Alfred Momberts Gedicht „Piccolo und Piccola“

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ALFRED MOMBERT

Piccolo und Piccola

Dienten beid in einer Schenke,
schleppten Bier und wischten Bänke.
Piccolo und Piccola.

Schliefen beid in einer Kammer,
Kauten beid an einem Jammer,
Piccolo und Piccola.

Hart das Lager, kalt der Winter,
Und zwei schöne Bettelkinder,
Piccolo und Piccola.

Kinderpärchen! Liebespärchen! –
Nur das Ende fehlt dem Märchen
Piccolo und Piccola.

1894

aus: Alfred Mombert: Dichtungen. Band 1. Kösel-Verlag, München 1963

 

Konnotation

Als letzter großer Repräsentant einer kosmisch ausgreifenden Poesie, die eine visionäre, aller irdischen Verhältnisse enthobene Ich-Welt errichten will, kann der jüdische Dichter Alfred Mombert (1872–1942) gelten. Fasziniert von Nietzsches Verherrlichung einer „Artistenmetaphysik“, suchte Mombert nach einem poetischen Modus zur sprachlich-musikalischen Verschmelzung von Religion, Geschichte und Philosophie.
In seinem Frühwerk, dem Band Tag und Nacht (1894), findet man aber neben den visionären Schöpfungsphantasien auch balladesk-verspielte Verse, wie die von den zwei Bettlerkindern Piccolo und Piccola. In einer ironisch grundierten Leichtigkeit, die weniger an dem von ihm verehrten Hölderlin als vielmehr an den Volksliedstrophen Heinrich Heines orientiert ist, konstruiert Mombert die Geschichte des „Kinderpärchens“ und überrascht zudem mit einem komischen, weil sich selbst aushebelnden Schluss.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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