für Friederike Mayröcker
Die Pelzmütze überm
Lid und ein Alter wie Staub
weißer als fast nur
das Haar strähnt taub
Basthaar Schamanenstroh
Frohlockung der andern
Art in Kapuzen singst du
duzt dich der Traum
rauh aber HEILIG WIE
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Neunzig Neunzeiler sind: ein Strich durch alles
Was können schon neun Gedichtzeilen fassen? Wenig, viel. Momente, Erinnerung, Notate, verkürzte Geschichten. Sie können in der Schwebe lassen, ungerade, wie sie sind, drei mal drei, kein Reim geht auf, etwas franst aus. Auch die Liebe – immer wieder kommt sie vor – in diesen Versen ist ausgefranst, aber sie hält ihr spezifisches Gewicht. Sie hält prekär. Mehr Melodie als Sinn. Und das ist gut so. Gut? Ja, im Gedicht.
Was sich alles in diesen neunzig Neunzeilern auf wundersame und überraschend lebendige Weise tut, mündet – der (von der Autorin verordneten) Strenge zum trotz – in einen Kosmos der Sinnlichkeit, der Phantasie.
Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1997
Lyrische Kammerspiele
− Neunzig lyrische Minidramen, Neunzig Neunzeiler der Dozentin, Kritikerin, Übersetzerin, Dichterin Ilma Rakusa. Neunzig lakonische Erkundungen im weiten Feld der Liebe oder dessen, was sich Liebe nennt. −
Ilma Rakusa ist eine Meisterin der kleinen Form. Ihr verschreibt sie sich mit Passion. Ob Erzählung, Dramolett, Akronym oder, wie in ihrem jüngsten Buch, der Neunzeiler: immer enthält die jeweils im Untertitel genannte Form ein literarisch-poetologisches Programm, das den eigentlichen Titel – hier: „Ein Strich durch alles“ – ebenbürtig zur Seite gestellt werden muss.
Denn die Form, die sich Rakusa von Mal zu Mal vor-schreibt, ist mehr als ein blosses Gefäss für den bereitliegenden Stoff. Sie wird zur Inspirationsquelle, die den sogenannten Inhalt erst eigentlich kreiert. So kann die Form, wo sie glückt, durchaus selbst zum Inhalt werden. Das geschieht nicht nur in den selbstreflexiven, rein poetologischen Texten, sondern auch in Gebilden, die von ganz anderen Dingen sprechen, deren lebensweltliche Dimension vom Formalen scheinbar losgelöst ist. Als Beispiel der folgende Neunzeiler, der einen von der Welt abgeschirmten Innenraum, konkret das Arbeitszimmer der Schreibenden zum Thema hat:
Spielt das Leben nur ausserhalb
der Jalousien? Wer sagt denn
die stille Box mit den Steinfliessen
sei tot? Wer? Hier laufen Lichthasen
und toben Epiphanien der Apfel
fällt lautlos vom Baum und die Grillen
zirpen im Ohr es ist keine Frage
des Willens wo ich bin nämlich
vor der Wand im Papier
Worum geht es in diesen neun Zeilen? Sie lassen sich leicht auf den Begriff bringen: es ist die leidenschaftliche Apologie einer Schriftstellerin, die ihren Ort („wo ich bin – vor der Wand im Papier“) gegen das immer noch gängige Vorurteil verteidigt, demgemäss „das Leben nur ausserhalb / der Jalousien“ sich abspiele. Anhand mobiler Bild-Sequenzen demonstriert sie, dass „die stille Box“ alles andere als „tot“ vielmehr äusserst lebendig ist. Die Bewegungs-Verben („laufen“, „toben“, „fällt“, „zirpen“) sprechen für sich. So dass es am Ende auch für den Leser „keine Frage des Willens“ ist, zu erkennen, dass innerhalb der Jalousien unter Umständen mehr läuft als ausserhalb.
Doch damit ist dieser Neunzeiler noch keineswegs erschöpft. Ohne weiteres lassen sich die lichtdurchlässigen Jalousien mit dem Zeilenfall des Gedichts vergleichen. Hier, auf dem abgezirkelten Boden der kühlen „Steinfliessen“ bzw. des „Papiers“ ist der Ort für „Lichthasen“ und „Epiphanien“ aller Art. Ebenso für den „Apfel“, der wieder einmal „vom Baum“ (der Erkenntnis) fallen muss. Und natürlich auch für die zahllosen „Grillen“, die dem dichterischen Kalkül vielleicht einen „Strich durch alles“ machen. Im knapp bemessenen Raum der neun Zeilen tut sich so buchstäblich eine ganze Welt auf. Eine Welt, die bekanntlich im Wort ihren Anfang nahm; nicht in einem beliebigen Wort, sondern in jenem Schöpferwort, das zugleich Leben und Licht bedeutet. Nicht zufällig sprich Ilma Rakusa in ihren Poetik-Vorlesungen (Farbband und Randfigur, Droschl 1994) von Kunst als einer „Paralleltat“, die „ein Pendant zur Wirklichkeit“ sei: „Eine Schöpfungsgeschichte sui generis.“ Bezogen auf die vorliegenden „Neunzig Neunzeiler“ heisst das, dass jeder für sich, als Facette des ohnehin nie ganz zu sagenden Ganzen, eine Schöpfung en miniature darstellt. Eine Art Mini-Drama, das häufig – und einmal sogar explizit – an die unter Jim veröffentlichten „Sieben Dramolette“ (Suhrkamp 1993) erinnert. Das in einem der Neunzeiler vorkommende Wort „Kammerspiel“ trifft die Tonlage vermutlich am besten; insbesondere dort, wo es um die vielfach variierte Beziehung zwischen Frau und Mann geht. Adam und Eva – nach dem Sündenfall, selbstverständlich. Meistens getrennt, durch Ozeane, Sprachen, Abschiede, Missverständnisse, Streiten, Schweigen und den alltäglichen „Seelenklamauk“.
