Bernhard Theilmann: Das Geheimnis der Brücken

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bernhard Theilmann: Das Geheimnis der Brücken

Theilmann-Das Geheimnis der Brücken

ATELIER
für Jochen Lorenz

zu eng stehen hier die wände
die schildkröte selbst verlernt das laufen
und schläft so sommer und winter
kein lederbezogener stuhl zum ausruhen nicht mal
aaaaaein schemel
am boden brennt schwarz der schuhe siegel im
aaaaagesicht der skizzen
– den kleinen schritten im viereck der rahmen –
aus gläsern stechen sich die pinsel
spitze löcher in die schwere luft aus tabakrest und leeren flaschen
auf dem regal streckt starr sich eine wurzel über bücher
und zeigt auf ihre zeichen in den bildern

land
aaaawie eine brücke aus licht und farbe
gewachsen auf wurzelstücken
bedeckt von nie welkenden blättern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaablätter aus diesen wurzeln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaablätter wie ein hauch im winter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawie kristallner stein
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawie tränen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaablätter eines jahres träume
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaus licht und farbe 

ans fenster gelehnt das bild voll unheil
dieses kahlen schädels mit geschlossenen augen
auf grüngrauem grund die graugrüne hand
sucht ihren stock
verloren in der weiten fläche

des malers arm kennt keine krücke
die finger streuen linien um linie aufs papier
sie wischen farbe in das leinen
bis über den rahmen
der wie ein fenster geöffnet ist der
aaaaaaaaaaaaaaaaawahrheit aller sinne
die selbst in den höhlen zu hause ist
wo sich der schritt im eigenen echo verliert
die hölle ist tiefer als die worte reichen
unter der last von satz und punkt zerbrechen die brücken
aus licht und farbe

im tongefäß ein distelbusch vom letzten herbst
getrocknet in der langen wurzellosen zeit
fleurs du mal
the flowers of the world
blumen aus der erde lava
aus dem körper
der sich in ihren farben feiert und stirbt

doch dieses blatt diese gekreuzigte frau
ohne gesicht gleich allen gekreuzigten
gleich der gottheit
ihr leiden hat keine augen noch einen mund

der bleistift schweigt
nur gehenkt die nackte frau ans holz
aaadas wie ein pfahl die ganze weit durchstößt
an diesen splittern hängen bilder
wie brücken aus licht und farbe

 

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Biografische Notizen – Bernhard Theilmann

Erinnerungen an Bernhard Theilmann. Den Freund. Den Dichter. Den Familienvater. An das Räuspern des Geschichtenerzählers, an seinen Humor. An den Feingeist. Alexis Sorbas an der Elbe. Billardspieler, Skatfreund. Blueskenner, Chansonliebhaber. Tazabonnent, Bergsteiger, Koch; Hundefreund, Bocciabahnbauer, Maultrommelspieler. An den Raucher, den Trinker, den Einzelgeher. Den Leser, den Wortwerker, den Handwerker. Den Erkrankten. Den Dichter, den Freund. 

Am 28. März 1949 wird Bernhard Theilmann im Kurort Rathen in der Sächsischen Schweiz geboren. Er kommt im links der Elbe an der Bahnstrecke gelegenen evangelischen Kinder- und Entbindungsheim Felsengrund zur Welt. Seine Mutter Anny hilft im Kurzwarenladen ihrer besten Freundin Elisabeth Göschel aus, in Königstein, eine Bahnstation von Rathen entfernt; der Vater Richard, den ein steifes Bein vor dem Kriegseinsatz bewahrt hat, ist Tischler und Hausmeister im Gutshof. Das Baby zu begrüßen, steht Elisabeth Göschel am Bett. Sie bringt Eberhard mit, der an diesem Montag seinen 6. Geburtstag erlebt. Fortan werden Bernhard Theilmann und Eberhard Göschel ihre Geburtstage meistens gemeinsam feiern.
Bernhard geht bis zur 4. Klasse in die zweiklassige Grundschule in Niederrathen. Die 1. und 2. Klasse sowie die 3. und 4. werden jeweils gemeinsam unterrichtet. Zum täglichen Schulweg gehört das Überqueren der Elbe mit der Fähre.
Es war eine abenteuerliche Kindheit, erinnert sich Göschel. Der Ältere nimmt Bernhard überall mit hin zum Spielen und Entdecken. Im Elbsandsteingebirge führen diese Wege unweigerlich an die Felsen. Die Kinder beginnen zu klettern, das sollten die Eltern besser nicht so genau wissen. Kletterseile bekommen die Jungs gar nicht erst, zu gefährlich; also wird frei geklettert. Nach dem Abschluß der 10. Klasse erlernt Theilmann in der Victoria Heidenau den Beruf des Druckmaschinenbauers.
Pendeln entlang der Elbe. Nach dem Arbeitstag erwirbt er ab 1967 auf der Abendschule in Pirna das Abitur. Sein besonderes Interesse gilt der Literatur, er schreibt Gedichte.
Bei der obligatorischen Musterung für den Dienst in der Nationalen Volksarmee stellt der Arzt bei dem durchtrainierten Wehrpflichtigen seltsame Herztöne fest. Theilmanns Wehrpflicht endet mit der Ausmusterung wegen eines Herzfehlers.
Am 6. April 1968 wird in einem Volksentscheid die neue Verfassung der DDR angenommen. Mit ihr wird die SED-Herrschaft konstitutionalisiert. Dreißig Jahre später, im Oktober 1998, wird Theilmann auf einer Tagung der Sächsischen Akademie der Künste und der Technischen Universität Dresden über „Das Jahr 1968 in Dresden zwischen Hoffnung und Depression“ sprechen:

Für uns war deprimierend, daß sich die Zustimmung auf über 90 Prozent belief. Wir sagten uns, es ist genau das, was die meisten wollen. Das war also die Realität.

