Volker Braun: Poesiealbum 115

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Volker Braun: Poesiealbum 115

Braun/Claus-Poesiealbum 115

DER LEBENSWANDEL VOLKER BRAUNS

Ich bin an einem Sonntag geboren und verfolgt vom
aaaaaGlück:
Nicht zerborsten unter den Bomben, nicht ausgezehrt
Von den verschiedenen Hungern.

Im fernen Geifer des Äthers, dem Haß
Bin ich nicht erstickt, noch vom Qualm aus den
aaaaaBücherspeichern
Dem feigen Sud der Kanzlein.

Ich wuchs an der grünlichen Grenze auf zwischen Stadt und
aaaaaLand
Die langsam zerbricht unter unsern Gliedern.
Und teile meine Zeit zwischen Disteln und Kompressoren.

(Das alles gehört mir, solange ich denken kann.)

Glück, sage ich, ich weiß wie das seltene schmeckt.
Ich habe Landschaften aufgeschlossen und durchwalkt, ich sah die Äcker Sachsens
Zusammenwachsen und wüsten Fabriken.

Ja, ich kann von Glück reden, die Gemetzel sind fern.
Nur bis an die Haut treffen die Schläge mich.
Ich weiche nicht aus und brülle, ihr hörts, ohne Scham.

Und ich ahne, versessen in meine Provinz
Daß hier der Welt ein Beispiel geschieht an Milde
An unerbittlicher Milde, an milder Entschlossenheit.

(Das braucht den langen Atem Millionen ruhiger Lungen.)

Aber ich sehe, zum Glück, daß alles das wenig ist
Und mein Tag nicht gefüllt zum äußersten zarten Rand.
Die Arbeiten meines Lands sind jetzt klein.

Wie gleiche ich ihm! meiner Wünsche heiterste
Sterben. Zu fern voneinander blüht unser sanftes Gehirn
Und was sage ich schon. (Was hab ich zu sagen?)

(Doch meine Genossen hinter den östlichen Grenzen denken wie ich.)

Mit vielen lebe ich, und liefere meine Sätze.
Was sind wir allein, sage ich. Was soll die Versessenheit?
An ein Land nur verschwend ich mich länger nicht.

Und ich gehe nicht mehr gelassen unter den weißen und bräunlichen Stämmen
Die auf Umwegen krauchen ins mehr oder weniger gelobte Land
Verschieden geschieden oder sich mit Stahlrohren verschweißend.

(Ja, ich sage: in dieser Schlacht zueinander ist jedes Opfer nur recht.)

Ich, gemodelt aus vieler Geschlechter Stoff
Die ich in mir spüre, einer gemischten Gesellschaft Fortsatz
Mit gemischten Gefühlen harre ich meiner Entschlüsse.

Für einen Augenblick im Dämmer seh ich meine Schienbeine glänzen
Wie Totengebein, und ich liege abwesend von mir
Und ich frage mich, ob ich zuviel nicht rede

Zuviel nicht rede für unsern Kopf und Kragen.

 

 

 

Volker Braun

Mit den Gedichten Volker Brauns hat unsere Poesie einen nicht mehr wegdenkbaren Zuwachs an neuen Fragen wie Antworten, an überraschenden literarischen Lösungen und souveränem Umgang mit der Tradition erfahren. In diesem Sinne ist Braun ein Neuerer des alten, immer lebendigen Gedichts. Das Selbstbewußtsein, das aus seinen Versen spricht, gründet auf der Überzeugung, daß kritisches Einverständnis zu den revolutionären Tugenden der neuen Gesellschaft zählt. Dieser dichter ist Dialektiker mit einem Blick, gewohnt, geschichtliche Prozesse im Auge zu behalten. Die Fragezeichen, die er setzt, sind nicht ohne Widerhaken, doch geht es ihm nie darum, sondern stets um unsere Sache, die daran hängt.

Ankündigung in Alain Lance: Poesiealbum 114, Verlag Neues Leben, 1977

Vor beinah fünfzehn Jahren

forderte ich junge Dichter in der DDR auf, mir ihre unveröffentlichten Gedichte zuzusenden. Unter den fast anderthalbtausend Gedichten, die man mir zusandte, machten mich die von Volker Braun besonders betroffen. Ich las sie, neben anderen, die ich ausgewählt hatte, vor einem Publikum. Bis dahin hatte ich seinen Namen nicht gekannt.
Ich empfehle Vorsicht beim Bezeichnen von Schriftstellern; aber man muß nicht überlegen, wenn man Volker Braun einen sozialistischen Dichter nennt. Er sucht nicht nach „Konflikten“ – er erlebt die Konflikte in der Praxis des Sozialismus, er hat sie in sich, seine Sprache wächst aus ihnen, sie prägen seine Formen.
Ich sehe Volker Braun in größter Nähe zu Günther, zu Lenz, zu Büchner. Er ist für mich unter den Deutschschreibenden einer der bedeutendsten Dichter seiner Generation.

Stephan Hermlin, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1977

 

Laudatio für Volker Braun und Paul Gratzik1

Meine Damen und Herren,
sehr geehrter, lieber Volker Braun, sehr geehrter, lieber Paul Gratzik,
der Laudator, also ich, gibt zu, den roten Faden zu suchen in dieser verwickelten Aufgabe, die ihm Heinrich Mann aus dem Jenseits, die Akademie der Künste aus dem Diesseits ihres Vermögens gestellt hat, nämlich zwei Laureaten sein einstimmiges Lied zu singen, das aus Sympathie und Bewunderung komponiert ist. Soll er die zu Preisenden Rücken an Rücken zeigen, oder Seite an Seite, Kopf oben, Kopf unten, Doppelkopf einer Trumpfkarte; soll er den einen auf die Füße stellen, daß der andere auf dem Kopf geht und beide aussähen wie Gau Dsu und Tschu Jün auf der Höhe des Throns, da ersterer den gordischen Knoten auf seine Weise durchhaut – im Großen Frieden von Volker Braun –; mag dem Lyriker dies Wagnis, auf dem Kopf zu gehen, zugetraut werden im Anlauf gegen eine symmetrische Welt (tatsächlich nahmen manche von uns in den sechziger Jahren Anstoß, daß Volker Braun Gedichte für den Kopf schrieb, als sei dieser nur für den sinnlichen Optimismus zuständig) – soll der Prosaschreiber zu Fuß gehen, aber des einen Handwerk ist auch des anderen Leistung. Könnte ich des einen Licht in den Schatten des anderen stellen, und umgekehrt, mir wäre wohler, ich könnte dann sagen, Braun ist, was Gratzik nicht ist, Gratzik verschwendet, wo Braun geizt. Und einfacher noch, schrieben beide aus verschiedenen Hüten, aber da ist das Tischlerhandwerk des einen und die Schwarze Pumpe des anderen, da sind die Kipper und die Kumpane um Lofas, und da sind, auf die metaphysischen Felder führend, La Mettrie und Hegel, Büchner wird zitiert und Klopstock gewendet, und Brecht: da kichern der Maurer Hinze und der Schlosser Kunze, Faust und Mephisto zum dauernden Gebrauch und als Skatbrüder für den Transportpaule, da kiebitzt der Dichter M. aus den Kulissen, und seine Frau küßt ihn zur Ordensverleihung, und Paule sagt den schönen Satz:

Und ich sah, wie er sich freute und in ihren Schatten rutschte.

Und später gibt der Dichter M. – M. für Millenium oder für Menötios, der im Hades der Hirt ist – den Rat:

Merk dir eins, Paule, mit den Frauen, wenn du sie auf deiner Seite hast, kannst du Politik machen!

Und überhaupt machte ich diese Laudatio lieber mit Zitaten, würde die Straße, die uns hierhergeführt, frei nach Paule, eine nennen, wo „man hier erschlagen werden dürfte, ohne Aufsehen zu erregen“ – ich hoffe nicht mit Preisreden. –
Paul Gratzik wurde am 30. November 1935 in Lindenhof, Kr. Lötzen, heute Giżycko, geboren. Er ist der Sohn eines Landarbeiters. Der gelernte Tischler hat als Bauarbeiter im Ruhrgebiet, in Berlin und Weimar gearbeitet, er hat Braunkohle in Schlabendorf verladen, hat in den Jahren 63 und 66 am Institut für Lehrerbildung in Weimar studiert, war danach Erzieher im Osterzgebirge, ab 71 freischaffend, seit 74 Arbeiter im VEB Transformatoren- und Röntgenwerk Dresden, in der Abteilung Kernbau. Zwei Wochen im Monat nahm er unbezahlten Urlaub, um schreiben zu können. Paul Gratzik ist heute freischaffender Schriftsteller und lebt in Berlin.
Im Roman Transportpaule sagt Paule von seiner Mutter, einer Landarbeiterin aus Ostpreußen, sie liebte ihre Kinder so, „daß wir heute noch zuerst an unsere Fehler, nie aber an unsere Stärken denken. Das ist in dieser Zeit, in der wir leben, falsch“.
Volker Braun sagt von sich:

Ich bin an einem Sonntag geboren und verfolgt vom Glück.

