Wenn von meinem schlimmen Ende
Einmal eine Nachricht zu ihm dringen wird,
Wirds ihn nicht trauriger, nicht bittrer machen.
Er wird lächeln und erbleichen.
Er wird sich wohl an einen Winterhimmel noch erinnern
Und an einen Schneesturm an der Newa lang.
Und denkt vielleicht an seinen Schwur,
Der Freundin aus dem Osten treu zu sein.
1917
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Nachwort
Im Süden geboren und die Sommer der Kindheit und Jugend immer durchtollt auf der Krim als das wilde „Mädchen vom Meer“, ist Anna Achmatowa im Norden zur Dichterin geworden. Das Haus der Schuchardina in Zarskoje Selo bei Petersburg, in das die Eltern im Jahr nach ihrer Geburt zogen, lag unweit des Bahnhofs in der Schirokaja-Straße. Es ging auf die Besymjanny-Gasse hinaus, deren riesige Klettenbüsche und prächtige Brennesseln einst in ihre Gedichte kommen würden. Aber es war die große Stadt nebenan, ihre Stadt – Petersburg-Petrograd-Leningrad –, die aus Anna Gorenko Anna Achmatowa machte, wie sie sich nach einem tatarischen Ahnen nannte. „Nur eine Stadt kenn ich auf dieser Welt“, heißt es in der dritten der Nördlichen Elegien. In dieser Stadt lebt sie das kurze Leben mit dem Dichter Gumiljow, ihrem ersten Mann, der so schnell nach der Heirat und den gemeinsamen Paris- und Italienreisen in die Welt hinaus mußte, in das Land der Galla, Abessinien. In dieser Stadt begegnet sie Alexander Blok. In dieser Stadt macht sie den Aufstand der Akmeisten gegen den Symbolismus mit, den Wjatscheslaw Iwanow zu verhindern suchte. Man verweigert den schrecklichen Kontertanz der symbolistischen „Entsprechungen“. Dieses ewige Zuzwinkern – die „Rose“ meint das „Mädchen“, und das „Mädchen“ meint die „Rose“ – hatte schon längst nichts mehr zu tun mit den „Correspondances“, die Baudelaire so gerühmt hatte. Die Akmeisten lobten die Rose wieder als die Rose: Jede Erscheinung habe ihre Spitze, ihre Schärfe, ihre Kraft, ihre Reife, ihren Gipfel, kurz – ihre Akme.
In dieser Stadt treffen sie die Tode der Dichter. Gumiljow wird 1921 wenige Tage nach Bloks Tod erschossen: er hatte aus seinen monarchistischen Neigungen kein Hehl gemacht und war beschuldigt worden, zur „Taganzew-Verschwörung“ zu gehören. In dieser Stadt muß sie die Verhaftung und Verbannung ihres vertrautesten Freundes Ossip Mandelstam bestehen. In dieser Stadt wird 1935 ihr Sohn Lew (das 1912 geborene Lewchen) und ihr späterer Mann Nikolai Punin verhaftet. Und in dieser Stadt beginnt sie die Dichtung Poem ohne Held. Von den Tagen der ersten Widmung und der Einleitung her, vom 27. Dezember 1940, dem zweiten Todestag Ossip Mandelstams, und vom 25. August 1941, dem zwanzigsten Todestag Nikolai Gumiljows, wächst das Poem und wächst, zwanzig Jahre lang und duldet nichts Vergleichbares neben sich. Eine Gedächtnisdichtung, die das Jahrhundert bewahrt. Sie nimmt alle auf, den mit einem Kosenamen, den mit seinem Todesdatum und sogar einen „Gast aus der Zukunft“ – Sir Isaiah Berlin, ihre letzte große Liebe.
Fritz Mierau, Nachwort
Anna Achmatowa
gilt als die bedeutendste Lyrikerin der russischen Literatur, schon ihre ersten Gedichte erregten durch ihren unpathetischen Ton Aufmerksamkeit, sie wurde als frische, diesseitige Stimme bewundert. Ihre Lyrik ist ein Abschied vom Symbolismus; zusammen mit Mandelstam, Gumiljow und Narbut, der ersten Dichtergilde, wurde sie Mitbegründerin des Akmeismus, einer Bewegung, die eine klare, rationale Verskunst anstrebte. Der Band enthält kurze autobiographische Prosastücke und zehn Gedicht Anna Achmatowas, sowie zwei Briefe von Nikolai Gumiljow.
Friedenauer Presse, Klappentext, 1988
Grandios übersetzt, gute kleine Auswahl
Im Vergleich zu anderen Übersetzern (v.a. der von Alexander Nitzberg) hebt sich diese von Barbara Honigmann und Fritz Mierau wohltuend unprätentiös und in Alltagssprache ab. Eine kleine Auswahl von Gedichten (meist frühe) und einige kleine Prosastücke und Briefe aus den 50er Jahren: Erinnerungen an das Petersburg der 1910er-Jahre und Alexander Blok. Insgesamt eine wunderbare Auswahl, um eine große Dichterin zu entdecken.
Schnipkoweit, amazon.de, 6.9.2010
Irdische und himmlische Gerechtigkeit
Anna Achmatowas unsterbliche Größe verursachte der Nachwelt keine geringen Probleme. Schon bald nach ihrem Tode kam es zu einem skandalösen Prozeß zwischen der Familie Punin und dem Sohn Lew um ihr literarisches Archiv. Ursprünglich wollte Achmatowa ihren ganzen Nachlaß dem Archiv des Leningrader Puschkin-Instituts überlassen, um, wie sie sagte, ihre „ewige Romanze“ mit Puschkin postum zu vollenden. Auf diese Lösung einigten sich der Sohn Lew, die Familie Punin und die engsten Freunde der Dichterin, als sie sich nach der Beerdigung versammelten. Für die Überlassung des Archivs – einer Reihe von Originalmanuskripten, die nach dem Tod der Autorin einen hohen Wert hatten – forderte der natürliche Erbe Lew eine symbolische Summe von hundert Rubel.
Der legendäre Koffer, von dem sich Achmatowa nie hatte trennen wollen, befand sich jedoch bei den Punins. Und Irina Punina und ihre Tochter Kaminskaja machten nun ein illegitimes Geschäft: Sie veräußerten das Archiv, das damit auseinandergerissen wurde, an die Leningrader Saltikow-Schtschedrin-Bibliothek und an das Moskauer Zentralarchiv für Literatur und Kunst. Diese wahrscheinlich sehr lukrative Transaktion wollte das Puschkin-Institut mit Lew Gumiljow als Nebenkläger vereiteln. Nach vier Jahren Prozeßdauer entschied ein Gericht des Leningrader Stadtbezirks Schdanow unter Ignorierung von Lews Vorrecht auf die Hinterlassenschaft zugunsten der Familie Punin.
Einige Zeitgenossen, unter ihnen Jossif Brodskij, ahnten hinter dieser juristischen Absurdität ein Manöver des KGB, das zum Ziel hatte, der Veröffentlichung unerwünschter Details über den Konflikt zwischen der Dichterin und der offiziellen Kulturpolitik vorzubeugen. Direkte Hinweise auf ein diesbezügliches Arrangement zwischen der Familie Punin und den hauptberuflichen Literaturliebhabern an der Lubjanka gibt es bis heute nicht. Tatsache jedoch ist, daß aufgrund der schlechten Quellenlage Leben und Werk Anna Achmatowas trotz Öffnung der Archive zu den besonders schwierig zu erforschenden Themen der neueren russischen Literaturgeschichte gehören.
Die Partei duldete den späten Ruhm Achmatowas, der insbesondere durch die „Inthronisierungen“ von Catania und Oxford seinen Ausdruck fand, und suchte aus der weltweiten Berühmtheit der Dichterin propagandistischen Profit zu ziehen. Zehn Jahre nach Achmatowas Tod erschien die bisher vollständigste kritische Ausgabe ihrer „Gedichte und Poeme“, auch diesmal mit einem Vorwort des wohlwollenden Zensors Aleksej Surkow, der bei aller Pietät gegenüber der Lyrikerin nicht darauf verzichtete, in einem Halbsatz die Beschlüsse vom August 1946 zu erwähnen – ohne diese zu loben, aber auch ohne sie zu verurteilen. Die von Wiktor Schirmunskij, dem zur Erscheinungszeit des Buches bereits verstorbenen Literaturhistoriker, gewissenhaft zusammengestellten Fußnoten entbehrten ebenfalls jeder Anspielung auf dramatische Konflikte im Leben der Autorin – sei es die Erschießung ihres ersten Ehemanns, die Verhaftung des zweiten Ehemanns oder schließlich die Lagerhaft des Sohnes. Auch fehlt jeglicher Verweis auf die Schdanowrede. Fast alle Gedichte, die Sir Isaiah Berlin gewidmet sind, wurden in die Anthologie aufgenommen, aber sein Name findet sich in keiner einzigen Anmerkung. Und selbstverständlich fehlt das „Requiem“, die lyrische Abrechnung mit dem Großen Terror der dreißiger Jahre.
Doch sogar eine derart begrenzte offizielle Anerkennung enthielt Elemente der Kanonisierung und spaltete die imaginäre Gemeinde der Dichterin. Auf der einen Seite fanden sich jene, die eine domestizierte klassische Achmatowa in die sowjetische Kultur aufgenommen sehen wollten – sei es, daß sie einfach nur wohlwollend waren, sei es, daß sie dem Weg des geringsten Widerstands folgten. Die Dichterin wurde immer häufiger zitiert, und es gab plötzlich eine Reihe zeitgenössischer Erinnerungen an sie in den Literaturzeitschriften. Zwar enthielten diese einige neue und interessante Erkenntnisse, aber dennoch trugen sie, weil ihre Autoren die bestehenden Tabus respektierten, dazu bei, ein sentimental-verlogenes Achmatowa-Bild zu bestätigen.
Auf der anderen Seite waren die engsten Freunde der Dichterin bemüht, dem drohenden Verkitschungsprozeß entgegenzuwirken. Die Veröffentlichung von Lidia Tschukowskajas Aufzeichnungen bei einem russischen Exilverlag im Jahre 1980 war etwas grundsätzlich Neues und brachte Bewegung in die immer wieder kolportierten Achmatowa-Klischees. Das Buch dokumentierte den kontinuierlichen und nicht bloß politischen, sondern auch kulturellen Widerstand der Dichterin. In eine ähnliche Richtung wiesen die Veröffentlichungen von Emma Gerstejn, Jossif Brodskij, Jewgenij Rein und Anatolij Najman in den achtziger Jahren.
Eine besondere Rolle in der Achmatowa-Rezeption kam Nadeshda Jakowlewna Mandelstam zu. Ihr erstes Buch Is vospominanij (dt.: Jahrhundert der Wölfe) enthielt eine Reihe wichtiger authentischer Details über die gemeinsamen Jahre von Nadeshda Mandelstam und Anna Achmatowa. Aber bei der Lektüre dieses ersten Werkes beschlich mich der Verdacht, daß die Autorin, dem eigenen expressiven Erzählstil verfallen, zur Literarisierung der Realität neigt. Die Fortsetzung Wtoraja kniga (dt.: Zweites Buch) ist von einer wachsenden Ambivalenz, um nicht zu sagen Haßliebe gegenüber der toten Freundin gekennzeichnet, die vor allem auf sprachlicher Ebene spürbar ist. Auch wird das soziale Umfeld Achmatowas in ätzend-sarkastischer Weise diffamiert. Als einzig Gerechte bleibt am Ende die Autorin selbst übrig, die sich der großen Dichterin ebenbürtig fühlt.
Diese Verzerrung des Achmatowa-Bildes bei Nadeshda Mandelstam ist auf unverarbeitete Konflikte zwischen den beiden Frauen zurückzuführen, hängt aber auch mit der Tatsache zusammen, daß Ossip Mandelstams literarische Rehabilitierung viel weniger erfolgreich war als die von Anna Achmatowa. Für eine Frau, deren ganzes Leben dem verfemten, hingemordeten und totgeschwiegenen Dichter gewidmet war, mußte dieser Zustand auf längere Sicht unerträglich sein. Für sie ging es um den Sinn ihres Lebens. Hätte Mandelstam postum ähnliche Ehrungen erlangt wie Anna Achmatowa, so wäre Nadeshda die Witwe eines tragischen Königs gewesen. So jedoch war ihr aus ihrer Perspektive nichts weiter gelungen, als die Hofdame einer tragischen Königin zu werden – und nicht einmal die ranghöchste. Nadeshda Mandelstams Irrtum dabei war, daß Achmatowa tatsächlich eine höhere Stufe der öffentlichen Akzeptanz erlebte als Ossip Mandelstam, aber nie eine echte, eindeutige Wiederherstellung ihres poetischen Ranges.
Die Herrenriege auf dem Alten Platz in Moskau, dem Sitz des Zentralkomitees, beschäftigte sich an jenem Oktobertag des Jahres 1988 mit sowjetischer Partei- und russischer Literaturgeschichte gleichzeitig. Sämtliche Mitglieder und Kandidaten des Politbüros waren anwesend: Weder der Reformgegner Ligatschow noch der Reformer Jakowlew fehlte, und Außenminister Schewardnadse war ebenso anwesend wie Verteidigungsminister Jasow. Um der Brisanz des Themas gerecht zu werden, präsidierte Michail Gorbatschow höchstpersönlich.
Formal ging es um die Prüfung von zwei Anträgen: Der Sowjetische Schriftstellerverband und das Partei-Kreiskomitee Leningrad hatten sich an die höchste Machtinstanz des Landes mit der Bitte gewandt, den offiziellen Standpunkt zu den verstorbenen Literaten Michail Soschtschenko und Anna Achmatowa endlich öffentlich zu ändern. In dem als „streng geheim“ eingestuften Protokoll der Politbürositzung wurde der Beschluß des Zentralkomitees der KPdSU (damals noch Allunions-Kommunistische Partei/Bolschewiki) vom 14. August 1946 in neunzehn Zeilen für ungültig erklärt.
In jenem Beschluß über die Zeitschriften Swesda und Leningrad, so hieß es, wurden „die Leninschen Prinzipien der Zusammenarbeit mit der künstlerischen Intelligenz verfälscht, namhafte sowjetische Autoren wurden einer unbegründeten und groben Behandlung ausgesetzt. Die von der Partei unter den Bedingungen der revolutionären Perestroika durchgeführte Politik auf dem Gebiet der Literatur und Kunst hat die Thesen und Schlußfolgerungen von damals praktisch desavouiert und überwunden, der gute Name der Schriftsteller wurde wiederhergestellt ihre Werke dem sowjetischen Leser zurückgegeben. Das Zentralkomitee der KPdSU beschließt: Den Beschluß des ZK der AKP/B ,Über die Zeitschriften Swesda und Leningrad‘ als fehlerhaft aufzuheben. Michail Gorbatschow.“
Ohne die Verdienste des Vaters der Perestroika schmälern zu wollen, muß doch auf einige Besonderheiten dieser mit Sicherheit gut gemeinten Entscheidung hingewiesen werden. Vor allem handelt es sich bei diesem Dokument nicht um einen Beschluß im engen Sinne des Wortes, also nicht um eine amtliche Verfügung, mit der man bevorstehende oder noch zu gestaltende Ereignisse regeln will. Spätestens seit dem Frühjahr 1986, als die Wochenschrift Ogonjok Nikolaj Gumiljows Gedichte gedruckt hatte und auch Pasternaks Doktor Schiwago herausgegeben wurde, war im literarischen Tabusystem der Sowjetunion eine irreparable Bresche entstanden. Achmatowas wegzensierte Gedichte und Soschtschenkos diffamierte Erzählungen waren bei weitem nicht die explosivsten Texte, die 1988 plötzlich gedruckt werden durften.
Nicht nur das literarische und publizistische Leben war zu dieser Zeit, aus der Perspektive der Partei betrachtet, außer Kontrolle geraten. Die Katastrophe von Tschernobyl, das Erdbeben in Armenien, die nationalen Konflikte in Kasachstan und Berg-Karabach, Matthias Rusts Landung auf dem Roten Platz, aber auch die weniger spektakulären ökonomischen Veränderungen zeigten, daß die Machtausübung in dem Riesenreich allmählich in ein hoffnungsloses Desaster überging.
Gorbatschows Mannschaft wurde von den Aktualitäten ständig eingeholt oder überrumpelt. Wahrscheinlich versuchten die Politiker, mit Beschlüssen wie dem oben zitierten die Gegenwartskritik zu dämpfen, indem sie den Wahrheitshunger der neuen Öffentlichkeit auf die Vergangenheit lenkten und mit immer größeren Brocken von Enthüllungen und Beispielen später Gerechtigkeit fütterten. Nach und nach wurde die gesamte sowjetische Geschichte zur Disposition gestellt. Die Parteiführung stand unter Zeitdruck.
Eilig hatten es aber auch die Literaten. In den Tagen der Politbürositzung im Oktober 1988 warteten die wichtigsten Publikationen von und über Anna Achmatowa bereits in den Druckereien. Es näherte sich der 100. Geburtstag der Dichterin. Ihre Bücher und die entsprechenden Sonderausgaben der Zeitschriften mußten rechtzeitig auf den Markt kommen. So war die Überprüfung von Stalins und Schdanows zweiundvierzig Jahre alten Injurien eine verspätete Reflexion vollendeter Tatsachen, nicht viel mehr als eine symbolische Geste.
Da jedoch Symbolik auch in der Poesie – in Anna Achmatowas Œuvre ohnehin – nicht jeder Wichtigkeit entbehrt, muß der Beschluß Gorbatschows trotzdem ernst genommen und inhaltlich beurteilt werden. Doch in dieser Hinsicht ist der Text äußerst dürftig. Ich meine damit nicht die hölzerne Sprache, die bis heute die Formulierungen der politischen Elite Rußlands bestimmt. Sogar die Beschwörung der „Leninschen Prinzipien“ paßt in diesen Zusammenhang, obwohl die Plausibilität dieser Redewendung von der Tatsache, daß Gumiljow unter Lenins Herrschaft im Jahre 1921 erschossen wurde, ein wenig getrübt wird. Letztlich war es den Genossen des Politbüros mitsamt der Genossin Birjukowa nicht gelungen, über ihren Schatten zu springen. In einem wichtigen Punkt jedoch ist der Beschluß sogar für den Zeitpunkt seines Zustandekommens nicht korrekt.
Im August 1946 waren die beiden Leningrader Literaturzeitschriften scharf kritisiert worden, ihre Redakteure und andere Funktionäre wurden streng gerügt. Dabei wurde Soschtschenko als „Schuft“ und Achmatowa als „Dirne“ in einer größtmöglichen Öffentlichkeit diffamiert. Da der Augustbeschluß unter anderem jedes Jahr in der Presse gefeiert wurde, blieb besonders das Wort „Dirne“ noch lange im Bewußtsein der prüden russischen Gesellschaft haften und klebte emblematisch an dem Namen der Dichterin.
Doch Schdanows offizielles Ansehen war nach wie vor unangefochten. In der Großen Sowjetenzyklopädie findet sich unter dem Stichwort „Schdanow“ noch bis in die späten achtziger Jahre außer der Person des Chefideologen eine Stadt Schdanow, eine Stadt Schdanowsk (in Achmatowas Todesjahr 1966 nach ihrem Todfeind benannt), ein Dorf Schdanowka, ein Museum sowie zwei metallurgische Kombinate. Die Leningrader Universität trug ebenfalls den Namen des Inquisitors, und die letzte Wohnung Achmatowas lag ausgerechnet in dem nach Schdanow benannten Stadtbezirk.
Angesichts solcher Tatsachen kann die Echtheit jeglicher Rehabilitierungsabsicht in bezug auf Anna Achmatowa ausschließlich daran gemessen werden, ob als erstes deren menschliche Würde wiederhergestellt wurde. Ein Beschluß, der den gedemütigten, verleumdeten Autoren die „Rückgabe des guten Namens“ in Aussicht stellt und diese Namen nicht einmal nennt, ist nichts anderes als die Fortsetzung alter Demütigungen und Verleumdungen mit anderen Mitteln.
Versteckt am Hoftor sah mich
Der schlaue Mondenschein,
Ich tauschte die Unsterblichkeit
Für jenen Abend ein.
Nun wird man mich vergessen,
Die Bücher faulen verkannt,
Und nicht Straße noch Strophe
Wird nach Achmatowa benannt.
Diese Verse schrieb Achmatowa am 27. Januar 1946, kurz vor dem zweiten Besuch Isaiah Berlins in Leningrad. Die hier zum Ausdruck gebrachte Furcht läßt die Interpretation zu, daß Achmatowa bereits die Vergeltung der Staatsmacht vorausahnte: Wegen des nächtlichen Rendezvous mit dem spionageverdächtigen Ausländer würde man ihr das Schreiben verbieten, also von Amts wegen ihre dichterische Unsterblichkeit verhindern. Bereits früher, schon zu Kriegszeiten in Taschkent, hatte ihre Intuition das Schdanowsche Strafgericht vorausgesehen. Die Ängste aus dieser Zeit verewigte sie damals in ihrem Dramenfragment mit dem Titel Enuma elisch (altbabylonisch „Dort oben“). Dies war das „verbrannte Drama“, das sie ihrem „Gast aus der Zukunft“ gern als Abschiedsgeschenk gewidmet hätte, aber nicht mehr zur Verfügung hatte.
Es gibt jedoch noch eine andere Deutungsmöglichkeit. Die acht Zeilen handeln von einem faustischen Geschäft: Liebe gegen Unsterblichkeit. Isaiah Berlin betrat an jenem Abend nicht nur das Zimmer an der Fontanka 34 mit der einzigen Modigliani-Zeichnung an der Wand, die Bürgerkrieg und Blockade heil überstanden hatte. Er landete außerdem mitten im Poem ohne Held, dem unvollendeten Werk, das seit 1940 die eigentliche Wirklichkeit der Dichterin bildete – daher die kursiv gesetzte exaltierte Strophe über den „Gast“ sowie die direkte melancholische Befürchtung, daß es aufgrund des Tauschgeschäftes niemals eine Achmatowa-Strophe und auch keine Achmatowa-Straße geben würde: Für ein winziges Quentchen Glück muß die Dichterin den allerhöchsten Preis zahlen, und dieser ist die Dichtung selbst.
Der Wunsch, durch ihre Achmatowa-Strophe Unsterblichkeit zu erlangen, bezieht sich direkt auf das „Poem“. Viel später riet Achmatowa dem jungen Jossif Brodskij, falls er ein größeres Gedicht schreiben wolle, müsse er als erstes ein nur ihm zugehöriges Reim- und Versmaßschema finden. Jeder große Dichter habe eine eigene Versform hervorgebracht – so Puschkin die berühmte „Onegin-Strophe“ oder Byron seine Stanzen. Achmatowa selbst hatte just für das „Poem“ eine eigene Formel erarbeitet. Die in Literatenkreisen verbreitete Auffassung, die „Achmatowa-Strophe“ sei nicht ganz originell, sondern ahme eine Versform Michail Kusmins nach, beleidigte die Dichterin womöglich mehr als alle infamen Angriffe des Parteiapparats.
Doch Isaiah Berlin hat der „Achmatowa-Strophe“ letztlich nicht geschadet. Das „Poem“ konnte 1962 vollendet werden, und der Oxforder Professor ging als bedeutende männliche Muse in die Literaturgeschichte ein. Als solche war er zum richtigen Zeitpunkt, im passenden biographischen Moment erschienen und hatte die Zündschnur der Inspiration bedient. Mehr haben Musen nicht zu tun; alles andere wird vom Schicksal und vom Genie erledige.
Was die Achmatowa-Straße betrifft, so kam hier eine andere Muse zum Zuge, nämlich die der Geschichte. Klio verfügte, und der Stadtsowjet von Odessa folgte ihr: 1987 wurde die dortige Ukrainische Straße nach Anna Achmatowa benannt. Die offizielle Distanzierung der KPdSU von Schdanow ließ hingegen noch ein ganzes Jahr auf sich warten. Wie allgemein bekannt, haben Parteien keine Musen und sind daher nur schwer zu inspirieren.
Zwei russische Frauen machten sich bereits in den frühen achtziger Jahren Sorgen, nicht um die Unsterblichkeit Achmatowas, an der sie nicht den geringsten Zweifel hatten, sondern darum, wie man den Lebenden diese Unsterblichkeit demonstrieren könnte. Ljudmila Karatschkina und Ljudmila Schurawljowa waren Mitarbeiterinnen des Astrophysischen Instituts auf der Krim. Sie wußten daher, daß Astronomen ein Anrecht auf die Namensgebung der von ihnen entdeckten Himmelskörper haben, und deshalb benannten sie einen kleinen Planeten nach der großen Dichterin.
Der Asteroid Nr. 3067 war zum ersten Mal 1938 in Finnland gesichtet worden, und 1962 war er in der Linse des Brooklyner Observatoriums erschienen. Beides waren jedoch Einzelbeobachtungen mit wenig wissenschaftlicher Aussagekraft. 1972, 1977 und 1980 konnte man den kleinen Planeten bereits von der Sternwarte Nautschnyj auf der Halbinsel Krim aus sehen, nicht jedoch seine Laufbahn präzisieren. Erst zwischen dem 14. Oktober und 9. November 1982 (Breschnews Todestag) gelang es den beiden Astronominnen, durch fünf Beobachtungen Genaueres festzustellen. Die Japaner Furuta und Nakano, die sich bereits als Berechner der Laufbahn von Gestirnen einen Namen gemacht hatten, konnten nun die Ergebnisse der früheren Untersuchungen aktualisieren.
Demnach ist der Planet nahezu kreisförmig. Sein Durchmesser beläuft sich auf neun Kilometer, seine durchschnittliche Entfernung von der Sonne beträgt 336 Millionen Kilometer, die minimale Distanz von der Erde 141 Millionen Kilometer. Die nächste Opposition ist für den 1. März 1996 zu erwarten. Der Planet wird dabei im Sternbild des Löwen stehen und wie ein Sternlein von 15 Sterngrößen – also recht klein – aussehen.
Dies alles entnehme ich einem Brief der einen von den beiden Ljudmilas vom September 1995, und als Amateur bin ich überhaupt nicht sicher, ob ich alle Fachausdrücke, die Frau Karatschkina verwendet, richtig verstehe. Nur eines verstehe ich ganz genau: Im letzten Satz des Briefes kommt das Wort „Stern“ dreimal vor, eben dasselbe Wort, das auf russisch „Swesda“ heißt wie die Leningrader Literaturzeitschrift. So hat Anna Achmatowa ihre eigene „Swesda“ erhalten, und es gibt doch eine Gerechtigkeit – wenn schon nicht auf Erden, so doch wenigstens am Himmel.
Außerdem erfuhr ich von Ljudmila Karatschkina etwas ausgesprochen Kurioses: Sie hatte an der Staatsuniversität Rostow studiert, und der Rektor war ein großer Liebhaber der Poesie und der Sternenwelt. Er hieß Jurij Andrejewitsch Schdanow und war ein leiblicher Sohn des Inquisitors. Als junger Mann war er für ein paar Jahre eine unglückliche dynastische Ehe mit Stalins Tochter Swetlana eingegangen, um sich danach endgültig aus der Sphäre des Kreml zurückzuziehen. Der Lehrstuhl Astronomie an der Universität Rostow war seine ureigenste Erfindung.
