René Char: Dichtungen I

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von René Char: Dichtungen I

Char-Dichtungen I

EHRLICH DEM LEBEN GEGENÜBER

Sprich aus, was das Feuer nur zögernd sagt,
Äthersonne, Wagnis des Lichts,
Und stirb daran, es für alle gesagt zu haben.

Deutsch von Johannes Hübner und Lothar Klünner

 

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Vorwort

Man kann nicht auf einigen Seiten einem Dichter wie René Char Gerechtigkeit erweisen, aber man kann wenigstens seinen Ort bestimmen. Gewisse Werke verdienen es, daß man alle Anlässe wahrnimmt, um die Dankbarkeit, die man ihnen schuldet, zu bezeugen, selbst wo es nicht möglich ist, auf Feinheiten einzugehen. Und ich bin glücklich, daß diese deutsche Veröffentlichung seiner Gedichte mir die Gelegenheit gibt zu sagen, daß ich René Char für unseren größten lebenden Dichter halte und Fureur et Mystère für das überraschendste, was uns die französische Poesie seit den Illuminations und Alcools geschenkt hat.
Die Neuheit Chars springt tatsächlich in die Augen. Zweifellos ist er durch den Surrealismus hindurchgegangen, aber er hat sich ihm mehr geliehen als hingegeben, gerade lange genug, um zu bemerken, daß sein Gang sicherer war, wenn er allein ging. Seit dem Erscheinen von Seuls demeurent genügte jedenfalls eine Handvoll Gedichte, um unsere Poesie durch einen freien und jungfräulichen Wind zu erfrischen. Nach so vielen Jahren, wo unsere Dichter, die sich zuerst nur der Herstellung von Bibelots d’inanité geweiht hatten, die Leier nur aus der Hand legten, um die Trompete zu blasen, wurde die Dichtung zu einem heilsamen Brand. Sie flammte auf, wie jene großen Unkrautfeuer, die in der Heimat des Dichters dem Winde Duft und der Erde Nahrung geben. Wir atmeten endlich auf. Das Geheimnis der Natur, die lebendigen Wasser, das Licht brachen in das Zimmer ein, wo sich die Poesie bis dahin an Schatten und Echos entzückte. Man kann hier von einer poetischen Revolution sprechen.
Ich würde die Neuheit dieser Gedichte weniger bewundern, wenn ihre Inspiration nicht zugleich in einem so hohen Grade alt wäre. Mit Recht nimmt Char den tragischen Optimismus des vorsokratischen Griechenlands für sich in Anspruch. Von Empedokles bis Nietzsche wurde ein Geheimnis von Gipfel zu Gipfel weitergegeben, dessen schwierige und spärliche Tradition Char nach langer Verdunkelung wieder aufnimmt. Das Feuer des Ätna brütet unter einigen seiner unbeweisbaren Formeln, der königliche Wind von Sils Maria belebt seine Gedichte und läßt in ihnen ein Rauschen von kühlen und aufrührerischen Wassern widerhallen. Das was Char „die Weisheit mit Augen voll Tränen“ nennt, ersteht hier, auf der Höhe unserer Zusammenbrüche.
Alt und neu zugleich, verbindet diese Dichtung Verfeinerung und Einfalt. Mit demselben Schwunge trägt sie die Tage und die Nacht. Dort wo Char geboren ist, erscheint im großen Licht bekanntlich die Sonne manchmal dunkel. Um zwei Uhr, wenn die Hitze in der Landschaft ihren höchsten Grad erreicht hat, bedeckt ein schwarzer Hauch das Land. Ebenso ist es, immer wenn die Dichtung von Char dunkel erscheint, nur eine besessene Kondensation des Bildes, eine Verdichtung des Lichtes, was ihn von jener abstrakten Durchsichtigkeit entfernt, die wir meistens nur deswegen fordern, weil sie nichts von uns verlangt. Aber zugleich läßt dieser schwarze Punkt rings um sich her, wie es in der übersonnten Landschaft geschieht, weite Lichtgestade deutlich werden, wo die Gesichter sich entblößen. Im Mittelpunkt des Poème pulvérisé verharrt zum Beispiel ein geheimnisvoller Brennpunkt, um den herum unablässig Stürme leidenschaftlicher Bilder kreisen.
Deshalb entspricht diese Poesie so genau unserem Bedürfnis. Im Schoße der Dunkelheit, wo wir uns vorwärtstasten, würde uns das feststehende, ausgeglichene Licht valéryanischer Himmel nichts nützen. Es wäre Heimweh, nicht Hilfe. In der seltsamen und strengen Dichtung dagegen, die Char uns bietet, erglänzt unsere Nacht selber, und wir lernen wieder gehen. Dieser zeitlose Dichter spricht genau für unsere Zeit. Er ist mitten im Handgemenge, er formuliert unser Unglück wie unsere Wiedergeburt:

Bewohnen wir einen Blitz, so ist er das Herz der Ewigkeit.

Die Dichtung Chars bewohnt wirklich den Blitz, nicht nur im bildlichen Sinn. Der Mensch und der Künstler gehen im gleichen Schritt, sie haben sich gestern in den Kampf gegen den hitlerischen Totalitarismus geworfen, heute in die Anprangerung der entgegengesetzten oder verbündeten Nihilismen, die unsere Welt zerreißen. Als seinen Anteil am gemeinsamen Kampfe hat Char die Aufopferung empfangen, nicht den Genuß.

Zum Sprunge gehören. Nicht zu dessen Epilog, dem Gelage.

Als Dichter des Aufruhrs und der Freiheit hat er niemals den Tonfall der Gefälligkeit angenommen, noch, wie er sich ausdrückt, den Aufruhr mit der Verbitterung vermengt. Man kann es niemals oft genug betonen – und alle Menschen bestätigen es uns jeden Tag –, daß es zwei Arten von Aufruhr gibt, deren eine zunächst ein Streben nach Knechtschaft verbirgt, deren andere aber bis zur Verzweiflung eine freie Ordnung fordert, in der, nach dem prachtvollen Wort von Char, das Brot geheilt wäre. Char weiß genau, daß „das Brot heilen“ darauf hinauskommt, ihm seinen Platz zu geben über allen Doktrinen und seinen Geschmack nach Freundschaft. Auf solche Weise entgeht dieser Empörer dem Schicksal so vieler schöner Aufrührer, die als Polizisten oder Komplicen enden. Er wird sich immer gegen diejenigen erheben, die er die Guillotinenschleifer nennt. Er will nicht das Brot der Gefängnisse, und ein für alle Male wird bei ihm das Brot dem Landstreicher besser schmecken als dem Staatsanwalt.
Daraus begreift man, wie dieser Dichter der Aufgelehnten mühelos zugleich der Dichter der Liebe ist. Seine Dichtung entspringt aus ihr mit zarten und neuen Wurzeln. Ein wesentlicher Anblick seiner Moral und seiner Kunst läßt sich aus der stolzen Formel des Poème pulvérisé gewinnen:

Beuge dich nur, um zu lieben.

Denn tatsächlich handelt es sich für ihn darum, sich zu beugen, und Liebe, die durch sein Werk geht, diese doch so männliche Liebe, hat den Akzent der Zärtlichkeit.
Daher kommt es, daß Char, der sich wie wir alle mit einer der verworrensten geschichtlichen Epochen herumschlagen mußte, dennoch nicht davor zurückscheute, die Schönheit in ihr hoch  zuhalten und zu rühmen, nach der gerade die Geschichte uns einen verzweifelten Durst gab. Und die Schönheit erhebt sich aus seinen bewundernswerten Feuillets d’Hypnos, glühend wie die Waffe des Aufständischen, rot, von einer seltsamen Taufe rieselnd, flammengekrönt. Nun erkennen wir sie als das, was sie ist, nicht als die blutlose Göttin der Akademien, nein, als die Freundin, die Geliebte, die Gefährtin unserer Tage. Im vollen Kampfe hat es hier ein Dichter gewagt, uns zuzurufen:

In unserem Dunkel, nicht einen Platz hat die Schönheit darin. Der ganze Platz ist ihr, der Schönheit, zugedacht.

Von diesem Augenblick an hat jedes Gedicht von Char, dem Nihilismus seiner Zeit und allen Verneinungen zum Trotz, einen Weg der Hoffnung abgesteckt. Was soll man von einem Dichter heute anderes verlangen? Mitten in unseren geschleiften Festungen bestehen kraft einer geheimen und großmütigen Kunst: die Frau, der Frieden und die schwierige Freiheit. Und weit davon entfernt, uns dem Kampfe abspenstig zu machen, werden wir belehrt, daß diese wiedergefundenen Reichtümer die einzigen sind, die es rechtfertigen, daß man kämpft. Ohne es gewollt zu haben und lediglich weil er nichts abgelehnt hat, was von seiner Zeit zu ihm kam, tut Char dann mehr noch als nur ausdrücken, was wir sind: er ist auch der Dichter unserer nächsten Zukunft. Obgleich er einsam ist, sammelt er Menschen um sich, und in die Bewunderung, die er erregt, mischt sich jene große brüderliche Wärme, der die Menschen ihre besten Früchte verdanken. Seien wir dessen gewiß, an Werke wie diese können wir uns von nun an wenden, wenn wir Zuflucht und Klarblick suchen. Sie sind Botschafter der Wahrheit, jener verlorenen Wahrheit, der uns von nun an jeder Tag näherbringt, obwohl wir lange Zeit hindurch nichts weiter von ihr haben sagen können, als daß sie unser Vaterland war und daß wir ohne sie Verbannung litten. Doch endlich formen sich die Worte, der Tag bricht an, das Vaterland wird eines Tages seinen Namen empfangen. Ein Dichter von heute verkündet es in großartiger Weise und erinnert uns, um die Gegenwart zu rechtfertigen, daran, was sie schon ist, nämlich:

Erde und raunender Klang, inmitten unpersönlicher Sterne.

