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Liebe ist sprachlos, sie kennt keine Worte, und es gibt keine Worte für sie. Liebe kommt vor dem Wort, sie ist, indem sie geschieht, und sie geschieht, wie alle Katastrophen, »selbsterfüllend«.

Wer sagt, ich liebe dich, ist immer schon zu spät, spricht nicht die Liebe aus, er bespricht sie bloß, macht sie zur Geschichte.

Daß es beliebig viele Liebesgeschichten gibt, Geschichten, welche Liebe als Erfahrung resümieren oder als Projekt entwerfen, aber keinen Text, aus dem die Liebe … selbstredend … spricht, ist eine ebenso merkwürdige wie triviale Feststellung. Die stärksten dichterischen Dokumente, deren Gegenstand die Liebe ist, sind Dokumente … Geschichten und Romane und Dramen und Gedichte, auch Briefe, Tagebücher … über die Unerfüllbarkeit oder den Verlust der Liebe; Dokumente der Sehnsucht, wie man sie von Sappho, Petrarca, Shakespeare kennt.

Schon Giambattista Vico hat in seiner »Neuen Wissenschaft« als die besondere und »ewige Eigentümlichkeit« aller Dichtung festgehalten, daß »ihr eigentlicher Stoff das Unmögliche als ein Glaubhaftes« sei. Das Noch-nicht, das Nicht-mehr der Liebe sind die Voraussetzung dafür, daß die Sprache der Dichtung … im Namen der Liebe … sich vernehmen läßt.

Wo das Glück der Liebe gefeiert werden soll, versagt die Sprache, indem sie sich versagt. Als Folge davon sinkt sie ab ins Klischeehafte, Kitschige, oder sie verkommt … im günstigeren Fall … zum Lallen. Das unartikulierte Lallen ist der Liebe, wie sie hier und jetzt sich tut, eher adäquat als das vollkommenste Liebesgedicht; denn im Lallen feiert die Sprache sich selbst, so wie im Liebesakt die Liebe, selbst, sich feiert.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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