Was die Zulassung des Namens „Achmatowa“ für den Asteroiden betrifft, so äußerte sich Ljudmila Georgijewna Karatschkina zurückhaltend: „An Schlimmes erinnere man sich nicht gern“, schreibt sie.
Es war lange unklar, ob es uns gelingen würde, die Benennung durchzusetzen. Wir operierten mit Formulierungen wie „sowjetrussische Dichterin“ – ein Zugeständnis an die Zeit.
Doch schließlich wurde der kleine Planet Nr. 3067 in das Verzeichnis „Minor Planet Circulars“ unter „Akhmatova“ aufgenommen – sechs Jahre, nachdem man seine Laufbahn und sonstigen Charakteristika festgestellt hatte. Die Begründung:
Named in honour of Anna Andreevna Akhmatova (1889–1966), Oucscanding Poetress, awarded an honorary doctorate by the University of Oxford.
Das Observatorium auf der Krim-Halbinsel wurde in den achtziger Jahren zu einer Art Rehabilitationszentrum für russische Poeten und Künstler, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten verboten, eingesperrt, getötet, in den Selbstmord getrieben oder totgeschwiegen worden waren. Die Entdeckungen der beiden Ljudmilas lassen sich wie eine astronomisch exakte Korrektur der sowjetischen Kulturpolitik lesen. Ein Ausschnitt:
Nummer Jahr Name
5759 1980 Michail Soschtschenko
3508 1980 Boris Pasternak
3067 1982 Anna Achmatowa
3345 1982 Andrej Tarkowskij
3469 1982 Michail Bulgakow
3511 1982 Marina Zwetajewa
4556 1987 Nikolaj Gumiljow
5808 1987 Isaak Babel
Besonders auffällig ist, daß der Name Ossip Mandelstam auf dieser Liste fehlt. Heimlich hoffe ich außerdem auf eine andere Ergänzung. Ich wünsche mir einen Asteroiden, der zur Erbauung aller gedemütigten und in Ungnade gefallenen Dichter einen stolzen und bescheidenen Namen trägt: „Gast aus der Zukunft“.
György Dalos, aus György Dalos: Der Gast aus der Zukunft. Anna Achmatowa und Sir Isaiah Berlin. Eine Liebesgeschichte, Europäische Verlagsanstalt, 1996
Erzählungen über Anna Achmatowa (Teil 4)
(…)
Erstmalig fließen bei Achmatowa „fremde Stimmen“ in einen Chor zusammen, oder, um es anders auszudrücken: erstmalig singt Achmatowas Stimme anstelle eines Chores – im Requiem. Das ist nicht der die Tragödie begleitende Chor, den sie im Poem erwähnt hat:
Ich bin bereit, die Rolle zu übernehmen des Schicksalsverkündenden Chors.1
Zwischen der Tragödie des Poem ohne Held und der Tragödie des Requiem besteht derselbe Unterschied wie zwischen einem Mord auf der Bühne und einem Mord im Zuschauerraum. Dort hat jeder seine Rolle, auch der antike Chor, Ende des vierten Akts, fünfter Akt; hier wird die Seelenmesse, der Trauergottesdienst für die Toten abgehalten, alle sind Zuschauer, und alle sind handelnde Personen.
Im Grunde genommen ist das Requiem sowjetische Poesie, in jener idealen Gestalt verwirklicht, die alle Deklarationen beschreiben. Der Held dieser Dichtung ist das Volk. Keine aus politischen, nationalen und anderen Interessen so genannte größere oder kleinere Anzahl von Menschen, sondern das ganze Volk: alle bis zum letzten nehmen auf der einen oder auf der anderen Seite am Geschehen teil. Das Poem spricht im Namen des Volkes, der Dichter geht mit dem Volk, ist ein Teil von ihm. Die Sprache ist fast so einfach wie die Zeitungssprache, ist dem Volk verständlich, ihre Methoden sind frontal:
Für sie webte ich ein breites Tuch aus armseligen Wörtern, von ihnen gehört.2
Und diese Dichtung ist voll Liebe für das Volk.
Ein Fakt unterscheidet sie und stellt sie dadurch sogar zur idealen sowjetischen Poesie in Gegensatz, nämlich, daß sie persönlich ist, ebenso tief persönlich wie „Hinterm Schleier, da rang ich die Hände“.3 Von der realen sowjetischen Poesie unterscheidet sie selbstverständlich auch vieles andere: erstens – die vorhandene und die Tragödie mildernde christliche Religiosität, zweitens – der Antiheroismus und eine Aufrichtigkeit, die sich keine Beschränkung auferlegt, die verbotenen Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Doch all das ist das Fehlen von Eigenschaften: der Bekenntnisse der Selbstgenügsamkeit und Eigenmächtigkeit des Menschen, des Heroismus, der Grenzen, der Verbote. Das persönliche Verhältnis aber ist nicht das, was fehlt, sondern das, was da ist und mit jedem Wort in der Dichtung des Requiem von sich zeugt. Das eben macht das Requiem zu Dichtung – nicht zur sowjetischen, sondern einfach zu Dichtung, denn sowjetische Dichtung zu diesem Thema sollte staatlich sein: persönlich konnte sie sein, wenn sie einzelne Personen, ihre Liebe, ihre Stimmungen, ihre – der offiziell erlaubten Formel gemäß – „Freuden und Nöte“ berührte. Als Achmatowa vor der Italienreise Unannehmlichkeiten wegen der Erteilung des Visums hatte, sagte sie in Fortsetzung des „Denken sie etwa, ich komme nicht zurück“ zornig:
Ich wünsche meiner Regierung mehr solcher Bürger, wie ich es bin.
Auf „Bürger“ fiel die Betonung mit ebensolcher Stärke wie auf „ich“. In ähnlicher Weise wiegt in dem Zweizeiler:
Und wenn man mir meinen gequälten Mund zudrückt,
Mit dem ein Hundertmillionenvolk schreit,4
das „mir“, welches sich in eine unbetonte Spalte verkrochen hat, ebensoviel wie das lautstarke „Hundertmillionen-“. Jene, die Achmatowas Dichtung ihres „Kammercharakters“ wegen verurteilten, lieferten, ohne es selbst zu wissen, das Stichwort zu einem tragischen Wortspiel: sie wurde zur Dichtung der Gefängniskammern.
Als das Requiem Anfang der sechziger Jahre, nachdem es ein Vierteljahrhundert lang auf dem Grund gelegen hatte, zum Vorschein kam, ähnelte sein Eindruck beim Publikum dem sonst üblichen Lesereindruck von Achmatowas Gedichten überhaupt nicht. Die Menschen brauchten nach den dokumentarischen Enthüllungen eine Enthüllungsliteratur, und unter diesem Aspekt wurde das Requiem aufgenommen. Achmatowa spürte das, hielt es für gesetzmäßig, trennte aber diese Verse, ihre künstlerischen Methoden und Prinzipien nicht von den anderen. Als ein Gesprächspartner im Ausland begann, sich übermäßig für die Verse zu begeistern und das Poem als poetisches Dokument der Epoche bezeichnete, bremste sie ihn mit den Worten: „Ja, es gibt da eine gelungene Stelle, das einleitende Wort: ,zum Unglück‘ – ,wo mein Volk, zum Unglück, war‘“, womit sie daran erinnerte, daß dies trotz allem Verse waren und nicht nur „Blut und Tränen“. Im 8. Gedicht – „An den Tod“ – zum Beispiel verweist die Zeile „Dring ein als Giftgeschoß“ allem Anschein nach auf dasselbe Shakespearesche „poison’d shot“, den vergifteten Schuß des Leumunds, also auf Denunziation und nicht, sagen wir, auf eine Gasattacke während des 1. Weltkrieges.
Damals, in den sechziger Jahren, stand das Requiem auf einer Liste mit der Lagerliteratur des Samisdat und gehörte nicht zu der halboffiziellen antistalinschen Literatur. Achmatowas Haß Stalin gegenüber war vermischt mit Verachtung. Als das Gespräch einmal auf einen jungen Dichter kam, der sich die Reputation erkämpft hatte, „unversöhnlich“ zu sein, und seine ganze Zeit und Kraft daran wandte, diese Reputation aufrechtzuerhalten, sagte sie:
Er ist zum Untergang verurteilt. Das Gebäude wird ganz plötzlich zusammenstürzen… Stalin hörte den ganzen Tag ,Hurra‘ und daß er eine Koryphäe und ein Generalissimus sei und wie man ihn liebe, und am Abend sagte irgendein kleiner Franzose im Radio über ihn: ,Dieser Schnauzbart…‘ – und alles mußte von vorn beginnen.
Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch brachte man ihr noch mit der Schreibmaschine abgeschrieben, noch unter dem Pseudonym Rjasanski. Sie sagte jedem:
Gefallen oder nicht gefallen – darum geht es nicht: das müssen zweihundert Millionen lesen.
Über Solschenizyn erzählte sie einige Tage nach ihrer Bekanntschaft mit ihm:
Er ist vierundvierzig Jahre alt, hat eine Narbe über der Stirn an der Nasenwurzel. Er sieht aus wie fünfunddreißig. Sein Gesicht ist rein, klar. Er ist ruhig, ohne jede Hast und ohne die Moskauer Geschäftigkeit. Mit großer Würde und Klarheit des Geistes. Moskau mag er nicht, Rjasan bemerkt er nicht, er liebt nur Leningrad. Wie mir zumute war – Sie wissen ja, was ich für ein Verhältnis zur Heldenstadt habe! –, ob es meine oder seine Schuld ist, wird man später entscheiden. Ich las ihm die „Krankenpflegerinnen von Siebenunddreißig“5 vor. Er sagte: „Das sind nicht Sie, die spricht, da spricht Rußland.“ Ich erwiderte: „In Ihren Worten ist Versuchung.“ Er entgegnete: „Aber ich bitte Sie! In Ihrem Alter…“ Er kennt den christlichen Begriff nicht. Ich sagte ihm: „Sie werden in kurzer Zeit weltberühmt. Das ist schwer. Ich bin nicht nur einmal morgens berühmt aufgewacht, ich weiß das.“ Er antwortete: „Das wird mich nicht berühren. Ich werde es überleben.“
Damals, in den fünfziger und Anfang der sechziger Jahre, wurden die „Folterungen, Hinrichtungen und Tode“ der vorangegangenen Jahrzehnte mit der offiziellen Formel „Personenkult“ und mit der gebräuchlichen Formel „Siebenunddreißig“ – nach dem Jahr der Massenrepressalien – bezeichnet. Achmatowa konnte je nach Gesprächstendenz sowohl die eine als auch die andere Formel verwenden, nannte diese Zeit in einem ernsthaften Gespräch jedoch nur „Terror“. Für sie begann sie lange vor dem Jahre siebenunddreißig und endete lange danach. Sie erzählte eine Geschichte, schrieb sie auch auf, die sie „Funken einer Dampflokomotive“ nannte: An einem Augustabend des Jahres einundzwanzig spürte sie im Zug von Zarskoje nach Petrograd das Herannahen von Versen und trat auf die Plattform hinaus, wo eine Gruppe von Rotarmisten stand. Sie holte eine Zigarette hervor und rauchte unter deren beipflichtenden Bemerkungen, von der Dampflok flogen Funken und setzten sich auf die Geländerstangen der Plattform zwischen den Waggons, und unter dem Rattern der Räder dichtete sie ein Gedicht auf die Hinrichtung Gumiljows, das in der Folge berühmte „Nein, du wirst nicht wieder wach…“6 Als ein ihr Nahestehender einmal sagte, daß ihr Sohn einen schwierigen Charakter habe, entgegnete sie scharf:
Vergessen Sie nicht, daß er sich seit seinem neunten Lebensjahr als Sohn eines erschossenen Volksfeindes in keiner einzigen Bibliothek anmelden durfte.
Und in der Erinnerung an die Zeit nach dem Beschluß von 1946 sagte sie:
Von dem Tag an passierte es kein einziges Mal, daß ich aus dem Fontanny Dom gekommen wäre, ohne daß sich von den Stufen, die zum Fluß führen, jemand erhoben hätte, um mir zu folgen.
Meiner Jugend wegen fragte ich:
Und woher wußten Sie, daß er Ihnen folgt, haben Sie sich umgedreht?
Sie erwiderte:
Wenn Ihnen jemand folgt, merken Sie das.
Ende 1963, also in einer – verglichen mit der Stalinschen Epoche – weitaus günstigeren Zeit, begann das Verfahren gegen Brodsky. Im November wurde in einer Leningrader Zeitung das Feuilleton „Ein Parasit aus dem Literatenmilieu“ abgedruckt, das in den besten Traditionen der Verleumdung und Hetze geschrieben war. Ich wohnte damals in Moskau, die Zeitung wurde mir am darauffolgenden Tag gebracht, und am selben Morgen traf ich mich mit Brodsky, der kurz zuvor ebenfalls nach Moskau gekommen war, in einem Café. Die Stimmung war ernst, aber nicht niedergeschlagen. Mitte Dezember lud Achmatowa Schostakowitsch in die Ordynka ein, er war Abgeordneter des Obersten Sowjets ebenjenes Bezirkes von Leningrad, in dem Brodsky wohnte. Sie bat mich, dabeizusein, falls es nötig sein würde, etwas zu präzisieren oder eine Auskunft zu geben, Brodsky selbst war schon aus Moskau abgereist. Schostakowitsch bezeugte Achmatowa mit einigen nervösen Zuckungen und überstürzender Sprache, der man angestrengt zuhören mußte, in erster Linie seine tiefe und aufrichtige Verehrung, über die Sache selbst aber sprach er schwermütig und hoffnungslos, mir stellte er lediglich eine Frage:
Hat er sich mit Ausländern getroffen?
Ich antwortete, daß er sich mit Ausländern getroffen habe, aber… Ohne mich ausreden zu lassen, sprudelte er hervor: „Dann kann man gar nichts tun!“ – und berührte dieses Thema nicht mehr, nur im Weggehen sagte er, daß er „Erkundigungen einziehen“ und alles, was von ihm abhänge, tun werde. Im Februar wurde Brodsky auf der Straße in ein Auto hineingestoßen und in eine Zelle des Milizreviers gebracht. Einige Tage später gab es eine Gerichtsverhandlung, die damit endete, daß er sich einer psychiatrischen Untersuchung in einer Irrenanstalt unterziehen mußte. Im März, bei der zweiten Gerichtsverhandlung, wurde er wegen Parasitentums zur Verbannung verurteilt und in den Archangelsker Bezirk in ein Dorf gebracht. Die ganze Zeit über versuchten Wigdorowa, Tschukowskaja und noch zweidrei Dutzend Menschen, Achmatowa eingeschlossen, ihn davor zu bewahren. Entweder Achmatowa oder Tschukowskaja sagte, nachdem sie die Nachricht von der Verhaftung aus Leningrad gehört hatte:
Wieder das „Es ist erlaubt, die Zahnbürste zu übergeben“, wieder die Suche nach den Wollsocken, nach warmer Wäsche, wieder Besuche, Päckchen. Alles ist wie immer.
Ende April erkrankte ich unerwartet, kam ins Krankenhaus und wurde gegen Ende Mai in erbärmlichem Zustand entlassen. Im Juni, in der Nacht vor Achmatowas Geburtstag, siedelte ich zusammen mit ihr und Olschewskaja nach Leningrad über, wo sich, so unwahrscheinlich das auch war, Brodsky aufhielt, der einen Urlaub für drei Tage durchgesetzt hatte. Ich erholte mich erst gegen Herbst einigermaßen, und Achmatowa sagte zu Olschewskaja, als ich an einem der Tage Ende August nach dem Baden zur Hütte kam:
Erinnern Sie sich, Ninotschka, was für einen Lappen wir im Juni an Toljas Stelle aus Moskau mitgebracht haben?
Mitte Oktober fuhr ich in das Dorf Norinsk im Kreis Konoscha des Archangelsker Bezirkes, wo Brodsky die Verbannung absaß. Ich brachte ihm Lebensmittel, Zigaretten und warme Sachen mit.
Vor meiner Abreise hatten mich Bekannte angerufen und darum gebeten, ihm Briefe und verschiedene Kleinigkeiten zu überbringen; einer wollte ihm Lederhandschuhe mitgeben. Ich fuhr hin, um sie abzuholen, aber seine Frau öffnete die Tür und sagte, ihr Mann habe nicht gewußt, daß ihr Sohn die Handschuhe schon trage. Achmatowa äußerte, als sie das erfuhr: „Der Halunke!“ – ich dachte, weil er mich vergeblich durch die ganze Stadt gejagt hatte und seine Frau vorgeschoben hatte, und begann, ihn zu verteidigen, es könne ja sein, daß er nicht gewußt habe, daß sein Sohn die Handschuhe trägt. „Da geht man eben in einen Laden“, unterbrach sie mich gereizt, „und kauft neue.“
Konoscha ist eine große Bahnstation und ein kleines Städtchen, bis Norinsk sind es noch etwa 30 Kilometer. Man gelangte per Anhalter mit einem Lastkraftwagen dorthin, von denen fünf oder sechs am Tag fuhren. Auf einen von ihnen konnte man in jedem Falle rechnen, auf den Postwagen, der offiziell niemanden mitnehmen durfte, der Ausweglosigkeit der Lage wegen aber Reisende aufnahm. Im Dorf angekommen, ging ich aufs Geratewohl und erblickte im ersten Bauernhaus linkerhand eine Stangenpackung Kent-Zigaretten im Fenster. Brodsky hatte ein Haus des Ehepaars Pesterew, wohl für zehn Rubel im Monat, gemietet. Die Pesterews wohnten nebenan, in einem weiteren Bauernhaus, das neuer und besser aussah. Es waren gute, teilnahmsvolle, Brodsky wohlgesonnene Menschen, sie nannten ihn Jossif-Alexanytsch. Das Haus war schief, mit hohem Vorbau und einem Schornstein, dessen Ziegel zur Hälfte eingefallen waren. Wenn der Ofen geheizt wurde, glühte das Eisen, es leuchtete rot in der Dunkelheit, und die Pesterews bangten jeden Tag, daß ein Feuer ausbrechen könne. Um das Dorf herum lagen zu jener Zeit kahle Felder, der niedrige, feuchte, wilde Wald reichte nah heran. Am anderen Ende des Dorfes floß ein Bach, an ihm stand das Klubhaus, das gleichzeitig die Grundschule war, dort sahen wir uns einen Film mit Batalow in der Hauptrolle an. Einmal, als wir in der frühen Dämmerung durch das Dorf liefen und spärliche Schneeflocken auf die Erde fielen, kam ein betrunkener Mann aus einem Haus gerannt, in Filzstiefeln, Unterhosen und einer über die Schulter geworfene Wattejacke, mit einem Gewehr in der Hand, und schrie: „Marder! Marder!“, er legte das Gewehr an und schoß in eine Eberesche, aus der irgendein Tierchen zu Boden plumpste: wir traten gemeinsam heran, es war kein Marder, sondern eine Katze, der Jäger spuckte aus und ging in sein Haus zurück. Es herrschte eine derartige Stille, daß man den Klang eines Motors zehn Minuten vor dem Auftauchen des Autos hören konnte.
Der Ort war abgelegen, deprimierend, aber nicht deprimierender und abgelegener als viele andere, nicht viel abgelegener als Michailowskoje7 zum Beispiel. Abends sendeten der BBC und die Stimme Amerikas die verschiedensten Dinge, auch über Brodsky. Es gab genug zu essen, ausreichend Holz, auch für Verse reichte die Zeit. Es kamen Briefe an, Bücher wurden geschickt. Manchmal konnte man von der Post im Nachbardorf Danilowo aus per Telefon nach Leningrad durchkommen. Einen Tag verbrachte ich allein, Brodsky war zu einem Eintagesseminar über Strahlenschutz nach Konoscha abkommandiert. Er kehrte mit einer Bescheinigung und mit phantastischen Vorstellungen über Protonen und Neutronen sowie über Atom- und Wasserstoffbomben zurück. Ich erklärte ihm die Sache allgemeinverständlich, und wir gingen schlafen, aber er weckte mich einige Male und fragte: „A. G., wievielwertig ist flüssiger Sauerstoff?“ oder „Stimmt es, daß die H-bomb (er nannte die Wasserstoffbombe auf englisch) nicht gefriert? In keinem Falle?“ Mit einem Wort, alles wäre normal und manchmal auch gut gewesen, wenn es sich nicht um Verbannung gehandelt hätte, wenn er hier nicht eingesperrt gewesen wäre, obendrein für fünf Jahre. Als ich wegfuhr, begleitete er mich nach Konoscha, und während er dem Fahrer, einem jungen Burschen, einen Rubel in die Hand drückte, der es aber ablehnte, das Geld zu nehmen, sagte er schnarrend und mit Nachdruck:
Hallo, Bursche, mach mir nicht das Leben schwer!
Das nächste Mal fuhr ich im Februar mit Michail Mejlach, dem damals neunzehnjährigen Mischa dorthin. Bei unserer Ankunft schickte ich Achmatowa, wie wir es vereinbart hatten, ein Telegramm, daß wir gut angekommen seien. Von ihr kam ein Antworttelegramm:
AUS LENINGRAD 23.02.65 NACH DANILOWO FÜR NAIMAN C/O BRODSKY STOP DANKE FÜR TELEGRAMM STOP SATZ LAUF DER ZEIT 8ABGEZEICHNET STOP KÜSSE ALLE DREI STOP ACHMATOWA STOP.
Es herrschte starker Frost, das Wasser im Flur fror ein. Am Tag der Sowjetarmee kam der Vorsitzende des Dorfsowjets stark angetrunken, in einer Mütze mit hochgebundenen Ohrenklappen und ohne Handschuhe. Ich öffnete eine Flasche Wodka und schenkte ihm und mir ein – Brodsky stand es als Verbanntem nicht zu, Mejlach seines Alters wegen. Der Vorsitzende fragte fröhlich: „Seid ihr gekommen, ihn mitzunehmen?“ – „Lassen Sie ihn weg?“ – „Ich halte ihn ja nicht, meinetwegen könnt ihr ihn sofort mitnehmen.“ – „Und wer hält ihn?“ – „Die Leitung.“ – „Ist er ein Parasit?“ fragte ich mit dem Kopf in Brodskys Richtung weisend. – „So würde ich das nicht sagen“, erwiderte der Vorsitzende ernst. – „Vielleicht ein Spion?“ – „Ja genau, das ist es! “ sagte er schnell, in Lachen ausbrechend. Und bevor er wegging, verkündete er:
Aus diesem Anlaß – drei freie Tage.
Im Mai wurde Brodsky 25 Jahre alt, und Rejn und ich fuhren zu ihm. Als wir mit schweren Rucksäcken bepackt am Haus ankamen, war die Tür abgeschlossen, Pesterew kam auf uns zugelaufen und rief schon von weitem:
Jossif-Alexanytsch ist eingesperrt!
Wegen einer Ordnungswidrigkeit hatte man ihn nach Konoscha gebracht und dort zu sieben Tagen Gefängnis verurteilt. Eine Stunde später tauchte ein Lastkraftwagen in Richtung Konoscha auf, und ich machte mich auf den Rückweg. Das Gefängnis von Konoscha befand sich in einem langen einstöckigen Haus, das aus dicken Holzstämmen gebaut war. In dem Moment, als ich an das Haus herantrat, kam Brodsky mit zwei weißen Eimern die Treppe herunter, der eine trug die Aufschrift „Wasser“, der andere „Brot“. Er erklärte mir, daß alles vom Richter abhänge, der Richter jetzt im Gericht sei, im Haus gegenüber. Ich begab mich zu dem Gebäude und wartete. Ein Mann trat an mich heran, bat um etwas zu rauchen. Er interessierte sich für mein Anliegen und sagte, nachdem er es erfahren hatte, im Gericht sei gerade Pause, man halte über einen Mörder Gericht, genauer gesagt, über ihn, man werde ihm acht Jahre geben, dies habe der Staatsanwalt beantragt. Er habe seine Frau mit einer Axt erschlagen, sei betrunken gewesen, er selbst komme aus Jarzewo, in das Lager bei Jarzewo werde man ihn wohl auch schicken, das sei eine Station von Konoscha entfernt. Höflich bat er um noch ein paar Zigaretten für später, ich gab ihm die ganze Schachtel, da erschien der Richter, und er verschwand hinter irgendeiner Tür. Der Richter lehnte meine Bitte ab, ich versuchte es nun im Sekretariat des Kreiskomitees. Es befand sich in einem dem Gericht benachbarten Haus, davor stand eine silberfarbene Leninbüste. Der Sekretär war in meinem Alter, trug ein Institutsabzeichen und hörte mich ernst und ohne Feindseligkeit an. Er wählte am Telefon eine dreistellige Nummer und sagte: „Laß Brodsky für den Abend frei, das sitzt er später ab. Hat einen runden Geburtstag, sein Freund ist gekommen“, offenbar hörte er Einwände und wiederholte: „Laß ihn für den Abend frei“, legte den Hörer auf und sagte zu mir: „Ihr könnt im Bahnhofsbüfett einkehren“, was heißen sollte: den Geburtstag feiern. Ich sagte, im Dorf warte noch einer, dort hätten wir Wodka und etwas zu essen, geben Sie doch einen Tag. Er dachte nach und willigte ein. Als ich hinausging, sagte er noch, daß er in Leningrad studiert habe, und fragte mich, wie viele Stationen die Leningrader Metro jetzt schon habe. Ich zählte sie auf. „Warum schreibt er keine patriotischen Gedichte?“ sagte er und ließ mich gehen. Mit Autos war zu dieser Stunde nicht zu rechnen, so brach ich mit Brodsky und einem anderen Verbannten, den er im Gefängnis kennengelernt hatte, ohne zu zögern in Richtung Norinsk auf. Auf halber Strecke befand sich das Dorf, in dem der Brigadier wohnte, auf dessen Antrag hin Brodsky verhaftet worden war, so daß wir das Dorf umgehen mußten. Glücklicherweise holte uns etwa hundert Meter vor dem Dorf ein Laster ein und brachte uns schnell an Ort und Stelle.
Am 11. September erhielt ich ein Telegramm aus Komarowo:
JUBELN STOP ANNA SARRA EMMA STOP.
Sarra Jossifowna Arens führte Achmatowas Haushalt, Emma Grigorjewna Gerstejn war damals bei ihr zu Gast. Der Anlaß des Jubels war Brodskys Freilassung!9
All dem waren einige falsche Versprechungen seiner baldigen Freilassung vorausgegangen. Im Oktober 1964 holte ich Frieda Wigdorowa in Leningrad von der Bahn ab. Sie war aus Moskau gekommen, um Unterschriften für Brodskys Freilassung zu sammeln. Während sie den Bahnsteig betrat, rief sie:
Tolja, Sieg!
Beim Generalstaatsanwalt hatte man ihr mitgeteilt, daß man Brodsky jeden Augenblick freilassen werde. Dasselbe wurde Achmatowa vor ihrer Reise nach London im Schriftstellerverband versichert.
Selbstverständlich war das „Verfahren gegen Brodsky“ im Vergleich mit „Siebenunddreißig“ ein „Schmetterlingskampf“, wie Achmatowa gern sagte. Für ihn mündete es in Leiden, Gedichte und Ruhm, und Achmatowa sprach, während sie sich für ihn bemühte, gleichzeitig beipflichtend von der Biografie, die „unserem Rotschopf bereitet wird“. Das Requiem begann etwa zu gleicher Zeit, in denselben Kreisen und in ebensovielen Exemplaren von Hand zu Hand zu gehen, wie die Aufzeichnung von Brodskys Prozeß, die Wigdorowa gemacht hatte. Die öffentliche Meinung stellte diese beiden Sachen auch in einen inneren, wenngleich nicht direkt genannten Zusammenhang: der Dichter verteidigt sein Recht, Dichter zu sein und niemand sonst, um im gegebenen Augenblick für alle zu sprechen. Das Stenogramm der Gerichtsverhandlung über den Dichter klang wie bürgerliche Dichtung – die bürgerliche Dichtung des Requiems wie ein Stenogramm von Repressalien, eine Art Martyrolog.