Albert Camus, Vorwort

Nachwort

René Char wurde 1907 in dem provenzalischen Städtchen L’Isle-sur-Sorgue geboren. Seit einigen Jahren beginnt sein Werk in die Weite auszustrahlen. Zahlreiche Publikationen und literaturkritische Kommentare befassen sich mit ihm. Umfangreiche Teile dieses Werkes sind in alle Weltsprachen übertragen worden. Die im Jahre 1956 erschienene amerikanische Ausgabe hat in der angelsächsischen Welt größte Beachtung gefunden. Es erweist sich mehr und mehr, daß die Dichtung René Chars eine der bedeutsamsten Äußerungen des modernen europäischen Geistes ist, und daß sein Name in der Reihe jener Dichter genannt werden darf, die seit Baudelaire die französische Poesie (im weitesten Sinne des Wortes und im Hinblick auf die unvergängliche Universalität der französischen Sprache) ständig erneuert haben, wie vor allem Rimbaud, Lautréamont, Mallarmé und Apollinaire. René Chars Werk, in mehreren Etappen entstanden, ist in stiller Abgeschiedenheit, ja fast im geheimen herangereift – fern vom Literaturbetrieb und von marktschreierischer Publizität. Früh schon hat Char den Elfenbeinturm der surrealistischen Bewegung verlassen, deren Weggenosse er eine Zeitlang gewesen war. Davon zeugen einige Publikationen, die er Anfang der dreißiger Jahre gemeinsam mit André Breton und Paul Éluard herausgegeben hat. Dem Surrealismus verdankt seine Dichtung einige Elemente, die jedoch zu neuartiger Verwendung gelangt sind und ganz von ihr aufgesogen wurden. Die Bildreihungen bei Chars Frühwerken sind von erregender Kühnheit, jedoch völlig frei von der unverbindlichen Voraussetzungslosigkeit des surrealistischen Automatismus, wie er der Dogmatik von Breton entsprach.
In den unheilvollen Jahren von 1938 bis 1945 hat René Char nicht ein einziges Buch veröffentlicht. Das Schweigen des Dichters war bedeutsam, und die Eingeweihten verstanden es zu deuten. Char hatte zwar keine Jünger, die den Meister durch einen Wall von Weltfremdheit und Edelmenschentum abschirmten, wohl aber eine Gruppe glühender Anhänger. Sie waren seine Partisanen im Sinne des französischen Wortes „partisan“, das die zwiefache Bedeutung von Parteigänger und Freischärler hat. Zum Freischärler aber war Char selber geworden, und zwar während der Besatzungsjahre als Chef einer Widerstandsgruppe in einem Maquis seiner provenzalischen Heimat. „Poète engagé“ in der weitesten Bedeutung dieses Ausdrucks. In der Résistance hatte er den Decknamen ,Hypnos‘ getragen. 1946 erschien dann eines seiner wichtigsten Werke, nämlich Feuillets d’Hypnos, eine Art dichterisches Tagebuch, das aus über zweihundert aphoristischen Stücken besteht und dem Freunde Albert Camus gewidmet ist. Die Bedeutung dieses Buches, das sich in keine literarische Gattung einreihen läßt, beruht auf der völligen Verschmelzung des dichtenden und des handelnden Menschen. Die Gleichung geht restlos auf. Nach schmerzlicher Selbstüberwindung nimmt Char, angesichts des Terrors und der Entmenschlichung, das Tun auf sich, doch er bleibt Dichter dabei. „In unserem Dunkel: nicht einen Platz hat die Schönheit darin. Der ganze Platz ist ihr, der Schönheit, zugedacht“ –, das sind die letzten Worte des Hypnos. In dieser Herausforderung klingt die Hoffnung an nach den Jahren des Grauens.
Char nimmt Anteil am Menschen und am Gegenwärtigen, trotz Pessimismus und Auflehnung. „Wir haben dem Schmerz und der Schönheit gleichzeitig zu dienen“, schreibt Camus, der Autor des „Menschen in der Revolte“. Diese Revolte des Geistes ist für Char ein beständiger Antrieb, höchstgradige Bewußtheit, Luzidität zu erreichen. Seine Herbheit, seine Strenge gegen sich selbst, berechtigen ihn, hohe Anforderungen an den Leser zu stellen, der nie eingelullt, sondern angestachelt wird. Ein weiteres wesentliches Werk von Char ist das 1947 erschienene Poème pulvérisé. Dieser Sammlung geht eine kurze programmatische Erklärung voraus, die den Titel „Argument“ trägt und aus welcher sich die ethische Untermauerung von Chars Dichtung ablesen läßt.

Geboren aus dem Anruf des Werdens und der Angst vor dem Einbehalt, erhebt sich das Gedicht aus seinem Brunnen von Schlamm und Sternen und bezeugt beinahe schweigend, daß nichts in ihm war, was nicht wahrhaftig anderswo existiert hat, in dieser rebellischen und einsamen Welt der Widersprüche.

Es erscheint uns unumgänglich, auf die Zusammenhänge hinzuweisen, die zwischen Chars Dichtung und der Philosophie von Heraklit bestehen. Der Tonfall des Franzosen hat bisweilen, im anderen Sprachmedium, Anklänge an die antithetische Sprachweise des griechischen Philosophen. Char, so schreibt Georges Mounin, macht uns die Auflösung der Widersprüche durch die Poesie faßlich. Die Dichtung ist die produktive Erkenntnis des Wirklichen. Jedesmal, wenn Char die Widersprüche aufhebt, so tut er es nicht im Bereich des rationalen Denkens, sondern im Bereich der Emotion, die das eigentliche Feld der Dichtung ist. Chars Geist nährt sich nicht vom logischen, sondern vom poetischen Gehalt Heraklits, dessen Denken auf ihn nicht durch seine Begrifflichkeit, sondern durch seine Bildlichkeit wirkt.
Es ist nur zu begreiflich, daß sich die besten Geister der jungen französischen Nachkriegsgeneration zu Char hingezogen fühlten, dessen Dichtung und menschliche Haltung sie in ihrem Verzicht auf trügerische Illusionen, auf ausgeglühte Floskeln und konventionelle Vorurteile bestätigte. Was Char bot, war mehr als vollendete Poesie, nämlich ein Ethos ohne Phrase. Er erleichterte dieser Generation die Überwindung des „Ekels“, der Sartreschen „Nausée“. Sie erkannte in Char einen geistigen Führer, der ihr half, die Resignation, die Verlorenheit und die Verzweiflung des auf sich gestellten Menschen zu überwinden, ohne sich dem Ressentiment oder der Lüge zu überlassen.
René Chars Werk ist im Werden. Es widerspräche nicht nur der Natur des Dichters, sondern auch der Konzeption seines Werkes, würde man hier von einer „Gesamtausgabe“ seines Œuvre sprechen. Die Auswahl, die hier geboten wird, die Zusammenfassung seiner Hauptwerke in diesem Bande, wurde gemeinsam mit dem Dichter vorgenommen und mit ihm jede der Übersetzungen durchgesehen. Es ist bezeichnend für ihn, daß er bis zuletzt an seinen Dichtungen ändernde Korrekturen anbrachte, ebenso wie es ihm eigentümlich ist, daß er in Frankreich immer wieder seine Dichtungen in neuen Anordnungen der Aphorismen und Gedichte herausgibt. Damit dokumentiert er, daß er keine seiner Dichtungen, mit Ausnahme einiger Frühwerke, die darum in diesen Band nicht aufgenommen wurden, als der „Geschichte“ angehörend betrachtet. Den Auftakt zu diesem Bande bildet „Dehors la nuit est gouvernée“, das stellvertretend für René Chars Frühwerk steht. Die Satzzeichen in der deutschen Übertragung wurden in Übereinstimmung mit dem Dichter gesetzt und entsprechen dem Original der französischen Erstausgabe.
Die Gedichtsammlungen, die Char in dem Sammelband Fureur et Mystère herausbrachte, bilden den Hauptteil dieser Ausgabe. Lettera Amorosa und die Gedichte aus den Jahren 1953 und 1954 erschienen in meiner Übersetzung früher bereits im Limes Verlag. Ihm sei an dieser Stelle dafür gedankt, daß er uns gestattete, sie in diese Ausgabe aufzunehmen. Dank sei auch Frau Jeanne Mammen für ihre Hilfe bei den Übersetzungen von Johannes Hübner und Lothar Klünner.

Jean-Pierre Wilhelm, Nachwort

 

Sich widersetzen, um Freiheit zu wecken

Als 1959 der erste Band der Dichtungen von René Char erschien, schrieb ein Kritiker, René Char habe Freunde, aber kein Publikum. Daran hat sich nicht viel geändert trotz Albert Camus, der dem ersten Band ein bewunderndes Vorwort mitgab und Char „unseren größten lebenden Dichter“ nannte.
Offensichtlich bemüht, dem Werk Aktualität abzugewinnen, stellte der Herausgeber des zweiten Bandes der Dichtungen (1968) im Nachwort René Char als Dichter der Revolte vor. Ohne Zweifel verbinden sich in der Person René Chars der dichtende und der handelnde Mensch zur Einheit. Sein Werk gibt das Beispiel für „eine vollendete Verbindung des Gedichts als einer geschriebenen Sache und der Dichtung als einer gelebten Erfahrung“ (Gaetan Picon). Doch steht sehr in Frage, ob die kühnen Bildkonzentrate der Dichtung René Chars auf die einfache Formel „Auflehnung gegen das Bestehende“ gebracht werden können.
Erste Gedichte veröffentlichte René Char (geboren 1907 in dem provenzalischen Städtchen L’Isle-sur-Sorgue) Ende der zwanziger Jahre im Gefolge des Surrealismus, im Freundeskreis von Breton und Eluard, freilich ohne den Dogmatismus der Surrealisten. Bis 1938 waren dreizehn Gedichtbände erschienen, teils kostbare Privatdrucke, illustriert von Salvador Dali, Picasso, Mirò oder Kandinsky.
Doch erst nach dem selbstauferlegten Schweigen in den Jahren 1938 bis 1945 erschien das Werk, das Chars Ruhm begründete und seine wichtigste Dichtung blieb, die Aufzeichnungen aus dem Maquis, die Feuillets d’Hypnos. Hypnos war René Chars Deckname als Kommandeur einer Widerstandsgruppe in den Basses-Alpes, seiner provenzalischen Heimat. Am Anfang seiner aktiven Teilnahme an der Résistance notierte Char:

Sicher muß man Gedichte schreiben, mit schweigender Tinte Zorn und Schluchzen unseres tödlichen Mißmuts aufzeichnen, aber damit darf es nicht sein Bewenden haben. Das wäre ungenügend bis zur Lächerlichkeit.

