ERNST JANDL
der wahre vogel
fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steigt höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müßt ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein
nach 1980
aus: Ernst Jandl: poetische werke, hrsg. v. Klaus Siblewski, Luchterhand Literaturverlag, München 1997
Konnotation
Der späte Ernst Jandl (1925–2000) hat es mit der Unerbittlichkeit sehr weit getrieben. Seine Gedichte sind zornige Ausfälle gegen die Unvollkommenheit des Körpers und die Schwäche des Fleisches, Flüche gegen jedwede religiöse oder metaphysische Tröstung. Sein Gedicht über den „wahren vogel“, entstanden Anfang der 1980er Jahre, zeugt nicht unbedingt von Tierliebe.
Als der „wahre Vogel“ wird sarkastisch ein verstümmeltes Tier apostrophiert, dem die Beine abgeschnitten wurden und das damit zum ewigen Fliegen verdammt ist. Das scheint eine sadistische Phantasie zu sein und ist doch nur der Ausdruck einer Sehnsucht, sich vom Boden lösen zu können, das Leiden eines alten Mannes, der selbst nicht mehr richtig gehen kann. Der Dichter selbst gleicht diesem Vogel, der zum dauerhaften Singen und Fliegen verurteilt ist. Fast höhnisch, in böse-parodistischer Weise wird zudem Wilhelm Müllers romantisches Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ aufgerufen.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006








Als ich 1984 als ehemaliger DDR-Bürger zum ersten Mal und gleich zu Anfang meiner intensiven Beschäftigung mit Ernst Jandl dem Gedicht “Ottos Mops” begegnete, war ich sofort fasziniert von der klugen und treffsicheren Ausdrucksweise und gleichzeitig von der Absurdität des beschriebenen Vorganges. Abgesehen von der ausschließlichen Verwendung des Vokals “O” ging es um ein Tier, dem absonderliche Verhaltensweisen zugeschrieben werden. “Ottos Mops trotzt…”, schon allein diese kleine Sentenz begeisterte mich. Ebenso bin ich von dem hier vorgestellten Gedicht fasziniert und abgestoßen zugleich. Das ist eine Fähigkeit der Ambivalenz im Dichten, die ich so bei keinem anderen Dichter oder einer Dichterin wiedergefunden habe, da denke ich gleichzeitig an Gedichte wie “Glückwunsch” oder “Zweierlei Handzeichen”.
Humor gepaart mit Bitterkeit, das ist herausragend.