Anna Achmatowa: Das Echo tönt

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Anna Achmatowa: Das Echo tönt

Achmatowa-Das Echo tönt

DANTE I

Auch als Toter kehrte der Verbannte
Nicht mehr heim in sein Florenz;
Ihm, der scheidend nicht mehr um sich wandte, –
Gilt mein Lied und meine Reverenz.

Fackeln. Nacht. Ein ungestüm Umarmen.
Wutgeheul ihn von der Schwelle wies.
Sie verflucht er aus der Hölle ohn’ Erbarmen,
Ihrer dacht’ er doch im Paradies…

Barfuß, angetan das Hemd der Pönitenz,
In der Hand die Armesünder-Kerze,
Sah man ihn nicht schreiten durch Florenz,
Seine Stadt, gehaßt, geliebt im Herzen…

DANTE II

Der eine zärtliche Blicke mag tauschen,
Der andere trinkt bis zum hellichten Tag;
Doch ich muß nachts mein Gewissen belauschen,
Mit ihm hab’ ich meine Plag…

Ich sag’: „Gar schwer hab’ ich da zu tragen
An deiner Last, du weißt, schon lange Zeit…“
Gewissen rechnet nicht mit Jahren, Tagen,
Noch fragt’s, ob’s nah ist oder weit…

Da ist der Abend wieder: Fastnachtzeit;
Der unheimliche Park. Des Pferdes leichter Trab.
Ein Wind, erfüllt von Glück und Fröhlichkeit,
Aus steilen Himmeln weht auf mich herab.

In zweigehörnter Mütze steht gelassen
Der Zeuge über mir. Oh, zu ihm hin –
Wohl über alte launisch-krumme Straßen,
Wo über totem Wasser Schwäne ziehn…

 

 

 

Vorwort

Von den bedeutenden Dichtern des „Silbernen Zeitalters“ der russischen Literatur (das heißt, der um die Jahrhundertwende „kommenden“ Generation) ist nach dem frühen Tode Alexander Blocks (1921), dem tragischen Ende Sergej Jessenins (1925) und Wladimir Majakowskijs (1930), dem bis heute noch nicht aufgeklärten Untergang Ossip Mandelstams (1940?) und Boris Pasternaks Hinscheiden (1960) Anna Achmatowa die einzige große Dichterin, die die schweren Jahre der Revolution und des Bürgerkrieges, der Not und der persönlichen Anfeindungen ungebrochen überstanden hat und aus diesem Leid als die ebenbürtige Gefährtin ihrer einstigen Weggenossen in der Dichtkunst hervorgegangen ist. Die junge Generation in der Heimat der Dichterin erkennt Anna Achmatowa unbestritten das Zepter der Dichtkunst zu und erblickt in ihr ein noch unerreichtes Vorbild. Anna Achmatowa ist in Rußland geblieben. Der Stadt ihrer Wahl und ihrer Liebe, Leningrad (St. Petersburg), hat sie in den schweren Jahren die Treue gehalten und sie auch während des Zweiten Weltkrieges nur gezwungenermaßen vorübergehend verlassen.
In den Augen ihrer Zeitgenossen gilt Anna Achmatowa als Repräsentantin einer Kunst, die keine Kompromisse kennt. Sie wußte zu schweigen und zu warten; sie ist zu einer symbolhaften Gestalt geworden.
Die vor dem Ersten Weltkrieg und vor der Oktoberrevolution veröffentlichten Gedichtbände: Abend (1912) und Rosenkranz (1914) begründeten ihren frühen Ruf. Die folgenden Gedichtsammlungen: Der weiße Schwarm (1917), Wegwarte (1921) und Anno Domini XXI (1922) weisen die Dichterin bereits als die bedeutendste russische Lyrikerin ihrer Zeit aus.
Während sich in ihren frühen Gedichten – die sich bereits durch einprägsame Schlichtheit der Diktion und dichterische Freiheit, die an die großen Vorbilder der russischen Dichtung (Puschkin, Tjutschew, Fjet und Kusmin) erinnern, besonders auszeichnen, – die Thematik auf persönliches Erleben beschränkt, lassen die während des Krieges entstandenen Verse, die Erlebnisse und Ereignisse schildern, die sich vor dem tieferen Hintergrund der leidvollen Kriegsjahre vollziehen, die drohende Katastrophe ahnen. Mit der großen Erschütterung vollzieht sich auch die Wandlung, das heißt, das Heranreifen zur großen dichterischen Persönlichkeit unter sich mehrendem Reichtum der Ausdrucksmittel bei gleichzeitiger Vereinfachung der Form: in Versen von epigrammatischer Prägnanz und echtem Pathos gibt die Dichterin der gemeinsamen Not Ausdruck, sucht und findet Stärke und Trost in der Besinnung auf unverlierbare Werte.
Als Frucht dieser leidvollen Jahre ist vor allem die Gedichtsammlung Anno Domini XXI zu nennen.
Mit den Vertretern der offiziellen Kunst in Konflikt geraten, zog es Anna Achmatowa vor, zu schweigen. Erst im Jahre 1940 erschien der Auswahlband Aus sechs Büchern, der, bald vergriffen, keine weitere Auflage erlebte. Als nach Stalins Tod die sogenannte Tauwetterperiode einsetzte, ergab sich auch für Anna Achmatowa die Möglichkeit, mit neuen Werken an die Öffentlichkeit zu treten; 1956 und in den folgenden Jahren erschienen in der Moskauer Literaturzeitschrift Nowyj Mir (Neue Welt) einzelne Gedichte aus der letzten Schaffensperiode, bis endlich 1961 der Staatsverlag für schöne Literatur einen Auswahlband herausbrachte, der das gesamte Œuvre Anna Achmatows berücksichtigt.
In den letzten Gedichten zeigt sich Anna Achmatowa in einer neuen, gleichsam abgeklärt-heiteren Weise, zumal dann, wenn sie das Wesen der Dichtung, das Schaffen des Dichters, dessen Voraussetzungen und Umstände zum Vorwurf ihrer Verse wählt.
In der hier gebotenen Auswahl wurde vor allem die 1961 erschienene Sammlung als Vorlage verwendet; es wurden aber auch in der Ausgabe von 1961 nicht enthaltene Stücke aus den früheren Sammlungen herangezogen, weil sie für das Schaffen der Dichterin besonders bedeutungsvoll und kennzeichnend erscheinen.
Ein größeres Werk der Dichterin, das „Poem ohne Helden“ – während des Zweiten Weltkrieges entstanden und in der Heimat der Dichterin vorerst nur in Bruchstücken veröffentlicht –, ist in unserer Auswahl nicht vertreten. Diese Bruchstücke, die zahlreiche Anspielungen auf Personen und Zustände der Vergangenheit enthalten, müssen dem deutschen Leser ohne Kommentar unverständlich bleiben. Wir behalten uns jedoch vor, dieses Poem, das das Leben in Rußland (insbesondere das der Petersburger Gesellschaft) vor dem Ersten Weltkriege in einer dichterischen Schau zeigt, die bis zu den moralischen Wurzeln dieser Welt vordringt und gewissermaßen ein Reue- und Schuldbekenntnis eines Mitlebenden ausspricht, das nicht der Rechtfertigung, sondern der Entsühnung gelten soll, einmal in vollständiger Übertragung vorzulegen.

Xaver Schaffgotsch, Vorwort

 

Anna Achmatowa: Das Echo tönt,

ausgewählt und übertragen von Xaver Schaffgotsch; Limes Verlag, Wiesbaden; 67 S., 6,80 DM gibt mit fünfzig Gedichten zwar einen knappen Überblick über das (bisher bekannte) Gesamtwerk Anna Achmatowas, mit nicht einmal fehlerfreien Übersetzungen, die Reim und Versmaß des Russischen nachzuvollziehen versuchen, aber neben empfindlichen stilistischen Schwächen offenbaren sie ein derart unsicheres Gefühl für Rhythmus, daß sich die Originale zu ihren Reproduktionen verhalten wie kindlich zu kindisch. Wenige Ausnahmen – im ganzen ist das nicht nur schade, sondern bereits Schaden, der besser unterblieben wäre.

Roman Braun, Die Zeit, 9.4.1965

 

Die Nichtbegegnung 

Im literarischen Anekdotenschatz der Sowjetunion gab es einen Ausspruch, der dem Schriftsteller Lew Kassil zugeschrieben wurde. Der erfolgreiche Jugendbuchautor soll im Jahre 1952 über den natürlichen Tod eines hohen Parteibonzen gesagt haben:

Solche wie der kriegen also auch Herzanfälle.