Gerade im weiten Feld der Liebe oder dessen, was sich Liebe nennt, bewährt sich der Neunzeiler besonders gut. Die von ihm geforderte Lakonie erstickt jedes aufkommende Pathos schon im Keim. Die Prise Ironie, von Ilma Rakusa souverän dosiert, macht noch den schlimmsten Liebeskummer literarisch bekömmlich. Ein in drei mal drei Zeilen (Terzinen) gegliederter Neunzeiler endet folgendermassen: „der Glaube gefriert / das Tagwerk stagniert / das nennt sich Liebe“.
Mit raffiniert gesetzten Reimen und Binnenreimen, mit Assonanzen und Alliterationen und einem zu lautem Lesen einladenden Rhythmus kommt ein weiteres Element dieser Miniaturen ins Spiel: ihre Musikalität. Sie macht, dass ausser dem Intellekt ganz unmittelbar auch die Sinne angesprochen werden. Erinnerung stellt sich ja meist über sinnliche Eindrücke her, über einen bestimmten Klang beispielsweise. So liegt über den der eigenen Kindheit nachsinnenden, manchmal wie Abzählverse daherkommenden Zeilen ein eigener Zauber:
Das Geviert der Kindheit
mit Leuchttum und Bucht
mit Schloss und Buchs
mit Veranda und Fuchs-
märchen mit Strand und
istrischem Sand mit Vater
Mutter und Brandung
mit Lutscheis und Wind
aus dem Karst aber Angst keine
Die erst am Schluss ex negativo zitierte Angst fällt bewusst aus dem Rahmen. Hier drängt sich ein anderes Gedicht auf, wo der mit lauter K-Wörtern harmonisch evozierten Kindheit eine Erwachsenenwelt gegenübergestellt wird, die sich prekär zwischen Schreien und Schweigen hält:
Mit zwei Zungen
Kinderzunge für Kosen
und Küche Kartoffel
für Kleckse Kekse
und Zimmerkatastrophen
die andere schreibt
um nicht zu schreien
die Zäune stehen dazwischen
die Meere und schweigen.
Oder, wie es an anderer Stelle heisst: „Schreibverdacht wie / schrei mich wach“. Schreien und Schreiben, nur durch den stummen Buchstaben „b“ getrennt, aber welch ein Abgrund des Schweigens! – „Sage vom Ganzen / den Satz den Bruch, / das geteilte Geschrei“: So ist es bei Ernst Meister zu lesen. Auch wer sich in Ilma Rakusas Lyrik vertieft, kann lernen, dass stets „alles“ auf dem Spiel steht, obwohl nur ein Bruchteil davon, „ein Strich durch alles“, gesagt wird. In einem der Gedichte steht „alles“ an exponierter Stelle: Allein füllt es die fünfte Zeile aus und teilt so als Mittelachse den Neunzeiler in zwei gleiche Hälften. Dadurch gerinnt das Wort „alles“ selbst zum Strich und streicht den „Wunsch nach dem Ganzen“ durch:
Neun Zeilen die Länge eines
Notats Windstoss ein halber
Gedanke Bild in der Kelle des
Anfangs Bange und Stossgebet
alles
und der Wunsch nach dem Ganzen
Wort wie Hand wie Wärme wie Tango
wie Land auch Landschaft und Heimat
und Meer das sehr fehlt
Das Ganze „fehlt“, denn es ist durchgestrichen. Gleichzeitig aber ist es da in den neun querdurch halbierten Zeilen, wo „ein halber / Gedanke“ mit dem anderen halben ein Ganzes bildet. Wenn Form und Inhalt sich derart symbiotisch verbinden, dass sie austauschbar werden, kann ohne Übertreibung von einem kleinen sprachlichen Wunder gesprochen werden. Es ist das Glück der Wortfindung, das zwar hinter den Jalousien stattfindet und doch im Kontakt mit der Aussenwelt lebt. Dazu passt, dass sich Ilma Rakusa einerseits als Schreibende selbst durchaus kenntlich ins Bild rückt, dass sie andererseits aber, in ihrer Eigenschaft als Dozentin, Übersetzerin und Kritikerin, auch befreundete Autorinnen und Autoren anwesend sein lässt. Die Widmungen einzelner Gedichte an Friederike Mayröcker, Valeria Narbikova, Gennadij Ajgi und Joseph Brodsky zeugen davon. Von anderer, verschwiegener Art ist die private Widmung des Bandes als Ganzem. Erwähnenswert ist sie, weil sie dazu geführt hat, dass eines der Gedichte in „zwei Zungen“ geschrieben ist: auf deutsch und auf englisch. Die beiden Fassungen stehen weit voneinander getrennt, auf den Seiten 11 und 67. Ein diskreter Wink vielleicht, was mit dem „Strich durch alles“ sonst noch gemeint sein könnte.
Charitas Jenny-Ebeling, Basler Zeitung, 15.10.1997
Auf der Suche nach stiller Zeit
− Wer Gedichte schreibt, bleibt an einem Ort und in einer Zeit, unterwirft seine Sprache einem Rhythmus, der nicht vorwärtstreibt, sondern sich vor und zurück bewegt. Was sie zu sagen haben, ordnen Lyriker in zeitlose Augenblicke. Und oft haben sie das das grosse Ganze im Visier. −
„Der Totalitäsanspruch nistet gerade in der Lyrik: alles zu sagen auf wenig Raum, unter Aufhebung der Zeit“, sagt Ilma Rakusa in ihren Grazer Poetikvorlesungen. In ihren neuen Gedichten beschränkt sich Rakusa nicht nur auf „wenig Raum“, sie hat die Länge ihrer Versräume genau abgesteckt und sie kein einziges Mal überschritten: neun Zeilen, keine mehr, keine weniger, hat sie sich für jeden ihrer 90 Texte zugestanden.