Erstaunlicherweise enthalten die Feuillets d’Hypnos nur wenige direkte Aussagen über die Résistance, aber Zeugnisse des unmißverständlichen humanen Engagements. Es sind Beobachtungen, Erlebnisfragmente, Gedanken, lyrische Skizzen, in 240 Abschnitten kristallisiert zu energiegeballten Satzbildern von bestechender Sprachkraft. Imaginative Kurzformel und erkenntnisscharfer Aphorismus in einem. Da heißt es lapidar in der Übersetzung von Paul Celan:

Die Frucht ist blind. Der Sehende ist der Baum.

Oder:

Nur noch die Augen sind fähig, einen Schrei auszustoßen.

Oder:

Die geradeste Stunde: wenn die Mandel die ihr entgegenstehende Härte durchbricht und deine Einsamkeit transponiert.

In dieser Art Prosalyrik, der Aufsprengung des Gedichts, tritt Chars poetisches Vermögen stärker hervor als im gebundenen Vers. Das zeigt auch der zweite Auswahlband, der so vollendete Gedichte wie „Der Wald von Epte“, „René Crevels Aufbruch“, „Eingesunkenes Erdreich“ oder den Anfang von „Der Reisigwall“ enthält:

Gedrungene Harfe der Lärchen,
Überm Felsvorsprung aus Moos und
aaaaaaaaaaaaaaasprießenden Platten
– Fassade der Wälder, wo die Wolke bricht –,
Kontrapunkt der Leere, an den ich glaube.

Dieses Glauben, das Beschwören der Hoffnung gegen den „Nihilismus seiner Zeit und allen Verneinungen zum Trotz“, zeichnet Char und seine Dichtung aus. Albert Camus, mit Char verschwägert, nannte ihn den „Dichter des Aufruhrs und der Freiheit, (der) mühelos zugleich der Dichter der Liebe ist“. Es ist keine Frage, daß Char nicht aus einer Position der Schwäche so problematische Worte wie Hoffnung, Liebe („Beuge dich nur, um zu lieben“) oder gar Schönheit in Gebrauch nimmt. Es ist derselbe, der als Partisan handelt und sich bekennt, wenn er am Ende der Aufzeichnungen aus dem Maquis herausfordernd schreibt:

In unserem Dunkel, nicht einen Platz hat die Schönheit darin, der ganze Platz ist ihr, der Schönheit, zugedacht.

Nur wenn man diese Voraussetzung gelten läßt, wird begreifbar, was Char in der späteren Gedichtreihe „Scheiden“ unter dem Titel „Sich widersetzen“ schreibt:

Gehorcht euern Schweinen, die sind. Ich unterwerfe mich meinen Göttern, die nicht sind. Wir bleiben unsanfte Zeitgenossen.

Die Revolte des unsanften Zeitgenossen Char „weckt die Freiheit“, aber nicht, um ihr „irgend etwas in den Rachen zu werfen“, sondern eine Freiheit, die nach Chars Worten „das Schweigen, das Wort und die Liebe behütet“.
An anderer Stelle bringt Char seine Gegenposition auf die lyrische Formel:

Erde und raunender Klang, inmitten unpersönlicher Sterne.

Die an sich einleuchtende und triftige Zeile deutet allerdings auch auf gelegentliche Schwächen der Gedichte. Chars ungemein reiche Bildphantasie bezieht sich vorwiegend auf die naturhafte Erde, die Bildwelt der heimatlichen Provence. Kaum ein Bild zeigt die von Menschen gewohnte zivilisatorische oder städtische Welt. Das ist kein Mangel, solange Chars zügige Reflexion das Naturbild durchdringt und transparent macht.
Doch zuweilen bleibt es beim schönen, die Landschaft lyrisch benennenden Bild, bleibt es beim „raunenden Klang“. So in dem dürftig lyrisierten Vierzeiler:

Der Ölbaum ist mein Zwilling,
O Rabenblau, o blaue Lüfte!
Ein Hügel sagt’s dem andern,
Gemischt sind tausend Düfte.

Zugegeben, die Schwäche des Originals wurde durch den Singsang der deutschen Übersetzung und den flachen Reim noch deutlicher. Eine ganze Buchseite des zweiten Bandes beansprucht der emphatische Satz:

Begnadet all die, die nichts brauchen als Sonne und Wind, um außer sich zu geraten, nur Sonne und Wind zum Plündern!

Hier verfängt sich die Rückbesinnung auf die Natur in einem zumindest mißverständlichen Wunschdenken.
Nein, René Chars Gegenposition erschöpft sich nicht in Sonne, Wind, Erde und raunendem Klang. Char sagt auch:

Erde aus flacher Nacht, voller Quälereien.

Man muß nur die letzten Gedichtreihen, „Die Bibliothek in Flammen“ oder „Hoch überm Wind“ oder „Scheiden“, lesen, um zu erfahren, wie eindringlich der Dichter sein „Handwerk der scharfen Spitze“ übt, wie das Sprachlose durch imaginative Erkenntnis eingeholt wird.

Ohne die Spaltkraft der Poesie – was ist da Wirklichkeit?

In zwei stattlichen Bänden sind nun die Dichtungen René Chars aus den Jahren von 1938 bis 1962 versammelt. Jedoch wurde aus dem Frühwerk vor 1945 nur „Dehors la nuit est gouvernée“ in den ersten Band aufgenommen. Einige im ersten Band unvollständige Zyklen bringt Band II nun ungekürzt. Dadurch wurde eine Reihe von Gedichten zweimal gedruckt. Das ist für Band II richtig und konsequent, läßt aber auch auf eine Korrektur des Bandes I schließen. Die übernommenen, zuerst von Jean-Pierre Wilhelm übersetzten Gedichte erscheinen in neuer Übersetzung durchweg strenger, den Originalen näher, was der einheitlichen Sprachform des zweiten Bandes zugute kommt. Doch etwas merkwürdig empfindet der Leser die kommentarlose Ausschaltung J.P. Wilhelms, der Band I herausgab.
Überhaupt sind die editorischen Auskünfte eher karg. Nun handelt es sich nicht um eine kritische, wohl aber um eine repräsentative Ausgabe, die durch die Mitwirkung Chars Authentizität beansprucht. Die Bibliographie reicht bis 1958 (in Band I). Im zweiten Band erfährt der Leser lediglich summarisch, daß die letzten vier Gedichtreihen von 1953 bis 1962 entstanden sind. Kein Hinweis vermittelt dem Leser, warum beispielsweise das zweimal zu lesende Prosagedicht „Pourquoi la journée vole“ im zweiten Band eine abweichende Originalfassung hat.
Dennoch ist die zweisprachige Ausgabe verdienstvoll. Sie trägt zur Verständigung mit der Dichtung René Chars bei, deren zukunftweisende Bedeutung auch ohne den eingangs zitierten Superlativ Albert Camus’ gilt, weil sich in ihren besten Stücken „produktive Erkenntnis des Wirklichen“ zu einem „point diamante“ festigt, der unwiderlegbar ist.

Eberhard Horst, Die Welt der Literatur, Nr. 17, 1969

René Char / Poésies —Dichtungen

Am Ende der 50er Jahre hatte René Char seine erste große zweisprachige Ausgabe im S. Fischer Verlag. Sie stand für rund dreißig Jahre seines poetischen Werkes. Albert Camus nannte Char damals im Vorwort der Ausgabe den „größten lebenden Dichter“ Frankreichs, und Hans Magnus Enzensberger befand von diesen Gedichten:

Sie enthalten Sprachzukunft.