Diese für westliche Ohren banal klingende Feststellung war ein Volltreffer: Sie rüttelte am Mythos der höheren Nomenklatura. Künstlich getrennt von der übrigen Bevölkerung, umgeben von einer Aura geheimnisvoller Macht, konnte den eisernen Männern allenfalls eine schwere Krankheit etwas anhaben – vorausgesetzt, sie waren nicht zu Opfern der nächsten Säuberungswelle auserkoren. Die Erkenntnis, daß sie alle nur gewöhnliche Sterbliche waren, mußte in der Zeit vor Stalins Ableben geradezu revolutionär wirken.
Mit der Beisetzung des Georgiers im Mausoleum neben Lenin verschwand die letzte absolute Autorität der russischen Geschichte. Die augenblicklich einsetzenden Machtkämpfe brachten das zuvor festgefrorene Kaderkarussell wieder in Bewegung. Jeden Tag wurde jemand aus der Hierarchie abgelöst oder zwangsversetzt – ein Teil der Fälle wurde sogar der Öffentlichkeit preisgegeben. Würdenträger aller Ränge mußten den Verlust ihrer Unantastbarkeit als große Demütigung erleben.
Im März 1955 wurde gegen Aleksandr Jegolin, den führenden Kulturfunktionär des Zentralkomitees, und Georgij Aleksandrow, den Kulturminister der UdSSR, ein strenges Parteiverfahren eingeleitet. Dies bedeutete ein jähes Ende ihrer Karrieren. Man warf ihnen vor, sie hätten für sich und andere hohe Tiere in einer Datsche nahe Moskau ein privates Bordell eingerichtet. Als Prostituierte hätten dort Studentinnen des nach Maxim Gorkij benannten Literarischen Instituts gearbeitet.
Die beiden in Ungnade gefallenen Genossen hatten erheblichen Anteil an Achmatowas Werdegang. Aleksandrow war bereits 1940 am Verbot des Gedichtbandes Aus sechs Büchern beteiligt gewesen, und Jegolin hatte als eifriger Berichterstatter und Zitatenschnüffler am Beschluß gegen die Zeitschriften Swesda und Leningrad mitgewirkt. Sein Lohn war die Ernennung zum Chefredakteur der am Leben erhaltenen, aber personell gesäuberten Swesda.
Die Gerüchte über Jegolins und Aleksandrows Orgien verbreiteten sich wie ein Lauffeuer unter den Literaten des Landes. Kornej Tschukowskij empörte sich vor allem über die windelweiche, allein auf sexuelle Ausschweifungen beschränkte „Parteirüge“ gegen Schdanows Ghostwriter, den gelernten Literaturhistoriker Jegolin. „Wird er wirklich nur deswegen verurteilt“, schrieb er in sein Tagebuch, „und nicht, weil er, der Parasit, Uschinskijs, Tschechows und Nekrassows Werke ,herausgab‘ und, ohne selbst etwas zu tun, alle Arbeiten anderen aufbürdend, für seine ,Herausgebertätigkeit‘ mehr bekam als Tschechow, Uschinskij und Nekrassow in ihrem ganzen Leben…“ Noch Jahre später, als ihn die Todesnachricht des einst Mächtigen erreicht hatte, konnte er seinen Unmut nicht zügeln:

Er begleitete Schdanow während des unverschämten Feldzugs gegen Achmatowa und Sostschenko und führte sich in Pitjer (Leningrads populärer Name, G. D.) als Henkersknecht auf. (…) Als Tschechows nomineller Herausgeber verdiente er an dessen Werken mehr als Tschechow.

Jegolins Sündenliste, besonders was Geldgier anbelangt, läßt sich fortsetzen. So hatte er zum Beispiel seine für Schdanow geleistete Vorarbeit zu einem Zeitschriftenartikel umfrisiert, in der erbeuteten Swesda unter dem Pseudonym Jeljugin veröffentlicht und dafür Honorar kassiert. Diese Art von Unverfrorenheit wurde während des Verfahrens ebensowenig thematisiert wie die Forderung einiger Schriftsteller und KP-Mitglieder, Jegolin wegen seiner moralischen Verfehlungen aus der Partei auszuschließen.
Anna Achmatowa reagierte auf den Sündenfall ihres Widersachers mit einem einzigen Satz, der an eine matte Handbewegung erinnert:

Und ausgerechnet Jegolin fand meine Gedichte unkeusch.

Möglicherweise ahnte sie bereits, welche Art von Gerechtigkeit trotz der beginnenden Rehabilitierungen von den neuen alten Herren des Kreml zu erwarten war.

Der Prozeß der Freilassung politischer Gefangener aus dem Gulag nahm mehrere Jahre in Anspruch. Dieser Umstand hing mit deren außerordentlich hoher Zahl sowie mit der geringen Funktionsfähigkeit des sowjetischen Rechtssystems zusammen. Die Massenverhaftungen und Hinrichtungen der späten dreißiger Jahre waren mit Hilfe eines drastisch vereinfachten und beschleunigten Verfahrens durchgesetzt worden. Ein durchschnittlicher Prozeß bei der OSO (Sondersitzung des Militärtribunals), der mit dem Todesurteil oder fünfundzwanzig Jahren Lagerhaft ohne Recht auf briefliche Korrespondenz enden konnte, dauerte oft nicht länger als zwanzig Minuten. Verletztes Recht hingegen ließ sich nicht mit vergleichbarer Schnelligkeit restituieren.
Vor allem fehlte es an klaren juristischen Kriterien: Wer sollte rehabilitiert und wer nur amnestiert werden? Was sollte mit den „Nebenstrafen“ für die Rückkehrer geschehen – etwa mit dem üblichen Aufenthaltsverbot in den Hauptstädten des Landes? Das grundlegende Problem lag jedoch viel tiefer. Wie konnten Hunderttausende Opfer des Unrechts für unschuldig erklärt werden, ohne daß die Frage der kollektiven Verantwortung des gesamten Systems gestellt werden mußte? Sowohl die Entscheidungsträger als auch die Befehlsvollstrecker von einst lebten und waren weiterhin aktiv. So war es nicht verwunderlich, daß sie alles taten, damit das „Tauwetter“, wenn es sich denn schon ereignete, höchstens die Spitze des Eisberges zum Schmelzen bringen konnte.
Der Segen einer direkten politischen, juristischen und moralischen Rehabilitierung wurde fast ausschließlich ehemaligen Angehörigen des Parteiapparates oder des Offizierkorps zuteil. Selbst bei der Verdammung Stalins ging es im engeren Sinne um sie, um die „desjatki tyssitsch“ (Zehntausende) unschuldig verfolgter Kommunisten. In zweiter Linie begünstigte die Rehabilitierung Künstler und Wissenschaftler entsprechend dem Grad ihrer Berühmtheit und ihrer Nähe zur offiziellen Kulturelite. Alles, was unterhalb dieser Ebene litt und gelitten hatte – Millionen von Arbeitern, Bauern, Geistlichen, Soldaten, Kosaken, Homosexuellen, Militärdienstverweigerern, illegalen Abtreibern und ihren Klientinnen, oder gar ganze Volksgruppen wie die Tschetschenen und die Kalmücken – gewannen mit der Entstalinisierungskampagne bestenfalls ihr nacktes Leben.
Leute wie der Kunsthistoriker Nikolaj Punin oder der Ethnologe Lew Gumiljow gehörten zur Kategorie der „klassenfremden Intellektuellen“. Solche Gefangenen waren von der staatlichen Gnade nicht automatisch betroffen. Ihre Befreiung erforderte „chlopoty“ (Bemühungen), also eine intensive Fürbittenaktion bei den Behörden. Selbstverständlich kamen spätestens nach dem XX. Parteitag der KPdSU fast alle namhaften Opfer des Stalinismus frei. Doch für die Betroffenen und ihre Angehörigen war es nicht gleichgültig, wann zwischen 1953 und 1956 sie von diesem Augenblick des Glücks ereilt wurden.
Nikolaj Punin war es nicht vergönnt, seine Rehabilitierung noch zu erleben. Am 21. August 1953 starb er im nördlichen Workuta-Lager eines „natürlichen Todes“ – ein Begriff, der lediglich besagt, daß er nicht direkt ermordet wurde. Obwohl die große Zeit ihrer Liebesbeziehung schon lange zurücklag, war Punins Tod ein schwerer Schock für Anna Achmatowa. Sie hatte Punin immer als Teil ihres Lebens akzeptiert, bewohnte gemeinsam mit seiner ehemaligen und gegenwärtigen Familie dieselben Räume und nahm nach wie vor Anteil an seinem Schicksal. Außerdem war von nun an die Befreiung ihres Sohnes Lew für sie mehr als eine bloße Zeitfrage, denn ihr Sohn war krank, und jeder weitere Tag im Lager konnte dazu führen, daß er Punins Los teilte.
Trotz der Intervention prominenter Wissenschaftler zugunsten des jungen Gumiljow zog sich seine Entlassung unerträglich lange hin. Da es viele solcher ungelöster Fälle gab und die Gefahr von Häftlingsrevolten immer mehr zunahm, wurde eine Sonderkommission unter dem Vorsitz des Politbüromitglieds Anastas Mikojan gebildet, um die Freilassungen an Ort und Stelle zu beschleunigen. Dieser Ausschuß bewirkte Lew Gumiljows Entlassung aus dem sibirischen Lager, obwohl die formale Amnestierung erst einige Monate später nachgereicht werden konnte.
Achmatowa wartete ungeduldig, beinahe verzweifelt auf die Entscheidung, konnte jedoch erst gegen Ende März 1956 aufatmen und ihrem engsten Freundeskreis die schlaue Frage stellen:

Stimmt es, daß man für 800 Rubel bereits einen guten Männeranzug kaufen kann?