Der Sonntag war der 7. Mai 1939, der Ort Dresden. Nach dem Abitur war Volker Braun Druckereiarbeiter, dann Tiefbauarbeiter, dann Maschinist im Tagebau Burghammer, dann Student der Philosophie in Leipzig. Seine erste Reise geht, 1948, in die Schweiz, das ist nicht ohne Folgen, der vom Roten Kreuz Verschickte erlebt so Schiller in einer für diesen gemäßen Landschaft, macht erste Schreibversuche, von denen nur der Titel bekannt ist: „Die Jägeroper“.
Froh bin ich, wenn ich nun die lexikalisch Erfaßten unterm Dach des Berliner Ensembles sehe, dessen Dramaturgen und Autoren sie beide sind, und ich bin ihr Zuschauer und krieg dennoch keine Beschaulichkeit. Denn wie einer der einfachen Sätze Volker Brauns lautet:

Das alles wird noch zu ändern sein.

Oder:

Im übrigen ist das Leben zu ändern.

Nicht wahr, das klingt nach Rimbaud in der Übersetzung von Karl Marx? Im Gespräch mit Volker Braun habe ich zuweilen die Vorstellung, gleich wird er aufspringen, in seiner wohlüberlegten  Zurückhaltung, und sagen, was Hegel seinen Schülern verkündet hat:

Meine Herren, ich kann wohl sagen, ich rede nicht nur die Wahrheit, ich bin die Wahrheit.

Ich schreibe den Satz bei Thomas Mann ab, aus seinem Schopenhauer-Essay, eine suspekte Quelle, ich sage das zur Entlastung von Hegel und Volker Braun, aber auch um was Anekdotisches zur Hand zu haben: In seines Vaters Bücherschrank fanden sich einige Bände Schopenhauer, in diesen las der junge Volker den Aufsatz „Über die Weiber“ (Es heißt so und nicht „über die Frauen“, und ich zitiere daraus), was einen Eindruck hinterlassen haben könnte und später bei Braun ein Thema mit Variationen wird, nämlich:

Es wäre einfach wünschenswert, daß auch in Europa dieser Nummer zwei des menschlichen Geschlechts ihre naturgemäße Stelle wieder angewiesen und dem Damen-Unwesen, über welches nicht nur ganz Asien lacht, sondern Griechenland und Rom ebenso gelacht hätten, ein Ziel gesetzt würde, wovon die Folgen, in gesellschaftlicher, bürgerlicher und politischer Hinsicht unberechenbar wohltätig sein würden.

„Was wußten wir denn schon, wir Transporter… von den Frauen“, fragt sich Paule und geht dann der Sache nach.
Mir ahnt zuweilen, lieber Volker Braun, du bist ein – kein heimlicher (Es gibt keine Heimlichkeiten bei dir, und wenn auch unveröffentlichte Werke, so doch nichts im Dunkeln), du könntest, meine ich, ein Prä-Jakobiner sein – das Prä meint die noch unvollendeten Revolutionen, die dir Geschichten liefern, der Geschichte zur Vollendung zu verhelfen –, ein Jakobiner mit einem Band Diderot in der Tasche. Ach, gäbe es doch einen Diderot-Preis, daß du die Rede auf ihn halten könntest! Frankreich, lieber Braun, das dir so teuer ist, wie es Hölderlin, Büchner oder Heine war, die Reihe der Freunde läßt sich verlängern bis auf den Tag, mit denen wir doch unter einer Couleur, in einem Boot sitzen, das nur eine von uns ungewollte trickreiche Beleuchtung mal als Auswandererschiff, mal als Ausflugsdampfer erscheinen läßt auf der Fahrt übern Müggelsee, in deinem Gedicht. Boot oder was immer, es fährt nicht ohne – ich nehme ein Wort, das ich mir bei dir gemerkt habe – Brühe. Du setzt es da ein, wo andere Dichter, wenn sie uns sonntäglich aus ihren sogenannten Werkstätten vorplaudern, das Wort Flut nehmen – die Ebbe stellt sich ganz von selber ein im Kopf des Lesers –; es ist aber bei dir die zu klärende Brühe der Geschichte gemeint, auch der Schlamm, der gerührt wird, bevor die Fundamente gelegt werden können.
Diese Laudatio hat noch immer nicht angefangen, nein sie ist längst die Preisrede des Lesers, der die ersten Braunschen Gedichte Mitte der sechziger Jahre in der NDL las – Stephan Hermlin hatte, öffentlich aufgerufen, Gedichte einzusenden –, du schriebst von der Arbeit, in der du stecktest, buchstäblich, manch einer hätte dich am liebsten dafür relegiert, weil du fürs Schreiben nicht die Schuhe gewechselt hattest. Heute wär die Geschichte dieses Landes ungenau zu rekonstruieren ohne die Notate dieser Gedichte. In ein paar Jahren wird man ähnliches von Paul Gratzik sagen können, daß seine Prosa unsere Gegenwart für die Zukunft durchsichtig macht. Seine Arbeiten, ums Jahr 77 bei Sinn und Form erschienen und als Roman verlegt, bringen nachträglich auf das Gesicht des Lesers jenes Lächeln, wie es mit der Kunst nur die Liebe hat, und mit dieser gemeinsam ist der Wunsch nach Dauer, nach Fortsetzung. Erstaunlich, wie beide Autoren die eigene Substanz zu der des Lesers machen, daß er ins Kontinuum seiner eigenen Welt gestellt und, was in trocknen, von Arbeit erhitzten Zeiten so wichtig ist, durch Vergnügen gewitzt wird. Uns Kollegen von der schreibenden Zunft eine Herausforderung, denn ich wage den Satz, keiner schreibt so aus der Mitte des Landes heraus, aus ihrem unaufgehobenen Widerspruch, wie Volker Braun, keiner wie er, und gleicht ihm einer darin, ist es Paul Gratzik. Beachtlich wie ein noch schmales Werk, ein Roman, zwei Erzählungen, eine Handvoll Theaterstücke, Hörspiele, das in unsere Literatur gültig einbringt, was bevorzugt Thema von Seminaren und Ministerreden ist. Ich meine, Gratzik hat die Arbeit und den Arbeiter so gezeigt, daß die vorausgehenden Momentaufnahmen der Malerei in Bewegung geraten, denken wir an jene Balkenträger bei Mattheuer, im Vordergrund, aber mit dem Rücken zu ihnen, reden zwei. In Gratziks Roman, der sich versuchsweise Monolog nennt, redet jeder mit jedem und läßt mit sich reden. Die heiteren Mißverständnisse, die zuweilen der Leser klären muß, bringen jenes Lächeln unterm Arbeitshelm, wie es uns die Malerei zuerst gezeigt hat, es begleitet in Gratziks Stück Handbetrieb das Tun von Lofas und seinen Kumpels, wie sie, ihren kleinen Schnitt machen, sich selbst beschneidend. „Ich war mißtrauisch“, sagt Paule von sich, wenn er in der Zeitung liest, wie die Arbeit erfunden wird, nämlich immer als Ergebnis, während Arbeit ihn doch erzogen hat zum unbestechlichen Blick, zur Überwindung der selektiven Wahrnehmung, da sieht Paule noch im Theater, was der ganze Spaß kostet, die Kunst, wenn sie anfängt beim Verbrauch der in Wattzahlen gemessenen Energie. Paule vergleicht die Theaterwelt mit einem Fußballplatz. Aber wo ist das zweite Tor? Nun, beider Autoren Stücke finden ihre Gegenspieler, das Publikum nimmt den Ball auf – ich will mich nicht weiter von der Sprache zu abgenutzten Bildern verführen lassen. Sprache, bei Gratzik, in den Erzählungen, im Roman kommt sie daher im Tonfall der Gelassenheit. Was seine Figuren in den Stücken reden, ist eine Kunstsprache, aber eine, die ihr Teil mitbekommen hat aus den verschiedenen Mundarten, die diesem Erzähler von Polen bis zum Ruhrgebiet begegnet sind. Gelassenheit schafft Humor. Wenn ich eine Bezeichnung wählen müßte für die Stücke beider Autoren, es sind Komödien. Die Welt ist in ihren Stücken durchschaubar, mir scheint das eine heitere Angelegenheit. Das Theater als moralische Anstalt, auch das bleibt erhalten, in der gespielten Tragikomödie. „Nicht so feierlich, Genossen, das Denken will heitere Stirnen“ – ich hätte diese Gedichtzeile Volker Brauns an den Anfang stellen sollen. Ein Glücksfall, wenn das Publikum sich beizeiten einmischt wie die Arbeiterinnen der Jugendbrigade „Olga Benario“, als man ihnen Gratziks Gorki-Bearbeitung „Malwa“ vorlas: die aktuelle Sprache des Autors, mit der die Unmündigkeit der Frauen in diesem Stück behandelt wurde, verwirrte sie. Auf der Bühne erst zeigten ihnen Sprache und Kostüm die historisch überwundene Kalamität. Auch Volker Braun erzielt solche Wirkungen, indem er scheinbar unpassende Worte einsetzt. Risse, die den Kunstgenuß stören und das Denken fördern. Aus diesem Grunde bedaure ich, daß in der Bühnenfassung des Großen Frieden ein Wort wie dawai gestrichen wurde; seine motorische Funktion bewährte sich schon in den Kippern, gut zehn Jahre früher.
Was für Volker Braun Frankreich ist, für Paul Gratzik ist es Palermo und Umgebung. Lange habe ich geglaubt, lieber Paul Gratzik, Ihr Palermo sei eine Fiktion. Paule auf dem Autostop äußert den Wunsch, nach Palermo gefahren zu werden. Der Fahrer grinst und meint, „das wäre eine Kleinigkeit, wir wären frühestens, wenn nicht gleich, dort“. Palermo ist überall; nein, ich korrigiere mich, man kann sich die Welt nicht von den Reisebüros vormachen lassen, und sei es, damit man, heimkehrend sagen kann, was Paule sagt:

Wenn ich könnte, würde ich sofort Pole werden. Aber natürlich muß ich bleiben, was ich bin. Man kann sein Land, das einen genährt und trockengelegt hat, nicht wie eine Windel wechseln.

Beim ersten Lesen des gerühmten Romans wird man vielleicht nicht gleich merken, daß Transportpaule auch ein Reiseführer durch die Republik ist. Übrigens, was die Kritik mit freudigem Fingerzeig weitergab, daß da ein Arbeiter schreibe und ein Erzieher ein Stück über schwererziehbare Jugendliche auf die Bühne bringe: ich halte einen schreiben  den Arbeiter oder Erzieher, der die Qualität seiner Arbeit in unsere Literatur einbringt, für einen Schriftsteller. Die Glaubwürdigkeit einer Geschichte kann nicht davon abhängen, daß man sich immerzu sagt, aber er hat es ja selber erlebt. Glaubwürdigkeit kommt von Qualität. Stil ist verräterisch, er verrät dem Leser mehr als die Biographie des Autors. Büchners „So lebt er hin“ und Brauns, oder vielmehr Kasts „Das war mein Leben“ zeigen Stil als seismographisches Notat, er registriert die Erdstöße einer unvollendeten Geschichte. Ob ein Autor gelernter Elektriker ist oder nur so tut, ich kann es beim Lesen seiner Romane vergessen, auch wenn die Sicherung durchbrennt, während ich lese. Alles andere wäre auf diesem Feld sozusagen Bewußtseinskoketterie.
Der Aufklärungsprozeß durch Literatur ist ja unkontrollierbar, ich meine, vom Autor gesehen, nicht von irgendeinem Amt, dem man als Autor gewiß Unrecht täte, nähme man an, daß dort lustlos gelesen würde. Die Reibung, die den Funken erzeugt, wird ein jeweils anderes Feuer entfachen, je nachdem, wer Braun oder Gratzik liest. Braun ist ein poeta doctus, wie ich in diesem Lande keinen zweiten kenne. Ein Werk so umfangreich, daß es jedem Preisredner den Atem verschlägt, ist in jedem Fall vom Autor vor-überlegt, wird theoretisch eingekreist, zu aller Nutzen, man kann das in Brauns bekannten Notaten nachlesen. Bei Gratzik gehen wir in die Falle seiner Beschreibungen, scheinbar eine Idylle, der hilflose Vogel auf einem Feld kriegspielender Kinder – der Gedanke, an dem man dieses Bild aufhängen kann, sitzt um so tiefer. Den Leser, also mich, bringt das von einer Tür in die andere, ein Buch nimmt das andere auf, am Ende ergeht es einem wie dem Ratsvorsitzenden des Kreises K. in Brauns Geschichte, dem die Kruste des Amtes aufbricht über einem Bechertext. Bei Braun Beleg dafür, daß Literatur bei uns öffentlicher denn je geworden ist, sich in unserer Gesellschaft etwas ankündigt, dessen Ausbleiben eine Figur wie den späten Kast doch erledigte.
Was Braun uns in seinen Arbeiten gibt, die durchdachte Produktion und die nutzbare Dichtung, ist, ich sag es mit seinen Worten, „die unbedingte Entschlossenheit, der Poesie Dauer zu geben in den menschlichen Zuständen“. Dies bei der Lektüre begriffen habend, wich ich dennoch versuchsweise in andere Literatur, andere Überlegungen aus. Denn die Gefahr ist ja, die erkannte Welt könnte, ästhetisch gesehen, stehenbleiben. Der große, bei uns demnächst bekannt werdende kubanische Romancier José Lezama Lima hat in seinem barocken Weltroman, der zugleich Erziehungsroman und Phantasmagorie rabelaischer Unflätigkeit ist, Paradiso, im Titel auf Dante verwiesen. Dante hatte vier Anleitungen gegeben, sich Literatur zu nähern, und wenn man sie auf die Preisträger anwendet, wird man erstaunt feststellen, daß die Kritik sie uns noch ungenügend entschlüsselt hat.

1. gelte es die Entdeckung des wörtlichen Schriftsinns, der schönen Lüge, der Fiktion also,
2. die Suche nach der verdeckten Wahrheit, der allegorische Sinn, ohne den Poesie ja nicht zum Erörtern zu bringen ist,
3. die Moral von der Geschichte,
4. das anagogische Verfahren, also vom Allgemeinen zum Besonderen, die Enthüllung der sublimen Dinge.

Für den kubanischen Koloß Lezama Lima bleibt die Welt ein Bilderrätsel, sie öffnet sich uns nur durch Vergleiche, die der sich selbst schaffende Mensch anstellt. Da ich solcherart eine Gegenwelt in anderen Regionen suchte, fand ich die Unteilbarkeit der poetischen Zukunft. Von Lezama Lima zu „Guevara oder Der Sonnenstaat“ bei Volker Braun, die Utopie bleibt diesseitig. Dennoch, da alles zum guten Ende hin funktioniert, steckt in den Rast-Geschichten eine Frage, die hinübergeht in spätere Arbeiten, auch in die Parabeln Brauns, nämlich: Ist der Mensch eine Maschine? Braun hat seinen La Mettrie, den Kast vermutlich in der Deutschen Bücherei zu Leipzig liest, gegen den Strich studiert. Gewiß, das ist schon französische Aufklärung im Schnittpunkt von Rationalismus und Sensualismus.

Ist der Geist nicht der erste der Sinne und gleichsam ein Treffpunkt aller Empfindungen?

Ich sehe, wie Brauns frühen Kritikern die Augen leuchten, daß er sich den falschen Philosophen an Land gezogen hat, wo doch schon Friedrich II. den Mann am liebsten aus Preußen verwiesen hätte, wohin er ihn eingeladen. Ein mechanischer Materialist? La Mettrie hatte den Menschen als aufziehbares Spielzeug gesehen – zur Erheiterung des Philosophen. Braun aber nimmt nur die Frage und denkt sie weiter, stand La Mettrie auch auf der richtigen Seite gegen die Dunkelmänner des Aberglaubens, so verlangte doch sein Pessimismus bis in die Gegenwart nach Antwort. Dies alles bei Braun wiederzufinden ist keineswegs Reminiszenz des ehemaligen Philosophiestudenten, der alte Streit nach der Erkennbarkeit der Welt – hie Schopenhauer und da Hegel –, wie er in der Moderne oft verdeckt wird, wird in Brauns Stories, wie er das gerne nennt, was er macht, lebendig, am Kochen gehalten. Nebenher, wenn einer nach Brauns Verhältnis zu Brecht fragt, hier führt der Schüler den Meister fort. Daß die Welt nur eine ausgedachte sei, mag die dichterische Phantasie entzünden; daß der Gedanke alles sei, mag Beamte beruhigen. Phantasie, die in den letzten Jahren bei uns so vielbesprochene, Gratziks und Brauns Arbeiten zeigen es, ist eher der Überschuß der Verhältnisse, sie befreit den Maschinenmenschen aus dem verhängnisvollen Kreislauf, und sie tut das auf dem Boden der Tatsachen, auf dem politischen also, und was bei La Mettrie zu lernen war, taucht bei Braun noch in seinem späten Gedicht „Avignon“ auf, die erkannte Welt ist die historisch gewordene, die andere die des Tagtraums. Das hat, bei beiden Autoren, auch mit den Frauen zu tun. Der anfangs bemühte Schopenhauer sah in ihnen nur Wesen für den Augenblick, das FDJ-Mädchen Hedwig in Transportpaule aber macht Zukunft, wenn es den Mächtigen Willy überzeugen kann, einen Turm des Sozialismus zu bauen, ein Turm, der sich mit der Vollendung der Erbauer vollendet. Wie das ausgeht, ich hoffe auf eine Fortsetzung des Romans.
Eine gewisse Inkongruenz fällt mir auf, was die Jahre der Laureaten betrifft und das Alter ihres Staates: obschon beide, die Autoren, älter als vierzig sind, sind sie viel jünger als das Land selbst. Wers nicht glaubt, sehe sich ihr junges Publikum auf den Theaterstühlen an, das findet sein Vergnügen, als hätte es die Arbeit eigens bei Braun und Gratzik in Auftrag gegeben. Größeres Lob kann ich für den Tag nicht aufbringen.
Ich danke Ihnen.