Jetzt, am Ende der 60er Jahre, erscheint ein zweiter Band dieser Ausgabe. René Char ist möglicherweise immer noch der größte unter den lebenden Dichtern Frankreichs — wer kann es, wer will es so genau wissen! Doch „Sprachzukunft“, nein, dieses Wort würde Enzensberger selber am wenigsten noch für Char gelten lassen wollen. Selbst die Gegenwart dieser Sprache muß sich in Frage stellen lassen.
Wir wollen nachrechnen. Char ist 1907 geboren. Seit 1923 schreibt er Gedichte, fast nichts als Gedichte. Mit seinem ersten Sammelband Le Marteau sans maître (1934) erregt er Aufsehen — Der junge Char. Am Ende des Krieges ist seine Lyrik durch die Résistance im Maquis beglaubigt — Der Widerstandskämpfer Char. Es erscheinen in schneller Folge Gedichte, die ungeteilte Bewunderung finden, zusammengefaßt in den Bänden Fureur et mystère (1948) und La Paroi et la prairie (1952) — Der reife Char. Der Ruhm des Dichters dringt über die Grenzen. Im Jahre 1952 erscheinen die ersten deutschen Übersetzungen, 1953 bringt die Neue Rundschau Gedichte von Char. Es folgt 1956 eine große amerikanische, schließlich 1959 die deutsche Ausgabe — Der Klassiker Char. Was bleibt da für die 60er Jahre? Es bleibt nach der Auffassung des Herausgebers Johannes Hübner weiterhin der Klassiker Char. Dies ist bezeichnend: während sich der Band I im wesentlichen auf die Gedichte aus Fureur et mystère stützt und von den letzten Gedichtbänden der 50er Jahre nur noch einzelne ausgewählte Gedichte vorstellt, werden diese Gedichte im Band II erneut abgedruckt, nun aber nach der rechten Folge und Ordnung in die Vollständigkeit der Gedichtbände eingerückt. Der Band II enthält ferner einen Nachtrag aus den 40er Jahren. Wir haben nun also in den beiden Bänden zusammen den Autor mit seinen Gedichten von 1938 bis 1962 — Der ganze Char. Habemus classicum — Der ganze Char.
Die Ausrufung eines neuen Klassikers ist heutzutage ein bedenkliches Geschäft. Nachdem Adorno schon darauf aufmerksam gemacht hat, wie perfide die Weihe zum „Klassiker der Moderne“ die ganze Modernität eines Autors versegnet, hat Marianne Kesting (FAZ vom 26.11.1968) die neue Ausgabe zum Anlaß genommen, den Dichter gleichsam mit dem Weihwasserkessel auszuschütten. Sie überschreibt ihre Rezension „Wortmusik“ und protokolliert bei sich nach der Char-Lektüre „eine merkwürdige Leere im Kopf“, hervorgerufen durch das „geringe gedankliche Niveau“ dieser Gedichte – Der Schönredner Char.
Aber hinzuweisen wäre wohl darauf, daß bei einer solchen Kritik übersehen wird, wie mediterran das lyrische Werk René Chars ist. Die Modernität haben nämlich hauptsächlich wir Leute aus dem Norden erfunden. Zur Modernität gehören der regenverhangene Himmel, die Kohlengruben im Regen und die Straßenlaternen der Großstadt, auf die auch noch Regen fällt. Da kann der Spleen wohl gedeihen und seine ästhetische Lust, die Modernität. Natürlich ist Feindschaft gesetzt zwischen dieser Modernität und der unter anderem, heiterem Himmel erfundenen, letztlich lateinischen Klassizität. René Char ist Lateiner in dem Sinne, wie sich die Bewohner des Midi mit Emphase lateinisch nennen.
Muß man also unbedingt René Char mit den Maßen der nördlichen, großstädtischen Modernität messen? Seine Gedichte haben soviel von Horaz wie von Rimbaud, von den alten Epigrammatikern soviel wie von Mallarmé. Dem Surrealismus hat er sich — nach einem Wort von Camus — nur geliehen, nicht hingegeben: „Le surréalisme a accompli son voyage.“ Seine Metaphorik ist kühn wie bei Lautréamont, aber die widersprechenden Bilder — „l’exaltante alliance“ des „contraires“ — gehorchen präzise einer empedokleischen Theorie der Elemente, die einander anziehen und abstoßen in Liebe und Haß. Das alles macht schwierige Gedichte, die einen Leser verlangen, der warten kann. Aber Dunkelheit — anders als bei Mallarmé — ist nicht eigentlich das Problem dieser Gedichte. Eher schon ihre reine Verbalität: „l’universalité du verbe“. René Char hat sich allerdings in seiner Dichtungstheorie — besonders Partage formel (1945) und A une sérénité crispée (1951) — von der Beglaubigung durch die Realität nicht ganz freigemacht. Er beschreibt die Leistung der poetischen Phantasie als Reduktion und Abstraktion der Wirklichkeit. Nur weniges bleibt, etwa die „duftende Erscheinung von Ellipsen ungreifbarer Vögel“. Vom Tag des Kriegsanbruchs bleibt ein Pirol:

Le loriot3 septembre 1939

 

Le loriot entra dans la capitale de l’aube.
L’épée de son chant ferma le lit triste.
Tout à jamais prit fin.

Der Pirol3. September 1939

 

Der Pirol flog ein in die Hauptstadt der Morgendämmerung.
Das Schwert seines Liedes schloß das traurige Bett.
Alles war aus für immer.

Die verbleibenden Realitätsreste (hier das nicht eingeschmolzene Datum) versetzen aber den Leser eher in Verlegenheit: muß er sich wirklich für einen Augenblick der reinen Inkantation der Worte entziehen? Man weiß ja, René Char hat im Krieg nicht bloß dem Pirol nachgesehen. Er hat als Offizier der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besetzer gekämpft. Seine Aufzeichnungen Feuillets d’Hypnos (1946) sind sogar wahrscheinlich das einzige Werk, das von der ganzen Résistance-Literatur bleiben wird. Aber wir sollten uns hüten, diese Blätter als das große Alibi eines Mannes zu nehmen, der sonst niemals ein Gedicht mit der engagierten Absicht direkter Wirkung geschrieben hat, selbst dann nicht, wenn er (1959) seinen Freunden gestattet, ein Gedicht „An die Anwohner der Sorgue“ an die Hauswände zu heften. Man hat René Char nur in seinen Worten, nicht in seinen sonstigen Verrichtungen oder Unterlassungen. Es gibt, außer in den vereinzelten Verlegenheiten der Theorie, keinen Pakt zwischen der Verbalität und der Realität bei René Char. Wer meint, das dürfe es nicht oder nicht mehr geben, sollte diese Gedichte nicht lesen. René Char selber hat sowieso nicht an eine große Leserschaft gedacht. Seine frühen Gedichte sind fast ausnahmslos und seine letzten Gedichte sind noch großenteils in Privatdrucken mit einer Auflage von 50, 100, 200 Exemplaren erschienen. Eine Quasi-Gesamtausgabe wie die des Fischer Verlages steht in Frankreich selber noch aus. René Char ist offensichtlich seiner Publizität nicht nachgelaufen. Sie hat ihn ereilt.
Ein Wort noch zu den Übersetzungen. Diese Gedichte sind sehr schwer übersetzbar. René Char schreibt einmal:

Im Gedicht sollte jedes Wort oder nahezu jedes in seinem ursprünglichen Sinne gebraucht werden. Manche werden vieldeutig, wenn sie sich abheben…

Das ist ein semantisches Programm. Die Bedeutung des einzelnen Wortes, wie sie sich in der Isolierung vom Kontext entfalten kann, soll nicht durch eine starke syntaktische Bindung eingeschränkt werden. So haben es auch Mallarmé, Valéry und viele andere gehalten, zuletzt und am konsequentesten die Konkreten. Für den Übersetzer entstehen daraus unablässige Schwierigkeiten. Die kontextfreien oder unterdeterminierten Wörter entsprechen einander nur selten von Sprache zu Sprache. Hier muß der Übersetzer ohne die Determinationshilfen des Kontextes oft willkürlich entscheiden. Ob er beispielsweise spectre mit Gespenst oder Spektrum zu übersetzen hat, quai mit Kai oder Bahnsteig, sagt meistens der Kontext. Nicht so bei Char. Wir müssen dem Übersetzer hier einfach die Freiheit lassen, unter den „richtigen“ Übersetzungen eine zu wählen. Ästhetische Gesichtspunkte der poetischen Form sollten den Ausschlag geben. Schwierigkeiten dieser Art sind oft glänzend gelöst bei Paul Celan und Jean-Pierre Wilhelm im Band I, sodann bei Gerd Henniger im Band II. die meisten Übersetzungen in beiden Bänden stammen jedoch von Johannes Hübner und Lothar Klünner, die gemeinsam übersetzen. Ich würde ihre Übersetzungen gut nennen, wenn ich den Zusatz machen dürfte, daß gute Übersetzungen bei René Char nicht ausreichen. Natürlich übersetzen Hübner/Klünner richtig, abgesehen davon, daß sie das neue Partizip Präsens der französischen Sprache ständig verkennen; le grain qui saute heißt: das springende Korn, nicht: das Korn, das springt. Störender ist, daß sie im stilistischen Register oft weicher und „,lyrischer’ greifen als der Autor. Sie übersetzen prononcer mit kundmachen statt aussprechen, le soleil de l’air mit Äthersonne statt mit Sonne der Luft, la démarche du poète als das Trachten des Dichters statt die Gangart des Dichters. Solidarité heißt gar bei ihnen verschworene Gemeinschaft, während Jean-Pierre Wilhelm, der dasselbe Gedicht im Band I besser übersetzt, statt dessen Einvernehmen sagt. Es geht, wie gesagt, meistens nicht um Richtig und Falsch; Rune für chiffre ist nicht unbedingt falsch, nur daß Runen nicht in die mediterrane Welt René Chars gehören. Hieroglyphen gingen zur Not. Oft wäre es auch besser, die lexikalische Genauigkeit der Übersetzung zugunsten des Rhythmus oder der Prosodie zu opfern. Die Prosakadenz de cette houle, de cette laine ist richtig übersetzt mit: dieser Schlagwelle, dieser Wolle. Aber das Wort Schlagwelle ist im Deutschen in bloßes Lexikonwort: Woge träfe den poetischen Ton genauer und würde den Prosarhythmus erhalten. Das ist um so wichtiger, als René Char ein absolutes Gehör für die rhythmische Stimmigkeit eines Verses oder Satzes zu haben scheint. Celan setzt in solchen Fällen den Text ganz neu zusammen und findet erstaunliche Kadenzen. Er übersetzt mit Autorität.

