Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Édith Boissonnas

Édith Boissonnas

Französische Lyrikerin aus der deutschen Schweiz

 

Die Lyrikerin und Essayistin Édith Boissonnas (1904-1989) wurde als Edith Roethlisberger in der deutschen Schweiz (Baden, Kanton Aargau) geboren, ihr gesamtes Werk – sechs Gedichtbände, zahlreiche Aufsätze und Artikel, dazu Tagebücher, Korrespondenzen und Übersetzungen – verfasste sie in französischer Sprache. Die Schul- und Studienzeit absolvierte sie zunächst in Genf, danach in Spanien und Grossbritannien. Einen späteren Aufenthalt in den USA musste sie aus gesundheitlichen Gründen nach kurzer Zeit abbrechen.
Seit den späten 1920er Jahren lebte Boissonnas (nun unter dem Namen ihres Mannes) vorwiegend in der welschen Schweiz, einen Beruf konnte sie wegen ihrer kränklichen Konstitution nicht ausüben, statt dessen pflegte sie weitreichende polyglotte Lektüren und begann zögerlich selbst zu schreiben. Nach einem Jahrzehnt der Abgeschiedenheit gelang ihr 1938 die Kontaktaufnahme zu Jean Paulhan, der als Mitherausgeber der «Nouvelle Revue Française» und als Mitarbeiter (Lektor, Herausgeber) des Verlags Gallimard im französischen Literaturbetrieb bestens vernetzt war.
Paulhan lehnte Boissonnas’ Gedichte nach erster Kenntnisnahme zwar ab, setzte sich jedoch in der Folge für die noch völlig unbekannte Autorin ein, verhalf ihr zu diversen Publikationen und machte sie mit namhaften Schriftstellern aus dem Umkreis des Surrealismus bekannt, unter ihnen Bataille, Leiris, Caillois. Diese frühe Phase endete mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – Édith Boissonnas kehrte in die neutrale Schweiz zu ihrem Mann zurück, der 1940 als habilitierter Chemiker eine Professur an der Universität von Neuchâtel übernahm.
Gleich nach dem Krieg, 1945, erneuerte Boissonnas ihre Kontakte zur Pariser Szene, indem sie eine private Beziehung mit Paulhan einging, der ihr denn auch rasch zur Publikation ihres ersten Lyrikbuchs verhalf («Paysage cruel», 1946). Fortan lebte und arbeitete sie in der französischen Hauptstadt, schrieb ab 1953 regelmässig Essays und Gedichte für die prestigiöse «Nouvelle Revue Française» und unterhielt eine enge Freundschaft zu Jean Dubuffet, dem Wegbereiter und Theoretiker der «rohen Kunst» (Art brut) – noch ein einflussreicher männlicher Kollege, von dem sie nachhaltig und langfristig gefördert wurde.
Zwei weitere Lyrikbände erschienen 1950 und 1955 bei Gallimard, ehe sie mit Jean Paulhan und Henri Michaux an einem Drogenexperiment teilnahm (gemeinsames Schreiben unter Einfluss von Meskalin, 1955) – es war der erste Versuch dieser Art überhaupt, ein Pionierunternehmen, das in der Folge jedoch allein von Michaux systematisch fortgeführt und vielfach produktiv gemacht wurde. Édith Boissonnas wandte sich vermehrt der bildenden Kunst zu, legte eine Reihe diesbezüglicher Essays vor, arbeitete aber auch direkt mit Malern und Graphikern zusammen: Zwischen 1958 und 1975 publizierte sie fünf bibliophile Drucke mit eigenen Gedichten und Illustrationen von Braque, Giacometti, Masson u.a. In grösseren Abständen erschienen bis 1980 vier zusätzliche Gedichtbücher bei Gallimard, wo noch immer Jean Paulhan als Lektor für sie eintrat.
Boissonnas’ lyrischer Personalstil scheint gleichermassen von der surrealistischen Poetik und vom Primitivismus des Art brut geprägt zu sein. Kühne Metaphorik, oft ins Phantastische oder Absurde forciert, verbindet sich hier mit rohem Sprach- und Versgebrauch, aber auch mit konsequenter Pflege des Endreims und assonantischer Wortfügungen. Die meisten Gedichte sind knapp gefasst, bleiben auf sechs bis zwölf Verse beschränkt, nur vereinzelt finden sich auch längere Texte. Bisweilen lässt die Autorin das dichterische Ich in männlicher Form sich artikulieren, mancherlei alogische (oder einfach fehlerhafte?) zeitliche und räumliche Bezüge erschweren immer wieder das Verständnis, ebenso die uneinheitliche (oder ausgesetzte) Interpunktion. Auffallend bleibt die Tatsache, dass Édith Boissonnas diesen zugleich grobschlächtigen und konventionell geschönten Stil während Jahrzehnten unverändert beibehalten hat.
Die nachfolgende Textauslese entstammt den Bänden «L’embellie» (Die Aufklarung, 1966), «Initiales» (Initialen, 1971) und «Étude» (Etüde, 1980), alle bei Gallimard in Paris erschienen. – Édith Boissonnas wird damit erstmals repräsentativ in deutscher Übersetzung vorgestellt; die irreguläre Metrik und Interpunktion entsprechen den Originalvorlagen.

