DIE KÜCHE
Der erste Satz ist: die Ente schwimmt auf dem Teich.
Der zweite Satz ist: die Ente brät in der Pfanne.
Der dritte Satz ist: die Schafgarbe wächst die Wege
entlang.
Der vierte Satz ist: mein zweijähriger Sohn trinkt
am Küchenschrank Schafgarbentee.
Den Zusammenhang des ersten und dritten Satzes
nenne ich: draußen.
Den Zusammenhang des zweiten und vierten: die
Küche
Gasflamme, Ente und Bratfett hängen Gerüche
in die vom Architekten der Ausbeuter eng gestaltete
Küche.
Den gedachten Dingen wohnt inne ein Streben,
als wollten sie miteinander leben.
Berlin-Mitte, Rheinsberger Str. Nr…., Hth., links.
![]()
Gedankengedichte,
Traumprosa, Kopflangereien aus der DDR. Sie handeln von den Gleichgewichtsstörungen in der Welt, den größeren Absichten in den kleineren Sachen. In ihnen kommen Leute vor, die den Ernst des Spiels nicht für Spiel halten und rufen „Nicht!“.
Verlag Klaus Wagenbach, Klappentext, 1976
Im kalten Wasser aufgeblüht
Unter dem Titel Gutachten erschien 1975 in der DDR ein erster Band mit Lyrik und Prosa von Elke Erb, die, 1938 in der Eifel geboren, seit 1949 in der DDR lebt. Im Titeltext dieses Buches heißt es von gewissen Schriftstellern:
Wissen sie nicht, daß man im literarischen Handel nur mit selbstgeprägten Münzen zu Reichtum kommt und alles andere Falschgeld ist?
Das ist eine Maxime, die vor allem den verpflichtet, der sie formulierte. Daß Elke Erb bestrebt ist, dem selbstgesetzten hohen Anspruch gerecht zu werden, kann der westliche Leser nun anhand des Bändchens Einer schreit: Nicht! überprüfen. Der Band folgt der in der DDR erschienenen Ausgabe Gutachten und erweitert sie um neuentstandene Texte. Selbstgeprägte Münzen – das heißt für Elke Erb, daß sie das als Material ansieht, was ihr Alltag und unmittelbare Umwelt zutragen. Ihre Texte haben die Form von Tagebuchnotizen, Beobachtungen, Träumen. Nichts, das schon vom Stoff her exorbitant wäre. Das Prosastück „Unterholz“ etwa berichtet von einem Spaziergang im Wald von Pankow, „welcher im nackten Winter überall Bilder der finsteren Wirrnis zeigt“. Ein solcher Relativsatz genügt, um alles Kommende in einen symbolischen Zusammenhang zu rücken.
Kinder werden gezeigt, die Krieg spielen, immer ein Schütze und ein Opfer. Doch von dem fünften, dem überzähligen Jungen, heißt es, daß er „quer durch den Wald zu ihnen hinrannte und schrie: ,Nicht!‘“. Jede weitere Begründung oder Motivation versagt sich die Autorin, sie setzt den dringlichen Schrei an den Schluß, als könne in einer Welt verketteter Aggressionen ein einzelner den fatalen Zirkel unterbrechen. Der Text meint den Zustand der Welt und ihre finstere Wirrnis überhaupt.
Anders als in Kunzes Wunderbaren Jahren sind die aktuellen Bezüge sekundär. Daß es in der DDR kriegsspielende Kinder gibt, muß nicht besonders pointiert werden. Elke Erbs Engagement ist primär sprachlicher Natur. Das macht ihre Texte eigentümlich reell. Selbst Beiläufiges gewinnt durch die Sorgfalt der Fügung Gewicht und Bedeutung. Wer etwa Fühmanns Schilderung eines Dampfbades aus seinem ungarischen Tagebuch im Gedächtnis hat, wird Elke Erbs „Römisch-irisches Bad“ als Transposition des Themas ins strengere Medium des Prosagedichts mit besonderem Interesse lesen.