Harald Weinrich, Neue Rundschau, Heft 4, 1969

Das zerstäubte Gedicht

– Zur René Char-Ausgabe im S. Fischer Verlag. –

Höchstes Ziel der französischen Dichter wird es bald sein, in einem deutschen Verlag mit ihren Gedichten zu erscheinen. Saint-John Perse hatte den Anfang gemacht mit den zweisprachigen, reich und sorgfältig ausgestatteten Werkausgaben, nun ist René Char an der Reihe, mit einer umsichtigen Auswahl seiner wichtigsten Gedichtsammlungen vor den deutschsprachigen Leser zu treten. Der S. Fischer Verlag führt ihm dieses Werk in einer Geschlossenheit und mit einem bibliographischen Anhang versehen vor, wie es der französische Leser noch lange nicht besitzt. Die Gestalt eines zeitgenössischen Dichters wird damit sichtbar, der in diesem Umriß seinem eigenen Publikum noch nicht erkennbar ist. Wer ist Char und was erfüllt seine noch wenig entschlüsselte Dichtung, – diesseits und jenseits des Rheins kann diese Frage nun (sicherlich auch akademisch) angegangen werden.
Man sprach von ihm in Frankreich hauptsächlich nach dem letzten Krieg, als der provenzalische Hüne aus dem Maquis heraustrat und ein Tagebuch aus jenen tödlichen Tagen vorlegte: Hypnos, Aufzeichnungen aus dem Maquis. In diesen poetisch stilisierten Aphorismen überraschte ein neuer Ton und vor allem ein neuer Zugang zur Welt, zu den Menschen. Den Surrealisten und Nachfahren Bretons, der sich in dem Verhau der Wort- und Gedankenkünsteleien eingeschlossen hatte, brach das große Erlebnis der Solidarität innerlich auf. Daß ihn Albert Camus, für den die Solidarität Grundstein des Weltgebäudes war, begeistert aufnahm (wie die Vorrede dieses Buchs bezeugt), entsprang einer inneren Logik, und im Menschlichen einer inneren Verwandtschaft. Chars neugewonnene Losung: „Ich sorge mich um das, was auf dieser Erde geschieht, in der Ermattung Ihrer Nächte, unter ihrer Sonne, die wir aufgegeben haben“, war zugleich die seine. Daß der Dichter sich diesem kapitalen Thema zuwandte, nachdem er zuvor den „Herrenlosen Hammer“ gedichtet hatte, Verse der Willkür und Zusammenhangslosigkeit, die, wie alle surrealistische Hervorbringung, außer den Autor niemanden betrafen, führte ihm das Gehör weiterer Kreise zu. Das mochte, wie jeder Ruhm, auf einer Summe von Mißverständnissen beruhen, denn was er in diesen 237 Sinnsprüchen notierte, hatte zum aktuellen Anlaß und meist auch zum Erlebnis kaum Bezug. In einer verschlauften Sprache (das Wort aller Ueberläufer des Surrealismus verliert die unmittelbare Anschaulichkeit) spricht er symbolhafte Erkenntnisse aus, Initiationen in eine Erfahrungswelt, die damals dem Lebensgefühl aller gemeinsam war. Ein wichtiges Problem der modernen Dichtung war herausgestellt, eine einmalige Chance ergriffen worden: der Dichter sprach wieder zur Welt, fühlte sich eins mit ihr und kündete, wenn auch sehr ausgeklügelt, von dieser Gemeinsamkeit des Fühlens und Wollens. Der Augenblick dauerte nur kurz, dann klaffte der Riß von neuem, der das dichterische Schaffen von der Welt abtrennt, von den Menschen isoliert und in sich, d.h. in die eigene Form verbannt. An dieser gestörten Uebereinstimmung leidet der am stärksten, welcher sich der Solidarität verschrieben hat. René Chars Zugang zu den Menschen seiner Zeit mochte nach dem Prosaband Suche nach dem Grund und Gipfel mit Texten aus den Jahren 48 und 49 sich immer mehr verengern, es blieb ihm als Ausgang ins Freie von seiner dichterischen Anlage die stärkste Inspirationsquelle, die Natur. Denn im Grunde seines Wesens ist er ein Bukoliker, näher der mittelmeerischen heiteren Naturbeschwörung eines Vergil beispielsweise als der Pariser Gedankenequilibristik der dreißiger Jahre. Je mehr er sich entkrampft und in der Nachkriegszeit zu sich kommt, um so reiner findet er zu dieser Naturbesingung. Sein Geist ist zur Vorliebe für die harte, komprimierte Formel verführt worden, aber sein Talent ist am stärksten, wo er diese Ambition aufgibt und schlicht wird. In „Claire“ oder „Les Matinaux“ (Naturhymnen mit verteilten Stimmen, leider nicht in diesem Band), oder in den Gedichten der „Felswand und die Wiese“ gelingen ihm manchmal Schilderungen der Naturseligkeit, unmittelbar und kommunikativ, die in ihrer Durchsichtigkeit Licht des Geistes auf die fern gerückte Welt werfen.
Er ist ein Miniaturist, der mit wenig Strichen ein zartes Bild entwirft, ein Medaillon, in welchem Landschaft und eine kurze überwirkliche Andeutung zusammengemalt sind. Seine Thesen sind nicht zahlreich, aber voll Feinheit; erstaunlicherweise ziehen ihn, den Provenzalen, weniger die Sonne als der Nebeldampf, weniger das durchglühte Gestein als die milden Lande der Ile de France an.
Doch nicht den Naturdichter bewundern seine Anhänger in Char, sondern den poetischen Aphoristiker, der in bester manieristischer Art Leitsätze, knappe Losungsworte und geschraubte Sinnsprüche aufstellt. Um dem Leser einen Begriff zu geben, seien ihrer zwei angeführt:

Seidige Städte des Alltagsblicks, eingestreut seid ihr zwischen andere Städte, deren Straßen wir allein entwarfen, unter der Schwinge von Blitzen, die unsere Beflissenheit erwiderten.

Und:

Eure Winter verlangen von uns, in alle Lüfte zu streuen, was sonst nur Feilspäne wäre und Prügelknabe. Eure Winter verlangen von uns, euch den Saft vorzubereiten: einen Saft gleich dem, der unter seiner geflügelten Runde die Zivilisation der Frucht besingt.

Schweigen wir von der Uebersetzung und auch von dem peinlichen Fehler, der sich eingeschlichen hat, denn der Uebersetzer verwechselte im Relativsatz am Schluß Akkusativ mit Nominativ, sehen wir also davon ab, so verraten diese absonderlichen Merksprüche, obwohl 1956 und 57 niedergeschrieben, den Einfluß einer Kunstlehre, die das Diskontinuierliche, das Ungereimte in der Dichtung predigte. Heute gelesen, raschelt dahinter hörbar das Stroh. Rebusse, deren Lösung zu suchen sich fast nie lohnt, und die, im Gegensatz zu denen Bretons aus den guten Jahrgängen, an denen Char 1930 einmal selbst mitgewirkt, nicht einmal belustigen. Ebenso geht es den dichtungstheoretischen Aussprüchen, die in Partage formel zusammengefaßt sind. Da lesen wir etwa:

In der Dichtung, und dort nur auf Grund der Verbindung und freien Anordnung aller Dinge untereinander durch uns hindurch, finden wir Verpflichtung und Definition, um unsere ursprüngliche Form und bewährte Eigenart zu erreichen.

Oder:

Manchmal hätte seine Wirklichkeit keinen Sinn für ihn, beeinflußte nicht der Dichter im geheimen, was man von den Taten fremder Wirklichkeiten erzählt.

Um gerecht zu sein, müssen wir der ungelenken Uebersetzung ein Gutteil des Kopfschüttelns zuschreiben, den diese Sätze auszulösen nicht verfehlen können. Indes bleibt die Tatsache, daß Char durch Drechselung der Sätze und Windung des Gedankens meist sehr einfache Aussagen „erhöht“ und bedeutsam macht. Darin wird offenbart, was kein Geheimnis ist. Wer jedoch im französischen Geistesleben die Ausbreitung von Chars verstecktem Ruhm verfolgt, wird in diesem Punkt Sonderbares gewahren. Um ihren Landsleuten diese mehr oder minder poetischen Sinnsprüche zu erklären, beschwören die Exegeten (Gaëtan Picon, Maurice Blanchot oder jüngst René Ménard) den Weisen aus dem Schwarzwald herauf: Heidegger. Die Sprache als „Haus des Seins“ bemühen sie herbei, oder in Anlehnung von Heideggers Hölderlindeutung sehen sie in ihm die „essence du poème“, das Wesen (oder den Grund) des Gedichtes schlechthin. Verblüffende aber doch vorübergehende Verdunkelung sonst heller Geister, die nun, einer Pariser Modeströmung folgend, dieser Art von Pseudotiefsinn erliegen.
Char, der Miniaturist, hat anderseits mit der Dichtung unserer Tage einen bestimmenden Zug gemein: Das Fragezeichen und die Suche, die zerteilten Glieder der Poesie in immer neuen Anordnungen zu gruppieren und sie dadurch zu jedesmal neuem Leben zu erwecken. „In dreiunddreißig Stücken“ zerscherbte ihm einmal sein Werk, das er wie eine Vase vor sich hertrug. In dem Gedichtbändchen gleichen Titels fügte er die Vers-Splitter neu zusammen. Früher schon hatte er einen ebenso bezeichnenden Titel für einen Versband gefunden: „Das pulverisierte Gedicht“ ( deutsch wohl besser: „Das zerstäubte Gedicht“). Der Gedanke, der dahinter steht, ist in der französischen Dichtung von heute nicht neu, er knüpft an ein Gebot Eluards an, daß er „ununterbrochene Poesie“ nannte. Bei ihm soll sich die Welt ohne Unterlaß mit Poesie fühlen, ein Strom von Poesie soll vom Dichter herbeigerufen werden, der uferlos das ganze Leben umspült. Anders bei Char. Da gibt es keine stets erneuerte Flut, sondern nur ein Wechsel der Konfiguration alter Prägungen. Poesiefetzen treten kurz zusammen: Aus alt mach neu. Seine ganze Dichtung ist ein Kaleidoskop, in dem bekanntlich eine begrenzte Anzahl Glasstückchen zu wechselnden Bildern zusammenschießen. Kein Ueberschwang und kein Reichtum also, sondern Kombination und im Grunde Oekonomie. Da kommt alles auf Feinheit und auf Gedrängtheit an; wo das Gedicht gelingt, können wir ihm gerade sie zuerkennen.
Char ist denn auch keiner der großen Schöpfer, sondern ein sensibler Empfinder. Das dichterische Wort kommt ihm „wie Vogelflaum an mein Winterfenster“, aber ein Staubkorn genügt, um das Gedicht und die Hand, die es niederschrieb, zu „zerschmettern“. Die Vorstellung von Berstendem, der unvermeidbaren Explosion, läßt ihn in der Tat nicht ruhen, die Trümmer, die danach durch die Luft fallen, sind „o Wunder – lebendig“. Sie geben ihm dadurch den Stoff zu seinen Scherbenbildern, diese immerfort umstellbaren Mosaike.
Zum Schluß ein bekümmertes Wort zur Uebersetzung. Dichtung ist unübersetzbar, wir wissen es, aber Annäherungen sind uns dennoch von Zeit zu Zeit möglich. Interlinearversionen oder freie Verständnisstützen, alles könnte willkommen sein, nur nicht dies Deutsch, das bloß so aussieht, als wäre es deutsch. Schlimm ist, daß selten ein Wörterbuch herangezogen wurde, daß also Wortfehler zu Häuf vorkommen. Betrüblich ist, daß selbst der begabteste und sprachmächtigste Uebersetzer von heute, Paul Celan, nur einen schwerfälligen, fehlerhaften Text beisteuert, der uns die Freude über einen sprachlichen Fund auf der gleichen Seite durch eine syntaktische Manieriertheit vergällt. Die große Not der deutschen Verleger in dieser Zeit sind wahrlich die Uebersetzer.