Am 15. Mai trafen sich Mutter und Sohn nach sechseinhalb Jahren Trennung in der Moskauer Wohnung der Familie Ardow. Doch schon bald nach dem glücklichen Wiedersehen entbrannten zwischen ihnen Konflikte, die bis zu Anna Achmatowas Tod andauerten. Bezeichnend für sowjetische Verhältnisse kamen die ersten Reibungen durch den Mangel an Wohnraum zustande.
Achmatowas Sohn war im Fontannij Dom verhaftet worden, in der Wohnung, wo er gesetzlich gemeldet war, jedoch nicht über ein eigenes Zimmer verfügte. Als im März 1952 der Hauseigentümer, das Institut für Polarforschung, die Wohngemeinschaft Punin-Achmatowa – wahrscheinlich in Kooperation mit der Geheimpolizei – aus diesen Räumen förmlich herausekelte, bekamen sie ein kleineres Quartier in der Krassnaja Konnitza zugewiesen. 1955 erhielt Anna Achmatowa als Mitglied des Literaturfonds ein Häuschen in Komarowo bei Leningrad, das sie angesichts seines mehr als bescheidenen Zustands „die Bruchbude“ nannte. Als Lew zurückkam, hatte er nicht automatisch das Recht, sich in der Wohnung der Punins anzumelden, und Achmatowa konnte ihm nur Komarowo anbieten. Er lehnte es ab, dort zu wohnen, und fühlte sich, nunmehr obdachlos, von seiner Mutter verstoßen.
Lew Gumiljow hatte bereits in seinen Briefen aus dem Gulag an Emma Gerstejn behauptet, Achmatowa kümmere sich zu wenig um ihn und seine Freilassung. Diese mitunter heftigen Vorwürfe hatten ihre ursprüngliche Frische selbst noch im Jahre 1989 bewahrt, als er in einem Interview über seine Mutter sagte:

In Wirklichkeit hat sie nie ein Gesuch zugunsten meiner Freilassung eingereicht, folglich konnte es auch keine realen Bemühungen geben. Als ich aus dem Omsker Lager zurückkehrte, habe ich sie gefragt, warum sie kein Gesuch eingereicht hat. Darauf konnte sie mir keine Antwort geben, obwohl sie 1910 in Kiew an einem Juralehrgang für Frauen teilgenommen hat. Mama hat nicht gelernt, daß jede Angelegenheit mit dem Einreichen eines Gesuchs oder, wie es damals hieß, einer Bittschrift zu beginnen hatte. (…) Diese Frage stieß bei meiner Mama auf vollkommenes Unverständnis.

Nichts ist leichter, als die naive Absurdität dieser Argumentation zu widerlegen. Die Annahme, ein Jurakurs für Frauen anno 1910 sei ein geeignetes Rüstzeug gegenüber dem Unrechtssystem des Jahres 1949 oder gar 1954, ist offensichtlich ein Hirngespinst, wie es nur ein jahrzehntelang frustriertes und unglückliches Bewußtsein produzieren kann. Gumiljow hat wohl kaum die Eingaben Achmatowas während seiner Haftzeit vermißt, sondern er mußte zeitlebens jene elementare Fürsorge entbehren, die durchschnittliche Söhne gewöhnlicher Mütter ohne weiteres für sich beanspruchen können. Im Bruch der späten fünfziger Jahre zwischen Achmatowa und ihrem Sohn rächten sich die emotionalen Entbehrungen aus Lews Kindheit, die er bei den Großeltern in Beschetzk verbringen mußte.
Lew Gumiljow war der begabte Sohn einer genialen Frau, wuchs im Schatten des erschossenen Vaters auf und verbrachte dreizehn der produktivsten Jahre seines Lebens hinter Stacheldraht. Jeder einzelne dieser äußeren Umstände hätte vollkommen ausgereicht, um ihn seelisch zu verkrüppeln. Das eigentliche Verhängnis lag jedoch darin, daß er – abgesehen von seiner „Ursünde“ aus dem Jahre 1934, als er Ossip Mandelstams Stalin-Satire im engsten Kreise vorlas – für sein eigenes Schicksal nicht verantwortlich war. Es wurde ihm durch seine Herkunft aufgezwungen.
Seit seiner frühesten Jugend lastete auf Gumiljow seine Abstammung als eine außergewöhnliche Herausforderung. „Meine Mutter hat mir immer gesagt: Wenn ich ihr Sohn bleiben will, dann muß ich vor allen Dingen der Sohn meines Vaters sein“, soll er bei einem Verhör ausgesagt haben. Er war nicht imstande, diesen hohen Ansprüchen standzuhalten. Im Verhör wurde er gebrochen, und er unterschrieb jedes Protokoll – ebenso wie die meisten Opfer des Stalinismus bis auf einige wenige, sehr einsame Helden. Unter anderem mußte Gumiljow in der Lubjanka über Isaiah Berlin aussagen. Wie dies vor sich ging, wissen wir von Emma Gersrejn:

Wahrscheinlich versetze ich Sir Isaiah Berlin in Erstaunen, wenn ich mitteile, daß Ljowa sehr hart befragt wurde über den Besuch des Diplomaten (…) bei seinem Mütterchen. In den ersten Tagen nach seiner Rückkehr, als sein Bewußtsein noch völlig chaotisch war, konnte Ljowa nicht zusammenhängend erzählen, was er in diesen Jahren erdulden mußte. Um so glaubhafter waren die Worte, die ohne Kontrolle aus ihm herausbrachen. So quälte ihn beispielsweise, daß er über Anna Andrejewna mit Geringschätzung gesprochen hatte im Zusammenhang mit der Befragung über den fatalen Besuch: „Mama ist ihrer Eitelkeit zum Opfer gefallen.“ (…) Einmal erinnerte sich Ljowa ungewollt daran, wie der Ermittler, ihn an den Haaren zerrend, seinen Kopf gegen die harte Wand des Lefortowo-Gefängnisses schlug und ihn aufforderte, zuzugeben, daß Achmatowa ihre Spionagetätigkeit zugunsten Englands fortgesetzt habe.

Dementsprechend wurde der Rückkehrer, obwohl er außer sich selbst niemandem Schaden zugefügt hatte, von schweren Selbstvorwürfen geplagt. Aber auch seine Mutter war nicht ganz frei von Schuldgefühlen. Während sie alles, was mit ihr seit 1917 geschehen war, gewissermaßen als „verdientes Schicksal“ erlebte, dessen heroische Tragik sie mit moralischer Genugtuung erfüllte, so geriet sie wegen Lews gänzlich unheroischer Lagerhaft unter einen lebenslangen quälenden Rechtfertigungsdruck.

Im Sommer 1956 kam Isaiah Berlin – damals trug er bereits den Titel „Sir“ – wieder nach Moskau. Er verbrachte dort mehrere Wochen als privater Gast des britischen und des amerikanischen Botschafters, und zwar nicht allein, sondern in Begleitung seiner jungen Frau. Er suchte seine Bekannten von früher wieder auf, allerdings nicht ausnahmslos. So konsultierte er, bevor er sich dazu entschloß, mit Anna Achmatowa Kontakt aufzunehmen, seinen besten russischen Freund Boris Pasternak.
Die erste Neuigkeit, die er von diesem hörte, lautete: Der Roman Doktor Schiwago, zur Zeit von Berlins erstem Moskau-Besuch noch in Arbeit, sei nun fertig. Pasternak hatte das Manuskript nach Italien schmuggeln lassen, um es dort zu veröffentlichen. Angesichts der Tatsache, daß Doktor Schiwago gleichzeitig von mehr als einem Dutzend sowjetischer Redakteure in einer sogenannten „internen Rezension“ als „konterrevolutionäres Machwerk“ verurteilt worden war, konnte man die Folgen einer Westpublikation einigermaßen abschätzen.
Obwohl der große Skandal erst zwei Jahre später ausbrach, als die Schwedische Akademie Boris Pastnernak den Nobelpreis für Literatur zusprach, befand sich der Dichter während dieser Sommermonate in einem Zustand äußerster Erregung. Dies ist deshalb wichtig zu erwähnen, weil Pasternaks Gemütsverfassung zweifelsohne Einfluß auf die Haltung des britischen Besuchers hatte.
„Pasternak sagte mir“, erinnerte sich Sir Isaiah, „daß Achmatowa mich zwar sehen wolle, aber ihr Sohn, der bald nach unserer Begegnung verhaftet wurde, erst jetzt aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sei. Treffen mit Ausländern seien für sie jetzt unerwünscht, vor allem deshalb, weil sie die gegen sie gerichteten wütenden Angriffe der Partei mindestens teilweise meinem Besuch im Jahre 1945 zuschreibe. Pasternak sagte, er bezweifle, daß mein Besuch ihr irgendwie schaden könne. Da sie jedoch offensichtlich dieser Meinung sei und man ihr geraten habe, kompromittierende Kontakte zu meiden, könne sie sich nicht mit mir treffen.“ Bis zu diesem Punkt folgte Pasternaks Auskunft einer gewissen Rationalität. Dann aber machte er folgende Mitteilung:

Aber sie (Achmatowa) wünsche, daß ich sie anrufe – das sei ungefährlich, weil all ihre Gespräche ebenso abgehört würden wie seine.

