Dieter M. Gräf: Westrand

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Dieter M. Gräf: Westrand

Gräf-Westrand

REST DER STERNE

nur noch fünf
Sterne, und

solche, die sie
polieren; ein

undzwanzigster
Eveningboy, deckt

sie auf und zu.
Weiterverarbeitung

der vier, landen
am hämmernden

Straßenrand. Er
aber heiligt den

letzten: zu Hammer-
und-Sichel verrutschen

der Dreizack Shivas.

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Im Plattenspieler die Pistole

– Extravagant: Der neue Gedichtband von Dieter M. Gräf enttäuscht. –

„Dieser Text ist verschwunden.“

Kleist hat wohl nicht richtig zugehört; oder er fand es unglaublich, daß und wie man heutzutage über ihn redet.

Ja, Kleist, ich
spreche mit dir

beteuert aber Dieter M. Gräf in seinem Gedicht „Plattenspieler“:

im Plattenspieler
schlummert, eine

Alraune tritt auf,
die Pistole, Milch

gesicht, mit der
du dir das Gehirn.

Ja, Kleist, ich
spreche mit dir,

der einsamen Vor
hut.

Da wird auf Kleists Ende angespielt, auf die Pistole, mit der er sich das Gehirn – ja, was nun – verletzt, zerstört, aus dem Schädel geschossen hat? Das bleibt offen. Der begonnene Satz wird nicht abgeschlossen. Dafür ist „eine / Alraune tritt auf“ ein wörtliches Zitat aus einer Regiebemerkung der Hermannsschlacht. Darauf weist Gräf auch anmerkungsweise im „Appendix“ ausdrücklich hin, wobei er dieses Werk Kleists allzu eilfertig als „präfaschistisches Drama“ diffamiert. Der Plattenspieler, den Gerhard Richter 1988 nach einem Polizeifoto malte, kann als das Versteck identifiziert werden, in dem der Terrorist Andreas Baader seine ins Gefängnis eingeschmuggelte („schlummernde“) Pistole verbarg, mit der er sich im Oktober 1977 selbst tötete. Aber wem das zitierte „Milch / gesicht“ gehört – Kleist oder Baader oder beiden –, ist schwer entscheidbar. Und ebenso bleibt unklar, wessen „einsame Vorhut“ Kleist eigentlich bildet. Soll er als die Vorhut der Nazis oder der Linksterroristen in Anspruch genommen werden oder gar als der Vorläufer jeder Form des Terrorismus? Darüber darf der Leser füglich nachdenken, vielleicht auch darüber, ob Kleist nicht doch vor allem als Dichter ein einsamer Avantgardist war.
Das Kleist-Gedicht steht im Zentrum von Gräfs jüngstem Gedichtband. Es ist in mehrfacher Hinsicht charakteristisch für die Machart seiner Gedichte. Es handelt sich überwiegend um Montagen mit schnellem Wechsel der Redeperspektiven, mit Unterbrechungen, kalkulierten Lücken und Brüchen. Hier wird nichts Zug um Zug nachvollziehbar aufgebaut, konsequent durchgeführt und zu einem pointierten Ende gebracht. Hier werden vielmehr Zusammenhänge aufgespalten, deformiert, dekonstruiert. Hier wird gezappt. Darin kommt sicher ein berechtigtes Mißtrauen gegen das herkömmlich Schöne, das Abgerundete, den Wohllaut zum Ausdruck. Nur keine Poetizität, scheint die Parole zu sein. Die Folge solcher Skepsis ist an der Oberfläche der Gedichte als das zu beobachten, was ihnen fehlt: der klingende Reim, das gliedernde Metrum, die ordnende Syntax, die eindrucksvolle Metapher, die folgerichtige Argumentation und die schöne Formulierung.
Es fehlt in den Texten auch weithin jede emotionale Beteiligung: Es gibt keinen Zorn, keine Aggressionen, aber auch keinen Humor, keinen Witz, keine Ironie. Es gibt, kurz gesagt, kein Ich, das das Gesagte persönlich verantworten könnte. Statt dessen findet man kryptische Stenogramme, Wortreihungen, Stichwörter, Satzfragmente und abgehackte Wörter („Sterne / nbanner“). Das alles wirkt sehr ernst und sehr ambitioniert, und kommt doch einmal Komik auf, dann fragt man sich schon, wie freiwillig sie wohl sein mag.