Die Gedichte der Kriegszeit im Zyklus „Kriegswind“, die Achmatowa offizielle Billigung und offizielle Überführung aus dem Rang der „Kammerdichter“ in den der gesellschaftlich anerkannten Poeten eingebracht hatten, waren in derselben Art und Weise wie das Requiem geschrieben, genauer gesagt, in der Erschöpfung dieser Art und Weise. In der Zeit zwischen dem Requiem und „Kriegswind“ entstanden Gedichte, die sowohl dem einen als auch dem anderen Themenkreis angehören. Zu den Verhaftungen und den Schlangen vor den Gefängnissen kam 1939/40 der Krieg mit Finnland, und das dem Winter der „finnischen Kampagne“ gewidmete Gedicht „Zum Neuen Jahr! Zum neuen Leid!“ klingt in der Tonart des Requiems:
Und was für ein Los zog es ihnen heraus,
Jenen, die der Folter entronnen?
Sie gingen aufs Feld, um zu sterben.
Davon handelt auch das Gedicht „Von Stunden, schlaflos hingleitenden“: Wegen der Zensur ist Finnland darin hinter Normannen versteckt, verrät sich aber durch die „fremden Spiegel“:
In leere Häuser hin gehe ich,
Jüngst jemandes Zufluchtsstatt.
Wie still ist’s. Nur weiße Schatten sehe ich
In fremden Spiegeln dort schimmern matt.10
Die „leeren Häuser“ und „fremden Spiegel“ enthüllten ihre finnische Zugehörigkeit, als sie sich in den „leeren Spiegeln“ Finnlands im späteren Gedicht „Mag jemand noch ruhen in südlichen Gauen“ reflektiert wurden, die wegen der Zensur durch eine andere Variante ersetzt werden mußte: statt
Gar Seltsames haben im Abendermatten
Die Spiegel für sich bewahrt.11
hieß es:
Und zärtlich und heimlich betrachtet Suomi
Sich in seinen Spiegeln, den leeren –
ebenso wie das „alte, schartige Messer“ das „finnische schartige Messer“ ersetzte. Das Ende des Gedichts „Von Stunden, schlaflos hingleitenden“ ist durchsichtig:
Und was dort im Nebel? Welch ein Ort?
Sind Dänen, Normannen so weit?
Oder war ich selbst einmal früher dort,
Und hier verwandelt sich fort und fort
Auf ewig vergeßne Zeit?12
Wenn die Normannen tatsächlich für Finnland stehen, dann sind die weißen Schatten nicht nur die maskierten Skifahrer-Infanteristen – das verbreitetste Bild jenes Krieges –, sondern auch die Geister aus ewig vergeßner Zeit:
von Zarskoje Selo, das früher Sarskoje hieß, nach seinem finnischen Namen Saari-mois;
vom Landgut der Gumiljows in Slepnjowo – „der stillen karelischen Erde“ (im Gedicht „Jener August“): die umgesiedelten Karelier machten einen großen Teil des Beschezker Kreises aus;
von Hyvinkaa, nahe Helsinki, wo sie in einem Tuberkulosesanatorium „beim weißen Tod zu Gast war“ (im Gedicht „Wie eine Braut bekomme ich…“);
und schließlich des ganzen kulturellen, symbolistischen „Skandinavien“ vom Anfang des Jahrhunderts – „Knut Hamsun, der damalige Herrscher über die Gedanken“, „Ibsen, der andere Herrscher“, wie sie sich viele Jahre später erinnerte.
Dieser „alte Freund, mein treuer Norden“ steht in der Achmatowaschen Dichtung deutlich dem feindlichen Westen, Osten und Süden gegenüber:
Vom Westen verleumdet, der’s selbst nicht geglaubt,
Vom Osten so glanzvoll verraten,
Vom Süden sehr sparsam mit Luft nur versorgt,
Er grinst auf die mutigen Zeilen.
Mit einem Wort, „zwar ist die Erde nicht die Heimat, doch denkwürdig für alle Zeit“, sie hat ihr am Ende ihres Lebens Obdach unter den Kiefern von Komarowo gewährt, unter denen sie auch ihre sterblichen Überreste zur Ruhe gebracht hat.
Noch etwas über einen anderen notgedrungenen Ersatz in ihren Gedichten. Einmal rief sie der Redakteur von Der Lauf der Zeit abends an und schlug ihr vor, in „Den Weg aller Welt“ die Zeile „durch die gekreuzigte Hauptstadt“ zu verändern:
Das Wiedersehen aber
Wird hundertmal schlimmer,
Als alles, was einst mir
Hier wiederfahren…
So geh ich nach Hause
Durch die gekreuzigte Hauptstadt –13
über Leningrad solle man sich nicht so äußern. Außer mir waren damals Brodsky und Samoilow bei ihr zu Gast. Sie sagte zu uns:
Denken Sie sich einen Ersatz dafür aus.
Ich fand ziemlich schnell: „Getrieben von neuem Verlust“, sie sagte sofort: „Angenommen.“ Brodsky und Samoilow prusteten los und äußerten ihr Mißfallen, schlugen jedoch nichts Konkretes vor, sie lachte nur. Die neue Variante war eine Imitation und Ausbeutung der Achmatowaschen Methode, nichts weiter. Diese Geschichte ebenso wie der übrige Zensurraub und das ganze Schicksal ihrer Dichtung überhaupt wird durch die Zeilen im „Tischliedchen“, die sie an ihre Verse gerichtet hat, beschrieben:
Verstümmelt durch Gerede,
Vom Morgenstern geschlagen,
Gezeichnet, gezeichnet seid ihr
Mit dem Sträflingsbrandmal.
Und keineswegs auf Puschkin bezogen schrieb sie den Vierzeiler, den sie grob und naiv mit weißem Faden an das „Wort über Puschkin“ annähte – mit dem einzigen Ziel, das zur Publikation Verbotene zu veröffentlichen:
Mir bleibt ihr keine Antwort schuldig,
Ihr könnt einstweilen ruhig schlafen.
Denn Kraft ist Recht, nur eure Kinder,
Sie werden euch für mich bestrafen.
*
Von Anfang 1962 an erfüllte ich bei Achmatowa die Pflichten eines literarischen Sekretärs. Zu Beginn von Fall zu Fall, später dann regelmäßig. Es waren kleinere Verpflichtungen: einen zweitrangigen Brief beantworten, telefonieren, hin und wieder in einer Angelegenheit umherfahren, ein neues oder erinnertes Gedicht auf der Schreibmaschine festhalten, Aufzeichnungen, meist Memoiren, oberflächlich redigieren, in der Hauptsache zusammenstellen. Dazu besuchte ich sie alle paar Tage einmal, jedesmal für kurze Zeit. Als ich vorschlug, noch dies oder jenes zu erledigen, und es nicht aufzuschieben, sagte sie majestätisch:
Merken Sie sich: eine Sache pro Tag.
Täglich kamen einige Leserbriefe, vor allem ungestüm schmeichelhafte.
Ich bin siebenundsechzig Jahre alt, das ganze Leben lang habe ich Ihre Verse geküßt und küsse sie noch heute…
Als ich bis zu dieser Stelle gelesen hatte, fragte sie plötzlich: „Wie alt?“ – „67.“ – „Die Schelmin“, sagte sie. Auf einige Briefe diktierte sie eine Antwort, die immer kurz ausfiel. Überhaupt waren alle persönlichen Briefe von Achmatowa kurz. Ein Mann schrieb, daß er in schwierigen Momenten seines Lebens Trost in ihren Versen finde. Sie diktierte unverzüglich:
… Mich aber haben meine Verse nie getröstet. So lebe ich denn ungetröstet – Achmatowa.
Von Zeit zu Zeit kamen Briefe aus der „Zone“: „Sie kennen mich nicht“ usw., manchmal waren sie lang, da schüttete ein Mensch sein Herz aus. Einmal schrieb jemand, der gerade aus der Haft entlassen worden war, er schrieb aus Tomsk oder Irkutsk, daß er schon einmal geschrieben habe, als er noch gesessen habe, jetzt würde er um Hilfe bitten. Sie gab sofort den Auftrag, ihm telegrafisch Geld zu überweisen.
Den ersten Brief erhielt ich von ihr, als ich in Moskau war, und sie aus der Leningrader Wohnung nach Komarowo umzog. Er begann mit einem Vierzeiler: es sah so aus, als hätte sie die Verse gedichtet und beschlossen, auf demselben Blatt den Brief zu schreiben.
Unter des Hünengrabs Todesbogen
Kam sie hervor, vielleicht, um erneut
Spät in der Nacht oder früh am Morgen
Unter dem grünen Mond zu zaubern.
Heute bin ich in die Hütte zurückgekehrt. In meiner Abwesenheit ist der Herbst hier entschieden eingedrungen und hat alles mit seinem Atem durchtränkt. Aber der Mohn hat auf mich gewartet.
Das Zimmer ist verwildert, und ich mußte es mit der Chaconne von Bach, der Psalmensinfonie von Strawinski, dem glühenden Ofen, Blumen und mit Ihrem Telegramm zum Leben erwecken.
Jetzt ist schon fast alles gut. Kerzen brennen, die schweigsame und geheimnisvolle Marina zeichnet mich. Wenn ich in die Stadt komme, werde ich auf einen Anruf aus Moskau warten, wenigstens von Nina.
A.
21. September 1963
Anstelle von „entschieden“ stand anfangs „unwiderruflich“.
Marina Basmanowa, eine Malerin, war damals Brodskys Braut. Sie zeichnete Achmatowa in einen kleinen Notizblock von der Größe einer Handfläche, und nicht einfach schweigend, sondern gleichsam mit zusammengepreßten Lippen.
Der Mohn in der Mitte des Rasens, der mit großer Verspätung unter dem Fenster gesät worden war, blühte unerwartet schon in den Herbsttagen.
Den Haushalt in Komarowo führte Sarra Jossifowna Arens, eine fast siebzigjährige, kleine Frau, die von morgens bis abends in eine Schürze gekleidet war und stets ein Lächeln in dem faltigen Gesichtchen mit den immer traurigen Augen hatte. Still, zart, diensteifrig, selbstlos, fürchtete sie Achmatowa, konnte aber gegen ihren unausrottbaren Wunsch, Rechenschaft über die Ausgaben abzulegen, nichts tun und fand eine Gelegenheit, etwas über den teurer gewordenen Quark zu murmeln, worauf jene unverzüglich in Wut geriet:
Sarra! Ich habe Ihnen verboten, mir von Quark zu sprechen.
Noch mehr als Achmatowa fürchtete sie ihren Mann, Lew Jewgenjewitsch, den Bruder von Punins erster Frau, den sie auch grenzenlos liebte und verehrte. Er war gleichfalls von kleinem Wuchs, hatte das ausdrucksstarke, wache Gesicht eines Sonderlings, mit lebendigen fröhlichen Augen und einem langen, weißen Bart, der im Wind flatterte, wenn er Fahrrad fuhr, und mit dem Fahrrad fuhr er hauptsächlich zum Baden an den Hechtsee. Als Botaniker, wohl auch mit wissenschaftlichem Grad, kannte er Namen und Eigenschaften einer Vielzahl von Pflanzen. Er war ein gläubiger orthodoxer Mensch und fuhr oft mit der Bahn in die Schuwalow-Kirche. Seinerzeit Repressalien ausgesetzt, hatte er auf die Worte des Untersuchungsrichters – „Was denn, Sie wollen ein aufgeklärter Mensch sein und glauben an Gott?“ – geantwortet:
Darum bin ich ja aufgeklärt, weil ich glaube.
Er dichtete ausschließlich zum eigenen Vergnügen, und als an seinem Geburtstag, der auf der Veranda in Anwesenheit von Achmatowa, Ranewskaja und noch einem Dutzend vor allem junger Gäste gefeiert wurde, ein Freund seines Sohnes, der etwas getrunken hatte, voll Ergriffenheit sagte: „Onkel Ljowa, lesen Sie uns doch ihre Verse vor“, fuhr er ihn an:
Schweig! Denk daran, vor wem du sitzt!
Überhaupt verlief jener Geburtstag lautstark. Der Urheber der Feierlichkeit wollte Ranewskaja unbedingt zum Haus der Schauspieler begleiten, sie aber machte ein erschrockenes Gesicht und flüsterte ihren Nachbarn zu:
Wenn wir uns als Pärchen auf der Schwelle zeigen, werden alle sagen, daß ich die Leute absichtlich zum Lachen bringen will.
Einer der Gäste, ein Schauspieler des Theaters Sowremennik, erhob sich mit einem Glas in der Hand, um einen Trinkspruch auf Ranewskaja auszubringen, verwechselte aber den Vatersnamen, statt: „Georgijewna“ sagte er: „Erlauben Sie, herrliche Faina Abramowna…“, blieb aber stecken, schwankte und wurde im Handumdrehen von helfenden Händen auf die Matratze hinter dem Sofa getragen. Als Achmatowa am Morgen zu Tisch kam, fragte sie:
Wo ist der Gewisse, der zusammengebrochen ist?
Im Zusammenhang mit dem verwechselten Vatersnamen erinnerte sie sich an folgendes: als das Moskauer Künstlertheater Anna Karenina inszeniert hatte und alle das Stück übermäßig lobten, sie aber bei jemandem zu Gast über das Stück schimpfte und es auslachte, protestierte eine dort anwesende Verehrerin des Theaters aufgeregt:
Sie sind ungerecht, liebe Anna Arkadjewna…
Morgens kam sie ausgeruht zum Frühstück, irgendwie überraschend, und es entstand der Eindruck, daß sie in der Zeit vom „Gute-Nacht“- bis zum „Guten Morgen“-Gruß irgendwo an einem Ort gewesen wäre, über den es viel zu erzählen gäbe, und daß es ihr angenehm wäre, sich nach dieser Trennung wieder mit Freunden zu treffen.
An der Achmatowaschen Seite des Zauns zog sich eine mit Gras überwachsene Fahrrinne entlang, auf der von Zeit zu Zeit ein und dasselbe Fuhrwerk vorbeiratterte. Das Pferd lenkte die schräg gegenüber der Hütte wohnende „Frau Pferdeknecht“, zu der Achmatowa ein betont wohlwollendes, wenn auch flüchtiges Verhältnis hatte. Es äußerte sich darin, daß sie sich, wenn sie das Geräusch des Fuhrwerks hörte, vom Gespräch, von einer Übersetzung, von jeder beliebigen Beschäftigung losriß und mit erhobener Hand ihre Bekannte grüßte. Jene erwiderte den Gruß erfreut auf dieselbe Weise, und Achmatowa bekannte – ob im Scherz oder im Ernst, ließ sich nicht sagen –, daß sie die Meinung der Nachbarin fürchte und sich ein klein wenig bei ihr einschmeicheln wolle.
Der andere Nachbar war Viktor Maximowitsch Schirmunski, zu jener Zeit bereits Akademiemitglied, der aber Achmatowa schon um 1915 oder früher kannte, als er noch Privatdozent war. An die Privatdozentur erinnerte er sich jedesmal, wenn er ein Gläschen getrunken hatte: es schien, als schätze er sie höher als seine jetzige Akademiemitgliedschaft, vielleicht, weil es seine Jugend war und eine gute Zeit. Einmal kam ein Engländer, ein Slawist, zu Achmatowa, der mit einer russischen Emigrantin verheiratet war. Er hatte auch vor, Schirmunski zu besuchen, dessen Datscha drei Minuten zu Fuß entfernt war, und Achmatowa bat mich, ihm den Weg zu zeigen. Die Schirmunskis setzten sich zu dieser Stunde gerade zum Abendessen und luden uns beide zu Tisch ein. Es war die Zeit der weißen Nächte, draußen war es hell, eben erst hatte es aufgehört zu regnen. Der Engländer überbrachte einen Gruß von seiner Schwiegermutter, der Witwe des Universitätslehrers von Schirmunski. Schirmunski dankte:
Er war nicht nur mein Lehrer, sondern auch mein älterer Kollege. Ich habe bei ihm die Jahresarbeit in Ethik, Ästhetik und Mathematik geschrieben.
Dann fragte er plötzlich:
Wie alt ist denn Ihre Frau? Ihre Familie ist 1920 weggegangen, da war sie so groß, zehn Jahre etwa – wie alt ist sie jetzt also?
Sowohl mir als auch Schirmunskis Frau wurde klar, daß sie sehr viel älter sein mußte als ihr Mann. Dieser wiederholte sehr verlegen:
Nein, nein, das kann nicht sein.
Schirmunskis Frau lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema, aber der Hausherr, der das Alter des Gastes offenbar nicht geschätzt und die Peinlichkeit nicht bemerkt hatte, kam wieder darauf zu sprechen und bat mich, als Menschen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung, auszurechnen, wie alt sie jetzt sei, wenn sie 1920 usw. Ich begriff, daß dies eine Geschichte für Achmatowa war, und zurückgekehrt, erzählte ich sie ihr sofort. Sie hörte begierig zu und neigte sich sogar, je weiter sich die Geschichte entwickelte, in meine Richtung. „Das ergibt, daß sie nicht jünger als fünfundfünfzig ist“, faßte ich zusammen. Sie warf sich im Sessel zurück und sagte im Ton eines Menschen, der bei der Geburt dabei war, mit Betonung auf der zweiten Hälfte der Zahl:
Fünfundsechzig, wenn nicht siebzig… Sie haben sich dort alle um zehn Jahre jünger gemacht.
Dasselbe sagte sie im selben Ton über Balzac:
Er ist von den Frauen betrogen worden. Seine welkende ,Dreißigjährige‘ war natürlich eine vierzig-, wenn nicht gar fünfzigjährige Dame. Sie bestand darauf, dreißig zu sein: sie rechnete mit der Gutgläubigkeit des großen Schriftstellers. Eine Dreißigjährige – das sehen Sie selbst – ist überhaupt keine welkende, sondern eine blühende junge Frau. Das hat sich doch nicht geändert in einem halben Jahrhundert. Man muß meinen, da hat sich unsere wunderschöne Frau Hanska bemüht.
Mit großer Unlust machte sie einmal am Tag einen Spaziergang, obwohl die Ärzte auf zwei bis drei Spaziergängen bestanden. Ihre Strecke führte in der Regel bis zur Osernaja und zurück, auf einer kleinen, durch den Kiefernwald führenden Allee. Einige Meter von der Osernaja entfernt stand eine niedrige Bank, sie setzte sich für kurze Zeit dort hin und begann, das Gespräch fortsetzend, mit dem Spazierstock nach links und nach rechts über die Erde zu streichen, so daß bald eine von heruntergefallenen Nadeln freie Fläche reiner feuchter Erde zum Vorschein kam. Es war etwas Bezauberndes in diesem, dem Schwingen einer Metronomnadel ähnlichen Gleiten des dünnen braunen Stocks und in der allmählichen Säuberung der schwarzen Erde, zu einer wie fürs Schreiben bereiten Schiefertafel, umgeben von gelben Nadeln. Ich ertappte mich dabei, diesem Vorgang mehr Interesse entgegenzubringen als dem Gespräch. Bei diesen scharrenden Klängen und dem Zeichnen der Bögen spielte es gar keine Rolle, worum sich das Gespräch drehte.
Einmal begaben wir uns in die entgegengesetzte Richtung, genau gesagt zu Schirmunski. Es war ein sonniger, aber schon kraftloser Augusttag. Die Soldaten, die an der Straße entlang einen Graben für irgendwelche Rohre gruben, hatten Rauchpause, und viele warfen sich sogleich auf die Erde und schliefen. Sie sagte:
Darum ist die russische Armee auch unbesiegbar, weil sie so schlafen können.
Einige Schritte weiter begann ihr Strumpf an einem Bein zu rutschen, ich tat, als würde ich es nicht bemerken; sie bat mich, ein wenig voranzugehen und in einiger Entfernung zu warten. Bald holte sie mich ein, aber der Strumpf rutschte wieder, und die Szene wiederholte sich. Und noch zweimal. Die Hausangestellte Schirmunskis, die auf unser Klingeln herausgekommen war, sagte:
Sie schlafen.
So schliefen also alle, außer uns, wir kehrten um, Achmatowas Laune war endgültig verdorben. Eine halbe Stunde später erschien jedoch der verschlafene Schirmunski mit Entschuldigungen, und eine Woche darauf bemerkte Achmatowa nebenbei im Gespräch:
An jenem Tag, erinnern Sie sich, als die Kleider von mir abfielen…
Von den Grundstücksnachbarn war sie mit den Gitowitschs befreundet, mit dem anderen Schriftsteller und dessen Frau hatte sie ein, wie es heißt, gutnachbarliches Verhältnis. Er war Kriegsinvalide, durch ein Wunder hatte er eine äußerst schwere Verletzung überlebt: Achmatowa sagte, wobei sie sich wohl auf seine Frau bezog, daß von ihm lediglich vierzig Prozent übriggeblieben seien, alles andere seien Prothesen. Als ich nach fast einem Monat wieder nach Komarowo kam, erzählte sie mir unter anderen Neuigkeiten, daß es einen Skandal gegeben habe – der Nachbar habe seine Frau wegen einer anderen verlassen:
Verstehen Sie, zwei Frauen kämpfen um vierzig Prozent.
Nicht weit von ihrem Häuschen stand die Datscha eines Kritikers, der Ende der vierziger Jahre mit der Hetze gegen Achmatowa Karriere gemacht hatte. Wenn sie an dieser einstöckigen Villa vorüberging, sagte sie:
Auf meinen Knochen erbaut.
Einmal gingen wir langsam den Weg zum See entlang, als der Hausherr der Datscha uns mit seiner kleinen Tochter entgegenkam. Er nahm seine Baskenmütze ab und begrüßte Achmatowa ehrerbietig. Sie antwortete nicht – vielleicht hatte sie ihn wirklich nicht bemerkt, oder sie wollte ihn nicht bemerken. Da überholte er uns durch den Wald, trat hervor und begrüßte sie nochmals auf dieselbe Weise. Sie verbeugte sich. Kurz darauf fragte ich sie nach dem Grund dafür, da sie ihn doch erkannt habe. Sie erwiderte:
Wenn Sie fünfundsiebzig sind und ein ebenso schwaches Herz haben wie ich, werden Sie verstehen, daß es leichter ist zu grüßen, als nicht zu grüßen.
Über zwei berühmte Leningrader Schriftstellerinnen bemerkte sie:
Sie schreiben große Romane und bauen große Datschen.
Ein andermal saßen wir auf der Bank, von der Bucht her wehte ein leichter Wind, die Kiefern wiegten sich und rauschten. Sie sagte:
Sie reden, ohne müde zu werden.
Nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu: „Das Mitglied des Schriftstellerverbandes N. hat geschrieben: der Kiefern Kupferklang. Sie reden, flüstern, streiten, stöhnen – alles Mögliche. Aber woher kommt der Kupferklang? Wo hat er den gehört?“ – „Das ist doch der Flug der Phantasie“, begann ich spottend, ihn zu verteidigen. „Oder die Spesen der Eingebung! Oder eine originelle Erscheinung! Er ist ja trotz allem ein Dichter.“ – „Ja“, äußerte sie mit gelangweilter Stimme. „Ein Dichter. Billard.“ Möglicherweise waren ihre Pfeile gegen eine weitaus bedeutendere Figur gerichtet als gegen den sowjetischen Lyriker aus Leningrad, genau gesagt, gegen Nikolai Kljujew („,Meine Rus, du meine Frau‘, das hat er Blok beigebracht“, sagte Achmatowa.), dessen Gedichtbändchen Das Glockengeläut der Kiefern Gumiljow einst rezensiert hatte… Überhaupt empfand sie Bäumen gegenüber die Zärtlichkeit einer älteren Schwester und verehrte sie mit der Ehrfurcht einer jüngeren. Als wir uns einmal über Pantheismus unterhielten, zitierte sie als Antwort auf meine Entgegnung den Anfang eines Gumiljowschen Gedichts aus dem Buch Feuer – sie deklamierte ihn nicht wie Verse, sondern stellte ihn als Argument hin, so daß ich die Verse nicht sofort heraushörte:
Ich weiß, daß den Bäumen, nicht uns, die Größe vollkommenen Lebens gegeben.
Und einen Augenblick später trug sie – nun schon als Verse, schon zu ihrem Vergnügen – melodisch vor:
Unter den Eichen gibt es Moses’,
Marien zwischen Palmen…
Wenn sie auf ihrer Hand eine Mücke bemerkte, schlug sie sie nicht tot, sondern blies sie weg. Über die blutgierige alte Spinne aus „Mücke-Zokotücke“,14 die die „Mücke in eine Ecke schleppte“, äußerte sie sich wie folgt:
Das müssen Kinder durchaus nicht unbedingt wissen.
Den riesigen Datschenkater Gljuk, der mit Gepolter von einem Kiefernzweig auf das Dach des Hauses sprang, nannte sie „anderthalb Kater“, und einmal sagte sie über Brodsky:
Finden Sie nicht, daß Joseph ein typischer anderthalber Kater ist?
Als Puninas Mann von einer Wespe gestochen worden war und empört und wortreich auf den Nachbarjungen zustürzte, der sich für Insekten interessierte, weil jener „den Wespen ein Nest in einem Wohnhaus gebaut“ habe, entgegnete sie ungerührt:
Niemand hat ihnen irgendwas gebaut, sie bauen selbst, wo sie wollen.
Das Fenster ihres Zimmers ging auf einen Kiefernhain hinaus, der im Sommer von „grüner Luft“ erfüllt war und den sie ihren Gästen gern und mit einigem Stolz auf die Natur zeigte. Zweimal pro Woche etwa wurde vor dem Haus ein Feuer aus trockenen Zweigen, Zapfen und abgefallenen Nadeln entfacht. Sie liebte diese Stunden sehr, die summenden Flammen, die rotschimmernde Glut. Aber wenn der Feuermeister unerfahren war, warnte sie: „Mein Feuer ist eines der heimtückischsten Wesen auf der Welt“ und achtete darauf, daß es zur Nacht sorgfältig mit Erde bedeckt wurde. Es war einmal vorgekommen, daß sie mitten in der Nacht davon aufgewacht war, daß die Flammen höher loderten als die Kiefern:
Am Abend aber hatte es sich friedlich gestellt. Sie kennen es nicht.
Sie liebte Sommer und Winter – wegen der Beständigkeit, der Eindeutigkeit, Frühling und Herbst dagegen mochte sie nicht – wegen der Unstetigkeit und des „Übergangszustandes“, obwohl der heiße schmutzige Moskauer Frühling, der hastig auf die Stadt niederging, immer ganz nach ihrem Geschmack war.
Sie sammelte gern Pilze, um das Haus herum und auf dem Weg zum See, und putzte sie gern. Einmal kam ein unerwarteter Besucher, Sarra Jossifowna meldete ihn, und sie sagte laut und gereizt:
Richten Sie ihm aus, daß ich Pilze putze.
