DANTE I
Auch als Toter kehrte der Verbannte
Nicht mehr heim in sein Florenz;
Ihm, der scheidend nicht mehr um sich wandte, –
Gilt mein Lied und meine Reverenz.
Fackeln. Nacht. Ein ungestüm Umarmen.
Wutgeheul ihn von der Schwelle wies.
Sie verflucht er aus der Hölle ohn’ Erbarmen,
Ihrer dacht’ er doch im Paradies…
Barfuß, angetan das Hemd der Pönitenz,
In der Hand die Armesünder-Kerze,
Sah man ihn nicht schreiten durch Florenz,
Seine Stadt, gehaßt, geliebt im Herzen…
DANTE II
Der eine zärtliche Blicke mag tauschen,
Der andere trinkt bis zum hellichten Tag;
Doch ich muß nachts mein Gewissen belauschen,
Mit ihm hab’ ich meine Plag…
Ich sag’: „Gar schwer hab’ ich da zu tragen
An deiner Last, du weißt, schon lange Zeit…“
Gewissen rechnet nicht mit Jahren, Tagen,
Noch fragt’s, ob’s nah ist oder weit…
Da ist der Abend wieder: Fastnachtzeit;
Der unheimliche Park. Des Pferdes leichter Trab.
Ein Wind, erfüllt von Glück und Fröhlichkeit,
Aus steilen Himmeln weht auf mich herab.
In zweigehörnter Mütze steht gelassen
Der Zeuge über mir. Oh, zu ihm hin –
Wohl über alte launisch-krumme Straßen,
Wo über totem Wasser Schwäne ziehn…
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Vorwort
Von den bedeutenden Dichtern des „Silbernen Zeitalters“ der russischen Literatur (das heißt, der um die Jahrhundertwende „kommenden“ Generation) ist nach dem frühen Tode Alexander Blocks (1921), dem tragischen Ende Sergej Jessenins (1925) und Wladimir Majakowskijs (1930), dem bis heute noch nicht aufgeklärten Untergang Ossip Mandelstams (1940?) und Boris Pasternaks Hinscheiden (1960) Anna Achmatowa die einzige große Dichterin, die die schweren Jahre der Revolution und des Bürgerkrieges, der Not und der persönlichen Anfeindungen ungebrochen überstanden hat und aus diesem Leid als die ebenbürtige Gefährtin ihrer einstigen Weggenossen in der Dichtkunst hervorgegangen ist. Die junge Generation in der Heimat der Dichterin erkennt Anna Achmatowa unbestritten das Zepter der Dichtkunst zu und erblickt in ihr ein noch unerreichtes Vorbild. Anna Achmatowa ist in Rußland geblieben. Der Stadt ihrer Wahl und ihrer Liebe, Leningrad (St. Petersburg), hat sie in den schweren Jahren die Treue gehalten und sie auch während des Zweiten Weltkrieges nur gezwungenermaßen vorübergehend verlassen.
In den Augen ihrer Zeitgenossen gilt Anna Achmatowa als Repräsentantin einer Kunst, die keine Kompromisse kennt. Sie wußte zu schweigen und zu warten; sie ist zu einer symbolhaften Gestalt geworden.
Die vor dem Ersten Weltkrieg und vor der Oktoberrevolution veröffentlichten Gedichtbände: Abend (1912) und Rosenkranz (1914) begründeten ihren frühen Ruf. Die folgenden Gedichtsammlungen: Der weiße Schwarm (1917), Wegwarte (1921) und Anno Domini XXI (1922) weisen die Dichterin bereits als die bedeutendste russische Lyrikerin ihrer Zeit aus.
Während sich in ihren frühen Gedichten – die sich bereits durch einprägsame Schlichtheit der Diktion und dichterische Freiheit, die an die großen Vorbilder der russischen Dichtung (Puschkin, Tjutschew, Fjet und Kusmin) erinnern, besonders auszeichnen, – die Thematik auf persönliches Erleben beschränkt, lassen die während des Krieges entstandenen Verse, die Erlebnisse und Ereignisse schildern, die sich vor dem tieferen Hintergrund der leidvollen Kriegsjahre vollziehen, die drohende Katastrophe ahnen. Mit der großen Erschütterung vollzieht sich auch die Wandlung, das heißt, das Heranreifen zur großen dichterischen Persönlichkeit unter sich mehrendem Reichtum der Ausdrucksmittel bei gleichzeitiger Vereinfachung der Form: in Versen von epigrammatischer Prägnanz und echtem Pathos gibt die Dichterin der gemeinsamen Not Ausdruck, sucht und findet Stärke und Trost in der Besinnung auf unverlierbare Werte.
Als Frucht dieser leidvollen Jahre ist vor allem die Gedichtsammlung Anno Domini XXI zu nennen.
Mit den Vertretern der offiziellen Kunst in Konflikt geraten, zog es Anna Achmatowa vor, zu schweigen. Erst im Jahre 1940 erschien der Auswahlband Aus sechs Büchern, der, bald vergriffen, keine weitere Auflage erlebte. Als nach Stalins Tod die sogenannte Tauwetterperiode einsetzte, ergab sich auch für Anna Achmatowa die Möglichkeit, mit neuen Werken an die Öffentlichkeit zu treten; 1956 und in den folgenden Jahren erschienen in der Moskauer Literaturzeitschrift Nowyj Mir (Neue Welt) einzelne Gedichte aus der letzten Schaffensperiode, bis endlich 1961 der Staatsverlag für schöne Literatur einen Auswahlband herausbrachte, der das gesamte Œuvre Anna Achmatows berücksichtigt.
In den letzten Gedichten zeigt sich Anna Achmatowa in einer neuen, gleichsam abgeklärt-heiteren Weise, zumal dann, wenn sie das Wesen der Dichtung, das Schaffen des Dichters, dessen Voraussetzungen und Umstände zum Vorwurf ihrer Verse wählt.
In der hier gebotenen Auswahl wurde vor allem die 1961 erschienene Sammlung als Vorlage verwendet; es wurden aber auch in der Ausgabe von 1961 nicht enthaltene Stücke aus den früheren Sammlungen herangezogen, weil sie für das Schaffen der Dichterin besonders bedeutungsvoll und kennzeichnend erscheinen.
Ein größeres Werk der Dichterin, das „Poem ohne Helden“ – während des Zweiten Weltkrieges entstanden und in der Heimat der Dichterin vorerst nur in Bruchstücken veröffentlicht –, ist in unserer Auswahl nicht vertreten. Diese Bruchstücke, die zahlreiche Anspielungen auf Personen und Zustände der Vergangenheit enthalten, müssen dem deutschen Leser ohne Kommentar unverständlich bleiben. Wir behalten uns jedoch vor, dieses Poem, das das Leben in Rußland (insbesondere das der Petersburger Gesellschaft) vor dem Ersten Weltkriege in einer dichterischen Schau zeigt, die bis zu den moralischen Wurzeln dieser Welt vordringt und gewissermaßen ein Reue- und Schuldbekenntnis eines Mitlebenden ausspricht, das nicht der Rechtfertigung, sondern der Entsühnung gelten soll, einmal in vollständiger Übertragung vorzulegen.
Xaver Schaffgotsch, Vorwort
Anna Achmatowa: Das Echo tönt,
ausgewählt und übertragen von Xaver Schaffgotsch; Limes Verlag, Wiesbaden; 67 S., 6,80 DM gibt mit fünfzig Gedichten zwar einen knappen Überblick über das (bisher bekannte) Gesamtwerk Anna Achmatowas, mit nicht einmal fehlerfreien Übersetzungen, die Reim und Versmaß des Russischen nachzuvollziehen versuchen, aber neben empfindlichen stilistischen Schwächen offenbaren sie ein derart unsicheres Gefühl für Rhythmus, daß sich die Originale zu ihren Reproduktionen verhalten wie kindlich zu kindisch. Wenige Ausnahmen – im ganzen ist das nicht nur schade, sondern bereits Schaden, der besser unterblieben wäre.
Roman Braun, Die Zeit, 9.4.1965
Die Nichtbegegnung
Im literarischen Anekdotenschatz der Sowjetunion gab es einen Ausspruch, der dem Schriftsteller Lew Kassil zugeschrieben wurde. Der erfolgreiche Jugendbuchautor soll im Jahre 1952 über den natürlichen Tod eines hohen Parteibonzen gesagt haben:
Solche wie der kriegen also auch Herzanfälle.
Diese für westliche Ohren banal klingende Feststellung war ein Volltreffer: Sie rüttelte am Mythos der höheren Nomenklatura. Künstlich getrennt von der übrigen Bevölkerung, umgeben von einer Aura geheimnisvoller Macht, konnte den eisernen Männern allenfalls eine schwere Krankheit etwas anhaben – vorausgesetzt, sie waren nicht zu Opfern der nächsten Säuberungswelle auserkoren. Die Erkenntnis, daß sie alle nur gewöhnliche Sterbliche waren, mußte in der Zeit vor Stalins Ableben geradezu revolutionär wirken.
Mit der Beisetzung des Georgiers im Mausoleum neben Lenin verschwand die letzte absolute Autorität der russischen Geschichte. Die augenblicklich einsetzenden Machtkämpfe brachten das zuvor festgefrorene Kaderkarussell wieder in Bewegung. Jeden Tag wurde jemand aus der Hierarchie abgelöst oder zwangsversetzt – ein Teil der Fälle wurde sogar der Öffentlichkeit preisgegeben. Würdenträger aller Ränge mußten den Verlust ihrer Unantastbarkeit als große Demütigung erleben.
Im März 1955 wurde gegen Aleksandr Jegolin, den führenden Kulturfunktionär des Zentralkomitees, und Georgij Aleksandrow, den Kulturminister der UdSSR, ein strenges Parteiverfahren eingeleitet. Dies bedeutete ein jähes Ende ihrer Karrieren. Man warf ihnen vor, sie hätten für sich und andere hohe Tiere in einer Datsche nahe Moskau ein privates Bordell eingerichtet. Als Prostituierte hätten dort Studentinnen des nach Maxim Gorkij benannten Literarischen Instituts gearbeitet.
Die beiden in Ungnade gefallenen Genossen hatten erheblichen Anteil an Achmatowas Werdegang. Aleksandrow war bereits 1940 am Verbot des Gedichtbandes Aus sechs Büchern beteiligt gewesen, und Jegolin hatte als eifriger Berichterstatter und Zitatenschnüffler am Beschluß gegen die Zeitschriften Swesda und Leningrad mitgewirkt. Sein Lohn war die Ernennung zum Chefredakteur der am Leben erhaltenen, aber personell gesäuberten Swesda.
Die Gerüchte über Jegolins und Aleksandrows Orgien verbreiteten sich wie ein Lauffeuer unter den Literaten des Landes. Kornej Tschukowskij empörte sich vor allem über die windelweiche, allein auf sexuelle Ausschweifungen beschränkte „Parteirüge“ gegen Schdanows Ghostwriter, den gelernten Literaturhistoriker Jegolin. „Wird er wirklich nur deswegen verurteilt“, schrieb er in sein Tagebuch, „und nicht, weil er, der Parasit, Uschinskijs, Tschechows und Nekrassows Werke ,herausgab‘ und, ohne selbst etwas zu tun, alle Arbeiten anderen aufbürdend, für seine ,Herausgebertätigkeit‘ mehr bekam als Tschechow, Uschinskij und Nekrassow in ihrem ganzen Leben…“ Noch Jahre später, als ihn die Todesnachricht des einst Mächtigen erreicht hatte, konnte er seinen Unmut nicht zügeln:
Er begleitete Schdanow während des unverschämten Feldzugs gegen Achmatowa und Sostschenko und führte sich in Pitjer (Leningrads populärer Name, G. D.) als Henkersknecht auf. (…) Als Tschechows nomineller Herausgeber verdiente er an dessen Werken mehr als Tschechow.
Jegolins Sündenliste, besonders was Geldgier anbelangt, läßt sich fortsetzen. So hatte er zum Beispiel seine für Schdanow geleistete Vorarbeit zu einem Zeitschriftenartikel umfrisiert, in der erbeuteten Swesda unter dem Pseudonym Jeljugin veröffentlicht und dafür Honorar kassiert. Diese Art von Unverfrorenheit wurde während des Verfahrens ebensowenig thematisiert wie die Forderung einiger Schriftsteller und KP-Mitglieder, Jegolin wegen seiner moralischen Verfehlungen aus der Partei auszuschließen.
Anna Achmatowa reagierte auf den Sündenfall ihres Widersachers mit einem einzigen Satz, der an eine matte Handbewegung erinnert:
Und ausgerechnet Jegolin fand meine Gedichte unkeusch.
Möglicherweise ahnte sie bereits, welche Art von Gerechtigkeit trotz der beginnenden Rehabilitierungen von den neuen alten Herren des Kreml zu erwarten war.
Der Prozeß der Freilassung politischer Gefangener aus dem Gulag nahm mehrere Jahre in Anspruch. Dieser Umstand hing mit deren außerordentlich hoher Zahl sowie mit der geringen Funktionsfähigkeit des sowjetischen Rechtssystems zusammen. Die Massenverhaftungen und Hinrichtungen der späten dreißiger Jahre waren mit Hilfe eines drastisch vereinfachten und beschleunigten Verfahrens durchgesetzt worden. Ein durchschnittlicher Prozeß bei der OSO (Sondersitzung des Militärtribunals), der mit dem Todesurteil oder fünfundzwanzig Jahren Lagerhaft ohne Recht auf briefliche Korrespondenz enden konnte, dauerte oft nicht länger als zwanzig Minuten. Verletztes Recht hingegen ließ sich nicht mit vergleichbarer Schnelligkeit restituieren.
Vor allem fehlte es an klaren juristischen Kriterien: Wer sollte rehabilitiert und wer nur amnestiert werden? Was sollte mit den „Nebenstrafen“ für die Rückkehrer geschehen – etwa mit dem üblichen Aufenthaltsverbot in den Hauptstädten des Landes? Das grundlegende Problem lag jedoch viel tiefer. Wie konnten Hunderttausende Opfer des Unrechts für unschuldig erklärt werden, ohne daß die Frage der kollektiven Verantwortung des gesamten Systems gestellt werden mußte? Sowohl die Entscheidungsträger als auch die Befehlsvollstrecker von einst lebten und waren weiterhin aktiv. So war es nicht verwunderlich, daß sie alles taten, damit das „Tauwetter“, wenn es sich denn schon ereignete, höchstens die Spitze des Eisberges zum Schmelzen bringen konnte.
Der Segen einer direkten politischen, juristischen und moralischen Rehabilitierung wurde fast ausschließlich ehemaligen Angehörigen des Parteiapparates oder des Offizierkorps zuteil. Selbst bei der Verdammung Stalins ging es im engeren Sinne um sie, um die „desjatki tyssitsch“ (Zehntausende) unschuldig verfolgter Kommunisten. In zweiter Linie begünstigte die Rehabilitierung Künstler und Wissenschaftler entsprechend dem Grad ihrer Berühmtheit und ihrer Nähe zur offiziellen Kulturelite. Alles, was unterhalb dieser Ebene litt und gelitten hatte – Millionen von Arbeitern, Bauern, Geistlichen, Soldaten, Kosaken, Homosexuellen, Militärdienstverweigerern, illegalen Abtreibern und ihren Klientinnen, oder gar ganze Volksgruppen wie die Tschetschenen und die Kalmücken – gewannen mit der Entstalinisierungskampagne bestenfalls ihr nacktes Leben.
Leute wie der Kunsthistoriker Nikolaj Punin oder der Ethnologe Lew Gumiljow gehörten zur Kategorie der „klassenfremden Intellektuellen“. Solche Gefangenen waren von der staatlichen Gnade nicht automatisch betroffen. Ihre Befreiung erforderte „chlopoty“ (Bemühungen), also eine intensive Fürbittenaktion bei den Behörden. Selbstverständlich kamen spätestens nach dem XX. Parteitag der KPdSU fast alle namhaften Opfer des Stalinismus frei. Doch für die Betroffenen und ihre Angehörigen war es nicht gleichgültig, wann zwischen 1953 und 1956 sie von diesem Augenblick des Glücks ereilt wurden.
Nikolaj Punin war es nicht vergönnt, seine Rehabilitierung noch zu erleben. Am 21. August 1953 starb er im nördlichen Workuta-Lager eines „natürlichen Todes“ – ein Begriff, der lediglich besagt, daß er nicht direkt ermordet wurde. Obwohl die große Zeit ihrer Liebesbeziehung schon lange zurücklag, war Punins Tod ein schwerer Schock für Anna Achmatowa. Sie hatte Punin immer als Teil ihres Lebens akzeptiert, bewohnte gemeinsam mit seiner ehemaligen und gegenwärtigen Familie dieselben Räume und nahm nach wie vor Anteil an seinem Schicksal. Außerdem war von nun an die Befreiung ihres Sohnes Lew für sie mehr als eine bloße Zeitfrage, denn ihr Sohn war krank, und jeder weitere Tag im Lager konnte dazu führen, daß er Punins Los teilte.
Trotz der Intervention prominenter Wissenschaftler zugunsten des jungen Gumiljow zog sich seine Entlassung unerträglich lange hin. Da es viele solcher ungelöster Fälle gab und die Gefahr von Häftlingsrevolten immer mehr zunahm, wurde eine Sonderkommission unter dem Vorsitz des Politbüromitglieds Anastas Mikojan gebildet, um die Freilassungen an Ort und Stelle zu beschleunigen. Dieser Ausschuß bewirkte Lew Gumiljows Entlassung aus dem sibirischen Lager, obwohl die formale Amnestierung erst einige Monate später nachgereicht werden konnte.
Achmatowa wartete ungeduldig, beinahe verzweifelt auf die Entscheidung, konnte jedoch erst gegen Ende März 1956 aufatmen und ihrem engsten Freundeskreis die schlaue Frage stellen:
Stimmt es, daß man für 800 Rubel bereits einen guten Männeranzug kaufen kann?
Am 15. Mai trafen sich Mutter und Sohn nach sechseinhalb Jahren Trennung in der Moskauer Wohnung der Familie Ardow. Doch schon bald nach dem glücklichen Wiedersehen entbrannten zwischen ihnen Konflikte, die bis zu Anna Achmatowas Tod andauerten. Bezeichnend für sowjetische Verhältnisse kamen die ersten Reibungen durch den Mangel an Wohnraum zustande.
Achmatowas Sohn war im Fontannij Dom verhaftet worden, in der Wohnung, wo er gesetzlich gemeldet war, jedoch nicht über ein eigenes Zimmer verfügte. Als im März 1952 der Hauseigentümer, das Institut für Polarforschung, die Wohngemeinschaft Punin-Achmatowa – wahrscheinlich in Kooperation mit der Geheimpolizei – aus diesen Räumen förmlich herausekelte, bekamen sie ein kleineres Quartier in der Krassnaja Konnitza zugewiesen. 1955 erhielt Anna Achmatowa als Mitglied des Literaturfonds ein Häuschen in Komarowo bei Leningrad, das sie angesichts seines mehr als bescheidenen Zustands „die Bruchbude“ nannte. Als Lew zurückkam, hatte er nicht automatisch das Recht, sich in der Wohnung der Punins anzumelden, und Achmatowa konnte ihm nur Komarowo anbieten. Er lehnte es ab, dort zu wohnen, und fühlte sich, nunmehr obdachlos, von seiner Mutter verstoßen.