Die Kadenzen dieser Prosa sind bis auf die Silbe kalkuliert, zu genau, zu kunstvoll fast:
Das über den grünen Kacheln des Beckens wabernde kalte Wasser, Nummer zwei in verdorbener Reih, erlöste den im Nebel dumm gewordenen bloßen Körper von seiner Dummheit: die Person wird nachher gehn, geheilt, erhoben, geblümt; im kalten Wasser aufgeblüht.
Den Nachsatz möchte man aufgreifen.
Die Prosagedichte der Elke Erb sind Dinge, an denen lange gekünstelt wurde. Nicht alle wurden dabei zum Schluß natürlich.
Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.3.1977
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Peter von Becker: Lyrische Prosa aus der DDR
Süddeutsche Zeitung, 9.10.1976
Thomas Rothschild: Es gibt keine private Privatheit
Frankfurter Rundschau, 24./25.12.1976
Harald Hartung: Im kalten Wasser aufgeblüht
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.3.1977
Norbert Schachtsiek-Freitag: Kopflangereien
Deutschland Archiv, Heft 5, 1977
Jürgen Beckelmann: Skepsis, Wehmut und Schmerz
Nürnberger Nachrichten, 29.7.1977
Gisela Huwe: Prosa und Lyrik der Schriftstellerin Elke Erb. Sprache voller Rätsel und Geheimnisse
Die Welt, 19.5.1980
Die Absage in den achtziger Jahren
1980 bis 1984: Apokalyptik und Verweigerung
Elke Erb (*1938) war mit elf Jahren aus der Eifel in die eben gegründete DDR gekommen. Es folgte ein Musterlebenslauf: Studium (frei von sinnlicher Begabung), freiwilliger Einsatz im FDJ-Objekt Wische (s. V. Braun!), Verlagsredakteurin, freischaffende Schriftstellerin, Ehe mit A. Endler. 1968 kam sie in Jentzschs Auswahl, u.a. mit „Das Flachland vor Leipzig“:
Ich war mal in Tüschen, dort sah
mich still eine Gans an, die in Reihe ging, weiß…
Links, sah mich an, links, und ihr wißt, das Auge
ist starr…1
Das waren für 1968, mitten im Ideologiegefecht gegen den Bazillus von Prag, ungenable und ungehörige Töne. Sie hatten nichts vom protegierten marxistischen Positivismus. Auch ihre demonstrative Prosa war voller Trotz und las sich direkt wie ein Klartext. Im gleichen Jahr gehörte sie zu den 17 Autoren der ideologisch verrissenen Saison für Lyrik. In die Anthologie Lyrik der DDR (1972) wurde sie gar nicht mehr aufgenommen. Erst 1975 ihr erster Gedichtband: Gutachten, zu dem S. Kirsch in einem Nachsatz umständlich vermerkte:
Ich kann dieses Buch den Lesern nur empfehlen und ihnen versichern, daß sie eines erworben haben, das berühmt werden wird.2
Und im Band selbst „Acht Träume vom Sommer und Herbst des Jahres 1968“. Noch immer ging es E. Erb um das gescheiterte Prager Experiment. Doch sie erzählte scheinbar unbekümmert Traumhaft-Narratives, das sich jedoch rasch als hintersinniges Parabol erwies.