Strikte Vorgaben wie diese mathematische Grösse können die Schöpferkraft eindämmen, beengen, sie können aber gerade der Lyrik und besonders der freien, ungebundenen Versform Struktur und Halt verleihen. Gefühlsintensive Äusserungen, Empfindungen und bildhaftes Sprechen bekommen so zusätzlich die Dimension des Rationalen und möglicherweise Schutz vor dem „Zuviel“.
Liebe und Abschied
„Je emotionaler ein Thema, desto mehr verbieten sich für mich Psychologie und Sentiment.“ Diese Bekenntnis zielt ausdrücklich auch auf Ilma Rakusas Handhabung der Lyrik. Die Verspieltheit früherer Gedichte, die einfallsreiche und oft kuriose Aneinanderreihung von Akronym- und Anagrammsätzen – Produkte, eher der Ton- als der Wortkunst zugehörend – ist möglicherweise oder zumindest teilweise im Bereich des Respekts vor „Psychologie und Sentiment“ angesiedelt.
Das Brot ist angebrannt
der Bleistift zittert in der Hand
die Zunge hat den Krampf
die Augen weinen tränenlos
das Herz ist wie ein Kloss
der Kopfschmerz tost
die Schränke stehen leer
das Haus ist still er
kommt nicht mehr.
Liebe und Abschied gehören zu den Themen, die in den Neunzeilern immer wieder anklingen. Und immer wieder geschieht das auch durch ein Aufzählen von Missständen, Missgefühlen. Auf gleichbleibendem, leisem Ton – murmelnd fast – setzt eine Zeile nach der anderen die Aneinanderreihung fort und rhythmisiert so litaneihaft die Verlassenheitsklage. Das Aufzählen dient aber nicht nur der musikalischen Gliederung. Wie eine Bestandsaufnahme – ein Inventar – macht es haltbar, was (noch) vorhanden ist, beschwichtigt, bannt Angst und Traurigkeit.
„Ich schreibe mit dem Ohr…“
Auch im Gedicht „In den Pausen“, wo die Autorin mit Wortwiederholungen arbeitet, beschwört sie mit dem Wort „Schnee“ die Leerstellen in allen Dingen:
In den Pausen zwischen den Bäumen: Schnee
in den Räumen zwischen den Worten: Schnee
in den Mulden zwischen den Häusern: Schnee
in den Gärten zwischen den Zäunen: Schnee
In den Teichen zwischen den Kneipen: Schnee
in den Löchern zwischen den Eichen: Schnee
in den Träumen zwischen den Feldern: Schnee
in den Tellern und Falten: Schnee.
„Ich schreibe mit dem Ohr“, sagt Ilma Rakusa in einer ihrer Vorlesungen, und man glaubt ihr, dass sie sich ihre Sätze laut vorliest, die Melodie prüft, den Pulsschlag, das wellenmässige Kommen und Gehen des Wörterflusses. Denn in ihren Gedichten verwischen sich oftmals die Grenzen von Musik und Sprache. Auch wenn sie beim ersten Durchlesen streng wirken, manchmal spröd und rätselhaft bleiben, so bekommen sie wenn die eigene Stimme mitschwingt, den Klang zurück, der ihnen mitgegeben wurde. Und man beginnt zu verstehen – auch ohne alles zu verstehen.
„… und der Wunsch nach dem Ganzen“ heisst es im Gedicht „Neun Zeilen“. Die Lyrik mit ihrer Verdichtung, ihrer absolut ungeschwätzigen Form der Rede, ist eine gute Begleiterin auf dem Weg nach diesem „Ganzen“ oder, wie eingangs zitiert, dem „Totalen“. Ilma Rakusa hat mir ihren neuen Gedichten die Spurensuche aufgenommen, hat Momente geschaffen, wo die Zeit anhält und sich der Raum auf das Wesentliche beschränkt. Was entstanden ist, sind 90 Werke, verpflichtet dem Stillhalten, dem Schweigen und der hohen Kunst von Musik und Sprache.
Silvia Hess, Zürichsee-Zeitung, 21.2.1998
Schatten fügen sich zusammen – Worte stehen im Stau
− Viel Fremdheit in den formenstrengen Gedichten Ilma Rakusas. −
„Gern lesen heißt, die einem im Leben zugeteilten Stunden der Langeweile gegen solche des Entzückens einzutauschen.“ Das freilich setzt voraus – so vergaß Montesquieu hinzuzufügen −, eine entzückende Lektüre vor Augen zu haben. Nur das gute Gedicht hält das Interesse des Lesers wach und bleibt so fremd, dass Auge und Ohr die Verse immer wieder abtasten. Zugleich glaubt man einem solchen Gedicht, es werde sein Versprechen einlösen können, wobei anders als bei einem Roman nur wenige Zeilen bleiben, um den Eindruck von Vertrauen und Fremdheit zu erregen. Fehlt eines der beiden Momente, erscheint das Gedicht also zu nah oder zu fern, langweilt es gleichermaßen. Langeweile verbindet die beiden Extreme des lyrischen Systems, das bloß Artistische und das Banale.
