Klagejubel

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Franz Schuberts letzte Werke − die Sonate in B-dur von 1828, die Impromptus, das Liedwerk vom Hirten auf dem Fels − gehören für mich (der ich in solchen Dingen und auf solchem Niveau ein bekennender Laie bin) zum Grössten, was europäische Musik seit Bach aufzubieten hat. Viel mehr als „grossartig“ kann ich dazu, da mir die passende Begrifflichkeit fehlt, nicht sagen, schreiben schon gar nicht. Die Kompositionen sind von einer Schönheit, die Gewaltigstes und Subtilstes umgreift, Heiterkeit und Trauer versöhnt, Meisterschaft und Monstrosität produktiv zusammenführt. Diese „letzte“ Musik klingt in meiner Wahrnehmung, zumindest stellenweise, fast schon „postum“, fast schon so, als käme sie nicht von dieser Welt und hätte ihren Ursprung in der unerschliessbaren Ruhezone „über allen Wipfeln“; so, als sprächen aus ihr, wortlos, Jubel, Klage, Sehnsucht, Hoffnung, Verzweiflung gleichermassen. Der „Frühling“ und die „Freud“, die Schubert im Hirt auf dem Felsen vergegenwärtigt, geraten zur Huldigung an das Aufleben und Ableben in einem wohlorganisierten, zugleich sich selbst organisierenden Taumel, der die Schönheit zum Entsetzen hin, das Entsetzen zur Schönheit hin öffnet. Halleluja und Miserere in einem.
Mir ist schon klar, dass derartige Umschreibungen dem Hörerlebnis mit dem letzten Schubert nicht entsprechen können. Ich will aber eigentlich gar nicht viel mehr sagen, als dass deren Herrlichkeit sich − für mich − aus der machtvollen Synthetisierung von offenkundig deregulierter musikalischer Form einerseits, von alles umgreifender Harmonie anderseits ergibt, sich ergibt, ohne dass mir ganz klar würde, inwiefern diese Harmonisierung gewollt und gemacht oder eigendynamisch, während der Schreibarbeit an den Partituren und durch jene Arbeit, entstanden ist.
Der Hirt auf dem Felsen ist ein sorgsam überdehntes Liedwerk in kammermusikalischer Darbietung, synkretistisch komponiert aus Elementen der klassischen Sonate, der Kantate, des Volkslieds, der populären Tanzmusik, verbunden mit manchen Tempowechseln, Wechsel der Tonarten, Themen- und Variantenbildungen, so als würde hier stellenweise geübt oder improvisiert, mit Pausen und Zitaten gespielt. Und doch behauptet sich die Komposition als ein Meisterstück, das Normbrüche und radikalen Eigensinn souverän in sich schliesst − Integration des Disparaten zu einem neuen, ganz und gar unverwechselbaren Melos.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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Wolke und Falke; Kohle auf Laken. – Locke Aale an mit kahler Ahle.

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– Ein Glossar –

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