DIE MONDE ARBEITEN AN IHREN MONDPLÄNEN
Ich erkenne den grüblerischen Januar
an seinen zwei Gesichtern. Eines
möchte den Dezember versenken.
Das andere wird dem Februar das Fell
über die Ohren ziehen. Es soll
Ohrfeigen hageln im Februar,
Wenn die Mandelblüte ihr Fleisch zeigt.
Ich beginne den Jänner, Vallejo soll
ihn vollenden, dann werden die Ratten
die Wölfe der wärmeren Tage.
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Verse sind Übersetzungen
in Worte und Klänge übersetzte Erlebnisse, Einfälle und Erinnerungen, die Hans Thill wieder und wieder dreht und wendet, kollagiert und miteinander kollidierend ins Glühen bringt. Dabei entstehen beflügelte Zeilen, schrieb der Perlentaucher.
In seinem neuen Gedichtband Der heisere Anarchimedes spielt Hans Thill so leicht wie genau, so geschichtsbewusst wie surreal mit Worten, Namen und Motiven. Im Hintergrund schwingt die Weltpoesie mit. Seine Gedichte sind poetische Transformation: Personen, darunter Klassiker des Anarchismus wie Bakunin und Kropotkin, entstehen bei ihm gleichsam durch ihre Namen, so wie die Zeilen durch Sprache entstehen. Oft geben sich Hans Thills Gedichte, wie Michael Braun schrieb, heiter-launig, um dann plötzlich die Falltür ins existenziell Bodenlose zu öffnen.
Hans Thill wird nicht heiser
Wie ist der Blick des Dichters Hans Thill zu deuten? So wie ihn Dirk Skiba fotografiert hat, die kräftigen Hände auf der Mauer abgestützt, das Gesicht in Falten geworfen, der Mund schmallippig, die Augen angestrengt hinter der leicht verrutschten Brille. Ein Porträt des Dichters am Ende seiner Gedichte, es stimuliert zur Deutung. Zu Deuten gäbe es den heiseren Anarchimedes, nicht mit Archimedes zu verwechseln, so der Titel von Hans Thills neuesten Gedichten, im Leipziger Poetenladen liebevoll ins Schaufenster drapiert.
Der Ton darin ist angestrengt, bisweilen zornig, oft wehmütig. Die Stimme wird rau, wenn sie so ganz genau aussprechen, herausschreien will, was der Kopf wahrgenommen hat. Die Welt für ihn scheint aus den Fugen zu sein, die Sinne formen darum nur eine Kette von Widersprüchen. Wer den Heidelberger Lyriker und Übersetzer Hans Thill zuvor schon gelesen hat, wird sein poetisches Verfahren wiedererkennen, das Prinzip der Überraschung, der ungehörigen Kombination.
So beginnt ein titelloses Gedicht, das seltene Erden an sich geklammert hat, mit einer klar formulierten Aufforderung:
Das muss man lernen: an einem Fenster vorbeigehen, vom Baum fallen.
Danach überblickt einer vielleicht umso genauer die Elemente, aus denen Hans Thills Gedichte sich ziemlich regelmäßig zusammensetzen: Natur, Tiere, Haus und Dorf, auffällig zudem das Essbare, das Brot und der Honig. Aber dann ein Titel wie: „Lexikon der essbaren Organe“, unter dem die Zeilen beginnen:
Wenn du den Löffel in die Hand
nimmst, ist schon Krieg in den Gärten
und Brunnen werden unter Sand gelegt.
Bedrohung und Unterminierung, das gilt nicht nur für die Welt, wie einer sie wahrnimmt und der Gewohnheit, deren Macht einer unterliegt, sondern sehr wohl auch für die Sprache. Bereits die Motti der einzelnen Abschnitte sind ungewöhnlich. Die deutsch-amerikanische Lyrikerin Rosmarie Waldrop fragt:
Sodass es ohne den Buchstaben, der tötet, keinen Geist gibt, Leben zu spenden?
Und der barocke Kaspar von Stieler fordert:
Man lass’ ein Wörterbuch nur den Verdammten schreiben.
Ob das auch ein bisschen der Schreibhaltung Hans Thills gleicht? Ein alter Anarchismus ist ihm offenbar nicht völlig auszutreiben: „Look like Bakunin“, „Mit Kropotkin“ heißen zwei Poeme. Überhaupt korrespondiert bei ihm die Welt mit ihren Bruchstücken mit den Trouvaillen des Belesenen, folglich erinnert er auch an die „Die Ästhetik des Widerstands“.
Vor den Anarchisten findet man ein „Lob auf Niki“, ja genau der, der seiner Ohren wegen stets ein rotes Käppi trug. Wie war sein Schicksal?
Niki verbrannte, wurde gelöscht, verbrannte.
Wenn es einem dabei nicht zu heiß wird, könnte man darüber fast schmunzeln.
