ÜBER DIE VERLASSENEN
1
Die kleinen Bilder
Verlassener Liebe
Hängen mir im Herz
An kleinen Stahlnägeln
Die Weh machen.
2
Den Traurigen stirbt der Gedanke
Auf der strengen Zunge
Auf halbem Wege
Stirbt selbst die Trauer.
3
Die nicht mehr geliebt sind
Essen ein Brot
Weniger
Trinken ein Glas
Weniger
Küssen einen Kuß
Weniger
Leben ein Leben
Weniger.
4
Wer denkt beim Schneegestöber
Nicht an das Auf und Ab der Welt?
Doch wer denkt dabei an dich?
– Ich.
Wolf Biermann
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Vorbemerkung
Gedichte begleiten uns durchs Leben. Mancher Vers, in der Kindheit gelernt, klingt in uns eines Tages wieder auf: Wir sprechen ihn unseren Kindern vor – das Gedicht lebt. Dennoch ist die Meinung noch weit verbreitet, Gedichte seien eine Angelegenheit von „Kennern“. Woher kommt diese Meinung? Sie hat ihren Ursprung bei den Leuten, die gern die Kunst vom Leben und vom Volk getrennt sehen möchten.
Der Versuch, Liebesgedichte und Volkslieder aus neun Jahrhunderten auszuwählen, soll Ihnen die Bekanntschaft mit dem Wesen der Poesie vermitteln helfen. Wir glauben, daß gerade Liebesgedichte besonders geeignet sind, auch dem Leser, der noch ein wenig ausgebildetes Verhältnis zur Poesie hat, den Zugang zum Verständnis von Gedichten zu öffnen. Denn im Liebesgedicht bilden Innigkeit und Unmittelbarkeit des persönlichen Empfindens eine untrennbare Einheit mit dem Denken der Zeit und der Gesellschaft, in der es entstand. So wird der aufmerksame Leser bei der Lektüre dieser Sammlung spüren, daß es keine „zeitlose“ Dichtung gibt. Die Unmittelbarkeit, die noch heute von den Versen eines Walther von der Vogelweide ausgeht, ist gerade durch die Bestimmtheit zu erklären, mit der diese Gedichte und Lieder im Denken und Fühlen ihrer Zeit wurzeln.
Wenn es dem Herausgeber gelingen sollte, den Leser über neun Jahrhunderte deutscher Liebesdichtung zum Lebensgefühl der Dichter unserer Tage zu führen, so hat diese Sammlung ihre Aufgabe erfüllt. Daß die Liebe auch unserer Zeit noch nicht frei ist von Zweifel und persönlichem Schmerz, wissen wir. Aber in den Versen Fürnbergs und Bechers, Brechts und Maurers, in den Gedichten der jungen und jüngsten Lyriker wird von der Gewißheit gesprochen, daß das Glück der Liebenden bestimmt wird vom Glück einer von Not und Ausbeutung befreiten und befreienden Ordnung. Vielleicht wird dieser oder jener Leser bei der Lektüre dieser jüngsten Gedichte die Vollendung, gemessen an den Leistungen der klassischen Perioden deutscher Literatur, noch vermissen. Unüberhörbar aber wird er die Töne finden, die eine neue Qualität der Liebesdichtung deutscher Sprache ankündigen und teilweise auch schon behaupten.
Wir hoffen, daß diese Sammlung ein klein wenig dazu beitragen wird, die Herausbildung einer Gesellschaft lesender Menschen, einer Literaturgesellschaft, von der Joh. R. Becher schrieb und träumte, zu beschleunigen.
Heinz Czechowski, Leipzig, August 1963
Zur 2. Auflage
Die gute Aufnahme, die diese Anthologie bei den Lesern gefunden hat, ermutigte den Verlag, dem Publikum nunmehr eine zweite Auflage vorzulegen. Der Herausgeber hat versucht, durch eine Überarbeitung die Sammlung zu verbessern. So wurde die Auswahl um einige wichtige Gedichte des klassischen Erbes ergänzt. Schillers große Zeitsatire „Der Venuswagen“ und Hölderlins Elegie „Menons Klagen um Diotima“ seien hier für einige genannt. Das gegenwärtige Schaffen wurde neu überprüft; durch eine Neubearbeitung wurde versucht, die Auswahl dem Stand der Zeit anzunähern. Es versteht sich von selbst, daß eine Anthologie, die Gedichte aus neun Jahrhunderten deutscher Dichtung zu bieten versucht, gerade in der Auswahl zeitgenössischer Proben wahrscheinlich immer Wünsche offen lassen wird.
Heinz Czechowski, Halle (Saale), August 1967
Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:
Jens Bisky: Vom Nichts begleitet
Süddeutsche Zeitung, 7.2.2005
Beatrix Langner: Schreiben im eigenen Schatten
Neue Zürcher Zeitung, 7.2.2005
Hans-Dieter Schütt: Rückwende
Neues Deutschland, 7.2.2005
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Nachrufe auf Heinz Czechowski: Berliner Zeitung ✝ Deutschlandfunk ✝ Der Spiegel ✝ Der Tagesspiegel ✝ Die Welt ✝ Freitag ✝ poetenladen ✝ Süddeutsche Zeitung ✝ titelmagazin










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