Im Biermann-Jahr 1976 – sie hatte gemeinsam mit A. Endler in einem Brief an den Kulturminister Hoffmann gegen Biermanns Ausbürgerung protestiert – dann ihr zweiter Band: in Westberlin (einer schreit: nicht). Noch war sie in Phantasie und Gestus einer S. Kirsch nah, doch in der lyrischen Kurzprosa kündigte sich bereits jene flächige Struktur an, mit der sie fortan weiterexperimentierte. Man bescheinigte ihr „drüben“ Phantasie und Sensibilität, doch begriff man ihre Codierungen nur als subjektive Verliebtheit in Verschlüsselungen. Dabei war das der Anfang einer trutzigen Gegen-Sprache gegen den sozialistischen Korruptionsrealismus. Später – radikaler geworden – fand sie selbst diese Texte noch kindisch, weil noch zu sehr dem Leser geschuldet. Im Faden der Geduld hatte sie dann alle diesbezügliche Rücksicht aufgegeben, und fortan lieferte sie Roh- und Materialtexte in formelhafter Verkürzung, ungefällig, kaum noch durchschaubar. Sie wollte das Dich, dich, dich, dich… behaupten,… sterblich mit einem Wort.3 Nicht länger wollte sie folgen, glauben, verführbar sein, und sie schwor ab allen Dogmenverheißungen. Arglos angreifen, kompromißlos eigensinnig sein, ein unbefangenes Risiko – und dann schrieb sie los:
MEINE LETTERATUR
Ach, Abraham-Aach, Ammenbrust-B,
Oh lala! C-Dur-C, Dehnungs-D, edles E
Und eifaules Fund, eia, Gag-G…
Und Volksmund-V und mein Herzweh-W, dann das Ex-X,
Xylophon-V und Zyklop-Y vor des Zwergs Z…
Wer, Menschenskinder, geht hin
Und schlägt euch aus dem Sinn?4
Ein Sprachding, scheinbar spontan Bewußtes und Unterbewußtes vermengend, auch ein bißchen ein Wahnsinnstext, ein bißchen Dada-Dalberei und ein bißchen Non-Sense, aber mit Trotz im Spiel. Affekte ja, Emotionen nein. Die meisten Texte ohne Hoffnungsschimmer. Ich brauche keine Hoffnung. Rigorismus um jeden Preis, um der gestanzten Sprache des politischen Alltags Irritation entgegenzusetzen: Konterpropaganda.
1980 bekam sie Kontakt zur Prenzlauer-Berg-Szene, und sie begann sie anzuheizen: voller Wut über das land,… das sich seine Dichter verschweigt, und sie ermunterte, förderte, beriet die Autoren, die das System einfach nicht mehr akzeptieren konnten, nicht seine Gebote und Verbote, nicht die von ihm reglementierte Realität, nicht… seine falsche Sprache.
Da war sie selbst schon ganz bei der konkreten Poesie angekommen, bei H. Arp, H. Heißenbüttel und F. Mon, die sie durchspielte und auf ihr genehme Weise weiterführte. Prozessuales Schreiben nannte sie es, und voraussetzungslos naiv setzte sie ihre Wortfelder hin, aber immer Provokation im Hinterkopf. Vexier-Bilder, Verrätselungen voller Abersinn und Quersinn und Gegensinn und Widersinn und Freisinn, auch mit einem Schuß Wahn-Sinn.
Der Tor mit seiner Mutter ist im Wald. Sie wird ihr
Haar flechten. Die glänzenden Reiter kommen. Ver
lust des Sohnes. Wo wir uns halten wie jeder Stamm
seine Äste – verweslich vor und zurück der Ellenbogen
winkel, des Gebeins Haarsonne strählend: der herange
rittene Schmerz glänzt von geraubtem Licht, schnaubt
vor Kindlichkeit. Das Haar wird in Zöpfe geflochten.
Mit der Zeit wird es grau. Wo ist die Mutter? Sie trägt
es als Kranz um den Kopf.5
Es folgte die Produktion auf dem Blatt verteilter Wort-&-Sinn-Gruppen; den linearen Textchen, den Resultat-Texten, sagte sie endgültig ade; sie ging in die Opposition gegen den Anspruch auf Zusammenhang und verlegte sich streitwütig und schrill… die staatsamtliche Anmaßung sprengend, auf Winkelzüge. Die Texte wurden zu Grafiken, zu Wort-Verbunden, zu Dar-Stellungen, zu Er-Örterungen. Orte überschreiten. Ihre Devise:
Grenzen leben ist offen leben!
Mit ihr war die DDR-Lyrik vollends ins Freie getreten, in ein nunmehr geöffnetes und sich weiter öffnendes Feld.
1988 erhielt sie ausgerechnet den westdeutschen Peter-Huchel-Preis, von dessen konventioneller Poetik sie sich inzwischen weitweit entfernt hatte. 1990 dann den Heinrich-Mann-Preis der Ost-Akademie der Künste, gewiß auch ihrem Eintreten für die Flip-out-Lyriker des Prenzelbergs geschuldet.