Das Bindewort „weil“ in diesem Satz geleitet uns in die Welt der märchenhaften osteuropäischen Angstphantasien. Es bedeutet, daß man die hauptberuflichen Schnüffler durchaus in den Griff bekommen kann, indem man in ihrer durch Mikrophone oder Wanzen gewährleisteten Anwesenheit ungeniert offenherzige Mitteilungen macht. Demgegenüber ist die böse Behörde geradezu machtlos. Selbst Pasternak war von dieser Theorie Achmatowas offensichtlich verwirrt, denn er fügte ebenso unverständlich wie unlogisch hinzu, Berlin solle weder aus der Britischen Botschaft noch aus seiner, Pasternaks, Wohnung bei Achmatowa anrufen, sondern „eine öffentliche Telefonzelle benutzen“.
Das alles müssen wir berücksichtigen, wenn wir den psychologischen Hintergrund jenes dramatischen Ereignisses verstehen wollen, das in Achmatowas Dichtung und in die Achmatowa-Rezeption als die „Nichtbegegnung“ eingegangen ist. Denn die Dichterin hielt sich zur selben Zeit wie Sir Isaiah in Moskau auf – theoretisch hätten sie sich zufällig auf der Straße oder bei einem gemeinsamen Bekannten treffen können.
Die meisten Quellen stimmen dahingehend überein, daß Achmatowa ein Treffen mit Berlin ausgeschlagen hat, weil sie fürchtete, eine erneute Begegnung mit dem Ausländer könne ihrem soeben freigelassenen Sohn schaden. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt unberechtigt erscheint, war diese Angst gleichzeitig nicht unbegründet. Es war die Angst des gebrannten Kindes, die bis zur Todesstunde bestehen bleibt.
Als Achmatowas Bruder Michail Gorenko 1956 nach mehreren Jahrzehnten zum ersten Mal einen Brief aus den USA an seine Schwester schickte, war diese so erschrocken, daß sie im „Großen Haus“, der Leningrader Abteilung des KGB, nachfragte, ob sie überhaupt das Recht habe, Post aus dem Ausland zu empfangen.
Die Geheimpolizisten gestanden ihr dieses Recht zu. Nachdem sie in der Sowjetunion bereits anerkannt war, im Mai 1962, ließ sie sich noch immer darauf ein, wenn ein subalterner Beamter aus dem Leningrader Schriftstellerverband ihr den Rat gab, bestimmten amerikanischen Journalisten unter dem Vorwand einer Erkrankung keine Audienz zu gewähren. Selbst noch im Sommer 1965, auf dem Höhepunkt ihres Triumphs während des Oxford-Besuchs, wurde sie von Ängsten gequält, wenn sie daran dachte, daß sie nach ihrer Rückkehr – wie bereits nach ihrer Italienreise im Vorjahr – von einem KGB-Beamten höflich nach ihren Eindrücken befragt werden würde.
Die Furcht vor Begegnungen mit Ausländern war für die sowjetische Gesellschaft mit ihrer offiziell oktroyierten Xenophobie eine natürliche Erscheinung. In diesem Sinne war Achmatowas Ablehnung einer Begegnung mit Berlin nur eine reflexhafte Anpassung an verinnerlichte Normen. Nadeshda Mandelstam siedelt die Entscheidung direkt auf einer philosophischen Ebene an:

Die Ursache der ,Nichtbegegnung‘ war offensichtlich und real: Das künstliche Hindernis, errichtet zwischen den beiden Welten, die blinde Mauer, der undurchdringliche Wall. Leute, die einander etwas zu sagen hatten, waren räumlich absolut getrennt.

Die heute dreiundneunzigjährige Literaturhistorikerin Emma Gerstejn, die in Moskau lebt, vertrat in einer Veröffentlichung 1995 die Ansicht, die Begegnung wäre durchaus möglich gewesen. Verhindert worden sei sie ausschließlich durch Pasternaks irrationale Befürchtungen, die Berlin einfach übernommen habe. „Der freundschaftliche Dienst“, sagt Gerstejn spöttelnd, „den Boris Leonidowitsch Anna Andrejewna erwiesen hat, brachte ihn in eine ungeschickte Situation. Nicht weniger ungeschickt mußte sich der Gentleman fühlen, dem die Dame die Audienz verweigert hatte – um so mehr, da er hier noch in eine Politik verwickelt wurde, die in den Augen eines Vertreters aus einem europäischen Land mit hohem rechtsstaatlichen Bewußtsein völlig phantastisch sein mußte. Beide Gesprächspartner vergaßen dabei ihre eigenen Beobachtungen des sowjetischen Lebens, in dem sie so eindeutig die Anwesenheit irrationaler Prinzipien entdecken konnten. Hier hat jedoch das treue Gefühl der Historie sie im Stich gelassen, und sie suchten die nüchterne Vernunft dort, wo es sie niemals gegeben hatte und geben konnte.“

Der zweite mögliche Grund dafür, daß Anna Achmatowa eine Wiederbegegnung mit dem „Gast aus der Zukunft“ ausschlug, konnte ihr beleidigter Stolz sein – genauer gesagt, eine bittere Liebesenttäuschung.
Pasternak kam einem Anruf Berlins zuvor und teilte Achmatowa schonungsvoll mit, Sir Isaiah sei nicht allein in Moskau, sondern zusammen mit Lady Berlin, und diese sei entzückend. Erst danach fand das spektakuläre Telefongespräch statt, wahrscheinlich unter Berücksichtigung der Sicherheitsvorkehrungen des übervorsichtigen Autors des Doktor Schiwago, eines Buches, das im übrigen jede Vorsicht von vornherein sinnlos machte. Sir Isaiah erinnert sich:

Ich habe noch am selben Tag bei ihr angerufen. „Ja, Pasternak sagte mir, daß Sie und Ihre Frau in Moskau sind. Ich kann Sie nicht sehen aus Gründen, die gerade Ihnen klar sein müssen. Wir können telefonisch sprechen, denn dann werden die auch wissen, worüber wir sprechen. Wie lange sind Sie verheiratet?“ – „Nicht sehr lange,“ sagte ich. „Und genauer?“ – „Seit Februar diesen Jahres.“ – „Ist sie Engländerin oder vielleicht Amerikanerin?“ – „Nein. Halb Französin, halb Russin.“ – „Aha.“ – Es folgte eine lange Pause. „Schade, daß Sie mich nicht treffen können. Pasternak sagt, Ihre Frau sei entzückend.“ Wieder eine lange Pause.

Berlin wies in mehreren Gesprächen – unter anderem auch bei unserer Begegnung in London – korrekterweise darauf hin, daß seine Version des Telefongesprächs von der Anna Achmatowas abweiche. In Wirklichkeit gibt es zwischen den beiden Überlieferungen kaum einen faktischen Widerspruch, aber sicherlich eine Kluft, was den emotionalen Hintergrund angeht. Das, was die Dichterin gegenüber Lidija Tschukowskaja am 23. August 1956 offenbarte, war nicht mehr und nicht weniger als ein neues Kettenglied in der langen Folge von Achmatowa-Tragödien:

Ein Herr – selbstverständlich ahnen Sie, um wen es sich handelt, denn Sie und noch ein, zwei Freunde wissen, worum es geht – hat mich angerufen und war durch und durch erstaunt, als ich ein Treffen mit ihm ablehnte. Aber er hätte von sich aus darauf kommen können, daß ich mich nach alledem nicht auf ein neues Risiko einlassen kann… Er hat mir eine interessante Neuigkeit mitgeteilt: Er hat erst im vorigen Jahr geheiratet. Stellen Sie sich vor, welch ein Respekt mir gegenüber: Erst im vorigen Jahr! Einen Glückwunsch hätte ich in diesem Fall für eine zu schlichte Formel gehalten. Ich sagte zu ihm: „Nun, das ist auch gut so!“, worauf er antwortete… nun, ich werde nicht weitererzählen, was er antwortete…

Tschukowskaja blieb die Tragweite des Geschehenen nicht verborgen:

Obwohl sie spöttelnd sprach, tat sie dies jedoch mit einer tiefen, langsamen, leidgeprägten Stimme, und ich begriff, daß sie mich heute ausschließlich deshalb gerufen hatte, um diese ,Nichtbegegnung‘ zu erzählen.

Viele russische Autoren glaubten an Zahlenmystik. Der Barde Wladimir Wyssotzkij verfaßte ein Lied, in dem er Zusammenhänge bestimmter Ziffern mit Dichterschicksalen feststellte: So starb Lermontow im sechsundzwanzigsten Lebensjahr, und Jessenin erhängte sich im Jahre 1926 im Hotel Angleterre. Puschkin war 37, als er im Duell fiel, und Majakowskij erschoß sich als Siebenunddreißigjähriger. Dasselbe Lebensalter erreichte Rimbaud und auch Lord Byron, der bei Missolounghi den Heldentod fand. Nicht zuletzt war Wyssotzkij 37 Jahre alt, als er dieses Chanson schrieb, und die Zahl 37 symbolisierte für ihn ohnehin das Jahr des Großen Terrors.
Auch Anna Achmatowas Mythologie kannte symbolische Jahreskonstellationen und besondere Kalendertage. So stellte die Dichterin fest, daß Chruschtschow am 14. Oktober 1964, genauer gesagt am 150. Geburtstag Lermontows (1814–1841), zur Abdankung gezwungen worden war, während der hundertste Todestag des Dichters im Jahre 1941 mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion zusammenfiel. Zeitzeugen sagen, daß Achmatowa an einem 5. März starb, also an demselben Tag wie Stalin – allerdings dreizehn Jahre später. Der Literaturkritiker Lew Oserow behauptete, der vierte und letzte Herzanfall habe Achmatowa beim Lesen eines Artikels in der Prawda zum siebzigsten Geburtstag von Andrej Schdanow (1886–1948) ereilt. Ohne den allgemein infarktfördernden Charakter des Zentralorgans der KPdSU leugnen zu wollen, muß ich feststellen, daß der Infarkt die Dichterin bereits am 10. November 1965 ereilt hatte, so daß sie unverzüglich in das Botkin-Krankenhaus eingeliefert werden mußte.
Achmatowa selbst glaubte fest daran, daß die schmerzhaftesten Ereignisse ihres Lebens mit dem Monat August zusammenhingen. Am 7. August 1921 starb ihr Meister Aleksandr Blok. Am 25. August desselben Jahres wurde Nikolaj Gumiljow erschossen. Der berüchtigte Beschluß des ZK aus dem Jahre 1946 war auf den 14. August datiert. Am 26. August 1949 wurde Nikolaj Punin im Fontannij Dom verhaftet, und vier Jahre später, am 21. August 1953, starb er im Lager. Allein Lew Gumiljows Verhaftungen (März 1938 und November 1949) folgten nicht diesem Schema. 