Lew Gumiljow hatte bereits in seinen Briefen aus dem Gulag an Emma Gerstejn behauptet, Achmatowa kümmere sich zu wenig um ihn und seine Freilassung. Diese mitunter heftigen Vorwürfe hatten ihre ursprüngliche Frische selbst noch im Jahre 1989 bewahrt, als er in einem Interview über seine Mutter sagte:
In Wirklichkeit hat sie nie ein Gesuch zugunsten meiner Freilassung eingereicht, folglich konnte es auch keine realen Bemühungen geben. Als ich aus dem Omsker Lager zurückkehrte, habe ich sie gefragt, warum sie kein Gesuch eingereicht hat. Darauf konnte sie mir keine Antwort geben, obwohl sie 1910 in Kiew an einem Juralehrgang für Frauen teilgenommen hat. Mama hat nicht gelernt, daß jede Angelegenheit mit dem Einreichen eines Gesuchs oder, wie es damals hieß, einer Bittschrift zu beginnen hatte. (…) Diese Frage stieß bei meiner Mama auf vollkommenes Unverständnis.
Nichts ist leichter, als die naive Absurdität dieser Argumentation zu widerlegen. Die Annahme, ein Jurakurs für Frauen anno 1910 sei ein geeignetes Rüstzeug gegenüber dem Unrechtssystem des Jahres 1949 oder gar 1954, ist offensichtlich ein Hirngespinst, wie es nur ein jahrzehntelang frustriertes und unglückliches Bewußtsein produzieren kann. Gumiljow hat wohl kaum die Eingaben Achmatowas während seiner Haftzeit vermißt, sondern er mußte zeitlebens jene elementare Fürsorge entbehren, die durchschnittliche Söhne gewöhnlicher Mütter ohne weiteres für sich beanspruchen können. Im Bruch der späten fünfziger Jahre zwischen Achmatowa und ihrem Sohn rächten sich die emotionalen Entbehrungen aus Lews Kindheit, die er bei den Großeltern in Beschetzk verbringen mußte.
Lew Gumiljow war der begabte Sohn einer genialen Frau, wuchs im Schatten des erschossenen Vaters auf und verbrachte dreizehn der produktivsten Jahre seines Lebens hinter Stacheldraht. Jeder einzelne dieser äußeren Umstände hätte vollkommen ausgereicht, um ihn seelisch zu verkrüppeln. Das eigentliche Verhängnis lag jedoch darin, daß er – abgesehen von seiner „Ursünde“ aus dem Jahre 1934, als er Ossip Mandelstams Stalin-Satire im engsten Kreise vorlas – für sein eigenes Schicksal nicht verantwortlich war. Es wurde ihm durch seine Herkunft aufgezwungen.
Seit seiner frühesten Jugend lastete auf Gumiljow seine Abstammung als eine außergewöhnliche Herausforderung. „Meine Mutter hat mir immer gesagt: Wenn ich ihr Sohn bleiben will, dann muß ich vor allen Dingen der Sohn meines Vaters sein“, soll er bei einem Verhör ausgesagt haben. Er war nicht imstande, diesen hohen Ansprüchen standzuhalten. Im Verhör wurde er gebrochen, und er unterschrieb jedes Protokoll – ebenso wie die meisten Opfer des Stalinismus bis auf einige wenige, sehr einsame Helden. Unter anderem mußte Gumiljow in der Lubjanka über Isaiah Berlin aussagen. Wie dies vor sich ging, wissen wir von Emma Gersrejn:
Wahrscheinlich versetze ich Sir Isaiah Berlin in Erstaunen, wenn ich mitteile, daß Ljowa sehr hart befragt wurde über den Besuch des Diplomaten (…) bei seinem Mütterchen. In den ersten Tagen nach seiner Rückkehr, als sein Bewußtsein noch völlig chaotisch war, konnte Ljowa nicht zusammenhängend erzählen, was er in diesen Jahren erdulden mußte. Um so glaubhafter waren die Worte, die ohne Kontrolle aus ihm herausbrachen. So quälte ihn beispielsweise, daß er über Anna Andrejewna mit Geringschätzung gesprochen hatte im Zusammenhang mit der Befragung über den fatalen Besuch: „Mama ist ihrer Eitelkeit zum Opfer gefallen.“ (…) Einmal erinnerte sich Ljowa ungewollt daran, wie der Ermittler, ihn an den Haaren zerrend, seinen Kopf gegen die harte Wand des Lefortowo-Gefängnisses schlug und ihn aufforderte, zuzugeben, daß Achmatowa ihre Spionagetätigkeit zugunsten Englands fortgesetzt habe.
Dementsprechend wurde der Rückkehrer, obwohl er außer sich selbst niemandem Schaden zugefügt hatte, von schweren Selbstvorwürfen geplagt. Aber auch seine Mutter war nicht ganz frei von Schuldgefühlen. Während sie alles, was mit ihr seit 1917 geschehen war, gewissermaßen als „verdientes Schicksal“ erlebte, dessen heroische Tragik sie mit moralischer Genugtuung erfüllte, so geriet sie wegen Lews gänzlich unheroischer Lagerhaft unter einen lebenslangen quälenden Rechtfertigungsdruck.
Im Sommer 1956 kam Isaiah Berlin – damals trug er bereits den Titel „Sir“ – wieder nach Moskau. Er verbrachte dort mehrere Wochen als privater Gast des britischen und des amerikanischen Botschafters, und zwar nicht allein, sondern in Begleitung seiner jungen Frau. Er suchte seine Bekannten von früher wieder auf, allerdings nicht ausnahmslos. So konsultierte er, bevor er sich dazu entschloß, mit Anna Achmatowa Kontakt aufzunehmen, seinen besten russischen Freund Boris Pasternak.
Die erste Neuigkeit, die er von diesem hörte, lautete: Der Roman Doktor Schiwago, zur Zeit von Berlins erstem Moskau-Besuch noch in Arbeit, sei nun fertig. Pasternak hatte das Manuskript nach Italien schmuggeln lassen, um es dort zu veröffentlichen. Angesichts der Tatsache, daß Doktor Schiwago gleichzeitig von mehr als einem Dutzend sowjetischer Redakteure in einer sogenannten „internen Rezension“ als „konterrevolutionäres Machwerk“ verurteilt worden war, konnte man die Folgen einer Westpublikation einigermaßen abschätzen.
Obwohl der große Skandal erst zwei Jahre später ausbrach, als die Schwedische Akademie Boris Pastnernak den Nobelpreis für Literatur zusprach, befand sich der Dichter während dieser Sommermonate in einem Zustand äußerster Erregung. Dies ist deshalb wichtig zu erwähnen, weil Pasternaks Gemütsverfassung zweifelsohne Einfluß auf die Haltung des britischen Besuchers hatte.
„Pasternak sagte mir“, erinnerte sich Sir Isaiah, „daß Achmatowa mich zwar sehen wolle, aber ihr Sohn, der bald nach unserer Begegnung verhaftet wurde, erst jetzt aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sei. Treffen mit Ausländern seien für sie jetzt unerwünscht, vor allem deshalb, weil sie die gegen sie gerichteten wütenden Angriffe der Partei mindestens teilweise meinem Besuch im Jahre 1945 zuschreibe. Pasternak sagte, er bezweifle, daß mein Besuch ihr irgendwie schaden könne. Da sie jedoch offensichtlich dieser Meinung sei und man ihr geraten habe, kompromittierende Kontakte zu meiden, könne sie sich nicht mit mir treffen.“ Bis zu diesem Punkt folgte Pasternaks Auskunft einer gewissen Rationalität. Dann aber machte er folgende Mitteilung:
Aber sie (Achmatowa) wünsche, daß ich sie anrufe – das sei ungefährlich, weil all ihre Gespräche ebenso abgehört würden wie seine.
Das Bindewort „weil“ in diesem Satz geleitet uns in die Welt der märchenhaften osteuropäischen Angstphantasien. Es bedeutet, daß man die hauptberuflichen Schnüffler durchaus in den Griff bekommen kann, indem man in ihrer durch Mikrophone oder Wanzen gewährleisteten Anwesenheit ungeniert offenherzige Mitteilungen macht. Demgegenüber ist die böse Behörde geradezu machtlos. Selbst Pasternak war von dieser Theorie Achmatowas offensichtlich verwirrt, denn er fügte ebenso unverständlich wie unlogisch hinzu, Berlin solle weder aus der Britischen Botschaft noch aus seiner, Pasternaks, Wohnung bei Achmatowa anrufen, sondern „eine öffentliche Telefonzelle benutzen“.
Das alles müssen wir berücksichtigen, wenn wir den psychologischen Hintergrund jenes dramatischen Ereignisses verstehen wollen, das in Achmatowas Dichtung und in die Achmatowa-Rezeption als die „Nichtbegegnung“ eingegangen ist. Denn die Dichterin hielt sich zur selben Zeit wie Sir Isaiah in Moskau auf – theoretisch hätten sie sich zufällig auf der Straße oder bei einem gemeinsamen Bekannten treffen können.
Die meisten Quellen stimmen dahingehend überein, daß Achmatowa ein Treffen mit Berlin ausgeschlagen hat, weil sie fürchtete, eine erneute Begegnung mit dem Ausländer könne ihrem soeben freigelassenen Sohn schaden. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt unberechtigt erscheint, war diese Angst gleichzeitig nicht unbegründet. Es war die Angst des gebrannten Kindes, die bis zur Todesstunde bestehen bleibt.
Als Achmatowas Bruder Michail Gorenko 1956 nach mehreren Jahrzehnten zum ersten Mal einen Brief aus den USA an seine Schwester schickte, war diese so erschrocken, daß sie im „Großen Haus“, der Leningrader Abteilung des KGB, nachfragte, ob sie überhaupt das Recht habe, Post aus dem Ausland zu empfangen.
Die Geheimpolizisten gestanden ihr dieses Recht zu. Nachdem sie in der Sowjetunion bereits anerkannt war, im Mai 1962, ließ sie sich noch immer darauf ein, wenn ein subalterner Beamter aus dem Leningrader Schriftstellerverband ihr den Rat gab, bestimmten amerikanischen Journalisten unter dem Vorwand einer Erkrankung keine Audienz zu gewähren. Selbst noch im Sommer 1965, auf dem Höhepunkt ihres Triumphs während des Oxford-Besuchs, wurde sie von Ängsten gequält, wenn sie daran dachte, daß sie nach ihrer Rückkehr – wie bereits nach ihrer Italienreise im Vorjahr – von einem KGB-Beamten höflich nach ihren Eindrücken befragt werden würde.
Die Furcht vor Begegnungen mit Ausländern war für die sowjetische Gesellschaft mit ihrer offiziell oktroyierten Xenophobie eine natürliche Erscheinung. In diesem Sinne war Achmatowas Ablehnung einer Begegnung mit Berlin nur eine reflexhafte Anpassung an verinnerlichte Normen. Nadeshda Mandelstam siedelt die Entscheidung direkt auf einer philosophischen Ebene an:
Die Ursache der ,Nichtbegegnung‘ war offensichtlich und real: Das künstliche Hindernis, errichtet zwischen den beiden Welten, die blinde Mauer, der undurchdringliche Wall. Leute, die einander etwas zu sagen hatten, waren räumlich absolut getrennt.
Die heute dreiundneunzigjährige Literaturhistorikerin Emma Gerstejn, die in Moskau lebt, vertrat in einer Veröffentlichung 1995 die Ansicht, die Begegnung wäre durchaus möglich gewesen. Verhindert worden sei sie ausschließlich durch Pasternaks irrationale Befürchtungen, die Berlin einfach übernommen habe. „Der freundschaftliche Dienst“, sagt Gerstejn spöttelnd, „den Boris Leonidowitsch Anna Andrejewna erwiesen hat, brachte ihn in eine ungeschickte Situation. Nicht weniger ungeschickt mußte sich der Gentleman fühlen, dem die Dame die Audienz verweigert hatte – um so mehr, da er hier noch in eine Politik verwickelt wurde, die in den Augen eines Vertreters aus einem europäischen Land mit hohem rechtsstaatlichen Bewußtsein völlig phantastisch sein mußte. Beide Gesprächspartner vergaßen dabei ihre eigenen Beobachtungen des sowjetischen Lebens, in dem sie so eindeutig die Anwesenheit irrationaler Prinzipien entdecken konnten. Hier hat jedoch das treue Gefühl der Historie sie im Stich gelassen, und sie suchten die nüchterne Vernunft dort, wo es sie niemals gegeben hatte und geben konnte.“
Der zweite mögliche Grund dafür, daß Anna Achmatowa eine Wiederbegegnung mit dem „Gast aus der Zukunft“ ausschlug, konnte ihr beleidigter Stolz sein – genauer gesagt, eine bittere Liebesenttäuschung.
Pasternak kam einem Anruf Berlins zuvor und teilte Achmatowa schonungsvoll mit, Sir Isaiah sei nicht allein in Moskau, sondern zusammen mit Lady Berlin, und diese sei entzückend. Erst danach fand das spektakuläre Telefongespräch statt, wahrscheinlich unter Berücksichtigung der Sicherheitsvorkehrungen des übervorsichtigen Autors des Doktor Schiwago, eines Buches, das im übrigen jede Vorsicht von vornherein sinnlos machte. Sir Isaiah erinnert sich:
Ich habe noch am selben Tag bei ihr angerufen. „Ja, Pasternak sagte mir, daß Sie und Ihre Frau in Moskau sind. Ich kann Sie nicht sehen aus Gründen, die gerade Ihnen klar sein müssen. Wir können telefonisch sprechen, denn dann werden die auch wissen, worüber wir sprechen. Wie lange sind Sie verheiratet?“ – „Nicht sehr lange,“ sagte ich. „Und genauer?“ – „Seit Februar diesen Jahres.“ – „Ist sie Engländerin oder vielleicht Amerikanerin?“ – „Nein. Halb Französin, halb Russin.“ – „Aha.“ – Es folgte eine lange Pause. „Schade, daß Sie mich nicht treffen können. Pasternak sagt, Ihre Frau sei entzückend.“ Wieder eine lange Pause.
Berlin wies in mehreren Gesprächen – unter anderem auch bei unserer Begegnung in London – korrekterweise darauf hin, daß seine Version des Telefongesprächs von der Anna Achmatowas abweiche. In Wirklichkeit gibt es zwischen den beiden Überlieferungen kaum einen faktischen Widerspruch, aber sicherlich eine Kluft, was den emotionalen Hintergrund angeht. Das, was die Dichterin gegenüber Lidija Tschukowskaja am 23. August 1956 offenbarte, war nicht mehr und nicht weniger als ein neues Kettenglied in der langen Folge von Achmatowa-Tragödien:
Ein Herr – selbstverständlich ahnen Sie, um wen es sich handelt, denn Sie und noch ein, zwei Freunde wissen, worum es geht – hat mich angerufen und war durch und durch erstaunt, als ich ein Treffen mit ihm ablehnte. Aber er hätte von sich aus darauf kommen können, daß ich mich nach alledem nicht auf ein neues Risiko einlassen kann… Er hat mir eine interessante Neuigkeit mitgeteilt: Er hat erst im vorigen Jahr geheiratet. Stellen Sie sich vor, welch ein Respekt mir gegenüber: Erst im vorigen Jahr! Einen Glückwunsch hätte ich in diesem Fall für eine zu schlichte Formel gehalten. Ich sagte zu ihm: „Nun, das ist auch gut so!“, worauf er antwortete… nun, ich werde nicht weitererzählen, was er antwortete…
Tschukowskaja blieb die Tragweite des Geschehenen nicht verborgen:
Obwohl sie spöttelnd sprach, tat sie dies jedoch mit einer tiefen, langsamen, leidgeprägten Stimme, und ich begriff, daß sie mich heute ausschließlich deshalb gerufen hatte, um diese ,Nichtbegegnung‘ zu erzählen.
Viele russische Autoren glaubten an Zahlenmystik. Der Barde Wladimir Wyssotzkij verfaßte ein Lied, in dem er Zusammenhänge bestimmter Ziffern mit Dichterschicksalen feststellte: So starb Lermontow im sechsundzwanzigsten Lebensjahr, und Jessenin erhängte sich im Jahre 1926 im Hotel Angleterre. Puschkin war 37, als er im Duell fiel, und Majakowskij erschoß sich als Siebenunddreißigjähriger. Dasselbe Lebensalter erreichte Rimbaud und auch Lord Byron, der bei Missolounghi den Heldentod fand. Nicht zuletzt war Wyssotzkij 37 Jahre alt, als er dieses Chanson schrieb, und die Zahl 37 symbolisierte für ihn ohnehin das Jahr des Großen Terrors.
Auch Anna Achmatowas Mythologie kannte symbolische Jahreskonstellationen und besondere Kalendertage. So stellte die Dichterin fest, daß Chruschtschow am 14. Oktober 1964, genauer gesagt am 150. Geburtstag Lermontows (1814–1841), zur Abdankung gezwungen worden war, während der hundertste Todestag des Dichters im Jahre 1941 mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion zusammenfiel. Zeitzeugen sagen, daß Achmatowa an einem 5. März starb, also an demselben Tag wie Stalin – allerdings dreizehn Jahre später. Der Literaturkritiker Lew Oserow behauptete, der vierte und letzte Herzanfall habe Achmatowa beim Lesen eines Artikels in der Prawda zum siebzigsten Geburtstag von Andrej Schdanow (1886–1948) ereilt. Ohne den allgemein infarktfördernden Charakter des Zentralorgans der KPdSU leugnen zu wollen, muß ich feststellen, daß der Infarkt die Dichterin bereits am 10. November 1965 ereilt hatte, so daß sie unverzüglich in das Botkin-Krankenhaus eingeliefert werden mußte.
Achmatowa selbst glaubte fest daran, daß die schmerzhaftesten Ereignisse ihres Lebens mit dem Monat August zusammenhingen. Am 7. August 1921 starb ihr Meister Aleksandr Blok. Am 25. August desselben Jahres wurde Nikolaj Gumiljow erschossen. Der berüchtigte Beschluß des ZK aus dem Jahre 1946 war auf den 14. August datiert. Am 26. August 1949 wurde Nikolaj Punin im Fontannij Dom verhaftet, und vier Jahre später, am 21. August 1953, starb er im Lager. Allein Lew Gumiljows Verhaftungen (März 1938 und November 1949) folgten nicht diesem Schema.
Wenden wir uns von der Zahlenmystik ab, indem wir ein zusätzliches mystisches Datum zum Ausgangspunkt unserer weiteren Suche nach Gründen der „Nichtbegegnung“ wählen. Am 14. August 1956, dem zehnten Jahrestag ihrer Exkommunikation, schrieb Achmatowa in der Datsche der befreundeten Familie Scherwinskij nahe Moskau ein Gedicht mit dem Titel „Traum“, das sie später zusammen mit anderen teils alten, teils neu entstandenen Versen in den Zyklus „Die Heckenrose blüht“ aufnehmen sollte. Hier findet sich der erste Hinweis darauf, daß etwas Außergewöhnliches und Bedeutsames geschehen war:
O mein August, wie konntest du solch Kunde
an diesem schlimmen Jahrestag mir bringen!
Neun Tage später trug Lidija Tschukowskaja in ihr Tagebuch den Bericht Achmatowas über das bereits erfolgte Telefongespräch mit Berlin ein. Aus derselben Quelle geht hervor, daß Achmatowa und Tschukowskaja sich am 15. oder 16. August trafen, nachdem die Dichterin nach Moskau zurückgekehrt war. Bei dieser Begegnung erwähnte sie Berlin mit keiner Silbe. Auf die Frage der Freundin, ob es ihr bei den Scherwinskijs gutgegangen sei, habe sie „vorwurfsvoll“ geantwortet: „,Kann ich mich denn überhaupt irgendwo wohlfühlen?‘ Und ich bemerkte“, so die Eintragung, „wie müde ihre Augen waren.“
Was aber war die „Kunde“, die sie bereits am 14. August erreicht hatte? Das oben erwähnte Gedicht spricht, seinem Titel entsprechend, von einem Traum:
In jener Nacht erschien mir Deine Ankunft.
