Yevgeniy Breyger: Frieden ohne Krieg

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Yevgeniy Breyger: Frieden ohne Krieg

Breyger-Frieden ohne Krieg

ICH MUSSTE MICH NOCH NIE
BEI SO VIELEN MENSCHEN ENTSCHULDIGEN

liverede an die nation, also unter 4 augen, präsident zu volk
soll verschoben werden auf morgen
wäre die erste seit dem 24.2. gewesen. „schlafengehen“, sagt RT
sein flugzeug seit 3 stunden überfällig, kreist über rostow
und Julia macht den witz, im russischen fernsehn liefe schwanensee
den ich natürlich sofort glaube
rufe eltern an, aber sie sagen: im russischen ersten das übliche
ehemaliger general spricht auf в npямом eфиpe (live)
dass sie russische flagge überm bundestag hissen wollen
weil ausgang des zweiten weltkriegs wiederholen usw.
rational erkenn ich die provokation, aber schockieren tuts nicht
lang nicht mehr
skynews bestätigt – heute keine rede mehr
das könnt der moment sein, wo die gedanken der leute
anfangn umherzuschweifen, sich dann konzentrieren auf
der BEINAHE Sicherheit, es gibt ZWEI enden
im kopf brummt der alte transistor und übersetzt
schwarz/weiß. seiten werden bedruckt, indem
buchstaben mit ausgewähltem stoff verdunkelt werden
auch ich sterb lebenslang ohne überzeugung
wasser gewinnt farbe
nur nicht abrutschen ins schema X, bei dem bild
und gegenstand übereinfallen wie bei menschen, die genau 1
sprache für sich finden als MUTTERsprache
nichts kann mich schockieren, aber alles bringt mich zum weinen
alles ist zum heulen, aber ich kann nicht verneinen
dass ich glücklich bin
ich reit in gedanken in meine gedanken, ich lieb mich schrecklich
ich ziehe mich an meiner längsten feder aus dem tief
ich sag, woher ich komm:
OH DU BIST ABER KEINER
VON DEN FLÜCHTLINGEN?
ich komm im dunkelblauen dress: OH GANZ IN SCHWARZ
IST ETWA JEMAND GESTORBEN?
dabei wollt ich mir sowas nicht mehr zu herzen nehmn
es gibt erdrückungen, die keine sind, wirklich, leser*in und ich
sind stärker als ein riss durch den lebenskörper, bloß
wen kümmert das noch zurecht niemanden
risse muss man sich zuallererst ERARBEITEN
„in letzter instanz“ zittre ich wie ein zicklein am fließband
(dabei wollt ich mir sowas nicht mehr zu herzen nehmen)
mir keine stumpfsinne gefallen lassen und rausrausraus
aber doch wieder souverän mit humor reagiert, WEIL
ich schwach bin – so ist es. schäme mich immer noch
für quatsch und pinkle mich voll wie ein säugling
was gleichzeitig der moment ist, wo die welt glückselig
gegenstand fällt überein mit bild, idee mit wort
ich zieh mir die warme hose an und drück mich wie ein blöder
an den heizkörper. morgen wird die rede gehalten
und ich werd dazu kein wort denken, ich kipp UM
entrücken oder verzücken, gleicher preis
wie bei jeder rede bebt die erde wenig
löcher graben sich von selbst und tiere
putzen das fell im rhythmus grundsätzlichen wachsens
ich wasch mir die hände 8 mal am tag, trockne mein gesicht
mit einem kleinen quadratischen tuch und leg mich zum denken
aufs fensterbrett
ich habe kein recht, meine empfindungen zu verallgemeinern
(sagt immer genau der oder die s tut)
das bettlaken ist verrückt geworden, das kissen dreht durch
das ganze bett schreit wie ein irrer
leg dich
trenn dich vom balsam der wünsche