Ilma Rakusa lässt in ihrem neuen Gedichtband Ein Strich durch alles wenig Zeit für den Balanceakt zwischen Vertrauen und Fremdheit, genauer: neun kurze Zeilen – das allerdings gleich neunzig Mal. Bemerkenswerterweise sollen in diesen neunzig Neunzeilern auch neunzig Erlebnisse Platz finden. Geschrieben jedenfalls sind die Gedichte, wie ein Anhang akribisch notiert, vom 4.6.1995 bis zum 29.3.1997. Die Erlebnisse bleiben dabei so offen wie die lyrische Form: die ungerade Verszahl, die kupierten Zeilen und die wild im Gedicht herumstehenden Reime. Oft geht es um die Liebe, die unerfüllte versteht sich, um Beobachtungen und um Erinnerungen an das „Geviert der Kindheit“. Erst die „Formstrenge“, so Rakusa andernorts in einer kurzen poetologischen Bemerkung, setze ihre „kreativen Energien“ frei.
Neun Zeilen die Länge eines
Notats Windstoss ein halber
Gedanke Bild in der Kelle des
Anfangs Bange und Stossgebet
alles
und der Wunsch nach dem Ganzen
Wort wie Hand wie Wärme wie Tango
wie Land auch Landschaft und Heimat
und Meer das sehr fehlt
Den „Wunsch nach dem Ganzen“ erfüllen diese Gedichte nicht. Die Menschen kommen sich selten näher als auf Telefonkabellänge. Sie verlassen sich, finden nicht zueinander, so wenig wie die Worte, die zerborstenen Sätze, deren Fragmenten kein Satzzeichen hilft, sich zu ergänzen.
Gedichtformen mit neunzeiligen Strophen findet man bis ins 17. Jahrhundert vielfach. Mit dem Glauben an Ordnung und der Ablehnung des Monströsen sterben sie in der Aufklärung so plötzlich aus wie die Saurier, und nur wenige Exemplare haben, wie bei Hölderlin, in Reservaten fürs Ungerade überlebt. Rakusa klont ihre Neunzeiler nicht aus dem Gengut ausgestorbener Gedichte, sie bringt sie überhaupt mit wenig in Verbindung, bleibt dem Artistischen und damit – frei nach Benn – sich selbst verpflichtet.
Ruinen regen die Phantasie an als Verweise im historischen Raum. Rakusas Satzruinen aber fehlt eine Tiefendimension. Sie stellt ihre Form ganz neu in den Raum, verordnet sich deren „Strenge“ selbst.
Der Sommer soll eine Plane sein
ein Panorama weites Haus
und ich mittendrin ohne Abfahrts-
zeiten Fristen Listen
die Birke steht der Tag weht
herein hat seinen Ton
die Schatten fügen sich
zusammen bald schon die Wort
ohne Stau
Zu ihrer Form finden diese Gedichte nicht weniger eigensinnig wie zu ihrem Inhalt: „Immer noch ist es das Ohr, das mir Rhythmus und vieles andere diktiert, das mir zuverlässig sagt: Nein, nein, nein, und plötzlich: Ja.“ Aber weder das Ohr noch das Leben richten sich fortdauernd an neun Zeilen aus, und so sagt das Ohr des Lesers oft zu den sich sehr wohl stauenden Worten nicht „Ja“, sondern „Nein, nein, nein“. Das Auge bleibt an kaum einem der Gedichte hängen. Sie mögen in ihrer Sprödigkeit fremd erscheinen, vertrauenserweckend wirken sie nicht…
Steffen Martus, Berliner Zeitung, 11./12.4.1998
Ein Strich durch alles: Gedichte im Windhauch
− Literarische Vereinigung Winterthur: Ilma Rakusa liest ihre Gedichte. −
Wenn Dichter ihre eigenen Gedichte mit geschulter Stimme vortragen, erblühen sie und beginnen zu leuchten. Sie bekommen eine nuancierte und vom Lyriker gewollte Gewichtung, die sich beim Selberlesen nur selten erschliesst. Die Stimme des Dichters wird zur inneren Stimme des Gedichts, die dem aufmerksamen Zuhörer eine Botschaft zuträgt. Dann verhallen sie im Raum, verflüchtigen sich wie ein Windhauch. Und es ist, als hörte man, wie in Rakusas neuen Gedichten, den Wind über das Meer streichen oder die Birken des Bergells liebkosen.
Schwerelos im Licht
Im Rahmen der Literarischen Vereinigung las Ilma Rakusa gestern aus ihren Neunzig Neunzeilern im Museum Oskar Reinhart, und sie liess ihre Texte im Raum verhallen wie ein Windhauch. Hans Jürgen Balmes, der die Dichterin einführte, fand für ihre Gedichte das schöne Bild des Mobile, das sich im Wind bewegt: schweres Material schwebt leicht und vieldeutig, wie schwerelos im Licht. Dieses Bild ist nicht nur stimmig, es trifft auch den Kern. Es liessen sich viele von Ilma Rakusas Neunzeilern zitieren, die genau diese Beschreibung stützen. Ihre Neunzeiligkeit verrät strenge Form und Zucht, die mit Binnen- und Endreimen sparsam umgeht und Gedankenketten über Brüche hinweg aufs Allerwesentlichste reduziert, immer im Bewusstsein, dass bei drei mal drei Zeilen innere Spannung vorgegeben ist, da etwas herausfallen muss. Ein Beispiel:
Neun Zeilen die Länge eines
Notats Windstoss ein halber
Gedanke Bild in der Kelle des
Anfangs Bange und Stossgebet
alles
und der Wunsch nach dem Ganzen
Wort wie Hand wie Wärme wie Tango
wie Land auch Landschaft und Heimat
und Meer das sehr fehlt
Das Meer! Es gehört zur Kindheit der Dichterin, die u.a. in Triest aufwuchs: in der Kurzerzählung „Gehen“, die sie zwischen zwei Gedichtblöcken ebenfalls vorlas, entwirft sie ihre Vision des Meeres von Dubrovnik, das „wie eine Plastikfolie“ unter der Befestigungsmauer der alten Stadt liegt, ein Tor zur Welt vor uralten Mauern, „ein mit sich selbst beschäftigtes Element“. Es fällt auf, dass neben den grossen Themen Liebe („… weil mein Licht deine Nacht nicht erreichen kann“), Einsamkeit („… wenn das Kind nebenan seine eigene Einsamkeit probt“), Trauer oder Verlust kindlicher Unschuld weitere zentrale Themen aus der Natur kommen: so das Meer und der Schnee.
