2018-05-15

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Grauer Maitag, feinster Nieselregen, Abendstimmung schon am frühen Vormittag. Ich entscheide mich beim morgendlichen Ausgang für die Kurzstrecke über Champbaillard durch den Wald am Hang von Envy.
Der Boden ist durchnässt, aufgeweicht; beim Gehen sinke ich leicht ein, muss die Schuhe bei jedem Schritt mit einem kleinen Ruck aus dem matschigen Weggrund ziehen − ein leiser Schmatzlaut jedes Mal.
Gehe eine Weile „vor mich hin“, Blick gesenkt, nachdenklich, deshalb unaufmerksam.
Bis mir plötzlich, links und rechts des Wegs, eine grüne Bewegung auffällt, auf Kniehöhe ein lautloses Rauschen, ein Wedeln und Nicken, und − wieder ganz plötzlich − glaube ich hoch überm Weg zu schweben und tief unter mir eine Triumphstrasse zu sehen, die beidseits von einer applaudierenden, grün uniformierten Menge gesäumt ist. Man winkt mir zu, man geleitet mich mit Sympathie. Es ist, als träumte ich (als träumte mir) die Szene bei unsicherem Schreiten mit geschlossenen Augen.
Seltsamer Verfremdungseffekt.
Denn natürlich wird mir schon nach ein paar Sekunden klar, dass da kein Traum, auch keine Magie am Werk ist; dass vor und neben mir am Wegrand − auf feinen Stengeln − in mehreren Reihen − hauchdünne, horizontal stehende Blätter wippend sich auf und ab bewegen − wie kleine, grüne, massenhaft gereckte, weit gespreizte Hände.
Sieht aus, als sollte ich in vorgegebenem Takt und … aber in vollkommener Stille beklatscht werden: Es ist der leichte Bodenwind, der die Stengel biegt und ins Wiegen bringt, nur für Momente, nichts Besonderes, und doch …
… und doch wird es mir zum einmaligen Ereignis.
Beiläufige Sensation ohne jede Bedeutung. Gruss und Willkomm für den, der in eben diesem Moment ganz zufällig vor Ort ist. Und der, der eben jetzt zufällig hier vor Ort ist, bin ich; es könnte auch jemand anderes sein.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Satyr

hält Rast, rüstet sich zur Tat, rast zur Tür.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

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