schreit ganz leis, dass ichs kaum hör
und die innre stimme setzt nix dagegen, wie eingefroren
wie angegorene verwitwung
falsch ist das bittre, weil s zum himmel stinkt: kupfer
bronze, messing, hülsenfrucht, eingeschlafene wangen
riechst du den plastikodem der toten? hörst
die gespräche zwischen armen wie ästen, fingern wie zweigen
die gebärden der knochenbrüche, wie sie sich im kern zieren
als abbildungen des EINEN g’ttes, des EINEN ’traumas
oh, aber ja, aber natürlich lieber gott, oh du lieber knochengott, knochen-
sprung, musik aus den eingeweiden, die ganz lang vermissten
die aus dem gedächtnis auftauchen wie meerscharben, tonmenschen
mit den wörtern der sprache gesprochen – bitte den abgott
für dich wache zu halten, wenn du durchschnaufst
einen kurzen AUGENblick nicht aufgepasst und ich
verbrenn auf der matratze, doch es kann auch anders
kann sich ausgehn und plötzlich entspringt ein werk
stumpf wie der blick eines funktionärs, und DOCH
werk… (kleinste je gedachte idee)
nur einmal vorgestellt: der präsident steht im loch
dechiffriert aus dem loch GRAUSAMKEIT als NOT-
wendigkeit und deine wangen glühen und kaimane
brennen ihre schuppenschwänze in sandbänke
wo sich alles verbraucht, zerfällt zu schmutzpartikeln und jemand
kichert neben dir, heute sei sein geburtstag
es ist der sechste tag der schöpfung, ich bin nachsichtig
schreib wie gehts im chat an die eltern. momentchen
momentchen? ich würd am liebsten eine rede damit anfangen
dass ich sag, wohin ich geh, aber ich kehre wie jeder mensch bloß ein
krummbeinig und seltsam
nimm mich, g’tt, meine augenblicke sind lang wie 1000 züge
zieh mich, g’tt aus der misere
pflastre die pfade meiner liebsten mit sucht und substituten
schneid dir das dritte auge ein mit nem schweizer messer
LIEBER g’ott, oh g’ott, aus schlamm sei dein hirn
damit du mich verstehst
damit du meine liebsten trägst durch grelles denken
und dunkelheit – verkleidet als licht
und musik auf gelenken, friede, ohne krieg

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Der Gedichtband Frieden ohne Krieg

von Yevgeniy Breyger beginnt mit einem tagebuchartigen erzählenden Langgedicht in einfacher mündlicher Sprache, das die Geschichte seiner jüdischen Familie während des Holocausts bis hin zur Flucht aus der Ukraine nach beginn des russischen Angriffskriegs beschreibt. Dieses und die folgenden zahlreichen Erzählepisoden verbinden dabei stets aktuellste Ereignisse aus dem Krieg mit unmittelbaren Erfahrungen des Dichters und seiner Familie, die damit in Kontext gesetzt werden. Die Gedichte sind hochgradig emotional, privat und autobiographisch. Es entsteht der Eindruck eines nicht-fiktionalen persönlichen Kriegsjournals, einschließlich der Auseinandersetzung mit den zwei Muttersprachen Deutsch und Russisch, die der hadernde Dichter als russischsprachiger ukrainischer Jude nun als kontaminiert begreift, um im letzten Gedicht doch einen Ausblick auf die Möglichkeit von Glück, Frieden und dem Entwachsen von Neuem aus Altem zu bieten. Folgerichtig schließen sich an diesen etwa 50-Seitigen-Zyklus zwei weitere Teile an – eine wieder klassisch gedichthafte leise und feine Auseinandersetzung mit der Tatsache, das Ukrainische Mütter während des Kriegs in die Idee entwickeln, Kontaktadressen auf die Rücken ihrer Kinder zu schreiben, sollten sie selbst im Zuge der Angriffe umkommen, um den Kindern ein Weiterleben zu ermöglichen; sowie ein dreisprachiges Langgedicht, zu gleichen Teilen Deutsch, Russisch und Englisch, das Verbindungen zu T.S. Eliots The Waste Land herstellt und Parallelen zu den Ereignissen aufzeigt die 2022 inzwischen ihr 100-jähriges Jubiläum fristen und damals zu Faschismus, Krieg und Massenmord geführt haben. Bei aller Verzweiflung dieser Gedichte, scheint jedoch stets Ergriffenheit und damit Hoffnung aus ihnen hindurch. Frieden ohne Krieg ist ein tröstendes aktuelles Werk, eines, das in diesen Zeiten dringend gebraucht wird.

