REST DER STERNE
nur noch fünf
Sterne, und
solche, die sie
polieren; ein
undzwanzigster
Eveningboy, deckt
sie auf und zu.
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der vier, landen
am hämmernden
Straßenrand. Er
aber heiligt den
letzten: zu Hammer-
und-Sichel verrutschen
der Dreizack Shivas.
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Im Plattenspieler die Pistole
– Extravagant: Der neue Gedichtband von Dieter M. Gräf enttäuscht. –
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2003
„Ja, Kleist, ich spreche mit dir“
– Mit Dieter M. Gräfs Gedichten unterwegs durch Raum und Zeit – und an alle Orte, an denen Dichter alimentiert werden. –
„Man wird kaum einen Autor der jüngeren Generation finden, der so entschlossen und risikobereit am Körperlichwerden der Worte und an neuen, unerprobten Ausdrucksformen arbeitet“, lautet das kollegiale Votum des noch etwas jüngeren Michael Braun, das auch prompt auf dem Umschlag des an die 160 Seiten starken dritten Gedichtbandes Westrand von Dieter M. Gräf als Werbetext gelandet ist.
Ungefähr in der Mitte des neuen Buches steht ein längeres Gedicht, das sich in Form und Inhalt deutlich von allen anderen unterscheidet. Es zeichnet sich weder durch ein besonderes Körperlichwerden der Worte noch durch unerprobte Ausdrucksformen aus, im Gegenteil: mit fast pedantischem Respekt hat der Dichter eine Passage aus den Aufzeichnungen des Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, in kurze freie Verse verwandelt: „R. H.: Ich musste (ich durfte nicht)“. Das entkörpert die Wörter und verschärft ihre semantische Qualität. Was die Ausdrucksform des neu disponierten Textes angeht, so hatte zum Beispiel Erich Fried 1970 das Schulbeispiel der Poetisierung einer Zeitungsanzeige geliefert, mit welcher das Berliner Polizeipräsidium nach Schäferhundrüden zum Kauf suchte. Wie dort demaskiert sich auch hier der Text durch seine Poetisierung.
Den Blick zurück übt Gräf in vielen Gedichten, aber dies ist nicht sein einziges Thema. Vor wenigen Jahren war er Stipendiat der Villa Aurora in Pacific Palisades und voriges Jahr Writer-in-Residence der Deutschen Festspiele in Indien. Eine kleine Gruppe von Gedichten mit amerikanischen Impressionen bildet den Abschluss unter dem Titel „Einsinkende Wolken“. Dieses Bild stammt aus dem Titel eines der Gedichte: „Die einsinkenden Wolken am Broadway“. Es hat nur vier Verse und mutet dem Leser eine intellektuelle Gymnastik zu, welche ihn mitten hineinnimmt in die dichterische Wortbildung: „die Alten: einsinkende Wolken“ – aber der nächste Vers heißt: „kratzer, zerkratzte Kulis“. Man muss sich also korrigieren und „einsinkende Wolken / kratzer“ lesen. Aber auch am Ende dieses Verses ist kein semantischer Halt, denn nun folgt dem Wort „Kulis“ die abgesetzte Silbe „sen“; die zweite Lesung ergibt also „zerkratzte Kulis / sen / eines gekippten Films. Aus“. Über die Villa Aurora liest man dieses hologrammartig umschlagende Bild:
die Palisaden des Pazifik,
links, dann die Rampe hoch:
Sterne
nbanner, es flattert…
Fast alle Gedichte des Bandes zeigen solche harten Eingriffe in die Wörter, und häufig öffnen sie überraschende semantische Aussichten. Damit wird die Vielschichtigkeit der poetischen Sprache offengelegt. Aber bald schon erscheint diese Formarbeit auch als Manier, manchmal sogar als kalauernde Virtuosität. Wenn man darüber hinwegliest, entdeckt man, dass die Texte in ihrem ganz natürlichen, von der rabiaten Versifizierung unberührten Ablauf durchaus genug poetische Qualitäten versammeln. Aus einer Scheu scheint der Dichter seinen eigenen Schöpfungen einen Störsender mitzuliefern. Unmissverständlich gibt er zu verstehen, dass dichterisches Sprechen hier nicht die gebundene Rede, sondern die gebrochene sein will.
