Ursula Krechels Gedicht „Bruch“

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URSULA KRECHEL

Bruch

Was noch zusammen paßt
was noch zu kitten ist
Wedgwood was bleibt
Wörter wie Scherben im Mund

daß niemand sich schneide
daß kein Splitter verloren gehe
niemand klagt übers Verschüttete
Wörter und keine Vasen.

1985

aus: Ursula Krechel: Ungezürnte Gedichte, Lichter, Lesezeichen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Etwas ist zu Bruch gegangen und hinterlässt Splitter, Scherben und Verletzungen – es ist nicht nur das berühmte Porzellan aus englischer Produktion, sondern auch eine sprachliche Ordnung. Die Dichterin Ursula Krechel (geb. 1947) sucht die Bruchstellen in unseren Sprachsystemen auf und versucht die „lexikalischen Streuner“, die einzelnen Wörter nämlich, in einer Art und Weise zusammenzufügen wie „eine sich sammelnde und in einem Magnetfeld ausrichtende Energie“.
Aber was lässt sich noch zusammenfügen zu einem Gedicht, wie kann man die Fragmente „kitten“? Ursula Krechels erstmals 1985 veröffentlichtes Gedicht spricht primär von den Verletzungen, die ein „Bruch“ hinterlässt: „Wörter wie Scherben im Mund“. Und markiert nach einer Reihe von Alliterationen („Was – Wedgwood – Wörter“) eine Differenz: „Wörter und keine Vasen“. Es geht im poetischen Produktionsprozess um die Rekonstruktion einer Ganzheit.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010

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