kookbooks, Ankündigung

 

„Torturboden“, „Freiheitssackgassen“

– Dichter aus der osteuropäischen Diaspora treibt die Lage in der Ukraine zur Verzweiflung. Und zu beeindruckenden Leistungen. Der russische Überfall auf die Ukraine zeigt, wie prekär die politisch-historische Tektonik im Osten Europas immer noch ist. Volha Hapeyeva, Polina Barskova und Yevgeniy Breyger verleihen der Not ihres Exils gültigen Ausdruck. –

Immer häufiger kommt es vor, dass Schriftsteller nicht mehr in ihrer Heimat leben und arbeiten, mit dieser thematisch und sprachlich aber verbunden bleiben. Die 1982 in Minsk geborene Weissrussin Volha Hapeyeva hat es noch vor den Protesten gegen Lukaschenkos Wahlfälschung nach Deutschland verschlagen; Polina Barskova, 1976 in Leningrad geboren, verliess Russland 1998 Richtung USA, wo sie seit vielen Jahren russische Literatur an der UC Berkeley unterrichtet; Yevgeniy Breyger, Jahrgang 1989, übersiedelte mit seinen Eltern als Jugendlicher aus seiner Geburtsstadt Charkiw nach Deutschland, tauschte das Russische gegen das Deutsche ein und darf als deutschsprachiger Lyriker gelten.
Doch gerade in Breygers jüngstem Gedichtband zeigt sich, wie sehr er von seiner Herkunft geprägt ist, bis hin zur Tatsache, dass er da und dort russische Wörter, ja ganze Sätze auf Kyrillisch in die Verszeilen streut. Man entkommt seinen Wurzeln nicht so leicht, das bezeugen alle drei Dichter. Und warum sollte man?

(…)

 

Kompromittiertes Sprechen
Ganz anders liest sich Yevgeniy Breygers Lyrikband Frieden ohne Krieg: direkt, bekenntnishaft, hochemotional. Breyger, bekannt – und vielfach ausgezeichnet – für seine artistischen Langgedichte, ist durch den russischen Angriffskrieg gegen seine Heimat in eine akute Lebens- und Schaffenskrise geraten. Einen bereits fertiggestellten Gedichtband hat er verworfen, um sich, der Not gehorchend, an das Unsagbare heranzuwagen: Schritt für Schritt, wobei der Prozess des Schreibens und die Stimmungslage des Schreibenden schonungslos offengelegt werden.
Erschütternd, wie Breyger im ersten Gedicht („du musst das hören“) seine tragisch-verwickelte jüdische Familiengeschichte erzählt; sie liefert den Kontext für das, was kommt. Für Scham, Schmerz, Verzweiflung, Ohnmacht, für Protest und Wut, etwa wenn einer ukrainischen Verwandten in Deutschland das Chemie-Diplom aberkannt wird.
Breygers neuer O-Ton hat alle barockisierenden Manierismen abgelegt, das Verhandelte ist so hart, dass die Sprache in alle Richtungen zu explodieren scheint. Mal flucht sie, mal hadert sie mit dem Allerhöchsten:

LIEBER g’tt, aus schlamm sei dein hirn
damit du mich verstehst…

Aber versteht das Ich denn sich selbst?

ich fliege über den mount-ICH und tauche durch einen
SPEICHELOZEAN
es ist krieg in mir, der will mich ziehn
zieht aber andre
und ich denk mich nur
denk hin…

Dabei realisiert dieses Ich, dass seine beiden Sprachen – Russisch und Deutsch – zutiefst kompromittiert sind. Ihre Sprecher sind „einmal die, die meine leute massengemordet / einmal die, die in deren fussstapfen treten wollen und meine anderen leute umbringen“.
Der scheinbaren Ausweglosigkeit begegnet Breyger mit einem beeindruckenden Gedicht in Deutsch, Englisch und Russisch, „Aprillen“, das elegische Erinnerung, Klage, Beichte und Beschwörung ist. Hier spricht Poesie at her best. Mag sie auch keine Kriege verhindern oder beenden können, so schärft sie doch Geist und Sinne. Man muss ihr nur Glauben und Gehör schenken.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 22.8.2023