Wieso „erschien“? Isaiah Berlin war schließlich ganz real in Moskau eingetroffen. Durch eine gründliche Recherche könnte man sogar den genauen Zeitpunkt seiner Landung auf dem Flughafen Wnukowo feststellen. Achmatowa spricht jedoch von einem anderen Ereignis:
Sie war in allem. In Bachs Ciacona
in den Rosen, die umsonst erblühten (…)
und in dem Herbst, der schon ganz nah gewesen
Und plötzlich, anderen Sinns, sich wieder verbarg
Zweifelsohne war jemand eingetroffen, der bereits schon vorher dagewesen war. Bachs Chaconne, ein von Achmatowa auch früher verwendetes Motiv, ist ein recht eindeutiger Hinweis auf das Erscheinen des „Gastes aus der Zukunft“ im Fontannij Dom. Auch ist die Musik – ob von Bach oder Vivaldi – einer der mystischen Begegnungsorte mit dem Geliebten, die Achmatowa sich wünschte.
Und nun kam im Traum ein konkreter Mensch auf sie zu, dem sie realiter nicht begegnen wollte.
Es kann sein, daß Achmatowa aus Besorgnis über das Schicksal ihres Sohnes, aus verletztem Stolz oder wegen einer Mischung aus beidem die Begegnung mit Berlin ausgeschlagen hat. Die Dichterin Achmatowa artikuliert jedoch ein anderes Gefühl, nämlich das der Verzweiflung:
Womit bezahle ich dein königlich Geschenk?
Wo soll ich hingehn, womit triumphieren?
So spricht jemand, der bettelarm ist und auf einen reichen Gast wartet. Einige Tage später, am 18. August, schreibt sie, als wolle sie ein Mißverständnis klären oder vor einer bitteren Enttäuschung warnen:
Du hast mich ausgedacht. So etwas gibt es nicht
Und kann es auf der Welt nicht geben. (…)
Wir beide trafen uns im unfaßbaren Jahr,
Da unsre Welt von aller Kraft verlassen;
An Trauer war sie reich, an Hoffnung aber bar,
Und frisch war nur das Feld der Gräbermassen (…)
Und da nun rief ich dich, rief ich dich zu mir her!
Und was ich damals tat, das war nicht zu verstehen.
Unabhängig von dem Menschen Achmatowa, der gute Gründe für oder gegen eine Begegnung mit dem Menschen Berlin haben konnte, zeigt die Dichterin ein Unbehagen gegenüber dem Gast aus der Zukunft. Damals sei er doch gekommen, behauptet sie, weil sie nach ihm gerufen habe. Die Begegnung zwischen ihnen war einmalig und historisch. Was hingegen hätte ein Wiedersehen erbracht?
Die beiden Gedichte zeigte Achmatowa Lidija Tschukowskaja erst am 14. September, als Berlin sich schon wieder in Oxford befand. Achmatowa sagte dazu:
Bereits voriges Mal waren sie fertig, aber ich habe mich nicht getraut, sie Ihnen vorzulesen. Und niemand sagt mir etwas darüber. Sagen Sie mir bitte zwei Worte.
Tschukowskaja antwortete: „Ich sage genau zwei Worte: große Gedichte.“ – „Nicht schlechter als meine Jugendgedichte?“ – „Nein, besser.“
Hier bekam Achmatowa genau die Antwort, die sie mit ihrer Frage beabsichtigte. Ihr naiver Wunsch, für diese beiden Gedichte bei der besten Kennerin ihrer Poesie das höchstmögliche Lob zu ernten, wurde erfüllt. Wieso aber hatte sie sich den heiß ersehnten Erfolg so lange versagt? Und warum suchte sie diesen zunächst bei anderen Lesern, welche die mit Herzblut geschriebenen Gedichte höchstens mit einem banalen „schön“ oder höflichen „wunderschön“ preisen konnten? Genauer: Warum mußte sie zuerst die vollendete Tatsache der „Nichtbegegnung“ mitteilen (23. August) und erst danach die in diesem Zusammenhang stehenden, aber früher geschriebenen Gedichte vorlesen? Ich glaube, daß sie zum Zeitpunkt der Entstehung der beiden Gedichte, am 14. beziehungsweise 18. August, bereits von Isaiah Berlins Aufenthalt in Moskau wußte, sich zunächst jedoch nicht entscheiden konnte. Und sie wollte nicht, daß die in alles eingeweihte Tschukowskaja von ihrem inneren Zwist erfuhr.
Erst nach dem Telefongespräch mit Berlin entstand der Begriff „Nichtbegegnung“, und er erhielt gleich bei der Entstehung eine für Achmatowa typische Beifügung: die des Geheimnisvollen.
Chiffre Nichtbegegnung,
dein Triumph ist fort.
Ungehaltne Reden,
lautlos jedes Wort.
Blicke sich nicht kreuzen,
ruhen nirgendwo,
nur die Tränen fließen,
sind darüber froh…
Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die Dichterin, die hier ihren frohen Tränen freien Lauf läßt, tatsächlich einen Triumph feierte. Die Nichtbegegnung war „geheimnisvoll“, weil sie Achmatowas Geheimnis in sich barg. Sie ging mit dem „Gast aus der Zukunft“ um wie ihr Staat mit strategisch wichtigen Produktionsstätten und deren Mitarbeitern: Sie erklärte ihn für topsecret. Im August 1956 bestätigte sie ihm diesen Status:
Der geheimnisvolle Gast aus der Zukunft zieht es vor, ungenannt zu bleiben.
Das war kein Wunsch, sondern ein Befehl.
Gleichzeitig dachte sie daran, die größtmögliche Gemeinsamkeit mit Berlin herzustellen. „Er wird mir nie zum lieben Garten“, schrieb sie in der „Dritten Widmung“ zum „Poem ohne Held“, und in einer Strophe, die ursprünglich dem Gedicht „Im Traum“ (nicht zu verwechseln mit „Traum“) angehörte, sprach sie noch direkter:
Lieber Freund, wir werden niemals teilen,
Wie der Höchste uns zu tun befahl,
Weder Tischtuch lädt uns zum Verweilen
Noch Pirogge zu dem Mittagsmahl.
Der Zustand, der hier in negierender Form heraufbeschworen wird, ist zweifelsohne ein der Ehe ähnlicher. Ich bin sicher, daß Achmatowa im November 1945 eine solche Idee keineswegs als lächerlich verworfen hätte. Ihre Phantasie akzeptierte weder Konventionen noch Landesgrenzen. Sie lebte in ihren Traumwelten einfach das, was sie fühlte. Am wenigsten ließ sie sich vom Altersunterschied beeindrucken. Den betrachtete sie ohnehin als einen kosmischen Zufall, wie ein Liebesgedicht bezeugt, das sie mit fünfundsiebzig schrieb:
Wir suchten uns ein falsches Jahr
auch dies nicht, das nicht gab uns Ruh’.
Gott, ob das ein Vergehen war?
Und wessen Schicksal fiel uns zu?
Wir wären besser nicht auf Erden,
des Himmels Kreml käm’ uns zu,
wie Vögel wir, wie Blumen werden,
und doch wär’n wir das – ich und du.
Bei einem solch hohen Grad an Vergeistigung kann die Liebe nicht mehr von weltlichen Kräften bedroht werden; nicht einmal Stalin war dies gelungen. Ein leibhaftig erscheinender Isaiah Berlin hätte diese Transzendenz möglicherweise gestört. Deshalb verbannte ihn Achmatowa im August 1956 in die Welt ihrer Träume. Vielleicht ging es ihr dabei nicht so sehr um Liebe, sondern um das Recht auf die eigene Tragödie. Ein Wiedersehen hätte die Tragödie relativiert, das griechische Schicksalsdrama anekdotisch abgerundet.
Der Preis für diese Art von Beziehung war allerdings hoch. Noch jahrelang erwartete Achmatowa eine mystische Botschaft:
Ruf mich an, wenn heute nicht, dann morgen,
irgendwo wirst du doch sicher sein,
Heimatlos bin ich und voller Sorgen,
Nachricht hab ich nicht und bin allein.
Ich glaub’ seit langem nicht dem Telefon,
dem Rundfunk nicht und nicht dem Telegraf.
Die Annahme, eine Begegnung mit „dem Ausländer“ – so nennt Nadeshda Mandelstam Sir Isaiah Berlin und läßt dabei ein inneres Frösteln ahnen – könne Lew Gumiljow neuen Schaden verursachen, war im Jahre 1956 realitätsfremd. Wenn irgendwelche Amnestien rückgängig gemacht worden wären, so hätte dies bedeutet, die Linie des XX. Parteitags der KPdSU aufzugeben. Der Sturz Chruschtschows wäre die unmittelbare Folge gewesen.
Achmatowa hatte jedoch noch andere neuralgische Punkte. Die Übersetzungsaufträge erbrachten ein für sowjetische Verhältnisse hohes, wenn auch unregelmäßiges Einkommen. Zwar haßte sie diese Tätigkeit von ganzem Herzen – die meisten Gedichte stammten aus dem Chinesischen, Koreanischen, Rumänischen oder Bulgarischen, und Achmatowa bearbeitete sie anhand von Rohübersetzungen. Gleichzeitig wäre sie mit dem Ausbleiben dieser Honorare zu derselben miserablen Existenz wie die Mehrheit der sowjetischen Rentner verurteilt gewesen.
Als noch stärkeres potentielles Druckmittel erwies sich die Möglichkeit, einzelne Gedichte in Zeitschriften oder gar einen neuen Gedichtband veröffentlichen zu können. Um sich die Schwierigkeiten zu vergegenwärtigen, die mit einem solchen Vorhaben verbunden waren, reicht es aus, die Zeitspanne zwischen dem Einreichen des Manuskripts bei dem Verlag am 21. Oktober 1953 und dem Erscheinen des schmalen Büchleins mit dem Titel Gedichte am 5. November 1958 zur Kenntnis zu nehmen.
Die überlange Laufzeit lag in diesem Fall nicht nur an der völlig hypochondrischen Zensur, die in jeder Verszeile staatsgefährdende Absichten witterte, sondern vor allem an dem ungeklärten Status der Dichterin. Dieser wiederum hing von der neuen offiziellen Einschätzung ihrer Person ab. Kurz gesagt: Das Problem Achmatowa war ein Bestandteil des Problems Schdanow. Um die Dichterin wenigstens in die Position zu bringen, die ihr vor dem August 1946 zugestanden worden war, hätte man zuvor den von Schdanow befürworteten ZK-Beschluß revidieren müssen.
Hätte Andrej Schdanow den XX. Parteitag der KPdSU noch erlebt und gegen die Geheimrede Chruschtschows protestiert – was angesichts seiner außergewöhnlichen Treue zum „Chef“ wahrscheinlich erscheint – dann wäre er, ähnlich wie später Molotow und Kaganowitsch, aus dem ZK oder gar aus der Partei ausgeschlossen worden. In diesem Fall hätten die Genossen ihm leichten Herzens alle Fehler der früheren Kulturpolitik in die Schuhe geschoben, und Anna Achmatowa, ihre Loyalität vorausgesetzt, wäre, wenn schon nicht zu Ruhm, so doch zu offizieller Anerkennung gelangt. Der tote Schdanow aber gehörte zu jener Hypothek der Entstalinisierung, die absurderweise schwerer zu bewältigen war als Stalin selbst.
Besonders gereizt reagierte die sowjetische Führung auf jeden Versuch, in den mörderischen Geschehnissen der Stalinzeit Prinzipielles sehen zu wollen – etwas anderes als historischen Zufall oder Folgen des launischen Charakters eines Diktators. Als der italienische KP-Chef Palmiro Togliatti im Mai 1956 in einem Interview für die Zeitschrift Nuovi Argumenti im Zusammenhang mit dem Großen Terror über „gewisse Formen der Entartung“ des Sozialismus sprach, konterte die sowjetische KP mit einer empörten Stellungnahme in Form eines ZK-Beschlusses. Ebenso heftig lehnte die sowjetische Führung den Vorschlag der jugoslawischen Genossen ab, Stalins Theorie und Praxis als „Stalinismus“ zu verurteilen.
Kritische sowjetische Intellektuelle benutzten diesen Terminus ebenfalls nicht, sondern operierten mit dem russisch-archaischen Suffix „schtschina“. „Stalinschtschina“ klang so, als würde man in Deutschland „Hitlerei“ sagen – die Wurzel des Wortes liegt jedoch tiefer. Alle früheren „schtschinas“ der russischen Geschichte – so die berüchtigte „Araktschejewschtschina“ für die stumpfsinnige Unterdrückung des freien Geistes durch den Polizeiminister des Zaren Nikolaj I. – hatten einen leicht verächtlichen Klang, der sich kaum mit der offiziellen Sichtweise von Stalins „Fehlern und Verdiensten“ vereinbaren ließ.
Als am 15. Juni 1956 der im Moskauer Exil lebende türkische Dichter Nazim Hikmet auf einer Schriftstellerversammlung die Kulturpolitik der frühen fünfziger Jahre zum ersten Mal „Schdanowschtschina“ nannte, stieß er bei den systemkonformen Autoren auf harten Widerstand. Eine der wenigen Anwesenden, die ihn unterstützten, war Achmatowas enge Freundin, die Leningrader Lyrikerin Olga Berggolz. Als Parteimitglied mußte sie auf ihre Wortwahl achten, inhaltlich ließ sie jedoch keinen Zweifel über ihre Ansichten aufkommen:
Einer der wichtigsten Gründe, die uns belasten und bei der Vorwärtsbewegung stören, sind jene dogmatischen Beschlüsse, die man in den Jahren 1946–1948 über Fragen der Kunst gefaßt hat. (…) Laßt uns, Genossen, darüber jetzt vollkommen offen sprechen. Warum jetzt? Weil gerade jetzt, nach dem XX. Parteitag, nach dem Bericht des Genossen Chruschtschow über den Personenkult klar geworden ist, daß diese Beschlüsse den persönlichen Geschmack Stalins zum Ausdruck gebracht haben, das heißt, sie waren ausschließlich Folgen des Personenkults.
Die Parteiführung war beunruhigt, hatte jedoch auch Angst vor öffentlicher Polemik, weil sie dadurch Sympathiebekundungen für die namentlich angegriffenen Literaten provoziert hätte. Deshalb ließ der Literaturfunktionär B. Rjurikow in der Prawda die Adressatin seines Angriffs, Olga Berggolz, anonym bleiben: „Es fanden sich einzelne Literaten“, so schrieb er Ende August im zentralen Parteiorgan, „die die bekannten Beschlüsse des ZK über Fragen der Literatur und Kunst als ungültig betrachten. Die Beschlüsse der Partei richten sich jedoch gegen die Trennung der Literatur vom Leben des Volkes, von den politischen Aufgaben unserer Zeit, gegen das Vergessen der Rolle der Kunst bei der Umwälzung der Gesellschaft – und diesen grundsätzlichen Inhalt der Parteidokumente werden wir im Interesse der Entwicklung der sowjetischen Literatur verteidigen.“
Zur Eigenart des formalisierten Parteichinesisch gehörte die Tatsache, daß innerhalb dieses Stils weder Sprachregelungen noch Weglassungen Zufall sein konnten. Wenn Rjurikow im ersten Satz von „Literatur und Kunst“, im letzten jedoch nur noch von „Literatur“ redet, dann ist dies Ausdruck dafür, daß sich die Partei mittlerweile gegenüber den nonverbalen Künsten ein wenig versöhnlicher verhielt. Und tatsächlich: Der Schdanowsche Beschluß über die Musik vom ro. Februar 1948 – gewissermaßen sein Schwanengesang – wurde zehn Jahre später durch einen anderen ZK-Beschluß offiziell zurückgenommen.
Womit läßt sich diese Großzügigkeit erklären? In den meisten sowjetischen Parteidokumenten vermischten sich irrationale Trugbilder und rationale Ängste. So verhielt es sich auch mit dem Beschluß gegen Komponisten wie Schostakowitsch, Hatschaturjan, Prokofjew und Muradeli. Aus dem Schdanowschen Verriß der Oper des letzteren, Die Große Freundschaft, habe ich bereits die geradezu klassischen Sätze zitiert, mit denen Schdanow moniert, die orchestralen und stimmlichen Möglichkeiten des Moskauer Großen Theaters seien nicht hinreichend genutzt, und die mit den Worten enden:
Man soll die Kunst nicht verarmen.
Neben dieser gewöhnlichen Blödheit enthielt Schdanows Kritik jedoch etwas, was durchaus im Sinne der höchsten Staatsraison war:
Die Oper befaßt sich mit dem Kampf um die Errichtung der Freundschaft zwischen den Völkern des Nordkaukasus in den Jahren 1918–1920. Die Bergvölker, von denen die Oper die Osseten, die Lesghier und die Georgier darzustellen versucht, gelangen (…) vom Kampf gegen das russische Volk (…) zum Frieden und zur Freundschaft mit ihm. Die historische Verfälschung liegt dabei darin, daß diese Völker dem russischen Volk nicht feind waren (Hervorhebung von A. Schdanow, G. D.). Dagegen waren die Tschetschenen und die Inguschen damals ein Hindernis für die Freundschaft der Völker im Nordkaukasus.
Wie wir aus den Annalen der Geschichte wissen, hat die sowjetische Regierung das „Hindernis“ der Tschetschenen und Inguschen im Herbst 1944 gewaltsam beseitigt. Der traurige Rest der nach Sibirien verschleppten Volksgruppen durfte erst 1956 in die Heimat zurückkehren. Orte wie Grosny, Budjonnowsk und Perwomajskoje sind heute blutige Symbole dafür, daß jene halbherzige Rehabilitierung die „große Freundschaft“ im Kaukasus alles andere als gefördert hat. Aber damals schien aus sowjetischer Sicht der Zwischenfall erledigt, und Schdanows ansonsten nicht besonders inhaltsreiche Tirade hatte so jeden aktuellen Bezug verloren. Wie Oscar Wilde sagen würde, ahmte die Kunst, oder in diesem Fall die offizielle Kunstkritik, das Leben nach.
Nicht so, was die literarischen Beschlüsse betraf. Abgesehen von Schdanows primitiven Grobheiten enthielten seine Thesen ursowjetisches Leninsches Gedankengut. Erstens wurden die Literaten mehr als andere Künstler als Befehlsempfänger der Ideologie betrachtet. Zweitens richtete sich die Schärfe des damaligen Beschlusses gegen Feindbilder, die im Grunde bis zum Jahre 1988 ihre Wirksamkeit und offizielle Gültigkeit niemals einbüßten. Immer ging es gegen das, was allgemein als „bürgerliche Dekadenz“, „Kosmopolitismus“ oder „Katzbuckelei vor dem Westen“ bezeichnet wurde und was am besten in geschriebenen Texten auf frischer Tat ertappt werden konnte.
Die Verurteilung von Massenhinrichtungen und Massenverhaftungen der Stalinzeit implizierte das Versprechen der Partei, niemals zuzulassen, daß Grausamkeiten von solchem Ausmaß sich wiederholen könnten, und bei allem Hang zur Gewalt hielten sich die Kremlführer nach Stalin an dieses Versprechen. Gleichzeitig erfolgte auf dem XX. Parteitag keine grundsätzliche Distanzierung von der politischen und moralischen Hinrichtung der Gegner, wie sie zum Beispiel an Michail Soschtschenko und Anna Achmatowa vollzogen worden war. Eine solche Distanzierung hätte bedeutet, daß die Partei von da an auf die probate Methode der öffentlichen Verunglimpfung und des Berufsverbots gegenüber Literaten hätte verzichten müssen – ein Zugeständnis, das der sowjetischen KP schwergefallen wäre.
Ohnehin bewirkte allein die Legalisierung der Kritik an dem euphemistisch so genannten „Personenkult“, daß im kulturellen Bereich oppositionelle Energien freigesetzt wurden. Davon zeugte ein Geheimbericht der Kulturabteilung des ZK der KPdSU vom 1. Dezember 1956 „Über einige Fragen der zeitgenössischen Literatur sowie über die unrichtigen Stimmungen unter einem Teil der Schriftsteller“:
Vor kurzem erschien an der Literaturfakultät der Moskauer Universität eine Wandzeitung, die gespickt voll war mit maßlosen Lobpreisungen von dreien „der größten“ Dichter unserer Zeit – Pasternak, Zwetajewa und Achmatowa. Es ist bezeichnend, daß keiner der kommunistischen Professoren den Mut fand, gegen diese abartige Befangenheiten der Studenten der Literaturfakultät aufzutreten, sie kritisch zu widerlegen und ihren schlechten Geschmack zu verspotten.