Wenden wir uns von der Zahlenmystik ab, indem wir ein zusätzliches mystisches Datum zum Ausgangspunkt unserer weiteren Suche nach Gründen der „Nichtbegegnung“ wählen. Am 14. August 1956, dem zehnten Jahrestag ihrer Exkommunikation, schrieb Achmatowa in der Datsche der befreundeten Familie Scherwinskij nahe Moskau ein Gedicht mit dem Titel „Traum“, das sie später zusammen mit anderen teils alten, teils neu entstandenen Versen in den Zyklus „Die Heckenrose blüht“ aufnehmen sollte. Hier findet sich der erste Hinweis darauf, daß etwas Außergewöhnliches und Bedeutsames geschehen war: 

O mein August, wie konntest du solch Kunde
an diesem schlimmen Jahrestag mir bringen!

Neun Tage später trug Lidija Tschukowskaja in ihr Tagebuch den Bericht Achmatowas über das bereits erfolgte Telefongespräch mit Berlin ein. Aus derselben Quelle geht hervor, daß Achmatowa und Tschukowskaja sich am 15. oder 16. August trafen, nachdem die Dichterin nach Moskau zurückgekehrt war. Bei dieser Begegnung erwähnte sie Berlin mit keiner Silbe. Auf die Frage der Freundin, ob es ihr bei den Scherwinskijs gutgegangen sei, habe sie „vorwurfsvoll“ geantwortet: „,Kann ich mich denn überhaupt irgendwo wohlfühlen?‘ Und ich bemerkte“, so die Eintragung, „wie müde ihre Augen waren.“
Was aber war die „Kunde“, die sie bereits am 14. August erreicht hatte? Das oben erwähnte Gedicht spricht, seinem Titel entsprechend, von einem Traum:

In jener Nacht erschien mir Deine Ankunft.

Wieso „erschien“? Isaiah Berlin war schließlich ganz real in Moskau eingetroffen. Durch eine gründliche Recherche könnte man sogar den genauen Zeitpunkt seiner Landung auf dem Flughafen Wnukowo feststellen. Achmatowa spricht jedoch von einem anderen Ereignis:

Sie war in allem. In Bachs Ciacona
in den Rosen, die umsonst erblühten
(…)
und in dem Herbst, der schon ganz nah gewesen
Und plötzlich, anderen Sinns, sich wieder verbarg

Zweifelsohne war jemand eingetroffen, der bereits schon vorher dagewesen war. Bachs Chaconne, ein von Achmatowa auch früher verwendetes Motiv, ist ein recht eindeutiger Hinweis auf das Erscheinen des „Gastes aus der Zukunft“ im Fontannij Dom. Auch ist die Musik – ob von Bach oder Vivaldi – einer der mystischen Begegnungsorte mit dem Geliebten, die Achmatowa sich wünschte.
Und nun kam im Traum ein konkreter Mensch auf sie zu, dem sie realiter nicht begegnen wollte.
Es kann sein, daß Achmatowa aus Besorgnis über das Schicksal ihres Sohnes, aus verletztem Stolz oder wegen einer Mischung aus beidem die Begegnung mit Berlin ausgeschlagen hat. Die Dichterin Achmatowa artikuliert jedoch ein anderes Gefühl, nämlich das der Verzweiflung:

Womit bezahle ich dein königlich Geschenk?
Wo soll ich hingehn, womit triumphieren?

So spricht jemand, der bettelarm ist und auf einen reichen Gast wartet. Einige Tage später, am 18. August, schreibt sie, als wolle sie ein Mißverständnis klären oder vor einer bitteren Enttäuschung warnen:

Du hast mich ausgedacht. So etwas gibt es nicht
Und kann es auf der Welt nicht geben.
(…)
Wir beide trafen uns im unfaßbaren Jahr,
Da unsre Welt von aller Kraft verlassen;
An Trauer war sie reich, an Hoffnung aber bar,
Und frisch war nur das Feld der Gräbermassen
(…)
Und da nun rief ich dich, rief ich dich zu mir her!
Und was ich damals tat, das war nicht zu verstehen.

Unabhängig von dem Menschen Achmatowa, der gute Gründe für oder gegen eine Begegnung mit dem Menschen Berlin haben konnte, zeigt die Dichterin ein Unbehagen gegenüber dem Gast aus der Zukunft. Damals sei er doch gekommen, behauptet sie, weil sie nach ihm gerufen habe. Die Begegnung zwischen ihnen war einmalig und historisch. Was hingegen hätte ein Wiedersehen erbracht?

Die beiden Gedichte zeigte Achmatowa Lidija Tschukowskaja erst am 14. September, als Berlin sich schon wieder in Oxford befand. Achmatowa sagte dazu:

Bereits voriges Mal waren sie fertig, aber ich habe mich nicht getraut, sie Ihnen vorzulesen. Und niemand sagt mir etwas darüber. Sagen Sie mir bitte zwei Worte.

Tschukowskaja antwortete: „Ich sage genau zwei Worte: große Gedichte.“ – „Nicht schlechter als meine Jugendgedichte?“ – „Nein, besser.“
Hier bekam Achmatowa genau die Antwort, die sie mit ihrer Frage beabsichtigte. Ihr naiver Wunsch, für diese beiden Gedichte bei der besten Kennerin ihrer Poesie das höchstmögliche Lob zu ernten, wurde erfüllt. Wieso aber hatte sie sich den heiß ersehnten Erfolg so lange versagt? Und warum suchte sie diesen zunächst bei anderen Lesern, welche die mit Herzblut geschriebenen Gedichte höchstens mit einem banalen „schön“ oder höflichen „wunderschön“ preisen konnten? Genauer: Warum mußte sie zuerst die vollendete Tatsache der „Nichtbegegnung“ mitteilen (23. August) und erst danach die in diesem Zusammenhang stehenden, aber früher geschriebenen Gedichte vorlesen? Ich glaube, daß sie zum Zeitpunkt der Entstehung der beiden Gedichte, am 14. beziehungsweise 18. August, bereits von Isaiah Berlins Aufenthalt in Moskau wußte, sich zunächst jedoch nicht entscheiden konnte. Und sie wollte nicht, daß die in alles eingeweihte Tschukowskaja von ihrem inneren Zwist erfuhr.
Erst nach dem Telefongespräch mit Berlin entstand der Begriff „Nichtbegegnung“, und er erhielt gleich bei der Entstehung eine für Achmatowa typische Beifügung: die des Geheimnisvollen.

Chiffre Nichtbegegnung,
dein Triumph ist fort.
Ungehaltne Reden,
lautlos jedes Wort.
Blicke sich nicht kreuzen,
ruhen nirgendwo,
nur die Tränen fließen,
sind darüber froh…

Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die Dichterin, die hier ihren frohen Tränen freien Lauf läßt, tatsächlich einen Triumph feierte. Die Nichtbegegnung war „geheimnisvoll“, weil sie Achmatowas Geheimnis in sich barg. Sie ging mit dem „Gast aus der Zukunft“ um wie ihr Staat mit strategisch wichtigen Produktionsstätten und deren Mitarbeitern: Sie erklärte ihn für topsecret. Im August 1956 bestätigte sie ihm diesen Status:

Der geheimnisvolle Gast aus der Zukunft zieht es vor, ungenannt zu bleiben.

Das war kein Wunsch, sondern ein Befehl.
Gleichzeitig dachte sie daran, die größtmögliche Gemeinsamkeit mit Berlin herzustellen. „Er wird mir nie zum lieben Garten“, schrieb sie in der „Dritten Widmung“ zum „Poem ohne Held“, und in einer Strophe, die ursprünglich dem Gedicht „Im Traum“ (nicht zu verwechseln mit „Traum“) angehörte, sprach sie noch direkter:

Lieber Freund, wir werden niemals teilen,
Wie der Höchste uns zu tun befahl,
Weder Tischtuch lädt uns zum Verweilen
Noch Pirogge zu dem Mittagsmahl.

Der Zustand, der hier in negierender Form heraufbeschworen wird, ist zweifelsohne ein der Ehe ähnlicher. Ich bin sicher, daß Achmatowa im November 1945 eine solche Idee keineswegs als lächerlich verworfen hätte. Ihre Phantasie akzeptierte weder Konventionen noch Landesgrenzen. Sie lebte in ihren Traumwelten einfach das, was sie fühlte. Am wenigsten ließ sie sich vom Altersunterschied beeindrucken. Den betrachtete sie ohnehin als einen kosmischen Zufall, wie ein Liebesgedicht bezeugt, das sie mit fünfundsiebzig schrieb:

Wir suchten uns ein falsches Jahr
auch dies nicht, das nicht gab uns Ruh’.
Gott, ob das ein Vergehen war?
Und wessen Schicksal fiel uns zu?
Wir wären besser nicht auf Erden,
des Himmels Kreml käm’ uns zu,
wie Vögel wir, wie Blumen werden,
und doch wär’n wir das – ich und du.

Bei einem solch hohen Grad an Vergeistigung kann die Liebe nicht mehr von weltlichen Kräften bedroht werden; nicht einmal Stalin war dies gelungen. Ein leibhaftig erscheinender Isaiah Berlin hätte diese Transzendenz möglicherweise gestört. Deshalb verbannte ihn Achmatowa im August 1956 in die Welt ihrer Träume. Vielleicht ging es ihr dabei nicht so sehr um Liebe, sondern um das Recht auf die eigene Tragödie. Ein Wiedersehen hätte die Tragödie relativiert, das griechische Schicksalsdrama anekdotisch abgerundet.
Der Preis für diese Art von Beziehung war allerdings hoch. Noch jahrelang erwartete Achmatowa eine mystische Botschaft:

Ruf mich an, wenn heute nicht, dann morgen,
irgendwo wirst du doch sicher sein,
Heimatlos bin ich und voller Sorgen,
Nachricht hab ich nicht und bin allein.
Ich glaub’ seit langem nicht dem Telefon,
dem Rundfunk nicht und nicht dem Telegraf.