Fünf Minuten später klopfte es, der junge Mann steckte seinen Kopf durch die Tür und stellte sich als Kenner und Verehrer der Verse und der Persönlichkeit Woloschins vor. Sie entgegnete mit scharfem Ton:
Sie sehen doch, ich putze Pilze!
Es sah ganz so aus, als sei der Grund ihres Zorns eher Woloschin als sein ungenierter Verehrer gewesen. „Ich bin die Letzte aus Cherson“, sagte sie oft bedeutungsvoll; beharrlich wiederholte sie diesen Satz auch aus dem Grunde, damit ihre Krim nicht mit der von Koktebel, von Woloschin verwechselt wurde. Woloschin mochte sie als Mensch nicht, verzieh ihm die Geschichte mit Cherubina de Gabriaque15 nicht, als Dichter schätzte sie ihn gering, hielt ihn für eine aufgeblasene Figur, die in der Memoirenliteratur unwahrscheinliches Glück gehabt hatte:
Zuerst schreibt Zwetajewa über ihn – als verliebte Frau, dann schreibt Ehrenburg nur positiv über ihn, als er alle Namen nacheinander rehabilitiert.
Und die ganze „Koktebeler Institution“, alle seine Manieren und Gebärden hielt sie für unwürdig.
Der kleine Kartentisch, der in ihrem Zimmer am Fenster stand, diente sowohl als Schreibtisch als auch als Eßtisch – das „Tischliedchen“ beschreibt eben diese zweifache Verwendung: „Unter der gemusterten Decke ist der Tisch nicht zu sehen“, weiter geht es um die Verse, also darum, was sich auf ihm als Schreibtisch getan hat. Aus einem Wohnzimmer konnte sich das Zimmer plötzlich in ein Eßzimmer verwandeln. Wenn die Zeit des Mittagessens heranrückte, wurde dem Tisch ein Tuch übergeworfen und die Gedecke aufgelegt. Achmatowa konnte in einem Ton, als wäre es ihr eben erst eingefallen, sagen: „Vielleicht l’eau-de-vie? Na, und noch irgend etwas“, und aus einem alten Portemonnaie holte sie einen Zehner hervor. Ich oder einer der jungen Gäste fuhr mit dem Fahrrad in ein Geschäft in der Nähe der Bahnstation. L’eau-de-vie mußte nicht unbedingt Wodka sein, auch Kognak wurde akzeptiert, und „noch irgend etwas“ bedeutete Schinken, Sprotten oder andere Konserven, manchmal wurden extra „Kaulköpfe in Tomate“ verlangt, die damals äußerst billig waren und stapelweise in den Regalen standen. Ein Freund, der sah, daß ich sie kaufte, bemerkte nachdem er erfahren hatte, für wen es war, verständnisvoll:
Wahrscheinlich erinnert sie das an ihre Kindheit in Odessa.
Die Spezialität von Sarra Jossifowna waren gekochte Linsen, denen sich Achmatowa mit einer kurzen Einleitung – mit den Worten des Esau aus dem 1. Buch Mose – widmete: „Laß mich essen das rote Gericht“ und mit dem Lob endete:
Dafür kann man sein Erstgeburtsrecht verkaufen.
Wodka trank sie wie Wein, in kleinen Schlucken, und wenn sich jemand in dem Moment an sie wandte, setzte sie das Glas ab, antwortete und trank dann ebenso langsam aus.
In ihrem Zimmer stand gegenüber dem Holzregal mit den verschiedensten Büchern – von einem geschenkten, eben erst erschienenen Buch, das sie in der Regel eilig weiterverschenkte, bis zu einem französischen Bändchen Parny oder einem lateinischen Horaz – ein altes Röhrenradio Rekord mit zwei Wellenbereichen: Mittelwelle und Langwelle. Sie sagte, daß sein Äußeres nach dem obligatorischen Porträt des Genossen Stalin an der Wand darüber verlange. Die Zeitschriften der vierziger Jahre waren voll von Fotografien, auf denen stets etwa folgendes zu sehen war: ein gemütliches Zimmer, eine lächelnde Familie, ein reich gedeckter Tisch, ein Gummibaum, ein Stalinporträt in der roten Ecke, und unter ihm das Rekord-Radio.
Einmal gelang es uns am hellichten Tag, eine Sendung von Radio Liberty zu empfangen: der Sprecher las ohne jede Störung etwas Sarkastisches aus Ljubimow von Abram Terz. Terz-Sinjawski und Arschak-Daniel waren bereits verhaftet, Achmatowa hatte mir schon Sinjawskis Namen in der von ihr einen Monat zuvor zusammengestellten Liste der hundert Personen, denen sie das gerade erschienene Buch Der Lauf der Zeit schenken wollte, gezeigt. Als die Sendung zu Ende war, sagte sie:
Ich mag solche Reiterkunststücke auf den Knochen anderer nicht. Aber was den Diebstahl betrifft, so wurde uns in den juristischen Kursen beigebracht, daß der Diebstahl in Rußland sich durch das verminderte Gefühl für Privateigentum als Folge der Urgemeindeordnung der Slawen erklären lasse. Und was die Trunksucht betrifft, braucht man keine juristischen Kurse, da muß man einfach aus dem Fenster schauen.
Am Kopfende der Liege stand ein Plattenspieler auf einem niedrigen Tisch: entweder hatte ich ihn im Ortsausleihdienst besorgt, oder jemand hatte ihn aus der Stadt mitgebracht. Sie hörte oft und lange die unterschiedlichste Musik, es kam aber auch vor, daß für eine gewisse Zeitspanne ein Stück oder mehrere Stücke ihr besonderes Interesse hervorriefen. Im Sommer 1963 waren das die Beethoven-Sonaten, im Herbst – Vivaldi; im Sommer 1964 – das 8. Quartett von Schostakowitsch; im Frühjahr 1965 – „Stabat mater“ von Pergolesi und im Sommer und Herbst – „L’Incoronazione di Poppea“ von Monteverdi und besonders oft „Dido und Aeneas“ von Purcell, die englische Aufnahme mit der Schwarzkopf. Sie hörte die „Bagatellen“ von Beethoven gern, hörte viel Chopin (von Sofronizki gespielt), die „Vier Jahreszeiten“ und andere Konzerte von Vivaldi, außerdem Bach, Mozart, Haydn, Händel. Das „Adagio“ von Vivaldi ist bekanntlich in die „Mitternachtsgedichte“ eingegangen:
Im Adagio Vivaldis werden wir uns wieder sehn.16
Die kleine Schallplatte hieß auch so: „Vivaldi. Adagio“, ohne Hinweis auf das konkrete Werk des Komponisten.
Es war ein Stück für Geige, daher:
Der Bogen fragt nicht, wie du ins Haus,
Ins mitternächtliche kamst.17
Ein französischer Übersetzer übertrug diese Zeilen etwa so: „Der Hund wird nicht bellen, wenn du eintrittst“, in der Annahme, daß smytschok (Bogen) der Name eines Hundes sei.
An einem der Tage bat sie mich, zur Abwechslung irgendeine Musik im Radio einzustellen. Ich begann, den Zeiger auf der Skala zu verschieben und bemerkte laut, daß es allerlei Unterhaltungsmusik gebe. Achmatowa äußerte: „Wer braucht die denn?“ – „Hier ist irgendeine Oper.“ – „Opern sind nicht immer schlecht.“ – „Wann zum Beispiel nicht?“ – „Wenn es die ,Chowanschtschina‘ ist oder ,Die Stadt Kitesch‘.“ Plötzlich erklang aus „Pique Dame“: „Eine Tat von beispielloser Stärke bin ich bereit, für Sie jetzt zu vollbringen.“ „Na und, was bedeutet denn das?“ sagte sie, als würde sie es zum ersten Mal hören. „Im übrigen ist ,Pique Dame‘ immer gut. ,Onegine ‘ ist schrecklich.“
Von Achmatowa zu sagen, daß „sie Gedichte schrieb“, wäre ungenau: sie schrieb Gedichte auf. Sie öffnete ein Heft und schrieb die Zeilen auf, die zuvor schon in ihrem Kopf entstanden waren. Oft setzte sie anstelle einer Zeile, die noch nicht existierte, die ihr noch nicht in den Sinn gekommen war, Punkte und schrieb weiter, die ausgelassenen Zeilen setzte sie später, manchmal nach einigen Tagen ein. Nebenbei gesagt, wurden die beiden letzten Zeilen des Vierzeilers in dem angeführten Brief über zwei punktierte Zeilen geschrieben, die vorher durchgestrichen worden waren. Manche Verse fand sie gleichsam: sie existierten schon irgendwo, noch niemandem auf der Welt bekannt, ihr aber gelang es, sie zu entdecken – im Ganzen, mit einem Mal, ohne spätere Veränderungen. Am häufigsten waren das Vierzeiler, zum Beispiel:
Deine Augen irre,
Und eisig deine Reden
Erklärungen der Liebe
Vor der ersten Begegnung.
Wenn sie „Verse dichtete“, wurde dieser Prozeß nicht für eine Minute unterbrochen: ganz plötzlich, während der Replik des Gesprächspartners, beim Lesen eines Buches, über einem Brief, beim Essen sang – murmelte sie mit voller Stimme – „summte“ – undeutliche Vokale und Konsonanten der herannahenden Zeilen, die schon ihren Rhythmus gefunden hatten. Dieses Summen stellte sich als phonetischer und daher für alle hörbarer Ausdruck der mit dem gewöhnlichen Gehör nicht wahrnehmbaren, ständigen Vibration der Dichtung dar. Oder, wenn man so will, als Verwandlung des Chaos in poetischen Kosmos. Mit den Jahren ging dieser Prozeß bei Achmatowa auf immer konkretere, sich selbst präzisierende Ebenen über: ihr berühmter tonischer Vers verschluckte sich am klassischen Versmaß, ein Gedicht aus drei- oder vier vierzeiligen Strophen tendierte zum modifizierten Sonett, ein ungefährer Gleichklang wurde durch einen erlesenen Reim verdrängt. Sie erzählte, daß Losinski über die Reime skasal-glasa (sagte-Augen) oder naschotdana (unser-gegeben) gesagt habe:
So zu reimen und dann noch gut, das gelingt nur Ihnen.
Und als sie mir ein Liedchen diktierte, das später dem Poem ohne Held beigefügt wurde:
Ich war es, die für dich gezahlt hat
Mit Zaster,
Zehn Jahre lang, bewacht vom Nagant,
Vegetiert ich dahin,
Ich sah nicht nach links und nach rechts.
Doch hinter mir
Erklang der Verleumdung
Geraschel.
bemerkte sie:
Ich reime gern Stimmloses mit Stimmhaftem: saplatila-chodila (bezahlte-ging), gljadela-schelestela (sah-raschelte).
Sie bestand darauf, daß es in Versen weniger Kommas und Satzzeichen überhaupt geben solle, verwendete aber ein Zeichen, welches sie das „ihre“ nannte, häufig, ein Komma mit Gedankenstrich, dabei bezog sie sich wieder auf Losinski, der ihr gesagt hatte:
Eigentlich gibt es ein solches Zeichen nicht, aber Sie dürfen es verwenden.
Als ich einmal auf eine Stelle im Manuskript hinwies: „Hier müßte man ein Komma setzen“, lautete die Antwort:
Ich habe selbst gespürt, daß da etwas Komma-iges ist.
Wenn sie müde wurde und sich weniger unter Kontrolle hatte, schrieb sie einige Worte auf die alte, vorrevolutionäre Weise, zum Beispiel mit Theta: „Grüße an Ɵedja“ in einer Notiz; oder die Adjektive im Genitiv mit „w“ statt mit g: molodowa (jung). Diese Schreibfehler verliehen den Worten eine größere Ausdruckskraft und dem ganzen Brief einen besonderen Reiz.
Die Verse verließen sie nicht einmal während einer Krankheit, in Krankenhäusern schrieb sie viele bekannte Gedichte, und sogar im Fieber, in der Typhusbaracke dichtete sie:
Irgendwo die junge Nacht,
Sternenvoll und frostig…
Oh, der schlimme
Typhuskopf, –
und so weiter, Verse, die ihren Worten nach irgendein angesehener Professor seinen Medizinstudenten als Beispiel für eine dokumentarische Fixierung von Visionen, die den Typhuskranken heimsuchen, zitiert hat.
Manchmal träumte sie von Versen, brachte ihnen aber Mißtrauen entgegen und unterzog sie im nüchternen Zustand des Tages einer strengen Kontrolle.
*
Den nächsten Brief erhielt ich ein halbes Jahr später. Es war das Nachwort zu einem der Gespräche, die sie in jener Zeit immer häufiger begann und die ich weder zu führen noch abzubrechen verstand – Gespräche über ihren nahen Tod. Jenes, welches im Brief erwähnt wird, hatte ich schroff unterbrochen, aber auch danach verschwand dieses Thema nicht ganz. Schon nach ihrer Rückkehr aus Italien hatte sie mir ein 1941 in Mailand erschienenes Miniaturbändchen der Göttlichen Komödie geschenkt, mit der Widmung:
Era a me morte, ed a lei fama rea… Petrarca.
In der CCCLXVI. Kanzone wendet sich Petrarca an die Jungfrau Maria mit der Bitte um Beistand, denn die Hilfe, die ihm seine irdische Donna erweisen könnte, bestünde für ihn im Tod und für sie in Schmach:
… ch’ogni altra sua voglia Era a me morte, ed a lei fama rea.
Die Zeit des Geschenks und der Widmung fiel mit der Entstehung des Vierzeilers zusammen –
Es tagt – das ist das Jüngste Gericht,
Begegnung nun ist trauriger als Trennung.
Dem toten Ruhm übergeben mich
Deine lebendigen Hände.18
in dem der „tote Ruhm“ Semantik und Phonetik von Petrarcas Vers zu einem Knoten verband.
Den Brief erhielt ich aus ihren Händen.
31. März 1964
Moskau
Sie sind heute so unerwartet und schwer betrübt gewesen – daß ich ganz verwirrt bin. Ich habe Ihnen oft und seit langem davon gesprochen, und Sie haben meine Worte immer vollkommen ruhig aufgenommen.
Ich bitte Sie sehr zu glauben, daß sie auch heute nichts enthielten als den Wunsch, Ihnen Gutes zu tun. Nun habe ich mich endgültig davon überzeugt, daß alle Gespräche zu diesem Thema Verderben bringen, und verspreche, sie niemals wieder zu beginnen.
Wir werden einfach leben wie Lear und Cordelia im Käfig – werden Leopardi und Tagore übersetzen und einander vertrauen.
Anna
Nach dem „Wunsch, Ihnen Gutes zu tun“ ist „im besten Sinne dieses Wortes“ durchgestrichen.
Der Vertrag für die Übertragung der Lyrik von Leopardi, die „Achmatowa, Anna Andrejewna und Naiman, Anatoli Genrichowitsch, die gemeinsam arbeiten und im folgenden Autor genannt werden“ im Mai 1965 dem Verlag vorlegen sollten, wurde erst gegen Ende des Sommers 1964 mit uns abgeschlossen, aber die Arbeit hatten wir bereits im Winter begonnen. Der Sammelband Giacomo Leopardi. Lyrik erschien ein Jahr nach ihrem Tod beim Staatsverlag für Literatur. Tagore, dessen Gedichte dringend für eine mehrbändige Sammlung seiner Werke übertragen werden mußten, kollidierte in jenem Frühjahr unerwartet mit Leopardi. Im Herbst 1965, kurz vor Achmatowas letzter Krankheit, schlossen wir einen ebensolchen gemeinsamen Vertrag wie den Leopardi-Vertrag über die Übertragung von Versen der griechischen Kommunistin Rita Bume-Papa, die A. A. sofort „Papa Grischa“ nannte, des Gleichklangs wegen. Die Redakteurin des Verlages Progreß erinnerte uns höflich, aber bestimmt immer wieder an den Abgabetermin, sie erklärte, daß die Herausgabe des Buches „für den Frauentag, den 8. März geplant“ sei.
Achmatowa empfand die Übertragung von Versen als eine notwendige, lästige Arbeit, und sie spannte sich nicht einmal als Puschkinsches „Postpferd der Aufklärung“ vor diese Fuhre, sondern als ruhiges Lastpferd, das mal für diesen, mal für jenen Herren arbeitet. Welche Achtung oder Sympathie der Dichter auch genoß, den sie übertrug, er war ihr Peiniger, er forderte das Dichten russischer Verse, obendrein unbedingt in großer Zahl, denn sie erarbeitete sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit Übertragungen. Eigene Verse schrieb sie, wie es sich eben ergab: bald mehrere in einer kurzen Periode, bald in einem halben Jahr nichts, mit den Übersetzungen. aber war sie jeden Tag vom Morgen bis zum Mittag beschäftigt. Darum zog sie es auch vor, Verse von Dichtern zu übernehmen, die ihr gleichgültig waren, und noch lieber – Verse mittelmäßiger Dichter: die Mitarbeit am Buch Baudelaires lehnte sie ab, auch auf das Angebot, Verlaine zu übertragen, ging sie nicht ein.
Das bedeutete keineswegs, daß sie nicht gern arbeitete: trotz allem waren es Gedichte, und sie war Achmatowa. Die Qualität der Arbeit, die sie dem Redakteur lieferte, war tadellos: sie nannte sich – ein wenig für das Publikum – eine professionelle Übersetzerin, eine Schülerin von Losinski. Von ihren Übertragungen schätzte sie selbst am meisten ein serbisches Epos („nach Puschkin“), einiges aus der koreanischen Poesie, den Wanderer des Rumänen Alexandru Toma:
Wenn ein Gast kommt in dein Zelt
Empfang mit Güte ihn: gib Brot und Salz,
Gieß Wasser auf die Wunden, rette ihn vor Schmerz,
Ihn auszufragen aber wage nicht,
Woher er kommt, wohin er geht;
und „Herbst“ von Perez Markisch:
Dort rauschen die Blätter nicht unruhevoll,
Sie liegen gekrümmt, und sie schlummern im Wind,
Doch da schleppt sich eins auf dem Wege vom Schlaf,
So wie eine goldene Maus ihre Höhle aufsucht.
Sie konnte bei passender Gelegenheit die letzten Zeilen vortragen: „Ihn auszufragen aber wage nicht…“ oder sagen:
Bei Markisch ist das reizend gesagt: ein welkes Blatt – wie eine goldene Maus.
Sie übertrug Nezval, den sie den Parfümfabrikanten nannte, Hugo, den sie einfach nicht mochte, Tagore, den sie bei der Arbeit schätzen lernte, und viele andere. Sie beschuldigte Kritiker der Inkompetenz oder des Begleichens persönlicher Rechnungen usw., die dem Übersetzer die Übertragung nach der Interlinearübersetzung vorwarfen.
Wir übertragen alle nach der Interlinearübersetzung: einer, der die Sprache des Originals kennt, sieht in irgendeinem Stadium trotzdem die Interlinearübersetzung vor sich.
Sie war entrüstet, als sie in Etkinds Buch las, daß Djakonows Übertragung des Gilgamesch genauer sei als die Gumiljowsche:
Kolja hat sich mit dem Kulturträgertum beschäftigt und aus dem Französischen übertragen, wie kann man das vergleichen!
Ihre Bemerkungen zu dem zu übersetzenden Material trugen einen durch und durch ironischen Charakter. „Blankverse?“ sagte sie, wenn sie sich irgendeinen Autor vornahm.
Nun, das ist ja edelmütig von ihm.
Sie beherrschte den Blankvers vollkommen, mit dem Reim aber, auch wenn er den Übersetzer zur Disziplin anhielt, mußte sie kämpfen. Als wir mit Leopardi begannen, hatten wir bald Mitleid mit ihm: er war ein großer Dichter, hatte wunderschöne Gedichte geschrieben und so weiter, aber er war sehr krank und von kleinem Wuchs, die Aspasien und Nereiden mochten ihn nicht, er starb früh. Wenn sie müde wurde, konnte der fünffüßige Jambus unmerklich in den sechsfüßigen übergehen, einmal wich er ganz und gar in den Trochäus ab, und ich bemerkte:
Das ist ja schon Hiawatha.19
Von dem Tag an sagte sie, wenn sie ein neues Stück vorlas, fröhlich:
Ist es noch nicht Hiawatha?
Ein andermal, als ich meinen Teil vortrug – wir arbeiteten bereits an Tagore, fragte sie, mitten im Lesen abgelenkt, wie ich bemerkte, in betont mondänem Ton:
Ist das schon die Übertragung oder noch die Interlinearübersetzung?
Zum selben Thema äußerte sie einmal: „Schreiben wir das, oder schreibt man uns?“ und erklärte:
Wahrscheinlich aus den Karamsinschen Geschichten. Ein Beamter berichtet dem Wojewoden die Neuigkeiten; dieser sitzt wichtig da, im Pelzmantel, hört zu und stellt schließlich diese Frage.
„Was, sowohl ,gésagt‘ als auch ,geságt‘?“ fragte sie betont kummervoll.
In meinem Leben gab es alles doppelt: zwei Kriege, zwei Zusammenbrüche, zwei Hungerperioden, zwei Beschlüsse – aber eine zweifache Betonung überlebe ich nicht.
Einige Tage nach dem Abschluß der letzten Tagore-Übertragungen sagte sie zum ersten Mal:
Er hing über mir wie eine Schuld… Aber er ist ein großer Dichter, das sehe ich jetzt. Es kommt nicht auf einzelne, geniale Zeilen an: „Wanderer, fürcht’ nichts, im Unwetter stehst unterm Schutz du der Göttin des Unglücks“, nicht auf einzelne Gedichte wie „Laß ihn frei“, sondern eben auf den mächtigen Poesiestrom, der wie im Ganges Kräfte im Hinduismus schöpft und Rabindranath Tagore heißt.
Sie begann diese Replik ganz alltäglich, endete aber mit Stentorstimme, und sie sprach nicht zu mir, sondern quasi zu einer dritten Person, als würde sie die Gereiztheit und die beißenden Spötteleien über Tagore während der Übertragung mit diesem majestätischen Aphorismus ausgleichen. Damals war sie „vor den Wagen gespannt“, jetzt sprach sie im Sessel sitzend, damals kam es „vom Herzen“, jetzt war es, „wie es sein mußte“.
Überhaupt sollte man mit der Veröffentlichung der Achmatowaschen Übertragungen vorsichtig sein. Die Übertragungen von Leopardi zum Beispiel, die der eine angefertigt hat, sind jeweils von dem anderen korrigiert worden, und ihre Zuordnung zu dem einen oder dem anderen Familiennamen im Buch ist sehr relativ. Ich kenne das Maß der Hilfe, den Anteil an Achmatowas Arbeit von Chardschijew, von der Petrowych. Niemand der an diesen Arbeiten beteiligten Menschen würde sich für die Autorschaft Achmatowas in jeder konkreten Übertragung verbürgen. Das Beste wäre, ihren Willen zu erfüllen, den sie verschiedenen Gesprächspartnern gegenüber mehrmals geäußert hat: nach ihrem Tod keine Übertragungen in ihren Büchern zu veröffentlichen. Es war eine komplizierte, unfrohe, notgedrungene Angelegenheit, und ein angesehener Wissenschaftler, dem ich von Lear und Cordelia im Käfig erzählte, die Leopardi und Tagore übersetzen, bemerkte sehr treffend:
Es klingt aber nicht wie Leopardi und Tagore, sondern eher wie Leopard und Tiger im Käfig.
Ende April 1964 kam ich mit der Diagnose Mikroinfarkt ins Krankenhaus. Das war damals eine Seltenheit unter jungen Menschen, die Ärzte stürzten sich erschrocken und begeistert auf mich. Den Ernst der Krankheit begriff ich nicht, stand entgegen den Anordnungen des Arztes auf, bat, mich auf eigene Verantwortung zu entlassen. Achmatowa besuchte mich einige Male, gab regelmäßig jemandem kleine Briefe mit und schickte Blumensträußchen.
Gründonnerstag
Tolja,
und das ist alles Unsinn, Hauptsache, Sie sind ganz gesund und nicht betrübt.
Das Herz beruhigt man durch richtige Atmung und düstere Gedanken durch den Glauben an die Freunde. Trennungen, Scheidungen, Abwesenheit existieren überhaupt nicht, davon überzeugte ich mich vor kurzem und hatte Gelegenheit, diese Wahrheit dieser Tage auch zu überprüfen. Freigiebig teile ich diese meine neue Erfahrung mit Ihnen.
Gestern habe ich mit dem „Haus“ gesprochen. Irina läßt Sie grüßen. Nika hat den Brief über Leopardi für Sie erledigt. Schicken Sie Tagore, wir schreiben ihn auf der Schreibmaschine ab und geben ihn dem Jungtürken. Boris spricht in höchsten Tönen von Ihrem Stück.
Ich bin überzeugt, daß 1963 dasselbe mit Ihnen war, und Sie haben die ganze Krankheit ohne Arzt durchgemacht.
Grämen Sie sich nicht!
A.
Heute ist die Junost20 mit meinen Gedichten erschienen.
… und denken Sie daran, daß das Krankenhaus seinen klösterlichen Reiz hat, wie mir einmal M.L. Losinski schrieb.
Freitag Nacht
Tolja,
heute ist ein riesiger, leerer Tag, sogar ohne Anrufe und ohne die geringsten Anzeichen der „Achmatowka“. Ich habe aus irgendeinem Grunde fast die ganze Zeit geschlafen. Ich war froh, als Sascha Nilin sagte, Sie hätten die biblischen Narzissen erkannt. Ich danke dem Freund, der in Ihrem Namen angerufen hat.
Um wieviel behaglicher wäre es, wenn ich im Krankenhaus wäre und Sie mich besuchen kämen, wie einst in Gawan.
Lida Tsch. hat ein Epigraph zu allen meinen Versen gefunden:
Auf der schändlichen Bühne der Sorge,
Unterm Thronbaldachin steh’ ich fremd.
Aber er bezieht wohl nicht alle ein?!
Am Abend ist Ranewskaja gekommen. Alexej hat sie zur Premiere seines Films Die drei Dickwänste eingeladen.
Morgen erwarte ich Nika.
Wenn Tagore Sie anstrengt, hören Sie auf, und vor allem – machen Sie beim ersten Anzeichen von Müdigkeit eine Pause: wir werden noch zu den Birken und zum Hechtsee fahren.
Gute Nacht!A.
Ich w-e-r-d-e Ihnen oft schreiben.
Das „Haus“ im ersten Brief ist in Anführungszeichen gesetzt. In der Dreizimmerwohnung in der Leninstraße Nr. 34 wohnten außer Achmatowa – Irina Nikolajewna Punina mit ihrem Mann sowie ihrer Tochter Anna Kaminskaja und deren Ehemann. Sowohl Punina als auch Kaminskaja brachten Achmatowa selbstverständlich Ehrerbietung entgegen, jedoch mit einer Spur von leichtem und ständigen Unmut, ohne daß man es konkret hätte erklären können. Es gab Perioden der Freundlichkeit und größeren Nähe, die durch solche der Kühle und des Streits abgelöst wurden, der gewisse Unmut aber und eine gewisse Intimität, demonstriert durch die Anrede Achmatowas mit „Akuma“, waren keinerlei Schwankungen unterworfen, sie waren ausgeklammert. Über Punina sagte Achmatowa in ihrer besten Phase einmal:
Ira ist ein besänftigter Bergbewohner.