Franz Schneider, Rhein-Neckar-Zeitung, 26.4.2020
Einladung, die Welt mit anderen Augen zu sehen
Was diese Gedichte auszeichnet, das zeigt schon der Titel des jüngsten Lyrikbandes des Heidelberger Autors und Übersetzers Hans Thill an. Der heisere Anarchimedes heißt er und bietet eine anspielungsreiche Wortkombination auf: Unordnung und Widerstand (Anarchie) trifft auf überlegte, bildungsbewusste Planung und Komposition, für die der antike Mathematiker und Mechaniker Archimedes steht. Und nicht heiter, souverän wirkt dieser hier, sondern ist nicht gut bei Stimme, heiser eben, wodurch die Ironie einen gebührenden Platz erhält.
Als Gegenstück zur menschlichen Ordnung erscheint auch bei diesem Lyriker oft die höhere Ordnung der Natur, welche die Erstere durcheinanderbringen mag oder lebendiger erscheinen lässt. Nicht umsonst spricht einer der Texte von „Blüten am Rande des Kieswegs“. Surreale Elemente finden sich, dadaistische auch, und unversehens kippt Heiterkeit in tiefen Ernst. So ist man es gewohnt von dem 1954 geborenen Autor, der auch künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Edenkoben ist und der für seinen Band Kühle Religionen mit dem renommierten Peter-Huchel-Preis geehrt wurde.
Mit Weltpoesie spielt Thill, der Bezug auf Hölderlin oder Rimbaud nimmt, und mit Weltgeschichte: Die Französische und die Russische Revolution werden etwa thematisiert, als Stellvertreter der schon im Titel anklingenden Anarchie ruft der Autor deren führende Köpfe Bakunin und Kropotkin auf. Und Sagengestalten wie Siegfried, Brünhild und Kriemhild gibt er seltsame Empfehlungen wie „Sei ein Sein / Sei ein Brunnen / Sei ein Stein“. Zuweilen tönt es hier fast wie in der Bibel, freilich mit ironischem Akzent, dann wieder wird es ganz konkret, wenn es etwa um den Rennfahrer Niki Lauda oder im Gedicht „Die armen Leute“ um Obdachlose geht, die „schlafen in Plastiktüten“. Und immerzu wird auch klar, dass es ungeachtet des jeweiligen Themas vor allem um Sprache, um Wörter geht.
Das zeigt sich auch dann, wenn elementare Lebensmittel wie Brot und Milch leitmotivisch in den Texten wiederkehren. Beschworen wird ihre Bedeutung so nachdrücklich wie ihr Klang. Vielfalt findet man in den Gedichten: Kühne Metaphern, gedankenreiche Wortkombinationen, anregende Zeilensprünge. Die besten unter ihnen laden zum Denken und Grübeln ein, wirken lange nach. Und immer wieder fordern sie dazu auf, Welt und Dinge mit anderen Augen zu sehen.
Thomas Groß, Mannheimer Morgen, 8.6.2020
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Michael Braun: Hans Thills Poesie: ein furioser Tanz mit Worten
Die Rheinpfalz, 5.7.2020
Michael Braun: Look like Bakunin
signaturen-magazin.de
Jonis Hartmann: Kinder aßen den Sand
fixpoetry.com, 16.4.2020
AUF EINE INSCHRIFT
für Hans Thill
nach uns das Muli und der Holzpflug
nach uns, was wir verhindert und vollbracht:
Mutanten aus Eis, Erbsen und Eisen
vernunftbegabte Kakerlaken, steinernes
Synapsenknirschen
der nach mir kommt, wohnt und liebt und
verdirbt wie die Quitte
der nach mir kommt, frisst die Inschriften auf
erfindet Rad und Dreieck neu
der nach mir kommt, stellt sich eine Falle
und tapst hinein
der nach mir kommt, ein Held, bekränzt
mit Schoten weißer Bohnen
nach uns die Verwischer und Verwaiser
nach uns ein Tribunal auf bunten Stelzen
nach uns, jene, die wir waren, farblos jetzt
und ohne Hall
nach uns die gotischen Nasen und byzantinischen
Wangen: gehämmertes Blech im Kerzenschein
nach uns steht der Tropfen, es wimmert der Stein
nach uns wackeln die Balkane
nach uns eine Sintflut aus Löß
Rhodopenstaub auf den Treppen des Weltgeists
nach uns jener, der nach uns kommt, ein Held
des Verschwindens
nach uns, wir in jäher Vollendung, Tabakseelen
greinend kriechende Styropäer
ich folge mir, du folgst, er
Ernest Wichner
DIE FÜNF. Fragen an Hans Thill
Claudia Gabler: „Das Ölfass friert nicht“. Laudatio auf Hans Thill zum Basler Lyrikpreis 2021
Stefan Hölscher im Gespräch mit Hans Thill am 3.2.2021 bei TEN-4-POETRTY
Uljana Wolf und Hans Thill – Das Gedicht in seinem Jahrzehnt am 19.10.2021 im Haus für Poesie
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + Facebook
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Dirk Skiba Autorenporträts + Galerie Foto Gezett + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口
Hans Thill zum Internationalen Lyrikertreffen Münster 2021 mit seinem Statement „Pathos“.
Hans Thill liest sein Gedicht „Kühle Religionen“.









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