Die wachsende Sorge der obersten literarisch-politischen Behörde läßt sich teilweise mit dem Datum des Berichts erklären: Kurz zuvor war die sowjetische Armee in Ungarn einmarschiert, um einen Volksaufstand niederzumachen, an dessen Vorbereitung nicht zuletzt rebellische Schriftsteller beteiligt gewesen waren. Literarische Unruhen galten als gemeingefährlich, und es war angemessen, sie mit Vorsicht zu behandeln.
Daraus erklärt sich die erste offiziell-kritische Betrachtung von Schdanows Thesen, wenn auch nur für den internen Gebrauch:
In dem Beschluß über die Zeitschriften Swesda und Leningrad gibt es unrichtige und präzisierungsbedürftige Einschätzungen und Charakteristiken, die mit den Äußerungen des Personenkults in den Methoden der Lenkung der Literatur und Kunst in den letzten Jahren zusammenhängen. Bei der Einschätzung einzelner Werke aus Literatur, Musik und Filmkunst wurden manchmal unnötige Reglementierungen, ein administrativer Ton, Geschrei und Grobheiten gegenüber den Autoren, die in ihrem Schaffen Fehler gemacht hatten, zugelassen.
Ähnlich wie in vielen ideologischen Dokumenten wird auch in diesem Bericht die eine Hälfte der Aussage durch eine andere bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt:
Gleichzeitig ist der Grundinhalt der ZK-Beschlüsse über die Zeitschriften Swesda und Leningrad sowie über die Repertoires der dramatischen Theater völlig richtig, und in ihren wichtigsten Thesen behalten sie ihre Bedeutung auch heute. Der Kampf für den hohen Ideengehalt der Literatur, gegen apolitische Haltungen, Ideenlosigkeit, Pessimismus, Kriecherei und Katzbuckelei, die Aufforderung, das Leben der Sowjetmenschen, die Bedürfnisse des Volkes tiefer zu studieren, die grundlegenden Fragen unserer Zeit zu erklären, mit Hilfe der Kunst unsere Jugend so zu erziehen, daß sie munterer, lebenslustiger, treuer gegenüber der Heimat wird, an den Sieg unserer Sache glaubt und keine Schwierigkeiten fürchtet – das alles war und bleibt die wichtigste Aufgabe der Literaten und Künstler.
Somit war Anna Achmatowas einstige Verdammung vom Grundsatz her nicht außer Kraft gesetzt. Theoretisch durfte sie ihre Werke wieder veröffentlichen, aber jeder Zensor, Lektor oder Redakteur hatte das Recht, sich bei der Ablehnung ihrer Texte auf den ZK-Beschluß gegen die Zeitschriften Swesda und Leningrad zu berufen, zweier Journale, von denen das eine längst auf die richtige Parteilinie gebracht worden war und das andere seit zehn Jahren nicht mehr existierte.
Gemäß Pasternaks gutgemeinten Warnungen verlief jenes Telefongespräch zwischen Achmatowa und Berlin in der Tat so loyal, daß selbst die rigorosesten Auswerter in der Lubjanka nichts daran auszusetzen haben konnten. Die Dichterin spöttelte ein wenig über ihre Nachdichtungen aus dem Koreanischen und schilderte ihre Schwierigkeiten mit der Exkommunikation vor zehn Jahren, als sich einige ehemalige Freunde von ihr abwandten, andere ihr die Treue bewahrten. Sie versuchte, bei einem kühlen, emotionsfreien Ton zu bleiben. Ein einziger Satz ragte aus ihren Mitteilungen heraus, und diesen Satz kennen wir nur aus Sir Isaiahs Bericht:
Sie hatte noch einmal Tschechow gelesen und meinte, zumindest habe er in „Krankensaal Nr. 6“, ihre Lage und die vieler anderer treffend geschildert.
Die Werke Tschechows waren ein wichtiges Thema des nächtlichen Gesprächs im Fontannij Dom Ende November 1945. Damals machte Achmatowa eine ihrer souveränen und pauschalisierend-ungerechten Bemerkungen. „Tschechow warf sie vor“, so kann man bei Berlin nachlesen, „sein Kosmos sei eintönig, lichtarm, nie scheine die Sonne, nie blitzten Schwerter auf, alles sei von einem abscheulichen grauen Nebel bedeckt – Tschechows Welt sei ein Meer vom Schlamm, in dem menschliche Wesen hilflos versinken, eine Parodie auf das Leben…“
Wenn es ein Werk von Anton Tschechow gibt, auf das Achmatowas Einwände gespenstisch genau zutreffen, so ist es das „Krankenzimmer Nr. 6“. Die Handlung dieser 1892 verfaßten Erzählung spielt im „Nebengebäude“, in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses einer russischen Kleinstadt. Jahrzehntelang vegetieren hier hoffnungslos die Patienten, bei vollständiger Gleichgültigkeit der Gesellschaft und der Ärzte und unter dem Terror des sadistischen Wächters Nikita, der sie mal mit, mal ohne Grund verprügelt.
Viel schöner ist das Leben außerhalb des Spitals aber auch nicht. Der Chefarzt Andrej Jefimitsch Ragin, ein gebildeter, berufsmüder Hagestolz, leidet unter chronischer Langeweile und Einsamkeit. Zu seinem Pech trifft er unter den Geisteskranken auf den jungen Gerichtsvollzieher Iwan Dmitritsch Gromow, der wegen seines Verfolgungswahns im Nebengebäude interniert wurde. Gromow erweist sich in seinen klaren Momenten als der von Ragin lang ersehnte und vermißte Gesprächspartner. Obwohl Arzt und Patient in ihrem philosophischen Disput zu keinem Einverständnis gelangen, macht der Doktor dem jungen Mann geradezu eine Liebeserklärung:
Die Sache ist die, daß wir beide denken; wir halten uns für Menschen, die fähig sind, zu denken und zu urteilen, und das macht uns solidarisch, wie unterschiedlich unsere Ansichten auch sein mögen. Wenn Sie wüßten, mein Freund, wie ich die allgemeine Geist- und Talentlosigkeit, wie ich den Stumpfsinn satt habe und mit welcher Freude ich mich jedesmal mit Ihnen unterhalte! Sie sind ein kluger Mensch, und ich ergötze mich an Ihnen…
Die Gespräche auf Gromows Bettkante werden Ragin zum Verhängnis. Sein Rivale, der junge Karrierist Chobotow, belauscht die beiden und läßt seinen Kollegen vor eine ärztliche Kommission zitieren. Der Doktor wird zunächst wegen seelischer Störungen zwangspensioniert und schließlich in das Nebengebäude zu seinen früheren Klienten eingeliefert. Einen Tag später stirbt Andrej Jefimitsch an einem Gehirnschlag.
Ob diese geniale Erzählung tatsächlich zu einer toleranteren Einstellung Achmatowas gegenüber Tschechow führte, läßt sich bezweifeln. Noch sechs Jahre später geriet sie in helle Aufregung, als Lidija Tschukowskaja sich erlaubte, Tschechow zu loben. Wichtig jedoch erscheint mir die eindeutige Botschaft ihres Satzes: Soll doch Sir Isaiah, nach Oxford zurückgekehrt, Tschechows Palata nomer schestj in der Universitätsbibliothek entleihen – dann wird er in diesem Text einiges finden, worüber man nicht ungeniert für zwei Kopeken in einer abgehörten Moskauer Telefonzelle plaudern kann.
In einem Gedicht aus dem Jahre 1958 tröstet Achmatowa Berlin und sich selbst mit den Worten:
Ich lebe nicht in der Wüste. Die Nacht
und das jederzeitige Rußland bleiben bei mir.
Für sie war die Sowjetunion nur eine Variante dieses „jederzeitigen Rußlands“ – vielleicht der wichtigste Grund dafür, daß sie nie emigrieren wollte. Auch Tschechows Erzählung las sie als einen Text, den man ohne weiteres auf die kommunistische Zeit anwenden konnte.
Tschechows wichtigste Botschaft und zutreffendste Aussage über das Jahr 1956 ist die zentrale Metapher der Erzählung: Die Kleinstadt, das Krankenhaus und das Nebengebäude, diese drei Kreise der Hölle, verkörpern Rußland. Die Kleinstadt ist die Gesellschaft, das Gesundheitswesen entspricht der Strafjustiz. Bei dem Mediziner Tschechow wimmelt es in dieser Erzählung nur so von Parallelen zwischen Spitälern und Gefängnissen. Und das „Nebengebäude“ – das ist selbstverständlich der Gulag.
Sogar die Typologie der Opfer stimmt mit der des Jahres 1956 überein: Der verrückte Iwan Dmitritsch kann seinem Schicksal in keinem Fall entgehen, während der Arzt Andrej Jefimitsch innerhalb des Systems und nach dessen Gesetzen agiert, bis er sich selbst durch die Solidarität mit dem Verrückten aus den Reihen der Elite hinauskatapultiert. Doktor Ragin rechtfertigt seine eigene Unmenschlichkeit mit denselben Argumenten wie alle russisch-sowjetischen Spießer:
Wenn Gefängnisse und Irrenhäuser existieren, so muß auch jemand darin sitzen. Wenn nicht Sie – so ich, wenn nicht ich – so irgend jemand anderes.
Und als er selbst in das Räderwerk des Regimes gerät, ähnlich wie viele Kommunisten der dreißiger Jahre, versteht er die Welt nicht mehr:
„Das ist irgendein Mißverständnis“, sagte er und breitete vor Verwunderung die Arme aus. „Man muß die Sache aufklären, hier liegt ein Mißverständnis vor.“
Iwan Dmitritsch hingegen repräsentiert den Ausgestoßenen, das systemfremde – um nicht zu sagen dissidentische – Element der Gesellschaft mit seinem Hang zur Utopie:
Sie können überzeugt sein, gnädiger Herr, es kommen bessere Zeiten! Sollte ich mich banal ausdrücken, lachen Sie darüber, aber die Morgenröte eines neuen Lebens wird aufleuchten, die Wahrheit wird triumphieren, dann wird es auch für uns besser werden. Ich erlebe es nicht mehr, ich krepiere vorher, dafür aber erleben es unsere Urenkel.
Mit dem Hinweis auf das „Krankenzirnrner Nr. 6“ versuchte Achmatowa, ihre Sichtweise der sowjetischen Geschichte zu vermitteln. Sie respektierte den Schmerz der systemkonformen Opfer, vor allem aber verstand sie sich als Vertreterin aller Leidtragenden. Im Koordinatensystem der Tschechow-Erzählung bedeutete dies, daß sie sich mit dem Verrückten, mit dem unglückseligen Iwan Dmitritsch identifizierte. So konnte sie mit ihrer Botschaft auch etwas Persönliches übermitteln, und zwar mit Hilfe der Tschechowschen Beschreibung des Verfolgungswahns. Als Iwan Dmitritsch eines Tages zwei Häftlinge in Ketten sieht, die von vier Soldaten begleitet werden, kommt er plötzlich auf seltsame Ideen:
Er war sich keiner Schuld bewußt und konnte sich verbürgen, daß er auch in Zukunft niemals morden, einen Brand legen oder stehlen werde; aber war es denn so schwer, versehentlich ein Verbrechen zu begehen, und gab es denn keine Verleumdungen oder Justizirrtümer? (…) Ein Justizirrtum war bei der gegenwärtigen Rechtspflege sehr gut möglich und nichts Besonderes. (…) Ist es nicht lächerlich, an Gerechtigkeit zu denken, wenn jeder Zwang von der Gesellschaft als vernünftige und zweckmäßige Notwendigkeit begrüßt wird, und jede barmherzige Tat, wie zum Beispiel ein Freispruch, einen wahren Sturm von unbefriedigten, rachsüchtigen Gefühlen hervorruft?
Die Zustände des damaligen, des „jederzeitigen“ Rußlands, wie Tschechow sie schildert, waren exakt auf die sowjetische Zeit anwendbar. Selbst die medizinisch korrekte Beschreibung der Symptomatik von Gromows Krankheit weckt konkrete Assoziationen:
Iwan Dmitritsch zuckte bei jedem Läuten oder Klopfen am Hoftor zusammen, er litt physisch und seelisch, wenn er bei der Hauswirtin einen Unbekannten antraf; begegnete er Polizisten und Gendarmen, so lächelte er und pfiff vor sich hin, um gleichgültig zu erscheinen. Er schlief nächtelang nicht, weil er auf seine Festnahme wartete, schnarchte aber und seufzte laut wie ein Schlafender, damit die Wirtin denken sollte, er schlafe; denn wenn er nicht schlief, so hieß das, ihn quälten Gewissensbisse – was für ein Schuldbeweis wäre das!
Mit ähnlicher Schläue riet im Sommer 1956 ein großer russischer Schriftsteller seinem britischen Freund, nur von der Straße aus eine mit Sicherheit abgehörte Person anzurufen, und für ebenso trickreich hielt sich diese Person, als sie Tschechows Erzählung über den Verfolgungswahn als harmlose Geheimbotschaft in den Telefonhörer flüsterte.
Wenn wir Oleg Kalugin, dem ehemaligen Generalmajor des KGB, Glauben schenken, dann wurde die Akte Achmatowa im Jahre 1956 von General Mironow, dem damaligen Chef der Leningrader Abteilung des KGB, geschlossen. Merkwürdigerweise, oder eher ganz logisch, ist jedoch ein Geheimbericht aufgetaucht, der auf den 23. November 1958 datiert ist und recht genau Anna Achmatowas Lebensumstände und sogar ihren seelischen Zustand in der Zeit der „Nichtbegegnung“ zusammenfaßt.
Das Objekt ist fast die ganze Zeit in Moskau, wohnt dort bei der Familie Ardow. Im Sommer zieht sie die Datscha in Komarowo vor, die vom Literaturfonds für sie gebaut wurde. In Leningrad hält sie sich meist bei ihrer Adoptivtochter Ira Punina-Rubinstein auf. Ihre Enkelin Anja Kaminskaja wird von ihr sehr geliebt. Körperlich ist sie merklich geschwächt: Sie hat eine ungesunde Fülle, einen dicken Bauch, Arme und Beine sind geschwollen, und Herzanfälle wiederholen sich. Seit dem Herzinfarkt, den sie in Moskau erlitten hat, kann sie ohne Validol nicht auskommen, dabei hat sie auf der Datscha kein Telefon. Trotzdem befindet sie sich in einer ziemlich munteren, schöpferischen Stimmung. Sie wollte ein Buch über das Paris des Jahres 1910, über ihr dortiges Zusammentreffen mit Modigliani schreiben. Sie dachte mehrmals daran, ein autobiographisches Erinnerungsessay zu veröffentlichen. Die unangenehmsten und am meisten beleidigenden Worte, an die sie sich erinnert und die sie immer wieder mit Bitterkeit erwähnt, sind diejenigen aus dem Beschluß des ZK der Partei – Worte, die Schdanow zugeschrieben werden: „Entweder eine Nonne oder eine Hure.“ Das ist das, was sie sehr verletzt. Zur Regierung Chruschtschows hat sie ein positives Verhältnis, sie hält sie für barmherzig und gerecht. Sie geht oft zum Friedhof, der anderthalb Kilometer von der Datscha entfernt ist. Man hat den Eindruck, sie suche dort für sich einen Platz.
(…)
György Dalos, aus György Dalos: Der Gast aus der Zukunft. Anna Achmatowa und Sir Isaiah Berlin. Eine Liebesgeschichte, Europäische Verlagsanstalt, 1996
Erzählungen über Anna Achmatowa (Teil 5)
(…)
Achmatowa trug ihre Zeit, zu deren Schöpfern sie gehörte, deren Ästhetik und Gesicht sie in bedeutendem Maße bestimmte, bis in unsere Zeit hinein. Der Begriff „ihre Zeit“ summiert auf komplizierte Weise über fünfzig Jahre, den zeitlichen Raum zwischen dem zweiten Jahrzehnt und den sechziger Jahren, den sie mit der Trajektorie ihres Schicksals und den Zeilen ihrer Gedichte durchnäht und durchsteppt hat. Dieselben Worte kann man – bei abgewandelter Biografie und Dichtung – in vollem Maße auch auf Pasternak beziehen. Sein Tod 1960 und ihr Tod 1966 vollendeten die Geschichte der russischen Kultur der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: zu ihren Lebzeiten war es unmöglich, sich nicht an ihnen zu orientieren, konnte man unmöglich so sprechen und handeln, wie es schon ein, zwei Monate nach Achmatowas Beerdigung möglich wurde.
Oft sagte sie über den Beginn des Jahrhunderts, was sie später auch aufschrieb:
Das zwanzigste Jahrhundert begann im Herbst 1914 zusammen mit dem Krieg, ebenso wie das neunzehnte Jahrhundert mit dem Wiener Kongreß begonnen hatte. Die Kalenderdaten haben keine Bedeutung. Zweifellos ist der Symbolismus eine Erscheinung des neunzehnten Jahrhunderts. Unsere Rebellion gegen den Symbolismus geschah vollkommen rechtmäßig, denn wir fühlten uns als Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts und wollten nicht im vergangenen bleiben…
Ihre Verse „Um hundert Jahre wurden wir schon älter“1 legen nicht nur Zeugnis ab von den Schrecken des Ersten Weltkrieges, dessen Tragödie den jungen Menschen die Erfahrung von Greisen vermittelt hat, sondern bekunden auch den buchstäblichen Übergang von einem Jahrhundert zum anderen, das heißt, es war plötzlich ein Jahrhundert mehr durchlebt. Die Verspätung um anderthalb Jahrzehnte entfernt auch die wirkliche Mitte unseres Jahrhunderts von der Kalendermitte.
Weder sie noch Pasternak hatten es nötig, mit der Zeit Schritt zu halten, selbst wenn sie die Absicht gehabt hätten; die Beschleunigung, die der Zeit durch wahre Dichtung aufgegeben wird, ist immer größer als die maximale Beschleunigung der Epoche, ebendies macht das Schaffen eines Dichters außerzeitlich. In den zwanziger Jahren erwartete man Wunder von Jack Althausen, diese Erwartung wurde in den fünfziger Jahren auf andere Namen übertragen.
Achmatowa und Pasternak, die den Worten der nicht zu Scherzen aufgelegten Kritik zufolge: „nicht vermocht hatten, rechtzeitig zu sterben“, verdarben jedoch das Vergnügen, das bereits in der Erwartung selbst liegt, durch ihre bloße Anwesenheit in der Liste, wenn auch unter denen, die wegen ihrer Nichtbeteiligung am Rennen an den Straßenrand gedrängt waren, und machten letzten Endes die angekündigten Wunder zunichte, reduzierten sie bestenfalls auf einen Kunstkniff. Abgesehen von dem grundsätzlichen Unterschied der ästhetischen Einstellungen – Achmatowa schrieb so, daß die Nachfahren „erschauernd Namen läsen auf einer verwitterten Gruft“,2 und Pasternak so, daß man in dem Moment, wo man eine Zeile las, weiterhin sehen konnte, wie die Tinte unter seiner Hand trocknete – war der Zirkel, um den Maßstab ihrer „Monumentalität“ und seiner „Momentalität“ zu messen, derart weit geöffnet, daß er sich für die Bewertung der Größe anderer als ungeeignet erwies, und jene, von denen die Wunder erwartet wurden, zogen im Vergleich mit ihnen deutlich den kürzeren, ja fielen einfach aus dem Vergleich heraus. Nach ihrem Tod veränderte sich alles einschneidend: die Maßstäbe, die Meßmethoden, schließlich die Zirkel selbst. Die Atmosphäre veränderte sich.