(…)
Edwin Kratschmer: Dichter · Diener · Dissidenten. Sündenfall der DDR-Lyrik, Universitätsverlag – Druckhaus Mayer GmbH Jena, 1995
Warum kann ich einfach nicht einfacher sein?
Manfred Rothenberger: 1976 ist beim Wagenbach Verlag unter dem Titel Einer schreit: Nicht! eine erweiterte Neuauflage von Gutachten erschienen. Unter anderem mit dem Text „Unterholz“. Er handelt von einigen Jungen, die mit Holzstücken als Gewehr-Ersatz aufeinander zielen. Ein Junge rennt quer durch den Wald auf sie zu und ruft: „Nicht!“.
Ein pazifistischer Appell, gerade in Verbindung mit dem Buchtitel. Gab es darauf eine Reaktion?
Elke Erb: Nein, überhaupt nicht. Guck mal, wieso sollten die sich denn mit mir beschäftigen? Damals in der DDR meinte eine Genossin zu meinen ersten beiden Büchern: Was ist denn das, das ist doch nur Alltag, weiter nichts.
Rothenberger: Weil du eine andere Sprache verwendet hast, weil du nicht angedockt hast an die Begriffe, die sie damals verwendet haben?
Erb: Natürlich, ich hatte ja auch keine Lust darauf. Es hat keinen Sinn, sich mit Dingen zu beschäftigen, auf die man keinen Einfluss hat. In Staatsgeschäfte einzudringen. Nur wenn es etwas ist, was das Hirn umdreht, dann muss ich produktiv werden.
Rothenberger: Vielleicht war das ja eine Form des Widerstands für dich in der DDR, einfach stur deine Sache weiterzumachen?
Erb: Also die Sturheit ist doch auf der anderen Seite gewesen. Sich so abzukapseln. Und dann dieser kleinmütige Ehrgeiz, dieses Ein-bisschen-Aufsteiger-Sein.
Bei mir ist keinerlei Sturheit. Bei mir ist das etwas anderes.
Rothenberger: Ein Beharren auf dem eigenen Weg?
Erb: Ich kann doch gar nicht anders. Ich habe doch überhaupt keine Wahl! Wenn ich jetzt etwas anderes machen würde als das, was ich gut finde, dann kann ich mich doch vergessen.
Ich dachte immer nur, ich muss untersuchen, was mich bestimmt.
Ein Gedicht ist ja kein Appell. Ein Appell kann freilich als Gedicht geschrieben sein. Wird ihm guttun, dem Appell. Eine Art Anmut zu bekommen, etwas, das hinter dem Verlautbarten wirkt. Ein Gedicht wird nicht als Appell geschrieben, obwohl es wirken kann wie ein Appell. Was tut ein Appell? Er hat ein bestimmtes Thema und trompetet es hinaus. Wenn ein Gedicht wirkt wie ein Appell, geschieht das ganz von selbst, du siehst etwas dank ihm… Schon überhaupt eine Harmonie in Worten zu erleben, befreit dich und damit auch deine Kommunikation. In diesen Zusammenhang gehört auch das Wort „Widerstand“. In seiner religiösen Form: Das ist der Teufel, widerstehe! In seiner politischen Form: Ordne dich nicht unter, widerstehe! Aber etwas muss erst mal die Macht haben, dich zu unterwerfen. Etwa so: Gib dem Teufel, was des Teufels ist. Und gib dem Kaiser, was des Kaisers ist. Dann sei du mal du. Nein, das geht doch nicht, oder?
Auch aus dem eigenen Ich kommen Unterjochungen, da muss man, möchte man sich, kann man sich, wenn es gelingt, befreien. Die verschiedenen Gradabstufungen kennt man ja. Vom Westen her kam man uns immer mit dem Wort „subversiv“. Man erwartete von uns, subversiv zu sein. Als hätten wir im Widerstand gegen das von der Regierung Verlautbarte zu schreiben. Gegen diesen amorphen Haufen epigonaler Losungen.