Verwüstetes Land

Charkiw steht am Anfang, Charkiw gilt das erste Wort in Yevgeniy Breygers Frieden ohne Krieg, in seinem dritten, kürzlich erschienenen Gedichtband. Charkiw schon deswegen, weil Breyger 1989 in der Stadt zur Welt kam, hineingeboren in eine jüdische Familie. Denkt Breyger zurück, dann an feindselige Kindheitserfahrungen. Schreibt der Lyriker über Charkiw, sind es Kindheitserinnerungen an Erzählungen in der Familie. Es sind Erfahrungen, gemacht von Überlebenden.
„charkiw soll evakuiert werden, weil die deutschen kommen“, heißt die erste Zeile. Mit Geschichten über Deportationen in den Tod wuchs Breyger auf, seit Kindesbeinen mit Überlebenserinnerungen an die Flucht vorm Massenmord in die Wälder, mit Beschreibungen von Hunger und Schwangerschaft einer Verwandten in Verstecken. Was wachgehalten wurde im Familienkreis, ist jetzt wiedergegeben in einem Zyklus. „du musst das hören“, ist das erste Gedicht überschrieben, worin mehreres mitschwingt: eine eindringliche Aufforderung. Auch die Ablehnung einer Zumutung? Unbedingt eine Selbstverpflichtung.
Chronologisch lässt sich in dem Langgedicht, obwohl es auch ein Bericht ist, nicht berichten. Zumal in Breygers Lyrik eh nichts konventionell vor sich geht. Dem Band vorausgeschickt ein Siebenzeiler, die Anrufung des eigenen Ich, eines „mount-ICH“ – eines zerrissenen Ich:

es ist ein krieg in mir, der will mich ziehn
zieht aber andre
und ich denk mich nur
denk hin

Blättert man die Seite um, trifft man auf den Satz, versehen mit einem Sternchen:

*Nach dieser Zeile bricht der Krieg aus.

Als handle es sich um eine Fußnote, wird die Zeile später zweimal wiederholt, beim ersten Mal mit der Erklärung:

kann ich so ein buch überhaupt publizieren? barocke sprache
fern von alltag, handwerklich meisterklasse, mehr ist mir nicht möglich
aber DENNOCH
kein wort zum krieg, kein wort zum?…?
ich ziehe das buch also zurück und nehme mir vor
bis oktober neuschreiben
wie soll das gehen? hab bisher für gedichte ewig gebraucht

Obwohl als Zehnjähriger in Deutschland abgestempelt als „Kontingentflüchtling“, eingruppiert mit einem Etikett übelster Vergangenheitsvergessenheit, lernte Breyger an den Literaturinstituten von Hildesheim und Leipzig das Schreiben und Dichten. Sein Lyrikdebüt flüchtige monde machte 2016 die Runde unter Eingeweihten, zog über den Lyrikradius hinaus weitere Kreise. 2019 erhielt Breyger den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt. Die Lesung aus dem zehnteiligen Zyklus „Königreiche“, ein Jahr später veröffentlicht in dem zweiten Gedichtband Gestohlene Luft, löste bei Anwesenden verklärte Vergleiche aus.
Jüngst die Heimsuchung durch den Krieg in der Ukraine, das verwüstete Land gesehen von Frankfurt aus, wo der Lyriker lebt. Die Ukraine 1941 – die Ukraine 2022. Eine unzulässige Parallele, eine nicht statthafte Analogie? Lyrik, so beharrt auch Breyers Gedicht, hat ihre eigene Logik. Das erste Kapitel steht unter der Überschrift „Heimkern“. Das Motto gesetzt auf schwarzem Papier, die weißen Buchstaben nicht von links nach rechts, sondern von oben nach unten, versetzt angeordnet, jeder für sich, isoliert. Nicht die Buchstaben fügen das Wort zusammen, die Assoziation, über den Gedanken an Heimkehr hinaus auf einen anderen Kern: der der Lyrik ist eine Einkehr, in der es nicht bequem zugeht.
In Frieden ohne Krieg keine Koexistenz mehr von rigoroser Kleinschreibung und konventioneller Rechtschreibung. Es ist ein Band in drei Sprachen, neben Deutsch Passagen auf Englisch, zudem Russisch (da verstehe ich nicht ein Wort). Im letzten Teil geht T.S. Eliot mit seinem Jahrhundertgedicht The Waste Land mit inspirierendem Beispiel voran.