Der Abend, das Ende eines Tages, das Ende eines Jahres, eines Jahrhunderts bringen den Rückgang der Aktivität, eine Stockung, das Aufschieben der Angelegenheiten, der Gedanken und des Lebens auf den nächsten Tag, das nächste Jahr, das nächste Jahrhundert mit sich. Am Anfang und Ende von halben Zeitspannen tritt dies alles verschwommener zutage, drückt sich weniger scharf aus, läßt sich aber trotzdem deutlich spüren. In der Mitte der sechziger Jahre zeigte die in einem halben Jahrhundert angestaute Müdigkeit, durch seine Kataklysmen vertieft und nach der Erleichterung durch Stalins Tod noch stärker empfunden, in den verschiedensten Bereichen ihre mächtige Schwere. Die Kräfte, die sich zu Beginn der zweiten Hälfte des Jahrhunderts versammelt hatten, konnten mit ihr nicht fertig werden, obwohl sie sich auf ihre Weise sogar bemühten: die lyrische Dichtung begann, ihren Platz der Prosa, der Publizistik, dem Dissidententum im weitesten Sinne – von Jewtuschenko bis Solschenizyn –, und auf der eher akademischen Ebene der Analyse früher geschriebener Gedichte zu überlassen. Aber die Anzeichen des Verfalls waren schon früher zu bemerken – in der Zeit des „Tauwetters“ und sogar beim „Aufblühen des neuen Interesses an Dichtung“, wie Achmatowa Anfang der sechziger Jahre sagte. Diese allmählich und unaufdringlich, aber unbestreitbar aufzuzeigen, gelang in erster Linie ihr selbst.
„Alt ist die Hündin geworden“, sagte sie von Zeit zu Zeit, wobei sie sich keineswegs beklagte und nicht nur die physische Schwrere der durchlebten Jahre konstatierte, sondern auch die Unmöglichkeit, das, was sie wußte, nicht zu wissen. Sie erinnerte sich an eine Notiz von Wjasemski über die Tage seiner Jugend, die er nach der Lektüre von Krieg und Frieden, also schon als alter Mann, hinterlassen hatte. Er schrieb, daß man dem „seligen Imperator“, so nannte er Alexander I., vieles vorwerfen könne, aber von einer Eigenschaft sei bei ihm keine Spur zu finden gewesen – und das sei Vulgarität: er habe eine tadellose Erziehung genossen und habe unmöglich Geld ins Volk werfen können, wie es der junge Graf Tolstoi beschreibe. Nicht, daß sie auf Wjasemskis Seite gestanden hätte: als ich einmal sagte, daß ich mit jedem seiner Worte in der Bewertung von Puschkins „Den Verleumdern Rußlands“ einverstanden sei, warf sie ärgerlich ein:
Ich aber nicht. Wahr oder nicht, aber jener hat vor aller Ohren das gesagt, was er wollte, und dieser – in seinem Tagebuch, welch großes Verdienst.
Ihre Bemerkung war auch keine Spitze gegen Tolstoi, den sie wegen der wissentlichen Unwahrheit über Anna Karenina und wegen seiner opferreichen Ergebenheit an Ideen überhaupt mit gekünsteltem Zorn einen „schmutzigen alten Mann“ schimpfte. Doch ähnliche Kontrastierungen stellten sich durchweg ohne ihr Zutun zu genauen Parallelen auf: es war – es wurde. Kein Räsonieren: „es war besser, es wurde schlechter“, sondern: es war so – es wurde anders, und was wem mehr gefiel, war eine Frage des Geschmacks. Sie erzählte von Strawinskis Frau Vera, einer blendenden Schönheit, die von Petersburger Connaisseurs Bjaka genannt wurde: in der Emigration, in Paris, eröffnete sie ein Hutatelier; wenn eine Kundin, die vor dem Spiegel einen Hut aufprobierte, Zweifel hatte, setzte Bjaka diesen Hut auf und sagte: „Nun, wie sieht er aus?“, worauf jene sich sofort davon überzeugen ließ, daß der Hut wunderschön war, und bezahlte. „Sie war eine wirkliche Schönheit“, sagte Achmatowa.
Das ist sehr selten. Diese Georgierin, die Frau unseres ruhmreichen Dichters, Sie haben sie gesehen, sie ist doch von tadelloser Schönheit – aber Gott bewahre vor solcher Schönheit.
Ein andermal erinnerte sie sich an eine hauptstädtische Geschichte, die irgendwann gegen Anfang des Jahrhunderts von Mund zu Mund gegangen war, die Geschichte einer bekannten Theaterschauspielerin, der Geliebten des Malers Korowin. Er war bei ihr zu Gast, als die Schneiderin Lamanowa ohne Voranmeldung erschien. „Und das war, als würde heute Dior höchst selbst zu Ihnen nach Hause kommen“, sie nannte den Namen Diors oder eines anderen Pariser Modehauses, „und sogar mehr: sie war die einzige dieser Art. Die Hausherrin kam zu ihr herausgelaufen, nachdem sie sich irgend etwas übergeworfen hatte, und erklärte das damit, daß eben in dieser Minute der Arzt, der zur Visite gekommen sei, sie untersucht habe. Die Anprobe zog sich sehr in die Länge, Korowin bekam das Warten satt und trat unerwartet mit eilig zugeknöpftem Hemd und ungebundenen Schnürsenkeln heraus. Die Schauspielerin rief schlagfertig aus: ,Aber Doktor, was sind das für Scherze!‘“
Entweder kurz vor oder bald nach dieser Erzählung fragte Achmatowa mich, ob ich die Geschichte über die Puderdose gehört hätte. Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre ging eine Moskauer Dame von Welt, eine Schriftstellerin, auf eine Gesellschaft – überhaupt liebte sie Zusammenkünfte vieler Menschen –, holte aus ihrer Tasche eine Puderdose, puderte sich und ließ sie in der Mitte des Tisches offen stehen. Die Erzähler variierten die Details: sie ließ sie nicht offen stehen, sondern öffnete sie jede Minute erneut und puderte sich; nicht in der Mitte des Tisches, sondern versteckte sie, im Gegenteil, irgendwo. Letzten Endes wurde jemand aufmerksam, schöpfte Verdacht und warf die Puderdose wie zufällig zu Boden – es stellte sich heraus, daß sie ein Miniaturmikrofon enthielt. „Ja und wissen Sie, wer diese Dame ist?“ fragte Achmatowa, die Wirkung im voraus genießend, und sprach den Namen einer ihrer Bekannten aus, die regelmäßig zu ihr kam und die sie, wenn auch unaufrichtig, so doch höflich empfing. Alles erschien derart unwahrscheinlich, daß es sogar uninteressant wurde. Interessant war nur der sich aufdrängende Vergleich dessen, was sich damals zu einer geräuschvollen Geschichte entwickelte und was heute.
Mein Freund Jakow Gordin, damals Patriot des Dorfes Michailowskoje, bat mich, Achmatowa zu fragen, ob sie einen Brief zum Schutz von Puschkins Verbannungsort vor den Eingriffen der Bauarbeiter, die dort ein mehrstöckiges Hotel errichten wollten, unterschreiben würde. Ich übermittelte Achmatowa die Bitte und begann, ihr zu erklären, was er mir erklärt hatte, sie unterbrach mich:
Geben Sie den Brief her. Obwohl ich Sie im voraus darauf aufmerksam mache, ich bin irrtümlich ausgewählt worden, das Volk hat seine Lieblingsunterschriften, Sie wissen, wie die Moskauer prahlen: „Gestern waren Schostakowitsch, Ulanowa, der Vorsitzende der Akademie, Kapiza, der Patriarch von ganz Rußland und Juri Gagarin bei uns zu Gast“.
Ich sagte, daß Gordin selbst vorbeikommen wolle. Sie deklamierte plötzlich lachend:
Wir fiebern nach einem Literaturorden,
Ihr Brüder, laßt uns aufstehen!
Das Buch von Wassili Gordin
Ist in der zweiten Auflage erschienen.
Ich übermittelte Jakow Gordin die Einladung, übermittelte auch das Epigramm, Wassili war einer seiner Vorfahren. Ein halbes Jahrhundert später tauchte der Gegenstand des harmlosen literarischen Scherzes in Gestalt des Kämpfers für die Unantastbarkeit eines staatlichen Literaturdenkmals vor Achmatowa auf.
Bei einer relativ frühen Begegnung gab ich ihr den Inhalt eines Monologs wieder, den ich am Vorabend von einem gemeinsamen Bekannten gehört hatte. Er behauptete, daß das von der Kunst schon Geschaffene für die heutigen Bedürfnisse vollkommen ausreichen würde; daß das zwanzigste Jahrhundert nichts wirklich Neues zu bieten habe und wenn es zu Beginn noch den Rahm von den vergangenen Jahrhunderten abgeschöpft habe, so sei jetzt auch daran nicht zu denken; daß es in der Geschichte so etwas schon gegeben habe, Rom habe lange Zeit Griechenlands Kunst benutzt, es gebe eine Vielzahl anderer, bekannter Beispiele; daß ein solcher Gesichtspunkt nichts Zerstörerisches habe, denn die Kunst werde von einem freien Leben außerhalb des Rahmens abgelöst, sagen wir, das Geschrei einer lebendigen Katze in einer konkreten Sinfonie; und wenn es jetzt noch irgend etwas gebe, dann sei das bestenfalls ein einziges Bild in einem Film, eine einzige Zeile in einem Poem. „Und das ist kein Snobismus“, sagte ich, „Sie wissen ja, er ist ein überaus gebildeter Mensch, der alle übertroffen hat…“ „Ja-ja, unansehnlich, aber sehr talentiert, wie man in diesem Falle zu sagen pflegt“, fiel sie ein.
Eben weil er über Bildung verfügt, ist das Snobismus. Ich erinnere mich, vor der Revolution behauptete ein sehr gebildeter, junger Mensch, nachdem er aus dem Ausland zurückgekehrt war, daß man nicht sagen könne, im Louvre gebe es überhaupt nichts zu sehen: er habe dort ein Stück gefunden. Nein, keine Malerei, eine Skulptur, ja nicht einmal eine Skulptur, sondern ein Stück einer Skulptur – von Ausgrabungen stammend; mit einem Wort – eine Büste ohne Kopf, ohne Arme, aber was für ein Stein!
Gleichsam aus einem mit ihrer Vergangenheit gefüllten, bodenlosen Sack holte sie die für sie oder den Gesprächspartner nötigen Fakten, Episoden, Sätze heraus, bei Bedarf mit akademisch genauem Kommentar der Daten, Orte und Umstände versehen, öfter aber ohne Verweise auf den Ursprung, isoliert von der Zeit, indem sie entweder vage wiedergegeben oder absichtlich im dunkeln gelassen wurden. Einmal waren wir von einer gemeinsamen Bekannten einzeln zum Mittagessen eingeladen worden und kamen von verschiedenen Orten an, ich verspätete mich um eine Viertelstunde und fand nichts Besseres, als zur Entschuldigung zu erklären, daß ich gerade dabei gewesen sei, ein Bad zu nehmen, als das warme Wasser abgeschaltet wurde, und so weiter – was auch tatsächlich der Wahrheit entsprach. Achmatowa, die schon am Tisch saß, sah mich mit einem Eisesblick an, und kaum hatte ich geendet, murmelte sie zwischen den Zähnen: „Hygiene und Moral“ – eine Losung oder irgendein Titel, mit einem Wort, ein irgendwann von ihr bemerkter Stempel der Zeit. Ein andermal, als ich ein unerwartetes Honorar erhalten hatte und die ganze Gesellschaft von der Ordynka ins Restaurant einladen wollte, riet sie mir, statt dessen einen Eimer Bier und einen Eimer Krebse zu kaufen und direkt mit den zwei Eimern in den Händen bei Ardows zu erscheinen; und als ich ihren Rat befolgt hatte, die Eimer im Haushaltswarenladen, die Krebse in der Sretenka, das Bier in den Kadaschewski Bädern gekauft hatte, als wir die letzten Krebsscheren auspulten und den Rest Bier austranken – nach einem weiteren Gang, oder waren es mehr?, in dieselben Bäder – und alle die Idee und ihre Verwirklichung lobten, sagte Achmatowa mit demselben roten und müden Gesicht wie alle übrigen, aber ohne deren Feuer und Redseligkeit:
Geb’s Gott zu Ostern, wie der Soldat unserer Kinderfrau sagte.
Etwas beschwor das zweite Jahrzehnt herauf, etwas anderes die dreißiger Jahre. Beim Weggehen nach einem meiner ersten Besuche bei ihr zog ich im Vorzimmer meinen Mantel an, und sie half mir, in den Ärmel zu kommen – verlegen riß ich ihn ihr beinahe aus der Hand und murmelte vor mich hin:
Aber, was tun Sie denn!
Sie erwiderte:
Auch Akademiemitglied Pawlow reichte einmal einem Aspiranten, der ihn verließ, den Mantel. Dieser riß ihn ihm ebenso aus der Hand: Sie! mir! wie können Sie nur! Pawlow sagte: „Glauben Sie mir, junger Mann, ich habe überhaupt keinen Grund, mich bei Ihnen einzuschmeicheln.“
Und noch etwas, im Zusammenhang mit Verabschiedungen:
Mandelstam sagte, daß der schrecklichste Fauxpas der Welt der Gesichtsausdruck des Gastgebers sei, der sein Lächeln für den Bruchteil eines Augenblicks früher abstreife, als der hinausgehende Gast aufgehört habe, ihn anzuschauen.
Über Fehlschläge, Handlungen zur unrechten Zeit, über Bruchteile eines Augenblicks und Ähnliches erzählte sie, wie sie während Gumiljows Aufenthalt in Afrika kaum je aus dem Haus gegangen sei und nur ein einziges Mal bei einer Freundin übernachtet habe. Genau in dieser Nacht kehrte er zurück Am Morgen, nachdem sie heimgekehrt war und ihn erblickt hatte, sagte sie überrascht, man sollte nicht glauben, daß so etwas möglich sei, das erste Mal seit einigen Monaten habe sie nicht zu Hause geschlafen – und gerade heute. Offenbar war ihr Vater dabei, und entweder er oder ihr Mann ließ, als sie verstummte, die Bemerkung fallen:
So werdet ihr Weiber alle überführt!
Nach dem Besuch des Dichters Sosnora erzählte sie:
Er trug Verse darüber vor, wie er trinkt. Schreckliche, absolut obszöne Verse, aber sie werden Gefallen finden. Geheimnis ist in ihnen nicht, Er fragte, ob ich wüßte, daß der „Grauäugige König“ gesungen werde. Ich erwiderte: „Mein Gott, wie veraltet!“ Schon siebenundvierzig wurde gesungen: „Hoch lebe er, der trostlose Schmerz, abgedankt hat gestern der rumänische König“.
Sie bezog sich im Laufe eines Gesprächs gern auf Mandelstam, führte gern das eine oder andere seiner Bonmots an. Eines der undatierbaren war: „Kämpfen können die Polen nicht – aber rebelli-ieren!…“, was seinen Vers „Polen! ich sehe keinen Sinn in der törichten Tat der Schützen“ etwas zynisch kommentierte. Zu den datierbaren gehörte das Bonmot über Abram Efros: als André Gide nach Moskau gekommen war, wurde Efros gebeten oder beauftragt, den berühmten Schriftsteller zu begleiten; nach Frankreich zurückgekehrt, schrieb Gide nicht das über die Sowjetunion, was man von ihm erwartet hatte, und Efros wurde verbannt, aber „die Zeiten waren noch vegetarisch“, und er kam leicht davon, man schickte ihn nach Rostow Weliki, also relativ nah, worauf Mandelstam sagte:
Das ist nicht Groß-Rostow, das ist Abram der Große.
Efros hatte bekanntlich die von Achmatowa übersetzten Rubens-Briefe redigiert. Als das Buch erschienen war, lud er sie ins Restaurant ein, dieses Ereignis zu feiern; im selben Raum befanden sich zufällig Katajew und Schklowski: nachdem sie sich einen angetrunken hatten, traten sie an ihren Tisch heran, küßten Achmatowa die Hand, baten förmlich um Erlaubnis, für einige Minuten Platz zu nehmen, äußerten einige liebenswürdige Floskeln und empfahlen sich dann, doch bevor sie weggingen, beschloß Schklowski, sich das Vergnügen zu bereiten, und sagte:
Abram kann eine russische Frau ins Restaurant einladen, und sie bleibt auch danach noch auf gutem Fuße mit ihm.
Es war eine Anspielung auf einen Aphorismus Babels:
Benja kann eine russische Frau in sein Bett einladen, und sie bleibt auch danach noch auf gutem Fuße mit ihm.
Die Worte „Junost von Ihnen“ in ihrer Notiz bezogen sich auf die in dieser Zeitschrift in Aussicht gestellte Veröffentlichung einiger meiner Gedichte; ihre Anzahl verringerte sich bei jeder Etappe um das Zwei- bis Dreifache, je weiter sie in die Redaktionsinstanzen vordrangen, bis lediglich eines übrig war, aber auch das wurde in letzter Minute gestrichen.
Das habe ich alles mit Mandelstam durchgemacht. „Geben Sie uns fünfzehn, damit wir genug haben, um acht davon auszuwählen.“ Von den acht fand der Chefredakteur in drei Gedichten Anspielungen, zwei waren unzeitgemäß, drei sollten gedruckt werden. Vielmehr nicht drei, sondern zwei, aus Platzmangel. Und für alle Fälle noch etwas als Ersatz mitbringen… Dieses einzige kam manchmal durch.
Als ihre Gedichte in der Literaturnaja Rossija3 oder, wie sie früher hieß, in Literatura i schisn erschienen, gab die „progressive Intelligenz“ ihr in Nebensätzen zu verstehen, daß sie vergebens auf die Publikation in dieser, im Vergleich zur Literaturnaja gaseta reaktionären Zeitung eingegangen sei und damit den Gegnern des Fortschritts in die Hände gespielt habe. Sie sagte nach einem dieser Gespräche gereizt:
Nicht gedruckt wird überall gleich. Warum soll ich einen mikroskopischen Unterschied suchen, wenn gedruckt wird?
Äußerliche Ähnlichkeiten täuschten sie nicht:
Als die NÖP begann, sah alles wieder so aus wie früher – Restaurants, Luxusdroschken, schöne Frauen in Pelzen und Brillanten. Doch all das war – ,wie‘ es simulierte das Frühere, imitierte es. Das Frühere war unwiederbringlich vergangen, der Geist, die Menschen – die neuen ahmten sie nur nach. Es war derselbe Unterschied wie der zwischen den Oberiuten und uns.
„Warum jammern alle so über das Schicksal des Künstlertheaters! Ich bin damit nicht einverstanden“, sagte sie, als dieses Theater unterging.
Was einen Anfang gehabt hat, muß auch ein Ende haben. Es ist doch nicht die Comédie française oder unser Maly Theater – das spielt schon hundert Jahre Ostrowski und wird ihn noch hundert Jahre spielen… Stanislawskis Entdeckung besteht darin, daß er erklärt hat, wie Tschechow inszeniert werden muß. Er hat verstanden, daß das eine neue Dramaturgie ist und daß sie ein Theater mit neuen Intonationen und mit all diesen berühmten Pausen erfordert. Und nach dem großen Mißerfolg in der Alexandrinka veranlaßte er das Publikum, scharenweise zu ihm zur Möwe herbeizuströmen. Ich erinnere mich, daß es zu jener Zeit als schlechter Ton galt, nicht im Künstlertheater gewesen zu sein, und die Lehrer und Ärzte aus der Provinz kamen extra nach Moskau, um es zu sehen. Und in der Folge wurde alles, was Tschechow ähnelte oder ähneln konnte, zum Erfolg des Theaters und alles andere zum Mißerfolg. Der Krieg der Mäuse und Frösche aber wurde deshalb immer heftiger geführt, weil die einen Stanislawskis System für etwas wie eine vollkommene, wundertätige Ikone hielten, und die anderen ihnen das nicht verzeihen konnten. Das ist alles. Damals war der Anfang, jetzt ist das Ende.