Mehrfach gebrochen sind gerade auch die persönlichen Erfahrungen von Reisen mit ihrer Spannung aus Klischee und Erlebnis („riesiger Colaautomat“ in Amerika, „Gerade / noch lesbarer Finger / Shivas“ in Indien, „der Wüstenhimmel Brandenburgs“ bei Wiepersdorf). Kein Zweifel, Preise, Stipendien, Writer-in-Residence-Stellen und dergleichen Fördermaßnahmen haben vielen jüngeren und weniger jungen Autoren erlaubt, die Welthaltigkeit ihrer Produktionen zu steigern – doch wäre es nicht an der Zeit, den glücklichen Preisträgern nahezulegen, gerade daraus keine Gedichte mehr zu machen? Das soll nicht heißen, dass solche Gedichte keine guten Gedichte sein können; sie gerinnen jedoch mit der Zeit zu einer Gattung mit Luftwurzeln. Dieses Jahr ist Dieter M. Gräf Fellow am Hawthornden Castle (The International Retreat for Writers) in Schottland!
Im Mittelpunkt des Buches steht aber die andere, die politische Thematik. Das ganze lange dritte Kapitel mit dem Titel „Das Waldblut“ enthält Gedichte, die sich mit der Aufarbeitung der (deutschen) Geschichte und einiger ihrer Mythen beschäftigen. Es beginnt mit „Tussirecherche“, von Kleists „präfaschistischem Drama“ Die Herrmannsschlacht und seiner Heldin Thusnelda angeregt („die Pistole, Milch / gesicht, mit der / du dir das Gehirn. / Ja, Kleist, ich / spreche mit dir“). Die Mythen und Motive, von Laurins Rosengarten über Hagen und Siegfried zu Wagners Walküre, vom Holocaust über Stalingrad und Goebbels zu Baader, Schleyer, Bernward Vesper und der „Zone“, werden meistens in komplexen Zusammenhängen evoziert, die sich auch dem sorgfältigen Leser nicht immer sofort erschließen. Der Dichter will aber nicht hermetisch wirken, im Gegenteil: er hat den Gedichten einen „Appendix” nachgestellt, in dem er zu vielen Texten genaue Quellenhinweise und sogar ausführliche Zitate abdruckt. Neben Gedichten, deren Thema ausführlich durch Anmerkungen dokumentiert wird, stehen aber viele andere, mit denen der Dichter uns allein lässt. In dem Gedicht „-Mücken-“, in dem ein kursiv gedrucktes und nachgewiesenes Hitler-Zitat zur Schlacht von Stalingrad sich breit macht und eine klare Botschaft hinterlässt, heißt es zum Schluss in der beschriebenen Manier:
… Urin
gelbes Eis, abgelecktes
Kondenswasser. Ratten
huber, Todt, Onkel Wolf,
hier sind eure Fritze,
in Jahrtausenden: Öl.
Trotz ihrer zugegebenermaßen bizarren und treffenden Eigensemantik würden diese Namen einen Hinweis nicht nur auf die dahinter stehenden Individuen, sondern auch auf ihre Rolle in diesen Versen verdienen („Onkel Wolf“ hieß Adolf Hitler im Kreise der Wagner-Familie).