Christian Thomas, Frankfurter Rundschau, 30.6.2023

Familiengeschichte, Mehrsprachigkeit und Frieden ohne Krieg

– Der in Charkiw geborene, in Deutschland aufgewachsene und in Wien lebende Yevgeniy Breyger über den Krieg und das Schreiben, Wahrhaftigkeit und Selbstreflexion. –

Seit kurzem wohnt der 1989 in Charkiw in der Ukraine geborene, für seine Dichtung vielfach ausgezeichnete Autor Yevgeniy Breyger in Wien. Er kam als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Deutschland, studierte kreatives Schreiben in Hildesheim und Leipzig, wo er auch die Schriftstellerin Sabine Scholl am Deutschen Literaturinstitut kennenlernte. Die beiden trafen sich in Breygers Wiener Wohnung, wo er mit seiner Frau, der Architektin Angerona Ambrasaite, und zwei Katzen lebt, zu einem Gespräch über mehrsprachiges Aufwachsen und seinen aktuellen Gedichtband  Frieden ohne Krieg. Darin reagiert er auch auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und zeichnet Fluchtgeschichten seiner jüdischen Familie nach.

Sabine Scholl: Sie beginnen Ihren Gedichtband mit einer Art Familiengeschichte, warum?

Yevgeniy Breyger: Das ist ein Stammbaum, den ich erst einmal für mich zeichnen musste, weil ich oft in die Situation kam zu erklären, woher die Menschen meiner Familie kommen, die seit dem Überfall auf die Ukraine nach Magdeburg zu meinen Eltern geflohen sind – und wie ich mit ihnen verwandt bin. Im Zentrum der Familie stand für mich immer die Geschichte der Flucht meiner Großtante aus Babyn Jar vor dem Massaker 1941. Es gab immer Leute, die diese Geschichte erzählt haben, mit kleinen Abweichungen, je nachdem, aus welcher Perspektive. Ich wollte das zusammensetzen, um ein klares Bild zu bekommen, was genau passiert ist. Wie konnte es etwa sein, dass eine Tante ein Kind bekommen hat, obwohl ich von der gleichen Tante weiß, dass sie keine Gebärmutter hatte. Sind sie gerade vor dem Krieg in der Ukraine geflohen wie eineinhalb Generationen zuvor die Großtante aus Babyn Jar? Ich wollte wissen, wie sich die Familiengeschichte auf meinen Onkel und meinen Cousin ausgewirkt hat.

Scholl: Sie haben diese Herkunftsgeschichte mithilfe der Erzählungen aller Beteiligten rekonstruiert, um Ihren Standpunkt zu klären, so wie auch in dieser Zeile, die auf dem Cover abgedruckt ist: „Es ist ein Krieg in mir…“

Breyger: In der Rezension dieses Bandes wurde angemerkt, dass das Wort „mir“ auf Russisch „Frieden“ heißt, und sich auf den Titel Frieden ohne Krieg bezieht.

Scholl: Heißt das, die Assoziationen changieren zwischen den Sprachen?

Breyger: Das war besonders im letzten Gedicht entscheidend, wo ich drei Sprachen, Deutsch, Russisch, Englisch, verwende und gemerkt habe, das macht für mich keinen Sinn. Im Endeffekt könnte das, was in einer Sprache steht, genauso gut in einer anderen stehen, es gibt keinen Registerwechsel, es ist nicht so, dass das Englische groß anders ist als das Deutsche oder das Russische. Ich könnte die beliebig vertauschen und habe einfach dann die Sprache gewechselt, wenn ich nicht weitergekommen bin. Es war ein Schreibtrick.