Sie erlebte das Ende einer Vielzahl von Dingen, die in ihrer Gegenwart und mit ihr ihren Anfang genommen hatten. Eine Erzählung über die Ereignisse der fünfziger Jahre konnte das Echo der zwanziger hervorrufen.
Als Roman Jakobson zum ersten Mal nach Stalins Tod nach Moskau kam, war er schon eine Berühmtheit, ein sehr bedeutender Slawist. Auf dem Flugplatz, an der Gangway empfing ihn die Akademie der Wissenschaften, alles sehr feierlich. Plötzlich schlug sich Lilja Brik durch die Sperre und rannte ihm mit dem Schrei: „Roma, verrate es nicht!“ entgegen…
Nach einer Pause, mit leichtem schadenfrohen Lachen:
Aber Roma hat es verraten.
Gemeint war die Pariser Liebesaffäre Majakowskis und seine Gedichte an Tatjana Jakowlewa, die die Briks in all diesen Jahren verheimlicht hatten.
Es entstand der Eindruck, daß „in my beginning is my end“ nicht nur als ewiger Schatten zu verstehen ist, den der Tod auf die Geburt wirft, und nicht nur als Wurzeln der Zukunft, die sich in der ihr provozierend unähnlichen Gegenwart verstecken, sondern daß das Ende das unbedingte Gegenstück zum Anfang bildet, daß der Anfang ohne Ende ungültig ist. Ihr Leben erschien länger zu währen als das einer beliebigen anderen Frau, die zur selben Zeit wie sie geboren und gestorben war, deshalb natürlich, weil es so reich an Ereignissen war, weil es nicht nur einige historische Epochen in sich einschloß, sondern sie mit sich ausdrückte, aber auch deshalb, weil sie ihr Leben gleichsam bremste, es bis zur Vollendung noch einer und noch einer Episode, die sich auf Jahrzehnte ausgedehnt hatte, bis zu einer weiteren Bestätigung ihrer Vermutungen und Beobachtungen hinauszögerte. Bis zum Ende jedes ihrer Anfänge und damit bis zum Ende ihres Anfangs, bis zur völligen Verwirklichung ihres Schicksals. Bis dahin, daß sie über jedes Geschehen sagen konnte: das ist wie jenes, wobei sie es so sagte, daß „das ist wie jenes“ die einzige wahre Metapher des Geschehens wurde. Nicht durch den Vergleich der Dinge nach der Ähnlichkeit und dem Kontrast ihrer Merkmale, nicht durch die willkürliche Gegenüberstellung, sondern durch die notwendige und natürliche Verbindung des Endes mit dem Anfang und deshalb – durch die unbestreitbare Wahrheit der unbestreitbaren Realität.
Zwei Monate vor ihrem Tod, schon im Krankenhaus, las sie ein dünnes Gedichtbändchen von Alice Meynell, die einige Jahre vor Achmatowa geboren und 1922 gestorben war. Daraus wählte sie eine Zeile für ein Epigraph zu ihren Versen aus:
… none dare
Hope for a part in thy despair
(… niemand wagt, auf einen Teil in deiner Verzweiflung zu hoffen).
Es blieb ohne Verwendung, doch einmal standen vor Achmatowas Versen schon ähnliche Worte: „Verlieren Sie Ihre Verzweiflung nicht“, ein Satz von Punin, entweder aus einem Brief an sie oder aus einem Gespräch.
Auch wenn sich das konkrete „das ist wie jenes“ als falsch erwies, hob es die Richtigkeit des Prinzips selbst nicht auf. In den Zeiten der Berichte über die fanatische Ergebenheit der Chinesen gegenüber Mao Tse-tung sagte sie:
Die Chinesen ergeben sich irgendeiner Idee für zehntausend Jahre. Ich weiß es, ein führender Sinologe hat es mir erklärt. Zehntausend Jahre glauben sie Konfuzius, dann ist er wie weggewischt, und irgend etwas Neues taucht auf – und dann glauben sie erneut für zehntausend Jahre.
Nur W.M. Alexejew konnte mit dem „führenden Sinologen“ gemeint sein, er aber hatte es wohl kaum auf diese Weise erklärt. Den Dichter Semjon Lipkin, seinerzeit als Übersetzer hauptsächlich orientalischer Dichtung bekannt, nannte sie „Chinas Weiser“, und es hatte den Anschein, als stamme diese Verbindung aus derselben unseriösen Quelle wie die „zehntausend Jahre“. Die Liebe der Chinesen zu Mao währte nicht so lange, aber in Achmatowas kleinem Märchen über die Chinesen steckte, auch gegen die Offensichtlichkeit des Eindrucks, mehr Überzeugungskraft, daß dies die Wahrheit war oder wenigstens die Wahrheit sein sollte, als in dem bald folgenden Wandel der chinesischen Ideen.
An einem Oktobertag des Jahres 1964 fuhren wir mit dem Taxi über die Kirowbrücke. Der Himmel über der Newa war von niedrigen Gewitterwolken mit verschwimmenden Rändern bedeckt, doch plötzlich begann hinter dem Gebäude der Börse eine rote Lichtsäule ungestüm aufzuleuchten, sie dehnte sich vertikal aus, und wenn man den Wunsch hatte, in ihr ein Zeichen zu erblicken, wirkte sie sogar furchteinflößend. Dann bildete sich in ihrem oberen Teil etwas wie ein Querbalken, die Wolken verzogen sich an dieser Stelle endgültig, die Sonne blitzte auf, und die Erscheinung verschwand. Am folgenden Tag erfuhren wir, daß Chruschtschow an diesem Tag abgesetzt worden war. Achmatowa kommentierte:
Das ist Lermontow. An seinen Jahrestagen geschieht immer etwas Furchtbares. Zum hundertsten Geburtstag, 1914, der Erste Weltkrieg, zum hundertsten Todestag, 1941, der Große Vaterländische Krieg. Hundertfünfzig Jahre ist ein mittelmäßiges Datum, nun, auch das Ereignis ist schwächer. Aber trotzdem, mit himmlischem Zeichen…
Sie sagte von sich: „Ich bin eine Anhängerin Chruschtschows“, wegen der Befreiung der Stalinschen Gefangenen und der offiziellen Enthüllung des Terrors. Und unsere Taxifahrt wurde in dem Moment der Erwähnung Lermontows von ihrer Fahrt in der Droschke ein halbes Jahrhundert zuvor überlagert, einer Droschke, „die so alt war, daß sie schon Lermontow hätte fahren können“, und diese Achmatowaschen fünfzig Jahre und die fast hundert der Droschke und die hundertfünfzig Lermontows und ihre so persönliche, zärtliche Beziehung zu ihm – Gefährtin der Gilde, ältere Schwester, „Mütterchen Arsenjewa“ – verflochten sich derart miteinander, daß sie ihr eigenes Leben auf geheimnisvolle Weise fast um das Zweifache ausdehnten, wobei auch der Sturz Chruschtschows aus der Reihe der augenblicklichen Ereignisse in die Reihe der dynamischen überhaupt – des Dezemberaufstands und anderer Aufstände, der Palastrevolutionen und anderer – verschoben wurde. „Über Lermontow kann man ,mein Lieblingsdichter‘ sagen, soviel man will“, bemerkte sie einmal.
Über Puschkin aber wäre es dasselbe, wie zu schreiben: „Ich beende den Brief, und Jupiter schaut zum Fenster herein, der Lieblingsplanet meines Mannes“, das ist Schtschepkina-Kupernik in einem Brief an Ranewskaja eingefallen.
Der Kontext ihrer Biografie gestaltete alles, was in ihre Umlaufbahn geriet, nach ihrer eigenen Art um, selbst periphere; selbst ihr fremde Erscheinungen. „In Taschkent“, erzählte sie, „wohnten über mir seinerzeit vor Hitler geflohene Antifaschisten. Sie stritten sich untereinander und prügelten sich derart, daß ich dachte: wenn das Antifaschisten sind, wie müssen dann erst die Faschisten sein!“ Hinter dem Symbol, dem wilden Tier, dem Schimpfwort „Faschist“ kam plötzlich ein Mussolini zum Vorschein, ein Tölpel, umgeben von einer frühen romantischen Aura. Ebenso „nach Achmatowas Art“ klang ihre Charakteristik oberflächlicher, pseudobedeutsamer Menschen, Bücher, Gedanken, sie nannte diese „aufblasbar und ausgestopft“ – dem Verzeichnis des Schreibwarensortiments entlehnt:
aufblasbares, ausgestopftes Spielzeug.
Ebenso verwendete sie das Zeitungsvokabular „die Sehnsüchte des Volkes“ für etwas Gewünschtes, was sich als Wirkliches ausgab.
Wenn wir verschiedener Meinung waren und jeder auf seiner beharrte, besonders wenn es um praktische Dinge ging, äußerte sie oft mit gespielter Selbstsicherheit:
Wer ist die Mutter von Soja Kosmodemjanskaja, Sie oder ich?4
Als ich das zum ersten Mal hörte, fragte ich, woher der Spruch stamme. Sie erzählte es mir: in Stalingrad suchte man nach dem Krieg nach einem Standort für den Bau einer neuen Traktorenfabrik anstelle der zerstörten, die Mutter von Soja Kosmodemjanskaja gehörte der Kommission der Vertreter der Öffentlichkeit an; unerwartet für alle erklärte sie in kategorischem Ton, daß man nicht an der Stelle bauen solle, die die Fachleute ausgewählt hätten, sondern an einer anderen, und als man versuchte, sie höflich zu überzeugen, stellte sie diese rhetorische, klassisch-erschlagende Frage:
Wer ist die Mutter von Soja Kosmodemjanskaja, Sie oder ich?
Sie machte sich das Fremde mit solcher Leichtigkeit zu eigen, als hätte sie das ihr Gegebene einmal geliehen bekommen, und wenn man tiefer in diesen Prozeß eindrang, war es auch so. Von der Reise zu Brodsky zurückgekehrt, erzählte ich ihr, wie gemütlich es abends nach dem Heizen des Ofens war, Radio zu hören, das allmählich die Finsternis von Wologda hinter dem Fenster mit Trugbildern von Paris, Leningrad und London ausfüllte. Und wie wir beide beim Hören des Berichts über das von einer Gesellschaft oder einem Klub zu Ehren von Priestley organisierte Mittagessen vom ergreifenden Ende seiner Dankesrede bewegt waren, in der er die Worte Edgars aus König Lear über die Machtlosigkeit des Menschen bei der Wahl des Augenblicks seines Erscheinens auf der Welt und seines Weggangs zitierte, die mit dem berühmten: „Ripeness is all!“ (Reif sein ist alles.) enden. Brodsky übernahm später die Edgar-Passage im ganzen als Epigraph zu seinem Buch, und Achmatowa schrieb gleich nach meinen Worten in ihr Tagebuch: „K. L. – is all“, wie beiläufig. Etwa zu dieser Zeit traf sie mit einer Leningrader Schriftstellerin zusammen, die in den Kriegsjahren als einfacher Matrose in der Baltischen oder der Nordmeerflotte gedient hatte, und jetzt um der Gerechtigkeit willen aktiv dabei war, „diesen Grünschnabel Brodsky“ den Händen „dieser Parasiten“ zu entreißen. Sie bestand auf einer Begegnung mit Achmatowa teils aus strategischen Gründen, teils aus Neugier, verließ sie aber enttäuscht:
Sie hört ja schwer, wir brauchen aber Menschen ohne Fehler.
Achmatowa sah, im Gegenteil, zufrieden aus, als ich zu ihr eintrat, der Gast hatte ihr gefallen, und auf mein „Nun, wie war es?“ antwortete sie zustimmend:
Marineinfanterie.
Bald verband und löste Brodsky beide Themen mit einem Mal, das des Krieges und das der Verbannung, als er nach seiner Freilassung nach Komarowo kam und sofort begann, unter der Hütte einen Luftschutzkeller für Achmatowa zu graben. Ich kam aus dem Wald und traf ihn bereits bis zu den Schultern in der Grube an sie saß lächelnd aber etwas verwirrt am Fenster:
Er sagt, für den Fall eines Atombombenabwurfs.
Da in ihren Worten eine Frage mitklang, antwortete ich:
Er hat das Diplom eines Strahlenschutzfachmanns.
In einem der Gespräche sagte ich, daß ich festgestellt hätte, wie Menschen, die immer wieder klein beigeben, das dadurch kompensierten, daß sie in sich etwas festigten, was für die übrigen unzugänglich sei und der eigenen Schwäche die Stirn bieten würde. Unvoreingenommen betrachtet erweise sich dieses etwas jedoch einfach als Erbitterung. Sie erwiderte heftig:
Auf keinen Fall darf man dieses Ungeheuer füttern, soll es vor Hunger krepieren. Die Erbitterung zeitigt schreckliche Ergebnisse, das sieht man zum Beispiel bei Gorodezki.
Und kurz darauf:
Wenn ein Mensch so lange lebt wie ich, stellen sich bei ihm gewisse endgültige Ideen ein… Es ist ebenso schwer, Gutes zu tun, wie es leicht ist, Böses zu tun. Man muß sich zwingen, Gutes zu tun.
„Wie gut sie ist“, sagte sie voll Freude über die erste Frau ihres Bruders Viktor, die selbstlose, liebenswerte Hanna Wulfowna Gorenko, die auf den ersten Ruf hin aus Riga gekommen war. Selbst wenn sie sich über sie ärgerte, schimmerte Rührung durch ihre Worte:
Hanna hat es erlaubt.
Einen Tag nachdem ich das ihr gewidmete Gedicht überreicht hatte, das einigen Anzeichen nach zu urteilen ihrem Geschmack entsprach, begann sie sich ausführlich darüber zu äußern, dann folgte ein anderes Thema, und plötzlich unterbrach sie sich, als würde sie sich erinnern:
Ja! Sie haben da einen überflüssigen Versfuß in der und der Zeile, das müßten Sie korrigieren.
Ich zählte die Versfüße im Geiste durch, dann, nachdem ich sie verlassen hatte, auf dem Papier, und zu Hause malte ich ein Schema – kein Versfuß war überflüssig. ich sagte ihr das bei unserer nächsten Begegnung. Sie wollte nichts davon hören:
Es ist einer zuviel, ja, ja, Sie müssen das nicht überprüfen, ich habe mich nicht geirrt. Fünfzig Jahre sitze ich an dieser Sache.
Ihre Hartnäckigkeit betrübte mich, und erst später verstand ich, was sie meinte: nicht vom Metrum her war ein Versfuß zuviel, sondern rhythmisch-musikalisch, die Zeile mußte gekürzt, unterbrochen werden, die Gleichmäßigkeit machte sie schlaff. Dies war noch eine ihrer Wahrheiten gegen die gängigen Regeln, eine von den offensichtlicheren Wahrheiten, nicht von den tiefgründigen. Eine ihrer Wahrheiten, die die verschiedensten Ebenen der Dichtung sowie des ganzen Lebens umfaßten, eine der Wahrheiten, die sie durch den Fakt beweisen konnte, daß sie fünfzig Jahre an dieser Sache gesessen hatte.
*
Unter den Dutzenden Porträts von Achmatowa nahm das von Altman einen besonderen Platz ein, obwohl ihr die von Tyschler und Tyrsa besser gefielen. Vielleicht weil Altman sie in glücklichen Tagen ihres Lebens gemalt hatte, oder die Sitzungen selbst in einer besonderen, freundschaftlich-intimen Atmosphäre verlaufen waren und mit ihnen etwas verbunden war, woran sie sich später gern erinnerte, oder vielleicht deshalb, weil es ihr erstes „berühmtes“ Porträt war. Über Altman erzählte sie, daß er nach ihren häufigen Begegnungen vor der Revolution für fast dreißig Jahre aus ihrem Gesichtskreis verschwand und sie dann plötzlich anrief: „Anna Andrejewna, haben Sie jetzt nichts vor?“ – „Nein.“ – „Darf ich dann vorbeikommen?“ – „Ja.“ „Und er kam vorbei, als ob es das natürlichste der Welt sei, und wir begannen, so ungezwungen miteinander zu sprechen, als hätten wir uns erst gestern gesehen.“ „Als er mich malte, kam manchmal ein Ausländer ins Atelier hinauf, sah das Bild an und sagte: ,Das – wird – ein – großes – Lach!‘“ Sie wiederholte zuweilen dieses pythische Urteil, erklärte aber nie die Bedeutung des geheimnisvollen Wortes: ich hielt es für eine Ableitung von „Lachen“, etwas wie das altrussische Substantiv, was gleichzeitig die Grandiosität der Arbeit und des Ereignisses wiedergab. Der Satz erwies sich als mehr oder weniger universell, paßte fast zu allem, was ringsherum geschah, zumindest um Achmatowa herum. „Das wird ein großes Lach!“ hieß es über die Reise nach Oxford, über Brodskys Prozeß, über die Absicht, den Mantel zu wenden, über das Erscheinen des Requiem im Ausland…
Es gab einige solcher Aussprüche, angesiedelt zwischen Wortspiel und Prophezeiung. In einem der Briefe aus dem Krankenhaus erwähnt sie die Krankheit, die ich ein Jahr zuvor „ohne Arzt durchgemacht“ hatte. Es war gegen Ende des Sommers, und nachdem sie es erfahren hatte, „kommandierte“ sie Brodsky aus Leningrad zu mir ab – wie bald darauf mich zu Olschewskaja. Sie gab ihm ein neues Gedicht mit, das er abgeschrieben und sie durch ihre Unterschrift beglaubigt hatte, „Dreizehn Zeilen“,5 von denen es jedoch wie absichtlich nur zwölf gab, denn er hatte aus Unaufmerksamkeit eine ausgelassen, und sie hatte es nicht bemerkt. Gleich im ersten Gespräch über diese Verse begann ich, Einwände gegen „dazu ausersehn“ zu erheben: „Und ich sogar, die dazu ausersehn, dies göttlich Wort als Mörder zu ersticken“, denn wenn sie dazu ausersehen war, waren Ich und Du im Gedicht nicht gleichberechtigt, der Held befand sich in der Macht der Heldin und spielte nur die Rolle des Teilnehmers am Drama, nahm aber nicht eigenständig daran teil. Mit den Argumenten war sie einverstanden, die Verse jedoch verteidigte sie nachgiebig – hauptsächlich damit, daß „sie dafür gut gelungen“ seien. Ein Jahr oder anderthalb Jahre später, nach einem ähnlichen, nur heftigeren Streit über einen Vierzeiler aus dem „Prolog“, nahm sie einen Radiergummi und radierte die mit Bleistift geschriebenen Zeilen im Heft aus. Aber diesmal sagte sie lachend:
Sie haben mich an Kolja erinnert. Er sagte, daß meine ganze Poesie in dem ukrainischen Liedchen stecke:
Sie goß sich selbst auch ein,
Oj-jej-jej,
Und trank es selbst auch aus,
Oh, mein Gott!
Und sogleich fuhr sie fort:
Dafür sangen wir ihm, als er aus Abessinien zurückgekehrt war: „Wo haben dich nur die Teufel geritten? Wir hätten dich auch zu Hause verheiratet!“ Das ist auch gut, wenngleich nicht so genau.
Ihr scharfes Gehör („das Gehör eines Hundes“, „wie das eines Barsoi“ – um ihre Bemerkungen über andere zu zitieren) fischte in einem alltäglichen Gespräch, in einer Radiosendung, in einem ihr vorgelesenen Gedicht einige Worte heraus, die, von ihr ausgesprochen, ausgesondert und isoliert, einen neuen Sinn, neue Gestalt und neues Gewicht erwarben. „Hier werd ich als Schatten noch eindringen“, riß sie eine meiner Zeilen heraus.
Eignet sich als Epigraph. Auch die Betonung ist falsch – eine gute Zeile.