Fritz Rudolf Fries, Sinn und Form, Heft, 3, 1980

Vollendung im Fragment: Volker Braun

Volker Braun, der Grübler unter den in der DDR rasch und dann dauerhaft bedeutsam gewordenen Autoren, hat es dort schwer gehabt. Auch deswegen, weil er sich das Leben und Schreiben selbst schwer machte. Welten trennen ihn von der geschwätzigen Heiterkeit eines Hermann Kant, der sich leichthin in die Unverbindlichkeit hinwegplauderte. Volker Braun nahm das kommunistische Ideal maßlos ernst, er litt an der schmählichen Praxis der Verwirklicher in Amt und Würden. Er, der sich und die Massen so gern ermahnte, die Angstriemen von der Brust zu reißen, hatte sich geistig gebunden. Die Genossen, die von Moskau bis Berlin-Mitte die menschheitsbefreiende Utopie zuschanden ritten, galten ihm als Irrläufer in der Geschichte, deren Fortschrittsweg um so mehr gesichert werden mußte, je weniger er durch vermeintlichen Selbstlauf determiniert war. Der Schreiber Braun brauchte wie ein Forschungsreisender in der Antarktis das sichere Basislager, wenn er sich zu Erkundungen ins Unbekannte und Ungewisse aufmachte.
Die Verwalter dieses Lagers hielten ihren unsicheren, allzu leicht zu eigenen Denkabenteuern verführbaren Mann an kurzen und an langen Leinen, und dem gelang es auch dann und wann, die dünneren oder verschlissenen zu kappen. Aber die ganz dicken Taue konnte er aus eigener Kraft nicht zerhauen, und die unsichtbaren Netze waren für den sensiblen Dichter im besten Fall nur erahnbar. Auch wenn er zwischen die Stühle geriet, was ihm oft widerfuhr, achtete er darauf, jeder kapitalistischen Sitzgelegenheit auszuweichen. Die bürgerliche Demokratie mit der falschen Verteilung der Produktionsmittel mußte schon wegen dieser fatalen ökonomischen Machtverhältnisse als abgelebte Epoche gelten, ganz gleich, wie sich die eigenen realsozialistischen Zustände entpuppten. Wir und nicht sie hieß 1970 Brauns Gedichtband mit dem trotz der kritischen Texte apologetisch parteilich programmatischen Titel. Dieses Pathos verlor sich, nicht aber die Grundüberzeugung, daß „der Westen“ keine Alternative zu einem grundlegend verbessert gedachten Sozialismus-Modell darstelle. Wie holprig, verwinkelt und unübersichtlich sie auch sein mochte, Braun sah sich auf einer Bahn. Zugleich kam es sehr darauf an, wie der Fahrerwagen, der in Kampfzeiten auch ein Panzer sein konnte, konstruiert war und wer ihn wie lenkte. Die alten Spekulationen über die Kraft des subjektiven Faktors angesichts der gegebenen Umstände oder Notwendigkeiten haben jedoch inzwischen ihr (ebenfalls subjektives, nämlich durch Nach-Denken entstandenes) Fundament verloren, sie sind insofern grundlos geworden. Denn die Zeitläufte haben um 1989/90 herum Volker Braun und viele seiner in gleichen Gefilden beheimateten Kollegen – scheinbar abrupt – aus dieser Bahn geworfen. Niemand von den so Betroffenen stellt aber die daraus resultierenden Irritationen, Verletzungen und Verwirrtheiten heute so ungeschützt dar wie dieser bedeutende Poet. (Auch Heiner Müllers mit hohem Selbstwertbewußtsein betriebenes Maskenspiel aus kühlen Absagen, radikalen Zynismen, publikumsnahen Freundlichkeiten und fröhlich vorgetragenen Anekdoten hat nichts zu tun mit dem grüblerischen Gestus des jüngeren sächsischen Landsmanns.)
Wer Braun, der sich stets aussetzte, auch um den Preis, daraufhin den Aussätzigen zugeschlagen zu werden, festnageln wollte auf Irrtümer und Blödheiten, verfehlte sogleich den strengen Maßstab, den der im Umgang mit sich selbst anlegt. Das im November 1990 entstandene Gedicht „Schuldspruch“ hat Braun dem rumäniendeutschen Kollegen Richard Wagner gewidmet, der ihm vorgehalten hatte, das falsche Ideal verkörpert und ihn, den Suchenden, also Empfänglichen, in die Irre geführt zu haben.

Der siebenbürgische Dichter DU HAST MICH VERFÜHRT
Mit meinen ersten Versen, den Sozialismus zu glauben.
Hätte er weitergelesen… Kann ich dafür
Daß er sitzenbleibt in meiner Schule.
Ich habe genug zu tun mit meiner eigenen Dummheit
Und kauen wir nicht den gleichen rohen entsetzlichen Stoff.

Abwehr des Vorwurfs, Kritik an der ihm zu simpel erscheinenden Selbstgerechtigkeit des Dissidenten, Eingeständnis der eigenen Dummheit und – in der letzten Zeile – die Einladung, die gemeinsame schmerzliche Erfahrung anzuerkennen, all das verbindet die Antwort auf einen als ungerechtfertigt empfundenen Schuldspruch des anderen mit einem scharfen, nüchtern, also ganz ohne Koketterie vorgetragenen Urteil über eigene intellektuelle Verfehlungen.
Die ersten Texte Brauns nach dem Untergang der DDR, von der „Zickzackbrücke“ bis zum „Wendehals“, waren nervöse Befunde einer prekären Gestimmtheit. Die Selbstdiagnosen und Lageberichte spielten nun nicht mehr hoffnungsfroh auf Ernst Bloch an, den großen philosophischen Lehrmeister Brauns. Aus dessen beliebter Transponierung nicht eingelöster Gegenwartserwartung ins Zukünftige, „Die Enkel fechtens besser aus“, machte Braun durch Austausch des Verbs einen sarkastischen Kalauer:

Die Enkel löffelns besser aus.

Die berühmten Anfangssätze aus Blochs „Spuren“ („Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“) ruft der Autor in Erinnerung, wenn er einen durch SED-„Systemnähe“ Belasteten daraus den banalen Stoßseufzer herauskaspern läßt:

Ich bin. Aber jetzt haben sie mich. Darum werde ich nichts.