Es schneite in Leningrad.
Nacht und die Tankstelle
öd wie Brachland, Strassen
Fassaden verwaist ohne
Pracht. Du hast dich auf
leisen Lippen davongemacht
ins Gedicht. So fuhren wir
still und gewichtlos durch
deine Stadt. Sprachen nicht.
(für Joseph Brodsky)
Oder mehrere Leitmotive verschmelzen in einer Gussform:
Spiel kein russisches Drama sagst
du und deine Stimme kratzt mich
wund
nicht ungeschoren fall ich dir ins
Herz das Kind in uns versehrt
verscherzt der Mund
dann raufen wir uns heim zu
unsern Meeren
ich schenk dir deins und du
mir meins in Ehren
Gerade dieses zuletzt zitierte Gedicht zeigt, was reflektiertes Feilen und Sprachzucht vermögen. Es entsteht in neun Zeilen ein grosser Bogen, der in äusserst verknappter Form alles Dramatische zur Sprache bringt, was ein Menschenleben ausmacht: Kindheit und Unschuld, deren Versehrung, Liebe, Heimkehr ins eigene Urbild – das Meer −, Entäusserung durch Verschenken des Wichtigsten. Oder die Stille und Trauer über den Weggang des Freundes, die Beklommenheit über das Gedicht für Joseph Brodsky legen. Sprachlosigkeit als Antwort.
Spontan und ausgefeilt
Ilma Rakusa, die nach der Lesung viel Interessantes über ihre Arbeitsweise preisgab und bei vielen Gedichten mit Hinweisen über den Entstehungsort der Gedichte und die Gemütsverfassung, in der sie sich zum Zeitpunkt der Niederschrift befand, dem Zuhörer auf die Sprünge half, scheint mit dem Neunzeiler eine kongeniale Lyrikform gefunden zu haben, die ihr, wie sie sagt, den strengen Rahmen vorschreibt, in den sie ihre Gedanken fasst. Bedeutungsschwangeres Raunen liegt ihr fern; ganz klar plädiert sie für den spontanen und natürlichen Zugang zu Gedichten ganz allgemein (nicht nur den ihren) und betont, dass lange und feilende Arbeit hinter jedem ihrer Texte steht, bis sie die klare und transparente Form gefunden haben, in der sie im neu vorliegenden Gedichtband publiziert sind. Die Zuhörer erfuhren auch viel Aufschlussreiches über ihre vielseitige Übersetzungsarbeit aus dem Russischen, Serbokroatischen und Französischen und dass Deutsch, trotz multikulturellem Bildungshintergrund, die Sprache ihres differenziertesten Ausdrucksvermögens geworden und geblieben ist.
Den Neunzeilern ist mannigfaltige Leserschaft zu wünschen. Ilma Rakusas Gedichte wecken Assoziationen an Amanda Aizpurietes Kurzgedichte aus Lass mir das Meer und Die Untiefen des Verrats (beide Rowohlt); hier wie dort das Meer als Lebensfolie, hier wie dort eine sinnliche Kraft die sich einer strengen Form unterwirft.
Gertrud Raeber, Der Landbote, 5.12.1997
Auf Novemberwinden
„In Terzinen zu dir“ – so, einigermassen überraschend, beginnt der Gedichtband von llma Rakusa. Terzinen! Die alte dreizeilige Strophenfonn, keine der ganz üblichen, und doch auch in der deutschen Literatur variantenreich gestaltet von Goethe bis Hofmannsthal; eine Form, deren Reim die Beengung der knappen Strophe unterläuft, indem er leise die eine mit der anderen verbindet, ins Unbegrenzte führt – was soll diese Form heute und hier? In Texten, denen durch die Zeilenzahl – „Neunzeiler“! – eine klare äussere Grenze gesetzt wird?
Natürlich findet sich die Terzine nur gerade erwähnt, ein einziges Mal, als ein rasches Stichwort; und das Wort wird sofort in postmoderner Begriffsverschiebung musikalisch und spielerisch ergänzt:
auf Seepferden Airplanes
Fregatten auf Engeln
Amoren verkappten
Submarines
zu dir auf Novemberwinden…
Aber ein leeres Versprechen ist die Anspielung auf die Terzine dennoch nicht; dazu ist llma Rakusa eine viel zu bewusste und raffinierte Autorin. Die Neunzeiler enthalten oft Szenen, die keine Unterteilung erlauben; aber gelegentlich wird durch die strophische Gliederung deutlich gemacht, dass sie aus drei Dreizeilern, eben aus Ansätzen zu Terzinen, bestehen. Und was den Reim angeht: er hat sich gleichsam ins Innere des Gedichts geflüchtet, taucht dort in der Gestalt von Assonanzen und Binnenreimen überaus reizvoll und überraschungsreich auf.