Scholl: Die Blöcke in den einzelnen Sprachen stehen in sich geschlossen, gehen nicht ineinander über. Wie aber kam es, dass Sie nun auch Englisch als Dichtungssprache verwenden?

Breyger: Es gab diesen Moment, wo ich im Café sitze und merke, dass ich die zwei Sprachen Deutsch und Russisch spreche, die für meine Identität belastete Sprachen sind, und dass ich etwas anderes brauche, um mich auszudrücken. Gleichzeitig hatte ich den Auftrag, T.S. Eliots  The Waste Land  zu übersetzen. Ich saß daran, während die russischen Truppen sich gesammelt haben. Das Gedicht entstand vor 100 Jahren und beschreibt Krieg, Vertreibung, Flucht und Mord. Ich dachte, es ist verrückt, wie sich das nun wiederholt.

Scholl: Im Anfangstext allerdings haben Sie die russischen Eigennamen in kyrillischer Schrift eingefügt.

Breyger: Das käme mir wie eine Lüge vor, hätte ich die Namen in lateinischer Schrift gesetzt, weil ich sie ja in kyrillischer Schrift kennengelernt habe. Auch eine Zeile, die für mich extrem wichtig ist, die im Zentrum dieses Bandes steht, in der meine Mutter mich anruft und sagt, dass die Großtante gestorben ist, ist auf Kyrillisch. Sie sagt mir das natürlich auf Russisch. Es wäre die größte Lüge, würde ich so tun, als hätte meine Mutter mir das auf Deutsch gesagt.

Scholl: Ihre Dichtung erforscht auch, wie man schreibt, wenn man einen mehrsprachigen und vielkulturellen Hintergrund hat.

Breyger: Ja, und wie man mit dem Verständnis und dem Unverständnis umgeht, das damit einhergeht. Denn wenn ich ein dreisprachiges Gedicht vortrage, kann ich davon ausgehen, dass im Raum fast alle mindestens eine dieser Sprachen nicht verstehen.

Scholl: Im Gedicht „Streuobst“ verwenden Sie eine Instagram-Meldung…

Breyger: Das war der einzige Gedichtzyklus, in dem ich akut von den Sachen geschrieben habe, die vor Ort geschehen. Aber ich habe versucht zu benennen, dass es aus den Medien entnommen ist. Ich schreibe zum Beispiel „Angerona zeigt mir das Bild von dem verbrannten Arm“, also ich sehe ihn nicht selbst, sondern es ist diese Zwischeninstanz, die ich installiere. Der Zyklus bezieht sich insgesamt auf eine Meldung, nämlich dass die Eltern ihren Kindern Kontaktadressen auf den Rücken schreiben, falls sie verlorengehen. Das hat mich so berührt, dass ich dachte, ich muss eine Ausnahme machen und über etwas schreiben, was mich direkt eigentlich nichts angeht. Auch weil mich das Beschriften des Körpers als Akt der Objektifizierung, aber gleichzeitig Menschlichmachung fasziniert und traurig gemacht hat.

Scholl: Auch spielt die Abstumpfung in der Kriegsberichterstattung eine Rolle.

Breyger: Ich habe mich gefragt, wie lange es dauert, bis in den Medien Berichte vom Krieg abflauen, und ob das überhaupt ein allgemeiner aufmerksamkeitsökonomischer Prozess ist, oder ob sich ein Vernichtungskrieg in Europa diesen Mechanismen entziehen könnte. Es war sehr ernüchternd zu sehen, dass es immer weniger wird. Dass das eine weitere Nachricht ist, die genauso den aufmerksamkeitsökonomischen Mustern unterliegt. Gleichzeitig habe ich bei mir selbst bemerkt, dass ich die Nachrichten irgendwann nicht mehr ertragen habe und dass ich Pausen brauchte.

Scholl: In Ihren Texten verweisen Sie oft auf die Selbstreflexion, den Blick des Schreibenden in den Spiegel.

