– Zu Karl Kraus’ Gedicht „An den Schnittlauch“. –
KARL KRAUS
An den Schnittlauch
O gutes Grün, wie sprichst du mich zärtlich an,
Wie heilig schweigst du von dem Geheimnisse.
aaaDu letzter Schmuck der armen Mutter,
aaaaaaDie ihren Schoß mit der Söhne Blut färbt.
Daß du zugleich bist und daß mit dir zugleich
Der Wille lebt, an dem eine Menschheit stirbt –
aaaAch, irdisch Unmaß! und dir wird nicht
aaaaaaFahler die Farbe, du grüne Hoffnung.
O letztes Leben und wie das Leben auch
Verkannt, du Anbot wahrster Bescheidenheit,
aaaDu selbstgenügsam stille Pflanze,
aaaaaaDie nur wie Schnittlauch schmeckt und duftet.
Nach etwas suchend, welches kein andres ist,
Im Kreis des Lebens, das im Ersatz sich lebt,
aaaBloß deine gute Gabe sah ich,
aaaaaaChemischem Zauber unerreichbar.
Daß gleichwohl, grüne Freundschaft, du eßbar seist,
Wenn auf dem Teller treu du dich hingestreut –
aaaEs rührt noch von dem alten Hunger.
aaaaaaStets hat der Mensch von der Seele gegessen.
Eine letzte Hoffnung
Das Gedicht ist ernst wie der Tod. Man erwartet das nicht. Wer den Titel liest, denkt an Scherzpoesie, angesiedelt irgendwo zwischen Morgenstern, Ringelnatz und Robert Gernhardt. Die Irritation, die entsteht, sobald man erkennt, daß es hier wahrhaftig um die letzten Dinge geht, ist schwer erträglich. Rosen, ja. Lilien, ja. Astern, ja. Auch Zypressen und Weiden könnten wir mit Tod und Vernichtung noch irgendwie verbinden – aber den Schnittlauch?
Kraus will diese Irritation. Wir sollen erkennen, in welchen Klischees wir denken und fühlen, mit welchen Klischees im Kopf auch die erfahrenen Leser lesen. Die alkäische Ode ist eine der feierlichsten Formen, in denen ein deutsches Gedicht auftreten kann. In diesem Maß hat Hölderlin den Main und den Neckar gefeiert, hat er Diotima angerufen und den Sonnengott und den gefesselten Strom. In diesem Maß redet Karl Kraus zum Schnittlauch.
Das Gedicht erscheint in der Fackel vom 16. November 1916. Es sind Monate, die zu den furchtbarsten des 20. Jahrhunderts gehören, zu den furchtbarsten der Weltgeschichte. Der Erste Weltkrieg ist in den Grabenkämpfen festgefahren. Von Februar bis Juni 1916 wurde Verdun berannt; 335.000 deutsche, 360.000 französische Soldaten starben im Dreck. Wer zählte die Verstümmelten? Seit Mitte Juni tobt die Schlacht an der Somme, 400.000 englische, 200.000 französische, 400.000 deutsche Tote. In Italien folgt am Isonzo eine Schlacht auf die andere, jetzt, im November, steht man bei Nummer 9.
Karl Kraus ist der unerbittlichste Chronist dieses Krieges. Vom ersten Tag an hat er ihn bekämpft, als fast alle andern Autoren ihn noch bejubelten. Mit jeder Nummer der Fackel deckt er neue Nuancen des öffentlichen Lügensystems auf, das die Schlächtereien ermöglicht. Oft setzt er kommentarlos das nackte Zitat ins Blatt. Es entlarvt sich selbst. Die kollektive Verblendung nährt sich von jedem einzelnen unwahren Satz. Schon in einem Komma kann der Wahn stecken. Ende 1916, im dritten Kriegsjahr, beginnen die Kulissen zu reißen. Die farbigen Uniformen verschwinden; die Soldaten werden schlammfarben. Europa hungert, friert, verarmt. So hatte man sich das nicht gedacht. Und wie in einer schrillen Parodie auf die falsche Sprache der Propaganda treten jetzt die Imitate an die Stelle der alltäglichen Nahrungsmittel. „Ersatz“ ist das neue Wort: Brotersatz, Käseersatz, Butterersatz, „Ei-Ersatz aus Schlemmkreide mit Backpulver“…
Kraus registriert alles, Tag für Tag. Und vor dem Hintergrund der hingeschlachteten Jugend, des Ersatzbrotes und der allgegenwärtigen Ersatzsprache feiert er eine Pflanze, die ganz einfach ist, wahr und ehrlich und unverfälschbar. Kraus’ Kampf gegen die Verlogenheit des öffentlichen Redens und der Kampf seines Freundes Adolf Loos gegen die Verlogenheit der dekorativen Architektur finden beide in dieser Pflanze ihr berührendes Sinnbild. Wer das unpoetisch findet, sollte seinen Poesiebegriff überdenken.
„Anbot wahrster Bescheidenheit“ ist das grüne Kraut. Das österreichische Wort Anbot meint bei Kraus Anblick, Verkörperung, Erscheinung. „O rührend Anbot in der Zeit des großen Sterbens“, spricht er in einem Gedicht aus dieser Zeit eine Schwangere an. Wie die Energie der Wahrheit erscheint ihm das dauerhafte Grün, der kräftige Geruch und Geschmack der verachteten Pflanze. Die Erde ist ihre Mutter, die Erde ist auch die Mutter der hingemähten jungen Soldaten, die alle so gerne gelebt und geliebt und etwas geleistet hätten, als sie in den Krieg geschickt wurden von alten, wahnbesetzten Männern in Dekorationsuniformen.
Was lebt, ist beseelt. Davon spricht der Schluß. Es sind alte Lehren, griechische und indische, daß die Pflanzen und Tiere ihre Seele hätten wie der Mensch und daß sich also der Mensch auch von deren Seele nähre. Die Vereinigung mit der „hingestreuten“ grünen Gabe ist das „Geheimnis“, von dem schon die zweite Zeile spricht. Während der Wille zum Töten und Lügen die Menschheit dezimiert, wie die zweite Strophe klagt, versichert sich der Autor im Essen dieses „guten Grüns“ fast rituell der Möglichkeit, trotz allem wahr und ehrlich und gütig zu sein.
Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009








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