Peter von Matt: Zu Bertolt Brechts Gedicht „Der Bauch Laughtons“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Bertolt Brechts Gedicht „Der Bauch Laughtons“. –

 

 

 

 

BERTOLT BRECHT

Der Bauch Laughtons

Sie alle verschleppen ihre Bäuche
Als wäre es Raubgut, als würde gefahndet danach
Aber der große Laughton trug ihn vor wie ein Gedicht
Zu seiner Erbauung und niemandes Ungemach.
Hier war er: nicht unerwartet, doch nicht gewöhnlich
Und gebaut aus Speisen, ausgekürt
In Muße, zur Kurzweil
Und nach gutem Plan, vortrefflich ausgeführt.

 

Der Körper als Kunstwerk

Man achte auf das Wortspiel in der dritten Zeile. Der englische Schauspieler Charles Laughton besaß einen mächtigen Bauch. Das wissen einige Kinogänger noch aus seiner legendären Verkörperung König Heinrichs VIII. Die meisten aber wissen es seit seiner Rolle als Strafverteidiger im Film Zeugin der Anklage mit Marlene Dietrich.
Brecht lernte Laughton 1944 in Kalifornien kennen. Die beiden kamen einander näher. Sie arbeiteten zusammen an der Übersetzung des Galilei, und Laughton spielte die Titelrolle bei der Uraufführung des Stücks in Beverly Hills. Das war 1947. Im Publikum saßen Charles Chaplin und Ingrid Bergmann, Anthony Quinn, Gene Kelly und Frank Lloyd Wright.
Laughton besaß einen großen Garten am Rand einer Felswand über dem Pazifik. Er pflegte ihn mit Leidenschaft und täglicher Sorge. Gelegentlich stürzte ein Stück der Anlage ab. Dann flüchtete sich Laughton zu Brecht, um bei ihm zu trauern. Der Dichter schrieb ein langes Gedicht über diesen Garten, „Garden in progress“. Am Schluß erwähnt er die Erdrutsche und schließt mit dem Satz:

Anscheinend
Bleibt nicht mehr viel Zeit, ihn zu vollenden.

Garden in progress spielt an auf work in progress. So wollte Brecht das Kunstwerk verstanden wissen: immerzu in Veränderung. Laughtons Garten wird durch diesen Titel symbolisch für alle Kunst. Der ironische Schluß, der die Vollendung mit dem Untergang zusammen sieht, bezieht Position gegen die Vorstellung vom Ewigkeitscharakter der großen Werke. Aere perennius, dauerhafter als Erz, hatte Horaz seine Dichtungen genannt. Da hatte Brecht etwas dagegen. Wirklich?
Man achte auf das Wortspiel in der dritten Zeile. Während sich die meisten Bauchträger ihrer Leiblichkeit schämen und sie zu verstecken suchen, als hätten sie sie gestohlen, macht Laughton es anders. Er trägt seinen Bauch „vor wie ein Gedicht“. Das Wortspiel operiert mit dem Doppelsinn von „vortragen“: rezitieren oder vor sich hertragen. Laughton war ein großer Rezitator. Er las Shakespeare-Stücke in kleinem Kreis vor. So einmal in Anwesenheit Brechts den Sturm. Brecht notierte sich zu Hause:

Er hockt vor einer herrlichen Standuhr in bayerischem Barock, auf einem weißen Sofa, mit gekreuzten Beinen, so daß nur sein buddhaähnlicher Bauch sichtbar ist, und liest…

Shakespeare und Buddha und der bayerische Barock: viele Mythen des Bertolt Brecht schießen da zusammen und werden gegenwärtig in dem eminenten Bauch. Kurz nach diesem Abend entstand das Gedicht.
Indem der große Rezitator seinen Bauch „vorträgt“, wie er auch Shakespeare vorträgt, wird der Körper zu einem Kunstwerk. Laughtons Garten und Laughtons Bauch, beide verwandeln sich in Brechts Gedichten zu Sinnbildern der Kunst. Deshalb kann vom Bauch gesagt werden, was auch von einem guten Stück gilt: Er sei „nach gutem Plan, vortrefflich ausgeführt“. Dieser Plan ist die kühnste Behauptung des Gedichts. Nicht nur habe Laughton seine Speisen sorgsam ausgewählt, heißt das, sondern er habe dabei auch stets an die wachsende Wölbung seines Leibes gedacht und sie von Mahl zu Mahl in eine bessere Form gebracht.
Aber doch alles nur sich selbst zulieb und aus Freude am Genuß – „in Muße, zur Kurzweil, zu seiner Erbauung“. Soll das denn nun auch für das Kunstwerk gelten? Wird da die Metapher nicht frivol? Im Gegenteil. Brechts sublimste Utopie zeichnet sich hier ab. Wenn eines Tages jede Arbeit Genuß ist und jeder Genuß produktive Arbeit, dann rückt das Ziel der Geschichte, die „große Produktion“, in Sichtweite. Etwas davon nimmt Charles Laughton vorweg in der Erschaffung seines Bauches.
Aus der vergänglichsten aller Künste, der Kochkunst, hat Laughton sein abgerundetes Kunstwerk geschaffen. Der Bauch wird zum Denkmal zahlloser vollkommener Mahlzeiten. Doch auch dieses Monument ist vergänglich. Es hält nur wenige Jahrzehnte vor. Und da tritt nun Bertolt Brecht ein und erbaut mit seinen Versen diesem vergänglichen Monument seinerseits ein dauerhaftes Denkmal. Wenn nicht aere perennius, so doch gewiß ventre perennius, dauerhafter als jeder Bauch. Erscheint nicht sogar Laughtons Silhouette in der typographischen Umrißlinie des Gedichts?

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009

Carl Hanser Verlag, 2009

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Rondo

o Dorn!? – (nordischer Mond? oder Donner?)

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

Endnoten

0:00
0:00