Hugo von Hofmannsthals Gedicht „Reiselied“

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HUGO VON HOFMANNSTHAL

Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

1898

 

Konnotation

Der frühvollendete Wiener Poet Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) war seiner neoromantischen „Nervenkunst“ schon sehr müde, als er 1898 als 24jähriger sein „Reiselied“ schrieb. Noch einmal zieht er hier aber alle Register klassischer Ausdrucksmittel – in zwei vollkommen verschiedenen Gedichtteilen. Im ersten Teil sind die Elemente Wasser, Erde und Luft in heftiger Bewegung, bis Vögel offenbar den Reisenden „forttragen“ in eine ganz andere Sphäre.
Das Ziel der „Reise“, wie es in den zwei Dreizeilern bestimmt wird, ist offenbar eine Kunst-Natur, ein seltsam menschenleeres Territorium. „Marmorstirn“ und „Brunnenrand“ sind in ähnlicher Bewegungslosigkeit fixiert wie die „alterlosen Seen“ und das „blumige Gelände“ – es ist ein Reich voll selbstbezüglicher Spiegelungen. Die Hofmannsthal-Forschung hat auf die Bezüge zu Goethes berühmtem „Mignon“-Lied hingewiesen und damit auch dem bei Hofmannsthal unbestimmt bleibenden „Land“ einen Namen gegeben: Italien.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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