Ideologen logen, Knochen oder Schuppen, Rosenlose,
katholisch erzogen, dann Rote, zeitfremd,
bestohlen, Geweih und Gesträuch.
Das habe ich 2000 in Sachverstand geschrieben. Mit „Rote“ sind übrigens meine Eltern gemeint.
Rothenberger: Sich von den Unterjochungen im eigenen Ich befreien?
Erb: Ach, ach, ach, oh, oh, oh. Du hast doch den eigenen Besetzungen zu entkommen. Ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, natürlich. Was in dir ist, ist ja Gemeingut. Faulheit lässt es verkommen, passiv Unterwürfigkeit und aktiv Karrierismus lassen es verkommen.
„Verkommen“ ist übrigens ein hübsches Wort, so für sich genommen. Mit „irregehen“ ist es um einen Grad bekömmlicher. Wir hatten ja keine Illusionen mehr, damals in der DDR. Die Mauer galt nicht mehr für uns.
Aber wie Sarah sich freute, als die Mauer fiel. Ich fuhr mit dem Rad zum Druckhaus Galrev, dem nach der Wende gegründeten Verlag der Prenzlauer-Berg-Autoren, und dachte während eines Tritts auf die Pedale: Sie, Sarah Kirsch und die anderen, sind mit der Mauer in sich fortgegangen. Wir hatten die Mauer abgebaut – in uns.
Wir Dichter säßen im elfenbeinernen Turm, hatten die Genossen immer gesagt. Sie selbst aber waren korrupt und unselbständig, auch leidend, un- und kontraproduktiv.
Heiner Müller war im Westen gewesen und hatte über die DDR geäußert: „Älteres kommunistisches Liebespaar sitzt auf der Parkbank und singt ältere kommunistische Lieder.“
Aber die Jüngeren in der DDR sangen: „Osten erglüht, China ist jung. Rote Sonne grüßt Mao Tse-tung“. Das hörte ich im Radio beim Kartoffelschälen. Tja, „Kartoffeln schälend stellen Verse sich ein“, hat ja einer unserer Staatsdichter einmal gesagt. Und im Fernsehen meinte der verzweifelt aus dem Verkommenen weggegangene Thomas Brasch: „Immerhin haben sie die Kapitalisten enteignet. Aber Eigentum musste es ja bleiben, so hieß es dann ,Volkseigentum‘, paradox, aber reizlos.“
Rothenberger: Meine Lieblingsgeschichte in Einer schreit: Nicht! ist Wie man wohnt. Dort heißt es: „Das Badezimmer ließ uns nicht ein, hatte sich eingeschlossen. Jetzt frisst es wieder meine Kosmetika auf, dachte ich und ärgerte mich. Wir sah’n zum Klosett, es machte sich Spaß, ließ das Becken volllaufen, zog dann, rauschte, wartete vergnügt, rauschte, man erschrak jedes Mal heftig. Wie leid taten mir aber die Menschen solcher Unordnung halber.“
Erb: Das war grotesk und lustig, damals. Aber es steckte auch ein großes Moment Trauer darin.
Nachher wurde es noch viel schlimmer. Nach der Veröffentlichung von Vexierbild (1983) dachte ich, mein Gott, das Buch ist ja voller Unglück. Wem kannst du das denn geben? Mein rettender Gedanke war: Wenn das jetzt jemand liest und sieht, aha, da war schon mal jemand tief drin in dem ganzen Elend, das kann doch auch gut und heilsam sein.
Rothenberger: Ich musste bei „Wie man wohnt“ an Franz Kafka denken, auch in seinen Texten sind der Schrecken und das Lachen kaum voneinander zu trennen.
Am Ende deiner Geschichte aber gibt es eine wundersame Wendung. Die Erzählerin sagt zu ihren Gästen: „Lieb, dass ihr gekommen seid (…) Nehmt nur mein Fahrrad, gell? Es findet schon allein wieder her.“
Damit nimmst du den Leser an die Hand und spendest ihm Trost. Nachdem du vorher die ganze Welt aus den Angeln hast springen lassen. Ich mag diese Geschichte sehr.