 

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Wartezeit

Fort-da mit dem Tag mit allem was den Traum
Verkürzen könnte den du erfüllst mit deinem Beben.
Ich häufe wattierte Missverständnisse im Raum
Die unauflöslich sind. Wahre Wut hält mich am Leben
Hilft mir zu verbergen das ich einzig dafür existiere
Diese Wartezeit zu wahren die mich so sehr peinigt
Wenn ich abergläubisch mich vergesse und verliere
Und eine drängende Erinnerung bleibt unbereinigt.

 

 

Das Geländer

Als wären wir plötzlich durch den Ozean getrennt.
Ich lass dir nichts von mir, nichts bleibt dir geschenkt.
Plötzlich werde ich verschwunden sein.
Du weisst nichts mehr von mir. Rein
Gar nichts, nicht einmal wenn ich persönlich
Vor dir stehe unter andern Leuten.

Noch halte ich mich am Geländer, zögernd,
Bis das Signal ertönt ein schrilles Läuten.

 

 

Der Flug

Wenn Blatt für Blatt des Schicksals Mängel fallen
Lässt unser Herz sein dumpfes Leuchten scheinen.
Auf der Schwelle ist es reinem Zwang verfallen.
Nun hebt es ab zum Flug und Rückflug gibt es keinen.
Lasst uns aus dem Leben etwas andres machen.
Wir deuten es und so gewinnt es seinen Sinn.
Im Spiel wird Stein das Haus entstehen lassen.
Mittlerweile zieht der Flug den Grossherzog dahin.

 

 

Diesseits

Zu sehr beschäftigt mit der Oberfläche
Hat man Geschwätz für die Wahrheit gehalten
Nichtige Worte. Tierspuren sind verlässlicher
Man kann sich auf Menschensuche an sie halten.
Zuviel wird geredet und doch nichts gesagt.
Alles ist weithin dem Diesseits verfallen.
Man pflegt die eigene Grimasse für den Tag.
Derweil Hund und Hund im Jenseits sich gefallen.
Um was zählt zu sagen muss man alles sagen
Und aufs Mal. Gleichzeitigkeit, Geschwindigkeit
Das sind die starken Flügel die mich tragen.
Auf jede Schwäche folgt ein Absturz jederzeit.
So hab ich mehr gelebt als tausend Wesen,
Hab meine Wurzeln ins Extrem getrieben.
Diese Spannung ist gewahrt geblieben
Über meiner Kindheit Flammenmeer hinweg.
Das Schweigen sucht als Bogen seinen Weg.

(aus E. B., L’embellie, Paris 1966)

 

 

Wer

Massiv dieses Gesicht das dem Gewohnten widerstand
In umgekehrter Richtung kam es die Strasse herab.
Wer weiss etwas von ihm, wem ist es überhaupt bekannt.
Wie eine Drohung ist der Blick mit dem es mich bestraft.
Wird es mir beibringen können wer ich bin,
Da ich von ihm nichts weiss, hab’s nicht im Sinn.