Kein Autor in der DDR hat sich so intensiv wie Volker Braun damit abgemüht, seine Hoffnungen trotz allem zu bewahren. Wenn er sie zuweilen verlor, suchte er sie nach dem alten Modell wenigstens als eine Art ontologischen Versprechens wiederzugewinnen, dessen Erfüllung womöglich unmerklich heranreifte und erst in fernen Zeiten real würde. Braun war der Pessimist unter den Optimisten, der Unermüdliche unter den Skeptikern, der ewig Zweifelnde, der seine Willenskraft nicht dazu aktivierte, die Restloyalitäten aufzukündigen. Denn solche Flucht erschien ihm als die elendeste der Schwächen, unter denen er litt, obwohl sie seine Produktivität beförderten.
Braun galt als der kritische Philosoph unter den Poeten, die das bürokratische realsozialistische System überwinden wollten. Er kritisierte es von links, von theoretischen Basispunkten her, nicht sentimental auf der Folie eines allgemein humanistischen „Menschenbilds“. Das setzte seiner Popularität Grenzen, hinzu kam, daß er keine „richtigen Romane“ schrieb, die die vorherrschenden Lesegewohnheiten bedienten. Der Ketzer konnte kein Volkstribun werden, das erklärt zu einem Teil die Entscheidung des Apparats, ihn nicht mit einem Schlag außer Landes zu befördern, sondern statt dessen einen belastenden spitzigen Kleinkrieg mit ihm zu führen. Vor der Exkommunikation scheuten beide Seiten zurück – wenigstens darin zeigte sich pervertierte Partnerschaft.
Indem Braun die Last auf sich nahm, die gesellschaftliche Dauerkrise auf seine unverwechselbare Weise zu protokollieren, auch mit Hilfe von Rollenspielen, in die er seine autobiographischen Erfahrungen einbrachte, hat er eine einzigartige Dokumentation über die letzten drei Jahrzehnte der DDR hergestellt. Es versteht sich, daß dabei mancherlei unter der Rubrik „Gesammelte Irrtümer“ zu verbuchen ist, und ich scheue mich auch nicht, das milde Allerweltswort „widersprüchlich“ öfters mit „unstimmig“ zu übersetzen. Aber der reiche Fundus treffender, zutreffender Details entschädigt für das auch bei Braun auffindbare trotzige Festhalten an einer kommunistischen Perspektive, die er emphatisch und wortkarg, aber redselig bewahrte, träumerisch, aber nicht romantisch. Braun bleibt ein bedeutender Dichter, auch nachdem sein Land oder Ländchen mit dem Weltsystem, in dessen Windschatten es existierte, der Erosion anheimfiel und die drei Buchstaben von der Landkarte verschwanden. Eine, wie ich es sehe, heutzutage einzigartige Publikation lädt dazu ein, die Haltbarkeit von Brauns heterogenem Werk erneut zu überprüfen. Um 1988 herum entschloß sich der Mitteldeutsche Verlag, aus Anlaß des 50. Geburtstags von Braun im Jahre 1989 mit einer auf neun Bände berechneten Ausgabe zu beginnen, die „Texte in zeitlicher Folge“ genannt wurde, also die Chronologie der Entstehung als Editionsprinzip wählte. Tatsächlich erschien der erste Band, dessen frühester Text von 1959 datiert, im Jahre 1989, und zum Glück überstand das Projekt den gesellschaftlichen Umbruch im allgemeinen und die diversen Verlagskrisen im besonderen. Die Sammlung, die so viele Fragmente von Dichters Hand enthält, blieb kein Torso. 1992 kam der Band 9 heraus mit Brauns Arbeiten der Jahre 1979 bis 1988, und 1993 wurde noch ein ursprünglich nicht geplanter zehnter Band hinzugefügt, der die zwischen 1989 und 1993 verfaßten Texte aus der Wendezeit zusammenfaßt. Außer dem ebenfalls hier untergebrachten Gesamtregister enthält der Band eine autorisierte Auflistung der Entstehungszeit aller Braun-Gedichte.
In einer editorischen Notiz betrachtet der Autor die von ihm verursachte Papierflut mit ironischem Blick, leicht eingeschüchtert durch die Quantität seiner Mühewaltung:

Der Wechsel der Zeiten hat die Texte verfremdet, der Umbruch im Leben (dem sie galten), liest nun höhnisch/fröhlich Korrektur. Für den heutigen Markt hätte ich nicht die Masse Papier bedruckt: sondern gefragt, was jetzt begreiflich ist.

Weiter spricht Braun vom Vergessenstest, dem die Texte jetzt schon, zu Lebzeiten des Verfassers, „im Trockenschlamm der Ideologie beim Jahrhundertschritt vorwärts oder rückwärts“ ausgesetzt werden. Er nennt das „eine Gunst der dreisten Geschichte“.
Es versteht sich, daß auch einiges zusammenkommt, das den Test nicht besteht. Diese Feststellung ist freilich banal, weil es wohl jedem Autor so erginge. Aber insgesamt halten die Texte Denkhorizonte offen. Bei aller Vertracktheit seiner Prämissen hat Braun immer den Frageton beibehalten, auch wenn er Antworten gab. Er lieferte Sprechproben ab. Er fand zum entschiedenen Ton, wenn er auf Frechheiten reagierte oder auf die habituell gewordene Dummheit, die sich offiziell spreizte. Aber er verkündete keine Botschaften, er verzichtete auf die unangreifbaren Wahrheiten, beantwortete Predigten nicht mit Gegenpredigten. Er hatte nicht mit der Welt abgeschlossen, also konnte er keine Resultate, keine abschließenden Wertungen anbieten. Zugespitzt läßt sich sagen: Braun setzt ein und bricht ab. Sein Text ist unvollständig in mehrfachem Sinn, also auch unvollkommen, nicht perfekt, sondern präsent, also korrekturbedürftig, sei es durch andere oder durch den zu anderen Einsichten kommenden Verfasser selbst. Aber geändert werden durfte nicht im Sinne der angeblich nützlichen, deklarierten, feststehenden „Wahrheiten“, wie Amtsträger, Tugendwächter, Staatsdiener oder Zensoren sie ihm gern hineinredigiert hätten. Sie verlangten allerdings auch von ihm die Abschwächung, die Streichung dieser oder jener Zeile, die Milderung dieser oder jener Wendung. Manchmal hat Braun nachgegeben, manchmal nicht. Der Streit unter Ungleichen war lästig und belastend, kränkend, er machte krank und wütend, aber der einzelne Text brauchte sogar am bösartigen Eingriff, an der rigiden Operation, die oft als unwürdige Selbstmedikation ausgeübt werden mußte, nicht notwendig zugrunde gehen. Denn Brauns Gebäude, die Hütten und die Paläste, sind so gebaut, daß sie nicht einstürzten, wenn ein Steinchen oder sogar ein (scheinbar tragender) Pfeiler ersetzt oder auch nur zeitweilig ausgetauscht wurde.
Um Mißverständnisse auszuschließen, sei jedoch betont, daß jedes „Zwangsfragment“, jede gestrichene Szene, jede weggelassene Zeile, jeder ausgetauschte Buchstabe, etwa in der seltsamen Mutation der Laus zur Maus im Gedicht „Empfang“ (1975) auf schändliche Verhältnisse weist. Braun hat sich der Fremdbestimmung nicht demütig gebeugt, aber er hat seinen eigenen Text auch nicht wie ein Heiligtum verteidigt. Der Unverstand schadete nach seinem damaligen Verständnis zuallererst der „guten Sache“, bei der er sich engagiert hatte, nicht so sehr dem Dichter Braun, der trotz aller Anfechtungen und Schüchternheiten immer wußte, was er wert war. Er benutzte, in listiger Brecht-Tradition, jede Chance, seinen authentischen Text wiederherzustellen. Er tat das in wechselnden kulturpolitischen Zeiten der milderen Duldung ohne Aufsehen, wie ein ruhiger Handwerker mit sicheren Qualitätsmaßstäben, der sich nicht Pfusch vorschreiben läßt: Der herausgenommene oder verlorene Stein wurde wieder eingesetzt. Braun gestattete aber weder sich noch seinem Publikum die Illusion, der Bau sei mit dieser Rekonstruktion endgültig fertiggestellt, zur folgenlosen Betrachtung, gar zum Einzug in die geordnete Bequemlichkeit freigegeben. Braun liefert Bauteile, er setzt sie auch zusammen, aber sie könnten durchaus anders montiert werden. Der Abriß könnte nötig sein oder ein Anbau. Mir scheint es charakteristisch, daß der Autor seinem 1978/79 geschriebenen Stück Simplex Deutsch zunächst den Untertitel „Ein Spielbaukasten für Theater und Schule“ gegeben hat, ehe er dann „Szenen über die Unmündigkeit“ vorzog, wohl auch, um das Mißverständnis einer direkt pädagogischen Absicht zu vermeiden.
Brauns Werk besitzt Fragmentcharakter. Unter Fragment darf man freilich nicht das übriggebliebene Bruchstück eines ehemals Ganzen verstehen, weder in der Ausführung noch als Entwurf. Die Werkteile bleiben vielmehr sperrig und spitzig. Die Einzelstücke müssen zwar zu den verschiedenen Projekten passen, aber sie runden sich nicht. Der junge Volker Braun hatte dem ersten Teil seines Debütbandes Provokation für mich – nach einem Gedicht gleichen Namens – den Titel „Vorläufiges“ gegeben, und die (etwas veränderte) Ausgabe des Suhrkamp-Verlages, sein erstes Buch im Westen (1966), hieß dann auch Vorläufiges. Häufig zitiert daraus wurde der Anfang des Gedichts „Anspruch“:

Kommt uns nicht mit Fertigem. Wir brauchen Halbfabrikate.