Erb: Hmm … Humor ist es nicht, die Bilder stimmen eben. Das sind reale, sehr genaue Bilder, aber nicht im Bewusstsein, sondern im Gefühl… verstehst du, was ich meine? Das ist mehr als nur eine präzise Sprache. Das sind eins zu eins meine Regungen.
In Wirklichkeit bin ich da ja völlig realistisch. Wohingegen die, die behaupten, sie schreiben realistisch, nur brutal vereinfachen. Diese Regungen sind die Realität. Dauernd huscht uns etwas durch den Kopf. Und ist nicht aufzuhalten.
Rothenberger: „Was ist die Zeit bei einem, der Körbe flicht – des Teufels Großmutter, die Mutter Gottes, der Korbflechter selbst?“ heißt es in deiner Geschichte „Was ist die Zeit“ in Einer schreit: Nicht!
Erb: Ach, die Zeit. Willst du jetzt meinen, die Stunde zwischen neun Uhr und zehn Uhr sei irgendwas? Die Zeit spielt doch vor allem im Seelischen, da möchte ich sie konkret machen. Sonst kannst du sie doch überhaupt nicht fassen.
Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich immer in Räumen gedacht habe. In dem Buch Winkelzüge oder Nicht vermutete, aufschlussreiche Verhältnisse von 1991 gab es so einen Umschwung, denn das Leben ist ja nicht die Zeit, sondern eine Figur in der Zeit.
Rothenberger: Viele deiner Texte sind ganz genau datiert.
Erb: Ich habe, ich weiß nicht mehr genau wann, angefangen, die Entstehungsdaten der Gedichte anzugeben.
Rothenberger: Warum?
Erb: Das ist wohl so etwas wie ein Aberglaube. Manchmal habe ich sogar die Uhrzeit angegeben. Dann kann man einiges nachvollziehen. Etwa ob ein Text spätnachts entstanden ist, oder zwei Texte an einem Tag, oder längere Zeit gar nichts.
Rothenberger: In Einer schreit: Nicht! findet sich auch die Geschichte „Mein Galgen“ mit dem entwaffnenden Schlusssatz: „[…] warum kann ich einfach nicht einfacher sein.“
Erb: Das ist jetzt ein Satz, wo mir fast die Tränen kommen.
Rothenberger: Oh.
Erb: Ja, mir ist damals ewig angehängt worden, ich sei unverständlich. Aber ich bitte dich, sind denn die anderen verständlich? Ist denn so ein Zettel, wie man mit dem Dampfbügeleisen umgeht, so eine Gebrauchsanweisung, ist die denn verständlich? Ich habe eigentlich nie verstanden, was die Leute von mir wollen. Ich finde das sehr traurig.
Rothenberger: Hat dich dieses Unverständnis verletzt?
Erb: Nicht verletzt, es war eher betrüblich. Warum kann ich einfach nicht einfacher sein? Das ist schon nicht ganz ohne. Aber weißt du, wie ich das jetzt verstehe? Nicht mehr als einen Schmerz, sondern als eine Notwendigkeit. Ich arbeite ja an einer neuen Art von Text, einer neuen Art von Reden. Ganz eindeutig.
Man könnte jetzt versuchen, das zu klassifizieren in mir. Das irgendwie zu greifen, um zu sehen, wo andere unterwegs sind. Andere, die auch an diesem Punkt bohren.
Rothenberger: An wen denkst du da?
Erb: Bei Ann Cotten könnte das so sein – zwar mit einer anderen Sprache, aber von der Denkbewegung, von der Suchbewegung her vergleichbar. Oder Monika Rinck. Bei beiden spüre ich dieses frei bewegliche Denken, das einen mitnimmt zu ganz neuen Ufern, in ganz neue Räume.
Rothenberger: Meine Lieblingszeile in Einer schreit: Nicht! stammt aus dem Gedicht „Tagebuch vom siebenten ersten“ und lautet: „Frettchen sich zu halten als Umgebung, warum nicht?“. Wie kamst du auf diese Zeile? Ich finde die unglaublich.
