Ursula Krechels Gedicht „Nachtrag“

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URSULA KRECHEL

Nachtrag

In den alten Büchern
sind die Liebenden vor Liebe
oft wahnsinnig geworden.
Ihr Haar wurde grau
ihr Kopf leer
ihre Haut fahl
vor Liebe, lese ich.

Aber nie ist jemand
wahnsinnig geworden
aus Mangel an Liebe
die er nicht empfand.
Auch das steht
in den alten Büchern.

So hätte denn der Mangel
einmal sein Gutes.

1970er Jahre

aus: Ursula Krechel: Ungezürnt. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Was die Liebe als Passion anrichten kann, wird hier mit kühler Ironie resümiert. Ursula Krechel (geb. 1947) spricht nach Art eines nüchternen Historiographen von den Folgen überbordender Affekte – und auch von dem Mangel an denselben. Und nur in diesem Fall einer emotionellen Überhitzung von Liebesgefühlen kann ein Mangel hilfreich sein.
In den 1970er Jahren, in denen dieser Text entstanden ist, hat Ursula Krechel die Mitteilungs-Funktion der Sprache des Gedichts noch nicht so systematisch problematisiert wie in späteren Büchern, in denen den Wörtern als „semantisch ungebundenen Gesellen“ und „lexikalischen Streunern“ immer mehr etymologische Recherchen abverlangt werden. Und dennoch markiert dieses Gedicht einen schroffen Gegensatz zum Gros der Liebespoeme aus dieser Zeit. Hier werden die Liebe und ihre Leidenschafts-Reservate nicht per se glorifiziert. Primär ist dagegen die ironische Distanz gegenüber dem Toben der Affekte.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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