Gedanklich machen die Gedichte kaum Fortschritte; sie drehen sich im Kreis oder hangeln sich an Zitatfundstücken entlang. Das „Plattenspieler“-Gedicht beispielsweise erstreckt sich mit seinen ungereimten Zweizeilern über vierzehn Buchseiten und ruft übergangslos Kleists Hermannsschlacht mit der berühmten Bärinnenszene auf, eine Verlobte (mal ist es Kleists, mal Andreas Baaders), den BDM, ein Fußballspiel, das SA-Lied, Opas Weisheitszahn, Goebbelsreden, die Roten Zellen, den „Nazivater“ von Bernward Vesper, das Töten mit der linken Hand und landet endlich bei King Kong. Zwischendurch „machen wir mal / eine Zigarettenpause“, ein Witz soll erzählt werden, wird dann doch nicht erzählt („das / ist ein viel zu ernstes Thema“), und schnell ist Gräf dann beim Orgasmus und beim Sex, einem Thema, das ohnehin mit den entsprechenden Attributen – dem „schönsteifen Glied“, dem Onanieren, den Kondomen und dem Sperma – reichlich präsent ist in diesen Gedichten.
Die Schockwirkung der thematischen und formalen Extravaganzen ist freilich gerade durch ihr Überangebot an grellen Effekten begrenzt. Die Montage aus orientalischer Philosophie und deutscher Mythologie, aus den Modedenkern Klaus Theweleit und Jochen Hörisch, aus Wilhelm Reich, Stefan Aust und Peter Sloterdijk, aus Stalingrad, Auschwitz, Vietnam und Stammheim bezeugt ein wildes, beziehungsreiches Denken, dessen Reichweite die Kommentare im Appendix andeuten, dessen Gewicht und Sinn sie aber nicht zu erläutern vermögen. Immer wieder fordert Gräf, man möge bestimmte Bücher oder Aufsätze, die er nennt, mit den Gedichten „vergleichen“. Doch solche Vergleiche tragen tatsächlich zur Erklärung der Gedichte nichts bei. Bloße Quellennachweise hätten es auch getan.
Merkwürdigerweise hat man das Politische in den Gedichten Gräfs bisher kaum gesehen. Das mag an der postmodernen Gleichgültigkeit liegen, mit der Gräf Autoren, historische Figuren und politische Systeme zitiert. Doch gerade diese Gleichgültigkeit, dieser Verzicht auf politische Meinungsäußerungen führt zu politisch höchst brisanten und fragwürdigen Ergebnissen, wie das Gedicht „R. H.: ich mußte (ich durfte nicht)“ zeigt. Es besteht nämlich, wie Gräf versichert, ausschließlich aus Zitaten aus den unveränderten Aufzeichnungen von Rudolf Höss, dem Lagerkommandanten von Auschwitz, durch die Höss sein verbrecherisches Tun erklären und wohl gar entschuldigen wollte:

I c h  d u r f t e
mich noch nicht einmal
abwenden,
wenn allzumenschliche Regungen
in mir hochstiegen.
M u s s t e  kalt zusehen,
wie die Mütter
mit den lachenden oder weinenden Kindern
in die Gaskammern gingen. –

Das ist nun wirklich skandalös: Den selbstgerechten Aufzeichnungen des Massenmörders Höss wird hier gewissermaßen poetische Qualität attestiert. Dabei ist die Beleidigung der Lyrik noch das kleinere Übel.
Dieter M. Gräf wurde als Lyriker in den letzten Jahren sehr beachtet. Er kann sich über mangelnde Resonanz nicht beklagen. Man hat ihn in die Nachbarschaft von Ulrike Mayröcker, Thomas Kling, Ulrike Draesner, Ulrich Zieger und Marcel Beyer gestellt. Er wurde seit seinem ersten Suhrkamp-Buch Rauschstudie: Vater + Sohn (1994) – ein vorangegangener Gedichtband unter dem Titel Mein Vaterland (1985) wird von ihm nicht mehr erwähnt – mit Preisen, Stipendien und wohlwollenden, teilweise begeisterten Rezensionen geehrt. Dabei sind seine Gedichte alles andere als leichtverdauliche Kost; ja enthalten, ehrlich gesagt, das schnell wirkende Gift der Indifferenz.

Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2003

„Ja, Kleist, ich spreche mit dir“

– Mit Dieter M. Gräfs Gedichten unterwegs durch Raum und Zeit – und an alle Orte, an denen Dichter alimentiert werden. –

„Man wird kaum einen Autor der jüngeren Generation finden, der so entschlossen und risikobereit am Körperlichwerden der Worte und an neuen, unerprobten Ausdrucksformen arbeitet“, lautet das kollegiale Votum des noch etwas jüngeren Michael Braun, das auch prompt auf dem Umschlag des an die 160 Seiten starken dritten Gedichtbandes Westrand von Dieter M. Gräf als Werbetext gelandet ist.
Ungefähr in der Mitte des neuen Buches steht ein längeres Gedicht, das sich in Form und Inhalt deutlich von allen anderen unterscheidet. Es zeichnet sich weder durch ein besonderes Körperlichwerden der Worte noch durch unerprobte Ausdrucksformen aus, im Gegenteil: mit fast pedantischem Respekt hat der Dichter eine Passage aus den Aufzeichnungen des Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, in kurze freie Verse verwandelt: „R. H.: Ich musste (ich durfte nicht)“. Das entkörpert die Wörter und verschärft ihre semantische Qualität. Was die Ausdrucksform des neu disponierten Textes angeht, so hatte zum Beispiel Erich Fried 1970 das Schulbeispiel der Poetisierung einer Zeitungsanzeige geliefert, mit welcher das Berliner Polizeipräsidium nach Schäferhundrüden zum Kauf suchte. Wie dort demaskiert sich auch hier der Text durch seine Poetisierung.
Den Blick zurück übt Gräf in vielen Gedichten, aber dies ist nicht sein einziges Thema. Vor wenigen Jahren war er Stipendiat der Villa Aurora in Pacific Palisades und voriges Jahr Writer-in-Residence der Deutschen Festspiele in Indien. Eine kleine Gruppe von Gedichten mit amerikanischen Impressionen bildet den Abschluss unter dem Titel „Einsinkende Wolken“. Dieses Bild stammt aus dem Titel eines der Gedichte: „Die einsinkenden Wolken am Broadway“. Es hat nur vier Verse und mutet dem Leser eine intellektuelle Gymnastik zu, welche ihn mitten hineinnimmt in die dichterische Wortbildung: „die Alten: einsinkende Wolken“ – aber der nächste Vers heißt: „kratzer, zerkratzte Kulis“. Man muss sich also korrigieren und „einsinkende Wolken / kratzer“ lesen. Aber auch am Ende dieses Verses ist kein semantischer Halt, denn nun folgt dem Wort „Kulis“ die abgesetzte Silbe „sen“; die zweite Lesung ergibt also „zerkratzte Kulis / sen / eines gekippten Films. Aus“. Über die Villa Aurora liest man dieses hologrammartig umschlagende Bild:

die Palisaden des Pazifik,

 

links, dann die Rampe hoch:
Sterne

 

