TESTAMENT
Willenlos
wie der Speichel
wie meine geborstene
Seele
die ich dir Nacht
vermache
zur Erinnerung
an meinen
letzten Willen
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Nachwort
„Schreiben ist ein Trieb“. So klar und eindeutig hat es Rose Ausländer auf den Punkt gebracht. Siebzig Jahre lang hat sie sich bereitwillig und gewollt diesem Trieb gefügt. Mit sechzehn Jahren schrieb sie nach eigenen Angaben in Wien, wohin sie mit ihrer Familie im Ersten Weltkrieg geflohen war, erste Gedichte, Märchen und kleine Erzählungen. Frühe Gedichte sind seit 1921 erhalten, Gedichtpublikationen seit 1922 zunächst in Winona, Minnesota/USA und in New York und ab 1930 in Zeitungen und Zeitschriften in Czernowitz, Kronstadt und Prag nachweisbar. 1939 erschien ihr erster Gedichtband Der Regenbogen in Czernowitz. Sie schrieb während der Shoa – zum Beispiel die 1942/43 entstandenen und unter dem Titel Gettomotive zusammengefassten Gedichte –; sie schrieb im New Yorker Exil zunächst englische Gedichte, das Schreiben in ihrer Muttersprache, die zur Mördersprache geronnen war, schien ihr verwehrt und schließlich ab 1956 wieder in deutscher Sprache: Gedichte, Kurzprosa, vereinzelte Erzählungen; die mehrfach begonnene Arbeit an einem „Lebensroman“ gab sie immer wieder auf. Nach der Rückkehr nach Europa – erst nach Wien, dann nach Düsseldorf – setzte sie die Schreibarbeit nahtlos fort. Während der zehnjährigen Bettlägerigkeit war Rose Ausländer völlig auf ihr Dichten fixiert. Im Sommer 1986 setzte die Dichterin den Schlusspunkt:
Gib auf
Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende
Es sei alles gesagt und das Schreiben sei ihr kein Bedürfnis mehr.
Rose Ausländers Schreiben war extensiv und intensiv. Zum einen hat sie fast dreitausend Gedichte geschrieben, zum anderen erfolgte mit vielen Texten eine bis zu Jahrzehnten dauernde Auseinandersetzung, entstanden bis zu fünfundzwanzig Fassungen eines Gedichtes, bis sie schließlich mit dem Ergebnis zufrieden war. So ist es nicht verwunderlich, dass sich im Nachlass der Poetin 20.000 Seiten Manuskripte und Typoskripte fanden und aus dem Nachlass ihres Bruders Max Scherzer noch einmal 5.000 Seiten Typoskripte hinzukamen, die sie nach ihrem letzten New-York-Besuch 1969 bei ihm zurückließ.
Im krassen Gegensatz zur Kontinuität des Schreibens standen für die Dichterin über lange Jahre nur spärliche Möglichkeiten des Publizierens, die sogar mehrfach für etliche Jahre völlig unterbrochen waren. Dies ist auf die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts zurückzuführen, denen Rose Ausländer zudem als Jüdin besonders ausgesetzt war. Zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise und die Shoa machten sie zur Nomadin, in deren Leben das Beständige das Pendeln zwischen den Kontinenten Europa-Amerika war. „Ich fliege / auf einer Luftschaukel / Europa-Amerika-Europa“, so hat dieser Zustand in der poetischen Sprache Rose Ausländers Ausdruck gefunden. Und ihr Resümee war:
Ich wohne nicht
ich lebe
Noch 1975 galt die Dichterin, obwohl sie bereits sechs Bücher – allerdings in Klein- und Kleinstauflagen – veröffentlicht, mehrere Literaturpreise erhalten hatte und zumindest gelegentlich in der Presse wahrgenommen worden war, als literarischer Geheimtipp. Erst als 1976 Gesammelte Gedichte in beachtlicher Auflage erschienen, begann ihr rascher Aufstieg zur bekannten und schließlich berühmten Dichterin. Ihr Werk fand nun in einer Vielzahl von Erstausgaben, Taschenbüchern und zwei Werkausgaben Verbreitung, wurde mit Literaturpreisen ausgezeichnet, von der Literaturkritik häufig gewürdigt, von der Literaturwissenschaft zur Kenntnis genommen und von den Lesern geschätzt und geliebt. Die Zeit des großen Erfolges kam für Rose Ausländer spät, aber nicht zu spät; sie konnte sie noch erleben und hat daraus eine tiefe Zufriedenheit gewonnen.
Natürlich war die Vielzahl der Buchpublikationen nach 1976 auch darauf zurückzuführen, dass die Poetin nun die Schubladen leeren konnte, für die sie lange Zeit geschrieben hatte. Dabei verließ kein Gedicht – auch kein schon älteres – ihre Werkstatt, das sie nicht noch einmal sorgfältig geprüft, dem sie nicht letzten Schliff gegeben hatte. Genaue Entstehungsdaten lassen sich aber ob der beschriebenen Arbeitsweise der Autorin nur sehr selten angeben. Sie hat fast nie ein fertiges Gedicht datiert. So müssen wir uns meistens mit der Zuordnung zu einer Schreibperiode zufriedengeben, die sich aus stilistischen Veränderungen herleiten lässt und gelegentlich durch datierbare Hinweise, wie eine zu einer bestimmten Zeit genutzten Schreibmaschine oder das in Amerika genutzte Papierformat, untermauert wird.
Dass nun nach sorgfältiger Sichtung und Auswertung des Nachlasses der Dichterin noch unveröffentlichte Gedichte und Texte auftauchen, kann nicht verwundern, wenn man die Lebens- und Arbeitssituation während der Bettlägerigkeit von Rose Ausländer kennt. Ihr Bett stand längsseits an die Wand gerückt in ihrem Appartement im Nelly-Sachs-Haus, dem Elternheim der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Um weiter arbeiten zu können, schrieb sie von Hand im Bett – noch später diktierte sie ihre Gedichte – und häufte ihr Werkzeug: Papier, Schreibblöcke, Bücher, Manuskripte von neuen und älteren Texten, Zeitungen und manches andere an der Wand auf. Nach etwa drei Jahren war diese Papiermauer über die gesamte Bettlänge so gewachsen, dass sie im Bett sitzend mit ausgestrecktem Arm gerade noch den Stapelrand erreichen konnte. Manches Mal war diese fragile Aufhäufung teilweise eingestürzt und von ihrer privaten, zusätzlichen Pflegerin wieder aufgeschichtet worden. Nun aber ließ die Heimleitung eingreifen. Während eines Bades von Rose Ausländer, entfernten Pflegerinnen die Papierwand und stopften sie in einen Schrank im Zimmer. Sie drehten das Bett in den Raum, so dass die Kopfseite des Bettes an der Wand stand. Dieser Eingriff, der aus pflegerischer Sicht sicher notwendig und aus Sicherheitsgründen nachvollziehbar ist, dieser barbarische Eingriff machte für die Dichterin den freien Zugriff auf ihre Texte unmöglich. Sie musste sich nun handliche Konvolute von Texten aus dem Schrank geben lassen, wenn sie mit diesen Gedichten weiter arbeiten wollte. Dabei ist der eine oder andere Text im Schrank untergegangen, bis der umfangreiche Nachlass gesichtet und sortiert war.
Immerhin verdanken wir diesen Umständen noch einmal das Kennenlernen bisher unveröffentlichter Gedichte und Texte Rose Ausländers. Sie stammen hauptsächlich aus zwei Arbeitsperioden der Poetin, nämlich den Jahren 1956–1963, einer ertragreichen Phase des thematischen Aufbruchs und stilistischen Wandels und den Jahren 1975–1980, in denen sich die Gedichte bereits durch deutliche, gekonnte Reduktion auszeichnen, das Stadium der späten „Wortlyrik“ aber noch nicht erreicht ist. Die Kurzprosa geht auf den New-York-Aufenthalt der Dichterin von April 1968 bis März 1969 zurück und wurde offensichtlich auch in New York geschrieben.