Nach der Rückkehr Achmatowas aus Moskau im Winter bemühte sich das „Haus“ darum, für sie einen Platz im Haus des Schaffens in Komarowo zu bekommen; nach ihrer Rückkehr aus der Hütte wurde sie, oft nach wenigen Tagen, reisefertig gemacht und nach Moskau geschickt.
Ihr Zimmer, es war lang, mit einem Fenster zur Straße, befand sich neben der Küche. Über dem Bett hing die Zeichnung von Modigliani, an der gegenüberliegenden Wand stand eine Kredenz mit Papieren, die sie stets kradenza (Wortspiel: kradenoje – Diebesgut. Anm. d. Übers.) nannte. In meinem Bewußtsein verbanden sich diese Kredenz, das Tischchen mit abnehmbarer Tischplatte, unter der auch Briefe und Papiere verwahrt waren, das gobelinartige Bild mit dem Hirsch, das auf dem Tischchen lag und sich als Schreibmappe erwies, in der auch Briefe verwahrt wurden, der ovale Spiegel, das angeschlagene Flakon, die Blumenvasen und alle anderen alten Dinge, die in diesem Zimmer gleichzeitig von Achmatowa zeugten und ebenso zufällig aussahen, mit der Beschreibung des Schlafzimmers von Olga Sudejkina, der „Heldin“ des Poems, die mit der Zeile „Halbgestohlen ist dieses Gut“ endet. Einmal kam ein junger Oxford-Absolvent zu ihr, der sich mit dem Thema „Volkstümliche Quellen im Schaffen Achmatowas“ beschäftigte, er deklamierte mit leichtem Akzent: „Lieber sollt’ ich keck Tschastuschkas singen / Du aber die heisere Harmonika spielen“21 und erklärte auf diese Weise, was er unter volkstümlichen Quellen verstand. Einige Zeit später kam das Gespräch auf Modigliani, sie bat mich, ihm die Zeichnung zu zeigen, ich trat an das Bett heran und machte eine einladende Geste, aber er rührte sich nicht von der Stelle; in der Annahme, er habe etwas nicht verstanden, erklärte ich, daß hier die Zeichnung sei, und zog den Gast am Ärmel, stieß ihn leicht in die Richtung. Er warf erschrocken einen Blick auf das Bild und kehrte sofort an seinen Platz zurück. Als er gegangen war, sagte Achmatowa:
Sie sind es dort nicht gewöhnt, die Betten alter Damen zu sehen. Er sah ganz verstört aus, als Sie ihn an den Rand des Abgrunds schleppten.
Dann:
Sie können nicht glauben, daß wir so leben. Und sie können nicht verstehen, wie wir unter diesen Bedingungen noch etwas schreiben können.
Und nach einer erneuten Pause:
Er hätte sich über die Volkstümlichkeit bei Achmatowa etwas Geistreicheres ausdenken können, als Tschastuschkas und Harmonikas.
Puninas Mann, der Rezitator Roman Albertowitsch Rubinstein (den A. A. hinter seinem Rücken ebenfalls nach Soschtschenko „Dramenschauspieler“ nannte), trat mit dem Poem Herbe Liebe von Smeljakow in Bibliotheken, Klubs und an so ungewöhnlichen Orten wie zum Beispiel in Sprechzimmern von Krankenhäusern auf: um acht Uhr morgens, bei der Ablösung des Nachtdienstes. Er war ein „Liebhaber des Schönen“, wie es sie offenbar schon nicht mehr gab auf der Welt – im Korridor begann er leidenschaftlich darüber zu sprechen, daß man die Verse des jungen Dichters XY und des Z der alten Garde „nicht unterbewerten“ oder „nicht überbewerten“ dürfe, und da Achmatowa wie versteinert schwieg, wandte er sich an ihre Gäste. Am 5. März 1963 lud Achmatowa Brodsky und mich ein, den zehnten Todestag von Stalin zu feiern. Wir tranken gehörig Kognak und erhoben uns gegen ein Uhr nachts zum Gehen. Achmatowa trat in den Flur, um uns zu begleiten. Überraschend tauchte Roman Albertowitsch an der Garderobe auf: er fragte mich, ob ich mit ihm übereinstimme, daß man Wosnessenski und Surkow nicht unterbewerten dürfe – ich war aber nicht mehr in der Lage, ihm zu antworten. Er wandte sich mit demselben Anliegen an Brodsky, der ihn, betrunken wie er war, in seinem Gesichtsfeld einfing und herauspolterte:
Ramon, alles in Ordnung!
Achmatowa pflegte über ihn zu sagen:
Ich schätze ihn sehr. An seiner Stelle hätte auch ein Mensch sein können, der mich ständig ermahnte: „Mama, Sie haben wieder das Licht in der Toilette nicht ausgeschaltet“.
Sie wohnte ungern im Haus des Schaffens der Schriftsteller: immer unter Menschen, die sie obendrein nicht ausgewählt hatte, kasernenmäßiges „Wecken“ und „Abtreten zum Schlafen“, ein gemeinsames Badezimmer, gemeinsames Frühstück-Mittag-Abendbrot, aber sie fand sich damit ab, wie mit etwas Unvermeidbarem. Eine der Mitbewohnerinnen begann, sich bei ihr zu beklagen, daß ihr Bekannter, ein Schriftsteller, der alle Achtung verdiene, in Malejewka ein kleines Zweizimmerhäuschen bekommen habe, während ein unbegabter, der aber Sekretär des Verbandes sei, eines mit fünf Zimmern erhalten hätte. Nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, sagte Achmatowa:
Warum erzählt sie mir das? Alle meine Gedichte habe ich auf dem Fensterbrett oder auf irgendeiner Kante geschrieben.
Jenes Mal, als wir zusammen im Haus des Schaffens waren, fand sich am Nachbartisch eine Gesellschaft von Schriftstellern mittlerer Jahre zusammen, die von Mahlzeit zu Mahlzeit ein und dasselbe Thema mit immer größerer Leidenschaft diskutierten: man bröckelt den Tauben Brot hin, aber die Spatzen fliegen heran und picken es sofort auf. Von Mal zu Mal wurden die Tauben vertrauensseliger und schutzloser, die Spatzen aber immer schlauer und räuberischer, so daß es bald schon gar keine Tauben und Spatzen mehr waren, sondern jemand vollkommen anderes, dem die Gesprächspartner eine Wohltat erweisen bzw. den sie zerfetzen wollten. Achmatowa saß mit dem Rücken zu diesem Tisch. Eines Tages tauchte auf jenem Mittagstisch Sekt auf. Einer der Schriftsteller, ein großer Mann mit rundem Gesicht, der genau denselben finnischen Pullover trug wie seine große Frau mit rundem Gesicht, näherte sich Achmatowa mit zwei Gläsern und der Bitte, aus Anlaß seines Geburtstages mit ihm anzustoßen. Ohne ihn ausreden zu lassen, erklärte sie sehr schroff, daß der Arzt es ihr verboten habe. Er geriet in Verlegenheit und erinnerte sie nuschelnd daran, daß sie sich von einem gemeinsamen Auftritt 1936 oder 1937 beim NKWD her kennten. „Sie haben den Verstand verloren!“ sagte sie.
Sie wissen einfach nicht, wer ich bin.
Während eines anderen Aufenthalts in diesem Haus saßen wir auf der Bank am Eingang, als ein wohlgestalter alter Mann mit einem Köfferchen in der Hand – ein bekannter Leningrader Dichter – anreiste. Er war in Zarskoje Selo geboren worden, was er gern marktschreierisch kundtat, in der Familie eines Priesters, wovon er die Aufmerksamkeit des Publikums abzulenken bemüht war. „Aufs Haar genau der Vater“, sagte Achmatowa halblaut, „wenn er zur Amtshandlung ging.“ Eine Stunde später wurde bekannt, daß der Dichter verbannt worden war: in Leningrad war eine Lasterhöhle ausgehoben worden, er entpuppte sich als einer der Besucher, seine Frau hatte vor Gericht erklärt, daß sie sich danach nicht mehr mit ihm in einer Wanne waschen wolle, und man schickte ihn für einige Monate ins Haus des Schaffens. Achmatowa rief aus:
Und ich will mich wohl in einer Wanne mit ihm waschen?!
Für Kaminskajas Mann, den Maler Leonid Sykow empfand sie Sympathie, setzte sich für ihn ein, als die Unannehmlichkeiten wegen des Militärdienstes bei ihm begannen, und geriet seinetwegen einmal in eine zweideutige Lage. Die Tochter Chagalls besuchte sie in Leningrad, erzählte ihr sentimental und feierlich von der Liebe ihrer Eltern zu ihren Versen. Dann fragte sie, was sie ihr aus Paris schicken könne, welches Parfüm, welche Bücher, Medikamente… Nein, ich brauche nichts, danke. Na, irgend etwas, was Sie wollen, niemandem bereitet das Schwierigkeiten, es wird uns eine Freude sein. Und da erinnerte sich Achmatowa, daß sie vor kurzem erörtert hatten, woher man für Ljonja Pastelle beschaffen sollte, und bat sie, welche zu schicken. Einen Monat später übermittelte ihr jemand, der aus Frankreich gekommen war, daß Chagall frage, was sie genau für ein Pastell haben wolle, ein früheres, oder vielleicht denke Achmatowa an eine bestimmte Arbeit von ihm. Nach Paris gelangte die Erklärung, daß Farben gemeint seien. Schließlich kam ein Schächtelchen mit Pastellfarben in Moskau an. Die Geschichte betrübte Achmatowa, sie hatte in ihrem ganzen Leben niemanden um etwas gebeten, Chagall achtete sie als großen Künstler und Zeitgenossen, und niedergeschlagen sprach sie vor sich hin: „Da hast du dein ,Ich will dich beschreiben wie Chagall sein Witebsk‘“22 – eine Zeile aus der „Ode von Zarskoe Selo“. (Die Tochter Chagalls begleitete ein berühmter Kunstwissenschaftler, der entfernt mit Achmatowa bekannt war. Am Ende des Gesprächs sagte er ihr:
Warum geben Sie nichts in die Archive? Im Zentralen Literaturarchiv wird man glücklich sein, wenigstens irgend etwas zu bekommen. Ein Autograph von Ihnen, das ist schon was.
Nachdem sie gegangen waren, äußerte sie: „Die Natur hat dafür gesorgt, daß alle seine Laster von seinem Gesicht ablesbar sind. Der Mensch selbst sieht das nicht.“)
Über Ljonjas Bruder Wladimir Sykow, einen scharfsinnigen, ruhigen, schönen Menschen, der damals begann, als Techniker zu arbeiten, sagte sie:
Ein typischer junger russischer Ingenieur. Solche tauchten nach den Reformen Alexanders plötzlich im Land auf: Ärzte, Richter, Ingenieure, Semstwo-Abgeordnete. In wenigen Jahren verwandelten sie Rußlands Gesicht, Mitte der Sechziger waren sie schon überall.
Inzwischen zog das Verfahren Brodskys, das einen Monat zuvor mit seiner Verschickung nach Konoscha zu Ende gegangen war, weitere Kreise, die seine Freunde und Verteidiger erschütterten. Die Anklage des Parasitentums drohte aus denselben Gründen in der Tat noch einigen jungen Menschen, die keinen offiziellen Status als Literaten hatten, insbesondere mir, um so mehr, da ich von einem der Verlage eine Bescheinigung über die Mitarbeit Brodskys als Übersetzer beschafft hatte. Die Bescheinigung wurde vor Gericht verwendet, ich wurde als Gauner, Provokateur und ähnliches eingestuft, und der Chefredakteur, der die Bescheinigung ausgestellt hatte, erhielt einen Verweis, weil er sich der Gaunerei, Provokation und ähnlichem nicht widersetzt hatte. Hinzu kam, daß der Initiator des ganzen Verfahrens früher Leiter des Klubs in dem Institut war, in dem ich studiert hatte, und mich persönlich kannte, fünf Jahre zuvor hatte er eine Denunziation gegen mich veröffentlicht. Die Situation beunruhigte Achmatowa, besonders nach der Geschichte mit Ionisjan.
Im Winter 1963/64 geschahen einige grausame Morde, die sich in fast allen Einzelheiten ähnelten. Mittags klingelte es an der Tür, auf die Frage – „Wer ist da?“ – antwortete der Mörder hinter der Tür: „Der Gasmann“, trat ein, holte aus seiner Tasche eine Axt, erschlug die Bewohnerin, meistens eine alleinstehende, alte Frau oder eine alte Frau und ein Mädchen, nahm irgendwelchen Trödel mit, zum Beispiel einen alten Fernseher, schleppte ihn zum Taxistand und verschwand. Dabei maskierte er sich nicht, so daß sich in der Folge viele an sein Äußeres erinnerten und die Miliz ein „Phantombild“ erstellen konnte. Die Moskauer waren in Maßen terrorisiert, in Maßen erregt und von der Entwicklung der Ereignisse mitgerissen. Man suchte mystische Erklärungen für seine gleichzeitige Anwesenheiten verschiedenen Stellen der Stadt: um zwölf Uhr sagte er „Der Gasmann“ in Troparewo im Südwesten, fünf Minuten nach zwölf in Beskudnikowo im Norden. Dann ging das Gerücht um, daß an einem Morgen Chruschtschow ohne Vorankündigung und ohne Begleitschutz zum Generalstaatsanwalt gekommen sei und erklärt habe, daß er ihm für das Ergreifen des Mörders eine Frist von drei Tagen gebe. Er wurde am Ende des zweiten Tages gefaßt, in der Nacht, als das Taxi, in dem ich von der Ordynka zum Prospekt Mira fuhr, wo ich ein Zimmer gemietet hatte, alle hundert bis zweihundert Meter von Milizstreifen angehalten wurde, die meine Papiere und die des Fahrers beim Licht der hellleuchtenden Straßenlaternen kontrollierten. Man hielt sofort Gericht über ihn, verurteilte ihn zum Tode durch Erschießen und erschoß ihn auf der Stelle.
Einige Tage später sagte meine Wirtin, daß der Abschnittsbevollmächtigte der Miliz in meiner Abwesenheit gekommen sei, eine Durchsuchung meines Zimmers vorgenommen und mich aufs Revier bestellt habe. Auf dem Revier empfing mich ein Hauptmann der Miliz, wies meinen Protest wegen der Durchsuchung gutmütig zurück und sagte, nachdem er in den von mir mitgebrachten Büchern mit meinen Übersetzungen geblättert hatte, nicht ohne Vergnügen: „Was heißt das schon, daß Sie Schriftsteller sind, der da war auch Künstler“, dann griff er in die Tischschublade, warf eine kleine und undeutliche Zeichnung von Ionisjan vor mich hin und präzisierte:
Organisator von Massenunterhaltungen.
Es stellte sich heraus, daß der Verbrecher ganz in der Nähe seines Reviers gefaßt worden war, auf jeden Fall betraf ihn die Geschichte unmittelbar und bot ihm eine gute Aufstiegschance. Im Zusammenhang mit diesem Fall überprüfte er alle Verdächtigen, zu denen der Hofwart oder irgendein wachsamer Nachbar natürlich auch mich gezählt hatte.23
Das alles geschah im wahrsten Sinne des Wortes vor Achmatowas Augen. Ich wohnte schon einige Monate auf dem Prospekt Mira zur Untermiete, als A. A. mir mitteilte, daß sie auf Einladung von Nina Leontjewna Schengeli zu dieser übersiedle, und mich bat, ihr beim Umzug zu helfen. Wir fuhren los, und sie ließ den Fahrer halten – vor dem Haus, in dem sich meine Wohnung befand. Nach den ersten Augenblicken der Sprachlosigkeit sagte ich ihr, daß ich hier wohnte – jetzt war die Reihe an ihr zu staunen. Ich lebte im ersten Stock, Schengeli im sechsten.
Von der Miliz zurückgekehrt, ging ich zu Achmatowa hinauf. Sie hörte meinen Bericht an, schwieg und sagte dann:
Ionisjan hätten also auch Sie sein können. Mit derselben Wahrscheinlichkeit. Also danken Sie dem Schicksal. Auch mir hätte eine vorteilhafte Rolle zukommen können: die alte erfahrene Komplizin und Aufkäuferin des Diebesguts. Ich bin, wie Sie wissen, hier auch nicht gemeldet. Sind nicht zuviele von uns auf einem Treppenaufgang?
Ich hatte all das bald vergessen und zog nicht lange danach zu Freunden um. Sie aber nahm sich die Angelegenheit, wie mir damals schien, über die Maßen zu Herzen: einige Male überzeugte sie mich davon, nun schon ohne den geringsten Anflug von Humor, daß ich einer tödlichen Gefahr entronnen sei – einer wirklichen Gefahr, keiner erdachten –, und erzählte diese Geschichte vielen ihrer damaligen Gäste. Darum drängte sie auch den Verlag, mit mir noch vor Abschluß des Vertrags für Leopardi einen Vorvertrag abzuschließen, falls die Sicherheitsorgane beginnen sollten, sich entschlossener mit mir zu befassen.
Nika – Nika Nikolajewna Glen – war Redakteurin im Staatsverlag für Literatur, beschäftigte sich mit bulgarischer Literatur, wofür A. A., die immer zärtlich und ehrerbietig von ihr sprach, sie „bulgarische Königin“ nannte. Sie besaß das absolute Vertrauen Achmatowas, stellte ihr eins von zwei kleinen Zimmern in einer Gemeinschaftswohnung, die sie zu zweit mit ihrer Mutter bewohnte, zur Verfügung, fuhr zu ihr nach Komarowo, um sich um sie zu kümmern und erfüllte bis 1963 einige Zeit Sekretärspflichten bei ihr. Das, was von ihr verlangt wurde, verrichtete sie lautlos, sie sprach wenig. Ihre schweigende Anwesenheit bei einem Gespräch erzeugte den Eindruck, daß sie nicht da sei, und nur dann auftauchte, wenn sie gebraucht wurde, immer mit einer ausgewogenen und klar formulierten Meinung. Ihre hohe Professionalität, ihre literarische Begabung und genaue Kenntnis verschiedener Fachgebiete verband sie mit einer derart unauffälligen Äußerung dieser Eigenschaften, daß es übertrieben wäre, sie bescheiden zu nennen. Zu jener Zeit arbeiteten im Staatsverlag für Literatur einige erstklassige Redakteure, wirkliche Spezialisten, Wissenschaftler und Intellektuelle, Achmatowa wußte sie zu schätzen und brachte dem ganzen Verlag im allgemeinen Sympathie entgegen. Wenn sie kam, um das Honorar abzuholen, begann „eine kleine Kirchenprozession im Gouvernement Twer“,24 Bekannte, Unbekannte, Buchhalter, Korrektoren, Leiter kamen ihr entgegen. Pasternaks Erlebnisse schildernd erzählte sie: wenn er in der Zeit der Hetze wegen des Schiwago oder wegen Honorarangelegenheiten erschien, vergruben sich die armen Redakteurinnen in ihre Papiere und flüsterten von dort:
Boris Leonidowitsch, wir mögen Sie sehr, wir mögen Sie sehr.
Im übrigen gab es unterschiedliche Typen von Redakteuren – jener zum Beispiel, den Achmatowa aufgrund seines Äußeren und Benehmens gutherzig „Jungtürke“ nannte…
Entweder begann in jenem Jahr mein Verhältnis mit dem Theater Sowremennik, oder es endete. Ich hatte ein Stück geschrieben, in dem es drei handelnde Personen gab; das Theater, das heißt der Regisseur, einer der führenden Schauspieler, der Leiter der Literaturabteilung des Theaters interessierten sich dafür, es ließ sich bequem inszenieren. Irgendwann jedoch verlief die Sache im Sande, aber das machte mir nicht allzuviel aus, denn ich saß schon an einem anderen Stück. Die Handlung bestand darin, daß eine Gruppe von Menschen begann, den Gewinn eines Lotteriescheins, der in den Händen des Verkäufers verblieben war, zu beanspruchen, wobei sie den Anschein erweckte, ein Recht darauf zu besitzen. Der Verkäufer hatte dieser Gruppe einige von den Scheinen verkauft, und die Umstände wollten es so, daß er selbst zu ihr gehörte. Die beiden Haupthelden und deren Antagonisten sollte jeweils ein Schauspieler spielen, ebenso wie deren Ehefrauen – eine Schauspielerin. Von diesem Stück hielt Boris, der jüngste der „Ardow-Jungen“, „sehr viel“, wie er Achmatowa gegenüber äußerte; darüber schrieb sie auch, nachdem sie das Sujet „aufmerksam betrachtet hatte“, in einem ihrer nächsten Briefe:
Alles liegt an Ihrem Stück.
Ihr schien, daß das Stück ungehörige Anspielungen enthalte: die Idee der Doppelgänger selbst deutete sie als Versuch, die Situation zu maskieren, die einen Bezug zu ihr, vielmehr zu dem, was sie damals schrieb, hatte. Versehentlich gab ich den Anlaß dazu, indem ich eine Person in die Handlung einführte, die einem Menschen aus ihrer Umgebung zu offensichtlich ähnelte. Es folgte eine unangenehme Erklärung, eine Unstimmigkeit und dann die Versöhnung.
„Lida Tsch.“ – Lidija Kornejewna Tschukowskaja – gab mit erschöpfender Ausführlichkeit Inhalt und Einzelheiten ihrer langjährigen Beziehung zu Achmatowa in ihren dreibändigen Aufzeichnungen über Anna Achmatowa wieder: ihr Name ist von nun an für immer mit dem Achmatowas verbunden. Sie waren Menschen verschiedener Zeit, verschiedener Denkart, verschiedenen Geschmacks und verschiedener Ideen – jetzt, wo die Geschichte beinahe Altersgenossinnen aus ihnen macht, muß man das unterstreichen. Achmatowa schätzte, wie mir schien, nicht nur die allgemein anerkannten Werte in ihr in vollem Maße: Ehrlichkeit, Unerschrockenheit, Offenherzigkeit, sondern auch die selteneren: ihre Naivität und sogar Geradlinigkeit, über die sie hinter ihrem Rücken spötteln konnte, aber niemals zum Schaden der Achtung vor dieser Treue zum Ideal, die vor dem Hintergrund des geschickten, verdorbenen Sinnes und des willfährigen Erfindergeistes, den die Mehrheit besaß, besonders einnehmend waren. Das von ihr vorgeschlagene Epigraph zu Achmatowas Versen sind die Zeilen des Vierzeilers, der den Zyklus „Scherben“ eröffnet:
Ich, der Feuer und Wasser entzogen,
Die vom einzigen Sohne getrennt…
Auf der schändlichen Bühne der Sorge,
Unterm Thronbaldachin steh’ ich fremd.25
„Aber es bezieht wohl nicht alle ein?!“ ist eine notwendige, listige und feine Präzisierung. Dies ist eher ein Epigraph zum Bild Achmatowas in den Aufzeichnungen Tschukowskajas als zu Achmatowas Dichtung. Ihre Beziehung begann im Alpdruck der dreißiger Jahre, er gab auch die Tonart ihrer Entwicklung in der Folge an. Achmatowa aber war so und auch anders und, wie sie gern sagte, „noch eine dritte“. Tagebücher sind ein einzigartiges Dokument, aber ein Gespräch mit der Zielsetzung der Aufzeichnung, mag sie auch unbewußt sein, wird jenes Unlogischen, jener Zusammenhanglosigkeit, oft auch jener Sinnlosigkeit, die es wahrhaft lebendig machen, beraubt. Obendrein hatte Achmatowa ebenfalls den Verdacht, daß Aufzeichnungen über sie gemacht würden – unter den von ihr vermuteten Eckermanns hörte ich den Namen Tschukowskajas freilich nicht, und manchmal sprach sie für die Aufzeichnung, für die Erinnerung, für die Nachfahren, wobei sie sich aus Anna Andrejewna in Aereperennius-Pyramidaltius verwandelte. Achmatowa war bei Tschukowskaja ganz anders als zum Beispiel bei Ranewskaja – nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders.
Was die Erwähnung von Alexej Batalow und den Drei Dickwänsten betraf, so hatte er kurz zuvor im Film Der Mantel zum ersten Mal Regie geführt und bereitete sich nun darauf vor, einen zweiten Film zu drehen, nach einem politischen Märchen von Olescha. Als Schauspieler war er – nach dem Film Der Fall Rumjanzew – beim Publikum unglaublich populär. Einmal sprach Olschewskaja während einer Taxifahrt mit dem Regisseur, der ihren Sohn Boris an seinem Theater engagiert hatte. Als sie aus dem Auto ausstieg, rief der Fahrer ihr feindselig und herausfordernd hinterher:
Scheinbar kann man es auch unter Schauspielern nicht ohne Beziehungen zu etwas bringen. Nur Batalow ist das gelungen.
Sie sagte:
Das ist mein anderer Sohn.
Achmatowa beklagte sich gespielt, daß die Besucher, die von ihrer Freundschaft mit dieser Familie wußten, sie stets fragten:
Wissen Sie eigentlich, woran Batalow jetzt arbeitet?
Er tröstete sie:
In jedem beliebigen Klub, bei jedem Treffen mit Zuschauern werde ich zuerst gefragt, wie es um die Gesundheit Smoktunowkis steht.
Einmal, als sich alle zum Mittagessen gesetzt hatten, wurde ihm eine Telegramm von einer Verehrerin aus Spanien gebracht, die er dort kennengelernt hatte:
SCHREIBEN ZWECKLOS.
Die Spanierin und ihre Fähigkeit, alles in zwei Worte zu fassen, würdigten die Anwesenden gebührend. Achmatowa sagte lächelnd:
Schön… Ach, was für lumpige Telegramme habe ich in meinem Leben aufgegeben…
Ranewskaja willigte ein, in dem Film mitzuspielen und fuhr nach Peterhof zu den Filmproben, letzten Endes aber spielte Rina Seljonaja das Tantchen Ganimed, mit der er als Regisseur leichter auskam.
*
Es ist möglich, daß ich die Briefe jetzt nicht ganz der Reihenfolge nach anführe, in der ich sie bekommen habe, obwohl die Gründe zugunsten einer solchen Folge stichhaltig genug sind.
Tolja
Anjuta hat irrtümlicherweise das Bändchen Mistral und meine Verse mitgenommen. Tanja soll sie doch bitte zurückbringen.
Gestern waren Karpuschkin und Marusja bei mir. Sie beeilen sich mit Tagore sehr, bis zum 1. Juni muß er abgegeben werden.
Achm.
Lassen Sie sich nicht einfallen, mich anzurufen. Ich weiß, daß Sie nicht aufstehen dürfen.
Tolja!
Alles liegt an Ihrem Stück. Das werde ich ausführlicher erklären, wenn wir uns sehen. Ich bitte Sie sehr, mir zu glauben. Alles übrige ist wie gehabt. Schonen Sie sich. Wenn es möglich ist, schreiben Sie mir einige Worte – ich kann es noch gar nicht glauben, daß ich mit Ihnen gesprochen habe.
Das war aber heute ein Morgen! – Irrsinn.
A.
9 Uhr abends
Tolja,
Natascha Gorbanewskaja hat mir Polen mitgebracht. Darin gibt es Verse, die Sie an etwas erinnern werden. Wir setzten Nataschas Sohn auf ein großes weißes Pferd, er verzog das Gesicht. Ich fragte ihn: „Hast du Angst?“ Er erwiderte: „Nein, das Pferd hat Angst.“
N. A. beklagte sich, daß Sie sehr rigoros sind. Tolja, begehen Sie keine Torheit. (…) Ich kann nicht sagen, daß es sehr angenehm für mich war, das zu hören… Die Demütigung ist eine sehr komplizierte Sache. Ich habe wohl wie immer den Teufel an die Wand gemalt. Erinnern Sie sich, wie oft ich gesagt habe, daß die Natur gütiger sei als die Menschen und sich selten in unsere Angelegenheiten mische. Wahrscheinlich hat sie gelauscht und höflich an sich erinnert.
Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie das Krankenhaus nicht gegen jede Vernunft verlassen. Das würde nur bedeuten, daß Sie sehr bald dahin zurückkehren möchten, und dann schon aus anderen Gründen. Über das Krankenhaus weiß ich alles. Aber genug vom Krankenhaus – wir werden das als eine schon zurückgelegte Etappe ansehen. Die Hauptsache ist die Größe der Idee, wie Joseph sagt.
Sascha wird Ihnen erzählen, was ich tue. In der Tat aber bin ich schläfrig und abwesend. Die Menschen haben begonnen, mich ein wenig zu ermüden. Ich rufe niemanden an. Die Feier wird am 23. Mai stattfinden.
Schreiben Sie mir einen ganz guten Brief.
Ist es wahr, daß Sie Gedichte geschrieben haben?
2. Mai, Ordynka
Anna
3. Mai
Tolja,
auch ich danke Ihnen für den guten Brief. Heute war der Tag wieder grau, leer und traurig. In Mischas neuem Radio habe ich das Ende der russischen Messe aus London gehört. Ein wahrer Engelschor. Bei den ersten Klängen mußte ich weinen. Das geschieht mir so selten. Am Abend war Koma da, er hat Blumen gebracht, und Nika hat mir das Inhaltsverzeichnis meines bulgarischen Büchleins mitgebracht – sie hat es sehr gut zusammengestellt. Auch ein Leningrader Gast war bei mir – Schenja Berkowskaja.
Überanstrengen Sie sich nicht mit Tagore.
Schreiben Sie über sich.
Nina behauptet kategorisch, daß ich es nicht bis zu Ihnen schaffen würde, aber ich denke an den sechsten Stock bei Schengeli! – Erinnern Sie sich?
Morgen bringt man mir einen Sommermantel – ich werde beginnen, auszugehen.
Gute Nach!
A.
Heute sät Ira den von Ihnen mitgebrachten mauretanischen Rasen um die Hütte herum, das Feuer brennt herunter, der Kuckuck sagt etwas wie kuck-kuck, und ich möchte wissen, was macht Ihre Pappel?
5. Mai
Tolja,
gleich kommt Galja Kornilowa, und ich werde ihr diese Notiz übergeben. Am 7. wird bei den hiesigen Chaikins mein „Schatten“ vorgetragen. Vielleicht gehen wir zusammen hin.
Es wird immer schwieriger zu schreiben, da das Wiedersehen so nah ist. Ich bin ganz allein zu Hause. Ringsumher herrscht ohrenbetäubende Stille, die hiesige Pappel (am Fenster des Eßzimmers) ist auch bereit, zu ergrünen.
Gestern waren Slonims und Iljina bei uns, heute bringt mir Murawjow einen Sommermantel und die Leningrader Briefe. Im übrigen wissen Sie das alles schon.
Auf Wiedersehen.
A.
Lieber Tolja,
offenbar ist es mein Schicksal, Ihnen jeden Tag zu schreiben. Es geht darum, daß eben Ibragimow höchstpersönlich angerufen hat – er möchte mit Ihnen einen Vertrag abschließen und kennt Ihre Adresse nicht. Offenbar muß ihm die Leningrader Adresse mitgeteilt werden, wie ich es tue.
Liegen Sie ruhig, ruhig.
Sehen Sie, wie gut alles ist.
Das Buch von Reeve ist angekommen, in dem er den Nobelpreis für mich fordert.
Wenn es möglich ist, schreiben Sie zwei Worte und die Adresse für Ibragimow.
A.
Die ersten beiden Notizen waren durch einen Irrtum hervorgerufen worden, dessen ohnehin verschwommene, aus Realität, Zufällen und Phantasie geflochtene Kontur schnell begann, an Deutlichkeit zu verlieren, als sich alles aufgeklärt hatte, und es ergäbe keinen Sinn, die im Gedächtnis gebliebenen Kleinigkeiten jetzt aufzurühren. Die Malerin Anjuta Scherwinskaja, die älteste Tochter des Übersetzers und Altertumswissenschaftlers Sergej Scherwinski, lernte Achmatowa schon als Mädchen kennen: im Sommer 1936 war sie in deren Haus unweit von Kolomna zu Gast. Die Dichterin und Übersetzerin Tanja Makarowa, Aligers Tochter, war für Achmatowa auch eines der Kinder, die „bei Bekannten geboren wurden“. Von den Geschichten über diese Kinder erzählte sie gern folgende: Einmal war sie in Peredelkino und begegnete dem Kritiker Selinski auf der Straße, der sie bat, kurz auf seiner Datscha vorbeizukommen, um seinen Sohn anzusehen.
An die Pforte kam eine junge Frau mit einem einjährigen Engel auf dem Arm: blaue Augen, goldene Locken… Zwanzig Jahre später, auf einer Straße in Taschkent, bat Selinski mich, kurz bei ihm zu Hause vorbeizukommen, um seinen Sohn anzusehen. Es war mir peinlich, ihn daran zu erinnern, daß ich ihn schon kenne. An die Pforte kam eine junge Frau mit einem einjährigen Engel auf dem Arm: blaue Augen, goldene Locken. Sowohl Frau als auch Engel waren neu, aber alles zusammen glich einem bösen Traum.
1963 erschien eine Gedichtsammlung von Gabriela Mistral in der Übertragung von Sawitsch: eine Zeitlang wurde das Achmatowas Hauptlektüre. Sie waren ein Jahrgang, erste Bekanntheit erlangte Mistral 1914, ihre Lieblingsschriftsteller waren Russen. Wie sich herausstellte, war sie Nobelpreisträgerin und starb vor gar nicht langer Zeit. Die Tonart ihrer unerwartet akmeistischen Verse, besonders im Abschnitt „Schmerz“, die der Achmatowaschen erstaunlich nah ist, die Parallelen und Übereinstimmungen sind fast wortwörtlich:
Die Heckenrose stand bei uns.
Als uns die Worte ausgingen,
(„Die Heckenrose duftete so sehr, Daß sie sogar sich in ein Wort verwandelte“);26 oder das Gedicht „Farn“ mit dem Refrain:
Pflück ihn und verschenke ihn
In der Johannesnacht zum Morgenrot.
Achmatowa sagte fast mit Entzücken: „Die Rothäutige hat mich überholt.“ – Mistral war Indianerin. Sie bat einige Male, ihr das Gedicht „Der Springbrunnen“ laut vorzulesen, veranlaßte ihre Gäste, es zu lesen, und forderte eine sofortige Bewertung.
Ich bin wie jener verödete Brunnen,
der, erstorben, sein Rauschen weiter vernimmt.
Das Prasseln der Wasser auf seinen steinernen Lippen verblieb
wie in meinem Herzen es haftet.
Das Schicksal, ich glaube, es tagte noch nicht,
seinen furchtbaren Spruch zu fällen.
Nichs ist gemäht, nichts ist verloren,
noch fänden dich meine Arme, hätt ich sie ausgebreitet.
Ich bin wie der verstummte Brunnen.
Schon erhebt ein anderer im Garten sein Lied.
Vor Durst ist er von Sinnen, und er träumt,
es wäre sein Herz, das sänge!
Ihm träumt, er würfe die schäumenden, zwitschernden Flocken
in die Bläue hinein. Längst ist ihm erloschen die Stimme!
Ihm träumt, es schmückten die Wasser
mit lebenden Diamanten die Brust ihm. Gott hat sie längst ihm geleert!27
Das „lebende Wasser“ (in der russischen Übertragung des Gedichts heißt es statt „Wasser mit lebenden Diamanten“, 4. Strophe, „Küsse lebenden Wassers“ – Anm. d. Übers.) ist in Achmatowas Versen Symbol und Kennzeichen von Zarskoje Selo, jenes Teils in ihrem Leben und in der russischen Geschichte und jenes Menschen, in dem sich Zarskoje Selo für sie am vollständigsten und deutlichsten ausdrückt, das Bild von Puschkins leichter Hand ist von dieser Stelle nicht zu trennen:
Noch höre ich der Freiheit frischen Ruf.
Mir scheint, mein Los heißt Freiheit,
Und „diese lebenden Wasser“ vernimmt man,
Wo einst der junge Puschkin sang.
Es war verblüffend, bei einer Lateinamerikanerin, von deren bloßer Existenz sie bis dahin nur vom Hörensagen wußte, plötzlich auf „lebendes Wasser“ zu stoßen. Ganz zu schweigen davon, daß Syntax, Zeichnung, Rhythmus und Reime der zweiten Strophe – vielleicht nicht ohne Beteiligung des Übersetzers – direkt, konkret, „patentiert“ von Achmatowa, eine Kopie ihrer Verse waren. Dafür schloß sie die Strophe des Gedichts „Kiefernwald“, das sie nie auch nur mit einem Wort erwähnte, das ihrer Aufmerksamkeit scheinbar entgangen war:
Ein Berg war da im Abendrot
von rosa Erde,
die Kiefern, sie bedeckten ihn
mit Dunkel.
mit ihrer beliebten, bis zur Virtuosität geführten Methode in die bald darauf geschriebenen Verse ein:
Und der Kiefern rosa Körper
Stehen zur Untergangszeit nackt.
(„Zwar ist die Erde nicht die Heimat“)
In der Zeitschrift Polen, die Gorbanewskaja mitgebracht hatte, waren Gedichte der Polin Wisława Szymborska in der Übertragung Achmatowas herausgekommen. Natalja Gorbanewskaja liebte Polen, zitierte polnische Gedichte aus dem Gedächtnis und verehrte besonders Norwid. Sie lebte in Moskau, erschien aber oft in Leningrad, wohin sie per Anhalter mit Lastwagen gelangte. Achmatowa verkündete lachend:
Natascha hat angerufen – sie ist wie immer per Anhalter gekommen.
Als Dichterin wurde sie von Achmatowa sofort anerkannt, ihre Verse wurden ohne Zugeständnisse an ihr Alter, an ungünstige Umstände und so weiter gewürdigt. Von ihnen bevorzugte Achmatowa zwei „Aktivistengedichte“ besonders: „Hör mal, Bartok, was hast du komponiert?“ und „Wie ein Soldat der Anders-Armee“28 mit den anmutigen Zeilen:
Jedoch wir sind verraten. Der Kampf geht ohne uns.
Des Anders’ Schulterstücke sind wie die Schnallen einer Tänzerin,
Wie deren Schuhchen und andere Dinge,
Und damit ist der Kampfvorrat ersetzt.
Das erinnerte Achmatowa natürlich an ihre Begegnungen mit dem Anders-Anhänger Józef Czapski in Taschkent, an den „Wir hatten uns um den Verstand gebracht“29 adressiert ist. Noch ein kurzes Gedicht gefiel ihr sehr:
„Rühr mich nicht an!“ ruf ich den Passanten zu,
Die gehn vorbei, bemerken mich nicht.
Fremden Zimmern gilt mein Fluch,
Muß doch in fremden Vorzimmern sein.
Aber wie kann ich ein Loch in die Wand schlagen?
Und wer wird mir die Hand reichen?
Ich brenne auf langsamem Feuer.
Gorbanewskaja schrieb ihre Gedichte auf kleine Blätter ab, legte sie in einen Umschlag und schenkte diese dünnen Heftchen Bekannten, insbesondere auch Achmatowa. Einmal bat A. A. mich, unter ihren Papieren ein Manuskript zu suchen, das sie brauchte, erklärte, wo es liegen könne, wie es aussehe. Ich sah einige Mappen durch, fand jedoch das Manuskript nicht. Ich suchte an einer anderen Stelle, dann an einer dritten und sagte, daß ich es nicht finden könne. Gar nichts Ähnliches? Auch nichts Ähnliches. „Und die Gedichte von Gorbanewskaja?“ fragte sie plötzlich. Ich begann zu lachen und erwiderte, daß ich auch diese nicht gefunden hätte. Sie sprach verloren vor sich hin:
Früher konnte man wenigstens ihre Gedichte noch finden, jetzt sind auch sie verschwunden.
Gegenüber dem Fenster meines Krankenzimmers wuchs eine hohe Pappel. In der Zeit, in der ich dort lag, platzten ihre Knospen, sie wurde mattgrün. Sie stand in der Sonne, jene Pappel aber, die auf dem Hof der Ordynka wuchs, stand im Schatten, war um einige Tage im Rückstand, so vergnügten wir uns damit zu prahlen, wie weit wessen Pappel sich entwickelt hatte. Das Krankenzimmer lag im zweiten Stock, und alle Treppen wurden von einem gewissen Zeitpunkt an nach dem Schwierigkeitsgrad des Aufstiegs mit der Treppe bei Schengeli verglichen. Damals begleitete ich Achmatowa, nachdem wir einen Besuch gemacht hatten: Als wir an den Fahrstuhl kamen, war dieser außer Betrieb. Bis zur Wohnung Schengelis waren es sechs hohe Stockwerke, und die Uhr zeigte ein Uhr nachts. Ich begann, nach einem Ausweg zu suchen, schlug vor, ein Taxi zu nehmen und zu dem und dem zu fahren – selbstverständlich hätte ihr niemand seine Hilfe versagt – oder einen Mechaniker zu suchen, damit er den Fahrstuhl reparierte… Sie sagte, die einzige Rettung sei, ohne zu zögern mit dem Aufstieg zu beginnen. Wir bewältigten die Treppe in über einer halben Stunde: zu welchen Mitteln ich auch greifen wollte, ihr den Aufstieg zu erleichtern, sie lehnte sie kurz und kategorisch ab. Sie stieg nach ihrer gewöhnlichen Methode hinauf: sie setzte beide Füße nacheinander auf jede Stufe, und auf dem Platz zwischen den Treppenläufen atmete sie fünf-sechsmal tief und gleichmäßig ein und aus, auf diese Weise das Herzklopfen bekämpfend. („Das Herz beruhigt man durch richtige Atmung.“) Das hieß „Atmung der Yogis“, und Nina Antonowna definierte diesen Aufstieg, wobei sie die Schauspielerin Birmanin der Rolle der Krankenpflegerin in einem damals populären Stück imitierte, als „ein kleiner Schritt! – und ausruhen!“. Zweimal setzte sie sich auf die Stufen. Beim Betreten der Wohnung bat sie die Hausherrin, ihr Valocordin einzuträufeln, und bevor ich nach Hause ging, sagte sie, daß sie jetzt jener Proustschen Großmutter oder Tante ähnele, der alle ein Loblied auf das Wetter und die Luft auf den Champs-Elysées sangen, um sie zum Spaziergang zu verlocken; sie willigte ein, man setzte den nächsten Sonntag für den Spaziergang fest, und alle wußten, daß sie das Haus nie verlassen würde, in der Überzeugung, einfach nicht imstande dazu zu sein; als das Haus jedoch in Brand geriet, stieg die Alte die Feuerleiter hinab, scheinbar ohne auch nur das Geländer zu berühren. Die Treppe bei Schengeli verlieh ihr Zuversicht und Erfahrung: in Italien führte zu dem Schloß, wo ihr der Preis überreicht werden sollte, eine hohe Marmortreppe mit steilen Stufen – ihren Worten zufolge erinnerte sie sich an den nächtlichen Aufstieg und ging ohne zu überlegen hinauf.
„Koma“, der die Blumen gebracht hat, ist Wjatscheslaw Wsewolodowitsch Iwanow, ein Linguist und Philologe, „Sascha“ – das ist Alexander Nilin, Alexander Pawlowitsch, der engste Freund der „Ardow-Jungen“, der schon in einem der vorangegangenen Briefe mit einem Strauß Narzissen aufgetaucht war. „Marusja“ – Maria Sergejewna Petrowych – nahm auch an dem Tagore-Unternehmen teil, Karpuschkin war der verantwortliche Redakteur der Übertragungen, er war wohl freier Mitarbeiter des Verlages. Die Unruhe, die sich um sie herum komprimierte, schien notwendig und wichtig, jemand versuchte den Abschluß des Vertrags zu verhindern, ein anderer brachte ihn in Gang: kaum waren die Übertragungen erschienen, wußte man schon nicht mehr, worum es gegangen war und warum die Angelegenheit alle in diesem Maße ergriffen hatte. Und diese Unruhe und Nervosität, von der kurze Zeit später keine Spur mehr zu finden war, wiederholte sich dann noch viele Male, immer mit derselben Kraft und Schärfe. Als bei mir die üblichen Schwierigkeiten beim Drehbuchkurs begannen und ich beunruhigt und finster dreinschaute, tröstete Achmatowa mich:
Zwei Wochen nach der Beendigung des Kurses werden Sie für immer vergessen, was Kino ist. (Sie hatte sich um einige Tage geirrt.)
Der „Leningrader Gast“ Schenja-Jewgenija Michailowna Berkowskaja – eine jener sechzigjährigen, vom Leben erschöpften, aber keinerlei Ansprüche stellenden und niemals klagenden Frauen, von denen es in Achmatowas Umgebung einige gab, entstammte einer sehr wohlhabenden Petersburger Familie und hatte alles durchgemacht, was sich bei dieser Herkunft gehörte. Zu jener Zeit lebte sie in fremden Winkeln und verdiente sich ihren Lebensunterhalt durch Stricken und Abtippen von Manuskripten, insbesondere auch für Achmatowa. Achmatowa war gleichbleibend freundlich zu ihr und stand ihr vor allem seelisch bei; Berkowskaja verwaiste endgültig, als sie sie verlor, kam irgendwie sofort von Kräften und starb sehr bald… In der Regel brachten die Leningrader oder Moskauer Bekannten, wenn sie zwischen den beiden Hauptstädten hin- und herfuhren, Achmatowa etwas mit, was sie in einer der beiden Städte vergessen hatte, oder die Post sowie, wenn sie sich länger am jeweils anderen Ort aufhielt, der Jahreszeit entsprechende Kleidung, wie zum Beispiel der im Brief erwähnte Wladimir Sergejewitsch Murawjow.
Das Gedicht „Schatten“, Salomeja Andronnikowa gewidmet, über die Achmatowa vor ihrer Reise nach England schrieb: „Wir haben uns 49 Jahre nicht gesehen, und wir werden uns auch nicht wiedersehen, denn sie ist blind“, hatte Arthur Lourie vertont, und die Noten waren nach Moskau geschickt worden. Die Chaikins waren Cousins von Ardow, aber „Schatten“ wurde weder im Hause von Boris Emmanuilowitsch Chaikin, dem bekannten Dirigenten, noch im Hause seines Bruders, des bekannten Physikers aufgeführt, sondern beim Sohn des Physikers, der mit einer Musikerin verheiratet war. Ein Tonbandmitschnitt jenes Abends ist erhalten, mit der zweimal gesungenen Romanze und Achmatowas Versen, die sie mit Vergnügen nach der Musik vorlas.
Ilja Lwowitsch Slonim, einer der wenigen Bildhauer, die Linien, Flächen und Rauminhalte, die im Raum selbst angelegt sind, mit den Augen sehen und mit den Fingern fühlen und keine Phantome meißeln, die lediglich um das Zwei- oder Zehnfache aufgeblasenen Menschen ähneln, war mit Tatjana Maximowna Litwinowa, einer Schriftstellerin und Malerin, verheiratet. Er modellierte Achmatowas Kopf, wofür sie einige Male zu ihm ins Atelier in die Maslowka kam, aber das Porträt gelang nicht ganz, so wie es vorkommt, wenn die Natur selbst zu „plastisch“ ist. Achmatowa saß in ihrem Leben einigen Dutzend Künstlern Modell, fühlte sich im Atelier ungezwungen, verhielt sich während der Sitzung professionell. Etwa zu derselben Zeit sagte sie:
Ich möchte Ihren Zelkow sehen.
Mit Oleg Zelkow war ich von Jugend an, von Leningrad her befreundet, und wir sahen uns oft in Moskau. Ich führte Achmatowa in sein Zimmer in Tuschino, das ihm gleichzeitig als Atelier diente. Er stellte einen Stuhl an die Wand, bat sie, sich zu setzen und begann, Leinwand für Leinwand im Abstand von ein, zwei Minuten an die gegenüberliegende Wand anzulehnen. Mir schien, daß sie erwartet hatte, etwas Oberflächlicheres, weniger Ernsthaftes und Talentiertes zu sehen. Als ich ihr einmal von Collagen auf einer Pop-Art-Ausstellung erzählte, die damals der letzte Schrei waren, bewegte sie lautlos die Lippen beim Zählen und sagte: „Das ist nun das fünfte Mal, soweit ich mich erinnere“ – möglicherweise war sie auch jetzt auf etwas Ähnliches gefaßt. Während Zelkow die Bilder zeigte, plauderte er mit mir, sie aber ließ von Zeit zu Zeit leichte, mondäne Repliken fallen, worauf er eine Gesprächspause einlegte und lächelte. Als das „Gruppenporträt mit Agaven“ zum Vorschein kam, fragte sie:
Was sind das für Blumen?
Er erwiderte prompt:
Ebensolche wie die Menschen.
Sie sah ihn aufmerksam an, und er sah sie an, dann tranken wir Tee und fuhren nach Hause. Einige Tage später sagte sie:
Danken Sie Ihrem Freund nochmals.
Auf der ersten Seite eines Manuskripts zeichnete sie gern mit schnellem Federstrich ein „a“, halb Zeichen, halb Buchstabe, und das war die einzige Graphik – wenn man von ihrer Handschrift absah –, die ihr gelang. Einmal kam ich sie besuchen, und sie erzählte, auf die achtjährige Enkelin von Nina Antonowna deutend, die im Nachbarzimmer spielte, daß jene sie gebeten habe, irgend etwas zu malen.
Als sie ganz klein war, malte ich auf ihre Bitte hin irgend etwas aufs Papier. Aber nach meinem heutigen Versuch fragte sie höflich: „Haben Sie verlernt zu malen?“ Sie ist es, die es nun gelernt hat.
Das Buch von Reeve, „in dem er den Nobelpreis“ für Achmatowa „fordert“, ist offensichtlich ebenjenes Robert Frost in Rußland, in dem er ihre Begegnung in Komarowo beschreibt.
Man hielt mich noch einige Tage im Krankenhaus fest, und die letzte Notiz, die ich dort erhielt, war folgende:
Lieber Tolja!
jetzt verlasse ich die „legendäre Ordynka“. Ich habe Nina den Leopardi für Sie gegeben, ich habe noch ein Exemplar – ein Geschenk von Lida Tschukowskaja.
Nina wird Ihnen erklären, warum alles gut ist, ich aber denke:
Für den Mai der Maiglöckchen
In meinem Moskau, mit hundert Kuppeln,
Bin ich bereit, Sternenschwärme
Von Glanz und Ruhm zu geben…
1964 Moskau A. 12. Mai
*
Am Ende dieses Jahres fuhr Achmatowa nach Rom, von dort nach Sizilien, nach Taormina (sie ist sich nicht schlüssig geworden, wie die Stadt zu nennen sei: Taormin, Taormino, Taormina), danach wurde ihr in Catania der Literaturpreis verliehen. Nina Antonowna sollte sie begleiten; während der Bearbeitung der Dokumente war sie nach Minsk gefahren, um in dem dortigen Theater ein Stück zu inszenieren – und im September erlitt sie überraschend einen Schlaganfall. Achmatowa nahm sich dieses Unglück schwer und heftig zu Herzen, sie bat mich sofort, nach Minsk zu fliegen, ich rief sie von dort aus an und teilte ihr den Zustand der Kranken mit. Die Krankheit nahm einen langwierigen Verlauf, und an Olschewskajas Stelle fuhr Punina mit nach Italien. Ich erhielt in der Zeit ihrer Reise sieben Briefe (größtenteils Ansichtskarten in Briefumschlägen) sowie ein Telegramm und telefonierte mit ihr. Einmal, als in Komarowo die Post gebracht wurde, sagte ich über einen Brief aus dem Ausland, der fast zwei Monate unterwegs war: „Er ist zu Fuß gegangen.“ „Und man weiß nicht, bei wem untergehakt“, erwiderte Achmatowa, womit sie diese Worte gleichsam als Epigraph zu jeder Korrespondenz dieser Art stellte.
[Aus Rom nach Leningrad, Poststempel auf dem Umschlag 7.12.1964, Ansichtskarte von der Piazza di Spagna]
So ist es – dieses Rom. So und sogar besser. Es ist ganz warm. Wir sind durch einen blendend rosa-roten Herbst gefahren, hinter Minsk aber tanzten die Schneestürme, und ich dachte an Nina.
Am Dienstag fahren wir nach Taormino. Man will einen Gedichtabend veranstalten.
Ich bitte Sie, Ihre Eltern von mir zu grüßen (…).
A. Achmatowa
[Aus Rom nach Leningrad, Poststempel unleserlich, Ansichtskarte von der Piazza dell’Esedra]
Sind Sie nach Leningrad zurückgekehrt? Am Mittwoch fahren wir nach Taormino. Heute sind wir den halben Tag durch Rom gefahren, haben viel von außen ansehen können, aber etwas Schöneres als jenen rosa Tag aut dem Suworowski gab es nicht. Wir sind beide gesund. Achm.
[Zusatz oben:] Viele Grüße an die lieben Leningrader.
[Aus Rom nach Leningrad, Poststempel 9.12.1964, Ansichtskarte vom Pantheon]
Ich warte auf den Arzt aus der Botschaft. Er soll sagen, ob ich [nach] Taormin fahren kann u.a. Meine Träume sind so finster und schrecklich, als wäre das wahr, was die Tochter von Trauberg in Vilnius gesagt hat.
Wo sind Sie?
Wir kennen den Tag der Preisverleihung noch nicht. Rufen Sie Anja an. Mögen sich alle an mich erinnern.
Achm.
[Aus Rom nach Leningrad, Poststempel 9.12.1964, Ansichtskarte von der Fontana di Trevi]
Heute war ein ganz besonderer Tag – wir sind durch die Via Appia, den ältesten Friedhof der Römer, gefahren. Ringsherum der heiße, rote Sommer und Gräber, Gräber.
Dann sind wir zu Raffaels Grab gefahren. Es scheint, als wäre er gestern begraben worden. (Im Pantheon)
Morgen fahren wir nach Taormin. Ira hat zwei Nächte hintereinander mit Anja telefoniert.
Achm.
[Aus Taormina nach Leningrad, Poststempel 10.12.1964, der Brief kam ungeachtet der falschen Adresse an: statt „Karl-Marx-Prospekt“ hatte Achmatowa „Lenin-Prospekt“ geschrieben, Ansichtskarte vom Pantheon nachts]
Aus Taormina auf der Durchreise
Wir sind heute schon seit dem Morgen in Taorminin [sic!]. Hier gibt es alles, wovon ich Ihnen gerade erst erzählt habe. Den ganzen Tag habe ich geschlummert. Eben war Al-ej Alex. bei mir. Er ist frohen Muts und sehr fürsorglich. Er sagte, daß Fr. Manzoni mein lit. Porträt schreiben möchte. Darum bittet sie, daß ich sie empfange. [Über der Zeile der Zusatz:] man braucht eine Bibliographie. Offenbar soll sich Schenja darum kümmern. Ich habe es ja gewußt, daß Sie Ihren Besuch in Moskau so lange ausdehnen. Ich küsse meine Nina in Moskau. Viele Grüße an Ihre Angehörigen.