Mit der Okkupation der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Pakts am 21. August 1968 endet die Reformbewegung des Prager Frühlings für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Theilmann:

Eines Morgens schaltete man das Radio ein und alles war vorbei.

Der Druckmaschinenbauer arbeitet in der Endmontage der Victoria. In der Betriebskantine bedient eine junge Frau, die ihm gefällt, nicht allein wegen der größeren Portionen, die sie ihm auffüllt. Außer ihm gibt es in dem Betrieb noch einen weiteren Mann mit Vollbart und langen Haaren. Es ist der in Heidenau aufgewachsene, fünf Jahre ältere Siegmar Faust, der als Transportarbeiter angestellt ist und Gedichte schreibt. Die beiden kommen ins Gespräch, freunden sich an. Sie verbindet das gemeinsame Interesse an der Literatur. Als Faust seinen Freund eines Tages mit in die Wohnung nimmt, erkennt Bernhard in dessen Ehefrau das freundliche Mädchen aus der Kantine. Hanna-Rose Faust ist vier Jahre älter als Bernhard und hat mit Siegmar Faust drei Söhne.
Am Karsamstag 1971, einen Tag vor seinem 22. Geburtstag, hilft Bernhard der Familie Faust beim Umzug nach Leipzig. Am Montag steht er wieder bei Hanna-Rose vor der Tür. „Da hatte er sich schon verliebt.“ Die beiden werden ein Paar.
Theilmann beginnt ein Studium der Kulturtheorie und Ästhetik an der Karl-Marx-Universität Leipzig und beendet es im Dezember offiziell mit der Begründung, er müsse sich um seine Familie kümmern. Mit dem Ausstieg aus dem Studium kommt er seiner Exmatrikulation zuvor.
Am 11. Mai 1972 heiraten Hanna-Rose und Bernhard in Leipzig. Er nimmt Fausto, Mario und Marcus als Söhne an. Das gemeinsame Kind Gunar wird am 23. Mai 1972 geboren. Bernhard arbeitet als Werkzeugmacher in einer Fabrik für Blechspielzeug. Die Familie wohnt auf 35 Quadratmeter, das Klo liegt eine Treppe tiefer, sechs Quadratmeter mißt die Küche, in der auch die Wäsche gewaschen wird.
Als die Bildhauerin Kathrin Steisinger nach Berlin umzieht, übergibt sie ihre geräumige Wohnung in Dresden an Bernhard Theilmann. Freunde erledigen den Umzug, der Maler Peter Graf fährt den Lkw. So schnell kann das zuständige Amt nicht reagieren; die Familie vor die Tür auf die Straße zu setzen, ist ebenfalls nicht möglich. Theilmann arbeitet als Maschinenschlosser, Hanna-Rose führt eine Betriebskantine.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit ist Bernhard Theilmann als Lokalreporter unterwegs für das Sächsische Tageblatt, eine Tageszeitung der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands (LDPD). Nach dem unmißverständlichen Angebot eines inoffiziellen Mitarbeiters der Staatssicherheit, die weitere journalistische Karriere durch IM-Tätigkeit zu befördern, betritt er die Redaktion nie wieder.
Die Sommersonnenwende wird alljährlich mit Freunden und Familien in der Sächsischen Schweiz gefeiert. Hanna-Rose, Bernhard und viele Freunde inszenieren diese Nächte mit ihren Ideen und jedem erdenklichen Aufwand.
Zum Anekdotenschatz der Gäste gehört seitdem das Fest der Masken am Rauenstein. Fromme Schwestern aus dem Felsengrund schweben mit wehenden Röcken an einer Seilbahn über die Festwiese, die von Bernhard im Betrieb gebaut worden ist. Das Jahr ist nicht mehr sicher bestimmbar, aber es war im Mai, als Bernhard auf dem Balkon seiner Wohnung steht und beim Rauchen einen alten Mann auf der Straße gewahrt, der einen riesigen Planwagen hinter sich herzieht, schwer in den Seilen hängend. Bernhard eilt die Treppen hinab, holt den Alten ein und erfährt von ihm, daß er Puppenspieler sei, mit Bühne und Personal von Freital kommend auf dem Weg nach Klotzsche zu einer Vorstellung. Den Fußweg quer durch die Stadt muß er nun nicht mehr allein bewältigen, und Bernhard engagiert ihn für die Sonnenwende am Teufelsturm.
An einem Sommerabend des Jahres 1976 tafeln Göschel und Theilmann, der Offsetdrucker Jochen Lorenz und der Maler Peter Herrmann im gediegenen Restaurant des Hansa-Hotels am Friedrich-Wolf-Platz. Göschel schlägt vor, seine Grafiken mit Theilmanns Gedichten zu kombinieren. Herrmann stellt eine reparaturbedürftige Mailänder Andruckpresse, Baujahr 1908, zur Verfügung, die der Druckmaschinenbauer Theilmann einrichtet. Die schwere Presse wird in Einzelteilen über die steile Außentreppe einer stillgelegten Klosettdeckelfabrik an der Gostritzer Straße 92 in Göschels ehemalige Wohnung gewuchtet. Dort druckt Lorenz erste Proben für die Mappe grafiklyrik. Ende des Jahres ziehen die Männer mit ihrer schweren Maschine erneut um, Göschels Atelier im Obergraben 9 ist frei geworden.
Aus einem Brief vom 3. Januar 1977:

Um es ein für allemal zu formulieren: Wir sind Bürger dieses Landes. Darin ist alles Für und Wider eingeschlossen…