Die unveröffentlichten Notizen, Texte und Auszüge aus Briefen, ergänzen die Gedichte um Selbstauskünfte der Dichterin, zeigen ihr poetologisches Verständnis und definieren das Verhältnis zu ihren Lesern. In dieser Klarheit war manches davon bisher unbekannt. Wie immer geraten selbst solche Erklärungen bei Rose Ausländer sehr poetisch und fügen sich damit zur Einheit mit ihren Gedichten.
„Eine letzte/ Lichtwelle/ strömt/ durch dein Haar“, das ist Abschied und Lebensfreude zugleich. Rose Ausländer hat ihr Lebensziel erreicht, sie konnte notieren:
Ich habe mich
ins Nichts geschrieben
es wird mich
ewig aufbewahren
Helmut Braun, Nachwort
Editorische Notizen
In dem rund 20.000 Seiten umfassenden Bestand an Manuskripten und Typoskripten des Nachlasses von Rose Ausländer, der sich im Archiv des Heinrich-Heine-Institutes, Bilker Str. 12–14, 40221 Düsseldorf, befindet und dem 5.000 Seiten umfassenden Bestand an Manuskripten und Typoskripten von Rose Ausländer aus dem Nachlass ihres Bruders Max Scherzer, den dessen Sohn Harry Scherzer der Rose Ausländer-Stiftung, Blücherstr. 10, 50733 Köln, übergeben hat, wurden nach Sichtung, Sortierung und elektronischer Erfassung fast 400 unveröffentlichte Gedichte, Kurzprosa und poetologische Notizen gefunden. Viele dieser Texte sind über das Stadium einer Erstfassung nicht hinausgekommen und deshalb nicht zur Publikation geeignet. Als Beispiel einer inhaltsreichen, poetisch vielversprechenden Erstfassung ist das Typoskript „Das Jahr“ abgedruckt. Warum Rose Ausländer diesen Text nicht weiter fortführte, ist unbekannt.
In diesem Band sind Gedichte und Texte versammelt, die Rose Ausländer offensichtlich bis zur Veröffentlichungsreife bearbeitet hat. Aus den Texten, die die Dichterin in New York in den Jahren 1956 bis 1963 geschrieben hat und die in Reinschrift vorliegen, tilgte der Herausgeber in Kenntnis der Gepflogenheiten Rose Ausländers die Satzzeichen mit Ausnahme der Doppelpunkte.
Die Gedichte aus den Jahren 197 5 bis 1980 bearbeitete Rose Ausländer letztmalig im Sommer 1986 und diktierte die vorzunehmenden Änderungen. Sie waren ursprünglich zur Veröffentlichung im Band Der Traum hat offene Augen, der 1987 im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main erschien, bestimmt, konnten dort aber wegen der Mengenvorgabe – 120 Gedichte – nicht berücksichtigt werden.
Das Gedicht „Vorsicht“ fand sich als Beilage zu einem Brief an Hans Bender, der Texte von Rose Ausländer immer wieder in der Literaturzeitschrift Akzente, im Jahresring und in Lyrikanthologien veröffentlichte. Die Rechtschreibung der Autorin wurde in allen Gedichten und Texten unverändert übernommen.
Rund 4.000 Kopien von Briefen Rose Ausländers befinden sich in ihrem Nachlass. In Archiven und in privater Hand sind darüber hinaus zahlreiche weitere Briefe von ihr gesammelt. Des Öfteren hat die Dichterin in Vorbereitung auf Interviews und Gespräche Notizen angefertigt, die unveröffentlicht blieben. Die für diesen Band ausgewählten Briefzitate und Notizen geben Auskunft über die Sicht Rose Ausländers auf ihr Werk und ihre Beziehung zu ihren Lesern. Als durchweg poetisch formulierte Aussagen stehen sie im Kontext zu den Gedichten.
Inhalt
Rose Ausländers Rang als Lyrikerin ist mittlerweile unbestritten. Nach Jahrzehnten, in denen man ihren Namen nur unter Kennern nannte, zählt sie heute ganz selbstverständlich zu den Klassikern der Moderne, und ihre Gedichte stehen gleichberechtigt neben denen von Nelly Sachs und Else Lasker-Schüler. In ihrem Werk beweist sich noch einmal die Kraft der Literatur: Ihre Stimme dringt aus dem Dunkel eines unmenschlichen Schicksals zu uns und spricht doch überzeugend von der Schönheit und vom Licht.
Zum zwanzigsten Todestag der großen Dame der deutschen Lyrik am 3. Januar 2008 versammelt der vorliegende Band unveröffentlichte Gedichte und Kurzprosa aus dem Nachlass.
S. Fischer Verlag, Ankündigung
Tischgebet in Minnesota
– Texte aus dem Nachlass von Rose Ausländer. –
Aus der Bukowina, jener historisch versunkenen Gegend, in der – mit Celans Worten – Menschen und Bücher lebten, kamen erstaunlich viele Dichter: Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz, Immanuel Weissglas und eben auch Celan selbst. Sie alle sind aus dem Schatten, den Celans immer noch wachsender Ruhm wirft, nicht herausgetreten. Dabei haben einige von ihnen Metaphern gefunden, die zum motivischen Umkreis der „Todesfuge“ gehören. So Rosenkranz den Begriff „Blutfuge“ und Weissglas die Formulierung vom Tod als deutschem Meister. Rose Ausländer prägte das Oxymoron von der „schwarzen Milch“.
Sie war die Einzige, die es zu einem großen und eigenständigen Werk brachte. Dennoch ist es um die Dichterin, die heute vor zwanzig Jahren starb, eigentümlich still geworden. „Mein Schatten / steht mir im Weg“, heißt es in einem nachgelassenen Gedicht:
ich muß über ihn
hinwegspringen
Ihr Leben war geprägt von Verfolgung und Exil. Sie überlebte nach Auflösung des Czernowitzer Gettos in einem Kellerversteck und gelangte 1946 über Bukarest und Marseille nach New York. Zwischen 1949 und 1956 schrieb sie ausschließlich in englischer Sprache. Blinder Sommer, ihr erstes Buch nach dem Krieg, erschien 1965 in Wien. Im selben Jahr übersiedelte sie in die Bundesrepublik. Im Düsseldorfer Nelly-Sachs-Haus lebte sie bis zu ihrem Tod, viele Jahre ans Bett gefesselt, aber unermüdlich produktiv. Unverwüstlich war ihr Zutrauen in das Überleben von Lyrik. In einer nachgelassenen Notiz schrieb sie vom Gedicht:
Es wird immer wieder erweckt, es hat unzählige Leben.
Dieser unbändige Optimismus durchdringt das Bändchen mit Gedichten, kleiner Prosa und anderen Materialien aus dem Nachlass, das Helmut Braun herausgegeben hat, der verdienstvolle Sachwalter des Werkes. Doch Rose Ausländer liebte nicht bloß vielschichtige Metaphern und poetische Symbole, sie zeigte gelegentlich auch einen bemerkenswert scharfen Blick für gesellschaftliche Verhältnisse. „MINONA, Minnesota“ heißt der Text, der zuerst 1981 in dem Band Mein Atem heißt jetzt erschien. Er endet dort mit Zeilen über das spießige Middle-Class-Milieu mit „Schmücke-dein-Heim-Dingen / und dem elektrischen Klavier“. Nun aber, im Nachlassband, geht das Gedicht ein gutes Stück weiter und nimmt eine satirisch-kritische Wendung. Von den Kirchen Winonas ist die Rede und von einer eifernden Predigt „gegen Juden und Heiden“:
Jeder ordentliche Mensch geht sonntags zur Kirche
sonst ergeht es ihm wie mir:
„Mit Juden sitzen wir nicht an einem Tisch!“
fauchte die biedere Hausfrau mich an
nach dem Tischgebet am Tag des Herrn.