Breyger: Das Hineinschauen in den Spiegel erschafft einen Zwilling oder eben Drillinge, Vierlinge, die aber alle ein bisschen anders sind. Diese Reflexionen sind eine schöne Metapher für ein Nachdenken über sich selbst, das man aktiv leisten und dann perspektivisch einordnen muss, um zum ursprünglichen Bild zurückzukommen. Ich finde es unangenehm, wenn Polemiken angeführt werden, gerade wenn es um Themen wie Krieg geht, ohne dass die Person, die sie äußert, sich selbst in die Betrachtung einbezieht. Dass zum Beispiel in Talkrunden eine Position und eine Gegenmeinung eingeladen werden, aber sobald jemand sagt, da hast du recht, und dies und das muss ich eingestehen, wird das als Schwäche ausgelegt, was ja eigentlich totaler Quatsch ist. Wenn Selbstreflexion und Selbstanklage sofort als Schwäche ausgelegt werden, trägt das stark zur Polarisierung der Gesellschaft bei. Wenn ich angreife, ist es notwendig, mich selbst mit anzugreifen, sonst kann ich den Angriff nicht ernst nehmen. Das gilt nicht nur fürs Schreiben, sondern auch fürs Leben.

Scholl: Gehört die Scham, die Sie oft erwähnen, zu diesem Prozess?

Breyger: Ja, ich greife Konstrukte an, zum Beispiel den Terminus „Die Deutschen“, während ich selbst die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Also wäre es seltsam, mich da rauszunehmen und zu sagen, nur weil ich die ersten zehn Jahre meines Lebens in der Ukraine verbracht habe, bin ich immunisiert dagegen, dass Missstände, die ich angreife, für mich nicht genauso gelten können. Auch dafür schäme ich mich.

Scholl: Welche Bezüge haben Sie zu anderen Autorinnen, die vom Krieg schreiben?

Breyger: Mein stärkster sprachlicher Bezug hat mit der Thematik wenig zu tun. Es ist Rachel Zucker, eine Professorin für Creative Writing und Lyrikerin. In ihrem Gedichtband Museum of Accidents geht es um eine Fehlschwangerschaft, bei der die weibliche Eizelle einen Tumor bildet, der fälschlicherweise als Fötus erkannt wird. Sie hat es erlebt, schreibt tagebuchartig über ihr Umfeld, mit einer unfassbaren Direktheit, über ihren Ehemann und ihre Kinder. Da habe ich geschluckt und gedacht, wenn sie das lesen, müssen sie sie entweder noch mehr lieben oder sie können ihr nicht mehr in die Augen sehen. Ich habe versucht, diese Direktheit und Ehrlichkeit auf das zu übertragen, was ich gerade schreibe.

Scholl: In der anfänglichen Genealogie wird spürbar, wie liebevoll Sie über die Ihnen nahestehenden Menschen sprechen, das ist das Berührende an diesem Gedicht, dass trotz schwieriger Umstände immer diese Liebe durchscheint.

Breyger: Das war lange Zeit das Problem, wenn ich Prosa geschrieben habe, dass ich Figuren erfand, doch auch wenn sie eine Anbindung zum Realen hatten, hatte ich niemals eine liebevolle Beziehung zu ihnen. Deswegen haben sie nicht mit der nötigen Klarheit existiert.

Scholl: Wie gestaltet sich der Übergang vom lyrischen Schreiben in die Romanarbeit?

Breyger: Der Übergang macht unheimlich Spaß. Das Erzählen ist in den Gedichten schon stark angelegt, und ich hatte mich gefragt, was passieren würde, wenn ich den Gestus etwas verschiebe, aber klassisches Erzählen beibehalte. Und ob die Probleme, die ich mit Prosaschreiben hatte, eher auf meine Motivation zurückzuführen waren.

Scholl: Was ist die Motivation für diesen Roman?

Breyger: Der Stoff, den ich erzähle, ist mir wirklich wichtig.

Scholl: Die Geschichte ist ja auch politisch relevant, obwohl Sie an anderem Ort erwähnen, dass Sie politisches Sprechen ablehnen.

Breyger: Politisches Sprechen in der Kunst oder in der Literatur ist oft Zeichen von unterkomplexen Darstellungen. Wenn ein politischer Text verlesen wird, sitzen im Publikum meist Menschen, die die politische Ansicht teilen, welche Richtung auch immer. Dann wird applaudiert und zugestimmt. Aber das ist ja nicht der Sinn von Kunst. Wenn ich zustimme, arbeitet nichts weiter. Deswegen bin ich da sehr vorsichtig. Wenn ich bloß sage, ich bin für die Ukraine und gegen Russland, sagen die Leute: Stimmt. Aber nichts passiert.