Ein andermal, als ich den eben erst wiederaufgelegten Suetonius las und auf die ausgezeichnete Bemerkung gestoßen war: „An Schmähungen bei Vergil gab es keinen Mangel“, entgegnete sie:
Ein erstklassiges Epigraph.
Anläßlich des Buches selbst sagte sie einmal:
Suetonius, Plutarch, Tacitus und so weiter zu lesen, ist in jedem Falle nützlich. Etwas bleibt für das ganze Leben. Das weiß ich von mir – den einen kenne ich noch vom Gymnasium, den anderen aus der Zeit der großen Schlaflosigkeit –, als ich eine Unmenge Bücher gelesen habe… Die „Soldatencäsaren“ sind sympathischer als die vorangegangenen – außer vielleicht Gaius Julius. Dem „göttlichen Augustus“ verzeihe ich die Verbannung Ovids nicht. Mag die Geschichte auch im dunkeln liegen, trotzdem: wieder hat ein Kaiser einen Dichter ins Verderben gestützt.
Außerdem: „So sehr wie alles von Rom verständlich ist, so wenig versteht man von Athen“, das heißt, die römische Zivilisation ist die Grundlage und ein Teil der europäischen Zivilisation überhaupt, aber Staat, Kultur und Leben des Alten Griechenland haben nicht ihresgleichen.
Bei einem runden Puschkin-Jubiläum (vielleicht der 125. Todestag) war in der Literaturnaja gaseta eine Notiz abgedruckt, daß d’Anthès dem Rückschlag der Kugel nach zu urteilen, sich wahrscheinlich im Kettenhemd duelliert habe. „Wer hat das geschrieben?“ brüllte sie fast vor Wut. Ich sagte, daß es wohl Gessen gewesen sei. „Gessen würde sich im Kettenhemd duellieren!“ explodierte sie förmlich. „Sie wissen, wie ich zu d’Anthes stehe, aber er war Chevaliergardist und Sohn eines Gesandten, ein Mann von Welt, so ein Gedanke konnte ihm gar nicht in den Sinn kommen: für den, der zum Duell erscheinen und sich auf diese Weise schützen würde, wäre der Tod eine Erlösung!“ „Aber eigentlich ist das eine der typischen Jubiläumsentdeckungen. Alle zehn-zwanzig Jahre einmal werden vollkommen neue, unwiderlegbare Beweise dafür entdeckt, daß d’Anthes Puschkin getötet hat, daß Mozart von Salieri vergiftet worden ist, daß Bojan6 das Igorlied geschrieben hat, daß aber nicht Homer die Ilias und die Odyssee verfaßt hat, sondern ein anderer Greis, der auch blind war.“
An einem der heißen Sommerabende 1963 fuhren wir zur Petrowych zu Besuch, Achmatowa wohnte damals in der Ordynka. Gegen Mitternacht wurde ich nach einem Taxi geschickt und ging wie gewöhnlich zur Tankstelle in der Begowaja, zu dieser Stunde fuhren immer wieder Taxis dorthin, um zu tanken. Nachdem ich mich in ein Auto gesetzt hatte, begann ich, dem Fahrer den Weg zu zeigen, es war nur zwei Schritte entfernt, aber die Strecke führte durch gewundene, auseinanderlaufende, kleine Alleen, die obendrein dicht mit Grün bewachsen waren, und an völlig gleichaussehenden und auf einem weiträumigen Grundstück unsymmetrisch verstreuten Häuschen vorbei. Bald stellte sich heraus, daß wir uns verfahren hatten, und da erschien in einem offenen dunklen Fenster des nächstliegenden Hauses eine durch den Autolärm angelockte mächtige weibliche Gestalt im Nachthemd. Ich stieg aus und fragte sie, wo Block 2 sei, sie fragte, wen ich denn suchte. Ich bemerkte schulmeisterlich, daß es unwichtig sei, wen, ich suchte Block 2. Sie stützte sich auf das Fensterbrett und entgegnete noch schulmeisterlicher, daß für die Öffentlichkeit alles wichtig sei. In dieser Minute traten ein Milizionär, ein Mann in Zivil und eine Frau aus den Büschen, sie rochen nach Wein. Der Milizionär erkundigte sich, worum es gehe, und verlangte mein „Dokument“. Ich hatte es kaum hervorgeholt, als der Zivilist meinen Ausweis, ohne einen Blick darauf zu werfen, in seine Tasche steckte, ins Taxi auf den Hintersitz tauchte und von dort aus allen befahl, zur Miliz zu fahren. Ich folgte ihm, um mein „Dokument“ wiederzuholen, aber der Milizionär stieß mich geschickt ins Auto, drängte sich selbst hinein, so daß ich mich zwischen ihnen wiederfand, die Frau setzte sich nach vorn, und die Türen schlugen zu. Der Fahrer, dem das alles mißfiel, sagte grob, daß er nirgendwohin fahre, solange man ihn nicht bezahle. Der Mann in Zivil zeigte seinen Ausweis, drohte mit Strafen und wir setzten uns langsam in Bewegung. Im selben Moment erblickte ich Block 2 mit einem hell erleuchteten Fenster im ersten Stock, rief: „Stop!“, und das Auto blieb stehen. Der Milizionär willigte ein, auszusteigen, obwohl der zweite ganz dagegen war. Die ganze Gesellschaft stieg nun die kleine Treppe hinauf, ich klingelte, Maria Sergejewna öffnete die Tür, und wir platzten herein. Der Milizionär war verlegen, fragte aber auf mich zeigend:
Kennen Sie diesen Bürger?
Achmatowa saß mit dem Rücken zur Tür am Tisch, sie wandte sich nicht um, sondern drehte lediglich den Kopf in unsere Richtung, nur um einige Grade, einzig um zu zeigen, daß sie uns sah, und sagte klangvoll, die Worte zerlegend: „Ja, das ist unser Freund…“ und nannte meinen Vor-, Vaters- und Familiennamen. Ich erhielt meinen Ausweis zurück, die Hüter der Ordnung entfernten sich. Wir gingen hinunter und fuhren los. Auf dem Weg erzählte ich, was geschehen war, der Fahrer ergänzte meine Erzählung mit ausdrucksvollen Beschreibungen, sagte zum Beispiel: „die lumpige Nutte“ über die Frau, die sich neben ihn gesetzt hatte. Als sie das hörte, zitierte Achmatowa eine Zeile aus Feofan Prokopowitsch:
Was tun wir, Russen?
Ich begleitete sie zur Wohnung der Ardows und fuhr mit demselben Taxi zu mir. Beim Abschied sagte der Fahrer:
Die Alte urteilt richtig: wir Russen behandeln einander doch, ehrlich gesagt, wie Schweine!
Am Tag darauf erzählte ich ihr das, sie war zufrieden, bemerkte aber:
Nutte war besser. Sie war ja wirklich eine Nutte.
Unter den im Laufe ihres Lebens gesammelten Aussprüchen, mit denen sie weiträumige Bereiche menschlicher Erfahrung der Existenzbedingungen selbst charakterisierte, erfreute sich noch einer von Wjasemski oder Gorbunow regelmäßigen Interesses:
Auch der Bär hat’s gut.
Dieser Satz gehörte zu den wenigen, deren Äußerung sie gern mit der Nacherzählung der ganzen Geschichte begleitete.
In das Stadtgut der Scheremetews reitet im Winter ein Bauer, um den Herrschaften zu sagen, daß man einem Bären auf die Spur gekommen sei und ihn mit Hilfe des ganzen Dorfes erlegt habe. Die Herren beginnen schnell, sich anzukleiden, der Bote wird in die Küche geschickt, ein Glas Wodka zu trinken. Dort umringt ihn das Gesinde, fragt ihn aus und überlegt. „Ja, du, du hast’s gut, auf dich sind die Herrschaften aufmerksam geworden.“ – „Ich hab’s gut“, er protestierte nicht, erschöpft und von dem allgemeinen Interesse geschmeichelt. „Und die Herrschaften haben’s gut, vergnügen sich ein bißchen.“ – „Auch die Herrschaften haben’s gut.“ – „Und die Männer haben’s gut, sicher kriegt jeder einen Silberrubel.“ – „Auch die Männer haben’s gut.“ – „Und die Weiber haben’s gut, bewirten alle, bekommen Geschenke“, das Gesinde wird allmählich zappelig. „Auch die Weiber haben’s gut“, willigt der Held ein. „Und der Bär hat’s gut!“ – „Auch der Bär hat’s natürlich gut!“ bestätigt er kompetent.
Sie war zuweilen launisch, despotisch, ungerecht, verhielt sich zeitweise egoistisch und fügte dem Phänomen und Konzept „Anna Achmatowa“ wie zur Schau immer neue und neue Begeisterungen der Leser hinzu, Schüchternheit und Zittern der Verehrer und die Anbetung selbst als die Eigenschaft, die die Beziehung zu ihr bestimmte. Bewußt oder unbewußt bestärkte sie in den Menschen den Wunsch, vor sich eine außerordentliche, einzigartige, ihnen überlegene Figur zu sehen, die sie brauchten, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie überlegen, von welchem Rang ein Mensch sein konnte. Und der Fakt, daß sie tatsächlich eine solche Figur war, sah aus der Nähe wie die natürliche Grundlage und der Antrieb ihres Verhaltens aus, ihr Verhalten aber schien das Wichtigste zu sein, als sei es wichtig in sich selbst.
Im Laufe der Jahre gingen die eine sowie die andere Ebene – sowohl das Wesen als auch das Verhalten – in eine Perspektive ein, die einen größeren Raum umfaßte, sich dafür aber auch verengte und den unmittelbaren Eindruck der Dinge verringerte. Das Sammeln der Verehrung und wiederholter Komplimente mutet nun nicht mehr als Äußerung oder Tribut des Egoismus an, sondern eher, im Gegenteil, als ständig drohende Erinnerung an die Notwendigkeit, „sein Leben für seine Freunde“7 zu geben. Die Wahrheit, daß ein Schüler nicht mehr als sein Lehrer ist, dehnte sie auch auf sich aus. Sie wußte, daß sie Wjatscheslaw Iwanow nicht in der Bildung, Nedobrowo nicht in der Subtilität, Gumiljow nicht in der Überzeugung gleichkam – die Namen und Eigenschaften sind hier willkürlich gewählt, aber sie übertraf sie an Talent, und die Zeit stellte das Talent vor alles Übrige. Die verschiedenen Epochen schätzen verschiedene Dinge, und hier bestand kein Bedürfnis nach umfangreichen Kenntnissen, philosophischen Systemen, religiös-ethischen Lehren und so weiter, sondern in erster Linie nach Talent, nach Talent und seiner kühnen Äußerung, und sie besaß sowohl das Talent als auch die notwendige Kühnheit. Auf diese Weise wurde ihr die Aufgabe zuteil – deren Erfüllung ihr auch gelang –, sich vernehmlich für jene zu äußern, von denen sie etwas gelernt hatte und die sich aus diesem oder jenem Grunde selbst nicht äußern konnten, jene, auf deren Entwürfen sie schrieb. Sie waren es, für die sie nach einer wählerisch aufgestellten Liste – von ihrer Mutter und ihrem Vater, von Olga Glebowa, von Losinski bis Dante und Homer – über ihre eigene Person Ruhm sammelte.
Jedoch das Wissen, die Prinzipien und Kriterien, die sie von lebenden Lehrern oder durch diese empfangen hatte, in Verbindung mit ihrem leistungsfähigen und flexiblen Geist und ihrem gesunden Menschenverstand, der dem Talent im Ausmaß und in der Eigenschaft, alles zu umfassen, in nichts nachstand, setzten jener Freiheit, jenem Unerwarteten, nicht Voraussagbaren Grenzen, das nicht überzeugend, aber allen verständlich Genialität heißt. „Er ist mit einer ewigen Kindheit bedacht“, äußerte sie über diese Qualität der Begabung Pasternaks – sie sagte es begeistert und gleichzeitig herablassend, nicht ohne feinen Sarkasmus, sozusagen „wie kann man nur“. Seine Gedichte kochten über die Ränder des akmeistisch strukturierten Weltalls: er erklärte provozierend, daß Gontscharowa, die Puschkin nicht verstand, eine bessere Frau sei, als Schtschegoljow und die späteren Puschkinforscher, daß Shakespeare lange das passende Wort nicht finden konnte und deshalb die Szenen in die Länge zog; seine Geschmacklosigkeiten wie „Oh, Liebesmale an Frauenhälsen“ oder „Beschwipst“, die sie ihm nicht verzieh, waren ebenso beeindruckend wie seine zweifellosen Erfolge. Mit einem Wort, „er stellte sich über die Kunst“, wie Tschukowskaja ihre Worte notiert hat. Sie sagte, daß Mandelstams „harte Treppen“ („Von harten Treppen und von Plätzen… besang Alighieri sein Florenz“) rechtmäßig seien, durch Dantes „fremdes Brot“ gerechtfertigt, das „barhäuptige Gras“ aber sei bereits eine verbotene Methode.
Als ein Büchlein mit Übertragungen von Rilke erschien, die ein ihr gut bekannter und von ihr geachteter Mann verfaßt hatte, äußerte sie betrübt, daß alles stimme, vom großen Dichter sei aber nichts zu spüren. Wir begannen, über das „Requiem für eine Frau“ zu sprechen, das in das Buch nicht eingegangen war. Ich sagte, das seien geniale Verse: sie stirbt, ist aber noch Teil des Lebens, sie ist auferstanden, und der Dichter bittet sie, nicht zu ihm zu kommen… „Eben das ist schrecklich“, entgegnete Achmatowa sofort.
Das ist eine unbedingte Eigenschaft des Genies… Sie kommt nach dem Tod zu ihm, er aber: „Nein, verzeihen Sie bitte, es muß nicht sein.“ Oder Tolstoi bemerkt in „Vater Sergius“ nicht, wozu er eine Frau zwingt. Ob er sich dann den Finger abhackt, oder nicht – als hätte ich das nach allem was passiert, noch nötig. Für Tolstoi aber ist nur das wichtig, was dort, in der Ferne ist… Und Dostojewski! Mitja Karamasow ist doch ein wirklicher Mörder: er schlägt Grigori derart, daß jener mit gespaltenem Schädel am Boden liegt. Aber die Genies tun das so – weil sie Genies sind –, daß niemand es merkt…
Ich sagte, die Schmeichelei beiseite gelassen, sei Achmatowa kein Genie, sondern in gewisser Weise ein Antigenie… Sie hörte sich das mißvergnügt an und brummte:
Ich weiß nicht, ich weiß nicht.
Ich erklärte, daß ich die Definition im positiven Sinne gebraucht hätte, analog zu „Antiproton“ zum Beispiel:
Das bedeutet nichts Kränkendes, geschweige denn Schlechtes…
Sie beendete das Gespräch humorvoll, versöhnend:
Ich bin beinahe überzeugt, daß es das bedeutet, aber niemand ist da, den ich fragen könnte.
Muß man erklären, daß diese Grenzen die Kunst nicht im geringsten behindert haben? Sie erstreckten sich in ihr, setzten ihr innere Grenzen, zäunten sie aber nicht ein. Sie sagte, daß es bei Dostojewski strenggenommen keinen einzigen Roman gebe außer Schuld und Sühne: in den anderen „finden die Hauptereignisse vor dem Anfang irgendwo in der Schweiz statt, hier aber fällt alles kopfüber, der Leser kommt außer Atem, alles ist schrecklich…“ Und sofort fügte sie hinzu:
Doch eigentlich verfügt ein echter Prosaiker über eine Höllenküche. Sie schaffen es, in ihrem Leben fünfmal mehr zu schreiben als das, was später in die Gesammelten Werke eingeht. Darum glaube ich nicht, daß man einen großen Roman schreiben kann und danach nichts mehr; wie Scholochow.
Vielleicht hatten die Tagebücher Kafkas den Anstoß zu dieser Äußerung gegeben, sie las sie zu jener Zeit in der französischen Übersetzung; darin findet sich unter dem 17. Dezember 1910 die Notiz:
Daß ich soviel weggelegt und weggestrichen habe, ja fast alles was ich in diesem Jahre überhaupt geschrieben habe, das hindert mich jedenfalls auch sehr am Schreiben. Es ist ja ein Berg, es ist 5 mal soviel als ich überhaupt je geschrieben habe und schon durch seine Masse zieht es alles was ich schreibe, mir unter der Feder weg zu sich hin.
Sie erklärte, daß die Puschkin-Forschung in naher Zukunft kaum irgendwie bedeutsame Resultate erzielen werde, denn ein Puschkinforscher bedürfe außer des Gespürs, Talentes, Fleißes und anderer, für einen Wissenschaftler obligatorischer Eigenschaften obendrein guter Kenntnisse des Französischen, des Englischen, der Geschichte der Epoche – und eine solche Verbindung sei heutzutage selten. Sie forderte von einem Schriftsteller die Bildung Thomas Manns und führte den Zauberberg als Beispiel an, freilich unter dem Vorbehalt, daß die Betrachtungen über die Zeit dem Niveau des ganzen Buches nicht gleichkämen. Dieses Buch liebte sie scheinbar rein persönlich, vielleicht wegen der Beschreibungen des Alltags in einem Tuberkulosesanatorium; ich las es, als ich im Krankenhaus lag, und sie sagte:
Das ist genau das richtige fürs Krankenhaus.
Besondere Wertschätzung brachte sie dem Prosaiker Charms entgegen:
Er war sehr talentiert. Ihm ist das gelungen, was fast niemandem gelingt – die sogenannte „Prosa des zwanzigsten Jahrhunderts“ sagen wir, wenn beschrieben wird, wie der Held auf die Straße tritt und plötzlich durch die Luft fliegt. Bei niemandem fliegt er, nur bei Charms.
Sie stellte fest:
Freud ist der Hauptfeind der Kunst. Die Kunst rettet die Menschen vor der Finsternis, die in ihnen steckt. Freud aber sucht Erklärungen für alles Niedrige und Finstere gerade auf der Ebene des Niedrigen und Finsteren – darum ist er dem Spießer auch so sympathisch. Die Kunst will den Menschen heilen, Freud aber läßt ihn mit seiner Krankheit zurück, nachdem er sie erst vertieft hat. Bei Freud gibt es weder reinigendes Leiden noch die Erleuchtungen der Karamasows, sondern nur einige gemeine Erklärungen, warum bei derartigen Beziehungen zwischen Vater und Mutter und bei einer solchen Kindheit nichts anderes geschehen konnte als das, was geschehen ist. Doch wohin soll das führen?
Sie erzählte von einem Brief einer ihrer Freundinnen an eine andere, an Nadeschda Jakowlewna Mandelstam, über ein Buch, das Chasin, der Bruder von N. Ja., geschrieben hatte.
Er hat einen Roman geschrieben, ich glaube, über das Jahr 1812: worüber schreibt man nicht alles, um nicht zu verhungern? Beiläufig bemerkte sie zum Lob des Autors, daß er sich verplaudern könne, und das sei charakteristisch für einen echten Prosaiker. Und weiter hieß es – ich las es mit eigenen Augen, denn Nadja wollte mich mit jener entzweien und zeigte mir den Brief: „Das wissen alle, sogar Anna Andrejewna.“ Freilich hetzte mich jene auch gegen Nadja auf.
Sie lachte, aber daß die Prosa sich verplaudern müsse, daß die Prosa der Überschüssigkeit, des „unnützen Details“ bedürfe, war für sie ein elementarer Fakt der Kunst. Weil es jetzt „alle wissen“ vielleicht, schätzte sie die Prosa der Mitte des Jahrhunderts mehr als die Prosa ihrer Jugend, in der Perlen wie „Die Steppe schwieg feinfühlig“ glänzten – ein Satz, der Mandelstam seinerzeit untergekommen war. Ihr gefiel die Erzählung „Der Sieg“ von Axjonow, und einige Jahre zuvor hatte ihr die Erzählung „Der Verdacht“ von Gratschew gefallen. Aber „besser“ oder „schlechter“ war das Niveau der mittelmäßgen Prosa – 1910 schrieb Lew Tolstoi noch: wsotaki (anstelle von wsjo-taki = trotzdem), wie sie scherzte.