Später im Gedicht wird herausfordernd geschrien:

Hier ist der Staat für Anfänger, Halbfabrikat auf Lebenszeit.

Als Braun im Februar 1967 in „Der Bauplatz“ die Aufforderung korrigierte in „Kommt uns mit Fertigem, sag ich / Der schon anders sprach“, bedeutete das nicht die Ungültigkeitserklärung für das fünf Jahre ältere Gedicht.
Die Korrektur der Korrektur erfolgte, als Braun sich der Furcht vor der (offenen oder schleichenden) Anpassung ans Gegebene deutlich bewußt wurde und als das (ohnehin nur versteckte) Ideal der permanenten Revolution verblaßte. Freilich darf der Leser dabei nicht übersehen, daß Braun die scheinbar entgegengesetzten Haltungen nicht im Nacheinander eines linear zu denkenden „Reifungsprozesses“ vorzeigt, sondern daß es Gleichzeitigkeiten gibt. Ohnehin folgt die Publikation der Gedichte in der zehnbändigen Ausgabe im Detail nicht dem Prinzip der chronologischen Folge, so daß unbedingt das „Entstehungsregister“ bei der Interpretation befragt werden sollte. Zu manchen Texten kann auch der Autor nur noch eine vage Datierung angeben. Bei „Das gelbe Zimmer“ steht die Zeitangabe „um 1965“, was beweist, daß Braun schon früh den (etwas angestrengt anmutenden) Willen zum Aussteigertum mit der Sehnsucht nach Sicherheit im Vertrauten kontrastiert. Das redende Ich muß einräumen, daß auf geliebte Möbelstücke jedenfalls nicht mehr verzichtet werden kann, beim Umzug in die neue Behausung zum Beispiel:

Und ich fürchte, ich werde den Stuhl
Und den Leuchter oder das Buch
Um mich dulden. Aber aus den Gedanken will ich
Aussteigen, jeden Tag, im Stuhl
Will ich an andres denken, aus dem Buch
Will ich andres lesen…

Hier muß nicht daran erinnert werden, daß Braun schon Mitte der siebziger Jahre das aktionistische Pathos der Frühzeit hinter sich ließ und damit auch die ungelenke, bekenntnishafte Direktheit des zitierten Gedichts. Mir kommt es vor allem auf Brauns Furcht vor der Verfestigung des Denkens, vor dem stimmigen Weltbild und der geschlossenen Form an.
Mit dem Theatertext „Hinze und Kunze, an dem er von 1967 bis 1977 herumgeschrieben hat, war der Verfasser über einen so langen Zeitraum so unzufrieden, daß er schließlich die paradoxe Wertung wagen konnte:

nachdem ich ihn lange genug ablehnte, d.h. änderte, hat er, nach zehn Jahren etwa, meine Sympathie.

Abgesehen von der Nachahmung der Brechtschen Arbeitsweise werden Motive für die permanente Textveränderung in älteren Gedichten noch aus den Wünschen oder Erwartungen eines vorgestellten Publikums bezogen, etwa in dem Begrüßungsopening „Meine Damen und Herren“, geschrieben 1964, in dem der Dichter in die Rolle eines Conférenciers schlüpft:

Noch kann ich Ihnen dienen
Also äußern Sie Ihre intimen Wünsche
Sonst müßte ich Ihnen etwas vormachen
Sonst müßt ich mich festlegen auf mich
Sonst müßt ich auf meiner Stelle treten
Und mich einrollen
In meiner letzten Rolle.

Der Dichter, der seine Einsamkeit überwinden will, erfährt freilich bald, daß er auf sich gestellt bleibt und die Verantwortung für seinen Text nicht wegdelegiert werden kann. Das Publikum wünscht sich einen Schluß, in aller Regel sogar einen guten. Aber Braun will derlei nicht mundgerecht servieren. 1967 schreibt er den Prosatext „Ans Ende gehn?“, der wegen der Zensur erst 1975 erscheinen kann. Darin heißt es:

Der Satz, der Dichter solle bis ans Ende gehn, besagt nicht, das Gedicht solle bis ans Ende gehn; es kann dem Leser (…) den Schluß überlassen.

Gegen das pädagogisch oder propagandistisch erwünschte Vorführen kommoder Haltungen sollen „unfertige“ Gedichte gesetzt werden, „die der Leser in seinem Schädel vollenden kann“. Vor drei Jahrzehnten stellte Braun einen solchen Anspruch noch in die konjunktivische Klammer dessen, was man sagen könnte:

Wir können so nicht weiter arbeiten: alles auszuführen, geronnene Satzgefüge, abgestanden zwischen den Buchdeckeln, das ist sauer eh es in den Laden kommt. (…) Die Kunst ist keine Trambahn auf sturen Gleisen, für halbblinde Passagiere! Wenn die Kunst ans Ende gehn soll, warum nicht ans Ende der bisherigen Kunst?

An dieser Stelle setzte Braun selber das Satzzeichen der „Abführung“, als habe er sich als einen Sprecher zitiert, der das Unerhörte, noch nicht Denkbare formuliert. Als vorsichtiger Zeitgenosse läßt er zwei abschließende Sätze folgen, die dem unzeitgemäß kühnen Gedanken die Spitze abbrechen, ohne ihn dadurch stumpf werden zu lassen:

Das könnte man sagen. Aber dann würden wir, verstockt und erschrocken, nicht mal das Mögliche machen.

Das verhaltene Plädoyer für das Unfertige, Unabgeschlossene geht zusammen mit der Bemühung um formale Strenge. Gegen das Schlampige und Schludrige wird das Ideal der klaren, bildkräftigen Sprache gesetzt. Nur von dieser Basis kann der Leserschaft mit dem Anspruch entgegengetreten und entgegengekommen werden, sie möge ihre Freiheit des Ausdeutens und Verarbeitens nutzen. 1971 schrieb er an den Dichterkollegen Manfred Jendryschik, ein Gedicht könne man nicht überfliegen, man müsse es sich erschließen:

Wie eine Skulptur, die man von allen Seiten betrachtet, die man ins Licht rückt. Man muß das Gedicht ins Licht des eignen Kopfes rücken…

Brauns Texte handeln freilich auch von der subjektiven Schwäche, nicht bis ans Ende zu gehn, die fällige, vom Stoff, auch vom „Stoff des Lebens“, eigentlich geforderte Radikalität zu vermeiden, aus Angst, aus Gründen der Selbstzensur, aus vermeintlich wohl erwogenen taktischen Rücksichten. Was dann entsteht, nenne ich das „Fragment wider Willen“, obwohl das verantwortliche Ich die „Zwangslage“ (mit den vielen naheliegenden, plausiblen Gründen) nicht als etwas Äußeres von sich abtrennen kann. „Wider Willen“ heißt im Fall der Konzession manchmal auch nur, „widerwillig“ nachzugeben.
Für den Zwang zur Selbstbeherrschung, ja Selbstvergewaltigung hat Braun beeindruckende Bilder der „Körpersprache“ gefunden:

Ich schnappte nach Luft, ich redete dummes Zeug. Der Schweiß brach mir aus der Maske.

Oder:

Ich hatte mich in der Hand, aber was hatte ich da?

Selbstkritisch notiert er am 25.9.1982 in den Arbeitsnotizen zur „Übergangsgesellschaft“:

Wir wissen, es ist die hauptsache, das leben zu ändern, d.h. das eigene… aber wir wollen uns nicht aus unseren halterungen reißen. weil wir sonst elende wären, verdammte, entlassene, denen niemand die hand gibt, außer den künftigen freien unvorstellbaren menschen. man muß aber in das elend gehn.

Ein paar Tage vorher, am 20.9., hatte er notiert:

wir reden von aktionen, aber wir machen den vorhang nur auf, um ihn schnell wieder fallenzulassen. wir finden uns ab.