Das ist seinerzeit beim Erstdruck weggefallen. Wohl weniger aus literarischen als aus politischen Rücksichten. Es hätte womöglich das Bild der versöhnenden Poetin gestört. Vielleicht enthält der Nachlass noch manches andere, was das Bild Rose Ausländers bereichern könnte?
Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.1.2008
Von einer Wand aus Worten
– Vor 20 Jahren starb Rose Ausländer. Nun werden Texte aus ihrem Nachlass neu aufgelegt. –
Als sie 1978 bettlägerig wurde, im Elternheim der Jüdischen Gemeinde von Düsseldorf, schichtete sie Notizbücher, Gedichtbände, Zettel, Manuskriptblätter, Zeitungen, Schreibblöcke und Arbeitshefte auf dem Bettrand an der Wand zu einer Mauer auf. Es wurde Rose Ausländers Arbeitsmauer, drei Jahre lang. Dann stürzte sie immer wieder ein, und die Heimleitung ließ diese Wand aus Worten in den Schrank räumen. Heimlich, während Rose Ausländer gebadet wurde. Es war das Ende ihrer dichterischen Selbstbestimmung. Sie, die heute zu den größten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, musste sich fortan alles anreichen lassen, ungewiss, ob sie das Gewünschte, das Gemeinte überhaupt bekam. Und schrieb solche Gedichte wie „Testament“: Der rund 25.000 Seiten umfassende Nachlass der Dichterin, der zum großen Teil im Düsseldorfer Heine-Institut liegt, ist ein Konvolut aus Versuchen und Vorstufen, aus Arbeitsfassungen und Früh- wie Spätvarianten, aus Notizen und halb geschliffenen Vers-Diamanten. Und er ist – wegen der besonderen, wechselvollen Lebens- und Arbeitsbedingungen Rose Ausländers besonders schwer zu durchdringen.
1901 in Czernowitz zur Welt gekommen und aufgewachsen, floh sie im Ersten Weltkrieg nach Wien und schrieb seither, zunächst im neoromantischen und rilkischen Ton, dann aber schnell mit sehr eigener Diktion. Als 1920 der Vater starb, wanderte sie in die USA aus, um sich als Büro- und Bank-Angestellte durchzuschlagen. Anfang der 30er Jahre ging sie in die Bukowina zurück, um die Mutter zu pflegen, mit der sie sogar vier Jahre lang das jüdische Ghetto überlebte. Paul Celan fand bei ihr das Bild von der „schwarzen Milch“, das durch seine „Todesfuge“ so berühmt wurde, für ihn war sie eine Lehrerin. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sie wieder nach Amerika, schrieb nur noch Englisch, wurde aber auch hier nicht heimisch, schrieb ab Mitte der 50er Jahre doch wieder Deutsch und erfuhr erst am Ende ihres Lebens jene Verehrung, die ihre Verse schon immer verdient hatten.
Einzelne Texte aus ihrem vielschichtigen Nachlass hat der Publizist Helmut Braun, der sich in ihren letzten Lebensjahren um die Dichterin gekümmert hat, schon in seine beiden Werkausgaben aufgenommen. Wenn er nun noch einmal einen schmalen Band mit Gedichten, Prosa und Materialien aus dem Nachlass erscheinen lässt, ist zumindest die Vielfältigkeit erneut dokumentiert: Da stehen Texte, die im (Auto-)Biografischen verankert sind, neben geronnenen Stimmungen oder hermetischen Rätseln. Als Rose Ausländer heute vor 20 Jahren im Nelly-Sachs-Heim starb, hatte sie ihren Schlusspunkt längst – zwei Jahre zuvor – gesetzt: Begraben ist sie auf dem Jüdischen Friedhof im Düsseldorfer Nordfriedhof.
Jens Dirksen, NRZ, 2.1.2008
Weiterer Beitrag zu diesem Buch:
Martin A. Hainz: Hartnäckige Dämonen
Die Furche, 3.7.2008
„Wir suchen im Hudson eine bleibende Fabel“
– Rose Ausländers Amerika-Gedichte. –
In einem Essay mit dem Titel „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ stellte Jean Améry, der besser als irgend jemand anderer wußte, wovon er sprach, die Frage nach der Bedeutung des Exils folgendermaßen:
Wer das Exil kennt, hat manche Lebensantworten erlernt, und noch mehr Lebensfragen. Zu den Antworten gehört die zunächst triviale Erkenntnis, daß es keine Rückkehr gibt, weil niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist. Unter den Fragen aber, die sich dem Exilierten schon am ersten Tage gleichsam ins Genick setzen und ihn nicht mehr verlassen, ist eine, die ich in diesem Aufsatz – vergeblich, das weiß ich schon, ehe ich recht begonnen habe – zu erhellen versuche: Wieviel Heimat braucht der Mensch.
Jean Améry und unter den jüdischen Dichterinnen deutscher Sprache Hilde Domin, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs: die Liste derjenigen, die zu verschiedenen Augenblicken und unter unterschiedlichen Bedingungen das Exil mitunter gewählt, es aber auf jeden Fall immer erlitten haben, ist endlos. Dennoch scheint es über die Gemeinsamkeit des Schicksals hinaus notwendig, die Einzigartigkeit der Zeugnisse und ihrer Ausdrucksweisen einzuräumen.
Der Versuch, die Erarbeitung einer Exilspoetik nachzuzeichnen, läuft in dem speziellen Fall Rose Ausländers in ungefähr darauf hinaus, die Gesamtheit ihrer lyrischen Produktion zu berücksichtigen, so sehr nimmt der Anteil eines Gefühls von Fremdheit, im Schmerz und im Elend gelebt, manches Mal imaginär oder metaphorisch, darin Platz ein, so sehr erscheint die Entfernung von allen Wurzeln sogleich wie die Essenz selbst des Werkes. Denn das Werk und die Biographie Rose Ausländers, die eine Herangehensweise an das Exil nicht außer Acht lassen darf, sind bei genauer Betrachtung alle beide von den zwanghaften Bildern der Enteignung durchzogen – seit den ersten Augenblicken des Lebens ebenso wie seit den ersten Gedichten. 1901 in Czernowitz in der Bukowina geboren, damals noch österreichische Provinz, werden Rose Ausländer Ende des Ersten Weltkrieges ihre Ursprünge entzogen, als ihre Heimatstadt rumänisch wird. Zu diesem Verlust sollte man die beiden Auswanderungen in die USA 1921 (1921–1930) und 1946 (1946–1965) hinzufügen, die unsere Aufmerksamkeit hier ganz besonders auf sich ziehen werden, aber auch das innere Exil des Ghettos, dasjenige der Sprache, als die Dichterin nach dem Holocaust für ein Jahrzehnt nur mehr noch in Englisch wird schreiben können.
