Wozu, zu wem nach Luzern? Nach Baar! Bin ohnehin knapp dran mit der Zeit; bis zum Bahnhof, zum Bahnsteig bleiben höchstens zehn Minuten. Sollte zu schaffen sein. Doch dieses Volk! So viele … zu viele Menschen − Strassen, Plätze, Brücken, Passagen wanken unter dem massenhaften Getrampel, ich komme kaum an gegen den Strom, der mich immer wieder abbringt vom Ziel, mich wegdrängt vom Bahnhof. Mühsam behalte ich das riesige Walmdach (sieht aus wie ein Zirkuszelt) über die Köpfe hinweg im Blick. Erreiche die Halle grade noch rechtzeitig, suche den Bahnsteig nach Luzern, kämpfe mich durch die flutende Menge, sehe den Zug in extremer Verkürzung von hinten. Taste mich an den Waggons entlang, für die erste Klasse gibt es nur zwei Abteile, aussen schwarz markiert, beide überfüllt mit Passagieren und Gepäck. Kurzer Ärger, dann die Feststellung, dass die zweite Klasse – der lange Rest des Zugs – so gut wie unbesetzt ist. Die Waggons sind hier geräumig, eingerichtet wie Wartezimmer, mit Sofas, mit Kunst an den Wänden. Da sitzt Gustav, er grüsst hinter der Zeitung hervor. Doch wo versteckt sich die Frau, die ich suche und die vermutlich meine Frau ist, verhältnismässig klein gewachsen, ganz in Schwarz, mit helmartigem Bubikopf. Wo? Der Bahnhofausgang in Baar ist zugleich der Eingang zum Parcours durch die Sonderausstellung. Auch hier alles überlaufen von Gaffern und geschäftigen Passanten. Zwei ehemalige Studentinnen von mir wollen meine Eintrittskarte sehn, ich hab keine, mein Bahnticket akzeptieren sie nicht, ich muss nachzahlen. Die Säle, Treppen, Korridore sind von drängelnden Leuten überfüllt, alle laufen schnaufend durcheinander, als suchten sie den Notausgang. Unmöglich, die ausgestellten Bilder und Skulpturen in den Blick zu bekommen, ich seh nur Hinterköpfe, halbe Gesichter, wattierte Schultern. Rasch braut sich der Aufruhr zusammen. Nur raus aus diesem Bau, aber massenhaft trampelt man im Stau, ich höre Flüche, Gebete, verzweifelte und wütende Rufe. Plötzlich packt mich eine junge Frau am Arm, sie trägt ein Hütchen mit Schleier, dennoch kann ich ihre übergrosse, auffallend rote Nase erkennen. Die Dame schreit mich an: Ich bin’s! Nimm mich mit! Du musst mich mitnehmen … Aber sie ist nicht die Gesuchte, sie ist mir lästig, denn mit ihr, die sich an mich klammert, komme ich nun überhaupt nicht mehr voran. Wir tanzen schwerfällig an der immer gleichen Stelle, derweil die Menschenmassen stockend und zeternd an uns vorbeiziehn. Irgendwann, irgendwie gelingt es mir, mich von der Fremden loszumachen, und ich suche weiter nach jener andern Frau, die meine Frau sein könnte. Ich suche und finde, nach endlosem Geschiebe in der Warteschlange, zum Ausgang zurück. Da muss ich nochmals meine entwertete Eintrittskarte vorzeigen, bevor ich (mit den Worten der strengen Türsteherin) „aus der Menschheit entlassen“ bin.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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