– Zu Heiner Müllers Gedicht „Geschichten von Homer“. –
HEINER MÜLLER
Geschichten von Homer
I.
Häufig redeten und ausgiebig mit dem Homer die
Schüler, deutend sein Werk, ihn fragend um richtige Deutung.
Denn es liebte der Alte immer sich neu zu entdecken
Und gepriesen geizte nicht mit Wein und Gebratnem.
Kam die Rede, beim Gastmahl, Fleisch und Wein, auf Thersites
Den Geschmähten, den Schwätzer, der aufstand in der Versammlung
Nutzte klug der Großen Streit um das größere Beutstück
Sprach: Sehet an den Völkerhirten, der seine Schafe
Schert und hinmacht wie immer ein Hirt, und zeigte die blutigen
Leeren Hände der Söldner als leer und blutig den Söldnern.
Da nun fragten die Schüler: Wie ist das mit diesem Thersites
Meister? Du gibst ihm die richtigen Worte, dann gibst du mit eignen
Worten ihm unrecht. Schwierig scheint das uns zu begreifen.
Warum tatst dus? Sagte Homer: Zu Gefallen den Fürsten.
Fragten die Schüler: Wozu das? Der Alte: Aus Hunger. Nach Lorbeer?
Auch. Doch schätz er den gleich hoch wie auf dem Scheitel im Fleischtopf.
II.
Unter den Schülern, heißt es, sei aber einer gewesen
Klug, ein großer Frager. Jede Antwort befragt er
Noch, zu finden die nicht mehr fragliche. Dieser nun fragte
Sitzend am Fluß mit dem Alten, noch einmal die Frage der andern.
Prüfend ansah den Jungen der Alte und sagte, ihn ansehnd
Heiter: Ein Pfeil ist die Wahrheit, giftig dem eiligen Schützen!
Schon den Bogen spannen ist viel. Der Pfeil bleibt ein Pfeil ja
Birgt wer im Schilf ihn. Die Wahrheit, gekleidet in Lüge, bleibt Wahrheit.
Und der Bogen stirbt nicht mit dem Schützen. Sprachs und erhob sich.
Die Dichter und die Macht
Ein Gedicht kann aufs Schafott führen. Das ist eine historische Tatsache. Leider, aber seit Jahrtausenden. Wo die Wahrheit von der Obrigkeit genehmigt werden muß, wird ein Vers so leicht zum Verbrechen wie der Dolch im Gewande. Dann tritt der Henker an, der amtliche oder der heimlich abgeschickte.
Schriftsteller sind keine Märtyrer. Wer es von ihnen verlangt, wird selbst zum Verfolger. Dennoch stehen sie unter der Wahrheitsverpflichtung. Um der Kunst willen. Diese ist nämlich mit der Wahrheit in geheimnisvoller Weise verknüpft. Es gibt dafür bis heute keine schlüssige Theorie.
Heiner Müller lebte in der DDR. Dort mußte die Wahrheit von der Obrigkeit genehmigt werden. Deshalb beschäftigte ihn, was ein Dichter mit den nichtgenehmigten Wahrheiten anfangen soll, wenn es ohne sie für ihn keine Kunst gibt und ohne diese Kunst kein Leben.
Er war Dramatiker. Dramatiker denken in Szenen, auch wenn sie Gedichte schreiben. So packte er das Problem mit zwei Szenen an. In Hexametern, denn es ging um den Fall Homer.
Müller zeigt ihn als leutseligen Mann; den irdischen Genüssen zugetan, ohne Eignung zum Märtyrer. Er hat die Ilias: geschrieben, seine Schüler bewundern ihn, das gefällt ihm, er lädt sie dafür zu Tisch. Sie machen sich allerdings ihre Gedanken zu seinem Werk und rücken ihm damit auf den Leib. Zur Debatte steht ein Auftritt im zweiten Gesang. Den Griechen geht es schlecht vor Troja. Die Generäle sind zerstritten. Achilles streikt. Viele sind für eine vorzeitige Heimkehr. Odysseus versucht, die Schmach zu verhindern, verlangt Durchhalten, stellt den Soldaten schöne Trojanerinnen in Aussicht, jedem mindestens eine nach dem Sieg. Da erhebt sich Thersites in der Menge, häßlich, verwachsen, ein Schandmaul. Er greift den obersten Heerführer mit wüsten Worten an. Selbstsüchtig sei Agamemnon, gierig, bereichere sich mit Gold und mit Frauen. Er ruiniere das Heer. Man solle ihn doch allein zurücklassen vor der Stadt, vielleicht merke er dann, wie es mit seiner Allmacht bestellt sei. Jetzt greift Odysseus wieder ein. Er redet scharf dagegen und verprügelt den Schimpfer. Dieser heult auf, dann verstummt er schniefend. Großes Gelächter.
Was in der Darstellung Homers als heroischer Akt gegen einen Feigling erscheint, ist auch eine Maßnahme zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Denn Thersites hat recht in Sachen Agamemnon, obschon Homer diesen zum „Hirten der Völker“ erklärt. Darauf reagiert Müllers Gedicht, reagieren die Schüler Homers. Du nimmst, sagen sie, Partei für das Unrecht. Du legst die Wahrheit einem elenden Wicht in den Mund und machst sie damit wertlos. Warum? Um zu überleben, sagt Homer, um des Lorbeers auf dem Kopf und eines Lorbeerblatts im gefüllten Fleischtopf willen. Dichter sind auch nur Menschen. Sie wollen leben. Dafür müssen sie gelegentlich die Wahrheit opfern.
So weit Teil I. Er verlangt Mitgefühl mit den angepaßten Poeten in einer Diktatur. Man kann es aufbringen, lustlos. Auf Verse darüber hat man nicht gerade gewartet.
Jetzt aber Teil II. Er akzeptiert die Lösung nicht. Und weil Müller Dramatiker ist, also in Szenen denkt, akzeptiert ein gescheiter Schüler die Lösung nicht – dieser gewaltige Dichter und diese klägliche Antwort? Er fragt nach, heimlich, im Vertrauen. Nun spricht der Alte tatsächlich anders, mit einem seiner berühmten Gleichnisse. Daß die Wahrheit laut wird im Werk, ist wichtiger als ihre Bewertung. Auch verhüllt und verdeckt, selbst beschimpft bleibt sie furchtbar. Wenn der Autor nur den Bogen bereitstellt und irgendwo den geschliffenen Pfeil versteckt, wird der Schuß eines Tages losgehen. Er aber entkommt dem wartenden Henker, und seine Kunst überlebt.
Das betrifft nun nicht nur die versunkene DDR und ihre Autoren, auch nicht nur Brecht, dessen Verse in Müllers Gedicht anklingen, dessen Gestalt hinter Müllers Homer sich abzeichnet. Die Literaturgeschichte ist reich an Fällen, in denen Verbotenes nur ausgesprochen werden konnte aus dem Mund von Schurken und Bösewichtern. Richard III. nimmt in seinen Monologen Voltaire und Camus vorweg. Karl Moor ist ein gutmütiger Rabauke verglichen mit dem verwegenen Intellekt seines Bruders Franz, der Kanaille. Beide nehmen ein schlimmes Ende, zur Befriedigung der Zeitgenossen. Ihre Pfeile aber fliegen heute noch.
Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009








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