– Zu Robert Walsers Gedicht „Was fiel mir ein?“. –
ROBERT WALSER
Was fiel mir ein?
Ja, es war hübsch für mich, mich nach der Göttin
zu sehnen, alle Plätze, alle Straßen hatten
ein Ansehn wie von reicherer Lebendigkeit.
Wie war’s mir mannigfaltig in der Seele, seit
ich sie für auserlesen herrlich hielt,
obschon ich offenherzig zu mir sprach: „Sie schielt.“
Das Fehlen der vollkommnen Schönheit
gab mir zu glauben Grund, sie sei die Schönste,
da Zärtlichkeit ja doch die Bildnerin
selbst ist. Wie kühl ist mit der Zeit das Herz mir
geworden. Habe ich den Schmerz vergessen,
der eigentlich das Sonnigste des Lebens ist,
woran ich mich erquickte, wie ich noch an keinem
Vergnügen hing? Wann ging die feine Stäubung
dem Schmetterling in mir verloren?
Wann fing es an, wann, wo begann, was mich
entfärbte, weshalb war’s mir eines Tages nicht
mehr möglich, süß um sie zu sterben, so
wie Liebende den blumenduftenden
Tod verstehen? Sieht für mich nun alles wie
entzaubert aus, doch müssen nicht die andern
auch lieblos durch das lange Leben wandern?
Was fiel mir schönheitstrunkner Seele ein?
Weltverfinsterung
Sind das nicht zwei Gedichte? Verschieden im Klang, in den Bildern, in der Art des Redens? Beginnt im zehnten Vers nicht ein anderer Text? Dieser ist herzzerreißend, während der erste Teil in der Art von Walsers Prosastücken daherplaudert. Gewiß, auch der Anfang ist doppelbödig. Er umspinnt eine seltsam schrille Dissonanz – „Sie schielt“ –, als müßte sie entschärft werden. Er reflektiert mit zierlicher Umständlichkeit, ist „hübsch“ im Walserschen Sinn und kann nachdenklich machen – ergreifend ist er nicht. Ergreifend, erschütternd werden die Verse erst nach dem Satz: „Wie kühl ist mit der Zeit das Herz mir geworden.“
Das Bewegende daran liegt nicht nur in der Mitteilung, daß einem glücksmächtigen und trauerstarken Menschen die Gefühle in der Brust absterben, daß er die Aufschwünge des Entzückens ebenso verloren hat wie die Sehnsucht und jene „unendlichen“ Schmerzen, welche die Götter, nach den Worten des achtundzwanzigjährigen Goethe, „ihren Lieblingen ganz“ geben. Außerordentlich sind die Zeilen deshalb, weil sie den Verlust der Schönheit und das Ende des Werbens um den Zauber der Welt aussprechen mit Worten von magischem Glanz. Über die hereinbrechende Nacht wird in einer Sprache geredet, durch die zum letzten Mal das Licht fährt wie durch blühende Bäume.
Ein Blick auf die grammatische Beschaffenheit des Textes zeigt, warum dies möglich ist. Die zweite Hälfte des Gedichts besteht aus lauter Fragesätzen. Aus ihnen entspringt die Paradoxie. Es sind die alten Fragerufe der Elegien: Wo seid ihr? Wo ist das Glück geblieben? Wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen her? Die rhetorische Frage, die den Verlust bestätigt, nennt das Verlorene noch einmal und gewinnt dabei einen Widerschein von dessen Schönheit. So heben, um das gewaltigste Beispiel zu nennen, die elegischen Fragen in Hölderlins „Archipelagus“ durch ihre inständige Wiederholung die versunkene Herrlichkeit der griechischen Welt ans Licht empor.
Allerdings sind Walsers Fragen nicht nur rhetorisch. Der hier spricht, weiß, daß er am Kaputtgehen ist. Die Wüste wächst, um ihn und in ihm. Aber warum das so ist, weiß er nicht. Das Pathos der großen Elegie wird begleitet von einer rührenden Hilflosigkeit. Während sich Hölderlin am prophetischen Gestus aufrichtet und darüber einen öffentlichen Ort gewinnt, ist Walser ganz auf seine Zimmerexistenz zurückgeworfen. Er hat nur sich und seinen Koffer.
Er ist der Alleinstehende schlechthin, der „Zimmermann“ im wörtlichsten Sinn. So nennt er sich tatsächlich einmal, in den „Prosastücken“ von 1916, und sein Bruder Karl, der große Maler, hat den Text illustriert und den Dichter gezeichnet, wie er in seinem Zimmer auf dem Koffer sitzt, nachdenklich, den Chaplin-Hut auf dem Fenstersims, ein Anachoret der Moderne.
Kein Anachoret ohne seinen Gott. Hier ist es eine Göttin. Der Mann in den billigen Zimmern hat mit ihr gelebt, bis „es anfing“. Sie schwebte vor ihm als Ziel der Sehnsucht, und doch wußte er genau, daß er sie selbst in den Raum strahlte, mit seinen farbenschaffenden Augen, seiner farbenschaffenden Seele, Schmetterlingsseele. Nicht aus einem tatsächlichen Himmel stieg diese Gottheit nieder wie einst die Engel zu den Wüstenvätern, sondern er strahlte sie in den Raum, und dann sehnte er sich nach ihr, und sein Glück schien ihm größer als das aller andern. Eine Frau im Kaffeehaus, am Tisch schräg gegenüber, konnte zur Göttin werden, oder die Sonne über dem Jura. Das war sein Lebensspiel. Immer war er auch der Herr seiner Herrinnen. Wenn sie schielten, bestätigte das seine Macht. Er lachte sie aus unter Tränen des Verlangens, und seine Dichtung war ein kultischer Dienst. Ganz feierlich und ganz ironisch.
Das Gedicht entstand ein Jahr bevor Robert Walser, fünfzigjährig, in die Berner Klinik Waldau eintrat.
Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009








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