Bin mit dem Auto unterwegs in Südtirol. Trutzige Landschaft, akzentuiert durch ruinöse Burgen und Festungen. Alle Wege führen eng und steil nach oben, sie sind wegen der vielen Spitzkehren schwer zu befahren. An der ersten Raststätte treffe ich, es ist ein Zufall, den Kollegen Laederach, der hier als Servicechef einen Nebenjob hat. Zu seinen Füssen regt sich wie ein ferngesteuertes Tier eine kleine zerlumpte Frau, die auf allen vieren mit hektischen Bewegungen den Fussboden scheuert. Fahren wir los, sagt Laederach. Zu viert setzen wir in seinem offenen Geländewagen – er mit seiner Untergebenen, ich mit meinem dreijährigen Sohn Monsi – den Aufstieg fort. Monsi spielt mit einer winzigen Petflasche, zerknautscht sie langsam, hat keinen Blick für die Umgebung. Laederachs Frau kauert zitternd und leise vor sich hinlabernd auf der hintern Ladefläche. Als ich mich zu ihr umwende, erkenne ich überhaupt erst ihre Verstümmelungen. Die linke Gesichtshälfte ist fast vollständig verbrannt, das lidlose Auge starrt weiss und blind aus lauter Narben, der Mund ist halbseitig vernäht, die magern Knie hat sie unters Kinn gezogen. Das andere Auge, sorgfältig geschminkt, strahlt aus dem wüsten Gesicht, scheint zu lächeln. Wir erreichen Laederachs Freiluftatelier, eine Alp, die als sanfte Senke im Hochgebirge liegt. Da stehn viele unfertige Skulpturen herum, abgerissene oder entstehende Denkmäler und Blockhäuser, der Haushalt ist in einer Höhle untergebracht. Laederach stapft fluchend in der Gegend herum, beschimpft lautstark den Kunstbetrieb, er schafft eine ungemütliche, sogar unheimliche Atmosphäre. Ich verliebe mich ein wenig in seine schwer behinderte Frau, die unermüdlich in der Erde buddelt, als wollte sie einen Stern ausgraben. Monsi wird unruhig, er langweilt sich, hat Hunger, will nur noch weg von hier. Ich suche zur Rettung von uns beiden einen diskreten Abgang, kapere den abseits geparkten Geländewagen, wage mich auf die schwierige Strecke, diesmal abwärts ins Ungefähre. Um all den Dreck und all die vielen Flüche loszuwerden, biege ich nach rechts in die Waschanlage ein, werde aber sofort durch einen hochschnellenden vollroboterisierten Wachmann gestoppt. „Dieser Wagen ist für die Waschstrasse ungeeignet“, konstatiert im Befehlston eine Computerstimme. Ich muss rückwärts durch den Tunnel wieder in die Welt hinaus, kehre mich auf dem Fahrersitz nach hinten, sehe über meiner rechten Schulter Monsi, wie er selbstvergessen mit der Versehrten spielt.
(Kurz aufgewacht, umgedreht, gleich wieder eingeschlafen; weitergeträumt:)
Bin in die Armee einberufen worden, keine Ahnung, für wie lang und wozu; rücke in die Kaserne ein, stelle fest, sie ist überfüllt von all den Leuten (Kameraden ), die im Unterschied zu mir rechtzeitig hier eingetroffen sind; habe keinerlei Ausrüstung mit dabei, nur Zahnbürste und Kamm; sammle mir als Schlafunterlage irgendwelchen Müll zusammen, richte mich notdürftig in einem schlechterleuchteten Korridor für die Nacht ein; ständiges Auf und Ab, ständiger Lärm durch spät hereinkommende Saufkumpane; wie ein riesiger Schatten bewegt sich an den Wänden entlang Laederach (oder Schobinger? Thomkins?) mit einem Steuergerät in der Hand; er klickt unablässig auf der Tastatur herum, leuchtet in alle Winkel und Nischen, lässt den Lichthasen seiner Stirnlampe an der hochgehängten Decke seine Haken schlagen; merkwürdigerweise scheint er sich für mich zu interessieren, mir vielleicht gar helfen zu wollen, sagt aber kein Wort; lenkt statt dessen eine langgestreckte holographische Ratte zu meinem Liegeplatz, das Tier gleitet weich unter meine linke Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger steckt nun ihre spitze, leicht angegraute Schnauze mit den winzigen Augen, starrt mich blicklos; dann Lichterlöschen, und mir wird klar, wie sehr ich von dieser ganzen neuen Technik überfordert, als Frontkämpfer also untauglich bin.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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