Georges Schlocker, Die Tat, 2.4.1960

René Char: Dichtungen I und Dichtungen II

In der Lyrik des Franzosen René Char kommt dem Surrealismus initiatorische Bedeutung zu. Er hat dem Dichter die Zunge gelöst, seinen Weg bestimmt. Noch heute ist bei Char ein Nachhall jenes Protestes zu hören, der einmal mit wütender Entschlossenheit von der Gruppe der Surrealisten der neu etablierten Gesellschaft entgegengeschleudert wurde. Für diese Revolutionäre war die ungeheuerliche Verwandlung der Welt in eine technisch perfekte so etwas wie eine Ausgeburt der Vernunft. „Industriell“ bedeutete für sie „bourgeois“, also „entmenscht“. Ihre revolutionäre Methode war der Schock. Sie setzten auf die Anarchie der Imagination, des Traums, des Wunderbaren und suchten nach der Liquidierung der Metaphysik bei alter Magie und Mystik ihre Zuflucht. Die gewohnten, beglaubigten Zusammenhänge versuchten sie mit Hilfe ihrer Kunst des Alogischen und Akausalen als fragwürdig zu entlarven, zu zerstören. Das alles geschah im Namen einer Freiheit, die den Surrealisten durch die Mechanisierung und Bürokratisierung der menschlichen Zustände aufs äusserst. bedroht schien.
Char, geboren 1907, stammt aus der Vaucluse. Im grossen Licht dieser Landschaft, so schrieb Camus, erscheine die Sonne manchmal dunkel. „Um zwei Uhr, wenn die Hitze ihren höchsten Grad erreicht hat, bedeckt ein schwarzer Hauch das Land.“ Camus verglich dieses Phänomen mit der Dunkelheit der Gedichte Chars und definierte sie als „eine besessene Kondensation des Bildes, eine Verdichtung des Lichtes“.

„Dunkelheit“ ist noch immer das erste Wort, das fällt, wenn die Rede auf Char kommt. Man sieht in ihm einen Hermetiker von aristokratischer Zurückhaltung, zu stolz, sich in die literarischen Umtriebe und Händel seiner Zeit einzumischen. Man weiss, dass er als Partisanenführer in den Basses-Alpes den Widerstand gegen die grossdeutschen Okkupanten organisierte, und führt seine auffallend männliche Attitüde darauf zurück. Ein Regionalist, heisst es, selbstbewusst, dem bäuerlichen Leben zugetan. Kein Stiller im Lande, sondern jemand, der die Grossen seiner Epoche zu Freunden hat: Eluard, Camus, Braque, Picasso, Giacometti, Miro, Heidegger. Ein Poet, von dem oberflächliche Literaturkonsumenten keine Ahnung haben, der aber enthusiastisch verehrt wird von einem auserlesenen Kreis.
Die deutschsprachigen Leser hatten erstmals vor etwa fünfzehn Jahren die Chance, mit Chars Gedichten bekannt zu werden. Inzwischen liegt alles in Uebersetzungen vor, was der Dichter zu seinem gültigen lyrischen Werk rechnet und für die deutschsprachige Ausgabe ausdrücklich autorisiert hat: von Draussen die Nacht wird regiert (1938) bis zu dem vorläufig letzten Zyklus mit dem Titel Scheiden (1962). Unter den Uebersetzern muss vor allem Paul Celan genannt werden, der „Hypnos“ und „Einer harschen Heiterkeit“ verdeutschte. Die Hauptlast der Uebersetzungsarbeit trugen Johannes Hübner und Lothar Klünner; von ihnen stammt das Gros der deutschen Texte. Zu Recht gelten beide heute als die Char-Uebersetzer. Doch auch Jean-Pierre Wilhelm und Gerd Henninger schlugen sich wacker, brachten das ihrige ein. Sicher, Celans Arbeiten sind die poetischsten, doch es wäre ungerecht, sie über Gebühr auf Kosten der anderen Leistungen hervorzuheben. Sämtliche Uebertragungen sind von dichterischer Intensität, werden den äusserst schwierigen Originalen so gut wie möglich gerecht, ja, sie haben stellenweise den Rang von wahren poetischen Entsprechungen. Nur in den gereimten Gedichten der „Marinaux“, die gewiss auch nicht gerade zu Chars besten zählen, haben Hühner, Klünner und Henniger nicht immer mithalten können und sich zuweilen mit Reimen wie Herz, Schmerz aus ihren Kalamitäten zu reiten versucht.
Von Anfang an gehört Char auf die Seite der „Inspirierten“, nicht auf die der Artisten. Selbst in seinem Frühwerk mit den schwerflüssigen, gewaltige Bilderlasten mit sich führenden Versen sehen wir ihn nur massig an der Beschaffenheit und Kombinationsfähigkeit der Wörter interessiert, mehr und mehr hingegen an deren Bedeutungsschärfe und Sinnhalligkeit. Im Laufe der Zeit hat Char natürlich verschiedene lyrische Formen erprobt, etwa das Gedicht im Parlandostil, das Dialoggedicht, die Arie, den Spruch, das Erzählgedicht – doch vom Artifiziellen geht bei ihm kein besonderer Glanz aus, Gestalt und Gehalt werden nicht ebenbürtig eingestuft, die Kunst hat gewöhnlich eine dienende Funktion. Liest man die Dichtungen in der Reihenfolge ihrer Entstehung, so kann man allerdings beobachten, wie die Diktion knapper und knapper wird, der anfangs kaum visierte Bildwurf immer genauer ins Ziel führt. Die Anspannung wächst, die das Gedicht elliptisch so weit bringen möchte, dass es weit mehr Worte umschliesst, als es tatsächlich enthält.
Dass Char den lyrischen Aphorismus, das Gedicht in einem Satz allmählich zu seiner Domäne entwickelt hat, liegt in der Konsequenz dieser auf Lakonität angelegten Dichtung. Der grösste Teil seines Werkes setzt sich aus solchen Sprachkonzentraten, solchen Eingebungen in Lapidarform zusammen. Typisch für Chars Spruchdichtung ist ewa folgender Satz:

Der Schwarm, der Blitz, der Fluch, drei Hänge desselben Gipfels.

Oder:

Gehorcht euern Schweinen, die sind. Ich unterwerfe mich meinen Göttern, die nicht sind.

Chars Verhältnis zu vorsokratischer Spruchweisheit ist evident. Mehrfach hat sich der Dichter zur Vor-Bildlichkeit der alten Gnomen bekannt, so dass wir also mit Recht in seinen Kurzgedichten so etwas wie einen späten Funkenflug in der Nachfolge der vulkanischen Feuerbrocken Heraklits sehen können. Ein Satz wie „Der einzige Herr, der uns förderlich wäre, ist der Blitz, der uns bald erleuchtet, bald spaltet“ führt dies ebenso vor Augen wie jenes sarkastische Rätselwort:

Der Dichter muss, will er nicht sein „Klarheit trüben, seinen Adler verbleuen, schonungslos, wie seinen Frosch.

Camus hat die poetischen Reflexionen seines Freundes „unbeweisbare Formeln“ genannt. Das trifft ins Schwarze. Es scheint mir auch im Sinne Chars zu sein, der erklärt:

Ein Dichter muss Spuren hinterlassen, keine Beweise.

Oder:

Auf jeden Zusammenbruch der Beweise antwortet der Dichter mit einer Salve Zukunft.

Char bietet uns keine Bruchstücke, sondern Ballungen eines besessenen, unablässigen Grübelns, dem es weniger auf logische Richtigkeit als auf emotionale Ueberzeugungskraft ankommt. Das Dichten hat er einmal mit männlichem Pathos als „Gewaltmarsch ins Unsagbare“ definiert. Viele seiner Aphorismen beben noch von diesen Strapazen. Gelegentlich zeigen sie auch Erschöpfungszustände: „Blindlings geniesse ich mein Glück unter der Entrüstung der Leute.“ Oder gar: „Deine berückende Wäsche.“ Wer Chars poetische Modelle der Wirklichkeit auf ihren Bildbestand hin zu untersuchen beginnt, der wird bald an die moderne deutsche Naturlyrik erinnert. Hier wie dort dominieren die Bilder von Gras, Furche, Bach und Mond, von Baum, Rebe, Biene, Vogelschwinge. Also die alten Elementarzeichen der Lyrik. Doch für Char ist die ursprüngliche, erdhafte Welt nicht ästhetische Szenerie, nicht „Landschaft“ im deutschen Sinn, sie ist auch nicht der jahrtausendealte Traum von Städtern, sondern der erste, der vornehmste Widerpart des Menschen. Die Natur existiert auf den Menschen hin, sie schallt ihm den Boden unter den Füssen, und sie ist schliesslich das, was er durch Denken und Arbeit zu verwandeln nicht müde wird. Zu guter Letzt aber bedeutet Natur für Char die vielleicht widerstandsfähigste Weise, sich poetisch auszudrücken: eine Sprache unter Sprachen, die älteste, eine uns allen verständliche Sprache. Denn ist es nicht merkwürdig: Selbst in einer spätkapitalistischen Industriegesellschaft wie der unsrigen, die die Natur nur als Freizeitkulisse kennt, leben die Bilder von Wolke und Rose, Traube und Fels weiter, bleibt ihre Sprache fundamental, weil sie uns eingeboren, „archetypisch“ ist.
Je tiefer man in Chars Werk eindringt, desto deutlicher zeichnet sich des Dichters Zugehörigkeit zu der spezifisch französischen Tradition der Moralisten ab. Allerdings beruht die Lebenskunst, die Char entwirft, auf einer höchst ungewöhnlichen Ethik. Es ist eine Ethik des Aufstands. Der Umschlag der ästhetischen Revolte des Surrealisten Char in eine moralische fällt etwa in die Jahre, die der Lyriker im Maquis verbrachte. Hypnos – der wahrscheinlich wichtigste Band für die Entwicklung Chars – gibt davon Zeugnis. Pierre Guerre, einer der Ausleger des Poeten, sagt von dessen Ethik, sie sei ohne Verbindlichkeit, Gesetzeskraft, Belohnung: genau genommen eine Art, bewusst, gewollt zu reagieren inmitten der Unsicherheit, in der sich der Mensch befindet, im Widerspruch zum äusseren Erfolg und zur Behaglichkeit.
Char weiss sich mit Heidegger offenbar darin einig, dass wir eine „Seinsverfinsterung“ erleben, dass über unsere Welt eine Weltnacht verhängt ist. Für seine Ethik bedeutet das kein fatalistisches Die-Waffen-Strecken, im Gegenteil, angesichts äusserster Bedrohung besteht Char auf der Fortsetzung der Revolte.