All diese Punkte, die keineswegs eine erschöpfende Auflistung darstellen, verdienten eine detaillierte Analyse, die es sich schuldig wäre, den Teil zu berücksichtigen, der auf den Schreibstil einerseits in die Verinnerlichung des Bedeutungsverlustes, andererseits in die schöpferische Äußerung ihrer Wiedereroberung, in ihrer Möglichkeit selbst von Améry verneint, und ihren Grenzen, die sie charakterisieren, hinausläuft. Natürlich muß man sich dabei der extremen Schwierigkeit, die darin besteht, ihrer Vielfalt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bewußt sein. Für Ausländer entspricht dieser Tatsachenbestand im Fall ihrer ersten amerikanischen Periode nicht einer Verbannung auf richterliche oder politische Anordnung hin, sondern einem Exil, für das sie sich freiwillig bereit erklärt hat, um die materielle Not ihrer Familie nach dem Tode des Vaters zu lindern, das sie aber dennoch wie eine ungerechte Strafe empfindet, eine erlittene Ablehnung. Für sie wird sich von da an eine schonungslose Umsiedlung in ein kulturelles und soziales Umfeld vollziehen, das im diametralen Gegensatz zu dem ihrer verwöhnten Jugend in der Bukowina steht. Um nicht in wenig anschauliche Allgemeinheiten zu verfallen, scheint es deshalb interessanter, sich hier auf die Bildergeflechte des amerikanischen „Exils“ und auf seine Anklänge in der Bilderwelt Rose Ausländers zu beschränken.
New York oder der Bedeutungsverlust
Im April 1921 emigriert die junge Rosalie Scherzer im Alter von zwanzig Jahren zusammen mit Ignatz Ausländer, den sie zwei Jahre später heiraten wird, in die USA. In ihrem Zyklus „New York“, dessen Entstehung in die Jahre 1926–1927 zurückreicht und der später teilweise in der Czernowitzer Tageszeitung Der Tag veröffentlicht werden wird, entwickelt sich beinahe unmittelbar eine Exilspoetik. Aber mehr noch als ein konkreter Ort erscheint die amerikanische Stadt darin als eine negative Vorstellung und nicht etwa als ein anregendes Motivreservoir der Poesie. Die Neue Welt bietet sich dem Blick der jungen Frau hauptsächlich in der grausamen Nacktheit einer Landschaft dar, die mittels grober Identitäten gezeichnet ist und einem sicherlich abstrakten, aber dennoch mit schrecklichen Szenen bevölkerten Dekor ähnelt. Eines der wesentlichen Charakteristika dieses Stils liegt, trotz der auf einige New Yorker Ortsteilnamen zurückgeführten Anspielungen, in der Abwesenheit einer wirklichen Lokalisierung im städtischen Raum und in der Zeit, was so einen Ort außerhalb des Ortes zum Lesen gibt, ein beunruhigendes Anderswo, für das Ausländer, nach den deutschen Expressionisten, und insbesondere dem Zeichner Berlins unter ihnen, Georg Heym, die Bezeichnung des „Dämons der Stadt“ vorbehält. Die entfesselte Kraft der Bilder, die diese Gedichte vermitteln, versetzt den Leser in einen unbestimmbaren Zwischenraum, auf halber Strecke zwischen dem unwahrscheinlich echten Reellen und dem Imaginären, in dessen Innerem das Konkrete beständig mit dem Abstrakten im Wettstreit liegt.
Die Visionen des New Yorker Exils sind in diesen ersten amerikanischen Jahren durchwirkt von dem Schreckgespenst einer dauerhaften Apokalypse. Ein konstantes Merkmal in den Versen ist daher, daß New York, das Aufnahmeland sein sollte und sich im Laufe der Zeit als ein Vorgeschmack des Weltniedergangs enthüllt, sich einer Eroberung entzieht, deren Hoffnungen, die es hervorgerufen hatte, man ansonsten sehr wohl spürt. Der Zyklus New York markiert so eine erste aufschlußreiche Wende in ihrem Schreibstil. Die Atmosphäre der absoluten Megalopole, die erdrückende Architektur der Wolkenkratzer, ebenso wie die schwierigen Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen, hatten, man ahnt es, den Effekt eines schweren Schocks für jemanden, der in den lieblichen Landschaften der Bukowina gewiegt worden war. Die früheren Gedichte Rose Ausländers, von denen manche in ihrem ersten Sammelband Der Regenbogen (1939) veröffentlicht wurden, waren sowohl von ihrer formalen Konstruktion als auch von ihrer Thematik her noch der Romantik, aber auch Hofmannsthal und Rilkes verbunden. Die Abwesenheit eines persönlichen Tones brachte das Tasten eines Autors zum Ausdruck, der auf der Suche nach sich selbst ist und glaubt, in der Nachahmung von großen, unangefochtenen Vorbildern vorübergehend ein Viatikum gefunden zu haben. Diese Gedichte, die sich in der Mehrzahl in die Rubrik der Liebeslyrik einordnen lassen, waren noch größtenteils von der Absicht getragen, „die Nächte des Liebenden zu entflammen“. Angesichts dieses neoklassizistisch anmutenden Programms fällt das Gedicht „Der Dämon der Stadt“, mit dem der Zyklus beginnt, durch die zahlreichen Ähnlichkeiten, die es mit dem Berliner Expressionismus, von dem es sich einen guten Teil seines Pathos entleiht, zur Schau stellt, auf eigenartige Weise aus dem Rahmen. Man urteile lieber nach der Eingangsstrophe:
Diese schalen Straßen und die faden
Menschen und mechanisierte Laster!
Heimatloses Herz, bist eingeladen
zu intimer Freundschaft mit dem Pflaster.
Die kalte Gewalt der Stadt verbunden mit dem Elend der Einheimischen, von denen auch manche vereinsamt und ohne Obdach sind, läßt jeden menschlichen Kontakt unwahrscheinlich werden. Wenn Times Square hier oder dort erscheint, ist der Wille der Dichterin nicht, einen möglichen Ankerpunkt in dem New Yorker „Inferno“ zur Sprache zu bringen, denn auch dieser Ort ist ebenfalls der elektrischen Besessenheit unterworfen, die Menschen und Maschinen antreibt.
Besonders im Laufe dieser Jahre ist Ausländer besonders empfänglich für die Kontraste, die auf der einen Seite die goldenen Fassaden der Gebäude bieten, die das Azur loslösen zu wollen scheinen, und auf der anderen die tiefseeartige Schwärze der bescheidenen Behausungen, die mit Käfigen verglichen werden. Inmitten des allgemeinen Lärmes zeichnet sich eine winzige Hoffnung ab: die Ankunft des friedlicheren Sonntags, an dem man ganz für sich die Freuden – auch sie wenig wahrscheinlich – eines Vogelgesanges oder einer kleinen Grünanlage wird kosten können. Das erneute Auftauchen eines Käfigs, das man auch in den Gedichten „Bankfabrik“ und „Die Stunde nach der Sklaverei“ wiederfindet, um die Tätigkeit der Autorin als Bankangestellte zu bezeichnen, deutet offensichtlich auf die unterschiedlichen Lektüreebenen hin, die man auf dieses rekurrente Motiv anwenden kann. Der Käfig verweist gleichzeitig auf den Alltag der New Yorker, auf die städtische Gegend im allgemeinen, die nach dem Bild der Leute geformt ist, und die sich verschließt, sobald man den Horizont zu überschreiten sucht, aber auch indirekt auf die Situation des Ausgeschlossenseins, unter der die im Exil lebende Dichterin leidet. Rose Ausländer drückt so die völlige Orientierungslosigkeit aus, die ihr die Entmenschlichung der Existenz oder die entsetzlichen Geschwindigkeiten der Maschinen einflößen, welche die im Räderwerk gefangenen Lebewesen schließlich glauben lassen, daß sie weder Sonne noch Wald, weder Berge noch Gesänge mehr brauchen. Mit einem Wort, all das, was ihr im Gegensatz dazu ihr Heimatland bot, wie es das Gedicht „Das laufende Band“ in Erinnerung ruft und was sie unermüdlich bis zu ihrem Tod besingen wird. Noch Zeuge dieser Vision ohne Zugeständnis und voller Verzweiflung scheinen folgende Verse zu sein:
Ich sehe sie nackt, ich seh die „Bowery“:
Die Menschen liegen dort wie stumpfes Vieh
Und König Alkohol ist dort zuhaus
Mit seinem Hofstaat: Hunger, Pest und Laus.
