Gertrud Kolmars Gedicht „Die Tage“

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GERTRUD KOLMAR

Die Tage

Die Tage suchen einsam ihre Stühle
Und sitzen nieder ohne Blick noch Wort.
Der Abend weht. Sie schauern in der Kühle,
Verhüllen sich, stehn auf und schreiten fort.

Doch mancher war, der nicht gelassen blieb,
Der lachend, weinend durch die Stunden tollte,
Mich unbedacht in Gram und Jauchzen trieb
Und zuckend festhielt, als er wandern sollte.

Nur einer kam – im Kleid wie Gras und Sand –
Er trällerte ein rotes Liebeslied,
Nahm, da es Zeit war, lächelnd meine Hand
Und legt’ ein kleines Licht hinein und schied.

nach 1915

aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Hrsg. v. Regina Nörtemann. Wallstein Verlag, Göttingen 2003

 

Konnotation

Drei Weisen des Fortgehens und des unwiderruflichen Verschwindens sind in diesem Gedicht Gertrud Kolmars (1894–1943) festgehalten. Wenn man sich die Lebensgeschichte der als Gertrud Käthe Chodziesner geborenen Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts aus Berlin vergegenwärtigt, wird man immer wieder auf eine unglückliche Liebe verwiesen, die das Leben der Dichterin geprägt hat. So kreist auch das frühe Gedicht „Die Tage“ aus unterschiedlichen Perspektiven um eine Konstellation des Abschieds. Die Einsamkeit wird zunächst an die Jahreszeiten delegiert, dann erst an das lyrische Ich.
Die Kolmar-Biografen verweisen auf die Heftigkeit ihrer unerfüllten und unerwünschten Liebe, die 1915 mit einer Abtreibung endete. Fortan wurde die Sünde ein wiederkehrendes Thema ihrer Lyrik, ebenso wie die Auseinandersetzung mit den entwürdigenden Bedingungen ihrer jüdischen Existenz. 1941 wurde Kolmar zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich ermordet.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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