A.
[Aus Taormina nach Leningrad, Poststempel 11.12.1964, Ansichtskarte mit einer Reproduktion der Radierung von A.P. Ostroumowa-Lebedewa „Krjukow-Kanal“]
Aus Taormina auf der Durchreise, Achmatowa
Da haben Sie unser Leningrad. Und ich – bin fast in Afrika. Alles ringsherum blüht, leuchtet, duftet. Das Meer strahlt. Morgen findet die Lesung statt. Ich werde Verse aus dem „Prolog“ lesen. Alle lesen in ihren Sprachen. Bei mir waren schon Journalisten. Sie drohen mit dem Fernsehen.)
Ich schreibe Nina.
Ich denke an sie. Grüße an alle.
Achm.
[Zusatz oben:] Ira sagt: „Wir rufen an, wenn wir nach Rom zurückkehren.“
[Zusatz an der Seite:] Kaufen Sie die „Unitd“ vom Sonntag.
[Aus Taormina nach Leningrad, Poststempel 12.12.1964]
Und heute gibt es zur Abwechslung statt einer Karte einen Brief. Heute findet im Hotel der Gedichtabend statt. Alle lesen in ihren Sprachen. Ich habe beschlossen, nach dem Text von Nowy mir drei Stücke aus dem Prolog zu lesen, was ich Ihnen wohl schon geschrieben habe.
Morgen ist die Preisverleihung in feierlicher Umgebung – in Catania, dann wieder Rom und… heim.
Alles ist wie im Traum. Aus irgendeinem Grund ist es überhaupt nicht schwer, Briefe zu schreiben. Wahrscheinlich hat mich jemand hypnotisiert. Der Arzt hat mir ein wundervolles Medikament gegeben, und mir ist sofort leichter geworden. Wie geht es meiner Nina? – Womit könnte man sie nur aufheitern…
Sie sind wahrscheinlich schon in Leningrad. Ich bitte Sie, Ihre Angehörigen von mir zu grüßen. Eben bin ich auf den Gipfel eines Berges gefahren, um ein altes griechisch-römisches Theater anzusehen.
Rufen Sie Anja an und sagen Sie, daß Ira und ich in Eintracht leben und daß es ihr gut geht.
Wir werden aus Rom anrufen
A.
[Telegramm:] AUS CATANIA 14.12.1964 NACH LENINGRAD STOP TOUT VA BIEN DEMAIN PARTONS POUR ROME STOPACHMATOWA STOP
Einmal bat mich Achmatowa, Surkow einen Brief zu überbringen. Ich rief ihn zuvor an – wie sich herausstellte, war er im Ausland. „Nun, da wird er also bald zurückkehren“, sagte Achmatowa.
Früher fuhr man für lange ins Ausland, heute aber fährt man für zwei Wochen – und zurück.
Ebenso war auch ihre Reise.
Ihr ging das Treffen mit Giancarlo Vigorelli, dem Vorsitzenden der Europäischen Literaturgesellschaft, die er wohl selbst auch organisiert hatte, in Moskau voraus. Achmatowa empfing ihn in der Ordynka: beim Ordynka-Rat war beschlossen worden, daß es am bequemsten und effektvollsten sei, ihn im „Kinderzimmer“, halb auf dem Diwan liegend zu empfangen. Sie zog einen Kimono an, puderte sich leicht und ließ sich, auf einen Arm gestützt, auf dem Diwan nieder – in der klassischen Pose der Gastgeberin eines europäischen Salons, Madame Recamier u.a. – ein derartiger Effekt sollte mit der Inszenierung auch erzielt werden; hinzu kam die sich sofort einstellende, unerwartete Ähnlichkeit mit der Zeichnung von Modigliani. Der Kimono war neu, vielleicht war es jener, den ihr Bruder Viktor aus Amerika geschickt hatte; außer ihm – dem Hauskleid, das gleichzeitig zu prunkvoll für ein Hauskleid war – schmückten ihre Garderobe noch ein, zwei alte, um nicht zu sagen, abgetragene Kimonos von weit zurückliegender Herkunft. Möglicherweise hatte dieser Stil mit Punin begonnen, mit seiner Reise nach Japan; die Besuche von japanischen Übersetzern erwähnte sie beiläufig – mit Ausnahme des einen, der einen starken Eindruck bei ihr hinterlassen hatte. Es war der Übersetzer des Gesamtwerks von Tolstoi, sie fragte ihn aus Höflichkeit, ob er noch einen anderen Russen übersetzt habe, worauf er erwiderte:
Ja, den ganzen Dostojewski.
Ich sah aus dem Fenster und erblickte zwei dicke Männer, dem Aussehen nach Ausländer, die im leeren Hof auf der Stelle traten und die Nummern der Aufgänge studierten. Ich ging hinunter, fragte auf französisch, wen sie suchten, und zeigte ihnen den Weg. Der eine erstrahlte, der andere betrachtete mich feindselig, er war einer der Unsrigen – die Begleitperson aus dem Schriftstellerverband. Vigorelli betrat das Zimmer, blieb in der Tür stehen, fuhr malerisch zurück, breitete malerisch die Arme aus und rief:
Anna!
Sie hob eine Hand, winkte leicht und äußerte nicht ohne Strenge:
Willkommen, willkommen.
Er küßte ihr die Hand, setzte sich auf einen Stuhl und begann sofort, in geschäftlichem Ton zu sprechen.
Das literarische Unternehmen von Signore Vigorelli war prosowjetisch, wenn nicht gar direkt kommunistisch orientiert. Der damals von Surkow geleitete Schriftstellerverband suchte Gelegenheit, freundschaftlichen Kontakt zu den „realistisch denkenden“ Literaten des Westens aufzunehmen, ohne dabei die eigene Würde zu verlieren. Der jüngste Skandal mit Pasternak erschwerte die von der einen wie von der anderen Seite gewünschte Annäherung. Achmatowa erwies sich als Figur, die zwar Beanstandungen der einen (nicht links – nicht revolutionär, wie Pasolini es formuliert hatte) wie der anderen (nicht sowjetisch und alles übrige) hervorrief, aber ideal für die entstandene Kollision war (Requiem, verfolgt und überhaupt unsowjetisch – für sie; patriotisch und nicht konterrevolutionär – für uns; Rang, Autorität und Bekanntheit – für alle). Jedoch daß „Al-ej Alex.“ (Alexej Alexandrowitsch – Surkow) „sehr fürsorglich“ war, bedeutete keineswegs, daß sein Interesse einzig darauf gerichtet war, die mitgebrachte Ware im besten Zustand zu erhalten und mehr nicht. Mit Achmatowa verbanden ihn eine lange, ungewöhnliche Beziehung und nicht die eines Vorgesetzten zu seiner Untergebenen. Er veröffentlichte einen Zyklus ihrer loyalen Verse, den sie nach dem ZK-Beschluß und der zweiten Verhaftung ihres Sohnes30 geschrieben hatte, in der Hoffnung, diesem helfen zu können. Und er suchte auch ihre Zustimmung zu seinen Versen, wobei er von sich sagte:
Ich bin der letzte Akmeist.
Nach einem Einschnitt von vielen Jahren gab er den ersten Band ihrer Gedichte seit der Zeit des ZK-Beschlusses heraus, der seines dunkelroten Einbands und der „offiziellen“ Schrift wegen „Manifest der kommunistischen Partei“ genannt wurde, ein schreckliches Buch, mit Gedichten über den Frieden (die sie, wenn sie ein Exemplar verschenkte, mit Autographen anderer Gedichte überklebte), mit unzähligen, verschwommenen Nachdichtungen, aber immerhin – er gab es heraus. Ihn konnte sie bitten, sich für jemanden einzusetzen, bei ihm konnte sie sich für jemanden um Wohnraum bemühen, er war eine Obrigkeit, die ihr vollkommen zusagte. Von Zeit zu Zeit nannte sie ihn hinter seinem Rücken bei dem herablassend-zärtlichen Spitznamen „Surkower“, der wahrscheinlich familiären Ursprungs ist. Sie schrieb, daß er „frohen Mutes“ (bodr) sei, als ich aber den Brief zum ersten Mal las, las ich „gut“ (dobr), und das erschien mir natürlich.
Die Reise war kurz, Rom gelang es nicht, Leningrad zu verdrängen, die Via Appia verdrängte den Krjukow-Kanal nicht, das Pantheon nicht den Suworowski Prospekt. Der im Brief durch seine Ausgefeiltheit hervorstechende Gleichklang „Rom und… heim“ ist nicht nur der Achmatowasche Scherz-Reim „Roma-doma“ und das umgekehrte Urbis-Orbis, sondern das gleichsam aus der Erfahrung gewonnene Wissen, welches dem noch nicht durch das Leben belehrten Adressaten für später mitgeteilt wird und besagt, daß Rom – die Welt (Rim-mir) weniger bedeute als das Heim, daß das Heim, jedenfalls gegen Ende des Lebens, vom letzten Heim ganz zu schweigen, in sich sowohl alle Roms als auch die ganze Welt einschließt.
Nach Italien fuhr sie – ebenso wie ein halbes Jahr später nach England – mit dem Zug. Sie reiste überhaupt gern mit der Eisenbahn – wohl auch deshalb, weil sich ihr Charakter und auch ihr Wesen selbst seit dem Anfang des Jahrhunderts fast nicht verändert hatten, als sie unbeschwert und viel gereist war, lediglich die Geschwindigkeit der Züge war vielleicht gestiegen. Sie erinnerte sich, wie sie aus dem Süden nach Petrograd über Moskau zurückkehrte (es war wohl ganz am Anfang der zwanziger Jahre, vielleicht aber auch 1916):
Ich kam am Morgen in Moskau an und fuhr am Abend weg, sehen mochte ich niemanden, vom Bahnhof aus fuhr ich mit einer Droschke zur Iwerskaja, betete, und dann lief ich den ganzen Tag durch die Straßen, es war so schön, niemanden zu sehen.
In dieser Erinnerung wie auch in allen anderen dieser Art tauchte nicht ein Schatten der Reisebeschwernisse auf, die nicht nur von zahlreichen Zeitgenossen immer farbenreich beschrieben wurden, sondern auch tatsächlich die Reisen jener und der folgenden Zeiten kennzeichneten. „Was kann angenehmer sein als eine Reise durch das winterliche Finnland in einem komfortablen russischen Waggon! Ein Musterbeispiel an Gemütlichkeit“, sagte sie an einem der unbehaglichen Frosttage in Komarowo, als die graue feuchte Kälte bis auf die Knochen drang. In den letzten Jahren jedoch fiel ihr das Reisen immer schwerer, hauptsächlich wegen der Herzerkrankung. Eine Stunde vor dem Verlassen des Hauses traten bei ihr die Symptome des Reisefiebers31 zutage, manchmal bekam sie einen Herzanfall. Sie reiste nur mit einer engen Bekannten oder Verwandten. Lange bevor der Zug eingesetzt wurde, kamen sie auf dem Bahnhof an. Einmal saß sie im Wartesaal des Moskauer Bahnhofs in Leningrad und Stenitsch-Bolschinzowa, die sie begleitete, erinnerte sich daran, wie ihr Mann und sie einst Mandelstam zum Zug gebracht hätten und auch vor der Zeit angekommen seien; im Wartesaal stand eine Palme in einem Kübel, Mandelstam hängte sein Bündel daran und sagte:
Ein einsamer Wanderer in der Wüste.
Irgend jemandem von den jungen Leuten wurde die Verantwortung für Achmatowas Gepäck anvertraut, jemand war ständig mit Nitroglyzerin zur Hand in ihrer Nähe, ein weiteres Fläschchen Nitroglyzerin lag immer in ihrem Täschchen. Sie ging langsam zum Wagen, sich auf jemandes Arm stützend, und von Zeit zu Zeit hielt sie an, um auszuruhen. Ich begleitete sie häufig – oder holte sie auch oft am Bahnhof ab –, die Hauptsache war, langsam zu gehen. Einmal, im Sommer 1965, beschlossen wir, zu zweit tagsüber von Moskau nach Leningrad zu fahren. Einige Bekannnte begleiteten sie. Nadeschda Jakowlewna Mandelstam ließ, bald vornweg laufend, bald zurückbleibend, höhnische Bemerkungen fallen. Als wir schließlich den Wagen betreten hatten, betrachtete sie das Häuflein der Begleiter und bemerkte beiläufig:
Als ich aus Pskow wegfuhr, standen zweihundert Menschen auf dem Bahnsteig.
Achmatowa hörte ihrer damaligen Schwerhörigkeit wegen nichts von alledem. Wir kamen fröhlich in Leningrad an, vom Fenster aus sahen wir das Empfangskomitee auf dem Bahnsteig entlang laufen, allen voran schwebte – mit einem üppigen Blumenstrauß an der Brust – Roman Albertewitsch, der Künstler von der Leningrader Konzertagentur, einige Zentimeter über dem Bahnsteig.
Sie las Einstein, verstand die Relativitätstheorie, die Errungenschaften der Technik aber betrachtete sie mit Skepsis. Ihre Einstellung zum Fahrstuhl war feindselig, doch tolerant; die Schreibmaschine, besonders in Verbindung mit Durchschlagpapier, konnte sie nicht ausstehen. Sie erinnerte sich, wie Physiker oder Astronomen 1929 in Gaspra spotteten:
Gebt Anna Andrejewna kein Fernglas in die Hand, es könnte explodieren.
Einzig das Auto genoß vorbehaltlose Anerkennung. Einmal hielt unser Taxi an einer Tankstelle neben einem neuen, glänzenden „Mercedes“, ich sagte:
Schön, nicht wahr?
Sie erwiderte geringschätzig:
Gefällt es Ihnen wirklich? Sie haben einen bürgerlichen Geschmack. Das Auto ist wahrscheinlich obendrein eines dieser modernen sprechenden: „Füllen Sie Benzin nach, es geht zur Neige!“, „Senken Sie die Geschwindigkeit, lassen Sie Ihre Kinder nicht als Waisen zurück“, Br-r!
Sie mochte es sogar, wenn Autobesitzer, die sie nur flüchtig kannte, sie zu einer Spazierfahrt einluden; ziemlich oft fand sie einen Anlaß, per Telefon ein Taxi zu rufen, um aus irgendeinem Grunde irgendwohin zu fahren, manchmal geschah das aber auch ohne Anlaß:
Kommen Sie, wir fahren spazieren!
Eben an eine solche ziellose Fahrt an einem rosa Tag – obwohl sich mir ein grün-rosa Sommerabend eingeprägt hat, den Suworowski-Prospekt entlang, erinnert sie sich im Brief. „Kennen Sie den Trick mit dem Smolny? Wenn man langsam auf dem Platz an der Kathedrale vorbeifährt, beginnt sie, sich zu drehen, aber der Blickwinkel bleibt derselbe. Ich zeige Ihnen das gleich“, sagte sie und bat den Fahrer, vom Newski in den Suworowski abzubiegen. Und in dem Brief ins Krankenhaus: „Wir werden noch zu den Birken und zum Hechtsee fahren“ – das ist die Erinnerung an andere Spazierfahrten mit dem Auto.
Einmal unterbreitete Natalja Jossifowna Iljina Achmatowa den Vorschlag, für eine Stunde aus Moskau herauszufahren, und Achmatowa gab den Vorschlag an mich weiter. Es war ein sonnenloser Spätherbsttag, Iljina fuhr die Rubljow-Chaussee entlang und hielt das Auto am Rand eines blendend weißen Birkenwäldchens an, das bereits sein ganzes Laub verloren hatte und durchweg aus hohen und wie auf dem Reißbrett angeordneten Stämmen bestand. Der weiße Himmel und die Luft, die durch das zum Teil von den Birken widergespiegelte Tageslicht gefärbt war, milderten und löschten dabei das Blendende. Es war warm und unwahrscheinlich still. Wir spazierten auf dem abgefallenen Laub und fuhren dann zurück in die Stadt. Ich vermute, daß Achmatowas Notiz über die Birken: „riesige, mächtige Birken und alt wie Druiden“ und „wie der Pergamonaltar“ nach diesem Spaziergang entstanden ist. Zum Hechtsee, drei Kilometer von ihrem Haus in Komarowo entfernt, fuhren wir mehrmals und mindestens einmal mit Iljina: der vierte im Bunde war damals Bobyschew. Wir beide badeten, Achmatowa saß auf einem Baumstumpf, und Iljina spazierte am Ufer entlang, dann stiegen alle ins Auto, N. J. begann zu wenden, und da fing Bobyschew in einer fast höfischen, für ihn eigentlich untypischen Manier, mit Pausen und Ähs an, daß er ja, ohne auch nur in Gedanken zu wagen, sich in den Fahrprozeß einzumischen und so weiter und so weiter, nur liebenswürdig die liebenswürdige Aufmerksamkeit der Fahrerin darauf lenken möchte, daß das Hinterrad, über dem er sitzt, offenbar näher und näher an eine… Kurz bevor ich ausrief: „Eine Grube!“, trat sie auf die Bremse. Zu dritt sprangen wir aus dem Auto: das eine Rad hing über einem metertiefen Abhang, das andere war genau am Rand stehengeblieben. Mit größter Vorsicht schoben wir das Auto von der Grube weg – Achmatowa blieb unbesorgt und feierlich darin sitzen. Als alles hinter uns lag, wollte ich von Bobyschew erfahren, warum er eine so lange Rede gehalten habe, Achmatowa entgegnete:
Was für eine Frage? So ist der Mensch eingerichtet.
Lachend erzählte sie mir ein andermal, daß Bobyschew, nachdem er Komplimente für meine letzten Gedichte von ihr gehört hatte, mürrisch und vielversprechend gesagt habe:
Ich könnte Tolja gegenüber eine Reihe von Vorwürfen erheben.
Worauf er auf immer in Schweigen versank. Das erinnerte mich an den Jungen Walja Smirnow: er war mein Nachbar in Punins Wohnung, kam in der Blockade um. Er sah zu mir ins Zimmer und verkündete: „Heute abend gibt es Kino.“ Darauf folgte überhaupt nichts. Was heißt, überhaupt nichts, es gehörte einfach zu irgendeinem seiner Spiele.
Dann fügte sie hinzu:
Außer dieser Sache sagte er noch etwas Reizendes. Ich gab ihm Französischunterricht, lehrte ihn: le singe – der Affe, „-lö sänsch-“ wiederhole. Er rannte aus dem Zimmer, dann steckte er den Kopf durch die Tür und fragte: „Ljusanytsch – geht das?“ – und rannte wieder weg. (Sie konnte, nachdem sie einem Gast ihre neuen Verse vorgelesen und sein begeistertes Murmeln gehört hatte, plötzlich äußern: „Übrigens, Ljusanytsch, geht das?“)
In eine wirklich heikle Lage gerieten wir am hellichten Tag auf der Gorochowaja. Sie wollte es noch in die Sparkasse schaffen, die Zeit aber war sehr knapp: es begann „die Achmatowasche Stunde“ – die Stunde der Mittagspause in Dienststellen, die unerklärlicherweise genau in der Minute begann, wenn Achmatowa dort eintraf. Der Taxifahrer raste waghalsig, in dem Wunsch, uns zu helfen, obwohl die Straßen eng und verstopft waren. Während wir eine Kolonne von Lastwagen und Trolleybussen überholten, schossen wir auf die steile Brücke über die Moika heraus und gerieten Stirn an Stirn mit einem uns entgegenkommenden Anderthalbtonner. Unser Fahrer riß das Lenkrad nach links, wir flogen auf den linken Bürgersteig, der zum Glück leer war, und drängten uns sofort, scharf rechts haltend, wieder in unsere Reihe. Das Manöver war mit großer Geschwindigkeit ausgeführt worden, so daß wir die Einzelheiten mit einiger Verspätung erfaßten, aber als wir sie erfaßt hatten, erschlafften wir augenblicklich. Wir – das waren der Fahrer und ich, Achmatowa verzog das Gesicht von dem Geschüttel, saß erneut hochaufgerichtet, unerschütterlich, und blickte nach vorn. Sofort war unser Auto von anderen Wagen umringt, deren Fahrer unser Manöver beobachtet hatten. Mit von dem durchgemachten Schrecken und vor Empörung entstellten Gesichtern schrien sie alle wie aus einem Munde, daß unser Fahrer betrunken sei. Ich versuchte, ihn in Schutz zu nehmen, sie riefen mir zu:
Danke Gott, daß du noch lebst!
Sie beschlossen, unser Auto zum nächsten Milizrevier zu bringen. Erst da rührte sich Achmatowa, wandte sich zu ihnen um, sah aus dem Fenster und sagte:
In diesem Falle verliert unsere Fahrt ihren Sinn.
Ihr Äußeres war so eindrucksvoll, der Ton so unerwartet ruhig und überzeugend, daß der Stau sich aufzulösen begann; wir schafften es in letzter Minute.
Unter den Leningradern, die Achmatowa „fuhren“, nahm Olga Alexandrowna Ladyschenskaja, eine bekannte Mathematikerin, einen besonderen Platz ein. Achmatowa empfahl sie zufälligen Gästen als „Sofja Kowalewskaja unserer Tage“ und engen Bekannten als sobaka-matematik (Hund-Mathematiker), wobei sie die hinkende grammatische Formel schenschtschina-matematik (Mathematikerin) parodierte. Ihr ist das Gedicht „In Vyborg“ gewidmet, das im Ergebnis eines komischen Zusammentreffens der Umstände entstanden ist. Gewöhnlich erstreckte sich die Route der Spazierfahrt am Finnischen Meerbusen entlang nicht weiter als bis zum Schwarzen Bach, wo sich das Grab von Leonid Andrejew befand – eben eine dieser Spazierfahrten besang Achmatowa in „Zwar ist die Erde nicht die Heimat“. Aber häufiger bat sie, das Auto zwischen dem 60. und 70. Kilometer auf der Primorskaja-Chaussee anzuhalten, wo es ein wildes, mit riesigen Granitfindlingen bedecktes, menschenleeres Ufer gab. Einmal freilich entpuppte sich diese Menschenleere, die Stille und Unbeweglichkeit als Bild auf einer Schachtel, aus der ein Teufelchen herausspringt. Achmatowa und ich stiegen aus dem Auto und gingen langsam an der Hecke entlang, die fast durchweg aus ungestüm blühenden Heckenrosen bestand. Ladyschenskaja schloß die Türen und folgte uns. In diesem Augenblick trat eine Dame mittleren Alters aus einem schmalen Durchgang zwischen den Sträuchern und sagte schwer atmend:
Guten Tag, Anna Andrejewna, sagen Sie, wie steht es um die Gesundheit von Lew Nikolajewitsch?
Zu jener Zeit hatte Achmatowa ihren Sohn, der in Leningrad lebte, schon einige Jahre nicht gesehen. „Er hat eine ausgezeichnete Gesundheit, ich danke Ihnen!“ sprach sie betont, wandte sich schroff um und ging eiligen Schrittes zum Auto… Nach Vyborg fuhr sie allerdings nicht mit Ladyschenskaja. Mich besuchte ein Moskauer Freund, der mit dem Auto durch Leningrad fuhr. Ich schlug Achmatowa vor, eine Spazierfahrt zu machen. Wir wählten eine schöne Strecke aus, die die Primorskaja Chaussee und die Vyborgskaja Chaussee verband, und fuhren ohne Eile. Plötzlich kam jemandem in den Sinn, nach Vyborg zu fahren. Sie willigte ein, und es begann eine halsbrecherische Raserei, denn sie sollte bald Besuch bekommen, und bis Vyborg waren es über 120 Kilometer. Mit einer Geschwindigkeit von 100 und schneller kamen wir in Vyborg an, fuhren um den Park und die Anlegestelle herum, ohne aus dem Auto auszusteigen, aßen jeder ein Eis und kehrten ebenso eilig zurück. Sie sagte nur:
Ein Ort mittlerer Bevölkerungsdichte…
Einige Tage später erzählte Ladyschenskaja Achmatowa bei einem Besuch, daß sie nach Vyborg gefahren sei, wie wunderschön es dort gewesen sei und wie der Granitmonolith, der in Stufen unters Wasser führe, sie beeindruckt habe. Achmatowa sah mich mit gespielter Trübseligkeit und Kränkung an und teilte ihrem Gast mit, daß wir dort nichts Derartiges bemerkt hätten. Zwei Tage später, wenn nicht am darauffolgenden Tag, schrieb sie die Verse „Die große Stufe unter Wasserflut“32 und so weiter, mit der Widmung an Ladyschenskaja.
Zum letzten Mal fuhren wir im Februar 1966, bald nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, etwa zehn Tage vor ihrem Tod in Moskau spazieren. Es herrschte Frost, die Sonne ging unter. Wir baten den Fahrer, uns zum Erlöser-Andronikow-Kloster zu fahren. Das Taxi war alt, klapprig und stank nach Benzin. Die Straße, die zum Kloster führte, war überschüttet mit offenbar kürzlich abgehauenen Eisklumpen, wir wurden durchgerüttelt. Achmatowa verzog das Gesicht, faßte sich ans Herz, ich sagte dem Fahrer, er solle zur Ordynka zurückkehren, Sie nahm Nitroglyzerin ein, das Auto begann, die weiße Klostermauer zu umfahren. Sie hielt sich weiter an der Brust und sagte:
Ein mächtiges Mauerwerk, für Jahrhunderte gebaut.
Bei einer unserer ersten Spazierfahrten durch Moskau fuhren wir von der Bolschoi Kamenny-Brücke herunter und an drei schrecklichen, schwarzen, mehrstöckigen Häusern neben dem Kino Udarnik vorbei. Viele Bewohner der Häuser waren in den Jahren des Terrors erschossen worden. „Und dafür, daß die Menschen jeden Tag dieses Grauen sehen müssen“, sagte Achmatowa, „sollte man den Architekten nicht erschießen, was meinen Sie?“
Am 3. März 1966 begaben sich Achmatowa und Olschewskaja ins Domodedowo-Sanatorium bei Moskau. Wir fuhren mit zwei Autos und hatten auch eine Krankenschwester aus der Abteilung, in der Achmatowa gelegen hatte, mit dabei. Abgesehen von dem relativ langen Weg und einer Panne unterwegs kamen wir ohne Zwischenfall an. Es war ein Sanatorium für privilegiertes Publikum, mit Wintergarten, Teppichen und geschultem Personal. Zu dem gelben Gebäude führten breite Stufen im Halbkreis, die in einen weißen Säulengang mündeten. Wir stiegen langsam hinauf, sie blickte sich um und murmelte: L’année dernière à Marienbad. Letztes Jahr in Marienbad von Robbe-Grillet war wohl das letzte Buch, das sie gelesen hatte.
