2018-02-14

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Bin an diesem lauen Sommerabend in einer labyrinthischen Stadt unterwegs; viel Volk auf den Strassen und Plätzen, man drängt sich plaudernd und schubsend durch enge Gassen, Passagen, Treppenhäuser; ein paarmal gerate ich in einen Hinterhof ohne Ausgang − einzig nach oben, zum eingedunkelten Himmel hin, wäre der Weg offen; fühle mich, als Einzelgänger, von allen Seiten beobachtet; ein gutaussehender Mann lehnt in der Hocke an einem Mauervorsprung, sieht zu mir auf, ich empfinde den Blick als schwulen Appell; gehe weiter, während immer mehr Leute, im Schlendern, sich um mich scharen; eine junge pausbäckige Frau mit Strickmütze und gehäkeltem Mantel spricht mich an, offeriert mir ihre Hilfe, eine Gesprächstherapie gegen Vereinsamung, dazu religiöse Erbauung; ich mache mich von den aufsässigen Sozialarbeitern los, treffe unerwartet Aerni (oder Nitzberg), der mir eine gemeinsame dreitägige Autoreise vorschlägt, zur Entspannung, wie er sagt; ich lehne ab mit dem Hinweis darauf, dass ich grade eben von einer solchen Reise aus Spanien (oder der Türkei) zurückgekehrt sei; ich suche weiter nach einer Frau, es ist dunkel geworden inzwischen; auf der Freitreppe vor der Zentralbibliothek treffe ich Thea, die ich jahrelang nicht mehr gesehn habe, sie bedauert (und weint ein wenig darüber), dass sie noch jedesmal, wenn wir einander in all den Jahren trafen, ihre Tage hatte; sie führt mich in einen Club in der Innenstadt, geprobt wird ein Bratschenrezital, der Komponist (Zimmermann?) ist anwesend, weist den Solisten (Toszeghi?) mit grimmigen Zwischenrufen aus dem dämmrigen Hintergrund an, unterbricht ihn oft, beschimpft ihn, es sieht nicht danach aus, dass die beiden sich über die Interpretation des Stücks würden einigen können; derweil werde ich auf mein „Ableben“ vorbereitet, ich muss all meine Sachen auf den Tisch legen, die Uhr, die Socken, den linken Schuh, das Béret, das Schreibzeug, meine Notizzettel; der Sterbebegleiter rafft die Zettel zusammen und sieht mich streng, fast strafend an; „aber ich hab da bloss ein paar Wünsche für später aufgeschrieben“, erkläre ich ihm ruhig, um ihn nicht noch mehr gegen mich aufzubringen; zwischen Daumen und Zeigefinger hält er ein kleines Medizinalfläschchen aus braunem, fast undurchsichtigem Glas in der vorgestreckten Hand; „das ist für morgen“, sagt er triumphierend; ich bin perplex, soll also morgen sterben und empfinde nicht einen Anflug von Angst, wünsche mir deshalb (im Traum), die Wirklichkeit möge ein Traum sein.

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Meine dominante Lebens- und Schreibgeste – künstliche Perlen vor ganz wirkliche Säue werfen (und dafür keinerlei Dank erwarten). − Unterwegs im Hemd auf blosser Haut, der Sommer trumpft schon vorm 1. April mächtig auf – mächtig sanft, heiter, transparent, duftend, summend. − Kleine Nachoperation in Bethanien, ohne Narkose, sehr umständlich, endlose Kamerafahrten im Enddarm; erstmals eröffnet sich mir – bei umgekehrter Optik auf dem Monitor in Realzeit zu verfolgen – der Ausblick aus dem Anus in die Welt.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Semiotik

mediokre Methodik; emsige Mimose; Gott und Kitt: Gotik; These im Messkittel; Ostkot in Themse.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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