nbanner, es flattert…

Fast alle Gedichte des Bandes zeigen solche harten Eingriffe in die Wörter, und häufig öffnen sie überraschende semantische Aussichten. Damit wird die Vielschichtigkeit der poetischen Sprache offengelegt. Aber bald schon erscheint diese Formarbeit auch als Manier, manchmal sogar als kalauernde Virtuosität. Wenn man darüber hinwegliest, entdeckt man, dass die Texte in ihrem ganz natürlichen, von der rabiaten Versifizierung unberührten Ablauf durchaus genug poetische Qualitäten versammeln. Aus einer Scheu scheint der Dichter seinen eigenen Schöpfungen einen Störsender mitzuliefern. Unmissverständlich gibt er zu verstehen, dass dichterisches Sprechen hier nicht die gebundene Rede, sondern die gebrochene sein will.
Mehrfach gebrochen sind gerade auch die persönlichen Erfahrungen von Reisen mit ihrer Spannung aus Klischee und Erlebnis („riesiger Colaautomat“ in Amerika, „Gerade / noch lesbarer Finger / Shivas“ in Indien, „der Wüstenhimmel Brandenburgs“ bei Wiepersdorf). Kein Zweifel, Preise, Stipendien, Writer-in-Residence-Stellen und dergleichen Fördermaßnahmen haben vielen jüngeren und weniger jungen Autoren erlaubt, die Welthaltigkeit ihrer Produktionen zu steigern – doch wäre es nicht an der Zeit, den glücklichen Preisträgern nahezulegen, gerade daraus keine Gedichte mehr zu machen? Das soll nicht heißen, dass solche Gedichte keine guten Gedichte sein können; sie gerinnen jedoch mit der Zeit zu einer Gattung mit Luftwurzeln. Dieses Jahr ist Dieter M. Gräf Fellow am Hawthornden Castle (The International Retreat for Writers) in Schottland!
Im Mittelpunkt des Buches steht aber die andere, die politische Thematik. Das ganze lange dritte Kapitel mit dem Titel „Das Waldblut“ enthält Gedichte, die sich mit der Aufarbeitung der (deutschen) Geschichte und einiger ihrer Mythen beschäftigen. Es beginnt mit „Tussirecherche“, von Kleists „präfaschistischem Drama“ Die Herrmannsschlacht und seiner Heldin Thusnelda angeregt („die Pistole, Milch / gesicht, mit der / du dir das Gehirn. / Ja, Kleist, ich / spreche mit dir“). Die Mythen und Motive, von Laurins Rosengarten über Hagen und Siegfried zu Wagners Walküre, vom Holocaust über Stalingrad und Goebbels zu Baader, Schleyer, Bernward Vesper und der „Zone“, werden meistens in komplexen Zusammenhängen evoziert, die sich auch dem sorgfältigen Leser nicht immer sofort erschließen. Der Dichter will aber nicht hermetisch wirken, im Gegenteil: er hat den Gedichten einen „Appendix” nachgestellt, in dem er zu vielen Texten genaue Quellenhinweise und sogar ausführliche Zitate abdruckt. Neben Gedichten, deren Thema ausführlich durch Anmerkungen dokumentiert wird, stehen aber viele andere, mit denen der Dichter uns allein lässt. In dem Gedicht „-Mücken-“, in dem ein kursiv gedrucktes und nachgewiesenes Hitler-Zitat zur Schlacht von Stalingrad sich breit macht und eine klare Botschaft hinterlässt, heißt es zum Schluss in der beschriebenen Manier:

… Urin

 

gelbes Eis, abgelecktes
Kondenswasser. Ratten

 

huber, Todt, Onkel Wolf,

 

hier sind eure Fritze,
in Jahrtausenden: Öl.

Trotz ihrer zugegebenermaßen bizarren und treffenden Eigensemantik würden diese Namen einen Hinweis nicht nur auf die dahinter stehenden Individuen, sondern auch auf ihre Rolle in diesen Versen verdienen („Onkel Wolf“ hieß Adolf Hitler im Kreise der Wagner-Familie).
Schwer zu sagen, was an der Lektüre dieser kunst- und absichtsvollen Texte auch bei wiederholter Lektüre und besserem Verständnis der Realitätssplitter immer noch irritiert. Im Falle der Poetisierung der Erinnerungen von Rudolf Höss lässt es sich vielleicht bestimmen: Gewiss soll die poetische Veranstaltung das widerliche Selbstmitleid des Mörders demaskieren, und das gelingt ihr auch. Aber gleichzeitig baut das Gedicht ihm eine Bühne, auf der er ganz allein lamentieren darf. Hat er nicht schließlich doch noch mehr gelitten als seine Opfer, die zwar auch „mussten und nicht durften“, aber sie mussten doch wenigstens nicht wollen…
Manche historisch-aktuellen Gegenstände sind wohl eine Nummer zu groß für ihre Gedichte und kompromittieren oder vereiteln gar deren Botschaften. Dieter M. Gräf ist oft sichtlich und zu recht stolz auf seine Funde, lässt aber deren wuchernden Bedeutungsüberschüssen freien Lauf, anstatt sie poetisch zu kanalisieren. Das ist fast ein poetisches Programm. Es wird schon gleich auf der ersten Seite in einem schönen, aber überlangen Motto erkennbar. Dort nimmt der verfolgte und durch Europa getriebene Renaissance-Philosoph Giordano Bruno Abschied vom deutschen Boden und bittet den Lenker des Himmelswagens, von der „geliebten deutschen Erde“ „alle nächtens schweifenden Wölfe, alle plumpen Bären“ fort zu scheuchen, – als hätte auch er schon den „Onkel Wolf“ geweissagt!