Vom Fusel angebrannt, stürzt hin ein Weib
Und deckt ein Stückchen Pflaster mit dem Leib.
Der Ordnungshüter scharrt den Großstadtfleck
Verächtlich wie ein Häufchen Dreck hinweg.
[…]
Da wandert mancher, der in Hungersqual
Wohl manchem einen heiligen Dollar stahl,
ins „Loch“, der Heimatlosen letzter Trost
und mancher schläft zu Tode sich im Frost…
Diese von den Ihrigen verstoßene, dem Elend der Straßen ausgesetzte Frau bietet der Dichterin eine ideale Identifikationsfigur, über die sie ihr eigenes Exil ausdrückt und ihre Solidarität bezeugt. Daher ist man auch nicht überrascht festzustellen, daß dieses Gedicht, das nach sehr allgemeinen und wie äußeren Beschreibungen folgt, eine Perspektivenveränderung und eine Fokussierung auf die Situation der Insellage, in der alle Emigranten leben, und im Anschluß auf Rose Ausländer selbst, ankündigt. Das Schlüsselgedicht „Die Stunde der Sklaverei“ markiert tatsächlich den paradoxen Einbruch des lyrischen Ichs, das sich darin nur als solches behauptet, um seine Isolierung und die Vergeblichkeit seiner Hoffnungen auf Integration in die amerikanische Gesellschaft besser zu unterstreichen. Wie das israelische Volk dazu verdammt, bei seinem Auszug aus Ägypten auf der Suche nach Weideland und Wasser vierzig Jahre in der Wüste Negeb herumzuirren, beklagt sie ihre Situation folgendermaßen:
Ich wohn in einem Wüstenland,
nichts grünt dem Herzen Freude.
Oase einer warmen Hand
Erblüh’ an meiner Seite!
Allein das Anflehen der Mutter, Ankerpunkt des Heimatlandes, auf die sich alle Sehnsüchte richten und die trotzdem indirekt für das Exil ihrer Tochter verantwortlich ist, erlaubt es, das Schicksal zu beschwören.
Man muß sich wundern, daß Rose Ausländer trotz dieser scharfen Beurteilung 1925 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, was entgegen allen vorangehenden Bemerkungen zeigt, daß sie beschlossen hatte, sich endgültig in Amerika niederzulassen. Das Scheitern ihrer Ehe wird jedoch eine befristete Abreise nach Berlin, wo sie sich für mehrere Monate in der zweiten Hälfte des Jahres 1927 aufhält, und eine kurze Rückkehr in die Bukowina beschleunigen. Trotz allem ist es New York, wohin sie bereits 1928 wieder aufbrechen wird. Umgeben von Bildern der Verzweiflung bringen die der amerikanischen Megalopole gewidmeten Texte nicht nur den Verlust von identitätszugehörigen Orientierungspunkten, sondern letzten Endes auch eine unmögliche Suche nach Anerkennung zum Ausdruck. Von der von ihr verehrten Mutter zurückgewiesen, wird die junge Frau kein Aufnahmeland finden. Paradoxerweise erdrückt New York sie regelrecht, obwohl die Stadt sich ihrem Blick zu entziehen scheint und letztendlich fast nur Stereotype hervorbringt, die in der Mehrzahl dem Berliner Expressionismus entliehen sind. Gelähmt durch das, was der Titel eines Gedichtes als den „Stil Manhattans“ bezeichnet, könnte Ausländer mit den Worten Heyms sagen, daß es „nichts mehr zu hoffen“ und „nichts mehr zu wagen“ gibt. Die Unsicherheit, was den wahren Ort ihres Exils betrifft, ist ontologischer Rangordnung und wirkt sich auf die anderen im Exil Lebenden aus, auch sie wie der Bruder dazu verdammt, den Namen zu verlieren und ihr Gepäck auf der Türschwelle zurückzulassen, was eine andere Art ist, um den Verlust und den auf ihre vergangene Geschichte beschränkten Verzicht zu beschreiben.
Man ist betroffen über den Ernst des Gesamttons und wundert sich, daß sie sich keinerlei Zurückhaltung gegenüber ihrem Aufnahmeland auferlegt. In einer Lili Körber gewidmeten Studie erinnerte Viktoria Hertling an die Worte Irmgard Keuns zum Thema der von den Emigranten empfundenen Furcht, die amerikanische Realität zu kritisieren. Allerdings muß betont werden, daß Rose Ausländer 1921 nicht aus politischen Motiven emigriert war, wie die Generation derjenigen, die kaum zwei Jahrzehnte später jenseits des Atlantiks Zuflucht finden werden, um den Verfolgungen der Nazis zu entkommen. Ihre neue Abreise nach New York 1946 wird dagegen unter ganz anderen Vorzeichen stehen. Durch all diese „elektrischen“ Strophen, obwohl zum größten Teil in einer gleichmäßigen und gereimten Form verfaßt, zeichnet sich die Schwierigkeit ab, Orientierungspunkte wiederzufinden und zu verhindern, daß die Umstände einen nicht aus dem eigenen Exil verbannen.
Auf der Suche nach den Gesetzestafeln
Seit dem Herbst 1946 lebte Rose Ausländer von neuem in New York. 1948 wurde sie sogar auf ihre Anfrage in die amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie 1934 verloren hatte, wiedereingegliedert. Um den Sinn dieser zweiten amerikanischen Periode richtig zu erfassen, muß man eine gewisse Anzahl an wesentlichen Fakten gegenwärtig haben: zunächst die bereits erwähnte Lähmung des Schreibstils in ihrer Muttersprache, eine Folge, die sich von der Einweisung in das Ghetto und dem Genozid der Juden unterscheidet. Anschließend ist es notwendig, sich in Erinnerung zu rufen, daß diese neue Abreise bereits 1939 hätte einsetzen müssen. Freunde, die in New York geblieben waren, hatten die Gefahr gespürt, die für sie bestand, wenn sie in Europa bliebe, und ihr die materiellen und behördlichen Mittel für ihre Rückkehr in die USA verschafft. Da sie es aber vorgezogen hatte, in der Nähe ihrer kranken Mutter zu bleiben, geriet auch sie in die Fänge der Nationalsozialisten. Die zweite Emigration fungiert also wahrhaftig als ein politisches Exil mit Verspätung, eine „kompensatorische“ Erleichterung, wenn dies einen Sinn haben kann; denn aus Europa zu fliehen, bedeutete gleichzeitig, sich von den Orten zu entfernen, an denen die Vernichtung, der ihre jüdischen Brüder zum Opfer gefallen sind, durchgeführt worden war. Unter diesen Bedingungen konnte sich ihre Vision von New York nur verändert finden. Das ist es, was in den zwischen 1957 und 1966 geschriebenen Gedichten, deren Mehrzahl, mit Ausnahme des Sammelbandes Blinder Sommer (1965), erst um einiges später veröffentlicht werden wird, vor allem hervorsticht. Im Gegensatz zu denjenigen des Zyklus „New York“ sind sie also nicht unmittelbar zeitgenössisch mit den Erfahrungen, die sie stilistisch und thematisch inspiriert haben. Sehr viel später, erst im Jahre 1971, wird Ausländer in ihrem kurzen, programmatischen Essay „Alles kann Motiv sein“ auf diese Periode zurückkommen:
Ende 1946. Einwanderung in die USA. Existenzkampf. Umorientierung. Provokation. Die neue Welt der modernen amerikanischen und englischen Poesie war ein frischer erregender Auftrieb. Nach mehrjährigem Schweigen überraschte ich mich eines Abends beim Schreiben englischer Lyrik. Einer meiner ersten Englischtexte fing an: „Looking for a final start“. (Ich suche einen endgültigen Beginn).