Schwer zu sagen, was an der Lektüre dieser kunst- und absichtsvollen Texte auch bei wiederholter Lektüre und besserem Verständnis der Realitätssplitter immer noch irritiert. Im Falle der Poetisierung der Erinnerungen von Rudolf Höss lässt es sich vielleicht bestimmen: Gewiss soll die poetische Veranstaltung das widerliche Selbstmitleid des Mörders demaskieren, und das gelingt ihr auch. Aber gleichzeitig baut das Gedicht ihm eine Bühne, auf der er ganz allein lamentieren darf. Hat er nicht schließlich doch noch mehr gelitten als seine Opfer, die zwar auch „mussten und nicht durften“, aber sie mussten doch wenigstens nicht wollen…
Manche historisch-aktuellen Gegenstände sind wohl eine Nummer zu groß für ihre Gedichte und kompromittieren oder vereiteln gar deren Botschaften. Dieter M. Gräf ist oft sichtlich und zu recht stolz auf seine Funde, lässt aber deren wuchernden Bedeutungsüberschüssen freien Lauf, anstatt sie poetisch zu kanalisieren. Das ist fast ein poetisches Programm. Es wird schon gleich auf der ersten Seite in einem schönen, aber überlangen Motto erkennbar. Dort nimmt der verfolgte und durch Europa getriebene Renaissance-Philosoph Giordano Bruno Abschied vom deutschen Boden und bittet den Lenker des Himmelswagens, von der „geliebten deutschen Erde“ „alle nächtens schweifenden Wölfe, alle plumpen Bären“ fort zu scheuchen, – als hätte auch er schon den „Onkel Wolf“ geweissagt!
Hans-Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 11.12.2002
Fragile Sprachgebilde
– Dieter M. Gräfs Roadmovie von den (West-)Rändern der Wahrnehmung. –
„Das Denken“, schrieb Henri Michaux einmal, „bevor es Werk wird, ist Unterwegssein.“ Dieser Befund mag erklären, weshalb Dieter M. Gräf seit Erscheinen seines letzten Gedichtbands Treibender Kopf (1997) einige Zeit verstreichen ließ, ehe er sich nun mit Westrand wieder zu Wort meldet – Zeit, die er nicht ungenützt gelassen hat, sondern während der er auf Reisen, die ihn von Amerika bis Indien führten, das Material für die neue Sammlung buchstäblich erfahren hat. Die Globalisierung kursiert bei Gräf nicht als modisches Schlagwort, sondern sie hat sich den Texten als omnipräsentes körperliches Erlebnis eingeschrieben: als „Jeanskörpersehn / sucht am Westrand“, vom „Haar des Propheten… zum realen Grün eines verregneten / Morgens in D“ bis „ins 7-Up-Grün“ wechseln die Bedeutungen mit den Orten, die angesteuert werden, schieben sich ineinander, werden von der Wahrnehmung als Details aufgefangen, ohne daß sich daraus noch ein Ganzes ableiten ließe. Die elegische Sehnsucht nach einer von Menschen-, Waren- und Kapitalströmen unbeschädigten Zuflucht, wie sie der von Rolf Dieter Brinkmann gepriesene Giordano Bruno einst im deutschen Wittenberg fand, bleibt bei Gräf bloßes einleitendes Zitat, das heute an keinem Ort der Welt mehr eingelöst werden könnte – zu sehr ist das Fernste mit dem Nächsten verbunden, das Öffentlichste mit dem Allerintimsten, die Vergangenheit mit der Gegenwart, zu sehr ruft jedes scheinbar Vertraute schon sein Gegenteil, die Fremdheit, ins Bewußtsein.
Gräfs tastende, elliptische Sprache, die man mit einem Nietzsche-Wort als „nicht festgestellt“ bezeichnen darf, versucht deshalb auch, nicht bereits feststehende Bilder beim Leser zu generieren, sondern seine Erwartungen immer wieder gezielt zu durchkreuzen. Dies zeigt sich schon an der Raumbewegung, die die Anordnung der Gedichte suggeriert: Entgegen der schicksalhaften Kolumbusschen Fahrtroute „westwärts“, die Levi-Strauss als konstitutiv für das menschliche Raumgefühl erachtet, läßt Gräf seinen Band zunächst weit im Osten, in Indien, beginnen, um ihn mit Bildern der US-amerikanischen Pazifikküste, in die sich die von New York aus übertragenen Bilder des 11.9.2001 mischen, zu beschließen. Dazwischen, auf „Tussirecherche“, sind Sequenzen aus dem geschichtsübersättigten Deutschland und Europa der Jetztzeit eingebettet, die als Illustrationen des von Pasolini bekannten Diktums gelesen werden können, daß der Konsumterror durch die Massenmedien nur eine Verlängerung des einstigen Faschismus sei; und dies bestätigen auch die Schwenks in Problemzonen deutscher Geschichte, die allein Schlagwörter wie „Auschwitz“ oder „Rote-Armee-Fraktion“ nur schwer aufzuhellen helfen. An der Hervorhebung der Modalverben ,müssen‘ und ,dürfen‘ im in Verse gesetzten Geständnis des Auschwitzkommandanten Rudolf Höss wird so z.B. der berüchtigte deutsche Kadavergehorsam auch als Gehorsam gegenüber einer das Bewußtsein normierenden Sprachwelt dechiffriert: „Was für ein Hunger nach Stalin / grad, nach / Sendeschluss, aus unseren zapp / elnden Körpern“, heißt es im Gedicht „Baadersohn“, das Nationalsozialismus, linke Gleichschaltung und das Andauern des fern(seh)gesteuerten Krieges in unseren Köpfen auf eine Formel bringt, worauf ebenso der „Plattenspieler“, Gräfs langes Gedicht im Mittelteil, anspielt.