Die „Berlinischen Epigramme“, die Braun 1978 und 1982 schrieb, sieht er selbst auch als Fluchtbewegung, obwohl deren satirische Schärfe aller offiziellen Festivität im wahrsten Wortsinne Hohn spricht. Aber der mit sich selbst Unzufriedene führte das Messer so vorsichtig, daß er sich nicht ins eigene Fleisch schnitt. So vermerkt eine Arbeitsnotiz vom 22.5.1983:

die satiren und lektionen ein ausweichen vor der eigenen existenz im gedicht, dieses maskenspiel, diese affektierte moral, satirische wut…

Auf paradoxe Weise erlaubt gerade eine chronologisch geordnete Werkausgabe extensive synchronoptische Lektüre. Erkennbar wird, wie sich Positionen durchhalten, bei aller fortschreitenden Desillusionierung und bei aller ästhetischen „Qualifizierung“. Denn das frühe, vom April 1963 stammende Gedicht „Messerscharf ist die Wahrheit“ läßt sich auch als verfrühter Kommentar zu dem in den achtziger Jahren wieder virulent gewordenen „einschneidenden“ Thema der operativen Eingriffe und der damit verbundenen intellektuellen und existentiellen Risiken lesen. Die (im Sinne des doppelten oder dreifachen Saltos) artistische Metaphorik stützt Selbstkritik ab:

Meine Worte turnen auf der Schneide.
Ein Tritt zur Seite: ich stürze. Mein Mut
Hat die Freiheit des Seiltänzers: hohe Kunst
Der Beherrschung. Aber unsichtbarer
Schrecklichster Fehler: ungewagter
Schritt!

Hatte Braun in seinen frühen und mittleren Jahren noch wegen der Auslassungen und Aussparungen mit dem Leser kokettiert, sie manchmal sogar angestrengt fröhlich als Freiräume lustvollen, nicht vorprogrammierten Handelns pathetisch beansprucht, wird seit Mitte der siebziger Jahre gerade hier eine Leerstelle, eine Bruchstelle markiert. Eine Lücke wird sichtbar, das Spielfeld wird zum Loch ohne Boden. Jetzt schmerzt die Halbheit des Fragments.
Brauns beste Prosatexte sind auch heute haltbar, weil sie begütigende Konfliktlösungen vermeiden, weil sie sich nicht an Begrenzungen halten, sondern im Idealfall ins Haltlose fallen. Karge Mitteilungen stehen am Ende von Geschichten, die sich nicht runden, sondern unvermittelt zu Ende sind. Das groß gedachte Gesellschaftspanorama schnurrt zusammen auf zugleich flüchtig und intensiv wirkende Beobachtungen von Details, die aus der Sprachlosigkeit gerettet, der Hektik undurchschauter Vorgänge entrissen werden.
Als Beispiel erwähne ich „Die Tribüne“, die letzte der Ich-Erzählungen Kasts, die sich auf den letzten zehn, zwölf Seiten bruchstückhaft verliert. Da wird dann ein sogenannter Herausgeber benötigt, der die aufgefundenen Zettelchen kommentiert, damit der Leser überhaupt von dem als Unfall getarnten Selbstmord des Helden Kenntnis erhält. Insofern geht „Die Tribüne“, sehr im Unterschied zu den vorhergehenden Teilen des Kast-Zyklus „Der Schlamm“, „Die Bretter“ und „Der Hörsaal“, in der Zuspitzung des Konflikts und in der ästhetischen Fragmentisierung weiter als die durch einen „wirklichen Vorfall“ ausgelöste „Unvollendete Geschichte“ die im gleichen Jahr 1974 geschrieben wurde.
Gleichwohl ist auch dieses unvergeßliche Prosastück ähnlich strukturiert. Privates Glück und politische Notwendigkeit sind nicht ohne weiteres die „zwei Seiten der Verdienstmedaille“, aber der Utopie gewährt der Autor weiterhin einen Schonraum: „diese zähe Geschichte zerriß die Leute noch in solche und solche“, heißt es überdeutlich, und damit wird der Doppelsinn des Wortes „Geschichte“, der immer mitläuft, nach oben geholt. Die Geschichte als Realisation menschlicher Emanzipation ist noch immer unvollendet. Es bleibt eher fraglich, ob der behauptete Weg des so oder so definierten Sozialismus nicht eher ins Verhängnis, mindestens ins Abseits führte. Der Leser blieb frei, den geschichtsphilosophischen Restoptimismus zu überlesen. Er konnte die „Unvollendete Geschichte“ auf eine eigene, durchaus defätistische, „gräßlich fatalistische“ Weise im Kopf zu Ende bringen, gerade weil der Autor die Fabel in ein Geflecht von sich überlagernden Handlungen einwob:

Hier begannen, während die eine nicht zu Ende war, andere Geschichten.

Eine davon hat Braun erst durch das Studium des Bergs von Stasi-Akten erfahren, die seine intensive Beobachtung, Bespitzelung und Diffamierung dokumentieren. Man erinnere sich noch einmal an die Novelle, die nach dem Erstdruck in Heft 5/1975 von Sinn und Form dreizehn Jahre lang in der DDR verboten blieb. Die 1977 im Suhrkamp-Verlag herausgekommene West-Ausgabe wurde zum begehrten Schmuggelgut für Interessenten in der DDR. Die Einfachheit der Fabel erlaubte es dem Autor, in die Tiefe, in den Untergrund zu gehen, untergründig zu werden und gleichwohl die Bodenhaftung nicht zu verlieren: Karin, die angehende Journalistin, soll sich von ihrem Freund Frank trennen, dem „verdächtigen Element“. Der Druck kommt geballt von ihren Eltern und von den staatlichen Instanzen. Als Karin nach- und aufgibt, begeht Frank einen Selbstmordversuch, das Ende bleibt offen. Seit langem war bekannt, daß diese Handlung auf einem authentischen Fall beruhte. Die Interpreten durften rätseln, wo dessen Wiedergabe endete und die dichterische Erfindung begann. Vom Autor konnte niemand darüber präzise Auskunft verlangen, er hätte, solange die DDR existierte, seinen Gewährsleuten unverantwortlich zusätzliche Schwierigkeiten bereitet.

Als Motto hatte Braun einen Satz aus einem Roman von Jorge Semprun vorangestellt:

Alle Toten ruhen in der Unruhe eines vielleicht unnötigen Todes.

Das begünstigte eine Lesart, die unterstellte, der Verfasser habe womöglich seinen Stoff dadurch entschärft, daß er einen wirklichen letalen Ausgang zum Suizidversuch abmilderte. Auf alle diese Fragen gibt jetzt ein hochartifizieller Essay Brauns Antwort, der an passender Stelle, nämlich in Sinn und Form, Heft 4/1996, unter dem Titel „Das Ende der ,Unvollendeten Geschichte‘“ erschienen ist.
Erst nach der Durchsicht der Tausende von Seiten umfassenden Akten, die seine Überwachung durch die Stasi belegen, hatte der irritierte und überraschte, verstörte und enttäuschte Autor einen Grund gefunden, der Öffentlichkeit eine Mischung von Werkstattbericht und Selbstinterpretation vorzulegen. Diese nüchternen Begriffe kaschieren freilich nur unvollkommen die Leidenschaft, mit der Braun auf die im wahrsten Sinne des Wortes „umwerfenden“ Erkenntnisse reagiert. Denn seine Informanten waren zugleich informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit, sowohl der Mann, der ihn auf die Spur setzte, wie auch die Frau, die ihm ihre Geschichte erzählte und lediglich darum bat, bei der Literarisierung die Spuren zu verwischen, die zu ihr führen könnten. Die unvergeßliche Figur, die er Karin nannte und die ihm ermöglichte, die nicht mehr zu kittenden Risse und Sprünge im realsozialistischen Gefüge zu zeigen, war „IM Martina“. Einen Tag nach der gleichsam oppositionell-konspirativen Begegnung mit dem Chronisten Braun erschien sie zur staatstreu-konspirativen Audienz bei ihrem Führungsoffizier, um ihm, in eigener Sache sozusagen, detailliert das Gespräch mit Braun zu rekonstruieren. Es scheint so, als habe jene Martina dafür ein verständliches Motiv gehabt. Sie war, wie Braun schon bei der Begegnung verwundert feststellen mußte, inzwischen mit jenem Freund, der tatsächlich überlebt hatte, verheiratet, und sie wollte der Obrigkeit keinen Anlaß zu „Mißverständnissen“ geben, keine anderen Personen in Verdacht bringen. Aber welches Interesse hatte sie, die Jahre später die DDR verließ, daran, daß ein Schriftsteller verarbeitete, was ihr widerfahren war? Nachdem die Erzählung vorlag, verlangte die Stasi von ihr, daß sie im Detail aufschreibe, „was der Wahrheit entspreche“ und was der von der obskuren Behörde längst als feindlich-negativ eingestufte Dichter hinzugefügt habe.
Der Verfasser zeigt sich heute verblüfft darüber, wie korrekt sie diese Aufgabe erfüllte, wie sie ihn entlastete, Schärfen auf sich nahm. Es scheint so, als habe Braun sich seinerzeit gescheut, hinter die Vorgaben zurückzugehen, denn die Zeugin sah ihm ja gleichsam beim Schreiben über die Schulter: er wollte sie nicht enttäuschen. Ironisch empfiehlt Braun heute der Literaturwissenschaft das Dokument aus dem infernalischen Archiv, um die Scheidelinie zwischen Realität und Erfindung, zwischen Dichtung und Wahrheit zu finden.
Mit Recht besteht Braun auf dem kritischen Umgang mit den in der Gauck-Behörde aufbewahrten Dokumenten, weil es neben den sachlich zutreffenden Berichten auch gemeine Fälschungen gebe zum Zwecke der Verunglimpfung und Zersetzung. Braun spricht von den „Exkrementen des Staatsarsches“. Der doppelbödige Abschnitt „Wir Mitarbeiter“ verdiente eine ausführliche Betrachtung, weil Braun sich hier dem Problem öffnet, inwieweit er selber in einem zugleich hochreflektierten wie naiv gläubigen Idealismus am Projekt Sozialismus alias Prinzip Hoffnung mitarbeitete. Letztlich habe er die absurde Existenz der DDR eben auch verteidigt. Braun – freiwillig selbstkritisch – spricht von seiner eigenen Anlehnung an die Gewalt, von seiner eigenen feigen Verstellung, von seiner Doppelexistenz als „Verräter und Genosse“. Der Nachtrag zur „Unvollendeten Geschichte“ fällt nicht hinter das Niveau jenes Meisterwerks zurück. Sein Autor weiß, daß dieser radikale Text sehr viel klüger war als der unsichere Mann, der ihm die Feder oder die Schreibmaschine lieh. Ein weiteres Zitat mag dies belegen:

Eine Zugehörigkeit band mich an die Sache, die ich angriff; öffentlich kritisch und innerlich versöhnt. Das lag daran, daß wir die Wahrheit hatten, die nur erst Dichtung war, die BESSERE WELT; aber dichten hieß, die Wahrheit leugnen.

Nur Volker Braun stellt sich und versucht, den eigenen Ansprüchen standzuhalten, während prominente Schicksalsgefährten und -gefährtinnen lieber ihre Vergangenheit verdrängen, als über Verhaltensmuster nachzudenken. Einzig Braun sah sich in den irritierenden Wendezeiten genötigt, das Gesamtwerk der kritischen und manchmal auch arroganten Betrachtung der Zeitgenossen zu überantworten. Mit Entsetzen sieht er auf manche seiner alten Verlautbarungen. Er fühlt sich zurückgeworfen in das „beschränkte Gedankenfeld, auf dem die Epochenillusion wuchs“. Er gab zum Glück der Verführung nur gelegentlich nach, zu korrigieren, „indem nichts als fertig gelten soll“. Schon der erste Band enthält in der editorischen Notiz einen Schlüsselsatz:

Viele Gedichte, „Produkte jugendlichen Dilettantismus“, verdanken ihr Überleben nur der Zugehörigkeit zu den Sammlungen, die ich nicht zerstören durfte: sie sind, wieder mit Schiller zu sprechen, „schon ein verjährtes Eigentum des Lesers“.

In der Regel steht Braun zu dem Prinzip Brechts, daß die Geschichte vielleicht reinen Tisch mache, den leeren jedoch scheue, das heißt, er glättet nicht, wo er irrt: „ich durfte diese dokumente nicht korrigieren“, so klingt sein leidvoller Seufzer.
Brauns Hinze-Kunze-Roman perfektionierte subversiv das Prinzip der Auslassung. Das Fragmentarische wurde hier zum Konstruktionsprinzip. Sätze und Absätze werden angefangen und abgebrochen, Leerstellen im Druckbild angezeigt, Namen und Zeilen durch Punkte oder Striche nur markiert – meist in vorgespiegelter Berücksichtigung des vielberufenen „gesellschaftlichen Interesses“, dem Markenzeichen des Zensurideologen. Hinze und Kunze, der Fahrer und der Funktionär, führen ihre unvollständigen Gespräche voller Andeutungen. Vor allem Hinze, der Fahrer, „denkt sich sein Teil“, und „keiner von beiden muß das letzte Wort haben“. Der Zweifelsfall wird zum Normalfall.
„Bodenloser Satz“ schließlich, die 1988 geschriebene, in einen einzigen Satz gepreßte Geschichte vom Zerstörungswerk an Menschen und Landschaften, zieht auch den Autor in die Tiefe, denn jetzt verlieren alle „den Boden unter den Füßen“. Haltlos läßt Braun die geschichtsphilosophische Zuversicht fahren: Nachtgedanken zum Tagebau. „DAS IST ABBRUCHARBEIT“, heißt es in Versalien. (Zwei Jahre später gibt Braun seiner Sammlung Die Zickzackbrücke den Untertitel „Ein Abrißkalender“.) Die DDR war für Braun Abbruchgebiet geworden. Er zehrte längst nicht mehr vom „Kleister der Hoffnung“.
Auch das Werk Volker Brauns sieht auf den ersten Blick wie ein Abbruchgelände aus. Die Geländer, die er benutzte, erschienen auch ihm schließlich als so morsch, wie sie in Wahrheit waren. Die Bretter, die die Welt bedeuteten, konnten zum Sarg gehören. Aber gerade ihre Brüchigkeit läßt seine besten Texte den Härtetest überstehen. Volker Braun, der verzweifelte, unwissende, neugierige und verwirrte Aufklärer, bleibt einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Er hat außer der „Unvollendeten Geschichte“ auch die „Unvollendete Anekdote“ geschrieben, die eine Begegnung zwischen dem Dichter und dem Verleger Siegfried Unseld wiedergibt, ganz ohne Pointe, denn der entscheidende Satz des Suhrkamp-Chefs wird nicht ausgeplaudert:

Die Anekdote, um die ich herumrede, mag noch weiter in diesen Zeilen schlummern; auf die schnellen Wirkungen bin ich noch immer nicht aus.

Manfred Jäger, Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1997

 

MELDE
für Volker Braun

von staub bedeckt, wie alle pilger,
am rhein entlanggewandert, an der Moldau,
eben zurückgekehrt aus spanien, aus bulgar-

ien, fernost: so rastet sie am rand
von äckern und von straßen, nickt nur milde,
wenn wir vorüberrasen, unerkannt,

unkenntlich, winkt uns nach mit ihren zähen blättern;
geht in der landschaft auf wie im gemälde
der firnis, blüht bescheiden, blüht in schmetter-

lingen, solidarisch mit dem schutt,
nicht dem erschütterer, liebt das malade,
das brüchige: ihr staat

ist überall; von pfützen, wo die winzigen klammern
der wasserläufer die wolken halten, der mulde
voll schlamm und unkraut; von jenseits des rostigen hammer-

krans ruft es, von brache, schrottplatz, müllde-
ponie, durchs flirren eines ganzen, langen sommers,
meldet beharrlich, ungehorsamst, die melde.

Jan Wagner

 

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
Interview
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

In der Reihe Klassiker der Gegenwartslyrik sprach Volker Braun am 9.12.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin mit Thomas Rosenlöcher.

Welche Poeme haben das Leben und Schreiben von Karl Mickel und Volker Braun in der DDR und Michael Krüger in der BRD geprägt? Darüber diskutierten die drei Lyriker und Essayisten 1993.

 

 

Die Geschichte macht keinen Stopp von Peter Neumann. Ein Besuch beim Büchnerpreisträger Volker Braun, der den Weltgeist immer noch rumoren hört.

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Der ewige Dialektiker
Der Tagesspiegel, 5.5.2019

Rainer Kasselt: Ein kritischer Geist aus Dresden
Sächsische Zeitung, 7.5.2019

Hans-Dieter Schütt: Die Wunde die bleibt
neues deutschland, 6.5.2019

Cornelia Geißler: „Der Osten war für den Westen offen“
Frankfurter Rundschau, 6.5.2019

Helmut Böttiger: Harte Fügung
Süddeutsche Zeitung, 6.5.2019

Erik Zielke: Immer noch Vorläufiges
junge Welt, 7.5.2019

Ulf Heise: Volker Braun – Inspiriert von der Widersprüchlichkeit der Welt
mdr.de, 7.5.2019

Oliver Kranz: Der Schriftsteller Volker Braun wird 80
ndr.de, 7.5.2019

Andreas Berger: Interview zum 80. Geburtstag des Dresdner Schriftstellers Volker Braun
mdr.de, 7.5.2019

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Linkliste + Archiv 1 + 2 +
KLGDAS&D + Georg-Büchner-Preis 1 & 2 + Anmerkung zum GBP +
PIA
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett +
Dirk Skibas AutorenporträtsBrigitte Friedrich Autorenfotos +
Keystone-SDA + deutsche FOTOTHEK
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Volkerbraun“.

 

Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Braun, der“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Volker Braun

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