Bernhard Theilmann lernt den Hohnsteiner Arzt Volker Böricke kennen, der wegen „staatsfeindlicher Hetze“ eine Haftstrafe abgesessen hat. Die beiden Anarchos verbindet das Klettern und die gemeinsame Gesinnung. Über alle wechselseitigen persönlichen Kümmernisse hinweg besteht diese Freundschaft über vierzig Jahre.
Gemeinsam mit Michael Wüstefeld wird Bernhard Theilmann aus der Dresdner Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren ausgeschlossen. Beide haben offen ihre Sympathie für Wolf Biermann und ihren Protest gegen dessen Ausbürgerung erklärt.
Beim Rat der Stadt Dresden beantragt Theilmann am 14. Juli 1977 die Druckgenehmigung für fünf Gedichte, die mit fünf Grafiken von Göschel veröffentlicht werden sollen. Am 23. August wendet er sich erneut in dieser Sache an das zuständige Büro, dessen Bescheid vom 2. August 1977 er als „graues Verbot“ interpretiert:

Das ist kein Dialog, der aber, so hoffe ich, durch diesen Brief in seiner notwendigen Dauer und sachgemäßer Form beginnen könnte.

Unterzeichnet ist der Brief mit „Bernhard Theilmann/schlosser und verseschreiber“. Schließlich wird die Druckgenehmigung doch noch erteilt.
Während der Arbeit an der Auflage wissen Göschel, Theilmann und Lorenz, daß sie nun einfach weitermachen werden. Gemeinsam mit Peter Herrmann und Ralf Winkler gründen sie die Obergrabenpresse. Sie ist Druckwerkstatt, Galerie und Verlag. Etwas, das es unter den Verhältnissen der DDR gar nicht geben soll. Die Obergrabenpresse unternimmt mit der Herausgabe von Grafik-Lyrik-Editionen mit höchstem künstlerischen Anspruch nichts direkt Verbotenes, sondern etwas in den Hirnen der damaligen Macht Undenkbares. Theilmann:

Regen von unten.

Das Credo der Gruppe ist nicht, eine Opposition zu formieren, sondern für sich selbst und ausgewählte Künstler Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, ohne Reglementierung.
Die Edition grafiklyrik 1 erscheint in einer Auflage von 50 Exemplaren mit Gedichten von Theilmann und Aquatintaradierungen von Göschel. Buchdruckmeister Lutz Wolfram setzt Theilmanns Gedichte von Hand in Blei. Die Mappe wird auch in den Marginalien, der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophile, angezeigt und ist umgehend vergriffen.
1979 erhält Theilmann eine Anstellung beim VEB Exzellent, einer Exportfabrik für Feinkost, oder wie es hieß, „bei der Suppenbude“. Dort arbeitet er als Sicherheitsinspektor und Energetiker, greift auch zum Schraubenschlüssel, wenn es eine Maschine zu reparieren gilt.
Die Staatssicherheit braucht Erfolge. Dazu zählt die „ständige Behinderung der künstlerischen Entwicklung des Bernhard Theilmann als Schriftsteller“, wie es im Abschlußbericht des auf Zersetzung des Biermann-Freundeskreises gerichteten Operativen Vorgangs „Kreis“ heißt.
1981 bereitet Göschel eine Ausstellung im Leonhardi-Museum vor, eine der wichtigsten Galerien für Künstler in Dresden. Er bittet Bernhard, zur Eröffnung Gedichte zu lesen. Die vom Rat der Stadt eingesetzte Galerieleiterin versucht, die Vernissage zu hintertreiben. Dagegen steht eine klare Ansage des Künstlers: Entweder Bernhard Theilmann liest oder es gibt keine Ausstellung. „Theilmann liest am 27.6.1981 ab 20.00 im Leonhardi“ steht auf dem fotografischen Plakat, weiße Kreidehandschrift auf Mauerputz und ein Foto im Foto, das die Bahnunterführung Eschenstraße zeigt und als Schemen einer Doppelbelichtung den Lyriker. Theilmann liest vor vollem Saal. Seine Erinnerungen daran schreibt er 25 Jahre später für den Band Manet würde sich wundern über die Geschichte der AG Leonhardi-Museum auf.
Die Obergrabenpresse gibt in einer Auflage von dreißig Exemplaren die Mappe gedichte heraus. Sie enthält je sechs Texte von Bernhard Theilmann, Michael Wüstefeld und Sascha Anderson. Die Gedichte werden als Radierungen ausgeführt und gedruckt. Auf diese Weise kann das Druckgenehmigungsverfahren umgangen werden, und es erschließen sich neue Gestaltungsmöglichkeiten. Worte, Verse erscheinen als Bild. So auch in der Mappe das normale versteh wäre krieg mit zehn Gedichten von Bernhard Theilmann in einer Auflage von zehn Exemplaren.
Ein Exemplar der gedichte hatten die Autoren dem inzwischen in der Bundesrepublik lebenden einstigen Freund Siegmar Faust zukommen lassen. Dieser veröffentlicht am 1. März 1982 in der Zeitung Die Welt einen Beitrag unter der Überschrift „Der erste Samisdat aus der DDR – eine Untergrund-Edition aus Dresden“. Er denunziert die Dresdner als „Menschen, die Verfassungsgrundsätze in Frage stellen“ und gibt sich tief besorgt:

Es ist schwer zu sagen, was aus jenen noch nicht vereinnahmten Samisdat-Autoren einmal werden wird.

Das ist für die Stasi eine Aufforderung zum Handeln. Sie eröffnet den Operativen Vorgang „Schreckenstein“, benannt nach einem Gedicht von Michael Wüstefeld aus der gedichte-Mappe. Göschel, Wüstefeld, Lorenz und Theilmann werden am 14. Mai 1984 ab 9 Uhr im Volkspolizeikreisamt in unterschiedlichen Räumen einzeln verhört. Die „Zuführung“ erfolgt „von den Wohnorten bzw. Arbeitsstellen aus“. Während der Verhöre wird die Einsicht in die Druckerei durch ein „Großraumfahrzeug“ verhindert (Ablaufplan der operativen Maßnahme „Schreckenstein“ vom 9. Mai 1984, Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, Abteilung XX) und das Objekt mit Abhöranlagen verwanzt.
Theilmanns Resümee:

Der Hinweis, bei den nächsten ,gedichten‘ wär die Geduld zu Ende, galt mir als glaubhaft.