Auf dem Spiel stand diesmal ein doppelte Herausforderung: zum einen natürlich eine existentielle, wie beim ersten Exil, aber zum anderen auch eine ästhetische, was unter den gegebenen Umständen nichts Überraschendes an sich hatte. Im Prosatext „Der Fluch“ zieht Rose Ausländer eine dementsprechend luzide Bilanz aus dieser Erfahrung mit all ihren formalen Konsequenzen:
Was später über uns hereinbrach, war ungereimt, so alpdruckhaft beklemmend, daß – erst in der Nachwirkung, im nachträglich voll erlittenen Schock – der Reim in die Brüche ging. Blumenworte welkten.
In ausgerechnet dieser Geisteshaltung muß man den Zyklus „Blinder Sommer“ betrachten, der den „Sommer der Asche“ als anschauliche Metapher für das Verschwinden der Juden einführt. Der erste Teil mit dem Titel „Das dividierte Gesicht“ unternimmt mit dreißig Jahren Distanz erneut eine Art Bestandsaufnahme der New Yorker Eindrücke – diesmal allerdings befreit von dem expressionistischen Pathos der ersten Beschreibungen. Die Reime haben darin die Strophen zugunsten der freien Rhythmen verlassen. Ansonsten findet man die wesentlichen Themen des Zyklus „New York“ wieder: die Langeweile, die Einsamkeit der Emigrantin in der Arbeitswelt, das übermechanisierte und robotisierte Universum, das auf das Verhalten der Leute abfärbt, die angetrieben werden, als ob sie in sich stetig das Triebwerk einer Uhr spürten, die ihnen die Stunde ihres „elektrischen Lächelns“ anzeigt. Trotz allem mildert die Veränderung des Stils in eigenartiger Weise die Härte der bereits evozierten Kritik. Der objektive Grund dafür ist an sich ziemlich einfach, er liegt im Erlebten der Autorin zwischen den beiden Exilsperioden.
Daher ist die Stadt New York nicht mehr das ideale Sammelbecken der Ängste und Desillusionen, welche die junge Rose Ausländer geneigt war, für sich einzunehmen. Sie scheint Alpträume abzusondern, auf die Dichterin die Brüche ihrer eigenen Biographie zu übertragen. Die Projektionsfläche bleibt scheinbar die gleiche, aber nur nach außen hin, denn in Wahrheit hat sich der Projektor um 180 Grad gedreht.
Das Gedicht „24 Stunden“ begnügt sich z.B. nicht damit, nur über den freudlosen Ablauf eines gewöhnlichen Tages zu berichten, der genauso langweilig und eintönig ist wie alle anderen. Es überträgt nämlich mit Genauigkeit und Nüchternheit ebenfalls das brutale Eindringen der historischen Wirklichkeit in den Alltag:
Kommen Gäste – du lächelst zermürbt. Die freundlichen Leute erwarten einen Einfall, aber dein Gehirn weigert sich zu zaubern, die Eingebung gibt nichts.
Mitternacht – das Bett ist eine Erleuchtung. Die auferstandne Mutter rückt das Laken zurecht, bettet die Polster hoch. Die Uhr gähnt, das Fenster gähnt, die Lampe ist ein gähnend erhellter Mund. Du fällst in die Federn, sinkst in den Indigoschnee.
Über ein Mohnfeld eilst du zum Bahnhof, um den Zug nicht zu versäumen. Männer in Ku-Klux-Klan-Kutten, bewaffnet mit Hakenkreuzen und Revolvern umzingeln dich, der Raum raucht Gefahr.
Das lähmende Eindringen der täglichen, aus der amerikanischen Realität lebensnah eingefangenen Szenen, über die sich das Trauma der nazistischen Massenverhaftung legte, verwandelt das Exil in eine ständige Bedrohung, der man sich unmöglich entziehen kann. Dieser Eindruck ist längst noch nicht so isoliert, wie man meinen möchte. Die Züge, die in dem Gedicht „Die Fremden“ die verzweifelten Lebewesen „mit fremden Nasen und traurigen Lippen“ herbeibringen, lassen einen zwangsläufig an die Todeskonvois denken. Wie hätte Rose Ausländer unter diesen Bedingungen irgendeinen Trost in den extravaganten Cocktailpartys und den anderen Abenden, wo der Überfluß an Nahrung und die gedämpfte Stimmung eine falsche Menschlichkeit heucheln, in Wahrheit die Heuchelei des small talk entlarvend, finden können?
Wenn indessen die Mehrzahl der Gedichte, alle äußerst kontrastreich, zwischen der angstvollen Verzweiflung und den unerträglichen Erinnerungen schwanken, verschließt Rose Ausländer trotzdem nicht die Tür gegenüber einem möglichen, mit Bedeutung beladenen Neubeginn. Dort wo sie in den Schatten gestellt wird, läßt die äußere Betrachtung manchmal Platz für eine symbolische Inbesitznahme des Ortes, die äußerlich schon ablesbar wird in den Titeln gewisser Gedichte. („Battery Park“, „Sonntag am Riverside Drive“, „Chinatown“, „Harlem bei Nacht“ etc.), die alle in entsprechender Weise den Übergang von einer kalten und entmenschlichten Architektur zu Stätten des regen Lebens verkünden.
Es wäre dennoch falsch zu glauben, daß sich hier eine linear eindimensionale und strukturierte Entwicklung mit aller Deutlichkeit abzeichnet. In Wahrheit führt Ausländer gleichzeitig eine doppelte Suche, die sich in den Tableaus der amerikanischen Stadt bevorzugt niederschlägt. Erhält sie des Nachts den Besuch von einem Schatten, demjenigen eines Freundes, an dessen Tod sie nicht glauben will und schon stellen existentielle Zweifel alles wieder in Frage:
Ich wußte nicht, wo das Daheim lag – in Amerika, in der Schneeschweiz, am Romhügel oder im Pruthtal.
Niemals endgültig erobert, niemals völlig zurückgewiesen, erlegt sich die amerikanische Stadt von da an auf, das unvermeidliche Kommen und Gehen zwischen dem Hier und dem Anderswo, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, aufrechtzuerhalten. Diese Pendelbewegung bleiben jedoch bei ihr untrennbar verbunden mit dem Rückgriff auf die jüdische Tradition und ihre Legenden. Noch dort dient die in ihren Vorrechten wiederhergestellte Vorstellungskraft dem Versuch, einen Sinn zurückzuerlangen, dem Nichts eine eindeutige Botschaft zu entreißen:
In Kirchen
Gesungene Engel üben
Tröstende Flüge von
Gram zu Glaube
Wir suchen
Im Hudson eine bleibende Fabel
Die Gesetzestafel im Steinreich
Die Sonntagsseele im Mond.
Der platonische Begriff vom Exil der Seele im Körper, vermengt mit der Suche nach den Ursprüngen, und darüber hinaus mit einer Kommunion mit ihrem Volk, läßt die amerikanische Situation des Dichters sowohl wie einen Unfall in einem biographischen Lebenslauf als auch wie die tiefe Wahrheit einer Persönlichkeit erscheinen.
