Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Vom Hören und Sagen der Poesie (Teil 9)

Vom Hören und Sagen der Poesie

Teil 8 siehe hier …

In seiner Poetikvorlesung von 1929 spricht Alain vom «Ausdrucksglück», das den Dichter stets von neuem zum Schreiben animiere: «Solcherart entdeckt der Dichter – auf seiner Wortsuche nach Mass, Harmonie und Reim – sein eigenes Denken. Nicht das gesamte, aber doch jenen Teil seines Denkens, der schön ist … Dabei zählt er auf die althergebrachte Stimme, auf die absolute Stimme, die schon immer die Befindlichkeit des Menschen zum Ausdruck gebracht hat, und damit alles andere auch.»
Das Schöne, das Gute, das Wahre sieht Alain in radikalem Gegenzug zu den Konvulsionen der künstlerischen Moderne, etwa des Futurismus oder des Surrealismus, gesamthaft und ausschliesslich in «Harmonie» aufgehoben, und dass er daran über Jahrzehnte und zwei Weltkriege hin konsequent festgehalten hat, weist ihn letztlich doch, bei all seiner zeitkritischen Klarsicht, als einen zutiefst konservativen, angestrengt optimistischen Denker aus – man mag ihn deshalb für obsolet halten, doch in der aktuellen politischen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Krisenlage könnte sein militanter Optimismus und nicht zuletzt sein Grundvertrauen in die Poesie einen positiven Placebo-Effekt erbringen; er selbst versammelt seine diesbezüglichen Überlegungen (in einem «Propos» vom März 1929) zu einer lockeren Summa, die hier als Finale zitiert sei:
«Ein Versprechen! Und falls der Dichter das Versprechen einhält, falls jedes seiner Worte seine volle Bedeutung gewinnt, all seine Bedeutungen aufs Mal, falls die Idee ihrem Gebrauch gemäss – oder auch entgegen ihrem Gebrauch – sich herausbildet, dann spricht der Mensch endlich wieder zu sich selbst; als trete er aus einem langen Traum heraus.» Und weiter heisst es an gleicher Stelle, der Dichter wirke primär auf den Körper des Lesers ein, und dies «durch einen ausgewogenen, gelinden, stetig erneuerten Weckruf, der nicht Aktivität provozieren, sondern zum Nachdenken verhelfen will. Wenn ein Dichter dunkel zu sein scheint, so denke man gut nach, doch suche man nicht zu weit. Das einzig Dunkle ist hier die wundersame Begegnung des Körpers mit der Idee, welche die Auferstehung der Sprache bewirkt.»

 

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Aspirin

sanieren durch Sparen; nie Spass an Rispe; sah Nieren im Rasp.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Lesezeichenscrolling

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

0:00
0:00