Heinz Piontek, Die Tat, 8.3.1969

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Pierre Imhasly: Auf der Höhe unserer Zusammenbrüche, Das Wort, Nr. 11, November 1965

 

Unbeweisbare Formeln

Der Versband Capitale de la douleur von Paul Eluard enthält ein Gedicht mit dem Titel „Das Wort“. Darin finden sich folgende Verse:

Ich kenne den Lenker nicht mehr.

Und:

Ich liebe das Seltsamste bis in den Himmel.

Nehmen wir aus einem benachbarten Gedicht einen weiteren Vers hinzu:

Ich sage die Wahrheit, ohne sie auszusprechen.

Wer die drei Sätze gehörig interpretierte, der hätte damit den poetischen Sprachgebrauch des Surrealismus charakterisiert. Dieser durch und durch antiklassische Lyrismus ist aus den Annalen des Gedichts nicht mehr fortzudenken. Rimbaud und Apollinaire, seine Erzväter, haben längst die Bedeutung von Fixsternen am Himmel der Poesie erlangt. Und doch ist der Surrealismus noch immer kein abgeschlossenes Kapitel.
Anläßlich einer Neuausgabe von Bretons „Manifesten“ schreibt Marianne Kesting:

Wer sich in die einzelnen Manifeste vertieft, deren unbedenklicher Furor zum Teil sehr typisch für den revolutionären Elan der zwanziger Jahre ist, wird sich bewußt, daß nahezu alle Positionen, die in diesen Manifesten erobert oder wieder verworfen wurden, noch in ganz erstaunlichem Maße die gegenwärtige Diskussion bestimmen. Wir befinden uns in einer wirbelnden Kreisbewegung des Avantgardismus, der uns nur scheinbar alljährlich neue Kunstrichtungen beschert. Die Ausgangspositionen, zu denen auch der Surrealismus gehört, werden dabei immer wieder neu berührt.

In der Lyrik des Franzosen René Char kommt dem Surrealismus initiatorische Bedeutung zu. Er hat dem Dichter die Zunge gelöst, seinen Weg bestimmt. Noch heute ist bei Char ein Nachhall jenes Protestes zu hören, der einmal mit wütender Entschlossenheit von der Gruppe der Surrealisten der neu etablierten Gesellschaft entgegengeschleudert wurde. Für diese Revolutionäre war die ungeheuerliche Verwandlung der Welt in eine technisch perfekte so etwas wie eine Ausgeburt der Vernunft. „Industriell“ bedeutete für sie „bourgeois“, also „entmenscht“. Ihre revolutionäre Methode war der Schock. Sie setzten auf die Anarchie der Imagination, des Traums, des Wunderbaren und suchten nach der Liquidierung der Metaphysik bei alter Magie und Mystik ihre Zuflucht. Die gewohnten, beglaubigten Zusammenhänge versuchten sie mit Hilfe ihrer Kunst des Alogischen und Akausalen als fragwürdig zu entlarven, zu zerstören. Das alles geschah im Namen einer Freiheit, die den Surrealisten durch die Mechanisierung und Bürokratisierung der menschlichen Zustände aufs äußerste bedroht schien.

Char, geboren 1907, stammt aus der Vaucluse. Im großen Licht dieser Landschaft, so schrieb Camus, erscheine die Sonne manchmal dunkel.

Um zwei Uhr, wenn die Hitze ihren höchsten Grad erreicht hat, bedeckt ein schwarzer Hauch das Land.

Camus verglich dies Phänomen mit der Dunkelheit der Gedichte Chars und definierte sie als „eine besessene Kondensation des Bildes, eine Verdichtung des Lichtes“.
„Dunkelheit“ ist noch immer das erste Wort, das fällt, wenn die Rede auf Char kommt. Man sieht in ihm einen Hermetiker von aristokratischer Zurückhaltung, zu stolz, sich in die literarischen Umtriebe und Händel seiner Zeit einzumischen. Man weiß, daß er als Partisanenführer in den Basses-Alpes den Widerstand gegen die großdeutschen Okkupanten organisierte, und führt seine auffallend männliche Attitüde darauf zurück. Ein Regionalist, heißt es, selbstbewußt, dem bäuerlichen Leben zugetan. Kein Stiller im Lande, sondern jemand, der die Großen seiner Epoche zu Freunden hat: Eluard, Camus, Braque, Picasso, Giacometti, Miro, Heidegger. Ein Poet, von dem oberflächliche Literaturkonsumenten keine Ahnung haben, der aber enthusiastisch verehrt wird von einem auserlesenen Kreis.
Die deutschen Leser hatten erstmals vor etwa fünfzehn Jahren die Chance, mit Chars Gedichten bekannt zu werden. Inzwischen liegt alles in Übersetzungen vor, was der Dichter zu seinem gültigen lyrischen Werk rechnet und für die deutschsprachige Ausgabe ausdrücklich autorisiert hat: von Draußen die Nacht wird regiert (1938) bis zu dem vorläufig letzten Zyklus mit dem Titel Scheiden (1962).
Unter den Übersetzern muß vor allem Paul Celan genannt werden, der Hypnos und Einer harschen Heiterkeit verdeutschte. Die Hauptlast der Übersetzungsarbeit trugen Johannes Hübner und Lothar Klünner; von ihnen stammt das Gros der deutschen Texte. Zu Recht gelten beide heute als die Char-Übersetzer. Doch auch Jean-Pierre Wilhelm und Gerd Henniger schlugen sich wacker, brachten das Ihrige ein. Sicher, Celans Arbeiten sind die poetischsten, doch es wäre ungerecht, sie über Gebühr auf Kosten der anderen Leistungen hervorzuheben. Sämtliche Übertragungen sind von dichterischer Intensität, werden den äußerst schwierigen Originalen so gut wie möglich gerecht, ja, sie haben stellenweise den Rang von wahren poetischen Entsprechungen. Nur in den gereimten Gedichten der Mantinaux, die gewiß auch nicht gerade zu Chars besten zählen, haben Hübner, Klünner und Henniger nicht immer mithalten können und sich zuweilen mit Reimen wie Herz – Schmerz aus ihrer Kalamität zu retten versucht.
Von Anfang an gehört Char auf die Seite der „Inspirierten“, nicht auf die der Artisten. Selbst in seinem Frühwerk mit den schwerflüssigen, gewaltige Bilderlasten mit sich führenden Versen sehen wir ihn nur mäßig an der Beschaffenheit und Strahlungskraft der Wörter interessiert, mehr und mehr hingegen an ihrer Bedeutungsschärfe und Sinnhaltigkeit. Im Lauf der Zeit hat Char natürlich verschiedene lyrische Formen erprobt, etwa das Gedicht im Parlandostil, das Dialoggedicht, die Arie, den Spruch, das Erzählgedicht – doch vom Artifiziellen geht bei ihm kein besonderer Glanz aus, Gestalt und Gehalt werden nicht ebenbürtig eingestuft, die „Kunst“ hat fast eine dienende Funktion. Liest man die Dichtungen in der Reihenfolge ihrer Entstehung, so kann man allerdings beobachten, wie die Diktion knapper und knapper wird, der anfangs kaum visierte Bildwurf immer genauer ins Ziel führt. Die Anspannung wächst, die das Gedicht elliptisch so weit bringen möchte, daß es weit mehr Worte umschließt, als es tatsächlich enthält.
Daß Char den lyrischen Aphorismus, das Gedicht in einem Satz allmählich zu seiner Domäne entwickelt hat, liegt in der Konsequenz dieser auf Lakonität angelegten Dichtung. Der größte Teil seines Werkes setzt sich aus solchen Sprachkonzentraten, solchen Eingebungen in Lapidarform zusammen. Typisch für Chars Spruchdichtung ist etwa folgender Satz:

Der Schwarm, der Blitz, der Fluch, drei Hänge
desselben Gipfels.

Oder:

Gehorcht euern Schweinen, die sind. Ich unter-
werfe mich meinen Göttern, die nicht sind.

Manchmal bemächtigt sich der Aphorismen eine höchst eigenartige Logik, die an Kafka gemahnt:

Bauen, was man für sein Haus ansieht, ohne den ersten Stein in Anspruch zu nehmen, an dem es seltsamerweise immer fehlt, das heißt Verfluchtsein.

Scheint nicht auch diese Art, in Metaphern zu denken, mit derjenigen Kafkas zu korrespondieren:

Wir sind heute dem Unheil näher als selbst die Sturmglocke…?

Haben wir es hier mit mehr oder weniger zufälliger, wenn auch erstaunlicher Kongruenz zu tun, Chars Verhältnis zu vorsokratischer Spruchweisheit dagegen ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Mehrfach hat sich der Dichter zur Vor-Bildlichkeit der alten Gnomen bekannt, so daß wir also mit Recht in seinen Kurzgedichten so etwas wie einen späten Funkenflug in der Nachfolge der vulkanischen Feuerbrocken Heraklits sehen können. Ein Satz wie „Der einzige Herr, der uns förderlich wäre, ist der Blitz, der uns bald erleuchtet, bald spaltet“ führt dies ebenso vor Augen wie jenes sarkastische Rätselwort:

Der Dichter muß, will er nicht seine Klarheit trüben, seinen
Adler verbleuen, schonungslos, wie seinen Frosch.

Camus hat die poetischen Reflexionen seines Freundes „unbeweisbare Formeln“ genannt. Das trifft ins Schwarze. Es scheint mir auch im Sinne Chars zu sein, der erklärt:

Ein Dichter muß Spuren hinterlassen, keine Beweise.