Um zu versuchen, diesem mißlichen Dilemma zwischen der Nostalgie nach den Ursprüngen und dem Gefühl, das unbekannte Land („Fremde“) zähmen zu müssen, zu entkommen, entwickelt Rose Ausländer auf der einen Seite Strategien der Flucht, auf der anderen gefühlsbetonte Unternehmungen einer nachträglichen Re-Semantisierung ihrer amerikanischen Erlebnisse. Zu diesem Zweck sucht sie mit einer deutlichen Vorliebe die Orte auf, die insbesondere in New York zum Traum einer Reise verführen und durch ihre Topographie die Illusion ihrer möglichen Verwirklichung vermitteln. Die Freiheitsstatue zum Beispiel scheint für sie die wiedergefundene Selbständigkeit zu bedeuten, wahrend der Adler des Empire State Buildings, die Matrosen des Hafens, der wirbelnde Tanz der Möwen allesamt Zeichen sind, die ein mögliches Ende des Exils andeuten. Im Gegensatz zum Zyklus „New York“ ist der Gigantismus einiger dieser Monumente also nicht mehr das Merkmal einer vollständigen Vernichtung des Individuums, das dazu verdammt wäre, sich ohne Unterscheidung in dem allgemeinen Elend aufzulösen, sondern eine Art Aufruf, den die Verse an eine Erwählte richten und der durch sie allein entzifferbar bleibt. Ein wenig nach Art des „Vogellied[s]“ bei Nelly Sachs schreibt Rose Ausländer gleichsam durch gedankliche Vorwegnahme eine neue Seite ihres Lebens.
Zum Schluß sollte man eine beunruhigende Besonderheit dieser Gedichte unterstreichen. Sie schildern sicher eine virtuelle Rückkehr nach Europa, aber ebenso wie in dem Zyklus „New York“ die Stadt durch ihre bedrückende Anwesenheit seltsam abwesend erscheint, lassen die Texte, die sich um dieses Thema drehen, keinen Platz für irgendeine Anspielung – und noch weniger für irgendeine Vision – auf das Land, das als Absteigequartier für eine mögliche Rückkehr dienen könnte.
Neue Wege der Sinnstiftung
Gleichzeitig zu den insgesamt abschätzigen Bildern der amerikanischen Stadt vollzieht sich eine Überarbeitung des Exils, die nach und nach die Schönheit und sogar die subtile Kraft New Yorks anerkennt. Das ist besonders in dem Gedicht „New York“ fasziniert der Fall, obwohl das Gemälde, das Ausländer davon zeichnet, sich nur als ein Märchen erweist oder ein Trugbild, das mit den ersten Stunden des Tages entschwindet. Die Faszination, von der hier die Rede ist, beruht auf einer für sich sprechenden Doppeldeutigkeit. Denn wenn sie es zwar erlaubt, die zum Teil noch oberflächlichen und emotionalen Reaktionen der ersten Periode teilweise abzuschwächen, indem sie der Gegend eine immanente, unleugbare Schönheit zugesteht, gelingt es ihr nicht völlig, die Empfindung einer vergänglichen Gnade auszulöschen, einer Gnade, die überdies kommen wird, um die Armee der anonymen Schatten, welche im Morgengrauen auf die Straßen strömen wird, zu einem Nichts zu reduzieren.
Man findet eine ähnliche Atmosphäre der ungewissen Ruhe in „Liebespaar im New York Central Park“. Die Parkbank, auf der ein altes Liebespaar in einer Allee von Central Park sitzt, vermittelt den Eindruck einer Oase außerhalb der Zeit, in der die Liebenden, den materiellen Belanglosigkeiten der irdischen Dinge entzogen, auf „Wellen der Verjüngung“ treiben würden. Dieses eigenartige Paar, im Begriff, eine Verjüngungskur zu machen, profitiert zudem von den Vertraulichkeiten zweier jahrhundertealter Ahornbäume, die alle Umpflanzungen, die im Innern des Parks durchgeführt wurden, überlebt haben:
Wann war es als wir das erste Mal unsre
Blattaugen öffneten? Weißt du noch? Wald unsre Welt
Wald unser Land dann kamen sie mit Riesenscheren
Und schnitten den Weg kahl, diese Allee. Viele Brüder
Sind damals gefallen. Sie pflanzten Bänke statt Bäume,
die komischen Menschen. Und dort, am Horizont,
Weißt du noch? – mit baumhohen Zangen hoben sie
Stangen und Steine und pflanzten sie in die Luft
Aneinander gekettet. Angewurzelt stehn sie seither
Und wachsen nicht, die komischen Bäume.
Die in der „Arche“ aneinandergeschmiegten Liebenden überqueren für ihren Teil die „grünen und unschuldigen Fluten“. Das Allegoriegerüst wird hier durch zahlreiche Anspielungen auf das Alte Testament untermauert. Die Arche bleibt untrennbar mit dem Bild der Sintflut als einer göttlichen Bestrafung verbunden. Allein Noah und die Seinigen wurden gerettet, weil sie ebenso wie ein Paar von allen lebenden Arten in das Innere Zutritt haben konnten (1 Mose 6,9–22). Im Gedicht findet man dafür eine Entsprechung mit den beiden Bäumen und den Liebenden. Obwohl Rose Ausländer Noah nicht ausdrücklich zitiert, ist es wahrscheinlich hinsichtlich unserer Äußerungen nicht unnötig, daran zu erinnern, daß sein Name, hebräischen Ursprungs (noach) durch das Buch Genesis (1 Mose 5, 28–30) in Beziehung mit dem Verb „nocham“ steht, welches „trösten“ bedeutet. Dies entspricht im Grunde sehr wohl der Absicht Ausländers, trotz des melancholischen Tones, den sie annimmt. Der Dialog der jahrhundertealten Bäume stellt außerdem eine mögliche Anspielung auf den Tabernakel und die Bundeslade dar. Der Tabernakel nämlich war ein großes Zelt, das von den Israeliten nach dem Vorbild, das Mose auf dem Sinai gab, erbaut worden war. Auch galt es während der Durchquerung der Wüste als ihre Kultstätte. Bei jedem Reiseabschnitt errichteten die Leviten den Tabernakel in der Mitte des Lagerplatzes und stellten ihre Zelte um ihn herum auf. Dahinter ließen sich die zwölf Stämme Israels nieder. Der Tabernakel befand sich also im Zentrum des religiösen Lebens, denn eben dort offenbarte Gott seinem Volk seine Allgegenwart. Obwohl dieses aufgrund seines Ungehorsams für vierzig Jahre lang das Gelobte Land nicht hatte betreten dürfen, war Gott bereit, es zu beschützen. Der Tabernakel, sonst auch „Zelt der Begegnung“ oder „Stiftshütte“ genannt, wurde außerdem durch ein Balkenwerk aus Akazienholz getragen und in zwei Hälften eingeteilt: das Heilige und das Allerheiligste. Die Bundeslade ihrerseits war ebenfalls aus einem Akazienholzgestell gebildet. Man trug sie mit Stangen, die man an den vier Füßen einführte. Sie enthielt zudem bekannterweise die Tafeln der Zehn Gebote. Die mit Gold überzogene Sühneplatte, die auf der Lade angebracht war, trug des weiteren an seinen beiden äußeren Enden Cherubim, die ihre Flügel zum Schutz ausbreiteten. Der Tabernakel barg ebenfalls den Altar des Holocausts in sich, was nicht ohne Interesse für das Verständnis dieses Gedichts ist.