 

 

Diese seltsame Erfahrung hat mich
Mit einem Tod bekannt gemacht.
Eine Liebe gibt mir Lebenslicht.
Für mich ist sie die stärkste Macht.
Sie nimmt mich in den Arm sie ist mein Halt
Und drückt mich an sich Nacht für Nacht
Wenn ich mich kraftlos quäle.
Mein Begehren hat Fluch über mich gebracht.
Mit einem Wort aus tiefstem Wesensgrund
Hat mich gerettet der den ich verletzte.
Wieso gerate ich dennoch in diesen Sumpf
Und welches Fenster
Tut sich auf zum unbekannten Raum
Wo wir uns vor uns selbst verstecken
Wo dieser Schreckenstraum
Einsitzt zum Platzen gespannt
Seit eh und je wiederholt ohne Verstand
Und der, der sich darüber beugt und ihn
Betrachtet, ist immer schon dabei zu fliehn.

 

 

Neu

Lasst mich möglichst rasch von hier entweichen
Eine neue Ordnung wird die Trümmer übersteigen.
Das Feuer kehrt aus dem Vergessen wieder.
Ein neues Selbst lässt sich in dieser Runde nieder.
Das Zögern und der Einfallsreichtum dieser Welt.
Man rottet sich zusammen. Drohung unverstellt.

(aus E. B., Initiales, Paris 1971)

 

 

Mich überfordert dieser Weg mit seinen Fallen.
Ich kenne längst, was ich noch finden kann,
Die Langsamkeit reift mit dem Schoss heran.
Der Leib wird eins im sanften Grund des Schattens.
Darf man aufs Mal so viele Leben haben.
Kann man Wurzel, Blüte, Frucht auf einmal ernten.
Ein einzig Wesen sein, zu eng, nicht zu ertragen.
Insgeheim Inzest, wie ich mich lieben lernte.

 

 

Wo wohnt ihr. Fern von hier oder nah.
Hinter einer Wolke, einem Fels, ganz da.
Das war für länger, ein Wechsel steht an.
Marmor und Sandstein zusammengetan.
Palmwedel als Dach, getragen von Steinen.
Endlich ein Fenster für mich ganz alleine.

 

 

Diese Sprache entspringt einer Quelle.
Ich mit Wünschelrute war zur Stelle.
Die Wörter wippen auseinander,
Finden sich erneut zu einer Reihe,
Doch ein Satz kommt nie zustande,
Auch Akzente gibt es keine.
Zu lange ging man in die Irre dort,
Wo einst erlauchte Geister hausten.
Da gibt’s für Unbeschwertheit keinen Ort,
Man nennt uns dreist, wir bleiben draussen.

 

 

Erst mal hinab ins Untergeschoss
Auf der Suche nach dem Licht.
Auf Händen gehn bei jedem Gegenstoss.
So nehme ich mich betend in die Pflicht.
Auch eine Gangart. Ein Trappeln und Stampfen.
Auf der Flur die Blume der Bescheidenheit.
Moment geniessen statt im Lärm verkrampfen.
In sich gekehrt der Stolz. Meine Geborgenheit.

 

 

Die Pflanzenwelt hat eine andre Zeit als wir.
Man sehe sich den wilden Wuchs der Rebe an.
Das Korn, das nicht erwächst, das stirbt.
Eine Eigenart, wie man auch leben kann –
Die Zeit totschlagen, sie vergessen, Schluss.
Zeit eines Seufzers, Raum für Gier und Kuss.
Ekstase.
Nach zuviel Angst vielleicht die Gnade.
Die Zeit zu greifen, sie zu kosen, ist Genuss.

 

 

Dieser Morgen obwohl leicht und ohne Schwaden
Lastet auf mir mit der Schwere von Chimären.
Ich habe mir schon viel zuviele Übel aufgeladen.
Das Licht nimmt ab. Ich muss ins Labyrinth einkehren.
Später dann am Abend wird mir leichter, ich erwache.
Warum.
Das Vertrauen macht zunichte den, der mich
Verfolgt. Zerstört hat er mich aber nicht.
(aus E. B., Étude, Paris 1980)

 

aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Antwort

(gewarnt:) tarnt den Ort: Rotwand! Nordrand! Dort droht Draht…

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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