Dass das Gedicht die Autorin anzieht, wohl seit langem angezogen hat, dass sie jetzt in ihm eine neue Entfaltung findet, dieser Eindruck drängt sich bei der Lektüre unabweislich auf; aber ohne Zögern hat sie sich dieser Faszination nicht überantwortet. Es ist etwas Freies, Lockeres in ihren Texten; da finden sich Zwischentöne aller Art, etwas Persönlich-Unmittelbares; da ist Zärtlichkeit und Sehnsucht und Zorn, aber auch Witz und eine kühne, fast freche Brechung des poetischen Vokabulars.
Aber das alles ist so frei und neu nur möglich in der selbstgewählten strengen Form. Der Neunzeiler, so simpel er scheint, ist wahrhaft eine formale Trouvaille: auf einen Streich schafft er die Möglichkeit einer eigenen, unverwechselbaren Form. Im Neunzeiler gibt es keine Verpflichtung zu Reim und gebundenem Rhythmus, aber es gibt Gelegenheit genug, diese einzusetzen und auch wieder aufzuheben, lyrische Formen zu verwenden und zu brechen. Überflüssig zu sagen, dass der Kunstverstand der Autorin dafür sorgt, dass dabei stets die Balance und die Proportionen gewahrt bleiben.
„In Terzinen zu dir“: die Eingangsworte intonieren auch ein Grundthema des Bandes. Die schönsten Gedichte sind Liebesgedichte, und in ihnen – das ist das Besondere daran – wagt die Autorin eine für sie neue, unmittelbare Sprache. Die Zuwendung zu einem Du bestimmt auch die Form; der Gestus der Anrede taucht auf, als eines der formalen Elemente, mit denen die Lakonik der kurzen Gedichte aufgebrochen, das Zyklische des Bandes angedeutet wird. Aber ein lyrisches Tagebuch ist er dennoch nicht. Nicht zufällig sind am Schluss des Bandes die Entstehensdaten der einzelnen Gedichte aufgelistet, deren Wurzeln in Zeit und Raum angedeutet. Doch folgt die Anordnung der Gedichte nicht der Chronologie des Lebens, sondern dem poetischen Willen der Autorin, der keine Verwechslung von Text und Wirklichkeit erlaubt.
Elsbeth Pulver, Neue Zürcher Zeitung, 3.12.1997
Subversive Spiele
– Idylle und Anarchie: Ilma Rakusa und Helga M. Novak. –
Wichtig ist mir eine gewisse Formstrenge, denn erst sie setzt in mir kreative Energien (Phantasien) frei. So sind Akronyme entstanden und neuerdings Neunzeiler, deren ungerade Zahl zu subversiven Reimspielen verleitet.
Diese programmatische, in der Zeitschrift Das Gedicht publizierte Verlautbarung aus der Schreibwerkstatt der 1946 geborenen, in Zürich lebenden Ilma Rakusa macht neugierig auf ihr jüngstes Buch. Wie subversiv kann Lyrik sein und was bedeutet Subversivität in Gedichten?
Der Titel Ein Strich durch alles verspricht viel, doch die unter ihm versammelten neunzig Neunzeiler haben den Charakter von Fragmenten, in denen das Umstürzlerische, die Unterwanderung – in Bruchstücken geliefert – lediglich das Ausfransen von vermeintlichen Gewißheiten bewirkt. Da wird in Momentaufnahmen vom Alltag mit seinen Begegnungen und Reisen, in Erinnnerungsfetzen und Notaten der „Wunsch nach dem Ganzen“ in den Bereich der Utopie verwiesen. Tastend kostet Ilma Rakusa den Klang von Worten aus, Worte „wie Hand wie Wärme wie Tango / wie Land auch Landschaft und Heimat / und Meer das sehr fehlt“. Alle Wirklichkeitsbruchstücke werden aus großer Distanz heraus betrachtet; fremd bleibendes Wortmaterial schwimmt in einem steril wirkenden Raum umher, wird wie zufällig assoziativ aufgegriffen und in einen Neunzeiler gepreßt, der lediglich als Klangkörper bestehen kann. Die Subversivität beschränkt sich auf die mit End-, Paar-, Kreuz- und Binnenreimen, mit Alliterationen und Assonanzen geschmeidig gemachte Materialmontage im Zuge der Moderne. Der Reiz der Verse besteht aus dem Gegensatz von bruchstückhafter (Gedicht-)Wirklichkeit und rhythmisierter, melodiöser Akustik, also letztlich im Widerspruch von kantigem Detail und rundem Ganzen, das als Wunschbild unerreichbar bleibt.
Doch die Spannung, die aus der Konstellation entsteht, wird oft nicht durchgehalten. Die Irritation verpufft, wenn das Gedicht selbst Definitionen mitliefert:
er sirrt und surrt
und faucht biblisches Orchestrion
Oder die Autorin vertraut der Kraft der eigenen Worte nicht und hilft mit Bekräftigungen nach:
Hochzeitsglanz (ja Glanz nicht Kranz).
Daß hier „Voodoo herrscht oder Wahnsinn“ bleibt Behauptung; die Gruppierung der Splitter von Dingen, Tieren, Personen und vom Ich geschieht mit rationalem Kalkül; der Zufall der Komposition wird von Klang geleitet und driftet ins Beliebige ab. Manches liest sich wie die Parodie seiner selbst:
6. immer voran
7. Auf Wortklavieren.
Die überspielen Verwundungen, Einsamkeiten, Leid. So kommt es, daß die Verse mitunter idyllisch scheinen, wo sie doch subversiv sein sollen.
