RELATIVITÄTSTHEORIE
Als würd’ es täglich mehr, das Leben, bodenlos, als ob
bei jedem Schritt die Kruste schwände: Altern in der
wild erhitzten Welt. Wann bricht das durch? Tritt bloß
behutsam auf, unheimlich klingt der Nachhall längst,
dröhnt laut, selbst wenn du seltsam schleichst. Beraten
willst du träumend dich mit deinen Toten, die noch über
sich’ren Steig geklettert bis ans Grab. Naiv, ein kleines
Kind, so schaust du aus, wenn du dem Sternenhimmel
traust. Hoffst kühn, dass du auch morgen noch die Hand
ergreifst, die dich am Abend hielt. Wo du auch baust,
in einer Solfatara1 Grund gerammt erscheint dein Haus.
Die letzten Echsen schauen auf wie du: Denn über ihren
Köpfen führt die Menschheit Krieg auf Krieg. Rollst du
dich wie ein Igel ein, dann wachst du auf der Fahrbahn
auf. Nur wenn du schreibst, hört dieses Taumeln auf,
mag schwindeln dir der Geist noch Ruhe vor: Beim
letzten Wort sitzt du erneut gefesselt auf dem Karussell,
als sähst du zu, wie rasend sich die Erde dreht. Und
jeden Morgen reißt ein jüngster Tag den Vorhang auf.
Allein der volle Mond mit seinem Riesensog macht da
nicht mit: Verlässlich kirre wirst du wie als kleines Kind.
Ein wenig Schweben lernen, Mutterleib das All.
![]()
Navigieren
auf den schäumenden Wellenkämmen wild bewegter Wasser: Der Band versammelt rund 90 Gedichte, die in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche um Orientierung ringen. Zwischen aufgewühlten Gegenwarten und brüchig gewordenen Gewissheiten fragen sie danach, was trägt, wenn Vertrautes ins Wanken gerät. Die Texte greifen die großen Herausforderungen unserer Zeit auf: Klimawandel und gesellschaftliche Verwerfungen, Krieg und Gewalt, den weltweiten Rechtsruck, Machtmissbrauch, den Verlust demokratischer Selbstverständlichkeiten und das Vordringen autokratischer Herrschaft.
Zugleich halten sie Ausschau nach dem, was Orientierung geben kann – Empathie, Erinnerung, Kultur und die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Neben den politischen und gesellschaftlichen Gedichten stehen persönliche, nachdenkliche Texte über Lebenswege, Vergänglichkeit und die Frage, wer wir gewesen sein wollen, wenn wir auf unser Leben zurückblicken. Zwei kurze Essays ergänzen den Band und erweitern das lyrische Panorama um essayistische Reflexionen.
Ein Gedichtband, der die Erschütterungen unserer Gegenwart ernst nimmt und zugleich auf die Kraft der Poesie vertraut, den Blick zu schärfen und Hoffnung wachzuhalten.
Athena-Verlag, Klappentext, 2026
Haltung in den Erschütterungen der Gegenwart
Martin Roemer, Jahrgang 1958, blickt in 94 Texten auf den aktuellen Epochenbruch, den er nicht kommentiert, sondern verdichtet. Zehn Kapitel, überwiegend Gedichte in neuer Poesie: der „ererbte“, d.h. nachträgliche Alptraum vom Krieg eines geborenen Hamburgers in einem Zeitalter neu heraufziehender Kriegsgefahr, ein Sommerabend in der Waldbühne, eine Nacht in Oświecim, die Alten der Ukraine. Herausragend: „Der Untertageschreiber“, der aus der Zelle eine Poetik des Überlebens gewinnt, und „Zorn“, eine Kaskade von Fragen an ein Land, dass seine alten Dämonen wieder erkennt. Humanismus ohne Trost, aber mit Haltung. Ein Buch, das nachhallt.
Wenzel Nürnberger, amazon.de, 2.9.2026
Fakten und Vermutungen zum Autor








0 Kommentare