Im selben Jahr erscheint die Edition Ritze, mit der dem Druckverbot, wie Theilmann es formuliert, die schönste Nase gedreht wird. Zu Radierungen von Dieter Goltzsche, Michael Morgner, Strawalde, Max Uhlig, Claus Weidensdorfer und Ralf Winkler schreiben Adolf Endler, Elke Erb, Eberhard Häfner, Uwe Hübner, Bert Papenfuß und Rüdiger Rosenthal jeweils eines ihrer Gedichte vierzigmal mit der Hand.
Bernhard Theilmann ist nicht als Lyriker an dieser Mappe beteiligt, auch nicht an den 1986 und 1988 produzierten Anthologien Treibsand. Er ist der ohne große Worte und ohne Salär anerkannte Geschäftsführer der Obergrabenpresse, bis zu deren Beendigung im Jahr 2003.
Der Staatssicherheitsapparat verlegt sein Bestreben darauf, die Freundschaft zwischen Göschel und Theilmann zu zersetzen. Die beiden werden später darüber in ihren Akten lesen und sich einmal mehr an seltsame Begegnungen in den achtziger Jahren erinnern, die von langer Hand herbeigeführt worden waren, um den gegenseitigen Verdacht der Freunde anzukochen, der andere kooperiere mit der Staatssicherheit. Bernhard Theilmann:

Von Anfang an betrieben wir vollständige Dekonspiration, da hatten staatliche Stellen jeder Art keine Chance, solche Gelüste zu befriedigen.

Vom Angesicht vertraut sind Theilmanns inzwischen die hauptamtlich unauffälligen Herren vor der Haustür am Friedrich-Wolf-Platz. An einem Tag im Juni 1984 beobachten Theilmanns, Göschel und einige Freunde vom Balkon herab die Ankunft des nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung auf dem Bahnhof Dresden-Neustadt. Der „Große Führer“ befindet sich auf einer Freundschaftsreise durch die sozialistischen Länder, die er von Pjöngyang aus mit der Eisenbahn unternimmt. Als der Autokonvoi am Haus vorüberzieht, stößt einer der Balkongäste unnötigerweise an eine Kerze, die daraufhin den Türvorstehern vor die Füße fällt.
1988 stellt Göschel in der Neuen Dresdner Galerie aus. Er setzt durch, daß im Katalog ein Text von J.R.B. Theilmann veröffentlicht wird: „bilder des E.G.“ An dem Band Querkette, Dresden der von Asteris Kutulas im Untergrund herausgegebenen Edition Bizarre Städte ist Theilmann mit dem Gedicht „gruß vom Wolfplatz 2“ (für Peter Graf) beteiligt. Im Sommer 1989 erscheint in der Obergrabenpresse die Mappe Rost und Rouge mit Aquatintaradierungen von Göschel und Gedichten von Theilmann.
Vor den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 engagiert sich Bernhard Theilmann im Bündnis Vereinigte Linke für eine souveräne DDR, die Umwandlung des Staatseigentums in gesellschaftliches Eigentum, Basisdemokratie und Abrüstung. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schreibt in einem Stimmungsbild der DDR vor der Wahl:

Und Bernhard Theilmann, Dresdner Mann der ,Vereinigten Linken‘, warnt vor der ,freien, geheimen und gleichen Annexion‘.

In der Sächsischen Zeitung ruft Theilmann gemeinsam mit Gregor Kunz, Manfred Streubel und Michael Wüstefeld Autoren, „die sich ihrer Texte und Taten nicht zu schämen brauchen“, zur Gründung einer Unabhängigen Schriftstellerassoziation (ASSO) auf. Kurz nach dem ersten Zusammentreffen verläßt er die Vereinigung wegen konzeptioneller Differenzen.
Im März 1990 erscheint das erste Heft des Stadtmagazins SAX. Silvesternachtgespräche mit Besuch aus Hannover im Haus von Bernd Lorenz, dem Bruder des Druckers Jochen Lorenz, haben dieses Projekt angeregt. Es ging um das jüngst verschiedene Hannoveraner Stadtmagazin Flex und die schier grenzenlosen Chancen, ein solches Magazin gerade jetzt in Dresden auf den Weg zu bringen. Theilmann reagierte distanziert auf diese Träume, der Familienvater sah seine berufliche Zukunft noch in der Fabrik, die ihn als Energetiker brauche. Doch schon im Februar lud er zum Arbeitstreffen in seine Wohnung ein; die Stadt habe eine von der Vergangenheit unbelastete, engagierte Zeitschrift nötig.
Theilmann wurde als einer der beiden verantwortlichen Redakteure eingestellt. Seine ersten Themen sind der ihm wie seine Wohnung vertraute Bahnhof Dresden-Neustadt, der Verfall des Stadtteils Äußere Neustadt, die gewandelten Verhältnisse im Volkspolizeikreisamt, eine Initiative von Eltern behinderter Kinder gegen Ausgrenzung. Über den befreundeten Bergsteiger Bernd Arnold verfaßt er ein Porträt. Bernhards Idee und Leibgericht im Stadtmagazin ist die investigative Rubrik „Vorher – Nachher – Jetzt“.
Bernhard Theilmann vertritt konsequent einen engagierten Journalismus, der sich einmischt in die Belange der Stadt und dabei Haltung bewahrt. Bis 1993 wird er als Redakteur streitbar und geradlinig die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in seiner Heimatstadt hinterfragen und das Profil jeder Ausgabe des Monatsmagazins schärfen, auch mit Ausstellungsbesprechungen, Buchrezensionen, Restaurantkritiken, mit Interviews, Porträts und, immer wieder gern, bissigen Glossen. Theilmann wird namhafte Autoren für die Mitarbeit gewinnen, junge Leute entdecken und ermutigen, Anzeigenkunden begeistern, Redaktionsbesprechungen bis in die Nachtstunden führen, wenn es denn das nächste Heft nötig hat.
Der Autor unterzeichnet literarische Texte mit j.r.b.t. – Jacob Richard Bernhard Theilmann. Jacob war sein Großvater, Richard sein Vater. Zudem verwendet er auch das Pseudonym Ludwig Leopold, die Vornamen der ältesten Enkel, für Glossen Hans Sense. Investigative Recherchen autorisiert er unverhüllt mit seinem Namen.
Am 4. Oktober 1990 liest der Dresdner Lyriker im Deutschlandsender Kultur seine Gedichte zu Musik des Jazzgitarristen Joe Sachse. Unter den ausgewählten Gedichten: „Ich bin Miguel begegnet“, für Miguel Hernandez Gilabert, der am 28. März 1942, vom Franco-Regime zu dreißig Jahren Haft verurteilt, im Gefängnis verstorben ist.
In seiner Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 20. Oktober 1991 sagt Wolf Biermann:

Das weiß ja jeder: In finsteren Zeiten sieht es so aus, als hätten die Mächtigen für ewig die Sonne ausgeknipst. Solche menschengemachte Nacht dauert oft länger, als mancher von uns dauert. Aber helle Sterne gibt es trotz alledem, auch wenn ich sie durch die Wolken aus Regen und aus Rauch nicht seh. Es waren immer einzelne gute und mutige Menschen, die stehn für die Menschheit. Sie sind Stern am Himmel und ein Schluck Wahrheit in den Wüsten der Lüge.

Er nennt über dreißig Namen, ganz zu Anfang auch den von Bernhard Theilmann.
Die Wohnung am Friedrich-Wolf-Platz, der nach der Wende wieder Schlesischer Platz heißt, ist für Familie Theilmann nicht mehr bezahlbar. Neues Zuhause wird eine Drei-Raum-Wohnung unter dem Dachgeschoß eines Gründerzeithauses im Norden der Äußeren Neustadt. Ein stets gastlicher Ort für die zahlreichen Freunde.
Von 1993 an schreibt Theilmann auch für die wöchentliche Szene-Seite der Sächsischen Zeitung. Sein erster Beitrag ist ein Porträt des Schriftstellers Jens Wonneberger. Als freier Kunstkritiker und Literaturrezensent erwirbt er sich bald einen geachteten Namen im Feuilleton des Blattes. Für junge Dresdner Künstler war der Kritiker Theilmann eine Institution, der sie mit respektvoller Erwartung begegneten. Sein kompromißlos hoher Anspruch an die Texte und sein kritischer Geist hätten der Zeitung gutgetan, erinnert sich die Kunstredakteurin Birgit Grimm. Bernhard habe mit sich und seinen Texten gerungen, das geht nicht konfliktfrei ab im Tageszeitungsgeschäft.
Im Jahr 1994 verfaßt Theilmann einen biografischen Essay für den Katalog zu der Ausstellung „E. Göschel Gemälde – Gouachen – Terrakotten“ in der Gemäldegalerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Im selben Jahr schreibt er für die Bildhauerin Thea Richter das Gedicht „Thea Richter trifft Marat“, das zur Eröffnung ihrer Ausstellung in Bonn anläßlich der Vergabe des Gabriele-Münter-Preises vorgetragen wird.
Theilmann und der Drucker Jochen Lorenz reisen im Sommer 1995 auf Einladung der Künstlerkolonie ArtsAcre nach Calcutta zur Eröffnung der Ausstellung „Shuttle“. Sie ist ein Projekt der Obergrabenpresse und der indischen Künstler. Aus dem Lytton Hotel Calcutta sendet Theilmann seinem Freund, dem Grafiker Lutz Fleischer, einen Reisebericht. Auf 14 Seiten schildert er einen zehnstündigen „Wandertag“ allein durch die 14-Millionen-Stadt. Darin erzählt er auch von Salidela, einem siebenjährigen Mädchen, einer der unzähligen Bettlerinnen:

… Wir freundeten uns gleich bei der ersten Begegnung an. Seitdem findet sie mich zu jeder Tageszeit, sobald ich nur in die Nähe der Park Street komme. Das Mädchen ist ein Phänomen. Wo hat sie genug Englisch gelernt, um sich verständigen zu können? Wenn erwachsene Männer und Frauen ihrer Meinung nach zu aufdringlich werden, stellt sie sich vor mich, sagt „finist“, und alles hört auf ihr Kommando. Was aber auch bedeutet, daß sie ihre Wünsche als rechtmäßig und außerhalb jeder Diskussion betrachtet. „You are my friend.“ Mal sind es zehn Rupies, dann ein Limonenwasser. Will sie mir etwas zeigen, wird meine Neugier vorausgesetzt, womit sie ja Recht hat. Manches hätte ich ohne Salidela nicht gesehen, wie wir durch die Hinterhöfe der Hinterhöfe liefen, um irgendwelche Leute zu besuchen, von denen ich nie erfuhr, wer sie sind. […] Manchmal brachte Salidela andere Kinder zu den unabgesprochenen Treffen, die ihren Kleidungsfetzen nach ,Müllkinder‘ sind. Das einzige, was sie genau wissen, ist, daß sie Hunger haben und wo ihre Müllberge faulen. […] Sie nahmen mich zu viert an den schweißpappigen Händen, um durch Straßen zu spazieren, in die sie sich sonst nicht wagen. Als ich Salidela ein Kleid kaufen wollte, das sie dann mit dem gleichen nervenden Charme aussuchte wie erwachsene Frauen, haben sich fünf der Freilufthändler geweigert, uns zu bedienen. […] Nach allen […] Ratschlägen, an denen ich keinen Mangel litt, möge sich der Reisende nicht gegen Tradition und Sitte des Gastlandes verhalten. […] Ich habe mich auch darum bemüht, doch wird dieses Verhalten aberwitzig, wenn es eine Distanzierung zu Menschen einschließt, von denen man sich nicht distanzieren will, die auch selbst glücklich sind, ihre Stigmatisierung zu Minderwertigen wenigstens für eine Stunde zu überwinden.

