Ja, doch, mein Gedächtnis beginnt zu schwächeln; schwach ist es noch lange nicht.
Wo … wenn sich gelegentlich Erinnerungslücken auftun, fällt mir jedesmal ein Gleiches auf: Das benötigte Wort − meist ein Orts- oder Eigenname − geht in dem Moment verloren, da ich’s unmittelbar und völlig klar im Sinn und bereits auf der Zunge habe; ich weiss genau, was oder wen ich meine, doch gleichzeitig vergesse ich es.
Danach bleibt in manchen Fällen eine minimale phonetische Prägung des gesuchten Begriffs, eine äusserst diskrete akustische Spur, als wär’s das fernste Echo des eben noch Gewussten, nun jäh Vergessenen. Es kann allerdings auch vorkommen, dass das Suchwort völlig weg ist, ohne irgendein Relikt, an das ich anknüpfen könnte, also beispielsweise die vage Erinnerung an den ersten Buchstaben, die Anzahl der Silben, einen tragenden Vokal oder … aber ein anderes, ähnlich klingendes Wort.
Am Leitfaden solch allfälliger Anknüpfungspunkte versuche ich jeweils meine Erinnerung zu reaktivieren − was am ehesten beim Gehen in frischer Luft gelingt. Aus unterschiedlichsten (sprachlichen wie aussersprachlichen) Details füge ich auf diese Weise so etwas wie einen Phantombegriff, einen Phantomnamen zusammen, bis er, oft erst nach langem Hin und Her, plötzlich seine ursprüngliche Lautgestalt zurückgewinnt.
Was mir auffällt, mich verwundert: Vom Vergessen sind fast durchweg Begriffe oder Namen betroffen, die für mich keine nennenswerte Bedeutung haben, die bloss marginal und momentan von Interesse sind, darunter (noch eine Merkwürdigkeit!) manche, die stetig wiederkehren und dennoch immer wieder verloren gehen, darunter so einfache Namen wie Clint Eastwood, Geoffrey Hartman, Chet Baker, André Glucksmann, Marchese Baratella.
Dass gewisse Wörter für das Vergessenwerden − oder auch umgekehrt: zum Memorieren − durch ihre Klanglichkeit besonders prädisponiert wären, ist mir nicht aufgefallen; ich könnte es mir durchaus vorstellen.
Nicht zu vergessen: Das Vergessen bezieht sich oft auf Naheliegendes, Beiläufiges, eben noch Gegenwärtiges. Ferneres oder längst Vergangenes ist davon – so jedenfalls bei mir – kaum betroffen.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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