Mehr als die Freiheit, die sich durch Willkür äußerte, und mehr als das Unvoraussagbare der Genialität schätzte sie das Geheimnis. „In diesen Versen ist ein Geheimnis“, war ihr erstes wirkliches Lob. Das andere Lob: „In diesen Versen ist ein Lied“ war eine außerordentliche Seltenheit aus ihrem Munde, ich hörte es nur zweimal, über Blok und über Brodsky, anläßlich seiner „Weihnachtsromanze“, aber auch über seine Verse insgesamt. Einmal begann Brodsky mit Eifer zu beweisen, daß es bei Blok Bände gebe, in denen alle Gedichte schlecht seien. „Das ist nicht wahr“, entgegnete Achmatowa ruhig.
Blok hat wie jeder Dichter schlechte, mittlere und gute Gedichte.
Nachdem er gegangen war, äußerte sie, daß „auch in seinen Versen ein Lied“ sei, über Blok hatte sie das bereits gesagt.
Vielleicht wirft er sich deshalb auch so auf ihn.
Louis Armstrong hat einmal bemerkt:
Zunächst dachte ich, die Menschen brauchen ein Lied, doch bald begriff ich, daß sie ein Spektakel brauchen.
Was das Geheimnis betraf, so begann schon zu Lebzeiten Achmatowas der Ersatz des Geheimnisses durch die Andeutung, und nach ihrem Tod kam die Dichtung der Andeutungen auf. In den siebziger Jahren hatte der Dichter der Andeutungen ein großes, ihm treu ergebenes, von ihm selbst erzogenes Auditorium, das bestens verstand, von welchem politischen Ereignis oder von welcher Person die Rede in Versen war, die vom Angeln handelten: „Burschen“ bedeutete die Jugend, „Netze“ – die Zensur. Das war umgekehrter Symbolismus, die Dichtung der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
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Es ist wahr, daß sie den Kleinigkeiten, die ins Blickfeld ihrer Aufmerksamkeit gerieten, eine Grandiosität verlieh, die ihren Mitmenschen überflüssig erschien. Einen derartigen Effekt erzeugte der Maßstab ihrer Persönlichkeit, den Effekt eines zu weit geöffneten Zirkels: in unserer Vorstellung sind tausend Millimeter viel weniger als ein Tausendstel Kilometer. Wenn sie die Bestätigung irgendeines Faktes aus der Geschichte der Jahre um 1915 brauchte, bat sie Olga Nikolajewna Wysozkaja per Telefon zu kommen; eine frühere Schauspielerin, deren Sohn von Gumiljow etwas jünger war als Lew Nikolajewitsch. Boris Ardow und ich holten sie im Taxi von der Poljanka in die Ordynka. Achmatowa saß majestätisch, sorgfältig gekämmt, mit geschminkten Lippen, in einem schönen Kleid, umgeben von ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit; ihre Konkurrentin von einst aber wirkte alt und schwach, gleichsam vom Schicksal zerbrochen. Sie bestätigte einen der Fakten von der Art, wie sie in Achmatowas Verse „Kann man etwa in deiner ruhmreichen Biografie leere Stellen hinterlassen?“ beschrieben werden, in meinen Augen ein Fakt von zweitrangiger Bedeutung, und Achmatowa veranlaßte, daß sie nach Hause gebracht wurde. Sie hatte den Fakt bestätigt – und Achmatowas Sieg. Auch der Frontabschnitt war zweitrangig, es bedurfte keiner Artillerie von so großem Kaliber, aber eine andere hatte sie nicht.
Damit lassen sich auch ihre sogenannten „Übertreibungen“ und „ganz und gar unbegründeten“ Schlüsse erklären. Tschukowskaja notierte 1940 die Worte von W.G. Garschin, der zu jener Zeit ein enger Freund Achmatowas geworden war:
Haben Sie bemerkt, sie nimmt immer irgendeinen höchst zweifelhaften Fakt als Grundlage und zieht daraus mit eiserner Folgerichtigkeit, mit unbestreitbarer Logik ihre Schlüsse…
Auch Isaiah Berlin erinnert sich ähnlich:
Ihre Urteile über Menschen und über deren Handlungen vereinigten in sich das freie Vordringen in das moralische Zentrum der Charaktere und Situationen… mit einer dogmatischen Hartnäckigkeit in der Erklärung der Motive und Absichten… – was selbst mir, der ich oft die Umstände nicht kannte, unglaubwürdig und manchmal in der Tat erdacht schien. Ich hatte den Eindruck, daß Achmatowa auf dogmatischen Voraussetzungen Theorien und Hypothesen aufbaute, die sie mit außerordentlicher Konsequenz und Klarheit entwickelte. Ihre unerschütterliche Überzeugung, daß unsere Begegnung ernsthafte historische Folgen hatte, war ein Beispiel für derartige idées fixes. Sie dachte ebenfalls, daß Stalin den Befehl gegeben habe, sie langsam zu vergiften, ihn aber dann rückgängig gemacht habe; daß Mandelstams Gewißheit vor seinem Tod, die Nahrung, die er im Lager zu essen bekam, sei vergiftet, begründet gewesen sei; daß der Dichter Georgi Iwanow (den sie beschuldigte, in der Emigration verlogene Memoiren geschrieben zu haben) für eine gewisse Zeit als Polizeispion im Sold der zaristischen Regierung gestanden habe; daß der Dichter Nekrassow im neunzehnten Jahrhundert ebenfalls Regierungsagent gewesen sei; daß Innokenti Annenski von seinen Feinden zu Tode gehetzt worden sei. Diese Überzeugungen entbehrten einer offensichtlichen Grundlage – sie waren intuitiv, aber sie waren nicht ohne Sinn, waren keine direkten Phantasien, sondern Elemente in der zusammenhängenden Konzeption ihres eigenen Lebens und Schicksals und von dem ihres Volkes, jener zentralen Dinge, die Pasternak mit Stalin erörtern wollte – der Effekt eines Sehvermögens, das ihre Phantasie und ihre Kunst stützte und formierte. Sie war keine Geisterseherin, sie hatte vielmehr ein starkes Gespür für die Realität.
In einem anderen Zusammenhang, aber dieselbe Eigenschaft von ihr charakterisierend, schrieb Nedobrowo über die junge Achmatowa, die am Anfang ihrer Schriftstellerlaufbahn stand:
Unglückliche Liebe, die derart mitten ins Herz der Persönlichkeit eingedrungen ist, und gleichzeitig auch durch ihre Sonderbarkeit und die Fähigkeit, jählings zu verschwinden, den Verdacht einflößt, erfunden zu sein, so daß man glaubt, ein selbstgemachtes Trugbild quäle die lebendige Seele bis zu körperlichen Schmerzen – diese Liebe stellt vieles für einen Menschen in Frage, dem es widerfahren ist, sie zu erleben…
Mit Garschins und Berlins Urteilen könnte man viele Dinge und Ereignisse erklären, die sich in den letzten Lebensjahren Achmatowas zugetragen haben, unerwartete Wendungen von Situationen und Gesprächen, einige Briefe. Eine Seite der Realität, die sich hinter dem „Prolog“ und den „Mitternachtsgedichten“ verbirgt und sie begleitet, beschreiben die von mir ausgewählten Stellen aus Nedobrowos Artikel. Ich möchte sagen, daß sie sich nicht angemessen verhielt – wenn das nicht eine Linie in ihrem Verhalten wäre, aufgebaut, wie sich bei aufmerksamer Betrachtung herausstellte, aus einer Vielzahl von Antworten auf das Geschehen, die dem konkreten Ereignis absolut angemessen waren. Das Zweifelhafte bestand, wenn man es genauer betrachtete, aus aufeinanderfolgenden Präzisionen. Das alles war fast medizinisch präzise: einige winzige, braune Flecken auf dem Augapfel, durch ein äußerst feines Äderchen zum Kreis verbunden, bildeten „dieses rostige, stachlige Kränzlein“; ein Chiromant konnte, den Linien und Wölbungen ihrer Hand folgend, tatsächlich „auf der Hand dieselben Wunder“ lesen.
Diese und weniger deutliche Details der Wirklichkeit bemerkte sie um so schärfer, da ihr ganzes Leben von früher Jugend an unter dem Zeichen memento mori gestanden hatte. Möglicherweise ist der Stoff ihrer Verse der letzten Zeit auch deshalb so verfeinert, weil der Tod unbestreitbare und unumkehrbare Züge – des Alters und der Krankheit – angenommen hatte.
Zwei Briefe erhielt ich noch von ihr aus dem Botkin-Krankenhaus, wohin sie im November 1965 mit einem Infarkt eingeliefert wurde. In dem Zimmer lagen mehrere Kranke, man mußte aber sehr laut mit ihr sprechen, weil sie schwer hörte, darum schrieben wir uns, wenn es nötig war, kleine Briefe auf Papierfetzen. Diese beiden jedoch hatte sie mir per Post geschickt, als ich nach Leningrad gefahren war.
2. Januar 1966
Tolja
Ich schreibe Ihnen nur, weil Sie so darum bitten und weil Marusja mich zwingt, ich selbst fühle mich noch nicht in der Lage, Briefe zu schreiben.
Sie wissen alles über mich, Jossif hat gesehen, daß ich gehen kann, ich kann ein wenig lesen, schlafe nicht die ganze Zeit, habe begonnen, etwas zu essen.
Ich danke Ihnen für die Briefe und Telegramme, das letzte hat mir sogar Freude gebracht.
Moskau war mir eine gute Mutter, hier sind alle gut.
Ich warte auf die Lyrik Ägyptens.
Grüße an alle.
Achmatowa
Tolja,
Ich habe Ihre Adresse vergessen und entschließe mich darum, Asja Dawydowna zu belästigen.
Ich danke Ihnen für das recht gescheite Telegramm.
Gestern waren Mischa Mejlach und Arseni bei mir, aber ich war kaum bei Kräften. Das kommt von dem Medikament, das heute abgesetzt worden ist. Neuigkeiten gibt es natürlich überhaupt keine, außer einer Art Überraschung. Seien Sie nicht neugierig.
Ich schreibe Erinnerungen an Losinski, aber es gerät schlaff und etwas weinerlich.
Meinerseits grüße ich meine lieben Mitbürger.
Bestellen Sie Ihren Eltern einen Gruß. (…) Rufen Sie Nina an.
A.
[Auf der Rückseite die Adresse meiner Mutter und der Absender:]
von Achmatowa, A. A., Moskau
Botkin-Krankenhaus, Block 6
„Arseni“, das ist Arseni Alexandrowitsch Tarkowski, ein Dichter, der in den sechziger Jahren erste Anerkennung fand, als er schon über fünfzig Jahre alt war, bereits über ein Vierteljahrhundert Gedichte schrieb und der Krieg, der ihn verstümmelt hatte, hinter ihm lag. Zu jener Zeit war er schon einige Jahre mit Achmatowa bekannt, las ihr Gedichte verschiedener Perioden vor, und sie sprach freundlich über ihn: „Mit diesen Händen hier habe ich Arseni aus dem Mandelstamschen Feuer gezogen“, ihm also geholfen, sich vom Einfluß Mandelstams zu befreien.
Als es ihr besser ging und die Entlassung näherrückte, besuchte ich sie einige Male im Krankenhaus, wobei ich auf dem Weg bei der Rennbahn vorbeiging, die nebenan lag. Einmal, als ich aus dem Frost kam und vermutete, daß sie den Geruch des Kognaks, den ich eben erst im Büfett zum Aufwärmen getrunken hatte, bemerken könnte, beschloß ich, der notwendigen Erklärung durch die wenig erfinderische Rhetorik vorzubeugen:
Sie werden nie erraten, woher ich gerade komme.
Ihre Miene zeigte, daß sie das auch nicht interessierte. Ich sagte:
Von der Rennbahn!
Sie entgegnete in gleichgültigem Ton:
Über Sie höre ich auch nie etwas anderes.
Und nachdem sie mir durch ein kaum bemerkbares Abwinken mit der Hand zu verstehen gegeben hatte, daß sowohl die Erklärung als auch mein ungeschicktes Benehmen vergessen seien, begann sie, von etwas Wesentlicherem zu sprechen – mein Spiel beim Pferderennen war eine Zerstreuung, möglicherweise, eine Schwäche, aber kein Laster und hat keinesfalls mit Ideen zu tun. Als sie bei Brodsky in den Liebesgedichten las: „Wir werden beim Kartenspielen kämpfen“, verzog sie das Gesicht und äußerte sich mißbilligend.
Der Lauf der Zeit war soeben erschienen, sie signierte jeden Tag einige Exemplare. Eine große Anzahl von zentralen Gedichten war nicht in das Büchlein gelangt, viele waren gestrichen worden, wo noch ein Funken Hoffnung bestanden hatte, daß sie gedruckt würden; in den Dankesworten, mit denen sie auf die Komplimente antwortete, war ein bitterer Beigeschmack deutlich zu spüren. In dem sicheren Wissen, daß sie irgendwann einmal gedruckt werden würden, wollte sie das es jetzt geschah, zu ihren Lebzeiten, solange sie selbst noch lebendig und wild waren, „mit Hörnern, Hufen und Schwanz“, und nicht in Gestalt einer heiligen – und vor allem eßbaren – Kuh, aus Hackfleisch geformt, das der Herausgeber durch den Fleischwolf seiner Zeit drehen würde.
Die Krankenschwestern, Pflegerinnen und Mitpatientinnen, die von ihren Männern und Geliebten schon verlassen waren oder noch verlassen werden würden, kamen zu ihr als einer „Spezialistin der weiblichen Erfahrung“ und sprachen armselige Wörter,8 die sie ihnen, nachdem sie sie von ihnen gehört hatte, zum Teil beibrachte. Die eine sprach dasselbe wie die andere, dasselbe wie auch Achmatowa, nur nicht so klar und genau. Sie war die „Spezialistin der Liebe“, denn die Liebe war ihre Poesie:
Wir sind um eine Hoffnung ärmer – und werden reicher um ein Lied.
Die Liebe der Frau war nicht irgendwie von besonderer Art, dem weiblichen Wesen eigen, sondern feiner, tiefer, voller – sie war eine bessere Liebe, wie schon Tiresias bezeugte. „Es ist wissenschaftlich bewiesen, daß Männer die niedrigere Rasse sind“, sagte sie. Oder:
Ein Schaf kann einem, wenn man es bedenkt, auch leid tun: da gibt’s für alle nur einen Mann, und der ist ein Bock.
Sie bedauerte alle, die an ihr Bett kamen und „erwies ihnen die erste Hilfe“ – sie lachte über sie und über sich selbst, wobei sie den von mir gehörten und sofort „als Waffe ergriffenen“ Satz wiederholte:
Ich bin nicht eifersüchtig, es widert mich einfach an.
Sie bedauerte und tröstete alle Frauen überhaupt. Ihr frühes Gedicht „Nicht deine Liebe erbitte ich“ ärgerte sie: „Doch wichtiger ist diesen Dummen das Bewußtsein völligen Sieges als der Freundschaft helle Gespräche und der ersten zärtlichen Tage Erinnerung“. „Warum ,Dumme‘?“ empörte sie sich. „Wenn er eine andere vorzieht, so ist sie gleich eine Dumme?“ Deshalb war ihr auch Zwetajewas „Versuch einer Eifersucht“ zuwider („Und wie lebt sich’s mit dem Mulm?“, „Wie lebt’s sich mit der Hunderttausendsten?“) – „der Ton eines Marktweibes“.
Mitte Februar, ich glaube, am 19., ist sie entlassen worden; für Anfang März waren für sie und Olschewskaja Plätze im Sanatorium besorgt worden. In diesen zehn, zwölf Tagen in der Ordynka ging es ihr bald besser, bald schlechter, der Notarzt wurde gerufen, Spritzen wurden gegeben, Sauerstoffkissen geholt.
Am 5. März machte ich mich mit einem Strauß Narzissen auf den Weg nach Domodedowo, am 3. hatten wir beim Abschied vereinbart, daß ich kommen solle, um die Erinnerungen an Losinski vor der Abgabe an die Zeitschrift ins reine zu schreiben, im Entwurf waren sie schon fertig und erforderten nur geringe Nachbesserungen. Es war ein sonniger Vorfrühlingstag; im Laufe des Tages begann sich der Himmel mit einem grauen Schleier zu überziehen – später beobachtete ich, daß es an diesem Datum und an Tagen unmittelbar davor oder danach oft so war. Die Frau im weißen Kittel, die mich in der Vorhalle empfangen hatte, ging mit mir den Korridor entlang, dabei sagte sie etwas Beunruhigendes, dessen Sinn ich aber nicht verstand. Als wir das Zimmer betraten, lag dort Nina Antonowna schwer atmend in einem Bett – nach einer Beruhigungsspritze, wie sich herausstellte; neben ihr stand die verweinte Anja Kaminskaja, die eben erst eingetroffen war. Die Frau im Kittel schloß die Tür hinter mir und sagte, daß Achmatowa zwei Stunden zuvor gestorben sei. Sie lag im Nachbarzimmer, den Kopf mit einem Laken bedeckt; ihre Stirn war, als ich sie küßte, schon ganz kalt.
Wegen der Frauentagsfeiern am 8. März mußte die Beerdigung um einige Tage verschoben werden. Daß sie an Stalins Todestag gestorben war, wurde uns erst später bewußt. Am 9. März fand in der Leichenhalle des Sklifossowski-Instituts die Trauerfeier statt, dann wurde der Sarg zugelötet und per Flugzeug nach Leningrad geschickt. Nach der Totenmesse und dem mehrstündigen Abschiednehmen von ihrem Körper in der Nikolski Kathedrale und der Trauerfeier im Schriftstellerverband wurde sie am Nachmittag des 10. März auf dem Friedhof in Komarowo beigesetzt.
Unter den Büchlein, die sie mir geschenkt hat, sind zwei durch ihre Widmungen miteinander verbunden. Anno Domini MCMXXI:
Für Anatoli Naiman am Anfang seines Weges, Anna Achmatowa, 23. April 1963, Leningrad.
Und genau zwei Jahre später der Apollon-Sonderdruck des Poems „Nah am Meer“:
Für Anatoli Naiman – und nun mein Anfang an der Kristallbucht. A. 23. April 1965, Leningrad.
Sie brachte „ihre Zeit“ mit – und nahm sie wieder mit sich fort: in der heutigen Zeit würde sich für sie, wäre sie am Leben, kein Platz finden – „denn jene, die gestorben, würden wir nicht erkennen“. Durch den Kleinbuchstaben „a“ von der Größe eines Großbuchstaben ist in der letzten Widmung ein leichter horizontaler Strich gezogen.
1986–1987
Anatoli Naiman: Erzählungen über Anna Achmatowa, aus dem Russischen übersetzt von Irina Reetz. Mit einem Vorwort von Isaiah Berlin und einer Einleitung von Joseph Brodsky. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992
Joseph Brodsky spricht über Anna Achmatowa.
Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstlerin Anna Achmatowa
Hans Gellhardt: Achmatowa – Pasternak – Zwetajewa
Xenia Menschikowa: Ein Denkmal für Leid, Stolz und Mut, Die Zeit, 1.10.2018
Zum 2. Todestag der Autorin:
Jürgen P. Wallmann: Die Stimme des Leidens Russlands
Die Tat, 2.3.1968
Zum 100. Geburtstag der Autorin:
Ilma Rakusa: Kompromisslos im Leben und im Wort
Tagesanzeiger, 21.6.1989
Birgitta Ashoff: Anna von ganz Rußland
Die Zeit, 23.6.1989
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + KLfG + dekoder + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Keystone-SDA
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Anna Achmatowa Begräbnis.








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