In den Briefen aus Italien ebenso wie in jenen aus Moskau wird häufig erwähnt, daß sie schlief: „ich bin schläfrig und abwesend“, „meine Träume sind so finster“, „habe den ganzen Tag geschlummert“. Natürlich läßt sich das mit ihrem Alter und ihrem Gesundheitszustand erklären, aber nicht nur damit. Zu jener Zeit fiel ihr ein Gedicht in die Hände… – ich muß ein wenig weiter ausholen: zu jener Zeit las ich Gedichte von Yeats… – und noch ein wenig: zu jener Zeit bekam ich ein Büchlein von Yeats geschenkt – im Ergebnis der Verbindung dieser scheinbaren Zufälle fiel ihr ein Gedicht in die Hände – wenn man von einem Gedicht, das Achmatowa las, überhaupt sagen konnte: es fiel ihr in die Hände – und zwar sein „When you are old and gray and full of sleep“, das ich damals zu übertragen versuchte. Seitdem wurde jede Bemerkung über Schläfrigkeit zu einem Hinweis auf diese Verse. Außerdem aber war fast jeder Schlaf, zumindest jeder, denke ich, den sie erwähnte, ein Traum, und „ich schlummerte“ in Zusammenhang mit „meine Träume sind so finster und schrecklich“ ähnelt eher „ich träumte“ (dem englischen dream) als „ich schlief“. Und „das, was die Tochter von Trauberg“ – Natalja Leonidowna – „in Vilnius gesagt hat“, war damals ein verbreitetes Thema unter der Jugend; diese war geneigt, ihre Vorstellungen von Hölle und Paradies mit der Moral, insbesondere mit der Moral ihrer ahnungslosen nahen und entfernten Bekannten, zu verbinden, indem sie entschied, wer von ihnen ein Engel und wer ein Dämon sei.
*
Tolja,
nun ist auch mein Moskauer Winter zu Ende gegangen. Er war schwierig und trübe. Ich habe überhaupt nichts geschafft, und das ist sehr traurig.
Jetzt denke ich nur an zu Hause. Es ist Zeit!
Ich muß die Hütte bezahlen und die Rente abholen.
Und durch Komarowo schweifen schon die „weißen Meeresnächte“, der Kuckuck ruft und die Kiefern rauschen. Vielleicht erwartet mich das Buch über Puschkin dort.
Grüße an alle. Anna Achmatowa
Der Brief ist undatiert und deshalb an dieser Stelle, das heißt nach den italienischen placiert. Die Erinnerung an die Umstände, unter denen ich ihn erhalten habe, vermischt sich mit der späteren Erinnerung daran, wie ich ihn einige Jahre nach ihrem Tod erstmalig wiederlas, welche Ähnlichkeit ich zum „Sonett vom Meeresstrand“ fand, wobei sich die Worte „Haus“, „Es ist Zeit!“ mit einem neuen Inhalt des Abschieds füllten, wie ich rätselte, ob sie absichtlich anfangs statt „trübe“-„weise“ (mutny-mudry) schrieb, das heißt, ob der Winter sie noch etwas gelehrt hatte, und ob sie es dann berichtigte, oder ob das ein Schreibfehler war. Es gibt genügend Argumente, daß er im Frühjahr 1964, ’63 oder ’65 geschrieben worden ist – es gibt auch Gründe, die gegen alle drei Daten sprechen.
Diese drei Winter ähnelten sich mehr, als daß sie sich unterschieden: die Umzüge von Ort zu Ort, die beiden Pappkoffer mit Manuskripten, die Anrufe aus den Redaktionen mit dem Vorschlag, bestimmte Passagen durch andere zu ersetzen, die Herausgabe von Der Lauf der Zeit, die sich unmäßig hinzog, die Erschöpfungen, Krankheiten und – Gäste, Besucher, seltener Empfänge, noch seltener Besuche außer Haus. Es ist unerheblich, inwieweit die Damen von Welt der vorrevolutionären Jahre, an die sich Achmatowa ohne Begeisterung erinnerte, sie für eine Dame von Welt gehalten hätten, doch in unseren Augen war ihre Vornehmheit – wir konnten ja keine Vergleiche anstellen – beispielhaft, in den Augen der Damen der sechziger war sie sogar übermäßig, was die Aufrichtigkeit beeinträchtigte. In der Tat aber ist Vornehmheit gerade jenes Instrument, das die Aufrichtigkeit sowie alle übrigen Reaktionen auf das Geschehen in genau ausgerichteter Übereinstimmung mit dem Geschehen dosiert, und immer aufrichtig zu sein, ist ebenso ein Mangel wie ein Vorzug. Eine andere Sache ist, daß die Vornehmheit als ein für allemal ritualisiertes Verhalten, Äußeres und Manieren zur völligen Künstlichkeit des Umgangs führen konnte, und Achmatowa stellte den, wie sie sagte, recht verknöcherten Petersburger Damen, die nach der Mode von zwanzig Jahren zuvor gekleidet waren, die großen kräftigen Fräulein des Hofes mit ihren groben Gesichtszügen gegenüber, die andererseits den niedlichen schlanken Fräulein, als die sie in Hollywoodfilmen dargestellt wurden, empörend unähnlich waren. Als sie meine Eltern kennenlernen wollte und diese sie dann in Komarowo besucht hatten, hörte ich zwei oder drei Wochen später unerwartet einen Satz von ihr, der mich dadurch, daß er so altmodisch war, verwirrte:
Erkundigen Sie sich bei Ihren Eltern, wann ich ihren Besuch erwidern kann.
Ich erkundigte mich, nahm sie mit, und wieder mußte sie in den vierten Stock ohne Fahrstuhl hinaufsteigen, sie begann ein leichtes Gespräch, saß eine Weile am Tisch, und wir fuhren wieder weg. Als sie zu ihr gekommen waren, hatte mein Vater mich auf dem Weg gefragt, ob sie Verse von Jessenin und Lew Tolstois Vergleich der Dichtung mit einem Pflüger, der sich nach jedem zweiten oder dritten Schritt ein wenig hinsetzt, schätze; in beiden Fällen hatte er die Antwort „nein“ erhalten, daß sie das nicht schätze, und kaum hatte er die Datscha betreten, erklärte er, daß sein Lieblingsdichter Jessenin sei, der „Du lebst noch, meine Alte“ geschrieben habe, worauf er einige Strophen aus diesem Gedicht vortrug, und daß er mit Tolstoi einer Meinung sei, daß die Dichtung einem Pflügen mit einer kleinen Pause nach dem zweiten oder dritten Schritt gleiche. Auf beide Herausforderungen äußerte sie nur: „Ja, ja, ich weiß“, und nachdem ich meine Eltern zum Bahnhof gebracht hatte und zurückgekehrt war, sagte sie:
Ihr Vater ist ein bezaubernder Mensch.
Überhaupt hatten jene, die zum ersten Mal zu ihr kamen, ganz offensichtlich Angst, ihre Schwelle zu übertreten. Meine Bekannten baten mich im Korridor flüsternd, sie nicht allein, unter vier Augen mit ihr zu lassen – das belustigte und ärgerte sie. In langen Jahren hatte sich eine Zeremonie beim Empfang von mehr oder weniger zufälligen Besuchern entwickelt und eine genaue, vollendete Form angenommen. „Versorgen Sie die Blumen“, sagte sie zu einem der Mitbewohner, während sie den Gast vom Blumenstrauß befreite, und zu ihm:
Ich danke Ihnen.
Darauf:
Rauchen Sie, genieren Sie sich nicht, mich stört es nicht, ich habe selbst über dreißig Jahre geraucht.
Wenn die Besuchszeit nach Meinung des Gastes abgelaufen war und er sich anschickte zu gehen, fragte sie: „Wie spät ist es?“, und in Abhängigkeit von der Antwort bestimmte sie die verbleibende Zeitspanne, wenn sie zum Beispiel hörte, daß es dreiviertel acht war, sagte sie:
Bleiben Sie bis Punkt acht.
Wenn sie aber entschied, daß der Besuch beendet sei, so reichte sie ihm ohne Vorankündigung die Hand, bedankte sich, begleitete ihn bis zur Tür und sagte:
Vergessen Sie uns nicht.
Den jungen Leuten, mit denen sie gut bekannt war, gab sie auf den Weg:
Nun, laufen Sie!
Mit ihr zu telefonieren war unmöglich, mitten im Satz ertönte: „Kommen Sie!“, und der Hörer wurde aufgehängt.
Im Gespräch war sie immer sie selbst, äußerte die Sätze in ruhigem Ton, überaus klar und lakonisch, fürchtete eintretende Pausen nicht und erleichterte die Lage ihres Gesprächspartners auch nicht, wie es üblich war, durch bedeutungslose Bemerkungen, wenn er sich unbehaglich fühlte. Daß man aus Neugier und Eitelkeit zu ihr kam, nahm sie hin wie etwas Unvermeidbares und war zufrieden, wenn sich während eines solchen Besuches etwas unerwartet Interessantes ereignete. Einige hatten sich entschlossen, zu ihr zu kommen, einfach um ihren Kummer mit ihr zu teilen, gleichsam um zu beichten, und gingen getröstet weg – obwohl sie wenig gesprochen hatte. Im Krankenhaus kamen Patientinnen und Krankenschwestern zu ihr, nachdem sie erfahren hatten, wer sie war, um sich Rat zu holen; der Anfang war bei allen der gleiche: „Na, mit meinem Mann lebe ich schon drei Monate nicht mehr zusammen“, der Unterschied bestand in den Zeitspannen. In der Regel war auch das Ende gleich:
Sagen Sie, wird es ihr, der Ehebrecherin, auch einmal so schlecht gehen wie mir jetzt?
Und Achmatowa antwortete:
Das verspreche ich Ihnen, daran gibt es keinen Zweifel.
In ihren Versen findet sich selten Humor, aber im Gespräch, besonders mit Nahestehenden, scherzte sie oft, überhaupt hatte sie einen scherzhaften Ton immer parat. Manchmal übertrieb sie absichtlich, während sie ein Ereignis, eines ihrer Probleme beschrieb, ihr wurde dieser oder jener Ausweg vorgeschlagen, sie sagte:
Trösten Sie mich nicht, ich bin untröstlich.
Wenn sie über irgend etwas empört war und man versuchte, sie davon abzubringen, hieß das:
Erste Hilfe leisten.
Wurde ihr ein Rat gegeben, der für sie unannehmbar war, so äußerte sie ironisch:
Ich werde Ihren Vorschlag wohlwollend prüfen.
Olschewskaja beklagte sich über sie, daß sie nun schon zehn Tage zu Hause gesessen habe, ohne auszugehen, daß sie keine frische Luft geatmet habe, da verteidigte sie sich treuherzig:
Schmutzige Verleumdung über mich reines Geschöpf.
Sie lachte über Witze, manchmal homerisch, manchmal platzte sie mit dem Lachen heraus. Sie flocht die Pointe des einen oder anderen Witzes in die Unterhaltung ein, ohne aber darauf zu verweisen. „Und wie der Genosse aus der Tobsuchtsabteilung ganz richtig sagt…“; „Erst die Aufgaben, dann trinken…“; „Entscheide dich schnell, Väterchen, sonst geh ich mir die Haare waschen…“. Geschmacklosigkeiten tolerierte sie nicht, einmal sagte sie empört.
Trotz allem gibt es Dinge, die man nicht verzeihen darf. Zum Beispiel: „Papa schläft, das spiegelglatte Wasser schweigt“, wie man sich kürzlich erdreistet hat, in meiner Gegenwart zu scherzen. Und heute war der Gast meiner Wirtsleute ausgelassen: „Wovon hat N. eine Glatze, vom Denken oder von den Damen?“
Einmal sagte sie:
Ich war mein Leben lang eine solche Anti-Antisemitin, daß Ch., der anwesend war, als jemand einen jüdischen Witz zu erzählen begann, ausrief: „Sie haben den Verstand verloren, wie können Sie nur, in Gegenwart von Anna Andrejewna!“
Einmal fiel mir bei passender Gelegenheit folgender Witz ein: Ein Betrunkener fragt einen anderen: „Kennst du Marx?“ – „Nein.“ – „Und Engels?“ – „Nein.“ – „Und Feuerbach?“ – „Nun laß mich doch schon in Ruhe, ihr habt eure Gesellschaft, wir haben unsere.“ Sie mußte lachen. Einige Tage später kam ich nach Komarowo, und sie erzählte, daß der Dichter Asarow den Dichter Sosnora zu ihr mitgebracht habe. Ich erwiderte darauf:
Ihr habt eure Gesellschaft, wir haben unsere.
Sie lachte, parierte aber unverzüglich:
Ja? Und wer ist Ihre Gesellschaft?
Sie kannte Kosma Prutkow33 gut und mochte ihn sehr, nicht die abgedroschenen Aphorismen, sondern zum Beispiel: „Er sagte leise: ,Ich fahre ins Landhaus‘ und durch das ganze Wohnzimmer: ,Laß uns unters Dach gehen!‘“, „Laß uns unters Dach gehen!“ hieß es, wenn Achmatowa sich mit einer ihrer Freundinnen zurückziehen mußte. Sie gestand ihre Liebe zu den Versen Alexej K. Tolstois, nicht nur die zarte Liebe von früher Jugend an zur „Braut von Korinth“, deren erste Strophe sie mit „Flötenstimme“ auswendig vortrug –
Aus Athen kommt nach Korinth, der Stadt der vielen Säulen,
Ein junger, unbekannter Gast.
Es reichte einst ein wohlgesonnener Bewohner
Dort seinem Vater Brot und Salz;
Und die Kinder bestimmten sie
In ihren jungen Jahren
Zu Braut und Bräutigam –
sondern auch die Liebe der „gewöhnlichen Leserin“ zur „Ballade vom Kammerherrn Delarue“ und „Popows Traum“ und deklamierte, schnell sprechend:
Da jagte ihm der Bösewicht ein schrecklich’ Messer in die linke Seite,
Und Delarue, der sagt dazu: „Haben Sie aber ein schönes Messer!“
und feierlich:
Madame Grinewitsch hab ich nicht verraten!
Die Wache heil, die Brüder Schulakow –
In Ketten hab ich nicht schmachvoll sie geworfen!
Man glaubt, daß die Satire Achmatowas Poesie fern sei, obwohl sie in den dreißiger Jahren Variationen zu dem bekannten russischen Gedichtthema „Wo sind jene Inseln“ verfaßt hat, von denen ich eine Strophe behalten habe:
Wo Jagoda, der Bösewicht
Die Menschen würde jagen nicht
Zur Wand,
Und wo Aljoschka Tolstoi
Würde abschöpfen nicht
aaaDen dicken Rahm…
(Über ihren Zeitgenossen A.N. Tolstoi, versteht sich.)
Im Alltag verwendete sie oft die laute Äußerung – von deklamieren bis vor-sich-hin-murmeln – irgendwelcher bekannten Zeilen als Methode, die in der Regel paradoxerweise am Platze waren. Während sie ihr abhanden gekommenes Täschchen suchte, konnte sie zum Beispiel aus dem von ihr geliebten „Onkel Wlas“ zitieren, wobei sie die Nekrassowsche Intonation veränderte: „Wer hat dem Pflüger das Hemd ausgezogen? Dem Bettler den Sack gestohlen?“ („Wlas geht’s schlecht; er ruft den Wunderdoktor – ja hilft man denn dem, der dem Pflüger das Hemd ausgezogen, dem Bettler den Sack gestohlen?“) – dabei förderte sie eher ein utilitaristisches und sogar eigenes Verhältnis zu Versen als ein angsterfülltes, wie zu einem heiligen Text. Nekrassow wurde häufig zitiert, besonders: „Dort wurde nicht sehr viel genäht, und nicht im Nähen lag die Stärke“ aus „Die Arme und die Reiche“; oder: „Ach, wenn doch einmal nur Iwan Moisseitsch jemand zu mir sagen würde!“ aus „He, Iwan!“ (Und es trank der Bursche Kräuterbranntwein, heulte laut und schrie: „Ach wenn doch einmal nur Iwan Moisseitsch jemand zu mir sagen würde!“). Das letzte sprach sie jammernd, ebenso wie „Sie haben Firs vergessen, sie haben einen Menschen vergessen!“ frei nach dem ungeliebten Kirschgarten – wenn irgendeine Fahrt bevorstand, der Fahrer des bestellten Taxis schon klingelte, ein Durcheinander aufkam und die Aufmerksamkeit der Begleiter sich darauf konzentrierte, ob „alles da ist“: das Nitroglyzerin, das Täschchen, wenn nötig – der kleine Koffer, und sie setzte sich in Mantel und Tuch, mit dem Stock in der Hand, im Korridor auf einen Stuhl und sprach vor sich hin:
Sie haben Firs vergessen.
In ihre Verse ging ein anderer Nekrassow ein, der gesellschaftliche, der Ankläger, den sie „im reifen Alter“ gelesen hatte, dessen „mit der Knute zerschlagene Muse“ Achmatowa in „sie haben meine Muse zu Tode geprügelt“ verwandelte; dieser aber, den sie mit der Stimme der Mutter in ihrer Kindheit gehört hatte, der familiäre, wurde für den Hausgebrauch verwendet: die Mitglieder der „Dichter-Gilde“ lasen zur Unterhaltung „Beim Kaufmann Semipalow leben die Leute, ohne zu fasten“ in lateinischer Übersetzung:
Heptadactylus mercator servos semper nutrit carne.
Diesen leichten und fröhlichen Umgang mit Versen dehnte sie auch auf ihre eigenen aus: wenn sie sich in Erwartung von Gästen umgezogen hatte, trug sie den Alltagskimono aus ihrem Zimmer und drückte ihn jemandem von den Mitbewohnern mit den Worten in die Hand:
Ach, ihr lieben Beweise, wo soll ich euch verstecken? („Er schenkte mir drei Nelken, ohne die Augen zu heben: ach, ihr lieben Beweise, wohin soll ich euch verstecken?“)
Sie scherzte freigebig und rief durch das Unvermutete, die Kontrastwirkung, die Paradoxie, aber mehr noch durch die Genauigkeit ihrer Äußerungen Lächeln oder Lachen hervor, niemals aber durch Absurdität, die in jenen Jahren in Mode kam. Sie scherzte, wenn es nötig war, auserlesen, manchmal auch esoterisch; wenn es am Platze war, grob und vulgär; es gab erhabene Scherze, meistens entsprachen sie dem Niveau des Partners. Aber nie war sie ganz an ihrem Scherz beteiligt, nie ergab sie sich ihm, gab ihm nicht „den Rest“, wenn sie sah, daß er nicht ankam, sondern beobachtete ihn und sich selbst immer von der Seite, ähnlich einem professionellen Clown, der, wenn die von ihm ausgelöste Fröhlichkeit in vollem Gange ist, an die höhere Narretei denkt. Sie brach einmal buchstäblich in Lachen aus auf die Raikinsche Äußerung:
Dann wurde ich in eine Parfümfabrik versetzt und begann, das Parfüm „Da kommen die Soldaten“ herzustellen.
Gefühlvoll und wie über etwas durchaus Wichtiges erzählte sie später, daß Raikin während ihrer Oxford-Ehrung in England gewesen sei und entweder gekommen sei, um ihr zu gratulieren, oder ein Telegramm geschickt habe: sie war dankbar für die Aufmerksamkeit, aber die Erzählung baute sich so auf, daß der Fakt seiner Berühmtheit in den Hintergrund trat, und in den Vordergrund das Königreich, die Königin und der Hofnarr rückte… Und gleich darauf folgte, das Gesagte herabsetzend:
Auch Wosnessenski schickte mir aus diesem Anlaß sein Büchlein von irgendwoher aus dem Innersten Englands: „Der hochverehrten…“ und so weiter und dann oben noch „und teuren“ – schon der vollkommene Karamasow: „und dem Kücklein“.
Ähnlich verhielt sie sich zu allem Alltäglichen: zwischen „Alltag“ und „Angelegenheiten“ einerseits und der „Größe der Idee“ andererseits existierte ein bewegliches zartes Gleichgewicht, dessen Zeiger sich manchmal in Richtung des „Alltags“ verschob, dann wurde das Leben „schwierig und trübe“ und war „sehr traurig“, und manchmal zur „Größe“ – dann wurde es klar, baute sich selbst aus einer Vielzahl vereinzelter Beobachtungen auf, „das Buch über Puschkin“ und überhaupt alles, vom durchdringenden Knarren der Brunnenwinde bis zum Klopfen an der Tür, auf das sie keine Antwort gab, weil sie es nicht hörte, entpuppte sich als Verse, als „Mitternachtsgedichte“, als Verse aus dem „Prolog“ oder aus viele Jahre zuvor begonnenen Zyklen und Büchern. Ich möchte an dieser Stelle zwei Zettel mit Aufträgen einfügen, die sie mir übergab, den ersten, als ich wieder einmal nach Leningrad fuhr, den zweiten – anläßlich einer Fahrt nach Moskau.
I. Leningrader Den Poeta 1963 (die Nummer, in der mein Poem abgedruckt ist) und das ganze Poem aus der Wohnung.
II. Erfahren, bis zu welchem Tag im „Haus d. Schaff.“ bezahlt ist.
III. B-r-i-e-f-e
IV. Woher weiß Anja von Emma?
V. Die Briefe mitbringen, die Admoni (dt.) für mich geschrieben hat (zur Unterschrift).
VI. Mein Radio.
VII. Mitteilen, wer wann kommt?
VIII. Grüße an Fausto.
Anja – ist die Kaminskaja, Emma – Gerstejn; Admoni, Wladimir Grigorjewitsch war einer der engen Bekannten Achmatowas, ein bedeutender Germanist und Dichter, über den sie sagte, nachdem sie die Zeilen seiner Verse „Das Blut tobt in mir wie bei allen, die allein mit der Dunkelheit“ zitiert hatte: „Da ist jetzt die Dichtung angelangt – ein Professor mit Weltbedeutung“; Fausto Malcovati ist ein Mailänder, ein damals am Anfang seiner Karriere stehender, später bekannter Literaturwissenschaftler, Spezialist für Wjatscheslaw Iwanow und für das sowjetische Theater der zwanziger Jahre.
Tolja für Moskau
1. Kaznelson. Leopardi für die Nedelja (Etkind – das Vorwort)…
2. Ich bat Sie, etwas über die Ägypt. Übertragungen in Erfahrung zu bringen.
2. Mein Buch mit Übertragungen: Stimmen der Freunde. Wann Honorar? Geld in die Ordynka. Daten des Sparb. bei Nika.
…
Asien Afrika heute. Überprüfen.
…
Modigliani. Von Chardschijew den Text zu „Modi“ holen.
…
Junost von Ihnen und von mir (Puschkin?)
…
Lida – fragen, was —– über mich an Kornej geschrieben hat.
Drei Fotos von mir für Konowalow übergeben.
…
Für Nina – Parfüm.
…
Grüße und Liebe:
unserer Galja
Marusja und Arischa
Ljubotschka
Nika, Julia, Olja
Ɵedja
R. – dem Idioten
Kaznelson war der verantwortliche Redakteur der Ägyptischen Lyrik. Leopardi ist weder mit noch ohne Vorwort von Jefim Grigorjewitsch Etkind in der Nedelja erschienen. Mit Nikolai Iwanowitsch Chardschijew, dem hervorragenden Kunstwissenschaftler und Literaturhistoriker, war Achmatowa seit den dreißiger Jahren befreundet. Lida ist die Tschukowskaja, Kornej – Kornej Iwanowitsch Tschukowski, ihr Vater. Konowalow ist ein bekannter Slawist, Professor an der Universität Oxford, und die gestrichelte Linie bezeichnet Isaiah Berlin. Nina – Olschewskaja; Galja – Galina Michailowna Narinskaja, später meine Frau; Marusja – Petrowych, Arischa – ihre Tochter; Nika – Glen, Julia – Julia Markowna Schiwowa, Redakteurin für polnische Literatur im Staatsverlag für Literatur, Olja – Olga Dmitrijewna Kutassowa, Redakteurin für jugoslawische Literatur, auch im Staatsverlag, Ɵedja – ihr eben erst geborener Sohn. R. bedeutet Requiem, und der Idiot ist der Inhaber einer Maschinenabschrift oder einer Münchner Ausgabe, die er per Post mit der Bitte um ein Autogramm geschickt hatte.
Die Notiz über die Bezahlung der Plätze im Haus des Schaffens und die Verse über die unter Naturschutz stehende Zeder unter seinen Fenstern waren in ihrem Tagebuch benachbart und glichen einander im realen Leben ebenso aus wie der im Laufe einer fröhlichen Tischrunde erinnerte „Kammerherr Delarue“, die absichtlich intonationslose Äußerung, ausschließlich zur Unterhaltung der Gäste: „Da jagte ihm der Bösewicht ein schrecklich’ Messer in die linke Seite“, und die in einem ruhigen Gespräch von ihr deutlich hervorgehobene Bemerkung über die besondere Bedeutung des Gedichts „Mit Kohle hat er die Stelle markiert, wohin man schießen muß, links“ in ihrer Dichtung. Genauso natürlich und frei waren der wahre Wert dieses oder jenes Menschen oder Kunstwerkes und deren offizielle Reputation in ihrer Wiedergabe ausbalanciert und ergänzten einander. Sie kannte die für das Publikum unsichtbaren Triebfedern des Ruhms oder der Schmach, die im Bewußtsein – auch in ihrem eigenen – wirkten, zu gut, um sich aus Anlaß der Zuerkennung eines Titels oder Preises verführen zu lassen. Als ich ihr nach dem Öffnen der Zeitung die in erster Linie rhetorische Frage stellte, wofür der und der den Leninpreis für Literatur bekommen habe, brummte sie wie bei Gericht: „Der Gesamtsumme gemäß“, und als ich mit jugendlichem Eifer bemerkte, daß „das trotz allem eine Gemeinheit“ sei, unterbrach sie mich ziemlich schroff:
Schämen Sie sich, es ist ihr Preis, also verleihen sie ihn sich auch selbst.
Und wenn sie über ihren italienischen „Ätna-Taormina“ und ihr Oxforder „Hütchen mit Troddel“ einmal ernsthaft sprach, so lag darin weit weniger Eitelkeit und andere verzeihliche Schwächen als die Überzeugung, daß es nicht für sie, sondern für andere, an die Gerechtigkeit glaubende Menschen nötig sei, daß „die Gerechtigkeit triumphierte“ und „Achmatowa ihrem Verdienst gemäß behandelt wurde“. „Als die Oberkommandierenden der Alliierten nach dem Krieg einander Besuch abstatteten“, erzählte sie, „und Schukow zu Pferde in die Westzone Berlins einritt, nahmen Montgomery und Eisenhower, die zu Fuß gingen, sein Pferd beim Zaum und führten es die Straße entlang. Das war sein Ende, denn Stalin hatte sich vorgestellt, daß er auf einem weißen Pferd reitet, und jene an seiner Seite gehen.“ – Der Nobelpreis war in ihren Augen ebendieses weiße Pferd des wirklichen Siegers in dem aufreibenden, ein halbes Jahrhundert währenden Krieg.
(…)
Anatoli Naiman: Erzählungen über Anna Achmatowa, aus dem Russischen übersetzt von Irina Reetz. Mit einem Vorwort von Isaiah Berlin und einer Einleitung von Joseph Brodsky. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992
Joseph Brodsky spricht über Anna Achmatowa.
Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstlerin Anna Achmatowa
Hans Gellhardt: Achmatowa – Pasternak – Zwetajewa
Xenia Menschikowa: Ein Denkmal für Leid, Stolz und Mut, Die Zeit, 1.10.2018
Zum 2. Todestag der Autorin:
Jürgen P. Wallmann: Die Stimme des Leidens Russlands
Die Tat, 2.3.1968
Zum 100. Geburtstag der Autorin:
Ilma Rakusa: Kompromisslos im Leben und im Wort
Tagesanzeiger, 21.6.1989
Birgitta Ashoff: Anna von ganz Rußland
Die Zeit, 23.6.1989
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + KLfG + dekoder + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Keystone-SDA
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Anna Achmatowa Begräbnis.








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