Erb: Meinst du? Dabei ist die Erklärung für diese Zeile ganz einfach. Als ich ein Kind war, hatten wir Kaninchen. Und gegen die Mäuse hat man Frettchen in die Kaninchenställe getan.
Rothenberger: Aber diese Zeile klingt auch frech und aufrührerisch für mich.
Erb: Ja, das ist manchmal bei meinen frühen Texten so. Da gibt es Zeilen, die beim längeren Hinsehen merkwürdig werden und rätselhaft.
Ja, ja, die Frettchen…
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
ELKE ERB
im zittergebirge
im haus daneben
schaut einer aus
dem fenster.
Spielt zitter
im zitterwaldtal
mutter bäckt den
kuchen hoffnungsfroh
und ohne rotkäppchen
bleibt die szene ländlich
keiner wird sich
blamieren
einen wolfsexperten
gar antelefonieren
Peter Wawerzinek
Gerhard Wolf: Die selbsterlittene Geschichte mit dem Lob. Laudatio für Elke Erb und Adolf Endler zum Heinrich-Mann-Preis 1990.
Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.
Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.
Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.
Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014
Gedichtverdachte: Zum Werk Elke Erbs. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung In den Vordergrund sprechen Hendrik Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck und Saskia Warzecha über Elke Erbs Werk.
Franz Hofner: Hinter der Scheibe. Notizen zu Elke Erb
Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)
Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.
Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.
Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.
Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014
Zum 70. Geburtstag der Autorin:
Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de
Zum 80. Geburtstag der Autorin:
Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018
Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018
Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018
Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018
Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018
Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018
Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018
Oleg Jurjew: Elke Erb: Bis die Sprache ihr Okay gibt
Die Furche, 8.3.2018
Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017
Zum Georg-Büchner-Preis an Elke Erb: FR 1 & 2 + MOZ + StZ + SZ + Echo + Welt + WAZ + BR24 + TTB + MAZ + FAZ 1 & 2 + TS + DP + rbb +taz 1 & 2 + NZZ +mdr 1 & 2 + Zeit + JW + SZ 1 & 2 + Hayer +
Zur Georg-Büchner-Preis-Verleihung an Elke Erb: BaZ + BZ + StZ + AZ + FAZ + SZ
Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2020 an Elke Erb am 31.10.2020 im Staatstheater Darmstadt.
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + KLG + IMDb + Archiv + Internet Archive + IZA + PIA + weiteres 1, 2 & 3 + Georg-Büchner-Preis 1 & 2
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Autorenarchiv Susanne Schleyer + Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK + Dirk Skiba Autorenporträts + Galerie Foto Gezett 1, 2 & 3 + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Elke Erb: Bundespräsident ✝︎ BZ 1 + 2 ✝︎ Die Zeit ✝︎ Facebook 1, 2 + 3 ✝︎ faustkultur ✝︎ FAZ ✝︎ junge Welt ✝︎ literaturkritik ✝︎ LiteraturLand ✝︎ mdr ✝︎ MZ ✝︎ nd ✝︎ signaturen ✝︎ Sinn und Form ✝︎ SZ ✝︎ Tagesspiegel 1 +2 ✝︎ tagtigall ✝︎ taz ✝︎ Volksbühne
Im Universum von Elke Erb. Beitrag aus dem JUNIVERS-Kollektiv für die Gedenkmatinée in der Volksbühne am 25.2.2024 mit: Verica Tričković, Carmen Gómez García, Shane Anderson, Riikka Johanna Uhlig, Gonzalo Vélez, Dong Li, Namita Khare, Nicholas Grindell, Shane Anderson, Aurélie Maurin, Bela Chekurishvili, Iryna Herasimovich, Brane Čop, Douglas Pompeu. Film/Schnitt: Christian Filips
Zur Erinnerung an Elke Erb und Helga Paris. Lesung mit Steffen Popp, Brigitte Struzyk, Joachim Hildebrandt und Peter Wawerzinek am 6.7.2024 im Salon von Ekke Maaß, Berlin. Martin Schmidt: Improvisationen am Klavier
Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.
Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.










0 Kommentare