Fast täglich begegne ich in der Früh auf dem steilen Weg zur Post dem Herrn G., einem lebhaften Greis mit wattigem Weisshaar und ausfransendem Vollbart (beides, Bart wie Haar, demonstrativ ungepflegt). In aller Regel führt er an langen Leinen zwei, drei seiner Hunde mit sich, und anderthalb Schritte hinter ihm läuft seine sehr viel jüngere Frau. Der rasante morgendliche Auftritt des auffälligen Gespanns erinnert mich an eine russische Trojka, zumeist ist er begleitet von heiserm Gebell und lauten Wortwechseln der ungleichen Eheleute.
Als ehemaliger Organist der hiesigen Abteikirche geniesst G. weitläufigen Respekt, gleichzeitig gilt er als Witzbold und Spinner. Wenn er mir auf seinen krummen, etwas zu kurz geratenen Beinen entgegentappt, mal nach links, mal nach rechts aus der Bahn tretend, frage ich mich hin und wieder, ob sein wankender Gang womöglich durch sein früheres Orgelspiel konditioniert ist, durch das hüpfende Treten der Pedale, bei dem er die Füsse ja auch seitlich bewegen musste; damals musste er’s, heute tut er’s ganz automatisch, auch auf dem Asphalt. Fern der Orgel und aller Musik.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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