Wieder in Dresden, wird Bernhard Theilmann plötzlich von schweren Krankheitssymptomen befallen. Eine konkrete Ursache wird nicht diagnostiziert.
1996 lädt ein Dresdner Reisebüro Journalisten ein, nach Peru zu fliegen und über die Reise zu berichten. Theilmann schreibt und fotografiert eine Reportage über die Salzterrassen von Maras bei Cuzco und die Menschen, die dort wie zu Zeiten der Inkas das Salz gewinnen. Sie wird in der SAX veröffentlicht. Seitdem ist eine Fotoausstellung im Hausflur vor seiner Wohnung zu sehen. Anläßlich des zwanzigsten Arbeitsjahres der Obergrabenpresse zeigt das Kupferstichkabinett Dresden die Ausstellung „Unter Druck“. Im Katalogtext „Unter Druck und über Wasser“ schildert Bernhard Theilmann die Geschichte der Grafikwerkstatt.
Bald darauf brechen erneut Symptome seiner Erkrankung hervor. Die Ärzte stellen Borreliose fest. Im Sommer 2001 erhält der Lyriker ein zweimonatiges Stipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf. Er präsentiert dort die im Vorjahr bei der burgart-presse Rudolstadt verlegte Mappe Piratensegel mit neun Gedichten von ihm und zehn Aquatintaradierungen von Göschel. Die Blätter hängen an einer Wäscheleine, der Dichter ist ganz in Weiß gekleidet, er spielt auf der Maultrommel und liest seine Texte. 

Aus einem Brief vom 23. August 2004:

zerbrochen ist meine maultrommel
die stählerne
geschmiedet
in der form des herzens
die mit mir sang
weil sie mich im atmen verstand

Brief vom 30. Dezember 2006:

Auf ein gutes Jahr 2007, auch wenn der Wunsch – weltrum gesehen – was von Wahnwitz hat.

Am 5. November 2012 stirbt Jochen Lorenz. In seiner Trauerrede für den langjährigen Freund erinnert Theilmann an die gemeinsamen Wege im Sandstein und in der Obergrabenpresse. Er rezitiert ein Gedicht von Juan Ramón Jiménez.
Aus einem Brief vom 17. Mai 2015:

Mit Gedichten ist es ein komisch Ding: eigentlich braucht sie nur die Person, die sie geschrieben hat.

Hanna-Roses 70. Geburtstag wird im Alten Pumpenhaus an der Marienbrücke gefeiert. Die Kinder und Enkel musizieren auf ihren Instrumenten, Bernhard spielt auf der Maultrommel und singt den Titelsong aus dem kanadisch-britischen Film Die Falle (The Trap) von 1966, den er um zwei weitere Strophen ergänzt hat. Dieses Lied hat das Paar über die Jahrzehnte begleitet.

Es freit ein Mann ein Weib, ein Weib, er baut ihr im Wald ein Haus, ein Haus. Er schenkt ihr ein Geschmeide fein, von Perlen, Rubinen und Gold…

Im Maiheft 2017 des Stadtmagazins SAX erscheint ein Essay, für den Theilmann todkrank seine letzte Kraft aufwendet und bei der Recherche durch Hanna-Rose und Gunar unterstützt wird. Unter der Überschrift „Eine Ausstellung in Ruin oder Neustart“ widmet er sich der historisch kritiklosen Präsentation von Werken des in der NS-Zeit begünstigten Malers Willy Kriegel in der Städtischen Kunstsammlung Freital. Der letzte veröffentlichte Text des Journalisten.
Aus einem Brief vom 8. Mai 2017:

… ja der Penck ist tot, und wir hätten noch soviel gemeinsam auszulachen gehabt!

Sein letztes Gedicht – „silvester“ – versendete er am Silvesterabend 2016 per Mail an Freunde.
Am 13. August 2017 fällt Bernhard Theilmann ins Koma. Er stirbt im Kreis seiner Familie am 22. August. Seine letzte Ruhestätte findet er im Familiengrab auf dem Johannisfriedhof.

Dichterhimmel. In den wandhohen Bücherregalen seines Arbeitszimmers reihen sich neben den Büchern der Schriftsteller, die bei jedem Literaturfreund zu finden sind, der sich seine Bibliothek in den Buchhandlungen der DDR gekauft hat, vor allem Werke von lateinamerikanischen und spanischen Schriftstellern. Bernhard verehrte Carlos Drummond de Andrade, Miguel Hernandez Gilabert, Juan Ramón Jiménez, Federico García Lorca. Er wurde in einem Neustädter Copyshop mit Harry Rowohlt verwechselt, dem er darüber einen vergnügten Brief schrieb. Mit dem von Rowohlt übersetzten Roman Die Asche meiner Mutter des Iren Frank McCourt versorgte der begeisterte Leser seinen engeren Freundeskreis. In Schreibtischnähe zur Hand standen die Bücher von Adolf Endler, Franz Fühmann, Wolfgang Hilbig, Sarah Kirsch, von Elias Canetti, William Faulkner, Hans Henny Jahnn.
Das Fahrrad ruht, die Maultrommeln schweigen. In seiner Plattensammlung erklingt die Welt. Folk, Jazz, klassische indische Musik in den Konzerten seines Sohnes Maria Faust und dessen Familie. Als die Trauergäste Abschied nehmen von Bernhard Theilmann, sehen sie ihm auf einem Porträtfoto seines langjährigen und ebenfalls viel zu früh verstorbenen Freundes Christian Borchert in die Augen. In der Abendsonne dieses Trauertages, auf einer Terrasse an der Elbe, wehen Gedichte auf Blättern im Wind. Bernhards Freunde sprechen bei einem Glas Wein über die Idee, sein lyrisches Werk in einem Auswahlband zu veröffentlichen. 

