Nur selten, nur nach starken Träumen nehme ich in der Früh – so wie heute – mein altes Dictaphone mit auf den Waldgang, um die noch frische Erinnerung beim Gehen festzuhalten. Exakt in dem Moment, da ich mit dem Diktat beginnen wollte, war alles Geträumte vergessen, alles, was ich eine Sekunde zuvor für äusserst wichtig, sogar wesentlich gehalten hatte.
Verlust. Irritation.
Doch gleich danach ein Schwall von disparaten Ideen- und Erinnerungssplittern. Also starte ich die Aufnahme, nehme mir vor, drauflos zu reden, Logik und Chronologie missachtend, zu benennen immer nur das, was mir gerade – hier wie jetzt – einfällt, zufällt.
Zum Beispiel, dass in dieser frühen Stunde luzides Morgenlicht lange straffe Schatten wirft, während, im Nachgang zur Hitzewelle der vergangenen Tage und Wochen, eine leichte, überraschend kühle Brise durch die Büsche und die Bäume fährt, gerade so gelind, dass das Blattwerk kaum merklich ins Schwingen gerät, dabei aber keinerlei Säuseln oder gar ein Rauschen aufkommen kann. Kein Vogel zu hören, kein Knacken im Holz. Die Flugzeuge aus Genf ziehn ihre Kondensstreifen wie Reissverschlüsse überm Blau des Himmels zu. Unterwegs wohin? Wozu?
Ich versuche nochmals, mich an den Traum von heute Nacht zu erinnern, doch nur Zahlen kommen mir dabei in den Sinn. Eine Million Ravers nahmen von gestern auf heute an der Streetparade in der Kleinstadt Zürich teil. 45.000 meiner Zeitgenossen waren vorvorgestern im Letzigrund beim Konzert von Ed Sheeran, und vorgestern, bei der Wiederholung, noch einmal 45.000. Anderthalb tausend Komparsen wurden für den jüngsten TV-„Tatort“ in Luzern aufgeboten, Menschen wie du und ich, Normalverbraucher, Arschlöcher, Neugierige, Minijobber, die wortlos sich selbst darstellten – Minijobber, Neugierige, Arschlöcher, Normalverbraucher. Alle waren notgedrungen gleichzeitig auf dem Set, haben dafür wohl 50, 100 Euro kassiert, dazu den eigentlichen Lohn – dabeigewesen zu sein.
Und ich? Erst ich!
Bin in der Nacht, vorübergehend schlaflos, via Internet bei abebooks auf ein antiquarisches Sonderangebot gestossen: 13 meiner Bücher in signierter Erstausgabe, alle mit persönlicher Widmung an einen nicht genannten Empfänger, alle in „bestem Zustand“, vermutlich ungelesen. Da hat also ein Freund, eine Freundin meine Sachen abgestossen und zu ein wenig Geld gemacht. Das ist das eine, gelinde Enttäuschung; das andre die Frage: Wer sollte denn nun diese Widmungsexemplare erwerben wollen? Dafür einen erhöhten Preis bezahlen! Um ein Buch … um ein paar Bücher in der Hand zu haben, die handschriftlich an jemand anderes adressiert sind!
Da ist plötzlich wieder die unbedarfte Publikumsfrage: Für wen schreiben Sie eigentlich?
Klingt wie ein Vorwurf. Und bei selbiger Gelegenheit entdecke ich beim Neuantiquariat Medimops meinen Roman Letzte Liebe, Zustand neuwertig, Preis 0.01 Euro, also 1 Cent – geringer kann kein Preis sein, der Cent ist die absolut kleinste Währungseinheit.
Wie verhalte ich mich als Autor zu solch wegwerfender Vermarktung? Und wie verhalten sich solche Quantifizierungen in ihrer räumlichen und zeitlichen Bedingtheit zur Qualität dessen, was ich bieten kann? Und also zum Beispiel mein Buch? Was kann eine Druckauflage von 1.200 Exemplaren, dazu das Taschenbuch in 4.000 Exemplaren, gegenüber einer Millionen selbstvergessener Zeitgenossen bedeuten, gar bewirken?
Ich halte Letzte Liebe, rund vier Jahrzehnte nach Erscheinen, noch immer für stark genug, um gegenüber allem, was ich aus aktueller Literaturproduktion kenne, zu bestehen und … aber mit Werten wie „1 Million“ oder „1 Cent“ lässt sich meine diesbezügliche Leistung nicht erfassen. Ja, man hat … auch der Intelligenteste, der Interessierteste hat immer nur das Wenigste gelesen, und das Ungelesene wird nie nicht in der Überzahl bleiben. Zumindest damit wird keiner je zu einem Ende kommen.
Doch weiter geht’s! Unentwegt und endlos ist das Vergessen!
Brodsky, Weltpoet und Nobelpreisträger, ist seit zehn, fünfzehn Jahren kaum noch präsent, Joseph Brodsky, von dem es Dutzende von Werkausgaben in manchen Sprachen gibt, dazu eine unüberschaubare Fülle von Sekundärliteratur – was ist aus ihm geworden, in welches … in wessen Vergessen ist er eingegangen? Klar, er bleibt der Literaturgeschichte erhalten, doch er ist bereits verloren für lebendiges Gedenken.
Und die minderen Autoren erst! Die Mehrzahl derer, die meine Lehrjahre geprägt, die mich später als Kollegen ein stückweit begleitet haben! Wo sind Laederach und Weinzettl geblieben? Techel, Treichel, Grzimek, Oleszynski, Haeseling, Puganigg, Alves, Böni, Kinder? [folgen weitere 17 Namen] Die etwas älteren – Heckmann, Rehmann, Nonnenmann, Wohmann, Gert Neumann, Hamburger, Meckel, O. F. Walter, selbst Schnurre, Nossack, Kreuder, Böll? [folgen nochmals 9 Namen]
Und ich! War damals – vorgestern, gestern – auch schon dabei, bin’s am Rand noch immer, belebe als Einzelgänger und Zuwiderläufer unverkennbar und ineffizient die Szene.
Wie überhaupt und wieso denn dabei sein? Da meine Zeitgenossenschaft für mich doch ohne Interesse ist, von ihr vergessen zu werden – kein Verlust; doch anderseits Verlust für wen?
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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