1. Januar

Einen der merkwürdigsten Träume überhaupt hatte ich heute nacht; ich sehe mich auf einem behelfsmäßigen Operationstisch liegen, seh zu, wie mir von einem jungen Arzt der Schädel geöffnet wird, nach der Arbeit (war die Arbeit das Operiertwerden oder das beim Operiertwerdenzusehen?) werde ich »zum Warten« in einen Nebenraum geschickt, unterhalte mich mit irgendwelchen Leuten, von denen ich nicht weiß, wer sie sind, aber weiß, daß ich sie recht gut kenne, werde wieder in den Operationssaal gerufen, man setzt mir das inzwischen zurechtgemachte Gehirn wieder ein, ich fühle mich äußerst wohl, mein Denken ist ganz hell, ich besitze jetzt die Geistesgegenwart, die mir zuvor gefehlt hat, im Spiegel bemerke ich nach einiger Zeit die sehr feine, fast unsichtbare Narbe, die sich über meine Stirn, die Schläfen, beidseits unter den Ohren durch und dem Haaransatz entlang um den Hals herum zieht, und erst jetzt, wo ich ein anderer bin, werde ich vom Arzt, der nun mein Assistent ist, verabschiedet mit den Worten: »Wenn auf den kleinen Wolken gelacht wird, lachen auch die Augen der Opfer; fließen aus den Wolken Tränen, so heben die Opfer ihre Taschentücher zum Wollen.« Also möglichst oft sich schneuzen.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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