Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 6 siehe hier …
HENRI MICHAUX
Oft hat man den Wahnsinn mit dem Drogenrausch verglichen, oder man setzte diesen mit jenem gleich. Michaux selbst mag sich bei seinen wiederholten Experimenten mit Meskalin, Psilocybin, LSD und sonstigen «Schocksubstanzen» dem Wahnsinn angenähert haben, jedoch nicht, um ihm zu verfallen, sondern um ihn aus der Extremposition des Berauschten zu erkunden. Mehrfach hat er betont, kein «Wahnsinniger» zu sein, sondern lediglich das Medium eines «experimentellen Irreseins»; dazu erklärt er in seinem Erfahrungsbericht über Die grossen Heimsuchungen (Les grandes épreuves, 1966): «Wenn man an sich selbst die Erfahrung des Irreseins macht, so ist es von grösster Bedeutung, dass man wach und präsent genug bleibt, um den geistig Misshandelten [d.h. sich selbst] beobachten zu können, der, stets in Bewegung, seine Tätigkeiten fortzuführen sucht.»
Erst in vorgerücktem Alter (mit 56 Jahren) hat sich Michaux auf Drogenversuche eingelassen. Diese erstreckten sich über den Zeitraum zwischen 1955 und 1966, sie wurden sorgfältig vorbereitet und fanden stets unter ärztlicher Aufsicht statt. In mehreren Büchern verarbeitete der Dichter, der hier weniger als Autor, vielmehr als «Patient» und Versuchsperson gefragt war, seine halluzinatorischen Erfahrungen. Werke wie Unseliges Wunder (Misérable miracle, 1956), Turbulenz im Unendlichen (L’infini turbulant, 1957), Ruhe in den Brechungen (Paix dans les brisements, 1959), Einsicht über den Abgründen (Connaissance par les gouffres, 1961), Momente (Moments, 1973), Der exaltierte Garten (Le jardin exalté, entstanden 1966; erschienen postum 1983) oder Die grossen Heimsuchungen des Geistes und die zahllosen kleinen (Les grandes épreuves de l’esprit et les innombrables petites, 1966), in denen er seine spontanen Notate zu poetischen Texten ausarbeitete, legen davon Zeugnis ab.
Anzumerken ist übrigens, dass Michaux – anders, als seine «surrealistisch» anmutende Dichtung es erwarten lässt – von eher nüchterner Natur war, Süchte, Abhängigkeiten waren ihm fremd und verhasst (kein Alkohol, Tabak, Kaffee), schon früh fühlte er sich zu den exakten Wissenschaften, zur Medizin, zur Technik hingezogen, und auch in der Drogenklinik war er auf wissenschaftliche Strenge bedacht, auf korrekte Versuchsanordnungen, Risikoanalysen, Vorsichtsmassnahmen; sein Dokumentarfilm Bilder der visionären Welt (Images du monde visionnaire, 1963), erstellt in Zusammenarbeit mit der Chemiefirma Sandoz in Basel, wie seine Aufzeichnungen aus zahlreichen Sessionen im Versuchslabor sind Beleg dafür.
… Fortsetzung hier …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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