Sabine Scholl, Der Standard, 24.2.2024

Wird die deutschsprachige Lyrik verändern

Der dritte Band des Autors bei diesem Verlag und wahrscheinlich bisher der Beste. Sehr einfach lesbar, sehr zugänglich, emotional, bringt zum weinen und tröstet. In der Lyrik wird ja gerade der Turn zur neuen Einfachheit konstatiert und es kommen tatsächlich zahlreiche sehr einfach geschriebene Gedichtbände heraus, die allerdings sonst auch nicht viel zu bieten haben. Gerade der Suhrkamp-Verlag entwickelt sich in Richtung Instagramliteratur und untergräbt sich selbst. Hier zeigt ein Autor, wie es richtig geht und ich fühle mich als Zeitzeuge, wenn ich diese Gedichte lese. Die Gedichte selbst sind Zeitzeugen des Kriegs und die Leser werden Zeitzeugen eines Ereignisses in der Lyrikwelt. Ich bin tief betroffen und beeindruckt von diesem Werk. In der Beschreibung auf Amazon steht zudem, der Band sei auf Russisch, aber das stimmt natürlich nicht, er ist auf Deutsch. Bitte ändern.

TurkishAirlines, amazon.de, 12.5.2023

 

 

 

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Cornelius Hell: Mit Namen und Telefonnummer auf dem Rücken
Die Presse, 25.8.2023

Samuel Meister: Speichelozean
signaturen-magazin.de

Sophie Modert: Wie eine lyrische Rückeroberung
der Freitag, 6.7.2023

Daniel Graf: In diesen Zeilen bricht der Krieg aus
republik.ch, 31.5.2023

Sonja Zekri: „Nach dieser Zeile bricht der Krieg aus“
Süddeutsche Zeitung, 4.8.2023

Yevgeniy Breyger: Krieg schreiben können
Der Tagesspiegel, 8.6.2023

Sylvia: Kein Blatt vor den Krieg
meiseundmeise-blog.de, 3.11.2023

Ayala Goldmann: Die Geschichte von Mina und Schura
Jüdische Allgemeine, 27.4.2023

Florian Balke: Immer in Bewegung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.5.2023

Ilma Rakusa: Lyrikempfehlung 2024
lyrik-empfehlungen.de

 

Christopher stellt (etwa ab 1:26:30) Yevgeniy Breygers neues Buch Frieden ohne Krieg vor

 

 

 

Yevgeniy Breyger erhält Christine Lavant Preis 2023. Preisverleihung am 8. Oktober 2023 im RadioKulturhaus Wien mit Schauspielerin Gerti Drassl, Saxophonist Edgar Unterkirchner, Cellistin Julia Hofer und Harfenistin Hannah Senfter.

Klemens Renoldner: Laudatio zum Christine-Lavant-Preis 2023 auf Yevgeniy Breyger
Yevgeniy Breyger: Rede zum Christine-Lavant-Preises 2023

 

 

Yevgeniy Breyger und Michael Lentz – Das Gedicht in seinem Jahrzehnt – am 27.5.2022 im Haus für Poesie

Literarische Selbstgespräche … keine Fragen stellte Astrid Nischkauer – Von und mit Yevgeniy Breyger

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit Yevgeniy Breyger

Eugen El: „Ich habe mich frei gefühlt“

Kultur Heute Spezial: Christine-Lavant-Preis 2023

Christine Lavant Preis des Jahres 2023 an Yevgeniy Breyger. Laudatio und Dankesrede

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + FacebookYouTube
Porträtgalerie: Dirk Skiba Autorenporträts + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Yevgeniy Breyger — Hundert Autoren präsentieren ihre Arbeit im Internet.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Körper

Röhre bröckelt; Pore wird gröber. – Orpheus am Reck (Oper): Empörer der Röcke.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Gegengabe

0:00
0:00