Detlef Krell, Beilage zu Bernhard Theilmann: Das Geheimnis der Brücken. Verlag SchumacherGebler, 2019

 

Bernhard Theilmann (1949–2017),

Dresdner Dichter, Journalist, Kunstkritiker und Kulturaktivist, schrieb seit seiner Jugendzeit bis zu seinem Tode Gedichte, phantasievoll, grotesk, zart, sezierend, romantisch, eindeutig, geradlinig, verblüffend.
Aus bisher 588 gefundenen Texten Bernhard Theilmanns haben die Herausgeber Hanna-Rose Theilmann, Lothar Sprenger, Bernd Lorenz, Sonja Zimmermann und Eberhard Göschel rund 90 Gedichte ausgewählt, die anlässlich des 70. Geburtstags des Autors unter dem Titel Das Geheimnis der Brücken in Buchform erscheinen. Die meisten dieser Gedichte sind Erstveröffentlichungen.

Verlag SchumacherGebler, Ankündigung

 

Die nachgelesenen Gedichte des unangepassten Bernhard Theilman

Diesen Gedichtband gibt es im Grunde in drei Teilen: den Gedichtband selbst mit 90 Gedichten. Dazu Biografische Notizen zu Bernhard Theilmann. Und ein Lesezeichen, welches das Bedauern des Verlages ausdrückt, dass leider ein kleines Malheur passiert ist: Acht der ausgewählten Gedichte sind nicht von Theilmann, sondern von Lutz Rathenow.
Irgendwie sind sie in die fast 600 nachgelassenen Gedichte des Dresdner Dichters, Journalisten, Druckmaschinenbauers und Werkzeugmachers geraten, der 2017 im Alter von 68 Jahren starb. Was aber natürlich auch eine Menge über Wahlverwandtschaften erzählt. Beide gehören zu den Unangepassten, Querköpfigen, die sich nicht klein und nicht mundtot machen lassen wollten.
Und während der eine seine Texte lieber in den Westen gab zur Veröffentlichung, nutzte der andere die kleine Lücke in den Zensurbestimmungen der DDR und vervielfältigte seine Gedichte und die seine Freunde auf der selbst reparierten Druckerpresse in kleinen Auflagen. Da sie gleichzeitig grafisch hochwertig gestaltet waren, fanden sie trotzdem ihre Käufer und Freunde und Kenner.
Eigentlich hätte man sich auch noch ein Leipzig-Gedicht gewünscht, denn zum Studium von Kulturtheorie und Ästhetik zog Bernhard Theilmann 1971 nach Leipzig, das er aber schon nach wenigen Wochen wieder beendete und damit wahrscheinlich seiner Exmatrikulation zuvorkam.
Denn seinen kritischen Geist hat er nicht aufgegeben. Spätestens seit Prag 1968 brodelte es in ihm. Da war das Anecken in den obligatorischen Schulungen und Versammlungen nicht zu vermeiden. Dann doch lieber als Werkzeugmacher arbeiten und die kleine, frisch gewonnene Familie so ernähren.
Es war ja tatsächlich so: Die „führende Klasse“ in den Betrieben ließ die selbstgerecht herrschende Partei lieber in Frieden, weil sonst keiner mehr gearbeitet hätte im Land. Aber wer in die sozialistische Intelligenzija wollte, der musste Unterwürfigkeit beweisen – im üblichen Sprech: Parteilichkeit.
Nichts für diesen Theilmann, der seine Gedichte dann eben nebenher schrieb, teilte und veröffentlichte und dabei Freunde und Mitwirkende genug fand. Bis 1976 auch in der Dresdner Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren. Aber sein Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns kam gar nicht gut an. Also wurde er – zusammen mit Michael Wüstefeld – aus der AG geschmissen.
Im „Biermann-Jahr“ schrieb er das Gedicht „von einem schreibenden arbeiter“, mit dem er den ganzen Firlefanz vom Bitterfelder Weg geradezu von der Werkbank wischte. Denn mit seinen Kollegen im Betrieb hatte er zwar echte Kumpel, aber keine Leser:

hab kumpels
die lesen meine verse
selbst auf dem rand der ‚Fußballwoche‘
nicht.

So viel zu „Greif zur Feder, Kumpel!“
Die sogenannte Arbeiterklasse las keine Gedichte. Nur manchmal schrieb einer welche, weil er sich mit seiner Hände Arbeit den Lebensunterhalt erwerben musste und ihm als Querkopf der Weg in akademische Höhen verbaut war.
Da war es zwar nicht das fehlende Geld der Eltern, das den Aufstieg verhinderte. Aber die Ideologie der Herrschenden, die sich gern mit der herrschenden Klasse verwechselten.
Das Ergebnis natürlich: ein Leben und Dichten, zwar nicht im Verborgenen – denn die Staatssicherheit hatte ihn dann über Jahre fest im Visier –, aber doch abseits des offiziellen Literaturbetriebs. Und deshalb wurde er auch nie so bekannt wie andere Vertreter der Dichtkunst aus Sachsen – Richard Pietraß etwa. Von Theilman jedenfalls erschien auch kein offizieller Gedichtband in einem DDR-Verlag.
Nur in der Obergrabenpresse, deren Kopf er im Grunde immer war, erschienen die Gedichte zusammen mit Radierungen in kleiner Auflage. Gedichte, die natürlich auch mit dem Brückenmotiv spielen. Nicht zufällig. Wer in Dresden lebt – und ab 1974 lebte er wieder in Dresden – kommt um das Bild der Brücken nicht herum.
Nur dass Theilmann die Widersprüchlichkeit des Brückenmotivs immer gegenwärtig war. 2004 griff er es wieder auf:

sollten uns brücken verbinden
brauchte es einen fluß der uns trennt
könnten uns gedanken verbinden
brauchte es unverständnis
würde uns liebe verbinden
brauchte es eine zeit ohne liebe
nichts ist da
ohne widerpart