(…)
Dorothea von Törne, neue deutsche literatur, Heft 517, Januar/Februar 1998
Variable Textstrukturen
Ilma Rakusa vertraut im Band Ein Strich durch alles ganz auf die Serie. Neunzig Neunzeiler strukturieren unauffällig variabel Wahrnehmungen aller Art, Stimmungen, Beobachtungen, philosophische Gedanken. Dabei gleiten die Kategorien dieser Wahrnehmungen übereinander und ineinander, was eine schwimmende, eine neue Sicht auf die Dinge ermöglicht.
Mit zeitlichen Kategorien schauen die Texte auf Räume und mit räumlichen Kategorien auf Sprache:
In den Pausen zwischen den Bäumen: Schnee
in den Räumen zwischen den Worten: Schnee
(…) in den Träumen zwischen den Feldern: Schnee
in den Tellern und Falten: Schnee
Beatrice von Matt, aus Beatrice von Matt: Frauen schreiben die Schweiz, Verlag Hubert Frauenfeld, 1998
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Wulf Segebrecht: Mitten ins Gesicht
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.1997
Folke-Christine Möller-Sahling: Ilma Rakusa: „Ein Strich durch alles“
Focus on Literature, Heft 2, 1998
Maria Renhardt: Rodung des Herzens
Die Furche, 2.7.1998
Neun
Zur Zahl Neun scheinst du eine besondere Beziehung zu haben, jedenfalls hast du einen Gedichtband mit neunzig Neunzeilern veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Zunächst hat das nichts mit Zahlensymbolik zu tun. Neun Musen, neun Engelschöre, die neunköpfige Hydra, das ist gut und recht, doch hat es mich ebensowenig beeinflusst wie der Glaube der Kelten, dass die Neun – als Quadratzahl der „göttlichen“ Drei – für das ganze Universum stehe. Zu den Neunzeilern kam ich durch Zufall. Wie das Leben so spielt, habe ich eines Tages drei Gedichte geschrieben – eine absolute Seltenheit für mich, die ich langsam arbeite. Und als ich mir die Gedichte genauer ansah, stellte ich fest, dass sie alle aus neun Zeilen bestehen. Da war die Form geboren. Eine kurze Form, doch lang genug, um vieles auszudrücken. In den folgenden Monaten experimentierte ich damit, gliederte die neun Zeilen mal in regelmäßige Dreiergruppen (3 + 3 + 3), mal in 4 + 1 + 4. Dass die Neun ungerade ist, gefiel mir in mancherlei Hinsicht: Reime gehen nicht auf, immer bleibt etwas übrig. Die Form erwies sich als wunderbar bespielbar. Sonst hätte ich nicht so lange an ihr festgehalten. Im Laufe der Zeit entstanden rund 150 Neunzeiler. Neunzig davon habe ich ausgewählt und zu einem Band komponiert: Liebesgedichte, Widmungsgedichte, Kindheitsgedichte, Naturgedichte, lyrische Momentaufnahmen. Die thematische Vielfalt ist groß, doch dank der Form haben alle Neunzeiler „dasselbe spezifische Gewicht“, wie es Peter Bichsel einmal so schön ausgedrückt hat.
Du hast dich durch die Form also nicht eingeengt gefühlt?
Ganz im Gegenteil. Im Rahmen einer Form, einer bestimmten Vorgabe, kommt meine Phantasie erst recht in Gang. Das „anything goes“ setzt keine Energien frei, es fehlt an Reibung. Nach den Neunzeilern habe ich eine Zeitlang Elfzeiler geschrieben. Die Differenz von zwei Zeilen hat zu anderen Resultaten geführt. Die Gedichte wurden kompakter, mitunter auch erzählerischer. Eine interessante Erfahrung.
Wenn wir schon bei der Form sind: Extrem strenge Gedichtformen habe ich mir nie auferlegt. Vor dem Zwang des Anagramms, bei dem das durch den Titel vorgegebene Buchstabenset in jeder Zeile vorkommen muss, hüte ich mich, das könnte mich wirklich in den Wahnsinn treiben. (Eine der bekanntesten Anagrammatikerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts, Unica Zürn, hat im Wahnsinn geendet.) Doch habe ich viele Akronyme geschrieben, Gedichte, bei denen die Buchstaben des Titelworts jeweils als Anfangsbuchstaben der Wörter in jeder Zeile wiederkehren. Das lässt deutlich mehr Spielraum. Erstaunlich ist jedenfalls, wie zum Beispiel Namensakronyme zum Porträt des Namensträgers werden können, als steckte der Mensch in seinem Namen. Ich habe etliche Akronyme zu Geburtstagen von Kollegen oder Freunden geschrieben, eines auf Peter Handke, ein anderes auf Friederike (Mayröcker). Und wie ich meine, sind daraus echte Hommagen geworden, die viel über die jeweiligen Personen und meine Beziehung zu ihnen verraten.
Ilma Rakusa, aus Ilma Rakusa: Mein Alphabet, Literaturverlag Droschl, 2019
Zwei große Themen,
die mich als Dichterin faszinieren und die ich ständig auch in Ilma Rakusas Texten finde, sind Einsamkeit und Schnee.
Es ist sehr angenehm und sogar gemütlich, über die Einsamkeit, Samota, mit Ilma zu sprechen.
Und das schönste Gedicht (denke ich) über den Schnee wurde auch von Ilma geschrieben.
SCHNEE
In den Pausen zwischen den Bäumen: Schnee
in den Räumen zwischen den Worten: Schnee
in den Mulden zwischen den Häusern: Schnee
in den Gärten zwischen den Zäunen: Schnee
und kalt
in den Teichen zwischen den Kneipen: Schnee
in den Löchern zwischen den Eichen: Schnee
in den Träumen zwischen den Feldern: Schnee
in den Tellern und Falten: Schnee1
Als Hommage an Ilma Rakusa und an diese zwei existentiell wichtigen und geheimnisvollen Dinge teile ich gerne hier ein Gedicht und ein Bild, für Dich, liebe Ilma.