Die Annahme, eine Begegnung mit „dem Ausländer“ – so nennt Nadeshda Mandelstam Sir Isaiah Berlin und läßt dabei ein inneres Frösteln ahnen – könne Lew Gumiljow neuen Schaden verursachen, war im Jahre 1956 realitätsfremd. Wenn irgendwelche Amnestien rückgängig gemacht worden wären, so hätte dies bedeutet, die Linie des XX. Parteitags der KPdSU aufzugeben. Der Sturz Chruschtschows wäre die unmittelbare Folge gewesen.
Achmatowa hatte jedoch noch andere neuralgische Punkte. Die Übersetzungsaufträge erbrachten ein für sowjetische Verhältnisse hohes, wenn auch unregelmäßiges Einkommen. Zwar haßte sie diese Tätigkeit von ganzem Herzen – die meisten Gedichte stammten aus dem Chinesischen, Koreanischen, Rumänischen oder Bulgarischen, und Achmatowa bearbeitete sie anhand von Rohübersetzungen. Gleichzeitig wäre sie mit dem Ausbleiben dieser Honorare zu derselben miserablen Existenz wie die Mehrheit der sowjetischen Rentner verurteilt gewesen.
Als noch stärkeres potentielles Druckmittel erwies sich die Möglichkeit, einzelne Gedichte in Zeitschriften oder gar einen neuen Gedichtband veröffentlichen zu können. Um sich die Schwierigkeiten zu vergegenwärtigen, die mit einem solchen Vorhaben verbunden waren, reicht es aus, die Zeitspanne zwischen dem Einreichen des Manuskripts bei dem Verlag am 21. Oktober 1953 und dem Erscheinen des schmalen Büchleins mit dem Titel Gedichte am 5. November 1958 zur Kenntnis zu nehmen.
Die überlange Laufzeit lag in diesem Fall nicht nur an der völlig hypochondrischen Zensur, die in jeder Verszeile staatsgefährdende Absichten witterte, sondern vor allem an dem ungeklärten Status der Dichterin. Dieser wiederum hing von der neuen offiziellen Einschätzung ihrer Person ab. Kurz gesagt: Das Problem Achmatowa war ein Bestandteil des Problems Schdanow. Um die Dichterin wenigstens in die Position zu bringen, die ihr vor dem August 1946 zugestanden worden war, hätte man zuvor den von Schdanow befürworteten ZK-Beschluß revidieren müssen.
Hätte Andrej Schdanow den XX. Parteitag der KPdSU noch erlebt und gegen die Geheimrede Chruschtschows protestiert – was angesichts seiner außergewöhnlichen Treue zum „Chef“ wahrscheinlich erscheint – dann wäre er, ähnlich wie später Molotow und Kaganowitsch, aus dem ZK oder gar aus der Partei ausgeschlossen worden. In diesem Fall hätten die Genossen ihm leichten Herzens alle Fehler der früheren Kulturpolitik in die Schuhe geschoben, und Anna Achmatowa, ihre Loyalität vorausgesetzt, wäre, wenn schon nicht zu Ruhm, so doch zu offizieller Anerkennung gelangt. Der tote Schdanow aber gehörte zu jener Hypothek der Entstalinisierung, die absurderweise schwerer zu bewältigen war als Stalin selbst.
Besonders gereizt reagierte die sowjetische Führung auf jeden Versuch, in den mörderischen Geschehnissen der Stalinzeit Prinzipielles sehen zu wollen – etwas anderes als historischen Zufall oder Folgen des launischen Charakters eines Diktators. Als der italienische KP-Chef Palmiro Togliatti im Mai 1956 in einem Interview für die Zeitschrift Nuovi Argumenti im Zusammenhang mit dem Großen Terror über „gewisse Formen der Entartung“ des Sozialismus sprach, konterte die sowjetische KP mit einer empörten Stellungnahme in Form eines ZK-Beschlusses. Ebenso heftig lehnte die sowjetische Führung den Vorschlag der jugoslawischen Genossen ab, Stalins Theorie und Praxis als „Stalinismus“ zu verurteilen.
Kritische sowjetische Intellektuelle benutzten diesen Terminus ebenfalls nicht, sondern operierten mit dem russisch-archaischen Suffix „schtschina“. „Stalinschtschina“ klang so, als würde man in Deutschland „Hitlerei“ sagen – die Wurzel des Wortes liegt jedoch tiefer. Alle früheren „schtschinas“ der russischen Geschichte – so die berüchtigte „Araktschejewschtschina“ für die stumpfsinnige Unterdrückung des freien Geistes durch den Polizeiminister des Zaren Nikolaj I. – hatten einen leicht verächtlichen Klang, der sich kaum mit der offiziellen Sichtweise von Stalins „Fehlern und Verdiensten“ vereinbaren ließ.
Als am 15. Juni 1956 der im Moskauer Exil lebende türkische Dichter Nazim Hikmet auf einer Schriftstellerversammlung die Kulturpolitik der frühen fünfziger Jahre zum ersten Mal „Schdanowschtschina“ nannte, stieß er bei den systemkonformen Autoren auf harten Widerstand. Eine der wenigen Anwesenden, die ihn unterstützten, war Achmatowas enge Freundin, die Leningrader Lyrikerin Olga Berggolz. Als Parteimitglied mußte sie auf ihre Wortwahl achten, inhaltlich ließ sie jedoch keinen Zweifel über ihre Ansichten aufkommen:

Einer der wichtigsten Gründe, die uns belasten und bei der Vorwärtsbewegung stören, sind jene dogmatischen Beschlüsse, die man in den Jahren 1946–1948 über Fragen der Kunst gefaßt hat. (…) Laßt uns, Genossen, darüber jetzt vollkommen offen sprechen. Warum jetzt? Weil gerade jetzt, nach dem XX. Parteitag, nach dem Bericht des Genossen Chruschtschow über den Personenkult klar geworden ist, daß diese Beschlüsse den persönlichen Geschmack Stalins zum Ausdruck gebracht haben, das heißt, sie waren ausschließlich Folgen des Personenkults.

Die Parteiführung war beunruhigt, hatte jedoch auch Angst vor öffentlicher Polemik, weil sie dadurch Sympathiebekundungen für die namentlich angegriffenen Literaten provoziert hätte. Deshalb ließ der Literaturfunktionär B. Rjurikow in der Prawda die Adressatin seines Angriffs, Olga Berggolz, anonym bleiben: „Es fanden sich einzelne Literaten“, so schrieb er Ende August im zentralen Parteiorgan, „die die bekannten Beschlüsse des ZK über Fragen der Literatur und Kunst als ungültig betrachten. Die Beschlüsse der Partei richten sich jedoch gegen die Trennung der Literatur vom Leben des Volkes, von den politischen Aufgaben unserer Zeit, gegen das Vergessen der Rolle der Kunst bei der Umwälzung der Gesellschaft – und diesen grundsätzlichen Inhalt der Parteidokumente werden wir im Interesse der Entwicklung der sowjetischen Literatur verteidigen.“
Zur Eigenart des formalisierten Parteichinesisch gehörte die Tatsache, daß innerhalb dieses Stils weder Sprachregelungen noch Weglassungen Zufall sein konnten. Wenn Rjurikow im ersten Satz von „Literatur und Kunst“, im letzten jedoch nur noch von „Literatur“ redet, dann ist dies Ausdruck dafür, daß sich die Partei mittlerweile gegenüber den nonverbalen Künsten ein wenig versöhnlicher verhielt. Und tatsächlich: Der Schdanowsche Beschluß über die Musik vom ro. Februar 1948 – gewissermaßen sein Schwanengesang – wurde zehn Jahre später durch einen anderen ZK-Beschluß offiziell zurückgenommen.
Womit läßt sich diese Großzügigkeit erklären? In den meisten sowjetischen Parteidokumenten vermischten sich irrationale Trugbilder und rationale Ängste. So verhielt es sich auch mit dem Beschluß gegen Komponisten wie Schostakowitsch, Hatschaturjan, Prokofjew und Muradeli. Aus dem Schdanowschen Verriß der Oper des letzteren, Die Große Freundschaft, habe ich bereits die geradezu klassischen Sätze zitiert, mit denen Schdanow moniert, die orchestralen und stimmlichen Möglichkeiten des Moskauer Großen Theaters seien nicht hinreichend genutzt, und die mit den Worten enden:

Man soll die Kunst nicht verarmen.

Neben dieser gewöhnlichen Blödheit enthielt Schdanows Kritik jedoch etwas, was durchaus im Sinne der höchsten Staatsraison war:

Die Oper befaßt sich mit dem Kampf um die Errichtung der Freundschaft zwischen den Völkern des Nordkaukasus in den Jahren 1918–1920. Die Bergvölker, von denen die Oper die Osseten, die Lesghier und die Georgier darzustellen versucht, gelangen (…) vom Kampf gegen das russische Volk (…) zum Frieden und zur Freundschaft mit ihm. Die historische Verfälschung liegt dabei darin, daß diese Völker dem russischen Volk nicht feind waren (Hervorhebung von A. Schdanow, G. D.). Dagegen waren die Tschetschenen und die Inguschen damals ein Hindernis für die Freundschaft der Völker im Nordkaukasus.

Wie wir aus den Annalen der Geschichte wissen, hat die sowjetische Regierung das „Hindernis“ der Tschetschenen und Inguschen im Herbst 1944 gewaltsam beseitigt. Der traurige Rest der nach Sibirien verschleppten Volksgruppen durfte erst 1956 in die Heimat zurückkehren. Orte wie Grosny, Budjonnowsk und Perwomajskoje sind heute blutige Symbole dafür, daß jene halbherzige Rehabilitierung die „große Freundschaft“ im Kaukasus alles andere als gefördert hat. Aber damals schien aus sowjetischer Sicht der Zwischenfall erledigt, und Schdanows ansonsten nicht besonders inhaltsreiche Tirade hatte so jeden aktuellen Bezug verloren. Wie Oscar Wilde sagen würde, ahmte die Kunst, oder in diesem Fall die offizielle Kunstkritik, das Leben nach.