Oder:

Auf jeden Zusammenbruch der Beweise antwortet der Dichter mit einer Salve Zukunft.

Char bietet uns keine Bruchstücke, sondern Ballungen eines besessenen, unablässigen Grübelns, dem es weniger auf logische Richtigkeit als auf emotionale Überzeugungskraft ankommt. Das Dichten hat er einmal mit männlichem Pathos als „Gewaltmarsch ins Unsagbare“ definiert. Viele seiner Aphorismen beben noch von diesen Strapazen. Gelegentlich zeigen sie auch Erschöpfungszustände:

Blindlings genieße ich mein Glück unter der Entrüstung der Leute.

Oder gar:

Deine berückende Wäsche.

Das „reine“ Gedicht erscheint bei Char ziemlich selten.
Aber wenn sich der Dichter zu einem disziplinierten, rhythmisch oder metrisch durchgegliederten Gedicht entschließt, dann kommt es zumeist zu lyrischen Ereignissen. Hinreißend das „Junge Pferd mit dampfender Mähne“, das so beginnt:

Schön bist du, Frühling, Pferd,
Wie du den Himmel mit deiner Mähne besäst,
Das Röhricht mit Schaum bedeckst!
Alle Liebe liegt in deinem Bug…

Von klassischer Bündigkeit der „Turmsegler“, ein vollkommenes Gebilde:

Turmsegler mit den zu großen Flügeln, der da kreist
und schreit seine Freude rings um das Haus. So ist
das Herz.

 

Er läßt den Donner verdorren. Er sät in den heiteren
Himmel. Streift er den Boden, schlitzt er sich auf.

 

Sein Widerpart ist die Schwalbe. Er verabscheut die
häusliche. Was gilt das schon: Filigran des Turms?

 

Er rastet in dunkelster Höhlung. Niemand hat es so
eng wie er.

 

Im Sommer der langen Helle streicht er davon in die
Finsternis durch die Fensterläden den Mitternacht.

 

Kein Auge vermag ihn zu halten. Er schreit, das ist
sein ganzes Dasein. Ein schmales Gewehr streckt ihn
nieder. So ist das Herz.

Wer Chars poetische Modelle der Wirklichkeit auf ihren Bildbestand hin zu untersuchen beginnt, der wird bald an die moderne deutsche Naturlyrik erinnert. Hier wie dort dominieren die Bilder von Gras, Furche, Bach und Mond, von Baum, Rebe, Biene, Vogelschwinge. Also die alten Elementarzeichen der Lyrik. Doch für Char ist die ursprüngliche, erdhafte Welt nicht ästhetische Szenerie, nicht „Landschaft“ im deutschen Sinn, sie ist auch nicht der jahrtausendealte Traum von Städtern, sondern der erste, der vornehmste Widerpart des Menschen. Die Natur zieht um ihn jedoch auch den schützenden Kreis, schafft ihm den Boden unter den Füßen, und sie ist schließlich das, was er durch Denken und Arbeit zu verwandeln nicht müde wird. Zuletzt bedeutet Natur für Char eine Sprache, die zu uns spricht und mit der wir selbst uns ausdrücken können: die älteste, eine uns allen verständliche Sprache. Denn ist es nicht merkwürdig: Selbst in einer spätkapitalistischen Industriegesellschaft wie der unsrigen, die die Natur nur als Freizeitkulisse kennt, leben die Bilder von Wolke und Rose, Traube und Fels weiter, bleibt ihre Sprache fundamental, weil sie uns eingeboren, „archetypisch“ ist.
Es wäre absurd, eine im Nicht-mehr-Rationalen verankerte Lyrik wie die Chars in die Nähe einer neuen Blut-und Boden-Mystik zu rücken. Char ist ein viel zu scharfsinniger, philosophisch geschulter Kopf, ist viel zu sehr darauf versessen, ständig seine Intelligenz ins Spiel zu bringen, als daß er sich auf halbgare Irrationalismen einließe. Seine Dichtung ist durchaus nicht antiintellektualistisch, freilich kritisch, das heißt: sie macht auch vor der Vernunft nicht halt und erst recht nicht, wenn diese sich absolutistisch gebärdet.
Je tiefer man in Chars Werk eindringt, desto deutlicher zeichnet sich des Dichters Zugehörigkeit zu der spezifisch französischen Tradition der Moralisten ab. Allerdings beruht der Moralismus, den Char entwirft, auf einer höchst ungewöhnlichen Ethik. Es ist eine Ethik des Aufstands. Der Umschlag der ästhetischen Revolte des Surrealisten Char in eine moralische fällt etwa in die Jahre, die der Lyriker im Maquis verbrachte. Hypnos – der wahrscheinlich wichtigste Band für die Entwicklung Chars – gibt davon Zeugnis. Pierre Guerre, einer der Ausleger des Poeten, sagt von dessen Ethik, sie sei ohne Verbindlichkeit, Gesetzeskraft, Belohnung: genaugenommen eine Art, bewußt, gewollt zu reagieren inmitten der Unsicherheit, in der sich der Mensch befindet, im Widerspruch zum äußeren Erfolg und zur Behaglichkeit.
Char weiß sich mit Heidegger offenbar darin einig, daß wir eine „Seinsverfinsterung“ erleben, daß über unsere Welt eine Weltnacht verhängt ist. Für seine Ethik bedeutet das kein fatalistisches Die-Waffen-Strecken, im Gegenteil, angesichts äußerster Bedrohung besteht Char auf der Fortsetzung der Revolte. Diesen seinen Zentralbegriff müssen wir ganz unideologisch, ganz poetisch nehmen:

Immer, wenn man uns zwingen will, mit unsern besten Möglichkeiten, mit unsrer Moral zu brechen und uns in ein vereinfachendes Schema zu fügen, mahnt uns das, was dem Menschen nichts schuldet, aber uns wohl will: „Aufruhr, Aufruhr, Aufruhr…“

Und weiter erläuternd:

Wenn wir sagen: das Herz (und wir sagen es ungern), handelt es sich um das schürende Herz, das unter dem wunderbaren und gemeinsamen Fleisch sich birgt und das jeden Augenblick aufhören kann zu schlagen und einzustimmen.

Der Aufruhr, der in Chars Augen geschürt werden muß, ist der Aufruhr der Liebe gegen die Lieblosigkeit, der Solidarität gegen die Vermassung, der Einzelnen gegen die Angepaßten. Dieses Revoltieren ist eine verzweifelte Form des Hoffens:

Ich kann an mir verzweifeln und auf euch weiterhin hoffen.

Hier schlägt das durch, was Char Vitalität oder Gesundheit nennt, etwas, das sich von der Erde noch nicht verraten sieht, aber auch über den Tod nicht hinwegtäuschen will.

Die ganze Frage läuft, einen Augenblick lang, darauf hinaus: ob der Tod hinter alles den Schlußpunkt setzt. Aber vielleicht besteht unser Herz allein aus der Antwort, die nicht gegeben ist?

Das Leben ist für den Dichter Dasein, welches in seinen stärksten Augenblicken über sich hinaus gelangt, so daß der Tod als endgültige Schranke, als totale Negativität der Zeit zwar „in Frage“ kommt, doch nicht mit Unterwerfung beantwortet werden muß. An der Transzendenz des Menschen hält Char fest. Sein Gedicht weigert sich aber, sich metaphysisch festzulegen. Bezeichnend das Paradoxon:

Ich glaube an Ihn: er ist nicht.
Ich verlasse mich nicht auf ihn: ist Er?

Und dasselbe mit anderen Worten:

Wenn es Gott nicht gibt, darf man ihn nicht aus den Augen verlieren.

Alles was wir zuletzt zu erörtern versuchten, kann immer nur in Relation zur Poesie geltend gemacht werden. Für Char ist der Dichter noch „Sänger“, Prototyp des Menschen. Hölderlin (der einmal namentlich im Text erscheint) und Rilke haben hier einen modernen Verfechter und Fortsetzer ihrer hohen Entwürfe. Das Gedicht, wie Char es versteht, ist ein „unverwesbarer Brocken Existenz“. Es kann mit der Wahrheit gleichgesetzt, als „Einklang der Gegensätze“ definiert werden. Es gehört – mit Miroslaw Holub zu sprechen – nicht zu den letzten, sondern zu den ersten Dingen des Menschen. Char sagt in einem Interview:

Man könnte sagen, die Poesie sei eigentlich die Welt an ihrem rechten Fleck.

Und Guerre kommentiert:

Oft ließe sich (bei Char) das Wort Dichter durch das Wort Mensch ersetzen.

Gegen eine so hochgegriffene Auffassung vom Sein der Poesie kann nicht produktiv polemisiert werden. Eine solche Position bezieht man nicht freiwillig; sie ist ein Stück Geschick. Mit ihr hängt zusammen, daß wir bisweilen von der Dunkelheit Chars nicht angerührt werden. Grenzt es nicht an Solipsismus, wenn man von der Überzeugung ausgeht, aus einer wahren dichterischen Existenz müßte selbst noch das Subjektivste allgemein verbindlich ans Licht kommen? Worte ins Leere – Char kennt auch dieses Verhängnis. Vielleicht sieht er deshalb die Weisheit „mit Augen voll Tränen“. Dennoch läßt er nicht ab, das Dunkel der Sprachverschlossenheit mit seinen Blitzschlägen aufzureißen. Dichten ist das Deutlichmachen der Freiheit, die uns bleibt. Die größere Freiheit des Menschen ist die Liebe. Daher:

Beuge dich nur, um zu lieben.

Heinz Piontek, aus Heinz Piontek: Männer die Gedichte machen, Hoffmann und Campe Verlag, 1970

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope

 

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Horst Wernicke: Zorn und Geheimnis
Die Furche, 31.5.2007

Horst Wernicke: „Einen Blitz bewohnen“
Neue Zürcher Zeitung, 14.6.2007

Carmela Thiele: Sinnliche Ästhetik des Widerstands
deutschlandfunk.de, 14.6.2007

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + KLfGInternet ArchiveKalliope
Porträtgalerie: akg-images + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
Nachrufe auf René Char: Prisma ✝︎ Tumba

 

René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.

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