Dennoch wäre es falsch, Gräfs (inhaltlich wie seitenmäßig) umfangreichen Band als Antwort auf das modephilosophische Theorem vom „Ende der Geschichte“ zu reduzieren. Wer so schlußfolgert, vergißt nämlich, daß man es bei Gräfs Texten vor allem mit Gedichten zu tun hat – komplexen, sorgfältig strukturierten, fragilen Sprachgebilden, die intellektuellen Anspruch mit sinnlichem Vergnügen zu verknüpfen wissen. Dieser stammelnde, verzögerte Gestus, dieses fragmentierte Sprechen, immer hart an der Sprachlosigkeit stehend (nicht ungleich derjenigen Celans), die die „verwaltete Welt“ (Adorno) im einzelnen hervorruft – „Auch das ist Schönheit“, wie Gräf in einem früheren Gedichtband schrieb. Nicht zuletzt beweisen dies die sehr privat, geradezu intim wirkenden Gedichte, die ich zu den besten, gelungensten des Bandes zählen möchte, in denen Kindheit, Landschaft und eine subtile Erotik als (im positiven Sinne) Rückzugsgebiete des Ich empfunden werden, ohne ihre Verschränkung mit dem Gesellschaftlichen zu verleugnen, wie z.B. hier in „Schmetterling (Kommentar) zum Motorkahn“, der Parodie eines Motivs von W.C. Williams:
nach
dieser Schließ
muskelstelle ein
Poppen, Buntwerden
heftiger Last,
wird glitzernd ins
Tripwasser gekippt;
falternde Zeit. Ab
tauchen: a mild wake.
Die Schönheit über
holen
der Fische.
Jan Volker Röhnert, neue deutsche literatur, Heft 548, März/April 2003
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Thorsten Schulte: Lasst Euch in die Füße schneiden
literaturkritik.de, November 2004
Thomas Lehr: An der historischen Wirbelsäule der Deutschen entlang geschrieben
kritische-ausgabe.de
Rainer Hartmann: Wo Sinnliches und Gedachtes zusammenwachsen
Kölner Stadt-Anzeiger, 28. 8. 2002
Christoph Schreiner: Worte zerteilen, dass sie Muscheln gleichen
Saarbrücker Zeitung, 14./15. 9. 2002
Susanne Riedel: Liebhaber der Strelitzie. Dieter M. Gräf inszeniert das Gedicht als Wunder in der bleichen Gegenwart
Die Zeit, Literaturbeilage, 2. 10. 2002
Nico Bleutge: Ungleich funkelnde Leuchtkörper
Neue Zürcher Zeitung, 14./15. 12. 2002
Michael Braun: Lyrische Stammbäume, poetische Sehnsuchtskassiber
Die Rheinpfalz, 16. 12. 2002
Erweitert unter dem Titel „Das weitertobende Inferno der Hermannsschlacht“
Basler Zeitung, 20. 12. 2002
Dieter M. Gräf: Gedichte im Dunklen. Der Lyriker Dieter M. Gräf liest bei Prosanova im Rahmen der Dunkellesungreihe. Er trägt seine Gedichte in einem komplett abgedunkelten Raum vor.








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