Nicht so, was die literarischen Beschlüsse betraf. Abgesehen von Schdanows primitiven Grobheiten enthielten seine Thesen ursowjetisches Leninsches Gedankengut. Erstens wurden die Literaten mehr als andere Künstler als Befehlsempfänger der Ideologie betrachtet. Zweitens richtete sich die Schärfe des damaligen Beschlusses gegen Feindbilder, die im Grunde bis zum Jahre 1988 ihre Wirksamkeit und offizielle Gültigkeit niemals einbüßten. Immer ging es gegen das, was allgemein als „bürgerliche Dekadenz“, „Kosmopolitismus“ oder „Katzbuckelei vor dem Westen“ bezeichnet wurde und was am besten in geschriebenen Texten auf frischer Tat ertappt werden konnte.
Die Verurteilung von Massenhinrichtungen und Massenverhaftungen der Stalinzeit implizierte das Versprechen der Partei, niemals zuzulassen, daß Grausamkeiten von solchem Ausmaß sich wiederholen könnten, und bei allem Hang zur Gewalt hielten sich die Kremlführer nach Stalin an dieses Versprechen. Gleichzeitig erfolgte auf dem XX. Parteitag keine grundsätzliche Distanzierung von der politischen und moralischen Hinrichtung der Gegner, wie sie zum Beispiel an Michail Soschtschenko und Anna Achmatowa vollzogen worden war. Eine solche Distanzierung hätte bedeutet, daß die Partei von da an auf die probate Methode der öffentlichen Verunglimpfung und des Berufsverbots gegenüber Literaten hätte verzichten müssen – ein Zugeständnis, das der sowjetischen KP schwergefallen wäre.
Ohnehin bewirkte allein die Legalisierung der Kritik an dem euphemistisch so genannten „Personenkult“, daß im kulturellen Bereich oppositionelle Energien freigesetzt wurden. Davon zeugte ein Geheimbericht der Kulturabteilung des ZK der KPdSU vom 1. Dezember 1956 „Über einige Fragen der zeitgenössischen Literatur sowie über die unrichtigen Stimmungen unter einem Teil der Schriftsteller“: 

Vor kurzem erschien an der Literaturfakultät der Moskauer Universität eine Wandzeitung, die gespickt voll war mit maßlosen Lobpreisungen von dreien „der größten“ Dichter unserer Zeit – Pasternak, Zwetajewa und Achmatowa. Es ist bezeichnend, daß keiner der kommunistischen Professoren den Mut fand, gegen diese abartige Befangenheiten der Studenten der Literaturfakultät aufzutreten, sie kritisch zu widerlegen und ihren schlechten Geschmack zu verspotten.

Die wachsende Sorge der obersten literarisch-politischen Behörde läßt sich teilweise mit dem Datum des Berichts erklären: Kurz zuvor war die sowjetische Armee in Ungarn einmarschiert, um einen Volksaufstand niederzumachen, an dessen Vorbereitung nicht zuletzt rebellische Schriftsteller beteiligt gewesen waren. Literarische Unruhen galten als gemeingefährlich, und es war angemessen, sie mit Vorsicht zu behandeln.
Daraus erklärt sich die erste offiziell-kritische Betrachtung von Schdanows Thesen, wenn auch nur für den internen Gebrauch:

In dem Beschluß über die Zeitschriften Swesda und Leningrad gibt es unrichtige und präzisierungsbedürftige Einschätzungen und Charakteristiken, die mit den Äußerungen des Personenkults in den Methoden der Lenkung der Literatur und Kunst in den letzten Jahren zusammenhängen. Bei der Einschätzung einzelner Werke aus Literatur, Musik und Filmkunst wurden manchmal unnötige Reglementierungen, ein administrativer Ton, Geschrei und Grobheiten gegenüber den Autoren, die in ihrem Schaffen Fehler gemacht hatten, zugelassen.

Ähnlich wie in vielen ideologischen Dokumenten wird auch in diesem Bericht die eine Hälfte der Aussage durch eine andere bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt:

Gleichzeitig ist der Grundinhalt der ZK-Beschlüsse über die Zeitschriften Swesda und Leningrad sowie über die Repertoires der dramatischen Theater völlig richtig, und in ihren wichtigsten Thesen behalten sie ihre Bedeutung auch heute. Der Kampf für den hohen Ideengehalt der Literatur, gegen apolitische Haltungen, Ideenlosigkeit, Pessimismus, Kriecherei und Katzbuckelei, die Aufforderung, das Leben der Sowjetmenschen, die Bedürfnisse des Volkes tiefer zu studieren, die grundlegenden Fragen unserer Zeit zu erklären, mit Hilfe der Kunst unsere Jugend so zu erziehen, daß sie munterer, lebenslustiger, treuer gegenüber der Heimat wird, an den Sieg unserer Sache glaubt und keine Schwierigkeiten fürchtet – das alles war und bleibt die wichtigste Aufgabe der Literaten und Künstler.

Somit war Anna Achmatowas einstige Verdammung vom Grundsatz her nicht außer Kraft gesetzt. Theoretisch durfte sie ihre Werke wieder veröffentlichen, aber jeder Zensor, Lektor oder Redakteur hatte das Recht, sich bei der Ablehnung ihrer Texte auf den ZK-Beschluß gegen die Zeitschriften Swesda und Leningrad zu berufen, zweier Journale, von denen das eine längst auf die richtige Parteilinie gebracht worden war und das andere seit zehn Jahren nicht mehr existierte.

Gemäß Pasternaks gutgemeinten Warnungen verlief jenes Telefongespräch zwischen Achmatowa und Berlin in der Tat so loyal, daß selbst die rigorosesten Auswerter in der Lubjanka nichts daran auszusetzen haben konnten. Die Dichterin spöttelte ein wenig über ihre Nachdichtungen aus dem Koreanischen und schilderte ihre Schwierigkeiten mit der Exkommunikation vor zehn Jahren, als sich einige ehemalige Freunde von ihr abwandten, andere ihr die Treue bewahrten. Sie versuchte, bei einem kühlen, emotionsfreien Ton zu bleiben. Ein einziger Satz ragte aus ihren Mitteilungen heraus, und diesen Satz kennen wir nur aus Sir Isaiahs Bericht:

Sie hatte noch einmal Tschechow gelesen und meinte, zumindest habe er in „Krankensaal Nr. 6“, ihre Lage und die vieler anderer treffend geschildert.

Die Werke Tschechows waren ein wichtiges Thema des nächtlichen Gesprächs im Fontannij Dom Ende November 1945. Damals machte Achmatowa eine ihrer souveränen und pauschalisierend-ungerechten Bemerkungen. „Tschechow warf sie vor“, so kann man bei Berlin nachlesen, „sein Kosmos sei eintönig, lichtarm, nie scheine die Sonne, nie blitzten Schwerter auf, alles sei von einem abscheulichen grauen Nebel bedeckt – Tschechows Welt sei ein Meer vom Schlamm, in dem menschliche Wesen hilflos versinken, eine Parodie auf das Leben…“
Wenn es ein Werk von Anton Tschechow gibt, auf das Achmatowas Einwände gespenstisch genau zutreffen, so ist es das „Krankenzimmer Nr. 6“. Die Handlung dieser 1892 verfaßten Erzählung spielt im „Nebengebäude“, in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses einer russischen Kleinstadt. Jahrzehntelang vegetieren hier hoffnungslos die Patienten, bei vollständiger Gleichgültigkeit der Gesellschaft und der Ärzte und unter dem Terror des sadistischen Wächters Nikita, der sie mal mit, mal ohne Grund verprügelt.
Viel schöner ist das Leben außerhalb des Spitals aber auch nicht. Der Chefarzt Andrej Jefimitsch Ragin, ein gebildeter, berufsmüder Hagestolz, leidet unter chronischer Langeweile und Einsamkeit. Zu seinem Pech trifft er unter den Geisteskranken auf den jungen Gerichtsvollzieher Iwan Dmitritsch Gromow, der wegen seines Verfolgungswahns im Nebengebäude interniert wurde. Gromow erweist sich in seinen klaren Momenten als der von Ragin lang ersehnte und vermißte Gesprächspartner. Obwohl Arzt und Patient in ihrem philosophischen Disput zu keinem Einverständnis gelangen, macht der Doktor dem jungen Mann geradezu eine Liebeserklärung:

Die Sache ist die, daß wir beide denken; wir halten uns für Menschen, die fähig sind, zu denken und zu urteilen, und das macht uns solidarisch, wie unterschiedlich unsere Ansichten auch sein mögen. Wenn Sie wüßten, mein Freund, wie ich die allgemeine Geist- und Talentlosigkeit, wie ich den Stumpfsinn satt habe und mit welcher Freude ich mich jedesmal mit Ihnen unterhalte! Sie sind ein kluger Mensch, und ich ergötze mich an Ihnen…

Die Gespräche auf Gromows Bettkante werden Ragin zum Verhängnis. Sein Rivale, der junge Karrierist Chobotow, belauscht die beiden und läßt seinen Kollegen vor eine ärztliche Kommission zitieren. Der Doktor wird zunächst wegen seelischer Störungen zwangspensioniert und schließlich in das Nebengebäude zu seinen früheren Klienten eingeliefert. Einen Tag später stirbt Andrej Jefimitsch an einem Gehirnschlag.
Ob diese geniale Erzählung tatsächlich zu einer toleranteren Einstellung Achmatowas gegenüber Tschechow führte, läßt sich bezweifeln. Noch sechs Jahre später geriet sie in helle Aufregung, als Lidija Tschukowskaja sich erlaubte, Tschechow zu loben. Wichtig jedoch erscheint mir die eindeutige Botschaft ihres Satzes: Soll doch Sir Isaiah, nach Oxford zurückgekehrt, Tschechows Palata nomer schestj in der Universitätsbibliothek entleihen – dann wird er in diesem Text einiges finden, worüber man nicht ungeniert für zwei Kopeken in einer abgehörten Moskauer Telefonzelle plaudern kann.
In einem Gedicht aus dem Jahre 1958 tröstet Achmatowa Berlin und sich selbst mit den Worten:

Ich lebe nicht in der Wüste. Die Nacht
und das jederzeitige Rußland bleiben bei mir.

