift und in meinem Stil fixierte Schreibbewegung präsent.
Blieben mir meine Texte auch nur bruchstückhaft präsent, würde ich mich dadurch behindert fühlen; ich könnte nicht weiterschreiben, könnte nicht immer wieder Neues schreiben. Ausser bei Lesungen greife ich deshalb nie auf eigene Texte zurück, und wenn ich in diese Ausnahmesituation komme … wenn ich also vor Publikum aus meinen immer schon vergessenen Sachen lesen soll, kommt’s mir vor, als sähe und läse ich sie zum erstenmal; oder noch prägnanter − als entstünden die Texte überhaupt erst bei dieser Gelegenheit, unter meiner Hand, vor meinen Augen.
Wenn ich demnach ohnehin nicht habe, was ich geschrieben habe, können mir meine Texte also durchaus gestohlen bleiben. Dennoch bringe ich sie im Rollkoffer zum Archiv, damit sie dort gelagert bleiben, für bessere, für härtere Zeiten, für spätere, für anders geartete und anders trainierte Leser.
Ohne mich.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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