Du hast recht
die wut hat keine manieren
noch ein grund für frauen sie zu lieben und
zu schätzen
der einsame vogel des wörterbuchs
verzappelt sich zwischen buchstaben –
dieses buschwerk mit ästen und zweigenDu rodest Dein herz
ich lese über laternenträgerzikade
schön und gefährlich
diese ausländerin sucht nach einer entsprechenden
seelenbewegung
findet aber einen einsamen vogel
im wörterbuch
Volha Hapeyeva, aus Für Ilma. Ein Buch zum 80. Geburtstag von Ilma Rakusa, Literaturverlag Droschl, 2026
Ilma. Wie „il mare“. Wenn Ilma hereinkommt
(ins manuskripte-Büro z.B.)
Liegt das Bild nahe, dass sich mehr auftut
(noch mehr!) als nur eine Tür. Viel
Meer huscht da herein, der Golfo!, und mit
„Schriftzeichen wie rollenden Wellen“ das
Alphabet der großen weiten Welt der Poesie
(Meer einer femme de lettres).
Ilma. Wie die Luft, die sich verändert, wenn sie hereinkommt,
oder das Wetter,
Lieber noch: wie das Wissen. Jenes z.B., das
– wie ein Wind – aufkommt im
Manuskripte-Büro: Wisset, auch in der Sack- beginnt
die Seidenstraße (Samarkand!).
Ach, Ilma, die in die Ferne Wehende. Teils slovenezianischen,
teils finnisch-uigurischen Ursprungs.
Ilma „ist Viele“. Viele manuskripte-Beiträge z.B.,
nein, z.u.g.G. (zu unserem großen Glück)! Die
Liste meint, es seien nun schon 50 (Jubiläum!)
mit ihren Tankas aus Heft 248.
Meist Erzählungen, nein, Gedichte, stets Partituren,
perfekt interpunktiert, für unvorhersagbare Melodien,
Alle gemeinsam eine Sinfonie, sprich: ein hybrides Buch,
das „geschrieben sein wollte“ (z.u.g.G.!)
Ilma. Ich danke Dir. Für all deine Texte, natürlich auch die
in und über manuskripte. Und für Dein
Liebes Interesse an dem Trottinett des damals noch jungen
neuen Herausgebers (bei eurer ersten Begegnung). Und für
Meine erste Rakusa-Leseerfahrung (das Gedicht Everywhere) –
Soundtrack zu einer eigenen Lebenserfahrung.
Aber v.a. danke ich Dir für Dein „Anders“-Sein, liebe Ilma,
für dein „Dir-selbst-Gehören“,
für die Ethik in Deiner Poetik,
für dein sensibles/sensibilisierendes Reagieren
auf die „Vergröberung“,
für die Ermutigungen in Deinem Schreiben,
z.B. die zum Schreiben,
z.B. die zum Spielen mit Formen und
zum Ausbrechen aus diesen Formen.
Halten wir fest: Ich bin dankbar
für so viel Herz, für so viel Haltung
in einer einzigen, und sei sie noch so grandiosen
Grande Dame.
Ich danke Dir, Ilma,
mit einem Wort-, einem Gedankenspiel:
Hab Dank, Ilma, für Deine
Seeleganz!
Andreas Unterweger
IM SCHWESTERLICHEN FAHRWASSER
für Ilma
ist leicht zu segeln
jahre und jahrgänge ziehen vorüber
doch nicht vorbei du gehst dem nach
was leben ausmacht nicht im ausmachen
im finden und leuchten lassen im text
mit sprachen die dir zur hand sind:
domov, maison, otthon, дом, home…
daraus ein heim baust mit garten und baum
unter dem baum ein mensch mit fernglas
der in blättern zeichen erkennt silben
vom verstehen formt an einem sonnentag am fluss
umgeben von krokussen die ihre lila blüten
durchscheinen lassen im miteinander zu warten
zusammensetzen zu dreifächerigen kapselfrüchten
voller samen
Róza Domašcyna
Silke Behl spricht mit Ilma Rakusa über ihre Literatur und existentielle Schönheit.
Silke Behl spricht mit Ilma Rakusa über ihr Werk und die europäische Geschichte und Gegenwart.
Literarische Selbstgespräche … keine Fragen stellte Astrid Nischkauer – Von und mit Ilma Rakusa
Katja Scholz fragt und Ilma Rakusa antwortet: „Ich kann von Glück reden, wenn mir ein Gedicht an einem Tag gelingt.“
Ilma Rakusa zu Besuch bei Radio Neumarkt und im Gespräch mit Gabi Mezei
Zum 70. Geburtstag der Autorin:
Terézia Mora: Das Geschenk
Neue Zürcher Zeitung, 2.1.2016
Volker Breidecker: Die Fahrende
Süddeutsche Zeitung, 29.12.2015
Zum 80. Geburtstag der Autorin:
Björn Hayer: Die Zaunspringerin
Frankfurter Rundschau, 1.1.2026
Tina Uhlmann: Schweizer Autorin Ilma Rakusa feiert 80. Geburtstag
Salzburger Nachrichten, 2.1.2026
Menschenbilder. Ilma Rakusa zum 80. Geburtstag
oe1.orf.at, 4.1.2026
Marie Luise Knott: Ein Ohrenmensch
perlentaucher.de, 27.1.2026
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + KLG + DAS&D + Archiv + IZA
Laudatio: 1, 2 & 3 + Interview + Lesung
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Ilma Rakusa – Verleihung des Schweizer Buchpreises 2009.









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