Für sie war die Sowjetunion nur eine Variante dieses „jederzeitigen Rußlands“ – vielleicht der wichtigste Grund dafür, daß sie nie emigrieren wollte. Auch Tschechows Erzählung las sie als einen Text, den man ohne weiteres auf die kommunistische Zeit anwenden konnte.
Tschechows wichtigste Botschaft und zutreffendste Aussage über das Jahr 1956 ist die zentrale Metapher der Erzählung: Die Kleinstadt, das Krankenhaus und das Nebengebäude, diese drei Kreise der Hölle, verkörpern Rußland. Die Kleinstadt ist die Gesellschaft, das Gesundheitswesen entspricht der Strafjustiz. Bei dem Mediziner Tschechow wimmelt es in dieser Erzählung nur so von Parallelen zwischen Spitälern und Gefängnissen. Und das „Nebengebäude“ – das ist selbstverständlich der Gulag.
Sogar die Typologie der Opfer stimmt mit der des Jahres 1956 überein: Der verrückte Iwan Dmitritsch kann seinem Schicksal in keinem Fall entgehen, während der Arzt Andrej Jefimitsch innerhalb des Systems und nach dessen Gesetzen agiert, bis er sich selbst durch die Solidarität mit dem Verrückten aus den Reihen der Elite hinauskatapultiert. Doktor Ragin rechtfertigt seine eigene Unmenschlichkeit mit denselben Argumenten wie alle russisch-sowjetischen Spießer:

Wenn Gefängnisse und Irrenhäuser existieren, so muß auch jemand darin sitzen. Wenn nicht Sie – so ich, wenn nicht ich – so irgend jemand anderes.

Und als er selbst in das Räderwerk des Regimes gerät, ähnlich wie viele Kommunisten der dreißiger Jahre, versteht er die Welt nicht mehr:

„Das ist irgendein Mißverständnis“, sagte er und breitete vor Verwunderung die Arme aus. „Man muß die Sache aufklären, hier liegt ein Mißverständnis vor.“

Iwan Dmitritsch hingegen repräsentiert den Ausgestoßenen, das systemfremde – um nicht zu sagen dissidentische – Element der Gesellschaft mit seinem Hang zur Utopie:

Sie können überzeugt sein, gnädiger Herr, es kommen bessere Zeiten! Sollte ich mich banal ausdrücken, lachen Sie darüber, aber die Morgenröte eines neuen Lebens wird aufleuchten, die Wahrheit wird triumphieren, dann wird es auch für uns besser werden. Ich erlebe es nicht mehr, ich krepiere vorher, dafür aber erleben es unsere Urenkel.

Mit dem Hinweis auf das „Krankenzirnrner Nr. 6“ versuchte Achmatowa, ihre Sichtweise der sowjetischen Geschichte zu vermitteln. Sie respektierte den Schmerz der systemkonformen Opfer, vor allem aber verstand sie sich als Vertreterin aller Leidtragenden. Im Koordinatensystem der Tschechow-Erzählung bedeutete dies, daß sie sich mit dem Verrückten, mit dem unglückseligen Iwan Dmitritsch identifizierte. So konnte sie mit ihrer Botschaft auch etwas Persönliches übermitteln, und zwar mit Hilfe der Tschechowschen Beschreibung des Verfolgungswahns. Als Iwan Dmitritsch eines Tages zwei Häftlinge in Ketten sieht, die von vier Soldaten begleitet werden, kommt er plötzlich auf seltsame Ideen:

Er war sich keiner Schuld bewußt und konnte sich verbürgen, daß er auch in Zukunft niemals morden, einen Brand legen oder stehlen werde; aber war es denn so schwer, versehentlich ein Verbrechen zu begehen, und gab es denn keine Verleumdungen oder Justizirrtümer? (…) Ein Justizirrtum war bei der gegenwärtigen Rechtspflege sehr gut möglich und nichts Besonderes. (…) Ist es nicht lächerlich, an Gerechtigkeit zu denken, wenn jeder Zwang von der Gesellschaft als vernünftige und zweckmäßige Notwendigkeit begrüßt wird, und jede barmherzige Tat, wie zum Beispiel ein Freispruch, einen wahren Sturm von unbefriedigten, rachsüchtigen Gefühlen hervorruft?

Die Zustände des damaligen, des „jederzeitigen“ Rußlands, wie Tschechow sie schildert, waren exakt auf die sowjetische Zeit anwendbar. Selbst die medizinisch korrekte Beschreibung der Symptomatik von Gromows Krankheit weckt konkrete Assoziationen:

Iwan Dmitritsch zuckte bei jedem Läuten oder Klopfen am Hoftor zusammen, er litt physisch und seelisch, wenn er bei der Hauswirtin einen Unbekannten antraf; begegnete er Polizisten und Gendarmen, so lächelte er und pfiff vor sich hin, um gleichgültig zu erscheinen. Er schlief nächtelang nicht, weil er auf seine Festnahme wartete, schnarchte aber und seufzte laut wie ein Schlafender, damit die Wirtin denken sollte, er schlafe; denn wenn er nicht schlief, so hieß das, ihn quälten Gewissensbisse – was für ein Schuldbeweis wäre das!

Mit ähnlicher Schläue riet im Sommer 1956 ein großer russischer Schriftsteller seinem britischen Freund, nur von der Straße aus eine mit Sicherheit abgehörte Person anzurufen, und für ebenso trickreich hielt sich diese Person, als sie Tschechows Erzählung über den Verfolgungswahn als harmlose Geheimbotschaft in den Telefonhörer flüsterte.

Wenn wir Oleg Kalugin, dem ehemaligen Generalmajor des KGB, Glauben schenken, dann wurde die Akte Achmatowa im Jahre 1956 von General Mironow, dem damaligen Chef der Leningrader Abteilung des KGB, geschlossen. Merkwürdigerweise, oder eher ganz logisch, ist jedoch ein Geheimbericht aufgetaucht, der auf den 23. November 1958 datiert ist und recht genau Anna Achmatowas Lebensumstände und sogar ihren seelischen Zustand in der Zeit der „Nichtbegegnung“ zusammenfaßt.

Das Objekt ist fast die ganze Zeit in Moskau, wohnt dort bei der Familie Ardow. Im Sommer zieht sie die Datscha in Komarowo vor, die vom Literaturfonds für sie gebaut wurde. In Leningrad hält sie sich meist bei ihrer Adoptivtochter Ira Punina-Rubinstein auf. Ihre Enkelin Anja Kaminskaja wird von ihr sehr geliebt. Körperlich ist sie merklich geschwächt: Sie hat eine ungesunde Fülle, einen dicken Bauch, Arme und Beine sind geschwollen, und Herzanfälle wiederholen sich. Seit dem Herzinfarkt, den sie in Moskau erlitten hat, kann sie ohne Validol nicht auskommen, dabei hat sie auf der Datscha kein Telefon. Trotzdem befindet sie sich in einer ziemlich munteren, schöpferischen Stimmung. Sie wollte ein Buch über das Paris des Jahres 1910, über ihr dortiges Zusammentreffen mit Modigliani schreiben. Sie dachte mehrmals daran, ein autobiographisches Erinnerungsessay zu veröffentlichen. Die unangenehmsten und am meisten beleidigenden Worte, an die sie sich erinnert und die sie immer wieder mit Bitterkeit erwähnt, sind diejenigen aus dem Beschluß des ZK der Partei – Worte, die Schdanow zugeschrieben werden: „Entweder eine Nonne oder eine Hure.“ Das ist das, was sie sehr verletzt. Zur Regierung Chruschtschows hat sie ein positives Verhältnis, sie hält sie für barmherzig und gerecht. Sie geht oft zum Friedhof, der anderthalb Kilometer von der Datscha entfernt ist. Man hat den Eindruck, sie suche dort für sich einen Platz.

(…)

György Dalos, aus György Dalos: Der Gast aus der Zukunft. Anna Achmatowa und Sir Isaiah Berlin. Eine Liebesgeschichte, Europäische Verlagsanstalt, 1996

 

 

Joseph Brodsky spricht über Anna Achmatowa.

 

 

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstlerin Anna Achmatowa

Hans Gellhardt: Achmatowa – Pasternak – Zwetajewa

Zum 2. Todestag der Autorin:

Jürgen P. Wallmann: Die Stimme des Leidens Russlands
Die Tat, 2.3.1968

Zum 100. Geburtstag der Autorin:

Ilma Rakusa: Kompromisslos im Leben und im Wort
Tagesanzeiger, 21.6.1989

Birgitta Ashoff: Anna von ganz Rußland
Die Zeit, 23.6.1989

Fakten und Vermutungen zur Autorin + dekoderKalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Anna Achmatowa Begräbnis.

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