Hans-Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 11.12.2002

Fragile Sprachgebilde

– Dieter M. Gräfs Roadmovie von den (West-)Rändern der Wahrnehmung. –

„Das Denken“, schrieb Henri Michaux einmal, „bevor es Werk wird, ist Unterwegssein.“ Dieser Befund mag erklären, weshalb Dieter M. Gräf seit Erscheinen seines letzten Gedichtbands Treibender Kopf (1997) einige Zeit verstreichen ließ, ehe er sich nun mit Westrand wieder zu Wort meldet – Zeit, die er nicht ungenützt gelassen hat, sondern während der er auf Reisen, die ihn von Amerika bis Indien führten, das Material für die neue Sammlung buchstäblich erfahren hat. Die Globalisierung kursiert bei Gräf nicht als modisches Schlagwort, sondern sie hat sich den Texten als omnipräsentes körperliches Erlebnis eingeschrieben: als „Jeanskörpersehn / sucht am Westrand“, vom „Haar des Propheten… zum realen Grün eines verregneten / Morgens in D“ bis „ins 7-Up-Grün“ wechseln die Bedeutungen mit den Orten, die angesteuert werden, schieben sich ineinander, werden von der Wahrnehmung als Details aufgefangen, ohne daß sich daraus noch ein Ganzes ableiten ließe. Die elegische Sehnsucht nach einer von Menschen-, Waren- und Kapitalströmen unbeschädigten Zuflucht, wie sie der von Rolf Dieter Brinkmann gepriesene Giordano Bruno einst im deutschen Wittenberg fand, bleibt bei Gräf bloßes einleitendes Zitat, das heute an keinem Ort der Welt mehr eingelöst werden könnte – zu sehr ist das Fernste mit dem Nächsten verbunden, das Öffentlichste mit dem Allerintimsten, die Vergangenheit mit der Gegenwart, zu sehr ruft jedes scheinbar Vertraute schon sein Gegenteil, die Fremdheit, ins Bewußtsein.
Gräfs tastende, elliptische Sprache, die man mit einem Nietzsche-Wort als „nicht festgestellt“ bezeichnen darf, versucht deshalb auch, nicht bereits feststehende Bilder beim Leser zu generieren, sondern seine Erwartungen immer wieder gezielt zu durchkreuzen. Dies zeigt sich schon an der Raumbewegung, die die Anordnung der Gedichte suggeriert: Entgegen der schicksalhaften Kolumbusschen Fahrtroute „westwärts“, die Levi-Strauss als konstitutiv für das menschliche Raumgefühl erachtet, läßt Gräf seinen Band zunächst weit im Osten, in Indien, beginnen, um ihn mit Bildern der US-amerikanischen Pazifikküste, in die sich die von New York aus übertragenen Bilder des 11.9.2001 mischen, zu beschließen. Dazwischen, auf „Tussirecherche“, sind Sequenzen aus dem geschichtsübersättigten Deutschland und Europa der Jetztzeit eingebettet, die als Illustrationen des von Pasolini bekannten Diktums gelesen werden können, daß der Konsumterror durch die Massenmedien nur eine Verlängerung des einstigen Faschismus sei; und dies bestätigen auch die Schwenks in Problemzonen deutscher Geschichte, die allein Schlagwörter wie „Auschwitz“ oder „Rote-Armee-Fraktion“ nur schwer aufzuhellen helfen. An der Hervorhebung der Modalverben ,müssen‘ und ,dürfen‘ im in Verse gesetzten Geständnis des Auschwitzkommandanten Rudolf Höss wird so z.B. der berüchtigte deutsche Kadavergehorsam auch als Gehorsam gegenüber einer das Bewußtsein normierenden Sprachwelt dechiffriert: „Was für ein Hunger nach Stalin / grad, nach / Sendeschluss, aus unseren zapp / elnden Körpern“, heißt es im Gedicht „Baadersohn“, das Nationalsozialismus, linke Gleichschaltung und das Andauern des fern(seh)gesteuerten Krieges in unseren Köpfen auf eine Formel bringt, worauf ebenso der „Plattenspieler“, Gräfs langes Gedicht im Mittelteil, anspielt.
Dennoch wäre es falsch, Gräfs (inhaltlich wie seitenmäßig) umfangreichen Band als Antwort auf das modephilosophische Theorem vom „Ende der Geschichte“ zu reduzieren. Wer so schlußfolgert, vergißt nämlich, daß man es bei Gräfs Texten vor allem mit Gedichten zu tun hat – komplexen, sorgfältig strukturierten, fragilen Sprachgebilden, die intellektuellen Anspruch mit sinnlichem Vergnügen zu verknüpfen wissen. Dieser stammelnde, verzögerte Gestus, dieses fragmentierte Sprechen, immer hart an der Sprachlosigkeit stehend (nicht ungleich derjenigen Celans), die die „verwaltete Welt“ (Adorno) im einzelnen hervorruft – „Auch das ist Schönheit“, wie Gräf in einem früheren Gedichtband schrieb. Nicht zuletzt beweisen dies die sehr privat, geradezu intim wirkenden Gedichte, die ich zu den besten, gelungensten des Bandes zählen möchte, in denen Kindheit, Landschaft und eine subtile Erotik als (im positiven Sinne) Rückzugsgebiete des Ich empfunden werden, ohne ihre Verschränkung mit dem Gesellschaftlichen zu verleugnen, wie z.B. hier in „Schmetterling (Kommentar) zum Motorkahn“, der Parodie eines Motivs von W.C. Williams:

nach
dieser Schließ
muskelstelle ein

 

Poppen, Buntwerden

 

heftiger Last,
wird glitzernd ins
Tripwasser gekippt;

 

falternde Zeit. Ab
tauchen:
a mild wake.

 

Die Schönheit über
holen
der Fische.

Jan Volker Röhnert, neue deutsche literatur, Heft 548, März/April 2003

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Thorsten Schulte: Lasst Euch in die Füße schneiden
literaturkritik.de, November 2004

Thomas Lehr: An der historischen Wirbelsäule der Deutschen entlang geschrieben
kritische-ausgabe.de

Rainer Hartmann: Wo Sinnliches und Gedachtes zusammenwachsen
Kölner Stadt-Anzeiger, 28. 8. 2002

Christoph Schreiner: Worte zerteilen, dass sie Muscheln gleichen
Saarbrücker Zeitung, 14./15. 9. 2002

Susanne Riedel: Liebhaber der Strelitzie. Dieter M. Gräf inszeniert das Gedicht als Wunder in der bleichen Gegenwart
Die Zeit, Literaturbeilage, 2. 10. 2002

Nico Bleutge: Ungleich funkelnde Leuchtkörper
Neue Zürcher Zeitung, 14./15. 12. 2002

Michael Braun: Lyrische Stammbäume, poetische Sehnsuchtskassiber
Die Rheinpfalz, 16. 12. 2002
Erweitert unter dem Titel „Das weitertobende Inferno der Hermannsschlacht“
Basler Zeitung, 20. 12. 2002

 

 

Dieter M. Gräf: Gedichte im Dunklen. Der Lyriker Dieter M. Gräf liest bei Prosanova im Rahmen der Dunkellesungreihe. Er trägt seine Gedichte in einem komplett abgedunkelten Raum vor.

 

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