Diese langen Erklärungen haben nur die Absicht, eine Konfrontation der Motive Ausländers mit der jüdischen Tradition und der Exilsproblematik, die sie ganz durchzieht, zu erlauben. Man ist zuallererst überrascht von der Zahl der irritierenden Übereinstimmungen, die die Allegorie mit den Kultelementen der Wüste darbietet. Wie die Arche stellt der Central Park trotz der schmerzhaften Spuren eines Ausästens, das sehr wohl auch die Todeslager in Erinnerung ruft, eine Art Heiligtum des Friedens dar. Andere Parallelen drängen sich auf: die auf der Bank sitzenden Liebenden sind wie ein entferntes Echo der Cherubim auf der Sühneplatte. Wie der Verschluß der Arche im Buch Exodus wird die Bank „Arche des Zeugnisses“, durch Anspielung auf die zwei Zeugnis- oder „Gesetzestafeln“, die im Innern hinterlegt sind. An diesem präzisen Augenblick ihrer Erfahrung lädt sich das Exil also für Rose Ausländer mit einer neuen Bedeutung auf, die ihre spätere Produktion ebenfalls beeinflussen wird. Es handelt sich tatsächlich nicht mehr so sehr – etwa in einer Bewegung des defensiven Rückzuges – darum, sich gegen die in der amerikanischen Stadt empfundene Aggression zu schützen, als vielmehr diesem Land, das sie aufnimmt, einen entscheidenden Teil in der Wiedereroberung der Ursprünge und einer Bedeutung, die selbst zwangsläufig durch den Rückgriff auf die hebräische Tradition hindurch führt, anzuvertrauen. Ein wenig nach Art Davids, der nach der Aufgabe des Tabernakels während der Eroberung Kanaans durch die Israeliten die wichtigsten Stücke davon zusammentragen wird, mit denen sein Sohn Salomon später den ersten Tempel Jerusalems erbauen sollte (1 Könige, 5–7), versucht Rose Ausländer zu bewahren und zu retten, was es noch sein kann. Daß der Hoffnungsschimmer, der sich in diesem Gedicht abzeichnet, bedenklich bleibt, eben dies wird durch mehrere Rückfälle in die Schwärze bestätigt, die das Gedicht „Ein Tag im Exil“ in Erinnerung ruft, wo das nicht enden wollende Umherirren der emblematischen Figuren Adams, Abrahams und Ahasvers noch eigens unterstrichen wird:
Ein Tag im Exil
Haus ohne Türen und Fenster.
Auf weißer Tafel
mit Kohle verzeichnet
die Zeit
Im Kasten
die sterblichen Masken
Adam
Abraham
Ahasver
Wer kennt alle Namen
Ein Tag im Exil
wo die Stunden sich bücken
um aus dem Keller
ins Zimmer zu kommen
Schatten versammelt
um’s Öllicht im ewigen Lämpchen
erzählen ihre Geschichten
mit zehn finstern Fingern
die Wände entlang
„Liebespaar im New York Central Park“ nun fügt sich in eine andere Logik. Dieses Gedicht macht aus New York nicht nur den Kristallisationspunkt der verlorenen Ursprünge und der notwendigen Wiederentdeckung des Sinns – eine Wiederentdeckung, die durch das Gefühl der Fremdheit, das jedem Exil eigen ist, geschürt wird – auch wenn es unleugbar bleibt, daß die bewegliche Bank von Central Park die Etappen eines Marsches ins Gelobte Land ankündigt. Das Unaussprechliche des Holocausts, das zum Ausschluß des Lebensglücks beiträgt, verpflichtet gleichzeitig zu einer Aussöhnung mit sich und der Welt. Es geht dabei tatsächlich um nichts weniger als um die Möglichkeit einer Vergebung. Alles in allem scheint das Wiegen der Arche auf den Wellen, bezeichnet durch den deutschen Ausdruck „Flut“, und wohlgemerkt nicht mehr durch „Sintflut“, die an das Gefühl eines Fehlers verknüpft ist, in die gleiche Richtung zu gehen. Es läßt symbolisch eine mögliche Überquerung des Ozeans und eine Rückkehr nach Europa erahnen. Im Laufe dieser New Yorker Jahre ist es also die gesamte individuelle Vergangenheit der Autorin und das Schicksal ihres Volkes, die sich im Licht der amerikanischen Metropole, die vielleicht wider ihren Willen die Arbeit der identitätsbezogenen Selbstbesinnung anregt, überdacht finden.
Nach der langen Reise, die Ausländer 1957 durch die wichtigsten Städte des Alten Kontinents unternimmt, werden sich die Bilder Amerikas mehr und mehr mit einem europäischen Einschlag tönen. Wie wir schon anderweitig an der Malerei zu zeigen suchten, füllen sich die amerikanischen Gegenden mit Bezügen auf die Kultur des antiken Griechenland und vor allem Italiens auf. Central Park wird sich also in ein Gemälde Cezannes und der Battery Park in eine Nachbildung Venedigs umwandeln können, während hingegen die Freiheitsstatue ihre Füße in den atlantischen Lido tauchen wird, eine auf wunderbare Weise amerikanisch gewordene Lagune. Man braucht sich nur wieder an die extreme Entwertung New Yorks in dem gleichnamigen Zyklus zu erinnern, um die Bedeutung dieser Überblendung von Bildern zu ermessen, dieser Überbestimmung des lyrischen Sinngehalts, die dem Schmerz des Exils entrissen wurde.
Die Bilder Amerikas stellen also logischerweise einen wesentlichen Teil der Ausländerschen Exilproduktion dar, die nicht – weit gefehlt – einfach ein sachbezogener Bericht ist. Wenn es erlaubt ist, im vorliegenden Fall von einer hart erkämpften Rückeroberung der Sinnstiftung im Gedicht und durch das Gedicht zu sprechen, scheint es problematischer, von Rückkehr zu reden, vielleicht, weil die Heimat, wie Jean Améry es schreibt, vor allem das Land der Kindheit und Jugend ist. In diesem Sinne müssen die Versuche Rose Ausländers, sich in Wien, der Hauptstadt des Reiches, zu dem die Bukowina einst gehörte, niederzulassen, zwangsläufig zu einer bitteren Niederlage führen. Die Rolle Amerikas in dieser so besonderen Entwicklung ist letztendlich, die Gründung einer beweglichen Heimat als Ersatzheimat erlaubt zu haben: die des Humanismus und der Kunst. Zitieren wir erneut Jean Améry:
Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben, so wie man im Denken das Feld formaler Logik besitzen muß, um darüber hinauszuschreiten in fruchtbarere Gebiete des Geistes.
Dem Land ihrer Kindheit entzogen, wird Rose Ausländer beständig die Erinnerung daran hervorrufen und gleichzeitig versuchen, ein anderes wiederaufzubauen, von dem man sagen kann, das es im Grunde in den Bereichen des Geistes und der deutschen Sprache verwurzelt ist.
Jacques Lajarrige, aus Andrei Corbea-Hoisie, Grigore Marcu, Joachim Jordan (Hrsg.): Immanuel Weißglas (1920–1979). Studien zum Leben und Werk, Editure Universității „Alexandru Ioan Cuza“ und Hartung-Gorre Verlag, 2010
Fakten und Vermutungen zu Helmut Braun + Kalliope
Gisela Lindemann: Verse aus der Galgenzeit, Die Zeit, 17.10.1980
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Porträt 1 & 2 + Instagram 1 & 2 + Archiv + ÖM + IZA + KLG + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Brigitte Friedrich Autorenfotos + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachruf auf Rose Ausländer: die horen
Zum 10. Todestag der Autorin:
Harald Vogel: „Schreiben war Leben. Überleben“
Harald Vogel, Michael Gans und Kerstin Klepser: Werkstatt Lyrik Rose Ausländer, Verlag Ralf Liebe, 2017
Zum 100. Geburtstag der Autorin:
Harald Vogel: „Immer zurück zum Pruth“
Harald Vogel, Michael Gans und Kerstin Klepser: Werkstatt Lyrik Rose Ausländer, Verlag Ralf Liebe, 2017
Erika Schuster: „… von einem Strahl irdischer Gnade“
Die Furche, 9.5.2001
Angelika Overath: „Ich wohne nicht, ich lebe“
Neue Zürcher Zeitung, 11.5.2001
Zum 30. Todestag der Autorin:
Lothar Schröder: „Der Tod macht mich unsterblich“
RP.online, 3.1.2018
Katja Nau: Mach wieder Wasser aus mir
taz, 3.1.2018
Gisela Blau: Immer unterwegs
tachles, 2.1.2018
Stefan Seidel: Worte zum Leben
Der Sonntag, 3.1.2018








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