Es wird ein richtiges Liebesgedicht, kein regelgerechtes. Denn die Regeln der klassischen Liebesgedichte sind Regeln für Kitsch und Klimbim. Man merkt Theilmanns Gedichten an, wie sehr er den üblichen Bildern und Metaphern misstraut, wie er den Kanon des Schöngesagten unbedingt durchbrechen will, ausbrechen. Ins Freie.
Was eben nicht nur den erstarrten Kanon eines in Grau verpackten Landes betrifft, sondern auch das Reden übers Leben und Dasein, das bei ihm eigentlich immer ein Balancieren auf unsicheren Trittsteinen übers Wasser ist. Er will nicht ans feste, scheinbar rettende Ufer mit seinen Texten und dann siegreich seine Fahne aufpflanzen wie so mancher schreibende Kollege in der Zeit.
Er will die Schablonen vermeiden und Worte finden für das, was vielleicht sagbar ist, wenn man den Oberflächlichkeiten misstraut. Auch dafür steht der Fluss, an dem er aufgewachsen ist:

der fluß verliert sich in kanallabyrinthen
strudel ebben ins ufer
die strömung schiebt träg tropfen vor tropfen
rettungsringe treiben nach selbstmördern
täglich über dem offenen wassergrab
unter den brücken mit wolkenhohen geländern

 

(„ins schilf gefroren“, 1976).

Es wird immer wieder sehr existenziell in seinen Texten. Hier spürt einer sich selbst und seinem dissonanten Verhältnis zur Welt nach. Dissonanzen, die viele Menschen gar nicht bemerken, weil sie nicht einmal spüren, wie uneins sie mit sich und der Welt sind, wie unsicher.
Doch außerhalb der Ideologien lauert Unsicherheit, sieht man die Fährnisse des Lebens deutlicher. Aber damit auch das Lebendige selbst.
Das, was seinerzeit auch in Zeitungen nicht zu lesen sein sollte. Motto:

Unsere Menschen sind nicht so.

Doch. Waren sie immer. Nach der Friedlichen Revolution gründete er das Stadtmagazin SAX mit und schrieb Texte über Kollegen, Literatur, Kunst und Kultur.
Eigentlich über Menschen, die er kannte und die er präsent werden ließ in der Zeitung. Jetzt durfte er. Und die Zeitungskolleginnen staunten: Da kennt einer sich aus in Dresden.
„zerbrochen ist meine maultrommel / die stählerne / geschmiedet / in der form des herzens / die mit mir sang / weil sie mich im atmen verstand“, schrieb er 2004. Doch er hörte nicht auf, Gedichte zu schreiben. Er war noch längst nicht fertig, mit den Stoff der Welt zu ringen und ihn fassbar zu machen. Wissend, dass er sie nicht enträtseln würde.
Genauso wenig wie das Geheimnis der Geliebten: „ich werde dein Geheimnis nie enträtseln“, heißt es im Gedicht „geliebte“ 2013. In dem er eine Wahrheit sagt, die sich auch die meisten Liebenden nie zu sagen trauen: Dass sie die wirklichen Geheimnisse in ihrem Leben nie zu knacken vermögen. Dass auch der geliebte Mensch fremd bleibt, rätselhaft, nicht fassbar.
Liebe liebt auch und gerade das Nicht-Fassbare. Das Geheimnis, das nicht nur das der Brücken ist. Sondern auch das der Städte, der (gebirgigen) Landschaften, des Flusses, der Augen, der Menschen, die einen auch noch nach Jahren der Nähe faszinieren, beunruhigen, verunsichern.
Wer uns nicht verunsichert, ist uns nicht nah. Den sehen wir gar nicht. Der verschwindet für gewöhnlich in lyrischen Bildern.
Es ist das Rätsel, das uns mit der Welt und mit den Menschen verbindet. Aber wem sagt man das in einer Zeit, da alle glauben, alles zu wissen und alle Geheimnisse enthüllt zu haben?
Nur die Rathenow-Gedichte muss man jetzt herausfischen. Es werden die leicht ironischen sein. Denn im Unterschied zu Rathenow ist Theilmann ein sehr ernsthafter Beobachter. Einer, der mit dem Fluss aufgewachsen ist und weiß, dass nur bleibt, was sich verändert.

alle tage hält mich liebfrau
auf der parabel des lebens
daß wir nicht aus der kurve schleudern

 

(2013).

Die Frau, die er erwähnt, war dann mit dabei, die Sammlung zusammenzustellen. Und hat auch nicht gemerkt, dass acht Rathenow-Texte mit dabei waren. Aber auch das ist Leben: unverhoffte Vermischung und Einvernahme. Ein ähnlicher Klang.
Aber gerade deshalb sei auch Bernhard Theilmann noch zu entdecken, betont Rathenow selbst. Und der Verlag verspricht, dass in der nächsten Auflage alles korrigiert wird und nur Theilmann-Gedichte im Bändchen sind.

Ralf Julke, Leipziger Zeitung, 5.8.2022

 

 

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